goosen.jpg

Die 80er Jahre im Ruhrgebiet: der Schwung von 68 und den nachfolgenden 70ern war weitgehend verflogen oder wie es im Roman heißt: „Auf den Illustrieren waren entweder nackte Frauen oder Atompilze, manchmal beides, und man wusste oft nicht, was schlimmer war.“

Ja, ich erkenne die Zeit wieder, obwohl ich das von meinem eigenen Alter her auch schon in den 70er erlebt habe: die Tee-Parties mit den Dutzenden von Sorten, die Musik, das Herumhängen, die Klamottenfrage und auch das politische Engagement, das in´s Schülerleben eingriff. Die Parties, die Drang zu den Mädels und die riesige Konfusion im Inneren, wenn man dann tatsächlich mal einem näher kam…

Helmut, die Hauptfigur des Romans lungert herum, sowenig Anstrengung wie möglich, einzig seine Plattensammlung interessiert ihn. Plattensammeln, das einzige, was ihn mit seinem Vater verbindet, ansonsten liegen die Kommunikationswege zu den Eltern weitgehend brach: man hat sich einfach nichts mehr zu sagen. Zusammen mit Mücke, seinem Kumpel, wird die Zeit mit dummen Sprüchen totgeschlagen und der Sehnsucht nach dem weiblichen Geschlecht. Das übliche Durcheinander in der Zeit, in der die Hormone sich bemerkbar machen eben.

Entscheidungsschwäche ist das Merkmal von Helmut. Als Kind an der Supermarktkasse die Wahl zwischen Ü-Ei und Hanuta, als angehender Student die Wahl des Studienfaches oder nachher die Freundin, Helmut wartet, was das Schicksal ihm zugedenkt und läßt sich treiben. So schlingert er sich durch sein Leben, im Grunde immer auf der Suche nach Britta, seiner Freundin aus Schulzeiten, der Liebe seines Lebens, die er nicht vergessen kann. Einzig an der Universität gewinnt er eigene Konturen: in seinem Fach sind (aus seiner Sicht) keine Entscheidungen gefragt, es gilt einzig die Fakten zu recherchieren und die Schlussfolgerungen ergeben sich dann zwangsläufig. Folgerichtig fasst er beruflich dann auch Fuss im universitären Bereich.

Ein Wiedersehen nach Jahren mit Britta kann seinen Traum nicht wieder lebendig machen und wirft ihn fast aus der Bahn. Britta hat sich total verändert, was ihr in Schulzeiten wichtig erschien, hat keine Bedeutung mehr für sie. Dies zu akzeptieren fällt ihm schwer.

Einige Jahre später – er lebt mittlerweile in einer festen Beziehung – kommt er an einen Punkt, an dem er von seiner Freundin vor die Entscheidung gestellt wird, etwas also, dem er immer ausgewichen ist: Farbe bekennen, sagen: „ja, ich will“. Entsprechend führt dies bei ihm zu einer Krise, einer Art Panik, in der er versucht, sein vergangenes Leben noch einmal zu ergründen.

Am Ende ist er dann bereit für den Schritt in die Verantwortung.

Ein schönes Buch. Ich hatte es einmal auf einem Wühltisch gesehen und mitgenommen, seitdem lag es in meiner „ungelesen“-Kiste. Eine lakonische Sprache, viel Situationskomik, witzige, schlagfertige Dialoge, bei denen ich mehr als einmal gegrinst habe. Treffende, plastische Beschreibungen, plausible, nachvollziehbare Schilderungen des Innenlebens der Hauptperson (und anderen). Von daher mein

Facit: ein schönes, gut lesbares Buch, empfehlenswert

Link:

Das Buch gab´s auch als Film

Frank Goosen
liegen lernen
Heyne 2003
ISBN-10: 345386977X
ISBN-13: 978-3453869776

Leave a Reply