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Uriah Walkinghorse lebt auf einem Seil über einer Schlucht, stets in Gefahr, in die Tiefe abzustürzen oder gestoßen zu werden. Der ehemalige Bodybuilder und abgebrochene Mathematiklehrer hat nach seiner Scheidung seinen Job geschmissen, und kümmert sich als Mädchen für alles um einen heruntergekommene Appartementanlage (was sich mit wundervoll skurriler Lakonie vor allem auch auf das Behandeln verstopfter „Terrinen“ (=Toilettenschüsseln) konzentriert.) voll mit schrägen Typen, alles Menschen, denen der amerikanische Traum zum Alptraum geworden ist.

In seiner Lieblingsbar in dem Kaff an der mexikanischen Grenze (hier treffen wir mir Güero Odanajo als Besitzer einen ebenfalls wunderbar schräg gezeichneten Typen, einen ehemaligen Literaturprofessor, der rausgeschmissen worden war, nachdem er einem Kollegen handgreiflich klargmacht hatte, was er von ihm hielt und der jetzt die Wände seiner Bar mit Zeitungsausschnitten behängt, in denen sich der Untergang der Grammatik dokumentiert…) trifft er ein Pärchen, daß ihm für 500 $ einen Job anbietet, bei dem er nichts zu machen braucht. Er willigt ein und damit bringt er seine persönliche Lawine ins Rollen, denn es kann immer noch schlimmer kommen.

Der Kunde in dem Domina-Studio (ein wichtiger Banker), in dem er als maskierter Henker mit Beil zu agieren hat, stirbt vor Aufregung. Die Leiche muss ohne Polizei entsorgt werden, was kein Problem darstellt. Die wenig trauernde, aber um so attraktiver auf ihn wirkende Witwe will ihn für seine Dienste entlohnen, aber anstatt eines Schecks trudeln bei ihm jetzt jede Woche Schecks von ihr ein, die er aber nicht einlöst. Was wiederum einige Herren aus dem Drogenmilieu irritiert und ärgert. Wie sich dieser Konflikt dann ausweitet und ihn mehrfach an den Rand des Todes bringt, ergibt sich aus dem weiteren Verlauf der Geschichte.

Neben dieser Krimihandlung ist das Buch aber auch eine Familiengeschichte: Die Walkinghouses haben 5 Findelkinder, von ihren leiblichen Eltern ausgesetzt oder verstoßen, aufgenommen und mit biblischen Grundsätzen erzogen. Diese ethnisch völlig verschiedenen Kinder stellen einen Querschnitt durch die amerikanische Gesellschaft dar, vom drogenabhängigen Junkie Moses über den willigen, aber in seinen Bemühungen immer wieder zurückgeworfenen Uriah bis hin zum international agierenden Finanzfachmann. Diese zusammengewürfelte Familie hat zwei Krisen zu managen, die Krebserkrankung des Vaters und die Drogensucht von Moses. Ob sie damit erfolgreich sind, ist (zumindest im Fall von Moses) unklar, an ihrem Beispiel beschrieben wird jedoch die Vision einer Gesellschaft aus unterschiedlichsten Gruppen, die in der Lage ist, zusammen zu arbeiten und zu leben – ohne falsche Romantik und ohne die Probleme zu verleugnen.

de Marinis zeigt eine Gesellschaft ohne Perspektive. An der mexikanischen Grenze bestimmen die Drogen das Leben. Das Leben derer, die sie konsumieren und das Leben derer, die sie organisieren. Alles andere ist Augenwischerei. Korruption ist der Normalfall, Gewalt, Lügen, Täuschen gehört zum Geschäftsprinzip. Pervertiert wird die Gesellschaft gezeigt, der oberste Drogenboss hat seine eigene Bank, in der er das Drogengeld wäscht und mit der er am Bau eines Gefängnisses für Drogenkriminelle verdient. Es kann nicht schlimmer kommen.

Doch, kann es. Und die Geschichte von Uriah Walkinghouse beschreibt es in lakonischen Worten. „Kaputt in El Paso“ ist ein direktes Buch, es wird nichts beschönigt oder angedeutet, es wird in knappen, kurzen Sätzen beschrieben, was ist. Das Buch ist gut zu lesen, man will es nicht aus der Hand legen, denn man ahnt zwar, daß der Held die Geschiche überlebt, aber man will wissen, wie… und zum Schluss läßt deMarinis sogar noch (und dies zum ersten Mal in seinem Roman) einen kleinen Hoffnungsschimmer aufleuchten für das weitere Leben von Uriah.

Facit: Für jeden, der lakonische, trockene Geschichten mag, zu empfehlen

Rick de Marinis
Kaputt in El Paso
Pulp Master, Berlin, 2007
ISBN-10: 3927734365
ISBN-13: 978-3927734364

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