“Du bist nicht so wie andre Mütter”, der Titel dieser Familiengeschichte, dieses biographischen Buches, ist ein Zitat aus einem Gedicht von Peter Schwiefert, dem Halbbruder der Autorin, an ihre gemeinsame Mutter. Und es trifft zu, Else Kirschner, mit diesem Namen kam sie auf die Welt, war nicht wie andere Mütter, war nicht wie andere Frauen…

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Das Buch umfasst die Jahre 1893 bis 1949, die Lebensspanne, die Else Kirschner vergönnt war. Ihre Eltern waren gut gestellte jüdische Kaufleute im Textilgeschäft [2], “Konfektionsjuden”, die sich himmelweit unterschieden von den Juden, die z.B. im Scheunenviertel das osteuropäische Shtetl nach Berlin, ihrer Heimatstadt, gebracht hatten. Else wuchs liebevoll behütet zusammen mit ihrem Bruder in einer offenen Familie auf, sie besuchte als Kind christliche Schulen, hatte christlichen Freundinnen. Der Kontakt mit dem Christentum, ihren Geschichten, ihren Festen, besonders dem Weihnachtsfest mit dem Baum, der Kultur, die sich im Christentum entwickelt hat, faszinierte Else von Anfang an. Es sollte ihr Lebensziel werden, dort, in dieser Kultur, anzukommen.

Durch ihren Bruder lernt sie als junge Frau Fritz Schwiefert kennen, einen eher mittellosen Bühnenautoren [3] und Intellektuellen. Er verkörpert das, was sie erstrebt: Kultur, Theater, Literatur, Leben… die beiden verlieben sich ineinander, als Freund des Bruders wird Fritz in die Familie eingeführt, man erlebt bei Klavier und Gespräch schöne Abende miteinander, die innige Beziehung der beiden bleibt dabei verborgen.

Else kommt in ein Alter, in dem sie verheiratet werden sollte, Interessenten für die schöne, lebhafte, die Menschen reihenweise in ihrem Bann schlagende junge Frau sind da… und einem gibt der Vater den Zuschlag, er macht einen soliden Eindruck, ist auch in der Textilbranche aktiv: was will man mehr? Nun, Else will ihren Fritz und Fritz will Else und der Druck wird immer größer… der Hochzeitstermin mit dem Favoriten der Eltern ist schon angesetzt… Else springt, sie springt in eine unsichere Zukunft, in ein anderes Leben, vom behüteten Sein in eine muffige, kalte Zweizimmerwohnung irgendwo, in der der Hunger herrscht und bald auch die miefige Luft gewaschener Windeln und gekochtem Kohl: Else verläßt das Elternhaus und heiratet diesen Goi, für die Eltern Kirschner ist sie damit gestorben, ihr Name wird nicht mehr erwähnt. Einzig ihr geliebter Bruder besucht sie hin und wieder…

Es ist die Zeit des 1. Weltkriegs, Hunger und Mangel nehmen zu. Kaum weiß das Paar, wie es seinen Sohn Peter satt bekommen soll, Fritz verdorrt zwischen seiner Arbeit in einer Bibliothek und dem tristen, von Babygeschrei und Windelgeruch dominierten Alltag…. Elses Bruder stirbt an der grassierenden Spanischen Grippe und an seinem Totenbett kommt es doch zur Versöhnung zwischen den Kirschners und ihre Tochter und ihrem Schwiegersohn.

Bis auf diese Tatsache der Ehe mit einem Goi verläuft das Leben von Else weitest gehend konventionell, mit der Aussöhnung sind auch die finanziellen Sorgen des Paares überwunden: die Großeltern Kirschner sind vernarrt in den kleinen Peter, sie setzen alles menschenmögliche daran, ihn die Entwicklung zu einem Haustyrannen zu ermöglichen… So könnte es weitergehen, wenn nicht….

Die Hochzeit der jüdischen Frau mit einem christlichen Mann war der erste, entscheidende Bruch im Leben von Else, der erste große Schritt zur Verwirklichung ihres Traums vom anderen Leben. Da das Jüdische in ihr aber weltoffen und nicht sehr intensiv war, war es sozusagen ein Bruch, der nicht so sehr in die Tiefe ging, es war eine Entscheidung, die vor allem nach aussen wirkte. Die Lebensziele von Else, ihre innere Einstellung waren nicht tangiert, sondern “nur” offengelegt worden.

Zur Metamorphose sollte es durch ein anderes, einschneidendes Erlebnis kommen: Else erfuhr, daß Fritz, ihr geliebter Fritz, sich An-, Auf- und Erregungen auch bei anderen Frauen, ihren Freundinnen (!) gesucht hatte, Ablenkungen vom (seinerzeit noch) tristen und deprimierenden Leben in der windelschwangeren Hinterhofatmosphäre der muffigen Behausung… in diesem Moment zerbrach etwas in Else und gleichzeitig wuchs etwas heran… “Durch Leiden zur Freude” so (oder so ähnlich) versuchte Fritz seiner Else in der Auseinandersetzung um die Affären das aufbauende Potential solcher Ereignisse schmackhaft zu machen, und tatsächlich: Else biss an. Sie liebte ihren Fritz immer noch, ja doch, aber jetzt etwas anders. Und galt nicht, was für Fritz richtig war, auch für sie? Und brachen nicht gerade die “Roaring Twenties” in Berlin aus?

Der Schmetterling streckte die Flügel aus und flatterte, wurde zum Nachtfalter, der selbst umschwärmt wurde und der sich umschwärmen ließ. Für Else zählte fortan das, was ihr Vergnügen brachte, was ihr Freude war, sie flirtete, tanzte, ging ins Theater, in die Oper, ihre Kreise waren die der Künstler, der Intellektuellen, der Autoren….

Man wohnte mittlerweile (von Kirschners finanziert) in einer geräumigen Villa in Dahlem. Hier war Platz und Gelegenheit zum Feiern, das Wort von der “Orgie” ist zu lesen, es herrschte wohl nicht immer strenger Kleiderzwang. Und so kam, was kommen musste, Else merkte eines Tages, daß sie wieder zu zweit war, Hans Huber, ihr Liebhaber, war dran schuld… auf den Namen Bettina wurde die Tochter getauft, Else hatte das Kunststück fertig gebracht, ihren Mann Fritz dazu zu bewegen, die Vaterschaft anzuerkennen und zusammen mit dem biologischen Vater fortan unter einem Dach zu leben.

Auf eine dieser ungezügelten Parties bei Schwieferts verirrte sich dann ein Mann, der nicht dorthin passte, perfekt angezogen und von aristokratischem Wesen. Mit dem “angezogen”… da machte Else, deren Neugier er geweckt hatte, gute Fortschritte in ihrem Sinne und wäre nicht eifersuchtsbedingt Geschirr gegen Wände geflogen, hätte es bestimmt auch einen befriedigenden Abschluss gegeben. So aber nicht, Erich Schrobsdorff, als altem preussischem Junkeradel stammend, war durch das Geschepper irritiert und erwachte aus seinem kurzfristigem Taumel, der ihm beinahe die Entjungferung gebracht hätte…. aber Else wäre nicht Else gewesen, die intelligente, junge, gebildete, kreative Frau, die auf diesen plötzlichen Situationswechsel nicht hätte reagieren können: sie verstrickte den fast Davoneilenden in ein Gespräch, in dessen intellektuellen Fesseln er sich fing.

.. und es sollte nicht lange dauern, bis in der Dahlemer Villa Else mit zwei Männern (wobei Else, um Fritz zu beruhigen, diesem Enie, ihre Freundin und Fritzens Ex-Geliebte, wieder als Liebhaberin zuführte, das hätte ich jetzt fast vergessen) zusammen lebte, mit jeweils einem Kind von jedem der Männer und sie regelmäßig Besuch bekam vom Dritten Mann, Besuche, die dazu führten, daß 1927 die Autorin das Licht der Welt erblickte. Zu dieser Zeit war man dann aber doch schon auseinander, die “1+2+3″- Konstellation war letztlich nicht zukunftsweisend… Hans hatte nach einem Ultimatum, dem Else, die nur ihrem Lustgewinn nachging, nicht nachgab, das Haus ohne Abschied zu nehmen, verlassen, Fritz und Enie hatten sich entschlossen, zu heiraten, was zur Scheidung von Else und Fritz führte.

So war Else jetzt plötzlich “nur” noch mit Erich, dem weltfremden Mann mit den preussischen (Sekundär)Tugenden: Pflichterfüllung, Zuverlässigkeit liiert. Man genoss das Leben, man hatte die finanziellen Möglichkeiten, es gab kaum Grenzen. Und Else in ihrer gewinnenden Art schaffte es im Lauf der Zeit sogar, als geschiedene Jüdin mit zwei Kindern und einem weiteren unehelichen von den alten Schrobsdorffs als Schwiegertochter akzeptiert zu werden.

Else hatte es geschafft, sie war angekommen im “ganz anderen“.

Der Preis dafür war hoch, sehr hoch, auch wenn die Rechnung erst später präsentiert wurde. Denn zwar Else angekommen, doch sie hatte auch verlassen: die normale Welt nämlich, den Alltag. Allen finanziellen Sorgen enthoben schwebte Else fortan in Sphären, die sie der realen Umwelt des täglichen Lebens entfremdete. Störte der Alltag zu sehr, wich man aus, in´s Landhaus (bzw. es gehörte den Schrobdorffs ja das halbe Dorf…) zum Beispiel und verlebte dort die Sommer, feierte dort mit den Freunden… Die Kinder.. Peter akzeptierte Erich nie, er erhielt aber eine erstklassige Ausbildung im Salem, Bettina war “pflegeleicht” und Angelika sehr kompliziert. Ihr, der kleinen kapriziösen Prinzesssin erfüllten die Eltern jeden Wunsch sofort. Angelika war womöglich noch isolierter, sie konnte mit anderen Kindern nichts anfangen, unterrichtet wurde sie zumeist von Privatlehrern (denen sich unter Umständen auch Else in ihrer offenen Art widmete).

Man schwebte in anderen Sphären, der graue Alltag, dieser seltsam schreiende Mann im Radio wurde einfach ignoriert als kurzfristiges Phänomen, das bald von der Straße gefegt werden wird. Dachte man und danach handelte man: man ignorierte ihn und seine Bewegung, wich ihnen einfach aus.. Die praktizierte Verdrängung war total: Angelika zum Beispiel wusste, daß Jesus ein Jude war, aber daß es immer noch Juden gibt, war ihr unbekannt, für sie war Jesus der letzte Jude…

Aber selbst Schrobsdorffs konnten irgendwann die politische Realität nicht länger leugnen. Zum einen wanderten immer mehr Freunde und Bekannte aus, zum anderen musste man irgendwann davon ausgehen, daß die Firmeninteressen negativ beeinflusst würden durch die jüdische Versippung (nicht nur Erich, auch seine Brüder hatten jüdische Frauen geheiratet). Ereignisse wie die Reichsprogromnacht taten ein übriges, auch wenn man sich nie vorstellen konnte, daß es immer noch schlimmer werden konnte…

Zum Schluss fiel den Schrobdorffs für Else nur noch ein Ausweg ein, da alle anderen Fluchtwege mittlerweile versperrt waren: die Heirat mit einem Bulgaren und die Auswanderung nach Bulgarien….

All dies wurde den Kindern verheimlicht, ihnen wurde Theater vorgespielt bei den notwendigen Vorbereitungen für die Emigration. Als Urlaub getarnt fuhr man 1939 nach Bulgarien, Mutter und Kinder blieben noch etwas länger, der Vater kommt wieder zurück… mehr als einmal schreibt die Autorin, es wäre einfacher gewesen, die Wahrheit zu wissen….

Die persönlichen Verhältnisse in Bulgarien waren in keiner Weise mit denen in Berlin zu vergleichen, trotzdem – durch die finanzielle Unterstützung von Erich ging es Else und den beiden Mädchen relativ gut. Bis zur Ausbombung 1941 konnten sie sich sogar die Einstellung eines Dienstmädchens leisten. Danach unterschied sie kaum noch etwas von “normalen” Flüchtlingen, sie hatten fast alles verloren, mussten monatelang in einem Dorf unter einfachsten Verhältnissen bei einer Bauernfamilie leben. Für Angelika, so schreibt sie, eine glückliche Zeit, eine Zeit der ersten Liebe auch. Bettina, ihre Schwester, muss heiraten, sonst wäre sie nach Deutschland in ein Lager deportiert worden. Peter, der Bruder, war seinerzeit schon von Berlin heraus ins Ausland gegangen, als einziger der Familie beurteilte er die konkrete Bedrohung durch die Nazis ganz realistisch. Jetzt irrte er mittellos auf einer Odyssee durch Resteuropa…

Um es abzukürzen: Else und ihre beiden Kinder überlebten den Krieg in Bulgarien. Else war erkrankt, wie sich später herausstellen wird, an Multipler Sklerose, sie neigte ferner dazu, das schwere Schicksal als Schuld für ihr früheres hedonistisches Leben zu sehen. Angelika, die irgendwann dann natürlich doch die Wahrheit über sich und ihre Familie erfahren hatte, verhärtete innerlich, verbitterte. Sie fühlte sich von allen getäuscht und verraten, besonders aber vom Vater, der wieder verheiratet war. Aber auch das Verhältnis zu ihrer Mutter war denkbar schlecht geworden: Gewissenbisse, schlechtes Gewissen, auch Abscheu (Else hatte eine schwere Facialislähmung, so daß sie kaum noch schlucken und nur noch schlecht sprechen konnte) führten zu immer mehr Distanz. Sie versuchte niemanden mehr an sich heranzulassen und nutzte ihrerseits ihre die mittlerweile ausgebildete Schönheit und Weiblichkeit aus, um Vorteile zu ergattern: die Hochzeit mit einem amerikanischen Offizier ermöglichte ihr ein sorgenfreies Leben mit vielen Angenehmlichkeiten, andererseits konnten sie und Else dadurch auch wieder erreichen, nach Deutschland zurückzukehren.

Dort, in dem Land, in dem alles in Trümmern lag bis hin zur Unkenntlichkeit, starb Else 1949.

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“Ein Leben geht so schnell vorbei, und wenn man sich dem Ende nähert,
fragt man sich, warum habe ich so viel von ihm vergeudet?”

Else Schrobsdorff starb einsam. Der Sohn tot, eine Tochter in Bulgarien, der anderen Tochter entfremdet. Einzig der pflichtbewusste Ex-Mann, der sie im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützt. Dem falsch gelebten Leben nachtrauernd, die nicht mehr behebbaren Fehler bedauernd und die eigene Schwäche als auch die Ahnung des kommenden Todes vor Augen…..

Der Gedanke, welchen Eindruck man selbst von dieser Frau hat, kommt unweigerlich beim Lesen. Der totale Wandel ihrer Perönlichkeit nach der Entdeckung, daß ihr geliebter Fritz sie betrogen hatte, ist meiner Meinung nach nicht ursächlich auf diesen Schock zurückzuführen, ich sehe ihn eher als Auslöser für eine schon immer in ihr angelegte Sehnsucht…. Sie muss faszinierend, mitreißend gewesen sein, inspirierend und fesselnd – so konsequent, wie sie sich den Freuden des Lebens hingab und hingeben konnte. Aber kann man damit ein ganzes Leben leben? Wohl nur eine Zeit lang und wohl nur, wann man die Realität so ausblendete und nichtig redete, wie es Else tat, es sollte sich bitter rächen, auch wenn ihr Sturz in die wirkliche Welt durch die vorhandenen finanziellen Resourcen in der ersten Zeit abgefedert werden konnte. Die Ausblendung der Realität – auch für die Kinder ein Fiasko. Bezeichnenderweise hat nur der Sohn, der ausserhalb der Familie erzogen worden ist, erkannt und realisiert, welche Zeiten mit Hitler aufgezogen waren. Den Töchtern wurde dagegen heile Welt vorgespielt, sie wurden regelrecht isoliert und mit käuflicher Liebe, sprich Geschenken ruhig gestellt… auch dies rächte sich, die spätere Verbitterung und Verhärtung Angelikas war eine Folge davon…. die intensive Beschäftigung der Schriftstellerin Schrobsdorff mit ihrer Vergangenheit ist ein Zeichen dafür, wie tief die Wunden in der Seele gesessen haben bzw. sitzen….

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“Du bist nicht wie andere Mütter” ist das intensives Portraits einer Frau, die mit ihrer exaltierten Lebensweise auf Konfrontationskurs mit der Realität geriet. Interessant wäre es gewesen, mehr über die Kindheit von Else Schrobsdorff zu erfahren, es ist zu vermuten, daß hier kaum verwertbares Material für die Autorin zur Verfügung stand. Dafür wird das spätere Schicksal Else Schrobsdorffs ausführlich dargestellt und geschildert, mit der Geburt des dritten Kindes, der späteren Autorin, gewinnt das Buch auch autobiographische Züge, die Autorin wechselt passagenweise sogar in die Ich-Form der Erzählung.

So wird der Text zu einer interessanten Darstellung eines extremen Lebens, in dem sich nichtsdestotrotz viel auch von den Zeitläufen widerspiegelt: die verdrängende Einstellung der assimilierten Juden, sie seien doch Deutsche und das würde auf sie doch alles nicht zutreffen und überhaupt, der keifende Gnom sei schnell wieder weg vom Fenster, schließlich seien die Deutschen ein Kulturvolk…. der ungebremste Hedonismus der “Goldenen Zwanziger” in Berlin, dessen wildes und ungezügeltes Leben Else auskostete (und mit gestaltete) und dann das bittere Erwachen in dem Moment, in dem das wirkliche Leben in Gestalt von Gestapo-Leuten und Nazi-Parolen auch an die eigene Tür klopfte…. die Landung aus dem Wolkenkuckucksheim auf der Erde war hart.

Derart fügen sich persönliche Erinnerungen der Autorin, Erinnerungen noch lebender Zeitzeugen, Briefe, viele Briefe, Notizen zum Bild eines Lebens, einer Zeit zusammen, über das hier ein Bericht abgelegt wird, in dem die Autorin sich auch selber nicht schont. Ich habe das Buch gerne gelesen – und mit Gewinn -, auch wenn mir Else in ihrer exotischen Lebensweise und -einstellung sehr fremd geblieben ist….

Links und Anmerkungen:

[1] zur Biographie der Autorin gibt es natürlich viele Quellen. Für den Überblick die Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Angelika_Schrobsdorff, dieses Interview im Stern wurde nach ihrer Rückkehr nach Deutschland gemacht: http://www.stern.de/kultur/buecher/angelika-schrobsdorff-ich-habe-nie-geliebt-640168.html
[2] zur Bedeutung der Juden in der deutschen Textilindustrie: Roberta S. Kremer (Hrsg): Zerrissene Fäden; https://radiergummi.wordpress.com/2013/08/22/roberta-s-kremer-hrsg-zerrissene-faden/
[3] Fritz Schwiefert sollte später als Autor des witzig-geistreichen Bühnenstücks “Marguerite: 3″  (Der Spiegel 7/1949) erfolgreich werden, einem Stück, in dem er persönliche Erfahrungen verarbeitete…. Das Stück wurde wohl 1939 sogar verfilmt: http://www.filmportal.de/film/marguerite-3_d6e0061d038947c0900220213b8856cd
(http://www.fandango.com/fritzschwiefert/filmography/p314648)

Angelika Schrobsdorff
“Du bist nicht so wie andre Mütter”
Geschichte einer leidenschaftlichen Frau
diese Ausgabe: dtv, Jubiläumsedition 2011, ca. 560 S., 2011 

Das Buch wurde im Rahmen der Aktion “Blogger schenken Lesefreude” besprochen. Die Verlosung des Buches unter den sich eventuell hier äußernden KommentatorInnen wird am 1. Mai stattfinden.

Uwe Timm, Frankfurter Buchmesse 2013 Bildquelle [1, Wiki]

Uwe Timm, Frankfurter Buchmesse 2013
Bildquelle [1, Wiki]

Der Schriftsteller Uwe Timm wurde 1940 geboren, er war der Nachzügler der Familie, bezeichnet sich selbst in seiner kurzen Schrift mit diesem Begriff. Sein Bruder Karl-Heinz war sechzehn Jahre älter, noch drei Jahre früher als dieser war die Schwester Hanne Lore geboren worden. Über den Bruder zu schreiben, heißt auch, über ihn zu schreiben, den Vater…. Sich ihnen schreibend anzunähern, ist der Versuch, das bloß Behaltene in Erinnerung aufzulösen, sich neu zu finden. Beide, der Vater wie der Bruder sind in ihm, Uwe Timm, noch auf andere Weise gegenwärtig: Uwe Timm, mit vollständigem Namen “Uwe Hans Heinz”.

75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG.

Es ist dieser Satz, der immer wieder auftaucht in den Gedanken Timms, er ist dem Tagebuch seines Bruders entnommen. Das Tagebuch des Bruders, von diesem verbotenerweise geführt, wurde den Eltern mit einigen wenigen Habseligkeiten zugestellt, nachdem Karl-Heinz, der sich selbst “Kurdel” nannte und Briefe an den Vater mit “Dein Kamerad” unterschrieb, in der Ukraine nach einer schweren Verwundung 1943 starb. Nach einer Schussverletzung mussten ihm beide Beine amputiert werden, im Lazarett überlebte er nicht. Die genaue Todesursache ist nicht bekannt.

timm bruder

Karl-Heinz Timm war mit 18 Jahren, 1,85 m groß, blond, blauäugig als Panzerpionier in die SS-Totenkopf-Division [2] eingetreten. Wenig Materielles ist von ihm erhalten, er ist jedoch der ältere Bruder, der immer als Vorbild, als Schatten, als Über-Bruder über dem jungen Uwe Timm schwebte, der Bruder, der so viel mehr auf den Vater kam als der Nachzügler, der, in einer “neuen” Zeit aufwachsend, Widerworte gab, Widerstand probte, eigene Vorstellungen entwickelte.

Warum so spät die Beschäftigung mit der Vergangenheit, warum so lange die Verdrängung? Erst, so Timm, mussten alle gestorben sein, vor allem auch die Mutter und die Schwester, bevor er sich wagte, zurück zu schauen, die Fragen zu stellen, nach dem “Warum?” Warum ging der Bruder freiwillig und wartete nicht, daß er eingezogen wurde? Warum zur SS? Und was an persönlicher Schuld hat er auf sich geladen … ein Fressen für mein MG… gab es mehr als dieses Füttern des MGs? Sah er, der die Bombardierung der deutschen Städte durch die “Sachsen” in seinen Briefen als inhuman bezeichnete, das Inhumane, das Bestialische, welches die Deutschen im Osten verschuldeten?

Und mit welchen Geschichten hielt man, hielt der Vater, in der Nachkriegszeit die Fassade vom Nicht-Wissen, vom Nicht-Wissen-Können, aufrecht? Die Mär von der guten, der unbefleckten Wehrmacht, daß es waren die anderen waren, die da oben, die Schuld hatten….

Derart breitet Uwe Timm eine Familiengeschichte vor uns Lesern aus, seine Familiengeschichte. Das Militärische hatte Tradition in der Familie Timm, der Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg als Artillerist, später dann als Mitglied eines Freikorps auf dem Baltikum gegen die Bolschewiken, im Zweiten Weltkrieg war er bei der Luftwaffe. Das Militärische lag ihm, Zucht und Ordnung, ein stringentes Regelwerk, nach dem man sich zu richten hatte, das die Richtung vorgab für Pflichterfüllung und Gehorsam. Einige Jugendjahre hatte er in Coburg verbracht, auch hier die hierarchische Atmosphäre noch des Adels, der die Stadt beherrscht hatte. In Coburg erwarb er erste Kenntnisse was Tierpräparationen betraf, hierin brachte Hans Timm es zur Meisterschaft, zu einem eigenen Geschäft in Hamburg. Ein Angebot aus den USA, dort an einem Museen zu arbeiten, lehnte er ab, er wollte sein Deutschland nicht verlassen.

Wie erlebte man den Aufstieg der Nazis? Diese Frage bleibt offen. Den Krieg jedenfalls, der wieder angezettelt wird, machen die Männer mit, der Vater bei der Luftwaffe, der Älteste, auf dem die Hoffnungen ruhen, meldet sich zur SS. Von dort Briefe an den Vater und die Mutter, die Männer waren überein gekommen, der Mutter nichts davon zu sagen, daß der Sohn in Schlachten zog. Für sie wartete er auf die Einsätze, die er in Wirklichkeit durchkämpfte.

Die Familie Timm wird ausgebombt in den furchtbaren Nächten, in denen der Feuersturm durch Hamburg tobt, der Vater war zufällig auf Fronturlaub. Es folgt die Evakuierung nach Coburg. Nur weniges kann gerettet werden, fast alles Dokumente und Unterlagen sind vernichtet worden. In einer Kiste werden versehentlich Weihnachtskugeln gerettet, vermutet war wertvolleres als Inhalt…

Nach dem Krieg kommt der Vater aus Gefangenschaft zurück und findet in den Trümmern eine Pelznähmaschine. Er setzt sie instand und baut eine Kürschnerei auf, die die ersten Jahre gut geht. Es reicht zu einem der ersten Autos, in denen sich der Vater vom Chauffeur durch die Stadt fahren läßt. Es sind die guten Jahre für die Familie, zumindest finanziell. Sie sollten bald zu Ende sein, in den Jahren des Wirtschaftswunders waren Pelze aus dem Hause Timm nicht mehr gefragt, die Kürschner des Hauses konnten die neuen Moden mit ihren ausgefalleneren Schnitten nicht mitmachen. Der Nachzügler, der selbst auch eine Kürschnerlehre sehr erfolgreich absolviert hat, sieht die Mängel im heimischen Betrieb, es kommt zu Spannungen mit dem Vater, immer wieder gibt es Streit.

Der Vater, der charmant war, reden konnte, etwas darstellte, der die Frauen mit seiner Art beeindruckte und ins Geschäft lockte, ließ sich gehen, peu a peu…. fing an zu trinken, schon in der Früh, saß in Kneipen, die Pfefferminzbonbons immer greifbar, lag eines Nachts leblos im Geschäft … in den letzten Jahren, nach dem Tod des Vaters, führt die Mutter das Geschäft, erst mit 82 Jahren gab sie es auf.

Die Schwester, die Wert legte auf das Hanne Lore, ihr Leben war nicht wirklich glücklich. Der Vater nahm sie kaum zur Kenntnis, ihr erster Verlobter fiel, der zweite wurde in Russland vermisst, bis nach Jahren die Todesnachricht kam. Spätere Verhältnisse zu Männern haben eine tragische Note, führen zu Streit und Zerwürfnissen oder blieben im Ungefähren. Erst im Alter erfüllte sich unerwartet der Wunsch nach einem Mann, einem Liebesverhältnis…. auch in ihrem Schicksal schwebt die Frage nach der Schuld des Vaters mit…

“Das jüdisch-bolschewistische System muß ein für allemal ausgerottet werden.”
(Generalfeldmarschall von Manstein,
nachmals Berater der deutschen Bundesregierung
beim Aufbau der Bundeswehr, in einem Armeebefehl vom 20.11.1941)

Niemand hatte etwas gewusst, niemand hatte etwas gesehen. “Eine Generation war politisch, militärisch, mentalitätsmäßig entmachtet worden, und sie reagierte beleidigt, mit Trotz, Verstocktheit. Später, mit dem Beginn des Kalten Krieges, stärkten sich wieder die restaurativen Kräfte, aber zunächst, die ersten Jahre nach dem verlorenen Krieg überlebte der Herrschaftsanspruch nur noch zu Hause, im Privaten. Und er richtete sich gegen die Kultur der Sieger.” Im kleinen Kreis, unter Kameraden, zu Hause wurden die verlorenen Schlachten noch einmal geschlagen, die Feldzüge noch einmal geplant, diejenigen identifiziert, die wirklich Schuld hatten an der Niederlage. Von Einsicht keine Spur. Die Bösen, das waren die anderen gewesen, nicht man selbst… und warum haben die Alliierten nicht die Eisenbahnen zu den KL bombardiert und damit das Morden verhindert? Als ob damit die eigentliche Schuld hätte abgewälzt werden können…

75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG.

Und der Bruder? Was hat er gesehen? Er ist durch eine verbranntes Land gezogen, hat er selbst gezündelt? Oder war die Propaganda vom minderwertigen Untermenschen so tief in ihm verankert, daß es normal war für ihn, diesen auszumerzen? “Der Soldat ist im Ostraum …. Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und der Rächer für alle Bestialitäten, die dem deutschen oder artsverwandten Volkstum zugefügt wurde.” (Generalfeldmarschall von Reichenau, 10.10.1941). Nur sehr, sehr wenige verweigerten den Gehorsam bei Schießbefehlen zur Liquidierung von Juden: “…die, die geblieben waren , wurden Babij Jar zusammengetrieben…. ” [3] Babij Jar, die Schlucht bei Kiew, die mit Menschenleichen gefüllt worden war: “In Zusammenarbeit mit dem Gruppenstabe und 2 Kommandos des Polizei-Regiments Süd hat das Sonderkommando 4a am 29. und 30.9. 33771 Juden exekutiert. …” (Ereignismeldung UdSSR Nr. 106, 7.10.1941), die später wieder enterdet wurden, um verbrannt zu werden: Verwischen von Spuren…. Die, die sich verweigerten, hatten keine Nachteile und trotzdem schossen fast alle, töteten fast alle, mordeten fast alle. Es war das Normale, es war deutsch, zu gehorchen, der Mut, das Selbstbewusstsein, sich ausserhalb zu stellen, “Nein” zu sagen, das war nicht die Art von Mut, die vom Deutschen gefordert und erwartet wurde. Es waren keine Monster, die schossen, es waren normale Menschen.

Stichwortartig oft nur die Anmerkungen im Tagebuch des Bruders. Man sieht ihnen an, sie sind im fahrenden Wagen geschrieben, oft eilig, unter Zeitdruck. Aber gerade in der Kürze wird das Hin und Her der Schlachten, der Kämpfe sichtbar, drückt es sich aus. Keine Hinweise auf Greuel, weder gesehene noch selbst angerichtete, doch was bedeutet das? Sah der Bruder keine oder waren sie so normal, daß sie einer Erwähnung nicht wert waren, auch, weil sie nicht als Greuel empfunden wurden? Es sind stakkatoartig festgehaltene Fakten, Gefühle, Empfindungen sind nicht dokumentiert, selbst wenn er von verwundeten Kameraden redet, von gefallenen…

Der letzte Eintrag im Tagebuch:

Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich für unsinnig halte,
über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen.

Ein Satz, eine Aussage, ohne Erläuterung, ohne Erklärung. Sah er Grausames, geschah im Grausames, und wenn, was geschah? Bei all den Fragen, die dieser singuläre Satz, dieser Satz vom Nicht-Normalen i.e. dem Grausamen, aufwirft, sieht Timm in ihm auch die Hoffnung, der Bruder habe damit den ersten Schritt getan zur Aufkündigung von Gehorsam, zum Nein, zum non servo.

Am Beispiel meines Bruders” ist ein kleines, sehr empfindsames, einfühlsames Stück Vergangenheitsbewältigung. Es arbeitet das Geschehene nicht chronologisch auf, eher sind es Erinnerungsstücke, Momente, die aneinandergefügt werden und die in der Summe das Bild ergeben einer Familie, wie sie es für Deutschland wohl typisch war: den Sekundärtugenden verpflichtet, eine Familie, ein Vater besonders, der den individuellen Mut, zu widerstehen, “Nein” zu sagen, nicht hatte. Eine normale Familie, normale Menschen also.

Links und Anmerkungen:

[1] Biographisches zu Uwe Timm:  http://www.literaturportal-bayern.de/autorenlexikon?task=lpbauthor.default&pnd=118839276
Wiki-Artikel zu Uwe Timm:  http://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Timm
Bild: By Lesekreis (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons
[2] Wiki-Artikel zur SS-Totenkopf-Division: http://de.wikipedia.org/wiki/SS-Division_Totenkopf
ein kurzer videoclip (youtube): SS 3rd Totenkopf(Death’s Head) Division on the Eastern Front
[3] Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther;  https://radiergummi.wordpress.com/2014/03/26/katja-petrowskaja-vielleicht-esther/

Uwe Timm
Am Beispiel meines Bruders
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, HC, ca. 160 S., 2003

Christoph Schlingensief (1960 – 2010) war ein sehr publikumswirksam auftretender Opern- und Theaterregisseur, ein Aktionskünstler und (egal, was er anfasste) jemand der provozierte. Wie kaum ein anderer verschmolz bei ihm die Kunst, seine Kunst, mit seinem Leben zu einem Gesamtkunstwerk. Er muss sehr temperamentvoll und spontan gewesen sein, voller Einfälle und Ideen – die Arbeit mit ihm muss inspierend, aber auch anstrengend gewesen sein.

Treffen sich zwei Wärmekuchen und lassen ihre Last ab. [S. 214]

Anfang 2008 wurde bei ihm ein Lungenkarzinom festgestellt, zu diesem Zeitpunkt setzt das vorliegende Buch ein. Es wurde ihm der linke Lungenflügel operativ entfernt, es folgten Chemo- und Strahlentherapie. Obwohl die Prognose der Ärtze optimistisch war, wurden schon im Dezember des gleichen Jahres Metastasen im rechten Lungenflügel festgestellt. Im August 2010 starb Schlingensief an seiner Krankheit.

Christoph Schlingensief während der Verleihung des Nestroy-Theaterpreises 2009 in Wien; Quelle: [1]

Christoph Schlingensief während der Verleihung des Nestroy-Theaterpreises 2009 in Wien;
Quelle: [1]

So schön wie hier kanns im Himmel garnicht sein!” umfasst Tagebucheinträge Schlingensiefs vom Zeitpunkt der Erstdiagnose bis ca. zum Zeitpunkt, an dem die Metastasen festgestellt wurden, überbrückt also ca. ein Jahr. Da der Autor seine Ausführungen in ein Diktiergerät gesprochen und aufgezeichnet hat, sind auch die Einträge, die direkt nach der Operation vorgenommen wurden, “authentisch” mit diesem Datum.

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Bescheidenheit war Schlingensiefs Sache nicht, sie wurde es auch nicht in diesem Betrachtungen eines Krebspatienten. Einen nicht unerheblichen Teil seiner Gedanken formulierte er dahingehend, wie er diese Erkrankung in sein künstlerisches Werk einbauen könnte… frei nach Hape: “Das ganze Leben ist ein Spiel und wir sind nur die Kandidaten” …. und dann sind da plötzlich doch die Momente, in denen ihm klar wird, daß es kein Spiel ist: “... Und das macht mir Angst, weil ich diesen Einbruch des Realen ja noch nie erlebt habe, weil es ja keine Fiktion mehr ist, kein Schauspiel, bei dem ich den Zuschauern einen Herzinfarkt vorspiele.” [S. 75]. Nein. das IST der Tod, der jetzt als Möglichkeit, als sein ganz persönliches Schicksal, sehr konkret geworden ist.

“Ich bin zutiefst verletzt in meinem Gottvertrauen, in meiner Liebe zum Leben, zur Natur – ich will mich nur noch betrunken unter den Sternenhimmel von Afrika setzen und mich auflösen.” [S. 52]

Die Erkrankung brachte Schlingensiefs Verhältnis zu Gott und zu Jesus ins Wanken, seitenlang wird darüber schwadroniert (ein Begriff, den der Autor selbst verwendet), was z.B. die wenigen Stunden, die Jesus am Kreuz hing, seien gegen die lange Zeit, die andere Menschen zu leiden hätten… hätte auch Schlingensief gerne gerufen: “Mein Gott, warum hast du mich verlassen?”? Ich weiß es nicht, der Gedanke kam mir aber: “Gott bewahre, daß ich dir eins in die Fresse schlage.” [S. 53] …

Immer wieder Rückbesinnungen auf das Schicksal des Vaters, der wohl ein Jahr zuvor gestorben ist nachdem er langsam erblindet war. Die selbstkritische (!) Frage, ob er sich richtig verhalten habe, ob er sich besser hätte verhalten können: jetzt, im eigenen Schicksal, im eigenen täglichen Erleben einer Krankheit und ihrer Folgen, taucht sie am Horizont auf. Ebenso wie die Frage nach dem eigenen sozialen Engagement, da Schlingensief die Einsamkeit des (Krebs)Erkrankten am eigenen Leib erlebt: er muss mit der Diagnose und der Unsicherheit der Therapie leben und zurecht kommen und fühlt sich allein gelassen. Der Verlust der Autonomie, der Eigenständigkeit, das ausgeliefert sein den ärztlichen Entscheidungen und Anweisungen….. Ein Netzwerk zu gründen von Erkrankten, die sich gegenseitig stützen: sicherlich eine gute, sinnvolle Sache. Stelle ich mir jedoch vor, einen selbstverliebten Egomanen wie Schlingensief, der seinen Mund nicht halten kann, am Krankenbett zu haben in dem Bemühen, mich zu begleiten – nein, das stelle ich mir besser nicht vor…

Und immer wieder die Schuldfrage: woher kommt der Krebs, wer oder was ist schuld daran? Nachdem die Ärzte ungefähr taxieren konnten, wie lange der Krebs schon in ihm ist, verortete er Bayreuth und die Wagner-Musik als Auslöser, Ursache des Tumors…. irgendwann in dieser Phase schrie ihn seine Lebensgefährtin (und spätere Frau) Aino an, es solle doch endlich mal mit diesem Schuldgequatsche aufhören. Wie recht sie hatte!

Das ist der Moment, der wichtig ist. Ich huldige anderen.
Ich huldige nicht nur mir. [S. 163]

Wo bei Herrndorf [3] Arbeit und Struktur das Leben nach der Diagnose und während der Behandlung dominieren und Stütze geben, bleibt Schlingensief beim Denken und Planen: “Ich habe lernen müssen, auf dem Sofa zu liegen und nichts anderes zu tun, als Gedanken zu denken.” [4] Es gibt ein Universum, in dessen Zentrum Schlingensief steht und um das sich Schlingensief dreht. Alle anderen sind nur schmückendes Beiwerk, Aino, seine Lebensgefährtin vllt ausgenommen. Eins der Projekte, die ihn sehr beschäftigen, ist der Plan, in Afrika ein Opernhaus zu errichten, überhaupt Afrika, ein Thema, das als Fluchtort für ihn immer wieder auftaucht: “… ich erhoffe mir, mich dort als Person in ihrer ganzen Absurdität irgendwie zusammenführen zu können. Als Bild stelle ich mir eine Art Auffanggefäß vor. Eine Arche, meinte Alexander Kluge am Telefon: Alles, was wichtig ist, wird gesammelt und in einem Kasten zusammengeführt. …. Ich baue ein Opernbaus in Afrika. Und diese Oper, die ich baue, bekommt eine Krankenstation, eine kleine Schule, eine Herberge, eine Kirche und Probebühnen. Aino schlug noch vor, daß es dort ein Sumpfgebiet geben solle. Aber im Kern wird da ein Opernhaus als Arche gebaut. “ [S. 63/4]. Das Projekt wird später in Burkina Faso umgesetzt, wenige Monate vor seinem Tod kann Schlingensief dort noch die Grundsteinlegung erleben. Andere Projekte, Regiearbeiten, dagegen sagt er ab, muss er absagen….

Nach Operation, Chemo und Bestrahlung machen die Ärzte Schlingensief große Hoffnung, wahrscheinlich sei er in seinem ganzen Leben noch nie so “sauber” gewesen. Vergebens. Nur wenige Monate später (in denen keine Eintragungen ins Tagebuch gemacht wurden) finden sich Metastasen im rechten Lungenflügel. Der Gedanke an den Tod ist jetzt greifbar, denkbar geworden, der Ton der Aufzeichnungen ruhiger, abgeklärter. Schlingensief fängt an, Abschied zu nehmen, schreibt Briefe an Freunde, spricht sich mit der Mutter aus: “… habe mich neben sie gesetzt und den Kopf auf ihre Schulter gelegt. Als sie meine Hand nahm, konnte ich die Tränen laufen lassen. Aber vor allem konnte ich ihr gegenüber endlich all die Dinge aussprechen, die mir eine solche Last waren. … All das sagen zu können, … hat so gut getan, ich kanns gar nicht beschreiben. …” [S. 253]

Schlingensief beendet seine Aufzeichnungen mit dem dritten “Wunder“, das er zu Weihnachten erlebt: seine Freundin Aino und er verloben sich: “.. Es geht hier nicht um Stunden und Tage und Monate, es geht hier um ein ganzes Leben. Und dieses Leben, das ich jetzt mit Aino vor mir habe, wird wunderschön.” [S. 254/5]

Christoph Schlingensief stirbt am 21. August 2010.

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Jeder Mensch hat das Recht, auf seine eigene Art mit der Krankheit, dem Sterben und dem Tod umzugehen, dies auch in die Öffentlichkeit zu bringen, wie es Schlingensief in seinen Aufzeichnungen gemacht hat. Dieses Recht zu haben bedeutet aber nicht notwendigerweise, auch den besten Weg gewählt zu haben oder gar die Pflicht für andere, den Betroffenen auf seinem gewählten Weg zu begleiten. So gebe ich zu, mit diesen Aufzeichnungen über eine Krebserkrankung meine Probleme gehabt zu haben. Zu sprunghaft, zu erratisch, zu irrlichternd: Schlingensief war so, warum sollte er sich in der Erkrankung ändern, sicherlich – aber ich konnte für mich aus diesem Buch nichts gewinnen. Damit stelle ich mich durchaus etwas ausserhalb der allgemeinen Rezeption des Buches in der Kritik [5], die dem Buch überwiegend wohlwollend bis positiv gegenübersteht.

Mein “Problem” mit den Aufzeichnungen ist das Gefühl, daß sich Schlingensief dem Selbstmitleid hingibt und sich in einer Opferrolle sieht. Irgendetwas muss Schuld an dieser Erkrankung haben und wenn es die Musik von Wagner ist…. Es dauert lange, bis Schlingensief trennen kann zwischen Realität und Theater und der Versuch, das Reale (seinen Krebs) als Spielmaterial für sein künstlerisches Werk zu adaptieren, muss grundsätzlich scheitern. Der Tod ist eben kein Spiel – andererseits ist zu akzeptieren, daß dies eben der besondere, vllt sogar der für den Erkrankten einzige Weg war, in einer Art Prozess mit dem Ungeheuerlichen klar zu kommen.

Dem Buch selbst merkt man in seiner Sprache an, daß es auf mündlichen Aufzeichnungen beruht. Die Sprache ist nicht sonderlich anspruchsvoll und entspricht in weiten Passagen dem Gesprochenen (wie es der fehlende Apostroph im Buchtitel schon andeutet…), es sind viele Wiederholungen vorhanden, manches versteht man auch beim zweiten Lesen nicht…

So kann ich abschließend festhalten, daß diese Tagebuchaufzeichnungen für mich in Bezug auf den Prozess einer Erkrankung und später eines Sterbens unergiebig waren, zu exaltiert, wie der Betroffene seine Erkrankung wahrnimmt, zu fremd für mich. Für jeden jedoch, der sich für die Person Schlingensief interessiert, ist dieses Buch eine Fundgrube: viel erfährt man über das Verhältnis zu den Eltern, insbesondere dem Vater, auch seine Religiosität spielt eine große Rolle, hin und wieder wird auch das Verhältnis zu auch Berufskollegen und dem Theaterwesen angesprochen.

Christoph Schlingensief
So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!
Tagebuch einer Krebserkrankung
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, HC, ca. 255 S., 2009

[1] Wiki-Artikel zu Schlingensief: http://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Schlingensief;
Bild: By Manfred Werner – Tsui (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
[2] Im Jahr 2010 wurde das Projekt Wirklichkeit, im Februar war Grundsteinlegung in Burkina Faso:  http://www.operndorf-afrika.de
[3] Wolgang Herrndorf: Arbeit und Struktur;  https://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/
[4] siehe hier: http://www.schlingensief.com/projekt.php?id=b001
[5] Christopher Schmidt von der Süddeutschen versteigt sich sogar auf die Meinung, dieses Buch sei eine “der wichtigsten Neuerscheinungen des Frühjahrs” (2009). Was liest der Mann sonst? Briefmarkenkataloge? zitiert  nach:  http://www.perlentaucher.de/buch/christoph-schlingensief/so-schoen-wie-hier-kanns-im-himmel-gar-nicht-sein.html

mehr Buchbesprechungen zum Thema: Tod, Sterben, Krankheit im Themenblog:  http://mynfs.wordpress.com

 

Nachdem ich vor einiger Zeit Nabokovs Schachroman über Lushin [3] gelesen und hier vorgestellt [3] habe, war auch der Wunsch da, die bekannte Schachnovelle von Zweig noch einmal zu lesen. Schließlich ist es schon Jahrzehnte her, daß….

Stefan Zweig  (1882 - 1942, Aufnahme ca. 1912) Bildquelle [1]

Stefan Zweig
(1882 – 1942, Aufnahme ca. 1912)
Bildquelle [1]

Die Schachnovelle wurde 1941 veröffentlicht, kurz vor dem Suizid Zweigs. Sie spielt auf einem Schiff, einer Überfahrt von New York nach Südamerika, einer Fahrt, die Zweig so ähnlich auch unternommen hat. Auf dem Schiff reist neben dem Ich-Erzähler, einem Emigranten, auch der berühmte Schachweltmeister Czentovic. Es gelingt einigen Schachinteressierten unter “Führung” des etwas eigenwilligen, aber reichen McConnors, diesen (gegen Honorar) zum Spiel aufzufordern, das die Männer natürlich verlieren. Es wird aber Revanche vereinbart, der reiche McConnor verbeisst sich in diese Auseinandersetzung mit dem Weltmeister. Aber wie zu erwarten, haben die Männer auch diesmal keine Chance gegen Czentovic, doch da mischt sich auf einmal gegen Ende der Partie ein Unbekannter vehement in das Spiel ein und nach zwei, drei Zügen, die er den unterlegenen Spielern zu spielen empfiehlt, fühlt sich der Weltmeister zum ersten Mal gemüssigt, sich intensiver mit dieser Partie zu befassen. Und tatsächlich gelingt es den “Herausforderern”, dem Weltmeister mit Hilfe des ansonsten namenlos bleibenden Dr. B ein Remis abzutrotzen.

Eine weitere Partie lehnt der Unbekannte ab.

Dann verlassen wir diese Rahmenhandlung und kommen auf eine weitere Erzählebene. Natürlich ist der Erzähler neugierig, woher der Unbekannte diese famosen Fähigkeiten im Schach erworben hat und er versucht, mit diesem ins Gespräch zu kommen. So erfährt er, daß Dr. B. seinerzeit in Österreich Vermögensverwalter für Adlige und den Klerus war, Besitztümer und Guthaben, die sich die Nazis nach dem “Anschluss” an Deutschland unter den Nagel reißen wollten. Um an notwendige Daten und Angaben zu kommen, wurde Dr. B. in Isolationshaft gesperrt, nicht in einem dunklen Verliess, sondern in einem Hotelzimmer, in dem ihm aber nichtsdestotrotz nichts zur Verfügung stand, mit dem er sich hätte beschäftigen sollen.

Als er im Vorzimmer wieder mal stundenlang darauf warten muss, verhört zu werden, sieht er in einem dort hängenden Mantel eine ausgebeulte Tasche. Es gelingt ihm tatsächlich trotz seiner Bewachung, aus dieser Tasche ein Buch zu entwenden und später mit in sein Zimmer zu schmuggeln. Es ist zu seiner großen Enttäuschung ein Schachbuch mit Partien großer Meister. Da es aber das einzige ist, womit er seinen Geist beschäftigen kann, lernt er im Verlauf der Zeit sowohl das Schachspiel selbst als auch die Raffinessen des Spiels, so wie sie sich in den aufgezeichneten Partien zeigen. Nachdem er diese alle auswendig kann, spielt er im Kopf gegen sich selbst und zwar so konsequent, daß er seinen Intellekt in praktisch zwei Bereiche aufteilt, die sich am (imaginierten) Schachbrett unversöhnlich gegenüber stehen. Wahnvorstellungen stellen sich ein, das Spiel nimmt völligen Besitz vom Spieler und nachdem dieser den Wärter angreift und sich beim Randalieren schwer verletzt, kommt er in ein Spital. Dort diagnostiziert der Arzt Unzurechnungsfähigkeit und erspart ihm damit die Rückkehr in seine Isolation. Vom Schach habe er sich fernzuhalten, es unbedingt zu meiden!

Der Erzähler kann Dr. B. dennoch zu einer weiteren Partie mit dem Schachweltmeister überreden, da dieser erst jetzt erfährt, daß der Gegner der berühmte Czentovic ist.

Die Partie findet unter großer Aufmerksamkeit statt. Czentovic spielt das Spiel in seiner Art, langsam, stoisch, wie eine Maschine. Dr. B. hingegen zieht schnell, die Pausen Czentovics geben ihm genug Zeit, die möglichen Folgen weiterer Züge im Kopf durchzuspielen und das Überraschende tritt ein: er gewinnt gegen den Meister, der Revanche einfordert, die ihm auch sofort gewährt wird.

Czentovic hat die Schwachstelle seines Gegenübers erkannt, hat gesehen, wie nervös und quälend die Warterei auf seinen Zug für Dr. B. ist. Und so nutzt er jetzt von Beginn bei jedem Zug die gesamte Zeit, die ihm den Regeln nach zusteht… Dr. B. wird immer unruhiger und fahriger, unlöschbarer Durst so wie in seiner Haftzeit bemächtigt sich seiner, er herrscht Czentovic unhöflich an, endlich zu ziehen…. im Geist hat er die Partie schon längst zu Ende gespielt, wahrscheinlich in allen Variationen… schließlich zieht er und kündigt “Schach” an, obwohl der König Czentovics gedeckt ist und mitnichten im Schach steht: in seinem Kopf haben sich die reale Situation und seine gedanklichen Stellungen gemischt. In diesem kritischen Moment greift der Erzähler ein und erinnert Dr. B. an seine Schachkrankheit (“Schachvergiftung”) und den Vorsatz, nur eine einzige Partie spielen zu wollen….

Der Unbekannte wacht aus seiner Verwirrung auf, erkennt die Lage und beendet das Spiel. Er entschuldigt sich bei den Anwesenden und erklärt, nie wieder Schach spielen zu wollen.

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Schach ist beides, ein Spiel, aber auch eine Auseinandersetzung, eine Art Krieg. Es gibt Könige, die Kavallerie in der Figur der Springer, die Burg symbolisiert durch die Türme, die Bauern, die geopfert werden und die Dame, die zwar mächtig ist in ihrem Möglichkeiten aber letztlich nicht entscheidend, sie kann ersetzt werden und man kann auch ohne sie gewinnen. Der König, auf ihn kommt es an: selbst kaum am Geschehen beteiligt, entscheidet sein Schicksal über das Schicksal aller…

So läßt sich aus das Spiel, wenn es von zwei so gegensätzlichen Spielern wie Czentovic und Dr. B gespielt wird, als Auseianderetzung, als Kräftemessen zwischen zwei “Systemen” interpretieren. Czentovic wird von Zweig als einfacher, simpler, ja als tumber Mensch geschildert, die Art und Weise wie er bei seinem Ziehvater, dem Pfarrer, auf der Bank in der Stube sitzt, ist im Grunde die, in der auch ein Golem beschrieben wird, ruhig, teilnahmslos, uninteressiert. Einzig das Schachspiel interessiert ihn, hier liegt seine Begabung, aber selbst hier ist er nicht kreativ oder inspiriert, sondern eher mit einer Dampfwalze zu vergleichen, die unbeirrt marschiert. Unschwer ist diese Charakterisierung in die Zeit der Entstehung der “Schachnovelle” zu übersetzen: Czentovic als Symbol für faschistische, totalitäre Systeme, die tumb und ohne Geist einfach alles überrollen.

Aber auch Dr. B stimmt als Symbol nicht sehr optimistisch: zwar ist er deutlich intelligenter und kreativer, hat weitaus mehr Möglichkeiten und Potential, doch kann er es nicht nutzen, da er sich nicht im Griff hat. Er unterliegt zwar nicht der puren Mechanik des Czentovic´schen Spiels, aber er besiegt sich selber… kann man im Umkehrschluss aus dieser Interpretation folgern, daß nur ein zweites System, welches dem von Czentovic gleicht, diesen wirklich schlagen kann, denn mit seinem Dr. B. verknüpft Zweig offensichtlich keine realistsiche Möglichkeit, Czentovic zu besiegen…?

1941, in etwas in der Entstehungszeit der “Schachnovelle” fing das Dritte Reich seinen Russlandfeldzug an, die Schlacht von Stalingrad, in der 1942/3 Hunderttausende von deutschen Soldaten eingekesselt werden und fallen, ist noch nicht abzusehen. Aber der Krieg gegen Russland entspreicht einer solchen Situation, in der zwei totalitäre Systeme aufeinander prallen und der Kessel von Stalingrad sollte dann – bleibt man im Bild – ein quälend langes Endspiel gegen den braunen König einleiten…..

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In die Rahmenhandlung der “Schachnovelle” ist mit der Erzählung des Dr. B. eine weitere Ebene eingebettet, die – und das eine Entsprechung zum Aufbau des Textes – tiefgründiger ist die Rahmenhandlung, die an der Oberfläche – auch bildlich spielt. Es ist die Schilderung eines perfiden Haftsystems, das einen Menschen durch Isolation von allen Aussenreizen sehr stark unter Druck setzen kann, zermürben kann oder gar – wie bei dem Unbekannten im Text – krank machen kann. Es ist ein unmenschliches, auf das Brechen des Häftlings angelegtes System. Unterliegt Dr. B. im Schachspiel symbolisch einem Gegner, der für ein faschistisches, totalitäres System steht, so war diese Niederlage in seiner realen Welt ganz konkret: nur mit Hilfe eines Arztes (bzw. auf dem Schiff dann mit der des Erzählers) konnte er gerade noch aus dessen Klauen gerettet werden. So ist das Schachspiel für Dr. B. beides: sowohl der Anker, an dem er sich in seiner Isolation halten konnte, aber auch das Gewicht, das ihn unweigerlich nach unten zog….

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Ein Text wie diesen von Zweig erstaunt immer wieder. Man fängt an, ihn zu lesen und merkt gar nicht, wie er einen beim Lesen packt und wie man in die Geschichte hinein gezogen wird. Das Szenische der Rahmenhandlung, der längere Textfluss der Erzählung des Dr. B., der nichtsdestotrotz fesselnd und spannend ist – das ist die Kunst des Schreibens: ein Netz auszuwerfen mit seinen Worten, in dem der Leser sich verfängt und sich zu allem Überfluss noch wohlfühlt….

Links und Anmerkungen:

[1] zu Stefan Zweig:
- Sabine Wohlschiess: Schachnovelle
http://www.stefanzweig.de/arbeiten/schachnovelle.pdf (Eine Arbeit zur Person Zweigs und zum Text)
- Seite über den Schriftsteller: http://www.stefanzweig.de
- Wiki-Artikel zu Zweig: http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Zweig
(Bild: By s/a [Public domain, GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons)
[2] “Die Schachnovelle” online:
- im Projekt Gutenberghttp://gutenberg.spiegel.de/buch/7318/1
- bei amphio: Geschichten online lesen: http://listolar.pf-control.de/schachnovelle-2/

Stefan Zweig
Schachnovelle
Brief einer Unbekannten – Amokläufer
diese Ausgabe: marixverlag, HC, ca. 192 S., 2014

Den Goethes in Frankfurt am Main (“Wen Gott lieb hat den giebt er Wohnung und Nahrung in Frankfurth“, J.B., Müller, 1747), wurden insgesamt sieben Kinder geboren, von denen aber nur zwei das Erwachsenenalter erreichten, vier starben sehr früh, ein Bruder etwas später im Kindesalter. Von den beiden überlebenden Geschwistern Johann Wolfgang und Cornelia sollte der eine weltberühmt werden, die andere dagegen wird weitestgehend unbekannt bleiben, zumindest demjenigen, der sich nicht für Goethe interessiert.

So wie mir. Ich kannte Cornelia Goethe auch nicht, diese Biographie von Sigrid Damm ist mein erster Kontakt zu ihr, der auf Wunsch meines Lesekreises zustande kam, ein für mich etwas zwiespältiger Literaturwunsch, da auch Biographien an sich nicht meine Leidenschaft sind….

Grab Cornelia Schlossers auf dem Alten Friedhof von Ememndingen,  Bildquelle [2]

Grab Cornelia Schlossers auf dem Alten Friedhof von Emmendingen,
Bildquelle [2]

Sigrid Damm läßt ihre Biographie einer Frau, von der nur wenig bekannt ist, die kaum schriftliche Zeugnisse hinterlassen hat, auf dem Friedhof von Emmendingen beginnen. Dort wurde Cornelia Schlosser, geb. Goethe (“Göthin”) am 10. Juni 1777 beerdigt, sie war kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben. Wie schreibt man, so die Frage Damms an sich selbst, eine solche Biographie und warum schreibt man sie, warum mag sie interessant sein. Nun, letzteres dürfte leichter beantwortbar sein: in den Schicksalen der beiden Geschwister Johann Wolfgang und Cornelia spiegeln sich die Zeiten: er wird zum berühmten Dichterfürsten und sie als Frau, mit – so dürfen wir nach Studium der Biographie annehmen – gleichen, wenn nicht noch mehr Fähigkeiten gesegnet, mit einer dem Bruder (zumindest die ersten Lebensjahre) gleichwertigen Ausbildung bleibt weitgehend unbekannt, kann sich aus den Fesseln des Frauseins nicht befreien. Somit wird das Schicksal der Cornelia Goethe archetypisch für das Schicksal der allermeisten Frauen dieser Zeit, in der sich nur wenige erfolgreich gegen die eingespielte Rollenverteilung wehren können. Zu den wenigen gehört – um ein Beispiel zu benennen – Sophie La Roche [3], der wir in der Biographie als gemeinsame Bekannte von Cornelia und Johann Wolfgang Goethe begegnen.

Cornelia Schlosser, geb. Goethe, Schwester von Johann Wolfgang von Goethe. Bildinfos [2]

Cornelia Schlosser, geb. Goethe, Schwester von Johann Wolfgang von Goethe. Bildinfos [2]

Die dürren Daten aus dem Leben Cornelia Goethes [2]. Geboren am 7. Dezember 1750 in Frankfurt am Main, gestorben nach der Geburt ihrer zweiten Tochter im Alter von 26 Jahren am 8. Juni 1777 in Emmendingen. Verheiratet seit dem 1. November 1773 mit Johann Georg Schlosser [3]. Bestimmend für sie war zeitlebens das Verhältnis zum Bruder Johann Wolfgang, der ein Jahr vor ihr geboren worden war.

Aufgewachsen sind die Geschwister (wie erwähnt, sind im Hause Goethe fünf der sieben Kinder früh gestorben) in einem begüterten Haushalt. Der Vater Johann Caspar Goethe [3] war durch Erbschaft wohlhabend, er heiratete mit Katharina Elisabeth Textor [3] eine Tochter des Schultheissens, mit der ihm zusätzlich gesellschaftliche Reputation zukam. Der “Wirkliche Geheimrat” (ein gekaufter Titel) Goethe war zeit seines Lebens immer Privatier – möglicherweise zum Teil den politischen Umständen geschuldet -, eine Tatsache, die sich auf die Erziehung der Kinder auswirkte – nicht unbedingt nur positiv, wie man vermuten kann.

Beide Geschwister, ungewöhnlicherweise auch das Mädchen, bekamen eine strenge, umfassende und früh, im Alter von drei Jahren, einsetzende, gleichwertige Ausbildung. Der Vater konzentrierte sich, da ihm das Fehlen der beruflichen Tätigkeit die Zeit und Muße ließ (vllt herrschte sogar eine gewisse Frustrierung durch die Absenz von Erfolgserlebnissen, die sich hier abreagieren konnte), ganz auf die Ausbildung der Kinder. Dieser Druck muss zum Teil erheblich gewesen sein, er führte zu einem sehr engen Vertrauensverhältnis der beiden Kinder, die sich zumindest im Geiste als gegen den Vater verbündet sahen.

Trotz der Gleichwertigkeit der Ausbildung und Schulung war die Welt schon in dieser Zeit für das Mädchen enger als für den Knaben, den sie des öfteren vom Fenster aus sehnsüchtig beobachten konnte, wie er das Straßenleben der lebhaften, pulsierenden Stadt erkundete, ein für Mädchen unschickliches Verhalten, das ihr verboten war. Erste Zuweisungen von Rollenverständissen der Zeit.

In diesen sollte Cornelia Goethe zeit ihres Lebens gefangen bleiben. Das Weib hat zu gefallen und dem Manne Kinder zu gebären. Das Leben soll sie ihm schön gestalten und ansonsten den Mund halten. Denn “.. eine Henne, die da krähet, und ein Weib, das gelehrt ist, sind üble Vorboten: man schneide beiden den Hals ab!“, einer Ansicht, zu der sich nicht nur Herder bekennt… Aber ich greife vor.

 Familie Goethe in Schäfertracht (Maler:  Johann Conrad Seekatz), Cornelia rechts im Bild, Bildquelle [2]

Familie Goethe in Schäfertracht (Maler: Johann Conrad Seekatz), Cornelia rechts im Bild,
Bildquelle [2]

Zurück zu Johann Wolfgang und Cornelia. Zwischen den beiden Geschwistern entsteht eine große Vertraulichkeit und Nähe. Sie leiden beide unter demselben Vater und sind ähnlichem Druck ausgesetzt, der sich gemeinsam besser ertragen läßt. Die pubertierende Cornelia fühlt sich zudem auch dadurch in dieses Innenverhältnis gezogen, da sie der Meinung ist, nach außen, in der Konkurrenz zu den gleichaltrigen Mädchen nicht bestehen zu können. Ist der Frauen Rolle die des Appendix zum Manne, so wird es für die Frau wichtig, eine entsprechende Partie zu ergattern. Und wie stellt man dies an? Durch Schönheit, durch äußeren Glanz, durch Putz und Koketterie. Dies kann Cornelia – ihrer Meinung nach – nicht bieten, der Spiegel wird ihr Feind, ihre Qualitäten, ihre Bildung, ihre Intelligenz sind nicht gefragt – mit einer Ausnahme: beim Bruder, der sie als Partner, zum Teil sogar als überlegenen Partner, auch als Konkurrentin, behandelt: “Cornelia ist … nicht nur stumme Zuhörerin, sonder Anreizende, sie hat den Instinkt für das Maß an Einwänden. Ist Partnerin, ohne hartnäckiger Widerpart zu sein. Das genau ist die Bedingung, die der Bruder für seine Arbeit braucht. … “. Das Verhältnis der beiden ist in dieser Zeit so intensiv, daß es nahe am Tabu vorbeischrammt…

Johann Wolfgang Goethe geht zum Studium nach Leipzig, das Versprechen, die Schwester nachzuholen, wird nie eingelöst. Ein reger Briefverkehr entspinnt sich zwischen den beiden und so, wie sich Cornelia in das herrschende Rollenverständnis der Frau einzufinden hat, nimmt der junge Mann selbstverständlich das des Mannes auf: in einer (zumindest heutzutage) immer penetranter und arroganter wirkenden Art und Weise versucht er, aus der Ferne die Schwester zu erziehen, zu formen, als sein “Werck“. Er macht ihr Vorschriften, was sie zu lesen hat, er verbietet ihr Lektüre, er kujoniert sie regelrecht, …. nicht in allem gehorcht das Mädchen, von ihren britischen Schriftstellern, die der Bruder verbietet, will sie nicht lassen. Es ist dies auch die Zeit erster Liebe, die sie zu jungen Männern spürt – vergeblicher Gefühle, die nicht erwidert werden, zumindest nicht so, wie sie es sich erwünscht…..

Der Bruder bestimmt ihr Leben, man gewinnt den Eindruck, er wolle die Verfügungsgewalt über sie. Nach Leipzig geht er nach Straßburg; als Student, dessen Dissertationsschrift abgelehnt wird, durchaus erfolglos: “… Herr Goethe hat eine Rolle hier gespielt, die ihn als einen überwitzigen Halbgelehrten und als einen  wahnsinnigen  Religionsverächter nicht eben nur verdächtig, sondern ziemlich bekannt gemacht [hat]“, so der Dekan der Universität. Zurück in Frankfurt eröffnet er eine Kanzlei, in der aber der Vater die Arbeit erledigt, bis dieser die Geduld verliert und den Sohn nach Wetzlar auf Reichskammergericht expediert, wo sich der Filius in Charlotte Buff verliebte und sich auch mit deren Verlobten Kestner befreundete. Dies ist ebenso die Zeit 1772/73, in der auch Cornelia einen Mann kennenlernt, zu dem sie sich hingezogen fühlt….

Die Zeiten, in der das Leben der Cornelia Goethe über das Erdulden (Damm zitierte eine Äußerung der Cornelia Goethe, in der sie davon redet, daß sie in Zukunft nur Unglück erwarte, das sie jetzt noch nicht kenne….) hinausging und lohnenswert erschient, waren im wesentlichen die Zeiten, in denen der Bruder zwischen seinen verschiedenen Lebensstationen in Frankfurt weilte. Es war die Epoche, in der die literarische Strömung des “Sturm und Drang”, auftauchte. Einige der Namen, die zu dieser Epoche gehörten, tauchen auch im Umkreis der Freunde Goethes auf: neben J.W. selber zum Beispiel Herder und Lenz [4]. Es war eine Gruppe junger Menschen, die sich zusammentaten, wanderten, in die Natur gingen, sich besuchten, diskutierten.. Cornelia fühlte sich wohl in diesem Kreis, dies war ihr intellektueller Anspruch auch an sich selbst. Schlosser, ihr zukünftiger Ehemann, gehörte auch dazu. Goethe erfuhr von der Liaison der beiden, als er schon in Weimar war, daß hier jemand war, der ihm seine Cornelia, seine Schwester, weg nahm, hat er beiden übel genommen, es wohl sein Leben lang nicht verwunden.

Die Ehe wird 1773 geschlossen, das Ehepaar reist gen Süden, erst nach Karlsruhe, der sterilen, jungen Stadt am Rhein, dann ein paar Monate später nach Emmendingen, wo der Mann einen hohen Beamtenposten erlangt. Die Flitterwochen, in denen sich das Paar gut versteht und Liebe zu einander verspürt, sind schnell vorbei. Cornelia Schlosser, die intellektuell ausgebildet ist, hat Probleme, ihre Rolle aus Ehefrau auszufüllen: Dienstboten zu organisieren, den Haushalt zu führen, dem Mann ein heimiliges zuhause zu bereiten. In der eher ländlichen Umgebung bleibt sie eine Fremde ohne Anschluss…. Weit entfernt ist die Ehe von der einstigen Vorstellung einer gleichberechtigten Partnerschaft…. Auf das erste Kind folgt eine lange Krankenzeit, fast zwei Jahre braucht Cornelia Schlosser, um wieder auf die Beine zu kommen. Ein kurzes Intermezzo einer glücklichen Zeit ist noch einmal der Sommer 1776. Viele Bekannte aus dem Sturm und Drang besuchen das Schlossersche Haus, machen Landpartien, treffen sich dort auf Gesellschaften. Doch das Glück währt nicht lange, ein paar Monate nur. Dann versinkt Cornelia Goethe wieder in eine Depression. Die zweite Schwangerschaft, die sie spürt, macht ihr Angst… Drei Wochen nach der Geburt ihrer zweiten Tochter erliegt Cornelia Schlosser, geb. Goethe, dem Fieber und der Krankheit, die sie wieder gepackt hatten.

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Sigrid Dammes “Cornelia Goethe” ist mehr als eine Biographie, mehr als ein Versuch, ein Leben nachzuzeichnen. Dieser Teil ist vllt sogar der geringere, aufgrund der unzureichenden Faktenlage ist vieles, was die Autorin schreibt, notwendigerweise Spekulation, Plausibilierung, Annahme, Deutung, Interpretation, Wahrscheinlichkeit oder einfach auch “Einfühlung” in ein nah gewordenes Schicksal. Die allermeisten der Briefe Cornelias sind vernichtet, verbrannt worden. Was sie geschreibt hat, schließt Damm z.B rück aus den Antworten des Bruders an sie. Das Tagebuch ist erhalten, für zwei Lebensjahre der jungen Frau, von 17 bis 19, gibt es verklausulierte Auskunft über deren Befindlichkeit….

In wesentlichen Teilen schildert und deutet Damme ein inniges und “ungesund” enges Geschwisterverhältnis, ungesund besonders von Seiten des Mannes her, der die Schwester als quasi-Eigentum ansieht, als ausschließlich zu ihm gehörig. Die Entscheidung der Schwester, zu heiraten, missbilligt er im Inneren aufs Tiefste, empfindet sie als Verrat, letztlich wendet sich der Bruder danach von der Schwester ab. Aber auch die Schwester braucht ihren Bruder zum Leben, versteht dessen Zurückweisung nicht. Damme versucht aufzuzeigen, wie hier psychologische Gesichtspunkte eine Rolle spielen, inwieweit sich diese Vorgänge zwischen Bruder und Schwester auch im dichterischen Werk Johann Wolfgangs widerspiegeln.

Bei einem Mädchen wie Cornelia , das durch den Bildungswillen des Vaters zunächst gleichberechtigt erzogen wurde, das geistig entwickelt, begabt, wach ist, brechen die Konflikte hart auf in dem Moment, da sie das Bewusstsein ihrer tatsächlichen Lage bekommt. Ihr fällt die Anpassung besonders schwer, weil sei auf etwas vorbereitet wurde, für das es in der Wirklichkeit keine Entsprechung gibt. Alle Anlagen müssen gewaltsam in ihr zurückgebogen werden. “

Der angesprochene Bildungswille des Vaters, den dieser mit strenger Disziplin durchsetzte, beschränkte sich auf die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, nicht auf die Förderung von Eigenschaften. Trotz aller Begabung und Kenntnisse hatte Cornelia Goethe nicht den Mut, das Selbstbewusstsein entwickeln können, dessen sie bedurft hätte, aus der traditionellen Frauenrolle zu entkommen. Daran ist sie letztlich zerbrochen: für sie war die Aussicht auf das Leben die Aussicht auf kommendes Unglück. Da sie kein Bild einer Zukunft hatte, war für sie – so Damme – die Selbstabtötung, die Verneinung, die Rebellion gegen ihre Weiblichkeit die Konsequenz.

Beherrschend in der Biographie der Frau ist das enge Verhältnis der beiden Geschwister und dessen – letztlich zerstörende – Auswirkung auf Cornelia Goethe. Der Bruder nahm sich, dem damaligen Verständnis vom Mann-Sein entsprechend, alle Freiheiten, betrachtete seine Schwester zwar als besonderes Verhältnis, aber ohne, daß er sie deswegen als Persönlichkeit anerkannt hätte. Jedes Zeichen von Eigenständigkeit ihrerseits strafte er mit Liebesentzug, sprich: der Kontakt wurde abgebrochen, die Schwester auf Entzug gesetzt. Während Cornelia Goethe sehr darunter litt, kann man sich ein analoges Leiden des Dichters kaum vorstellen, er setzte seinen Ärger, seine Emotionen in Dichtung um – für die Nachwelt ein Gewinn, zweifelsohne, der damit indirekt auch der Schwester (zumindest in kleinen Teilen) mit angerechnet werden muss….

Hatte Cornelia Goethe überhaupt eine Chance bei den damaligen Verhältnissen? Sie hätte sie gehabt, wenn im Vaterhaus vom Vater neben den Fertigkeiten und Kenntnissen auch der Weg vermittelt worden wäre, diese zu nutzen: Selbstbewusstsein, emotionale und psychische Stärke, Eigenständigkeit. Schließlich gibt es Beispiele für solche Frauen, die Dichterin Laroche, die ja zum Freundeskreis gehört, ist ein solches. Diese Eigenschaften fehlten der Schwester aber völlig. Somit läßt sich überspitzt sagen, daß Cornelia Goethe in ihrer Zeit eine absolute Aussenseiterin war, zum Scheitern verurteilt: das, was sie konnte, was sie wollte, war ihr “Leben” bedeutete, war verpönt, nicht gewünscht, im Gegenteil. Das was sie als Frau hätte machen müssen, um rollenkonform zu leben, war wiederum ihr verpönt, ja, das konnte sie nicht, weil sie das nie gelernt hatte: einen Hausstand zu organisieren, gesellschaftlich zu glänzen, dem Mann zu dienen. So nimmt es nicht wunder, daß die seltenen Perioden des Glücklichseins immer mit der Anwesenheit des Bruders und eines Kreises Gleichgesinnter verbunden waren. Diese Zeiten waren endlich, ins Gefängnis des Alltags zurückgeworfen überfielen Traurigkeit und Schwärze ihre Seele: die Depression zog sie immer tiefer hinunter ins Unglücklichsein. Ein tragisches Leben, das früh endete und dessen Erinnerung durch die schäbige Aufarbeitung des Bruders (in “Dichtung und Wahrheit”) für die Nachwelt geprägt ist. Diese Rezeption der Schwester zumindest hat Sigrid Damm korrigiert.

 ************

Dammes Schreibstil ist gut lesbar mit vielen Nominalphrasen (bei der Bezeichnung verlasse ich mich ´mal auf [5]), verlangt aber Aufmerksamkeit beim Lesen, schnell sind ansonsten wichtige Passagen überlesen.  Sie zitiert viel, einige Dokumente sind extra für dieses Buch ins Deutsche übersetzt worden. Es entsteht nicht nur das Leben der Hauptperson vor unserem geistigen Auge (mit allen Einschränkungen bzgl. der Quellenlage), sondern auch ein Zeitbild, insbesondere das der Frau und das des städtischen Bürgertums in Frankfurt. Gut getan hätten der Biographie einige Abbildungen, von der mehrfach erwähnten überaus korrekten Handschrift der Cornelia Goethe zum Beispiel oder auch Bilder aus ihrem Umkreis… für den einen oder anderen ist vllt auch der besondere Blick auf den berühmten Bruder neu, obgleich ich vermute, hier wären Bestätigungen durch (andere) Goethekenner sinnvoll. Unter diesen Gesichtspunkten also ein durchaus anzuratendes Buch, das mit Gewinn zu lesen ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Kurzbiographie: Monika Gemmer: Cornelia Goethe, die vergessene Schwester in: http://www.frankfurt.frblog.de/cornelia-goethe
[2] Wiki-Beitrag zu Cornelia Goethe: http://de.wikipedia.org/wiki/Cornelia_Schlosser; Bild “Schäferfamilie“: Johann Conrad Seekatz [Public domain], via Wikimedia Commons
Bild “Rötelzeichnung C. Schlosser“: Johann Ludwig Ernst Morgenstern [Public domain], via Wikimedia Commons
Bild: “Grabstelle“: By Andreas Schwarzkopf (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
[3] Wiki-Artikel zu Persönlichkeiten, die in der Besprechung erwähnt werden:
- Sophie La Roche: http://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_von_La_Roche
- Johann Georg Schlosser: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Schlosser
- Johann Caspar Goethe: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Caspar_Goethe
- Katharina Elisabeth Textor: http://de.wikipedia.org/wiki/Catharina_Elisabeth_Goethe
[4] Wiki-Artikel zum “Sturm und Drang”: http://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_und_Drang
[5] Weitere Rezensionen zum Buch:
http://www.lesekost.de/Biograf/HHLB20.htm

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