bücherleben: Rückbesinnung…..
Vor einigen Jahren ist alles zuviel geworden, die Wände voller Regale, die Regale zum Teil schon zweireihig voller Bücher, Zeitschriften etc. pp. In meinen besten Zeiten, als ich noch alles ausnahmslos sammelte, was gedruckt war, hatte ich um die 30 Periodika unterzubringen, und irgendwann wächst einem das über den Kopf. Das ist dann der Moment, in dem nur noch hilft, alles prinzipiell auf den Prüfstand zu stellen. Als Ergebnis wurden die allermeisten Zeitschriften abbestellt, die “Archive” geräumt, zum Teil auch mit weinendem Herzen entsorgt, viele Regale abgebaut und der Bücherbestand gesplittet, ein großer Teil also ausgelagert. Damit ging es mir (und meinen Büchern) immer noch besser als anderen, die ihre “zu vielen” Bücher verschenken müssen, auf Flohmärkten verramschen oder gar weg schmeissen….
Jetzt schlägt das Pendel wieder um, ein wenig zumindest. Ich bewerte den ausgelagerten Bestand und hole mir einiges zurück in die Wohnung, tausche es gegen Material, das ich hier nicht mehr brauche. Viele Nachschlagewerke oder Sachbücher sind mittlerweile nicht mehr aktuell und sind nur noch aus Sentimentalität da, die schaff ich jetzt peu a peu raus und hole mir wieder die Belletristik zurück, die ich einst wegsperrte. Was natürlich wieder typisch ist, daß ich mittlerweile auch schon wieder diese Nachschlagewerke bräuchte, selbst wenn sie nicht mehr so ganz aktuell sind…..
Ist nichts (materiell) wertvolles drunter, aber es hängen Erinnerungen dran. Oft Taschenbücher, z.B. meine ganzen Suhrkamp-Bände, die Inselbibliothek und andere. Ich freu mich drauf, wenn sie wieder in meiner Nähe sind, selbst wenn ich die Bücher
nicht mehr lesen sollte…. ach ja, darf ich nicht vergessen, die schönen dtv-Bände aus meiner Studentenzeit mit den hübschen Einbandbildern von Celestino Piatti….
Rick de Marinis: Kaputt in El Paso

Uriah Walkinghorse lebt auf einem Seil über einer Schlucht, stets in Gefahr, in die Tiefe abzustürzen oder gestoßen zu werden. Der ehemalige Bodybuilder und abgebrochene Mathematiklehrer hat nach seiner Scheidung seinen Job geschmissen, und kümmert sich als Mädchen für alles um einen heruntergekommene Appartementanlage (was sich mit wundervoll skurriler Lakonie vor allem auch auf das Behandeln verstopfter “Terrinen” (=Toilettenschüsseln) konzentriert.) voll mit schrägen Typen, alles Menschen, denen der amerikanische Traum zum Alptraum geworden ist.
In seiner Lieblingsbar in dem Kaff an der mexikanischen Grenze (hier treffen wir mir Güero Odanajo als Besitzer einen ebenfalls wunderbar schräg gezeichneten Typen, einen ehemaligen Literaturprofessor, der rausgeschmissen worden war, nachdem er einem Kollegen handgreiflich klargmacht hatte, was er von ihm hielt und der jetzt die Wände seiner Bar mit Zeitungsausschnitten behängt, in denen sich der Untergang der Grammatik dokumentiert…) trifft er ein Pärchen, daß ihm für 500 $ einen Job anbietet, bei dem er nichts zu machen braucht. Er willigt ein und damit bringt er seine persönliche Lawine ins Rollen, denn es kann immer noch schlimmer kommen.
Der Kunde in dem Domina-Studio (ein wichtiger Banker), in dem er als maskierter Henker mit Beil zu agieren hat, stirbt vor Aufregung. Die Leiche muss ohne Polizei entsorgt werden, was kein Problem darstellt. Die wenig trauernde, aber um so attraktiver auf ihn wirkende Witwe will ihn für seine Dienste entlohnen, aber anstatt eines Schecks trudeln bei ihm jetzt jede Woche Schecks von ihr ein, die er aber nicht einlöst. Was wiederum einige Herren aus dem Drogenmilieu irritiert und ärgert. Wie sich dieser Konflikt dann ausweitet und ihn mehrfach an den Rand des Todes bringt, ergibt sich aus dem weiteren Verlauf der Geschichte.
Neben dieser Krimihandlung ist das Buch aber auch eine Familiengeschichte: Die Walkinghouses haben 5 Findelkinder, von ihren leiblichen Eltern ausgesetzt oder verstoßen, aufgenommen und mit biblischen Grundsätzen erzogen. Diese ethnisch völlig verschiedenen Kinder stellen einen Querschnitt durch die amerikanische Gesellschaft dar, vom drogenabhängigen Junkie Moses über den willigen, aber in seinen Bemühungen immer wieder zurückgeworfenen Uriah bis hin zum international agierenden Finanzfachmann. Diese zusammengewürfelte Familie hat zwei Krisen zu managen, die Krebserkrankung des Vaters und die Drogensucht von Moses. Ob sie damit erfolgreich sind, ist (zumindest im Fall von Moses) unklar, an ihrem Beispiel beschrieben wird jedoch die Vision einer Gesellschaft aus unterschiedlichsten Gruppen, die in der Lage ist, zusammen zu arbeiten und zu leben - ohne falsche Romantik und ohne die Probleme zu verleugnen.
de Marinis zeigt eine Gesellschaft ohne Perspektive. An der mexikanischen Grenze bestimmen die Drogen das Leben. Das Leben derer, die sie konsumieren und das Leben derer, die sie organisieren. Alles andere ist Augenwischerei. Korruption ist der Normalfall, Gewalt, Lügen, Täuschen gehört zum Geschäftsprinzip. Pervertiert wird die Gesellschaft gezeigt, der oberste Drogenboss hat seine eigene Bank, in der er das Drogengeld wäscht und mit der er am Bau eines Gefängnisses für Drogenkriminelle verdient. Es kann nicht schlimmer kommen.
Doch, kann es. Und die Geschichte von Uriah Walkinghouse beschreibt es in lakonischen Worten. “Kaputt in El Paso” ist ein direktes Buch, es wird nichts beschönigt oder angedeutet, es wird in knappen, kurzen Sätzen beschrieben, was ist. Das Buch ist gut zu lesen, man will es nicht aus der Hand legen, denn man ahnt zwar, daß der Held die Geschiche überlebt, aber man will wissen, wie… und zum Schluss läßt deMarinis sogar noch (und dies zum ersten Mal in seinem Roman) einen kleinen Hoffnungsschimmer aufleuchten für das weitere Leben von Uriah.
Facit: Für jeden, der lakonische, trockene Geschichten mag, zu empfehlen
Rick de Marinis
Kaputt in El Paso
Pulp Master, Berlin, 2007
ISBN-10: 3927734365
ISBN-13: 978-3927734364
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Über den Autor
Frank Goosen: liegen lernen

Die 80er Jahre im Ruhrgebiet: der Schwung von 68 und den nachfolgenden 70ern war weitgehend verflogen oder wie es im Roman heißt: “Auf den Illustrieren waren entweder nackte Frauen oder Atompilze, manchmal beides, und man wusste oft nicht, was schlimmer war.”
Ja, ich erkenne die Zeit wieder, obwohl ich das von meinem eigenen Alter her auch schon in den 70er erlebt habe: die Tee-Parties mit den Dutzenden von Sorten, die Musik, das Herumhängen, die Klamottenfrage und auch das politische Engagement, das in´s Schülerleben eingriff. Die Parties, die Drang zu den Mädels und die riesige Konfusion im Inneren, wenn man dann tatsächlich mal einem näher kam…
Helmut, die Hauptfigur des Romans lungert herum, sowenig Anstrengung wie möglich, einzig seine Plattensammlung interessiert ihn. Plattensammeln, das einzige, was ihn mit seinem Vater verbindet, ansonsten liegen die Kommunikationswege zu den Eltern weitgehend brach: man hat sich einfach nichts mehr zu sagen. Zusammen mit Mücke, seinem Kumpel, wird die Zeit mit dummen Sprüchen totgeschlagen und der Sehnsucht nach dem weiblichen Geschlecht. Das übliche Durcheinander in der Zeit, in der die Hormone sich bemerkbar machen eben.
Entscheidungsschwäche ist das Merkmal von Helmut. Als Kind an der Supermarktkasse die Wahl zwischen Ü-Ei und Hanuta, als angehender Student die Wahl des Studienfaches oder nachher die Freundin, Helmut wartet, was das Schicksal ihm zugedenkt und läßt sich treiben. So schlingert er sich durch sein Leben, im Grunde immer auf der Suche nach Britta, seiner Freundin aus Schulzeiten, der Liebe seines Lebens, die er nicht vergessen kann. Einzig an der Universität gewinnt er eigene Konturen: in seinem Fach sind (aus seiner Sicht) keine Entscheidungen gefragt, es gilt einzig die Fakten zu recherchieren und die Schlussfolgerungen ergeben sich dann zwangsläufig. Folgerichtig fasst er beruflich dann auch Fuss im universitären Bereich.
Ein Wiedersehen nach Jahren mit Britta kann seinen Traum nicht wieder lebendig machen und wirft ihn fast aus der Bahn. Britta hat sich total verändert, was ihr in Schulzeiten wichtig erschien, hat keine Bedeutung mehr für sie. Dies zu akzeptieren fällt ihm schwer.
Einige Jahre später - er lebt mittlerweile in einer festen Beziehung - kommt er an einen Punkt, an dem er von seiner Freundin vor die Entscheidung gestellt wird, etwas also, dem er immer ausgewichen ist: Farbe bekennen, sagen: “ja, ich will”. Entsprechend führt dies bei ihm zu einer Krise, einer Art Panik, in der er versucht, sein vergangenes Leben noch einmal zu ergründen.
Am Ende ist er dann bereit für den Schritt in die Verantwortung.
Ein schönes Buch. Ich hatte es einmal auf einem Wühltisch gesehen und mitgenommen, seitdem lag es in meiner “ungelesen”-Kiste. Eine lakonische Sprache, viel Situationskomik, witzige, schlagfertige Dialoge, bei denen ich mehr als einmal gegrinst habe. Treffende, plastische Beschreibungen, plausible, nachvollziehbare Schilderungen des Innenlebens der Hauptperson (und anderen). Von daher mein
Facit: ein schönes, gut lesbares Buch, empfehlenswert
Link:
Das Buch gab´s auch als Film…
Frank Goosen
liegen lernen
Heyne 2003
ISBN-10: 345386977X
ISBN-13: 978-3453869776
Jean-Christophe Grange: Das schwarze Blut

Durch eine Buchvorstellung leicht neugierig geworden, durch die Buchhändlerin meines Vertrauens (”Das ist aber schon abartig!”) ebenso leicht irritiert, habe ich dieses Wochenende “Das schwarze Blut” von Grange gelesen. Aber eins nach dem anderen:
Die Handlung
In Malaysia soll Jaques Reverdi, ein Ritualmörder, der auf frischer Tat ertappt worden ist, vor Gericht gestellt werden. Der französische Journalist Mark Dupeyrat, der aufgrund persönlicher Erfahrungen die Obsession hat, das Böse “an sich” zu finden, also das, was solche Mörder im Innersten antreibt, entwickelt den Plan, das Phänomen Reverdi zu enträtseln und zu ergründen. Da Reverdi, ein ehemaliger Tieftauchrekordler, aber kontaktscheu ist, erfindet Dupeyrat “Elisabeth”, eine Psychologiestudentin, hinter deren Pseudonym er es tatsächlich schafft, Kontakt zu Reverdi zu bekommen, ja Reverdi verliebt sich sogar in “Lise”, die er von einem Bild her zu kennen glaubt, erkennt in ihr eine Geistesverwandte. Das Bild, das Reverdi in Händen hält, hat Dupeyrat in einem Fotoatelier gestohlen, es zeigt Khadidscha, eine flüchtige Bekannte von ihm.
Um Reverdis Geheimnis, das Geheimnis und das Ritual der Morde zu ergründen, muss Dupeyrat alias “Elisabeth” (von Reverdi angeleitet) in einer Art Schnitzeljagd durch Südostasien reisen. Mark Dupeyrat (Elisabeth) löst die einzelnen Aufgaben, er kann sich im Lauf dieser Reise immer besser in die Psyche des Serienmörders einfühlen. Als er das letzte Geheimnis von Reverdi erkannt hat, packt ihn die Panik und er bricht den Kontakt zu ihm ab.
Fluchtartig zurückgekehrt nach Paris durchfährt ihn aber schon auf der Fahrt vom Flughafen nach Hause der große Schreck: Khadidscha, deren Bild er seinerzeit gestohlen und Reverdi als Bild von Elisabeth geschickt hat, ist mittlerweile als Model groß herausgekommen und Plakate von ihr hängen in der ganzen Stadt. Würde Reverdi diese Werbekampagne sehen, müßten er und Khadidscha um ihr Leben fürchten.
Weil der Kontakt zu “Elisabeth” so plötzlich endete, erkennt Reverdi, daß er verraten worden ist. Er bricht aus dem Gefängnis aus und taucht kurz danach in Paris aus. Dort hat - in der Zwischenzeit halbwegs beruhigt, da die Verurteilung zum Tod für Reverdi sicher erscheint - Dupeyrat seine als Roman getarnten Erlebnisse veröffentlicht und feiert einen großen Erfolg als Bestsellerautor. Just in dem Moment erfährt er von der Flucht Reverdis und gerät in Panik. Und wie befürchtet, taucht Jacques bald, sehr bald in Paris auf.
Soweit zur Handlung, die ganz zum Schluss noch mit einer überraschenden (?) Wendung aufwartet.
Meine Meinung
Das erste Drittel des Buches ist meiner Meinung nach einfach langatmig, ja langweilig. Es zieht sich wie Gummi, die Psyche, all die Verstrickungen, die dunklen Punkte der handelnden Personen werden ausgebreitet, ohne daß sie mich wirklich gepackt haben. Allzu konstruiert wirken die Lebensläufe, auf Effekt hin angelegt, nicht authentisch.
Im mittleren Drittel kommt durchaus Spannung auf, die “Schnitzeljagd” von Dupeyrat alias Elisabeth auf der Spur von Reverdis Geheimnis ist gut beschrieben und hat mich an der einen oder anderen Stelle gefesselt. Übertrieben ist meiner Ansicht nach die Mystifizierung des Mordrituals, manchmal scheint es sich nicht um ein besonders grausames Verbrechen zu handeln, sondern um eine Art übersinnlichen Reinigungs- und Läuterungsgeschehens, das Dupeyrat mehr und mehr in seinen Bann zieht.
Den Schluss bilden die Geschehnisse in Paris nach der Rückkehr von Dupeyrat. Auch wenn man natürlich weiß, was passieren und geschehen wird, ist es doch mit Tempo und Rasanz beschrieben. Wenn man dem Roman zubilligt, blutig und gewalttätig zu sein, so trifft dies wohl auf diesen Abschnitt des Buches vor, der im wesentlichen die Flucht von Dupeyrat und Khadidscha vor Reverdi beschreibt. Auf mich wirkten die Schilderungen genauso wenig realistisch wie die übertriebenen Gewaltorgien in Schwarzenegger-Filmen: einzig und allein auf Effekt hin konstruiert und damit alles andere, nur nicht gruselig oder die Nackenhaare sträubend.
Facit: ein Buch, daß gut geeignet ist, eine lange Reise in Bahn oder Flieger zu begleiten oder zwischen zwei Nickerchen am Strand gelesen zu werden.
Jean-Christophe Grange
Das schwarze Blut
Lübbe 2008 (broschiert)
ISBN-10: 3404158083
ISBN-13: 978-3404158089
Gisa Klönne: Unter dem Eis

Dieser zweite Kriminalroman ist zeitlich ein paar Monate später angesiedelt als der erste. Hauptkommissarin Judith Krieger ist nach ihrem missglückten letzten Einsatz auf eigenen Wunsch vom Dienst freigestellt, ihr seinerzeitiger Kollege, Kommissar Manni Korzilius zur Vermisstenabteilung “straf”versetzt worden. Während Krieger ihre persönliche Krise langsam in den Griff bekommen und überwunden hat und kurz vor der Rückkehr in ihr altes Kommisariat steht, sinkt die Hoffnung von Korzilius (oder Manni, wie er duchgängig genannt wird), wieder in das KK11, die Mordkommission zu kommen, kontinuierlich.
Soweit zur Ausgangssituation.
Dieser Roman von Klönne ist im Grunde genommen zwei Bücher. Klönne baut zwei Handlungsstränge auf, die nichts miteinander zu tun haben und das Wissen, daß diese Stränge (im letzten Viertel des Buches dann) irgendwann zusammengeführt werden, nimmt ein Faktum der Suche von Manni nach dem vermissten Johnny vorweg: er kann nicht mehr rechtzeitig gefunden werden. Johnny, ein aufgeweckter, intelligenter Junge, ein Einzelgänger, dessen Hobby Indianer sind und der sich selbst als “Späher” sieht, ist während eines Campaufenthaltes seines Indianervereins verschwunden. Trotz intensivster Suche kann aber nur sein Dackel, misshandelt und mit Drogen abgefüllt, tot aufgefunden werden. Von dem Jungen aber gibt es keine Spur.
Judith Krieger hingegen wird von einem alten Schulfreund gebeten, seine/ihre vermisste Schulfreunding Charlotte zu suchen. Diese, seinerzeit in der Schule eine Aussenseiterin und Einzelgängerin, hat Biologie studiert, ihre mögliche wissenschaftliche Karriere aber hingeschmissen und ist jetzt seit Wochen nicht mehr gesehen worden. Widerstrebend und mit schlechtem Gewissen nimmt Krieger die privaten Nachforschungen auf und eine schwache Spur, eine Karte aus Kanada und das Bild eines Eistauchers führen sie nach Kanada. Auch bei diesem Handlungsstrang nimmt Klönne das Ergebnis der Suche schon vorweg und damit einen Teil der Spannung.
Nach Beendigung ihrer Suche in Kanada kommt Krieger gerade noch rechtzeitig zu ihrem Dienstbeginn zurück, sie und Manni müssen jetzt im Mordfall Johnny R. zusammen ermitteln. Bei diesen Ermittlungen wird die Zeit immer knapper, denn auch der Freund von Johnny, Tim, der für seine Mitschüler das ideale Mobbing-Opfer ist, wird entführt.
Das Buch ist - wie auch der erste Band - sehr spannend (trotz dieser angedeuteten Vorwegnahmen von Fakten) und liest sich gut, sehr gut. Klönne hält die Spannung des Buches (wie im ersten Band) bis zum Ende durch, steigert sie sogar noch zu einem relativ gesehen “action”reichen Finale. Man möchte es nicht aus der Hand legen, bis man es durchgelesen hat, trotz des Umfangs von gut 360 engbedruckten Seiten. Klönne versteht es, diese Spannung ohne eigentliche “Action” aufzubauen, es geschieht im Grunde genommen wenig in dem Buch, in der Hauptsache wird ermittelt, gesucht, gefragt und gezweifelt. Das Innenleben der agierenden Personen wird ausführlich dargestellt, ihre Handlungsweisen und Motive nachvollziehbar.
Also keine Kritik?
Nein, das auch wieder nicht. Zum Teil ist das Buch einfach zu voll gepackt, gleitet auch in Klischees ab: Eltern, die sich zu wenig um ihre Kinder kümmern; Probleme älterer Menschen, die alleine in einem Haushalt leben müssen; Mobbing, Drogen und Gewalt an Schulen mit ahnungslosen Lehrern; die unschönen Kindheitserinnerungen von Manni und Krieger…
Dabei wird im Laufe des Buches für mich Manni deutlich fassbarer als die eigentliche Hauptperson Krieger: sein schlechtes Verhältnis mit dem Vater (und der Mutter), sein Bemühen um Anerkennung und Lob des Vaters, sein Willen, diesen Fall zu lösen, seine Art, mit den Opfern mitzufühlen. Krieger dagegen bleibt diffus, gleitet in Kanada in eine so nicht nachvollziehbare Affäre ab. Und: hat man wirklich als fast 40jährige ein schlechtes Gewissen, weil man als Schülerin einer Klassenkameradin nicht beigestanden hat?
Kleinigkeiten: Krieger kommt dreckig, verschwitzt und völlig übermüdet auf den letzten Drücker aus Kanada zurück nach Köln ins Kommissariat und man fragt sich, was macht man auf einem Interkontinentalflug, wenn nicht schlafen, hat man wirklich keine Gelegenheit, sich zu waschen oder schnell umzuziehen?
Warum wird eigentlich Tim gegen Schluss des Buches auch noch entführt? Oder habe ich das nur überlesen?
Mae-Geri, Ma-Washa-Geri: die japanischen Ausdrücke für Karatetechniken dürften kaum jemandem bekannt sein, sie wirken auch seltsam deplaziert im Text.
Und ist es wirklich glaubhaft, daß der stark verletzte Manni, der kaum noch eine Treppe hochgehen kann, mit einer solchen (sogar noch etwas komplizierter ausgeführten) Technik einen suiziden Schüler vom Sprung von der Kante des Flachdaches retten kann?
Aber diese Anmerkungen sind nicht wirklich ausschlaggebend und mindern das Lesevergnügen nicht im mindestens. Deshalb:
Facit: ein spannender, intelligenter Kriminalroman, sehr zu empfehlen
Gisa Klönne
Unter dem Eis
Ullstein Tb (Oktober 2007)
ISBN-10: 3548267653
ISBN-13: 978-3548267654
Links:
- Hintergründe zum Buch und so klingt der Eistaucher: hier
