Annie Ernaux: Sich verlieren

“Sich verlieren”, ein Buch aus der KuB, das ich nach einigen Jahren des Wartens doch gelesen habe. Ich hatte es seinerzeit wohl einer Kritik wegen gekauft, vielleicht, weil es in unserem Nachbarland offensichtlich ein großer Erfolg war, es dann aber doch nicht gelesen, weil mir die Seelenschau der Autorin nichts sagte, mich langweilte.
Der Inhalt ist kurz erzählt: die französische Schriftstellerin hat ein Verhältnis mit einem verheirateten russischen Diplomaten. Die Beziehung ist aus praktischen und anderen Gründen nicht unproblematisch, die Frau ist dem Mann verfallen bis hin zu einer Art Hörigkeit. Sie schreibt ein Tagebuch über diese Zeit, in der sie offen und ohne Scheu ihre Gedanken Gefühle, ihre Ängste und Hoffnungen, niederlegt. Dieses Tagebuch wird hier wiedergegeben.
Als Aussenstehender, der mit der Affäre nichts zu tun hat, erkennt man, daß die Gedankenwelt der Frau immer nur um das eine kreist: kommt er, und wenn, wann? Ruft er an oder nicht und wenn er nicht anruft, was bedeutet das? Gefall ich ihm oder nicht? In gewissem Sinn erinnert mich das Buch an Shalevs “Liebesleben“, hier wie dort eine Frau, die einem Mann verfallen ist, sich quält, ihre Selbstständigkeit verliert und sich nur noch über den Mann definiert.
Ich habe das Buch nicht ganz gelesen, ein gutes Drittel, den Rest habe ich durchgeblättert und ab und an reingelesen. Es war zu deprimierend, ein immerwährender Kreis, in dem sich die Frau befand, der keinen Ausgang hatte. Bis auf den einen: die Abreise des Mannes, der die Frau zurückläßt in ihrer Verlorenheit….
Facit: Ein schwieriges Buch, eine kaum nachvollziehbare Gefühlswelt, die auch den Leser belastet.
Annie Ernaux
Sich verlieren
Goldmann 2003
ISBN-10: 3442310032
ISBN-13: 978-3442310036
Erich Schöndorff: Feine Würze Dioxin

Der Autor, ein ehemaliger Staatsanwalt und jetzt Professor für Umweltrecht, mithin ein Fachmann auf den Gebieten, die der Roman anschneidet, erzählt hier eine haarsträubende Geschichte, die nichtsdestotrotz denkbar und möglich erscheint. Bei der Herkunft des Autors kann man davon ausgehen, daß die geschilderten Fakten und Daten stimmig sind, sie fügen sich hier zu einem erschreckendem Szenario zusammen.
Auf dem Sektionstisch der Frankfurter Gerichtsmedizin landen im Abstand weniger Wochen zwei Leichen vorgeblicher Selbstmörder, die beide die selben, seltsamen Abnormitäten aufweisen, wie zum Beispiel Haarlosigkeit und stark vergrößerte Hypophysen. Daß beide vormals beim selben Arbeitgeber, einen bekannten Chemieunternehmen, gearbeitet haben, kommt der Pathologin so verdächtig vor, daß sie die Staatsanwaltschaft informiert.
Zusammen mit einem Ermittler aus dem Umweltdezernat der Polizei werden erste Erkundigungen eingezogen. Schon bald kristallisiert sich heraus, daß die beiden Toten mit hohen Dosen Dioxin, und zwar nicht in der “natürlichen” Zusammensetzung, in Berührung gekommen sein müssen.
Der weitere Plot der Geschichte rankt sich dann um folgendes Gerüst: einem Pharmakonzern fallen gewisse Symptome von Dioxinvergiftungen auf, wie z.B. Antriebslosigkeit oder suchtartiger Heißhunger nach Fleisch. Sie versuchen jetzt, Dioxin derartig zu modifizieren, daß die lethale Wirkung auf ein “vertretbares” Maß abnimmt, um durch gezielte Gabe von Dioxin diese Symptome auszunutzen, um z.B. Hamburger zu präparieren und bei den Konsumenten ein Suchtverlangen auf gerade DIESE Hamburger hervorzurufen.
Der Roman schildert neben der Kriminalhandlung, i.e. der Aufklärung der Vorgänge, vor allem Interna aus dem Justizapparat, der dabei nicht gut abschneidet. Durch mehr oder minder offensichtliche Bestechung werden Ermittlungen niedergeschlagen oder bagatellisiert, die Aufklärung der Vorgänge wird erschwert, wo immer es geht.
Wie wirklichkeitsnah dies ist, kann ich nicht beurteilen, schlimm genug, daß man es als Leser für möglich hält, vielleicht sogar für sehr gut möglich. Jedenfalls ist das Buch flott geschrieben und auch wenn die Personen nicht sehr in die Tiefe gehend gezeichnet sind, liest sich der Krimi gut, er ist spannend und durchaus kurzweilig geschrieben.
Facit: Warum nicht mal einen Krimi lesen, der nicht in einem großen Verlag erschienen ist? Durchaus lohnenswert!
Erich Schöndorff
Feine Würze Dioxin
Bad Vilbeler Buchverlag; 2002
ISBN-10: 3000103570
ISBN-13: 978-3000103575
Bücherleben: der erste Kontakt
Heute morgen war wieder der Besuch in der Buchhandlung an der Reihe. Die Bestellung von gestern war zwar noch nicht da, aber die von vorletzter Woche, die sich wegen technischer Probleme verzögert hatte (hoch leben die Telekomiker). Immerhin. Zaimoglu: Liebesbrand.
Wenn ich Bücher mitbringe, dann habe ich die Angewohnheit, sofort die Kunststoffumhüllung zu entfernen und das Buch anzulesen. Viele Bücher kaufe ich ja nach Kritiken und bin daher gespannt, ob sie mir gefallen. Oft ist ja auch der erste Eindruck vorentscheidend, Bücher sind da nicht anders als Menschen. Also stand ich auch heute wieder da, unter der hochgeklappten Hecktür von meinem Autochen und las die ersten Seiten. Gut waren sie, haben mir gefallen.
Und so freue ich mich jetzt, in das Zaimoglu´sche Universum eintauchen zu können.
(Aber erst die werden die angefangenen Bücher ausgelesen. Ein wenig Disziplin muss sein!)
Jan Seghers: Die Braut im Schnee

Zeitlich ist dieser Krimi ca. 3 Jahre nach dem ersten Roman von Seghers mit Hauptkommissar Robert Marthaler (Ein allzu schönes Mädchen) angesiedelt. Folgerichtig sind auch dieselben Figuren zu finden, die im Großen und Ganzen auch wieder ihre Rollen übernehmen, die Seghers ihnen schon im ersten Buch zugewiesen hat. So ist Marthaler immer noch der unbeherrschte, zu Wutausbrüchen neigende Einzelgänger, Herrman sein unfähiger Chef, Toller zwar bemüht, aber unsympathisch etc. pp. In den drei Jahren war Tereza, die Freundin von Marthalter, in Madrid, ihre Rückkehr nach Frankfurt steht gleich zu Beginn des Buches bevor.
Zur Handlung: Eine junge Zahnärztin wird grausam ermordet, ihr Leichnam in entwürdigender Weise zur Schau gestellt. Da über die Ermordete praktisch keine Angaben zu finden sind (sie hat keine Bekannten, persönliche Notizen sind nicht zu finden), sind die Ermittlungsansätze von Marthaler und seinem Team sehr breit und entsprechend frustrierend die Ergebnisse. Da geschieht in Darmstadt ein weiterer Mord an einer möglichen Zeuging, der den Fall noch rätselhafter macht.
Im Laufe der Ermittlungen zerstreitet sich Marthaler mit seinem Chef und wird vom Dienst suspendiert. Dies nutzt Seghers, um die private Seite von Marthaler auszubreiten.
Nach einigen Wochen geschieht ein dritter Mord, bei dem die Leiche in ähnlicher Weise zugerichtet und drapiert wird. Hier sind die Ermittler zwar anfangs ebenso ratlos, es finden sich aber Zeugen, die zumindest den Täter gesehen haben und es gelingt dem Team, festzustellen, wie Mörder und Opfer in Kontakt getreten sind.
Seghers hat sein Buch in zwei Teile gesplittet. Der erste, längere, befasst sich mit den ergebnislosen Ermittlungsversuchen in den ersten beiden Morden sowie mit dem Privatleben von Marthaler, der in seiner Beziehung zu Tereza eine Krise durchlebt. Außerdem werden Marthaler Eltern in diesen Erzählstrang eingebunden. Während dieser Teil auch aufgrund seiner Länge etwas zäh dahinplätschert, nimmt das Buch im zweiten Teil, der mit dem dritten Mord beginnt, an Fahrt zu und wird richtig spannend. Gegen Schluss des Buches löst Seghers seine vielen offenen Fragen über den Fall mit einer überraschenden Wendung, die nicht unbedingt realistisch erscheint, aber dies ist eben die Freiheit eines Schriftstellers, die sich Seghers hier nimmt.
Facit: Ein spannender, gut lesbarer Krimi, der im ersten Teil etwas zu langatmig geworden ist.
Jan Seghers
Die Braut im Schnee
Rowohlt 2007
ISBN-10: 3499247003
ISBN-13: 978-3499247002
Bücherleben: lesen über Bücher
Am letzten Donnerstag (mein fast schon ritueller Buchhandlungsbesuch am Freitag (O-Ton Buchhändlerin: “Guten Morgen, Herr XY, mein gott, es ist ja schon wieder Freitag, wie die Zeit vergeht!”) musste aus bekannten Gründen auf (Grün)Donnerstag verlegt werden) bekam ich nicht nur meine bestellten Bücher (zumindest einige davon), sondern auch eine ganze Menge dieser >DIN-A4 Hefte über Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt.
Ich lese diese Hefte eigentlich immer ganz gerne durch, vor allem, wenn nicht nur Werbung drin ist, sondern auch mal kleinere Artikel und Beschreibungen. Wenn man mal absehbar nicht so viel Zeit hat, eine ganz sinnvolle und unterhaltsame Lektüre.
Unter anderem habe ich realisiert, daß der Rowohlt-Verlag jetzt 100 Jahre alt wird. Neben der Selbstbeweihräucherung auch einiges interessantes aus der Geschichte des Verlages, und von den schönsten Taschenbüchern aus 6 Jahrzehnten stehen immerhin 2 auch bei mir im Regal: von Grass: Katz und Maus und von Jellinek, Die Klavierspielerin (gemogelt, die habe ich als HC). Obwohl - nicht wirklich viel, diese zwei Titel. Aber es sind eben nicht mehr….
Ein weiteres Eselsohr im Heft markiert ein Buch, das mich interessiert: Friedländer: Versuche, dein Leben zu machen. Mal schauen, ob in der KuB noch Platz ist.
Außer dem Rowohlt-Heft habe ich natürlich auch die anderen durchgeblättert, Taschenbuchreport und wie sie alle heißen… zum einen sind die üblichen Verdächtigen zu finden, die man immer findet, Bestsellterautoren nennt man sie glaube ich, manches auch interessante….aber man kann schließlich nicht alles kaufen.
Roche steht im Spiegel in den Top 10 ziemlich weit oben. Selten ein Buch gesehen, das ein so weites Spektrum an Kritiken auf sich vereinigt, von hop bis top ist wirklich alles vertreten. Neugierig werde ich jetzt schon… also läuft es darauf hinaus: soll ich mir eine eigene Meinung bilden oder meiner eigenen, vorgefassten Meinung (”sex sells, äußerst aggressive und erfolgreiche Vermarktung) glauben?
Neugier auch auf Larsson, den der Spiegel ebenfalls sehr positiv vorstellt. Ehrlich gesagt, noch nie was von gehört und ob der Plot, so wie er beschrieben wird, interessant oder eher doch wirr wirkt auf mich - ich weiß es noch nicht… Und ca. 2000 Seiten, aufgeteilt auf drei Bücher schreckt mich auch erst mal ab. Auf der Liste steht es aber….
Das reicht für heute. Ostersonntag, ich geh jetzt, meine Eier suchen.
Ian McEwan: Der Tagträumer

Ian McEwan, ein mir bis dato unbekannter britischer Autor. Nun, diese Unkenntnis hat sich gelüftet, nachdem eine gute Freundin mir ein Buch von ihm lieh, nämlich den “Tagträumer”. Ein kleines Diogenes-Bändchen, knapp über 150 Seiten, das von Peter Glück handelt, einem 10 1/2 jährigen Jungen, der glücklich in seiner Familie mit Mutter, Vater und Schwester lebt, als Tagträumer.
McEwan schafft es, mit wenigen präzise gesetzten Worten die Gedankenwelt des Jungen aufzubauen und einen mitzunehmen, wenn Peter wieder in einen seiner Tagträume fällte, in eine andere Welt gleitet, eine Welt, die den meisten Menschen, den Erwachsenen sowieso, verschlossen ist und bleiben wird.
Das Büchlein enthält 8 solcher Träume, von denen mir die Geschichte von Willi, dem Kater am besten gefallen hat. Hier träumt sich Peter in einen Seelentausch mit seinem 17 Jahre alten Lieblingskater, er schlägt für ihn die letzte Schlacht im Garten, Willi seinerseits erlebt das Leben als Junge und dann tauschen sie wieder ihre Seelen aus und Peter wird wach und seine Familie steht vor ihm und traut ihm kaum zu sagen, daß Willi gerade gestorben ist. Eine fürwahr anrührende Geschichte, ohne übertriebene Sentimentalität erzählt, bewegend einfach…..
Auch einen alten, sehr selten, viel zu selten gesehen Gast brachte mir die Geschichte von Willi, nämlich das Wort “Glast”. Es wird kaum noch gebraucht, wer kennt es überhaupt noch? Ich verbinde mit ihm das Bild eines Weges, der sich durch Felder schlängelt, der Himmel ist blau und eine brennende, gelbe Scheibe verbreitet Hitze, glastende Hitze. Ein Wanderer auf dem Weg, zielstrebig oder auch sinnend.
Soweit ich mich erinnere, beschreibt Hesse häufiger solche Landschaften mit Wanderern, die nach ihrem Ziel suchen. Und eben dieser Ausdruck, die glastende Hitze über der Landschaft. Und andersherum funktioniert es auch: ist es im Sommer heiß, brütend heiß - dann fällt mir Hesse ein mit seiner Beschreibung, die aus “Unterm Rad” stammt. Genug abgeschweift. McEwan verwendet das Wort hier in einer etwas anderer Bedeutung als Synonym für Glanz oder Schimmer.
Ähnlich eindringlich war in der letzten Geschichte des Buches die Schilderung der Erkenntnis von Peter, daß er einmal der Erwachsenenwelt angehören wird, in der keine Zeit mehr sein wird für die wirklich wichtigen Sachen wie Spielen, weil man seinen Tag mit Telefonieren, Sprechen, Besorgungen machen, lesen, etc pp verbringen muss. Aber er zeigt ihm auch den Trost, daß auch die Erwachsenenwelt ihre Abenteuer bereit hält, und nicht das geringste davon ist dieses seltsame Gefühl, das man Liebe nennt, und dessen erste Ahnung sich Peter erträumt….. Einfache Worte, die McEwan hier findet, einfache Worte, eindringliche Worte eines Jungen, die auch den Erwachsenen berühren….
Facit: Ein einfach nur schönes Buch. Einen Dank an dich, A., für´s Aussuchen und Ausleihen….
Ian McEwan
Der Tagträumer
Diogenes 1995
ISBN-10: 3257060718
ISBN-13: 978-3257060713
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Zwei etwas schrullige alte Herren treffen sich in Berlin. Der eine muss aus der Provinz anreisen, es ist die einzige auswärtige Übernachtung, die er in den letzten 27 Jahren seines Lebens tätigt. Hypochondrisch und schlecht gelaunt ob der Umstände der Fahrt, ist ihm der Aufenthalt in Berlin sichtlich kein Vergnügen. Sein Name ist Carl Friedrich Gauss, der “größte Mathematiker der Welt” (so Laplace als Antwort auf eine Frage von Humboldt). Der andere, in Berlin wohnhaft bei Hof, ist Alexander von Humboldt, der berühmte Naturforscher und Reisende.
Das Büchlein erzählt das Leben der beiden anhand ausgewählter Stationen und Abschnitte. Beide Forscher/Wissenschaftler sind auf ihrem Gebiet Genies, leisten unsterbliches bei der Vermessung der Welt. Gauss neben seinen mathematischen Genie auch ganz praktisch als Geodät, der die Wissenschaft von der Erdvermessung weitertreibt, Humboldt, der auf seinen Reisen alles misst und protokolliert, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und selbst das ist nicht sicher vor ihm.
Die Erlebnisse Humboldts speziell hier auf seinen Reisen durch Südamerika (und später noch mal auf Einladung des Zaren durch Russland) bieten dem Erzähler mehr Stoff für seinen Roman als das eher ruhige und beschauliche Leben von Gauss, dessen Dramatik mehr durch private Ereignisse (den Tod seiner ersten Frau Johanna, die Enttäuschung über die eigenen Kinder) denn durch seine Arbeit geprägt ist. Das nach aussen hin aufregendste Moment bei Gauss ist fast noch die Entdeckung seines mathematischen Talents in der Schule seines prügelverliebten Lehrers Büttners, als er innerhalb kürzester Zeit das Ergebnis der Aufsummierung der ersten 100 Zahlen präsentieren konnte. In diesem Moment macht Büttner seine Vergehen an all seinen Schülern wett, indem er erkennt, daß hier jemand vor ihm steht, der in der Mathematik höchstes leisten kann, er Gauss seinen Möglichkeiten entsprechend fördert.
Humboldt, wie gesagt, führt die farbigeren Erlebnisse ins Feld. Ob nun im Selbstversuch die Wirkung von Zitteraalen erforschend (was sind schon drei Tage Lahm- und Taubheit in den Gliedmassen) oder der Versuch, welche Wirkung ein Schluck Curare hat, ob er sich an Seilen in Vulkankrater hängen läßt (..und nach Stunden grün im Gesicht, leicht verwirrt, ansonsten aber bei guter Laune wieder mit unzähligen Messwerten bereichert herausgezogen wird) oder vor Schiffsbuge, um die Wellenhöhe zu bestimmen (von dort dann aber nach Stunden eher rötlich gefärbt ins Schiff zurückgezogen wird), Humboldt scheint auf seiner Reise ein schier unfassbares Mass an körperlichen Unbilligkeiten ertragen zu können all dies verwebt Kehlmann zu einer gut lesbaren, kurzweiligen Reisebeschreibung. (Interessant ist es, so Gelegenheit ist, Episoden, die Kehlmann erzählt mit den Aufzeichnungen von Humboldt selbst zu vergleichen, wie man sie z.B. in seinem Büchlein “Ansichten der Natur” findet. Dazu ein Beispiel weiter unten.)
Gauss kommt in dem Büchlein etwas kurz davon, das mathematische Genie wird im Grunde nur unzureichend gewürdigt, eher scheint (fälschlicherweise) anzuklingen, als hätte er nach dem Erscheinen seiner “Disquisitiones Arithmethicae” (Gauss war knapp 20 zu diesem Zeitpunkt) der Mathematik nicht mehr allzuviel beigesteuert. Intensiver noch wird auf seine astronomischen Arbeiten eingegangen, die ihm - zugegeben - in Lohn und Brot setzen und damit zu leben ermöglichen. In Ansätzen werden seine Beiträge zur Theorie des Elektromagnetismus und Erdmagnetismus gewürdigt, letzteres ein Gebiet, auf dem er mit Humboldt zusammenarbeitet und Deutschland mit einem Netz von Messstationen überzog. Auch als Erfinder war er hochbegabt, mit einem Mitarbeiter kommunizierte er bei der Vermssung des Erdmagnetfeldes (mit selbstentwickelten Apparaturen) über einen von ihm selbst entwickelten elektrischen Telegraphen.
Beide genialen Forscher sind im täglichen Leben eher schrullig und skurril, ihre Erfüllung finden sie an ihrem Arbeitsplatz, Gauss an seinem Schreibtisch und Humboldt draußen, in der Natur. Aber im Alter fällt alles schwerer, und besonders Humboldt - in der Darstellung der Russlandreise durch Kehlmann - droht, eine leicht tragische Figur zu werden, deren Erkenntnisse von den Nachrückenden jungen Forschern überholt werden.
Facit: Ein nettes, gut lesbares Büchlein, das einem zwei Genies näherbringt. Weswegen es offensichtlich so ein Welterfolg ist, das verschliesst sich mir aber leider. Nichtsdestotrotz eine lohnende Lektüre dessen, wie es vielleicht gewesen sein könnte…
Daniel Kehlmann
Die Vermessung der Welt
Rowohlt 2008 (TB-Ausgabe)
ISBN-10: 3499241005
ISBN-13: 978-3499241000
Im Buch findet sich ab S. 120 Kehlmanns Ausschmückung des Humboldt´schen Versuchs, aus einer Grabhöhle im Regenwald einige Skelette zu bergen und nachher nach Europa mitzunehmen. Dies führt zu Disputen, den Missionaren gegenüber behauptet Humboldt, es seien Knochen von Seekühen… des öfteren tauchen diese Skelette im weiteren Verlauf des Buches auf.
Wie Humboldt selbst diese Aktion darstellt, ist hier niedergeschrieben, ein Auszug, der auch die Art der Humboldt´schen Prosa, die - so sagt er in seinem Vorwort - leicht in einen dichterischen Stil abgleitet…
Links:
zur Biographie von Gauss: http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Friedrich_Gauß
zur Biographie von Humboldt: http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt
Bücherleben: KuB
Ich führe diesen Blog ja bis dato recht autistisch, die Besucherzahlen zeigen es, genauso wie meine nicht getätigten Besuche in anderen Blogs. Die Beiträge hier tagge ich zwar hochtrabend mit “Rezensionen”, aber im Grunde sind es nur Notizen für mich, wenn ich mich später mal an die Bücher erinnern will. Gestern bin ich dann aber doch mal in einem anderen Blog gelandet, habe dort gelernt, was ein “SuB” ist und mir überlegt: “warum eigentlich nicht?”
Warum eigentlich nicht ein wenig auch anderes schreiben über mein(e) Bücherlust, Bücherlesen, Bücherleben….?
Bei mir zum Beispiel ist der SuB eine KuB, eine “Kiste ungelesener Bücher”. Sie ist mal mehr, mal weniger voll, in der letzten Zeit habe ich auch ganz gut geabeitet und das Kistchen ist relativ leer geworden. Einige der Bücher, die dort drin liegen, sind sozusagen schon Stammkunden, ich gebe zu, die Wahrscheinlichkeit, daß sie dort herauskommen und ihren Platz im Regal finden, ist nicht sooo fürchterlich groß. Trotzdem sind sie mir lieb, ich nehm sie manchmal in die Hand, wiege sie, streiche über ihren Einband und entschuldige mich… Schließlich.. es stecken dort Gedanken eines Menschen drin, viel Arbeit und Mühe, die ich durch mein Nicht-Lesen ja nicht anerkenne, eine kleine Entschuldigung ist das mindeste, finde ich.
Andererseits - ich pflege meine KuB: gerade heute habe ich wieder für Nachwuchs gesorgt und bei meiner Buchhandlung “Liebesbrand” (Zaimoglu) und “Zähne und Klauen” (T.C.Boyle) bestellt. Beide nach den Kritiken der Literaturbeilage der ZEIT (März 200
ausgesucht. Morgen werde ich sie abholen, bin sehr gespannt. Auch, ob es sich bei beiden um durchlaufende Posten handelt, oder ob Stammkunden draus werden, in meiner KuB….
Laura Joh Rowland: Die rote Chrysantheme

Sano Ichiros elfter Fall, von mir zufällig und ohne Absicht aus dem Regal der Buchhändlerin meines Vertrauens gegriffen. Erfahrungsgemäß nimmt die Qualität einer solchen Reihe ja oft im Lauf der Zeit ab, solches kann ich hier nicht beurteilen, da dies zwar Sanos elfter Fall, aber mein erstes Buch über diesen “obersten Ermittler und Ratgeber des Shogun” ist.
Die Handlung spielt im Japan des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Das Land wird von einem (schwachen) Shogun regiert, die wahre Macht liegt aber in den Händen von Fürst Matsudeira. Die herrschenden Fürsten sind untereinander zerstritten, das Klima ist von Misstrauen geprägt, Hochverrat immer im Bereich des Möglichen, Intrigen gang und gäbe.
Kammerherr Sano Ichiro ist einer der höchsten Beamten im Staat mit enormen Befugnissen. Er lebt mit seiner schwangeren Frau Reiko und seinem Sohn Masahiro zusammen in Edo, der Hauptstadt. Dort untersucht sein Freund und Untergebener Hirata gerade den möglichen Verrat von Fürst Mori, auf dessen Fährte er durch eine anonyme Anzeige gebracht worden ist. Bei der Untersuchung des Grundstückes von Fürst Mori entdeckt er dessen gräßlich verstümmelte Leiche und mit dem Dolch, der offensichtlichen Tatwaffe, in der Hand, splitternackt daneben knieend Reiko, die Gattin von Kammerherr Sano.
Soweit die Ausgangslage. Das Buch ist insofern ein Krimi, indem es davon erzählt, wie Sano unter enormen Druck versucht, die Unschuld seiner Frau zu beweisen. Dabei werden im Verlauf der Ermittlungen durch die Vernehmung und Aussagen verschiedener Zeugen eine Vielzahl von möglichen Abläufen des Mordes präsentiert, die auch Sano persönlich in große Gefahr bringen. (Hier hat das Buch mich ein klein wenig an “Rashomun” von Kurosawa erinnert, in dem ja auch zu einem Vorgang gezeigt wird, daß die jeweilige Wahrheit subjektiv ist und es eine objektive Wahrheit nicht gibt. Natürlich ist die Ähnlichkeit rein formaler Natur, denn hier bei Rowland wird schlicht und einfach gelogen und intrigiert, wobei aber für den Leser erst einmal nicht erkennbar ist, wo die Wahrheit und wo die Lüge angesiedelt ist.)
In anderer Hinsicht ist das Buch eine (sicher vereinfachende) Darstellung des Lebens im Japan zur Zeit des Shogunats mit seinen strengen höfischen Regeln, den verschiedenen Lebensumständen der unterschiedlichen Klassen und gibt insofern Einblicke in eine vergangene, uns jedenfalls sehr fremde Welt, die von Befehl und unbedingtem Gehorsam, von Willkür und Verrat geprägt ist.
Anfänglich verstören die japanischen Namen, an die man sich erst gewöhnen muss, um sie in den richtigen Zusammenhang zu bringen, aber das gelingt schnell. Das Buch selbst liest sich gut und ist stellenweise durchaus spannend, auch wenn einem als CSI-gestählter moderner Mensch manches an den Ermittlungsmethoden etwas seltsam vorkommt, zum Beispiel die Verwunderung, daß ein Verdächtiger auf die Frage, ob er der Täter sei, mit “Nein” antwortet….
Der Schluss eines Buches scheint der schwierigste Teil zu sein. Zum Ende hat Rowland noch nicht alle Fragen, die im Lauf des Geschehens aufgeworfen wurden, beantwortet. Dies alles wird dann im letzten Kapitel in einem Schwung nachgeholt und gleichzeitig als “Cliffhanger” gestaltet, denn vermutlich steht Sanos 12. Fall kurz vor dem Erscheinen.
Facit: ein spannendes, gut zu lesendes Buch, das mich aber nicht in jeder Hinsicht überzeugt hat.
Laura Joh Rowland
Die rote Chrysantheme
Luebbe Verlagsgruppe; 1. Auflage 2008
ISBN 978-3404922819
Zeruya Shalev: Liebesleben

Ein Buch, zu dem ich nicht sofort ein gutes Verhältnis hatte. Ich habe es mir irgendwann im Sommer gekauft, wahrscheinlich wegen der Kritiken, die überschwänglich waren und mich neugierig machten. Zwei, drei Seiten, dann flog es in die Ecke (übertragener sinn): “Was ist denn das für ein Mist!?”
Jetzt habe ich es vor kurzem wieder rausgefischt und mit mehr Ausdauer gelesen. es macht es dem Leser erst einmal nicht einfach: die Interpunktion ist gewöhnungsbedürftig, vermisst man als konventioneller Leser doch die Satzenden mit ihren beruhigenden Punkten. stattdessen endlose Wortaneinanderreihungen, unterbrochen durch Kommata, Punkte nur an den Absatzenden. Wörtliche Rede fehlt, alles wird indirekt wiedergegeben. aber auch inhaltlich: Handlungen fehlen auch weitgehend, zumindest darf keine “action” erwartet werden, und wer aus voyeuristischen Gründen liest, zahlt einen hohen Preis für die wenigen Stellen, die zudem alles andere als anregend sind.
Der Inhalt ist schnell erzählt: einer junge, verheiratete Frau, Ja´ara, am anfang ihrer Universitätslaufbahn, begegnet bei ihren Eltern einem eher unsympathischer Jugendfreund von ihnen. Schon bei der nächsten, zufälligen Begegnung in einem Bekleidungsgeschäft kommt es zu einer sexuellen Handlung und die Hörigkeit der jungen frau dem mann gegenüber nimmt ihren lauf. in vielen selbstgesprächen wird die verstrickung und verwirrung von ja´ara erzählt, die zur zerstörung ihres bisherigen lebens führt. Erst ganz zum Schluss findet sie die Kraft, sich zu lösen.
Quälend für mich war das Wissen um die Hoffnungslosigkeit der Beziehung der Protagonisten zu diesem Jugendfreund ihrer Eltern. das Ende ist absehbar und man versteht einfach nicht, wieso ja´ara ihr bisheriges Leben so zerstört.
Faszinierend für mich war die Darstellung dieser dunklen Macht “Hörigkeit”, gegen die kein Intellekt ankommt, die den betroffenen so in Beschlag nimmt, daß er sehend Auges in sein Unglück läuft. Die Gewissensqualen, die Zweifel, die ewig gleichen Gedankengänge, die Selbstverurteilung, der innere Kampf, die Verzweifelung auch, das vergebliche aufbegehren, das kurze Empfinden von Glück, wenn der Mann sie endlich nimmt.. dieser absolute Widersinn… dessen Darstellung ist faszinierend gewesen.
Deswegen habe ich das Buch diesmal ausgelesen und es hat mich sehr bewegt…
Facit: ein anstrengendes Buch, verstörend auch.
Zeruya Shalev:
Liebesleben
Berliner Taschenbuchverlag (2004)
ISBN-10: 3442760003
ISBN-13: 978-3442760008
