Buddy Giovinazzo: Potsdamer Platz
Januar 27, 2008

Der türkische Bauunternehmer Yossorio bittet den amerikanischen Mafiosi Montefiori um Hilfe, da auf der Berliner Großbaustelle „Potsdamer Platz“ ein blutiger Wettbewerb um die lukrativen Bauaufträge läuft. Hardy und Tony, zwei Mafiakiller fliegen ein und legen einen furiosen Start hin, der für einigen Eindruck sorgt, die russische Gegenseite aber zu entsprechenden Gegenaktionen animiert. Schon bald schaukeln sich die Aktionen immer höher, werden auch dank der Unberechenbarkeit des psychopathischen Hardy immer unbeherrschbarer.
Neben dieser Rahmenhandlung und in sie eingebettet läuft eine zweite, nachdenklichere, Geschichte, die immer mehr an Gewicht gewinnt: Tony, der abgebrühte, eiskalte, überlegte Killer, kann nicht mehr töten. Die Begegnung mit Monica hat etwas in ihm zerstört, hat ihm das Gefühl gegeben, daß seinem Leben etwas fehlt:
„Wieviel Menschen hast du getötet?“
„…. zweiundzwanzig“
„Zweiundzwanzig“ wiederholte sie leise, „…und was fühlst du dabei?“
„Ich habe nie etwas gefühlt. Ich war wie betäubt. Ich war immer wie betäubt. Das war mein Geheimnis. Aber jetzt funktioniert das nicht mehr. Ich kann mich gegen dieses Gefühl nicht wehren, diese Gefühle…Horror zu empfinden….“
Der Roman spielt auf drei Zeitebenen weiter, der Jetzt-Zeit des Bandenkriegs, der Zeit, in der Tony als Junge in seiner Familie aufwuchs, mit einen verrückten Vater und einer nicht minder kranken Mutter und der ersten Zeit Tonys als Mitglied der Mafiafamilie.
Es ist ein trauriges, lakonisch und doch sehr eindringlich geschildertes Schicksal, es berührt, weil man Anfang und Ende des Schicksalsstranges parallel miterlebt, die Zwangsläufigkeit erkennt, mit der alles gekommen ist. So, als hätte dieser junge Mensch Tony nie eine andere Wahl gehabt.
Natürlich bringt die Tötungshemmung, die Tony entwickelt, ihn als Killer in Schwierigkeiten, da er keine Aufträge mehr ausführen kann, aber weiß, daß er selbst exekutiert wird, wenn dies herauskommt. So gerät er immer wieder in die Enge und kann sich nur durch weitere Morde wieder befreien, bis endlich mit Hilfe Monicas eine Flucht aus Berlin möglich scheint.
Der Roman hat einen furiosen Anfang, der mich sehr an Tarantinos Pulp Fiction erinnert. Nach wenigen Seiten schon genauso viele Tote, die in einer Gewaltorgie hingemetzelt werden. Dabei auch ein 14jähriges Mädchen, dessen Augen sich in Tonys Gedächtnis förmlich einfressen. Auch im weiteren Verlauf spielen Schilderungen von Gewalt eine große Rolle, es ist erschreckend, wie lakonisch und beiläufig man solche Exzesse beschreiben kann, ohne jegliche Effekthascherei…
In einer Szene kommen Hardy und Tony in das Zimmer eines ihrer Bosse, der – so wird erzählt – helle Farben bevorzugt. Dieses Zimmer hat jedoch dunkelrote Wände, am Boden Eimer und Farbrollen. Erst Zeilen, Absätze später realisiert man, daß das Rot das Blut der Männer ist, die zum Ausbluten an den Haken hingen, die im Bad noch zu finden sind.. Man muss solche Passagen zweimal lesen, um zu erfassen, was hier erzählt wird.
Es ist also kein Buch für zartbesaitete Seelen, es ist aber auch kein Buch, in dem die Gewalt zum Selbstzweck geworden ist. Es ist ein Buch aus einer Welt, in der Gewalt und Tod selbstverständlicher Bestandteil geworden sind, eine Geschäftspraxis sozusagen. Und zwischendrin ein Killer, der fühlt, daß er bis jetzt sein Leben weggeschmissen hat.
Facit: ohne Einschränkung zu empfehlen (sofern man sich an einem bischen Gewalt nicht stört..
)
Buddy Giovinazzo
Potsdamer Platz
Maas, Berlin, 2003
ISBN-13: 978-3929010817
Links:
Etwas über den Autor: http://www.krimi-couch.de/krimis/buddy-giovinazzo.html
…. und noch mehr… http://www.br-online.de/inhalt/wir_ueber_uns/pressestelle/spezial/2006/00155/giovinazzo.shtml
Das Buch ist erschienen in der (empfehlenswerten) Reihe von Pulp Master


