Es ist ein wenig wie mit den Geschenken zu Weihnachten. Natürlich freut man sich auch über ein Geschenk, das einen ohne in Papier gehüllt zu sein, erwartet, aber schöner ist es doch, wenn die Neugier sich an der Frage entzünden kann: Was ist unter dem Papier verborgen? Ein schönes Geschenkpapier, geschickt gefaltet, eine schöne Schleife, ein Kärtchen.. man drückt, um die Festigkeit festzustellen, schüttelt vielleicht vorsichtig und beginnt dann mit Achtsamkeit, das Papier möglichst unversehrt zu entfernen. Dieses Entfernen, Enthüllen, bringt mich zu meinen eigentlich Thema…

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Wie sehr die Verhüllung das Interesse wecken kann, zur Sensation werden kann, haben auf unnachahmliche Art und Weise Jean und Claude Christo gezeigt, egal, ob am Reichstag in Berlin oder bei der Pont Neuf in Paris. Was waren diese beiden (und andere) Bauwerke so aufgewertet worden, so interessant geworden durch – das Verhüllen.. die Liebe, die Sorgfalt, die in diesen Akt gesteckt worden ist, die Freude am Ansehen, die Vorfreude auf das Enthüllen…..

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„Enthüllen“ ist das Stichwort, bin ich doch beim Durchwandern meiner Regale wieder mal auf das wunderschöne Büchlein von Eva Gesine Baur gestoßen, mit dem sie aus weiblicher Sicht sehr kenntnisreich über die Freuden des Anziehens, Verhüllens, Entdeckens und Enthüllens schreibt….

Das Thema ist also die Kleidung, die früher die „Unausprechliche“ war, die Unterwäsche, oder in filigranerer Weise, die Reizwäsche, die Dessous, die Lingerie.

Welcher Mann würde so er ehrlich ist, abstreiten, daß eine Frau, die ihren Körper, und sei es nur zum Teil, durch Kleidung verdeckt, an Reiz gewinnt. Es ist das Geheimnis, das gelüftet, entdeckt, enthüllt werden will, das Geheimnis, was „unten drunter“ ist, die Freude daran, es zu entdecken, und sei es auch das -zigste mal. Verständlich also das von Baur oft gebrauchte Bild, mit dem sie Parallelen zieht zwischen einer Dessous und einem Kriminalroman: beide verbergen Geheimnisse, die gelüftet werden wollen, bis sich zum Schluss die Auflösung ergibt, jeder Roman weckt wiederum aufs neue diese Lust genau wie jede Gelegenheit, sich an der dessousbekleideten Frau zu erfreuen. Und keinesfalls, wirklich keinesfalls ist es erlaubt, einfach die letzten Seiten des Romans zu lesen, um zu erfahren, wie es ausgeht…..

Es muss noch nicht einmal sublime Lingerie sein, die diese Verlangen herruft, auch einfache Unterwäsche kann sehr erotisierend wirken. Eine nur bestrumpfte Frau, eine Frau, nur mit Unterhemd bekleidet, mit einer offenen Bluse, ein enges Kleid… das Begehren ist sofort geweckt.

Wenngleich praktisch die meisten Fotobücher über Aktfotographie das Element „Kleidung“ in ihr Thema einbeziehen, gibt es doch eine Vielzahl von Fotobüchern, die Dessous zum Thema haben. Seien es nun die etwas, sagen wir direkteren Bildbände, die sich dem Thema Lack und Leder nähern und damit sich auf die Grenze zum leichten Fetischismus hin bewegen, seien es die Bücher, die Geschichte der Dessous aufarbeiten, angefangen von den Korsetts, deren Ursprung bis ins 14. Jhdt zurückverfolgt werden kann …

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…..bis hin zum raffinierten Hauch eines Nichts, das keinerlei Funktion mehr hat ausser dem, enthüllt zu werden. Selbstverständlich nutzen auch die großen Hersteller von Dessous die Möglichkeit, ihre Werke durch Bildbände zu präsentieren, mein Lieblingsbuch unter all diesen schönen ist der Band von Aubade, gestaltet von Hervé, mit Bildern, die Träume sind. Nun ist Hervé sowieso ein begnadeter Fotograph (Eine gute Freundin von mir hat solche Fotographen immer „ein Gott hinter der Kamera“ genannt), so daß es nicht verwundert, daß er zu diesem Thema außergewöhnlich schöne Bilder geschaffen hat.

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Bücher über Unterwäsche bei Männer findet man deutlich weniger, aus zwei Gründen wohl nicht verwunderlich: zum einen interessieren sich Männer, die Hauptabnehmer solcher Bücher, wohl weniger für ihre Unterhosen und zum zweiten.. nun ja, das Thema fällt gegen die weibliche Variante doch deutlich ab. Aber immerhin, es gibt sie, solche Bücher, die sich mehr auf die geschichtliche Seite und praktische Aspekte konzentrieren, die bei der Herrenunterhose ja auch immer im Vordergrund standen, bis .. ja, bis Calvin Klein die unscheinbare Unterbekleidung mit durchschlagendem Erfolg in ein sexuell attraktives Kleidungsstück verwandelte. Mark Wahlberg sei Dank. Obwohl – wie ich neulich als Scherzfrage las – wer will eigentlich eine Unterhose tragen, auf der „Klein“ steht?

Der Schluss von Baur Buch gefällt mir so gut (wie überhaupt die Formulierung „angeheirateter Geliebter“ einfach wunderbar ist), daß ich ihn auch für diesen kleinen Beitrag ans Ende stellen will:

„Meine wunderbare Mutter zum Beispiel liest bei einem Kriminalroman, wenn sie schon mal einen in die Hand nimmt, zuerst den Schluss.
Wenn mir ein Mann verriete, daß er es genauso hält, wüsste ich sofort, daß er von Dessous nichts versteht. Jeder Krimiliebhaber geniesst es, daß ihm die Hintergründe erst langsam enthüllt werden und des Rätsels Lösung erst ganz am Ende.
Natürlich kennt mein angeheirateter Geliebter meinen Körper längst auswendig.
Aber mit den richtigen Dessous wird es eben immer wieder so spannend, daß er zu lesen anfängt.“

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