Zille: Hurengespräche

Dezember 25, 2007

Vor einigen Jahren war ich auf Besuch bei einer entfernten Verwandten, eine Tante (so nannte ich sie wenigstens in jungen Jahren) um viele Ecken herum. Wir verstanden uns immer gut, aber wie das so ist, wenn man in verschiedenen Regionen des Landes lebt und altersmäßig doch weit auseinander ist, der gemeinsame Redestoff ist irgendwann verronnen und meist gibt es dann Essen.

Tantchen, die seit mehreren Jahren verwitwet war, werkelte also in der Küche und ich machte das, was ich immer machte, ich inspizierte neugierig die zahlreichen Bücherregale. Nichts besonderes, Buchclub-Ausgaben, Romane, viele Bildbände der Region, einiges über Jagd (ihr verstorbener Mann war passionierter Jäger), Gesamtausgaben und dann hinten in der Ecke, kaum zu sehen, ein Büchlein, welches garnicht dahin passte: die Hurengespräche von Zille. Da musste ich dann doch etwas schmunzeln.

„Sag mal, Erika, ich hab mir gerade mal deine Bücherregale angeschaut, da stehen ja von Zille die Hurengespräche drin!“ fragte ich die Tante dann später beim Essen.

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Oje. Tantchen lief rot an, noch röter und wusste vor Verlegenheit nicht wohin zu schauen.

„Ja, die hat der Ernst doch noch gekauft. Wir ahnten doch nicht, was das war. Zille, wir haben gedacht, das wäre was über Berlin…Wir haben da einmal reingeschaut, nicht öfter, und seitdem steht es da….“

Na ja, über Berlin ist es ja auch, sozusagen. Ich musste innerlich grinsen, wie sich die Tante bei dem Gesprächsthema doch sehr unwohl fühlte und wechselte auf irgendwas unverfängliches.

Als ich dann am Abend mich verabschieden wollte, drückte sie mir das Buch in die Hand:

„Willst du es nicht mitnehmen? Ich wäre froh, wenn es aus dem Haus kommt!“

Sicher nahm ich es und Erika drückte es mir in einer Mischung aus Verlegenheit und Dankbarkeit in die Hand. Und so stehen Bollenguste, Pinselfrieda und Lutschliese samt ihren Kolleginnen jetzt seit geraumer Zeit in meinem Regal, ab und an nehm ich das Büchlein und blätter durch und denk dabei an Tantchen, die mittlerweile auch schon bei ihrem Mann ist……

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Zum Inhalt: Zille (1858 – 1929), genannt „Pinselheinrich“, hatte als bevorzugtes Thema seiner Zeichnungen das Berliner Unterschichtmilieu. In diesem Erzählzyklus „Hurengespräche“ versammelt er 8 Frauen, die sich ihr Schicksal und ihre Erlebnisse schildern. Sie sind durch die Umstände gezwungen, sich auch als Huren zu verdingen, früh sind sie in der Kindheit eingeführt worden, zum Teil durch den eigenen Vater vergewaltigt. Sie hocken unter den Tischen, um den Männern, die oben Karten spielen, Oralverkehr zu geben und sehen voller Verblüffung am Hosenstall die Knöpfe, die sie selbst vor ein paar Tagen an Vaters Hose angenäht haben. Das Buch ist eine schonungslose Kritik mit sehr drastischen und realistischen Illustrationen an den sozialen Lebensbedingungen in der Arbeiterschicht des frühen 20. Jahrhunderts, die den Menschen, insbesondere den Frauen, praktisch keine Möglichkeit bieten, aufzusteigen und diesem Milieu zu entkommen.

Links:

gibt´s auch als CD….

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