Heute fand ich eine nackte Frau auf dem Sofa liegend….
Januar 5, 2008
Heute morgen bin ich beim ziellosen, die Zeit totschlagenden Surfen bei der Bildersuche auf dieses Bild gestoßen, das mir ausnehmend gut gefällt. Es hat mich an ein kleines Büchlein erinnert, ein Taschenbuch, das ich vor einiger Zeit bei ebay für den Mindestpreis erstanden hatte, anscheinend ist das Thema so anrüchig oder ein Taschenbuch ein Gebot nicht wert, jedenfalls steht das Büchlein jetzt in meinem Regal und behandelt das Thema in aller Ausführlichkeit und durchaus mit gewisser Seriösität.
Ob dies alles wirklich so war, sei dahin gestellt, vielleicht spielt auch eine Art romantischer Phantasie über fremde Sitten und Gebräuche eine Rolle, ich weiß es nicht. Bezeichnet der Begriff Odaliske in dieser Beschreibung auf jeden Fall noch eine bestimmte Frau bzw. die Frauen einer bestimmten gesellschaftlichen Position, wird der Begriff später, z.B. in der europäischen Malerei auf ein bestimmtes Motiv angewandt: die leicht oder unbekleidete Frau auf einem Sofa, Diwan oder einem Chaisselonge liegend, entweder mit dem Rücken oder auch mit dem Gesicht zum Betrachter, der derart zum Voyeur in diesem intimen Arrangement wird.
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Damit hätte ich dann auch den Bogen zu Hennig mit seinem Buch geschlossen, denn dort widmet er der Odaliske ein ganzes Kapitel, angefangen von Mrs Murphy, die von Francoise Boucher [2]gemalt wurde über Ingres, Delacroix bis zu den moderneren Malern wie Trouille, dessen gemalter Hintern in züchtigerer Form Pate stand für das bekannte Musical „Oh Calcutta!“, eine Verballhorung des französischen „oh quel cul t’as“ .Das Motiv wurde wohl zum ersten Mal von Velasquez in die Malerei eingeführt, Venus und Cupido, um 1650. Als Modell für die Frau, dies ein pikanter Gedanke, diente ein Hermaphrodit und keineswegs eine Frau. Der recht schmale Hintern, der in der Darstellung spätere Jahrhunderten üppiger wurde, vermittelt einen jugendhaften Eindruck von Frische und Unbekümmertheit, der später dann dem von Reife und Erfahrung weicht.
Bei Ingres, so ist zu erfahren, wird die Frau deformiert, zählt man nach, so sieht man, daß die Große Odaliske offensichtlich 5 Wirbel zuviel hat und der gesamte Körper also in die Länge gezogen wird. Der Po verschwindet in der Länge der Gestalt, seiner natürlichen Schwere verlustig. Wie anders als dieses ätherische Wesen wirkt dagegen die Odaliske, die Delacroix 1825 malte mit ihren betonten Hüften, ihrer sinnlichen Schwere.
Es ist müßig, alle die Odalisken, die im Laufe der letzten Jahrhundert gemalt worden sind, zu beschreiben, eine Vielzahl von ihnen sind hier auf diesem weblog zu sehen. Es war eine Zeit der europäischen Begeisterung für die Geheimnisse des Orients, seine Kultur und faszinierende Fremdartigkeit. In der reinen Zahl der gemalten Odalisken sticht dabei Henri Matisse hervor, der insbesondere in seiner Zeit in Nizza dieses lebensfrohe Motiv immer wieder darstellte. Matisse selbst sagt zu seinen Bildern:
„Die Odalisken waren die zahlreichen Früchte einer glücklichen Sehnsucht, eines schönen, lebendigen Traumes und einer fast in der Ekstase von Tag und Nacht, im Zauber eines Klimas durchlebten Erfahrung“ [1, S. 52]
An anderer Stelle führt er als Erwiderung auf die Vorwürfe einer scheinbaren Konventionalität seiner Odalisken aus: „Betrachten Sie aufmerksam diese Odalisken: Das Sonnenlicht herrscht hier in seinem triumphalen Glanz und saugt Farben und Formen in sich auf. Die orientalische Dekoration der Interieurs, der Prunk der Wandbehänge und Teppiche, die üppigen Kostüme, die Sinnlichkeit der schweren, schlummernden Körper, die selige Dumpfheit der Blicke in Erwartung der Lust, all diese Pracht der Siesta, wobei Arabeske und Farbe auf´s höchste gesteigert sind, darf nicht täuschen: Das bloß Anekdotenhafte habe ich immer abgelehnt. Unter dieser Stimmung schmachtender Entspanntheit und der Sonnendumpfheit, in die Menschen und Dinge getaucht sind, schwelt eine große Spannung, die rein malerisch ist und auf dem Spiel und den Beziehungen zwischen den Elementen beruht“ [a.a.O. S, 60].
Nun ja, wenn der Meister selbst es so sieht.. Jedenfalls ist es eine Freude, diese farbenprächtigen Gemälde anzuschauen:
Eine Auswahl von Odalisken, die Matisse so häufig dargestellt hat.
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Natürlich hat auch das Medium der Fotographie das Sujet „Odaliske“ aufgegriffen, ohne sich jedoch in der überwiegenden Zahl der Bilder dem Zauber des Themas zu widmen. Die Liegestatt ist nur Dekorationsgegenstand für die mehr oder weniger aggressive Darstellung der Frau, wie sie hier als Beispiel zu sehen ist. Diese Bilder ziehen ihren Reiz eher aus anderen Aspekten. Jedoch gibt es – und damit bin ich wieder bei meinem Ausgangspunkt – auch fotographische Beispiele, die dem Zauber der Phantasie nachspüren, der Darstellung des unbekannten, erotischen und unnahbaren Wesens namens Odaliske……

Ein schönes Beispiel für dieses immer noch reizvolle Motiv ist das Portrait, das Lord Snowdon von Emma Thompson geschossen hat [3], ganz in klassischer Pose wie z.B. bei dem weiter oben verlinkten Gemälde „Venus und Cupido“ von Velasquez (nur ohne Cupido…) und auch Farbe, ein wunderschönes Bild einer von mir sehr geschätzten Schauspielerin:
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[1] Essers V: Matisse, Taschen-Verlag, Köln 1986
[2] Wer die Geschichte dieses Bildes, genauer: die der dargestellten, erst 15jährigen Helene Morphii genauer nachlesen möchte, dem sei das Buch: Meisterwerke der erotischen Kunst, Köln, 1995 von Eva Gesine Baur empfohlen. Dort finden sich ein paar interessante Details, die Dame (oder sollte man sagen, das Mädchen?) spielt auch bei Casanova eine Rolle…
[3] zu finden im Stern Portfolio 52 über Lord Snowdon (ISBN 3570197735)
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Nachtrag am 15.02.2008
Die Odaliske
Es harrt auf weichem Purpursammt
Die jüngste Sclavin ihres Herrn,
Und unter dunkler Braue flammt
Ihr Auge, wie ein irrer Stern.
Sei stammt aus jenem Lande nicht,
Wo ehrbar-blond der Weizen reift,
Und stachligt-keuch die Gerste sticht,
Wenn man sie noch so leise streift.
Sie ist der Feuerzone Kind,
Wo jede Frucht von selber fällt,
Weil sie der Baum, der zu geschwind
Die zweite zeitigt, gar nicht hält.
Sie hat von dem Johannisstrauch
Die karge Beere nie gepflückt,
Die, ohne Kraft und ohne Hauch,
Zur Abwehr gar den Dorn noch zückt.
Doch ward sie oft vom Wein bespritzt,
Weil himmelan die Rebe drang
Und dann, vom Sonnenstral zerschlitzt,
Die Traube in der Luft zersprang.
Drum sitzt sie auch nicht seufzend da,
Nun ihre eig’ne Stunde naht,
Sie denkt der Rosen, fern und nah’,
Die sie schon selbst gebrochen hat.
Und sieh, der Pascha tritt herein,
war ernst und düster, doch nicht alt,
Und vor ihm her den Becher Wein
Trägt eines Mohren Nachtgestalt.
Er sieht das Mägdlein lange an,
Mißt Zug für Zug, und nickt nur still,
Zum goldnen Becher greift er dann
Und fragt, ob sie nicht trinken will.
Ihr aber schwillt schon jetzt das Blut
Bis an der Adern letzten Rand,
Drum fürchtet sie des Weines Glut,
Und stößt ihn weg mit ihrer Hand.
Nun weis’t er stumm den Mohren fort,
Dem wild das Auge glüht vor Lust, [⇐188]
Und setzt sich an den weichsten Ort
Und küßt ihr langsam Mund und Brust.
Doch plötzlich dringt ein jäher Schrei
Von außen ihr in’s bange Ohr;
Sie ruft verstört, was das denn sei?
Und er versetzt: es starb der Mohr!
Er trank den Wein, den ich dir bot,
Und wird der Sünde nimmer froh,
Denn beigemischt war ihm der Tod! –
Ich prüfe jede Sclavin so!
(von Friedrich Hebbel)
eine moderne Odaliske, die zeigt, daß das Thema auch noch heute noch seine Liebhaber findet….
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Quelle
Sammlung von Odalisken in der Malerei
eine hübsche Sammlung diverser fotographischer Variationen zum Thema findet man auch bei Stephan Lallemand


