Gerald Kersh: Nachts in der Stadt
Januar 29, 2008

Die Welt, die Kersh hier beschreibt, ist das London der 30er Jahre. Genauer, die Welt, die erwacht, wenn abend die Sonne längst untergegangen ist. Diese Welt kennt keine Farben, allenfalls ist an manchen Ecken grell geschminkt. Sie ist grau, fahl, bleich und schwarz, sie ist krank und von Verderben gezeichnet. Wer sich diesem Moloch nähert, wird vereinnahmt, verschlungen und danach ausgespien.
Kersh befasst sich mit einer Welt voller kleiner Gauner, voller undurchsichtiger Gestalten, die vom Leben gezeichnet sind: Händler, Wirte, Kellner, Animiermädchen. Alle auf der Jagd nach Geld, jeder sich selbst der nächste. Einer dieser Kleinganoven ist Harry Fabian, die Hauptperson des Romans. Ein kleiner Zuhälter, der seine Freundin Zoe auf den Strich schickt, sich als Komponist amerikanischer Hits ausgibt und sich an seinen eigenen Lügengeschichten berauscht. Wahrheit ist für ihn ein unbekanntes Land, als ob er Angst vor ihr hätte, fabuliert er, sobald er den Mund aufmacht. Ein Mensch, der willens ist, für ein paar Pfund seine Freundin zu verkaufen.
Immer bereit, seine Mitmenschen hinters Licht zu führen und zu betrügen, verfolgt er den Plan, zum größen Boxveranstalter der Stadt zu werden. Leider fehlt ihm das Startkapital, das er sich zwar erpressen kann, dann aber fast sofort wieder in einer Bar umsetzt, weil er sich mit den paar Pfund in der Tasche unbesiegbar fühlt. Er belügt die Boxer, die er unter Vertrag nimmt, manipuliert sie und nimmt sie schamlos aus. Und merkt nicht, daß er seinerseits längst an der Angel eines Intelligenteren hängt, der ihn ausbootet und abschiebt.
Kersh schildert in dunklen Sätzen den Moloch Stadt bei Nacht mit seinen dunklen Gestalten, beschreibt, wie Menschen in seinen Bann geraten und sich verändern. Nur wenige der Personen, die er schildert, zeigen einen Anflug von Charakter und Persönlichkeit. Die Handlungen findet fast ausnahmslos in der Nacht statt, auf den düsteren Straßen, in grellen Clubs und Bars, in denen die Verlorenen der Stadt herumlungern.
Ein düsteres Buch, in einer deutlichen Sprache geschrieben, mit drastischen Vergleichen, vernichtenden Urteilen über seine handelnden Personen. Man muss sich einlesen, einlassen auf den Stil von Kersh, aber wenn man dies tut, ist das Buch fesselnd und spannend.
Facit: ein gutes Buch, empfehlenswert
Gerald Kersh
Nachts in der Stadt
Pulpmaster Paperback
Berlin 2002
3-929010-80-1
Links:
Mehr über den Autor
Beschreibung der Verfilmung


