Thomas Mofolo: Chaka Zulu

27. November 2014

Der Autor Thomas Mofolo wurde 1876 auf dem Gebiet des heutigen Lesotho als Sohn eines christlichen Ehepaares geboren. Er genoss eine gute Ausbildung, arbeitete in verschiedenen Berufen, sein bedeutendstes Werk als Schriftsteller dürfte dieser Roman um Chaka sein, der in einer ersten Fassung 1908 vorlag, aber erst achtzehn Jahre später publiziert wurde. Mofolo starb 1948 [1]. Im Nachwort zum Roman ist eine ausführliche Biographie des Autoren angehängt.

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Die Figur des Chaka ist historisch, ebenso die prinzipiellen Stationen seines Lebens, wie sie Mofolo in seinem Roman aufgenommen hat. Chaka ist, und dies ist sozusagen die Erbsünde seines Lebens, Frucht eines vorehelichen Fehltritts des Mazulu-Häuptlings Senzangakhona ka Jama mit der Lenginifrau Nandi, die er zwar heiratet, nachdem klar ist, daß “der Mond sie übergangen hat“. Daß aber ihr Erstgeborener zu diesem Zeitpunkt schon unterwegs gewesen sein muss, wird zwar nicht ausgesprochen, ist aber – so wird sich zeigen – ein offenes Geheimnis. Wäre dieser voreheliche “Fehltritt” offiziell geworden, hätte dies extreme Konsequenzen gehabt: es stand der Tod darauf.

Die Hauptfrauen, die dem Senzangakhona ebenfalls Söhne geboren hatten, erpressen diesen, Nandi und ihren Sohn zu verstoßen. Die Mutter ruft eine Nkaka, eine Frau mit magischen Kräften. Von dieser erhält Chaka einen wirksamen Zauber und sie macht ihm verschiedene Voraussagen, unter anderen die, daß die Hilfe eines größeren Mannes als es die Nkaka ist, auf ihn wartet…

Mutter und Sohn kehren zum Stamm der Mutter, den Lengenis, zurück, sind dort aber nicht willkommen. Chaka ist ein Ausgestoßener, er wird gehänselt, verprügelt bis fast zum Tod, in gewissem Sinn ist er vogelfrei. Dies hat zweierlei Konsequenzen: es wächst ein unermesslicher Hass in ihm heran und er lernt es, zu kämpfen. So ist er der einzige, der sich dem Löwen entgegenstellt und der Hyäne, die des Nachts in den Kraal kommt, Menschen zu stehlen. Beide tötet er und blamiert damit die Männer des Dorfes, die angstvoll geflohen sind.

Zwar singen die Mädchen und Frauen jetzt Siegeslieder auf den mutigen, großen und gut aussehenden Jüngling und lachen die anderen Männer des Dorfes aus, doch muss Chaka die Rache der Männer fürchten. So verläßt er das Dorf und wandert in Hitze und Trockenheit durch die Landschaft. Völlig erschöpft und heruntergekommen sinkt er an einem einsam stehenden Baum in der Steppe nieder auf den Boden. Als er die Augen wieder öffnet, steht ein Mann vor ihm…

Das bisherige Leben hat zusammen mit den Veranlagungen, die Chaka in die Wiege gelegt worden sind, den Boden bereitet. Diese Begegnung mit Isanusi, so stellt sich der Fremde Chaka vor, stellt endgültig die Weichen für das Kommende.

Isanusi weiß zum Erstaunen von Chaka alles aus seinem Leben: da erkennt Chaka, daß dies der Mann ist, von dem seinerzeit die Nkaka sprach, daß er größere Zauber hätte als sie und daß er ihm helfen würde, wenn er Hilfe bräuchte. Und Chaka braucht diese Hilfe, denn er will Macht bekommen und nur die Häuptlinge haben Macht und die Macht braucht Chaka, um sich zu rächen, um das, was ihm und Nandi angetan worden ist, zu vergelten. Mit Blut und Tod. Isanusi sagt ihm, daß dies möglich sei, daß er über diese Zauber, mit denen das erreicht werden kann, verfügt… und Chaka bittet Isanusi um diese Zauber.

Der Geist des Menschseins war nicht mehr in Chaka, als er zurückkehrte. Er dachte nur noch ans Töten, er sann über diesen oder jenen Anlass zum Streit…. den er mit den Assegai entscheiden würde…”

Chaka geht zu  Dingiswayo, dem Häuptling  eines großen Stammes, der ihn, ob der ruhmreichen Geschichten, die ihm vorausgeeilt waren, schon längst hatte kennen lernen wollen. Dort gab er gleich einen weiteren Beweis seiner Überlegenheit: er tötete einen Besessenen, der im Wahn selbst viele Rinder getötet hatte und vor dem alle Angst hatten. Zum zweiten bewährte er sich in einer Schlacht, die Dingiswayo mit einem verfeindeten Stamm führte, derart, daß er vom Häuptling als Dank gleich zum Befehlshaber eines Regimentes befördert wurde.

Chaka revolutionierte die Kampfesweise und damit das Kriegswesen der Stämme in dieser Region der Welt [3]. Er verachtete den traditionellen “Assegai”, den Wurfspeer und funktionierte ihn durch Kürzen des Schaftes zur Stichwaffe um (später, wenn er mehr Macht hat, wird er alle eigenen Leute töten lassen, die ihrem Assegai gegen seinen Befehl in einer Schlacht als Wurfspeer eingesetzt hatten). Ferner vergrößerte er den Schutzschild, so daß einerseits feindliche Assegais leicht abzuwehren waren, andererseits konnte der Schild selbst als “Waffe” eingesetzt werden, um nämlich den Schild des Feinder herunterzuziehen und so seine Flanke zu öffnen. Unter Chakas Kommando gab es eindeutige Hierarchieketten und Befehle, auf die üblichen Rituale zum “Aufheizen” wie Tänze, Schreien, Beschimpfen des Feindes, verzichtete er völlig, die Kraft, die diese Rituale verbrauchten, sparte er sich für´s Töten auf. Seine Leute waren auf Disziplin gedrillt, sie wussten, wie sie Schild und Speer einzusetzen hatten…. [5]

Es gab noch weitere Auseinandersetzungen und Schlachten, u.a. auch mit dem Stamm seines Vaters. Dieser starb und am Grab seines Vaters traf Chaka wiederum auf Isanusi, den Meister der schwarzen Magie. Und wieder entschied sich Chaka, seinen Weg zur Macht, wie sie noch niemand kannte, zu Ende zu gehen. Der Preis, so warnte ihn Isanusi, sei hoch, doch Chaka war bereit, ihn zu zahlen.

Er hatte schon lange erkannt, daß die Ehe für einen Kämpfer schädlich ist, sie pflanzt Angst und Vorsicht in sein Herz, ferner Sehnsucht nach den Armen des Weibes und der Nähe des Kindes. So blieb Chaka selbst unbeweibt, aber die wunderschöne Tochter Dingiswayos, Noliwa, verstand es doch, durch ihr Wesen und ihre Art, den Rest Liebe, der noch in seinem Herzen war, zu wecken. Dies war der Preis, mit dem von ihm selbst geopferten Leben Noliwas, ließ sich die große Häuptlingswürde erringen…

Dingiswayo war ein großer Häuptling, sein Sinnen war nicht der Krieg. Er sorgte dafür, daß die Männer ein Handwerk hatten und belohnte die, die es gut ausführten. Ebenso hielt der die Frauen zu solchen Tätigkeiten an, es entwickelte sich Tausch und Handel, es ging den Menschen gut in diesen friedlichen Zeiten. Doch Dingiswayo starb und Chaka wurde zu seinem Nachfolger gewählt.

…und Chaka war ein Mann des Tötens um des Tötens willen. Unter seinem Regiment galt nur noch das Militärische. Von früher Kindheit an wurden die Knaben in den Gebrauch der Waffen eingeübt, den Männern war die Hochzeit verboten, erst, wenn sie sich in der Schlacht verdient gemacht hatten, durften sie heiraten. Handwerk und Handel zählten nicht mehr, Chakas großer Häuptlingssitz hieß “Stätte des Tötens” [1]. Und er tötete… mit unerbittlicher Härte wurden auch die eigenen Männer getötet: kamen sie aus der Schlacht ohne ihren Assegai zurück: Tod. Hatten sie keine gegnerischen Wurfspeere erbeutet: Tod. Hatten sie ihre Assegais nach alter Sitte geworfen: Tod…..

Zeitgenössische Darstellung des Zulu-Häuptling Shaka (1824) Bildquelle [B]

Zeitgenössische Darstellung des Zulu-Häuptling Shaka (1824)
Bildquelle [B]

Chaka führte Krieg, er besiegte die Stämme im Süden, die im Norden, die Westen und die im Osten. Sein Hoheitsgebiet war schließlich größer als Europa… Er tötete alle, bis auf die Jünglinge, die er in seine Regimenter steckte. Er tötete das Vieh, er verbrannte das Getreide. Er zündete die Dörfer an und die Felder. Die, die er nicht tötete, die verhungerten. Man floh, hörte man, seine Armeen seien im Anmarsch. Flüchtlingsströme ergossen sich durch das Land, die ihrerseits wiederum ebenso töteten, denn sie kamen durch anderer Stämme Gebiete, die sich den Flüchtlingen entgegenstellten. Es gab kein Vieh, um den Hunger zu stillen und kein Korn und so ging man auf Menschenjagd und fing an, Menschenfleisch zu verzehren… Das vormals relativ friedliche Land war blutgetränkt.

…und Chaka tötete auch im eigenen Haus, er war ohne Mitleid. Zwar heiratete er nie, doch hatten hinter seiner Hütte schöne junge Frauen ihre Wohnstatt, bei denen er lag. Die Kinder, seine Kinder, tötete er. Er tötete seine Mutter Nandi, die versucht hatte, einen Enkel vor ihm zu retten. Er tötete Tausende, die nicht genügend Tränen vergossen beimTod seiner Mutter zum Zeichen ihrer Trauer. Träge, faul und satt in Chakas Reich waren nur die Geier und die Hyänen, alle anderen hatten Angst.

Da er später nicht mehr selbst in den Kampf zog, sondern seine Befehlshaber ausschickte, vermisste er unter dem Einfluss des dunklen Zaubers das Blut. So holte der das Töten in seine Dorf: er richtete ein Fest aus und tötete die, die zu leise sangen, er tötete die, die zu laut und falsch sangen und er tötete die, die garnicht sangen…

Trotz (oder gerade wegen) der Furcht und des Schreckens, den er verbreitete, gab es viele, die nur noch Angst vor ihm hatten, ihn im Heimlichen ablehnten und wünschten, er wäre tot. Letztlich stellte man ihm einen Hinterhalt und auch für Chaka selbst scheint sich in dieser Situation sein Schicksal zu erfüllen, schon länger plagen ihn böse Träume und die Gedanken an all die Ermordeten. Der Tag, an dem ihm die Assegais in den Leib gestoßen werden, ist zweierlei: zum einen der Tag, an dem sich Isamusi den Preis, den Chaka für die Erfüllung seiner letzten Machtträume zu zahlen hat, holt, zum anderen der Tag, den Chaka als Erlösung empfindet.


Mofolo hat “Chaka Zulu” nicht als historischen Roman geschrieben, auch wenn er sich an den historischen Gegebenheiten orientiert (wer eine genauere historische Bearbeitung lesen will, ist sicherlich bei Sinclair [3] besser aufgehoben. Dessen Roman diente auch als Vorlage für die vom ZDF 1986 ausgestrahlte Serie [4]). Viele historische Ereignisse werden von Mofolo zusammengefasst oder verfremdet, die Begegnung Chakas mit den “Weißen” wird völlig ignoriert, überhaupt spielen die “späten” Jahre des Zulu eine relative geringe Rolle im Roman.

Dem Autor kam es vielmehr darauf an, die Entwicklung Chakas zu einem Menschen zu zeigen, der jegliches Menschliche in sich abgetötet hat und dessen Lebenssinn der Töten gewordene Hass ist, ein Hass, der sich letztlich gegen den Träger selbst wendet. Zentraler Teil der Geschichte ist, das ist unschwer zu erkennen, das Motiv, das wir z.B. aus dem Faust kennen: der Pakt mit dem Teufel, der die Seele als Gegengabe verlangt. Hier hat Isanusi, der Zauberer mit seiner schwarzen Magie die Rolle, die bei uns Mephisto einnimmt: er kann die Wünsche Chakas erfüllen, doch dieser muss sich ihm ganz ausliefern.

Chaka hätte die Chance gehabt, “Nein” zu sagen, mehrmals. Es ist nicht so, als ob Isanusi ihm alles aufgezwungen hat, im Gegenteil, er zwingt ihn, zu warten und sich zu prüfen, doch Chaka läßt jede Gelegenheit, sich und seine Handlungen, seine Wünsche zu überdenken, verstreichen und bestätigt seinen Willen dann um so entschlossener. Als er den ersten Schritt getan hatte, seinerzeit als völlig Erschöpfter unter dem Baum, bei der ersten Begegnung mit dem Magier, war sein weiterer Weg im Grunde vorbestimmt. Chaka konnte aus seinem Hass, der sich zum Blutdurst entwickelte, nicht mehr zurück – letztlich eine Konsequenz wohl aus den persönlichen Eigenschaften des Mannes, der durch seine unglückliche Kindheit geprägt war.

Im Gegensatz zum Roman Sinclairs über “Shaka Zulu” [3] spielen bei Mofolo diese magisch/animistischen Momente eine große Rolle und werden einer biographischen “Wahrheit” gegenüber vorgezogen. So ist es nur folgerichtig, daß die letzten Jahre der Herrschaft des Zuluhäuptlings relativ kurz gehalten sind: der letzte entscheidende Schritt, die letzte Magie, die Magie, die selbst der Magier nicht wieder zurücknehmen könnte, ist aufgerufen worden und wirkt – wie ein Gift in den Adern des Mannes. Danach kann nichts mehr kommen, das Schicksal ist endgültig und unveränderbar in Gang gesetzt. Das Aufeinanderprallen der zwei Kulturen, der europäischen mit den Engländern und der afrikanischen ist als solche für Mofolo für die Deutung Chakas uninteressant gewesen, der Weiße kommt nur in der letzten Prophezeiung des Buches vor: Chaka sagt seinen Mördern voraus, daß sie keine Freude an der Königswürde haben werden, da der Weiße Mann sie unterwerfen wird.


Der Manesse-Ausgabe, die ich las, ist im Nachgang eine “Deutung des Romans” beigegeben. In dieser Deutung wird vor allem hervorgehoben, wie viele Parallelen und Anspielungen zur Bibel der Roman enthält. Neben einigen, meiner Meinung nach weniger evidenten Stellen, ist die wichtigste Parallel meiner Meinung nach die Szene, in der Chaka zum ersten Mal auf Isanusi trifft. Wie Jesus ist Chaka in die Wüste gegangen, sich über den weiteren Weg klar zu werden. Wie Jesus trifft Chaka auf den Teufel, hier in Gestalt des Zauberers. Aber während Jesus den Verlockungen des Teufels widersteht, geht Chaka begierig auf die Verlockungen Isanusis ein und wird mit seinem Schicksal vielleicht zur Mahnung, was alles passieren kann, wenn man eben den Verlockungen, die das Leben bietet, nachgibt. Chaka als Gegenpol zu Jesus: Jesus heilt den Besessenen, der ihm bgegnet, Chaka tötet ihn. Und so wie der Tod dem Leib Jesu nichts antun kann, so bleibt auch der Leichnam Chakas verschont: die wilden Tiere rühren ihn nicht an, als er über Nacht liegen bleibt. So hat der Christ Mofolo in Chaka gewissermassen einen Gegenentwurf zu Jesus geschaffen, einen Mann des Hasses und des Todes, der ein (instabiles) Reich in dieser Welt errichtete, während Jesus ein Mensch der Liebe und Nächstenliebe ist mit einem Reich, das nicht von dieser Welt ist….

“Chaka Zulu” von Thomas Mofolo war eine sehr interessante Lektüre, die einen Einblick in eine Welt gegeben hat, die uns so völlig fremd ist. Chaka war ein Mann großer Fähigkeiten, der die Landkarte des afrikanischen Südens neugestaltet hat, einer Region, die der Weiße Mann zu seiner Zeit schon begonnen hatte, für sich zu requirieren. “Der große Elefant” hat in Mofolo jemanden gefunden, der es verstanden hat, seine Zerrissenheit, seinen Wahn, Besessenheit darzustellen, ohne ihn von Grund auf zu verurteilen. Ein Grund mehr für mich, dieses Büchlein zu empfehlen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Mofolo
[2] Wiki-Beitrag zu Chaka Zulu: http://de.wikipedia.org/wiki/Shaka
[3] Joshua Sinclair: Shaka Zulu, Schneekluth, 1986
[4] vgl. z.B. hier: http://www.fernsehserien.de/shaka-zulu, bei youtube sind eine Vielzahl von Clips zu finden. “Eine der großen Stärken der Serie ist aber sicherlich die ausführliche Darstellung traditioneller Riten und Bräuche der Zulu, z.B. in Form von Hochzeits- oder Beerdigungszeremonien. Dieser “folkloristische” Teil dürfte allerdings so manchem Zuschauer im Verlauf der Serie doch etwas zuviel Platz einnehmen und bremst ein wenig die Handlung aus. Die Serie bemüht sich jedoch stets um Authentizität, bietet interessante kulturelle Einblicke, eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen und dokumentiert auf eindringliche Art und Weise den Zusammenstoß zweier völlig fremder Kulturen auf Augenhöhe. Gerade diese ernsthafte Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Denkmustern der beiden Kulturen ermöglicht es dabei auch dem Zuschauer selbst sich den Spiegel vorzuhalten”. [http://www.splashmovies.de/php/…..shaka_zulu___.…..]
[5] die übliche Kampfesweise war zu der damaligen Zeit weitgehend ritualisiert. “Der  König betrachtete den General nachdenklich, “Aber was wäre beispielsweise, wenn du in die Schlacht ziehen und feststellen würdest, daß der Feind anders kämpft – einfach nicht vorschriftsmäßig?” – “Ausgeschlossen, König! Das verbietet unser Ehrenkodex. Der Gegner kann nicht einfach kämpfen, wie´s ihm gefällt! Das wäre lächerlich! Was sollte dann aus dem Krieg werden?” diskutieren Dingiswayo und einer seiner Generäle, nachdem sie die neue Kampfweise Chakas gesehen haben nach [3, S. 227].

Der traditionelle Ablauf einer solchen Auseinandersetzung, die meist recht unblutig waren, ging in etwa so: nach den Kriegstänzen, den Gesängen, dem Geschrei und den Beleidigungen wurden die Assegais geworfen, die dann von den Kriegern der Gegenseite aufgenommen und zurückgeworfen wurden. Chaka und seine Krieger jedoch ignorierten dies alles. Sie stürmten in geschlossener Formation unter dem Schutz der großen Schilde gegen den Gegner in den Nahkampf, rissen mit ihren Schilder den der Feinde herunter und stießen blitzschnell mit dem zur Stichwaffe umgemodelten Assegai zu. Innerhalb weniger Minuten färbte sich der Boden rot von Blut, der Krieg zwischen den Stämmen hatte sein Gesicht grundlegend gewandelt. Der drakonischen Strafen (es gab ja nur eine…. ) wegen gab es bei Chakas Kriegern auch niemanden, der zurückwich oder mit dem Stich des Assegais zögerte…

[B]ildquellen: – Portrait Chaka: [2], Bild gemeinfrei

Thomas Mofolo
Chaka Zulu
Übersetzt aus dem Sesotho von Peter Sulzer
mit diversen Anhängen
Originalausgabe: 1926
diese Ausgabe: Manesse Bibliothek der Weltliteratur, ca. 380 S., 1988

Zusammenfassung beider Bücher

Die Geschichte spielt am Südhang der Alpen, im wesentlichen im Herzogtum Mailand der Jahre 1628 bis 1630. Zwei junge Menschen, Lucia und Renzo, in einem kleinen Dorf wollen heiraten, der Hochzeitstermin steht für den nächsten Tag fest. Doch aus einer momentanen Laune heraus ist der örtliche Feudalherr Don Rodrigo, der die Braut auf der Straße sah, eine Wette eingegangen, daß es ihm gelänge, dieses Mädchen für sich auf seine Burg zu holen. Durch seine Schergen droht er dem Pfarrer mit dem Tode, falls dieser die Trauung vollzieht.

Der Pfarrer fügt sich der Drohung, die Brautleute sind verzweifelt und versuchen allerlei, daß es doch noch zu dieser Hochzeit kommt, aber es gelingt ihnen nicht. Im Gegenteil kommt es zu großer Aufregung, als der Don Rodrigo beschließt, das Mädchen entführen zu lassen: die Verlobten können zusammen mit Lucias Mutter Agnese gerade soeben noch fliehen. Hier trennen sich die Wege der drei: Lucia und Agnese finden in einem Kloster Unterschlupf, Renzo flieht in die Stadt, nach Mailand.

In Mailand herrscht Hungersnot und die Menschen sind aufgebracht, gehen auf die Straße. Der unerfahrene Jüngling läßt sich, auch da er des Abends dem Wein zu schnell und zu sehr zusprach, zu unbedachten Worten hinreißen: die Obrigkeit macht ihn zum Sündenbock für den Aufruhr und inhaftiert ihn, doch Renzo hat Glück und kann den Häschern entfliehen. Auf Schleichwegen verläßt er Mailand ins benachbarte bergamaskische zu einem Verwandten, der dort eine Seidenspinnerei hat, in der er arbeiten kann.

Don Rodrigo derweil hat von seinem Plan, Lucia auf die Burg zu holen, noch nicht Abstand genommen: er bittet einen geheimnisvollen Burgherrn, dessen Namen wir nie erfahren, der aber mächtig ist und mächtig böse zudem, um Hilfe… die dieser ihm auch verspricht, doch bald darauf schon wird er unruhig ob des Versprechens und bereut fast, es gegeben zu haben. Trotzdem hält er es und er entführt Lucia. Doch in der Nacht reut ihn alles, die Entführung des Mädchens, sein bisheriges Leben und er gelobt Besserung. So läßt er Lucia frei und sorgt dafür, die Unterkunft bei einer guten Familie erhält.

Aber auch die große Politik nimmt Einfluss auf das Leben der Menschen: in der Region toben Kämpfe und Kriege, der später 30jährige Krieg genannte reicht in diesem Jahren bis hier in diese Region. Vieles, nein, fast alles wird verwüstet durch die marodierenden Truppen und schlimmer noch: sie bringen die Pest mit in die Städte, in die Dörfer, in die Häuser.

Ein großes, großes Sterben setzt ein, die öffentliche Ordnung verfällt – es ist niemand mehr da, der sie aufrecht halten könnte…. kaum, daß die Leichen eingesammelt und verscharrt werden können. Nur wenige überleben die Krankheit, unter ihnen ist Renzo, der sich jetzt, da er eine weitere Verfolgung kaum mehr fürchten muss, auf die Suche macht nach seiner Lieben. Und tatsächlich – nach langer Suche findet er sie, auch Lucia hat die Pest überstanden, doch einem gemeinsamen Lebensglück steht noch eins entgegen: das Gelübde Lucias, wenn sie gerettet würde, ledig zu bleiben…. doch ein Happy End nach knapp 800 Seiten Lektüre werden nicht an so einer Petitesse scheitern, selbstverständlich hat Manzoni für dieses Problem eine Lösung parat….

Zum ausführlichen Inhalt des 1. Buches: http://wp.me/paXPe-77M


Alessandro Manzoni, Nach einer zeitgenössischen Lithographie Bildquelle: [B]

Alessandro Manzoni, Nach einer zeitgenössischen Lithographie
Bildquelle: [B]

Das 20. Kapitel

beschreibt uns das Tal, in der der Ungenannte sein Schloß hat, zu dem Don Rodrigo jetzt unterwegs ist. Er schildert dem Ungenannten seine Nöte und bittet ihm um Hilfe, die ihm nicht verweigert wird. Doch – kaum war Don Rodrigo gegangen, war sich der Ungenannte seiner Sache gar nicht mehr sicher, unbekannte Zweifel stiegen leise in ihm hoch, fast reute ihn die Zusage zur Hilfe, doch hatte er sie gegeben…

Durch einen Vertrauten ließ er seinen Plan umsetzen und so schickte die Signora die widerstrebende Lucia mit einem Auftrag, den sie vorgeblich zu erledigen hätte, aus dem Kloster hinaus auf die Straße, wo sie die Mannen des Ungenannten bald ergriffen. Von einem Fenster der Burg aus beobachtet der Auftraggeber die Ankunft der Kutsche mit dem Mädchen mit durchwachsenen Gefühlen. Im nachfolgenden

Kapitel 21

erfahren wir, wie die ängstliche Lucia im Schloss aufgenommen wird und wie sie mit ihrer Art und ihrer Rede die Zweifel im Herzen des Entführers weiter anfacht, so daß dieser eine durchwachte, von Fragen und Grübeleien durchzogene Nacht erleben sollte…

Im Kapitel 22

schließlich erzählt der Autor, daß der Ungenannte am nächsten Morgen davon erfährt, daß der Kardinal Borromeo, der Erzbischof von Mailand, in der Gegend sei und sich Haufen von Menschen voller Freude aufmachten, ihn zu sehen und so entschloss sich auch der Burgherr, sich auf den Weg zu diesem Mann zu machen. Ferner erfahren wir über das Wesen und die gute Seele des Kardinals, wie jedoch er und seine Begleiter auf den Besuch des Mannes , den alle so fürchten ob seiner Bösheit, reagieren, und wie dieser wiederum sich dem Kardinal nähert und sich diesem gegen über benimmt, davon setzt uns der Autor in

Kapitel 23

in Kenntnis. Es ist dies die Geschichte einer Bekehrung, einer Wandlung vom Saulus zum Paulus, vom Bösewicht zu einem Menschen, der bereut und im Innersten von Gott angerührt worden ist. Der Kardinal ist barmherzig mit dem Sünder, der ihm von seinem letzten Verbrechen beichtet, woraufhin der Kardinal alles in die Wege leitet, dieses zu einem guten Ende kommen zu lassen.

Kapitel 24

Hier wird berichtet wie Lucia aus der Burg abgeholt wird, wie sie dem Ungenannten verzeiht und von jenem in das Dorf gebracht wird, in dem sich der Kardinal aufhält. Dort wird ihr ein Bett in einem Haus einer guten Familie gegeben und ihre Mutter, nach der geschickt wurde, trifft ein. Welche Freude! Einzig Pater Abbondio, jener, der seinerzeit die Trauung nicht vornahm und der jetzt des Besuchs seiner Eminenz wegen in dem Dorfe weilt, ist nicht glücklich…

Schließlich erfahren wir noch, wie der Ungenannte in seine Burg zurückreitet, dort seine Schergen um sich versammelt und ihnen freistellt, entweder bei ihm zu bleiben, dann aber zu bereuen und fortan ein gottesfürchtiges Leben zu führen oder die Burg zu verlassen. Das Kapitel schließt mit der Feststellung, daß der Ungenannte, der Bekehrte, der Geläuterte trotz aller Ungewissheit, die jetzt über seiner Zukunft schwebt, die Nacht in Ruhe und Frieden schlafen kann.

Kapitel 25

Hier wird berichtet, wie Don Rodrigo auf dies alles reagiert und wie die Menschen anfangen, die Angst vor ihm zu verlieren. Auch wird erzählt, wie der Kardinal das Heimatdorf unserer Lieben besucht und sich Don Abbondio so gar nicht darüber freuen kann. Agnese und Lucia sind immer noch im Hause ihrer Gastgeber, aber von ihrer Anwesenheit dort hat ein vornehmes Ehepaar in einem nahe bei gelegenen Ort erfahren und dorthin wird Lucia nun eingeladen zu wohnen, so daß die beiden Frauen sich nun trennen müssen. Aber vorher geht es noch in ihren Heimatort, wo sie sofort vom Kardinal empfangen werden. Das Kapitel schließt mit dem Gespräch, mit dem der Kardinal Don Abbondio nach seinem Verhalten den beiden Liebenden gegenüber, das seinerseits Wirkung war der Drohung Don Rodrigos, das aber auch alles nachfolgende Geschehen ausgelöst hat, befragt und er das Verhalten und die Feigheit des Paters von Herzen missbilligt und tadelt. Im nächsten

Kapitel 26

führen die beiden ihr Gespräch fort, in dem Don Abbondio das Schändliche seines Handelns einsieht, bevor danach ein Bote des Ungenannten dem Kardinal ein großzügiges Geschenk für die beiden Frauen übergeben kann. Agnese, die mit dieser frohen Nachricht zu Lucia eilt, findet diese darob noch betrübter als ohnehin schon und erfährt schließlich von deren unseligen Gelübde. Und so kommen wir nach langer Zeit wieder zu Renzo, der immer noch im bergamaskischen zur Flucht ist, die Werkstatt seines Verwandten verlassen musste und nun unter einem anderen Namen in einem anderen Ort arbeitet und lebt. Ihm, so besprechen die beiden Frauen, soll die Hälfte des Geschenks zukommen. Der nachfolgende Abschnitt,

Kapitel 27

bringt uns die “große” Politik jener Zeit, die die Geschicke Mailands und der anderen, benachbarten Fürstentümer bestimmt, näher samt den Eigenheiten der Männer und Frauen, die die Schicksale der Menschen letztendlich mit ihren Entscheidungen bestimmen, Entscheidungen über Krieg und Frieden, Leben und Tod. Und über den Aufstand in Mailand und den vorgeblichen Rädelsführer Renzo sind wir wieder bei jenem und seinem Schicksal. Der Schreiber der Geschichte schildert uns jetzt zum besseren Verständnis, wie umständlich und missverständlich die wenigen Briefe und Nachrichten waren, die Renzo aus der Ferne in seine Heimat senden und die er als Antwort von dort erhalten konnte. Währenddessen bemühte sich Lucia, die inzwischen bei Donna Prassede lebte, Renzo aus ihren Gedanken zu verbannen. Aber man weiß ja, wie dies ist, wenn man sich vornimmt, an etwas Bestimmtes nicht mehr zu denken… Das

Kapitel 28

führt uns dann wieder nach Mailand. Wunderbarerweise herrschte dort nach den Zeiten des Aufruhrs Überfluss an Brot und Mehl zu geringen Preisen. Wie dies zustande kam und welche Folgen dies hatte, berichtet uns der Autor ausführlich, hier sei nur soviel gesagt: der Überfluss war ein kurzfristiges Ereignis einem Strohfeuer gleich, das letztlich wieder in großer Not und übergroßem Mangel mündete, so bedeutsam, daß das Gesundheitsamt Bedenken bekam ob der Zustände für den Fall, daß eine Seuche ausbräche. Insbesondere die Ärmsten der Armen, die Bettler fing man schon an, im Lazarett zusammen unterzubringen. Das Sterben ging weiter und nahm erst mit der nächsten Ernte wieder ab…. und zu allem Überfluß wurde die Region auch noch von Kriegshändel mit durchziehendem, marodierendem Söldnervolk behelligt und die Menschen flohen aus ihren Häusern hinauf in die Berge..

Kapitel 29

widmet sich dem Schicksale Don Abbonidos, der freilich ohne seine Haushälterin Perpetua der Notwendigkeit zur Flucht, sich selber in Sicherheit zu bringen, hilflos ausgeliefert gewesen wäre…. Agnese, die zu ihnen stößt, erinnert sich an das Versprechen des Ungenannten, ihnen in der Not zu helfen und so beschließen sie, zu diesem auf die Burg zu fliehen. Wie dies geschah und wie so dort aufgenommen wurden, ist in

Kapitel 30

berichtet. Die drei waren weiß Gott nicht die einzigen auf dem Weg in die Burg, aus allen Seitentälern strömten Hilfe Suchende auf den Weg hoch zum Ungenannten, der mit den wenigen Getreuen, die bei ihm geblieben waren, alles zur Verteidigung der Burg und der Menschen dort rüstete. Es waren viele marodierende, plündernde, mordende, zerstörende Haufen Volks, die durch das Tal zogen, die nördlich der Alpen später als 30jähriger Krieg bezeichneten Händel reichten bin in dieses stille Tal am Südhang der Berge…. und als sie durchgezogen kehrten die Geflohenen bangen Herzens zurück in ihre Häuser. Niemand brauchte mehr Schlüssel, um in die Häuser zu gelangen, all das Zerbrochene zu sehen, die Asche, zu der die Möbel geworden, um festzustellen, was alles geraubt und mitgenommen worden war….

Kapitel 31

Aber diese Sorgen und Nöte sollten die geringsten sein, bei dem, was die Soldateska ihnen daließen. Die Chroniken und Berichte sind nicht übereinstimmend, die Einzelheiten schildert jede etwas anders. Fest steht jedoch, daß einer der spanischen Soldaten der mit Kleidungsstücken, die er einem aus der Truppe Wallensteins abgekauft oder geraubt hatte, bei Verwandten Unterkunft genommen hatte, erkrankte und starb. Da der Arzt eine schwarze Beule an ihm entdeckte und als Todesursache die Pest vermutete, wurde die Familie abgesondert und eingesperrt. Aber dieses Haus war nicht das einzige, in dem der Tote sich vor seiner Erkrankung aufgehalten hatte, und so konnte sich die Pest aus anderer Quelle schließlich in der Stadt festsetzen. Welche Maßnahmen die Obrigkeit jetzt traf, wie die Menschen reagierten und ob dies alles half, das Unglück, das Mailand heimsuchte, zu vermeiden, wenigstens zu mildern, ist Gegenstand dieses und des nachfolgenden

Kapitel 32

Zu allem kam hinzu, daß die Menschen nicht an die Pest glauben wollten, lieber nahmen sie an, Giftmischer seien am Werk, Menschen, die eine besondere Salbe verbreiteten, an der man erkrankte. Man bestach die Ärzte (solange es noch welche gab…), anderes zu sagen als daß der Tote an der Pest gestorben sei… die ausgehobenen Gräber füllten sich schneller als man neue schaffen konnte und als schließlich der lange (und richtigerweise) zögernde Erzbischof dem Begehr der Menschen nach einer Prozession der Heiligen nachgab, kamen so viele Menschen auf engem Raum zusammen, daß die Krankheit, die Ansteckung, die Zahl der Toten schier explodierte.

Kapitel 33

Hier führt uns der Autor wieder zurück zur Ausgangsgeschichte, indem er uns das Schicksal Don Rodrigos schildert. Dieser ist in Mailand und trotz des unermesslichen Unglücks, das die Stadt darnieder hält, trifft er sich mit einen Freunden um durch Trinken, Essen und leichte Reden die Sorgen zu verscheuchen. Doch auch ihn ereilt das Schicksal, das er mit so vielen zu teilen hat… anders dagegen ergeht es unserem jugendlichen Helden, Renzo. Zwar ereilt auch ihn die Krankheit, doch kann er sich erholen, die Pest rafft ihn nicht dahin. Und ob des Durcheinanders der Zustände beschließt der junge Mann, in die Heimat zu gehen und seine Braut zu suchen. Wie zu erwarten, ist es dort keineswegs besser als in der Stadt, aber jedenfalls erfährt er, wo er Lucia finden kann: in Mailand. Dorthin macht er sich auf den Weg, was im

Kapitel 34

beschrieben wird. Allein: die Stadt beherbergt wohl mehr Tote als Lebende und kaum findet er das Haus, in dem er Lucia zu sehen hofft, bescheidet eine Magd – der einzige Mensch, der noch lebt von der Familie – sie sei im Lazarett und er solle jetzt sofort verschwinden. Dies gelingt ihm nur mit Mühe, denn wie schon fast zwei Jahre zuvor wird er wieder vom Pöbel durch die Straßen gejagt – man hält ihn für einen der Giftmischer, die die Krankheit verbreiten…

Kapitel 35

Renzo erreicht die Mauer des Lazaretts, in dem Lucia sein soll – noch lebend oder schon tot…. er weiß es nicht. Doch bevor er dies in Erfahrung bringen kann, trifft er jemanden, den zu sehen er nicht erwartet hat: in all dem Elend, all dem Stöhnen, dem Klagen, dem Sterben tut Pater Christoforo barmherzigen Dienst an den Erkrankten, unter denen auch Don Rodrigo sich befindet. Unter Pater Christoforos Ermahnung gibt Renzo seine Rachegedanken auf und verzeiht dem Sterbenden. Der Pater kann Renzo sagen, wo er Lucia suchen muss und so macht es Renzo und gar nicht lange, so hört er eine Stimme, so lieblich und lang ersehnt… Doch in

Kapitel 36

erfahren wir, wie sehr sich Lucia, die die Pest ebenfalls überstanden hat und jetzt eine Witwe betreut, mit der sie sich angefreundet hat, ebenfalls freut, Renzo zu sehen – und daß sie ihn von Herzen, flehentlich bittet, doch wieder zu gehen, ihres Gelübdes wegen…. doch wir haben nicht fast zwei Jahre und 800 Seiten mit den beiden gebangt, um an so einer kleinen Klippe zu scheitern: Pater Christoforo weiß Rat!

Kapitel 37 und 38

will ich nun in einem zusammenfassen, denn jetzt, wo die beiden Liebenden sich endlich gefunden haben, wo ihre ärgsten Widersacher an der Pest gestorben, wo sie in dem Kardinal einen Gönner haben, wird der Autor nicht müde, das Füllhorn von guten Ereignissen über sie auszuschütten. Renzo jedenfalls eilt in die alte Heimat, alles vorzubereiten für die Rückkehr Lucias, er überbringt die guten Nachrichten an Agnese und letztlich feiern sie die Hochzeit, die der Don Abbondio diesmal vollzieht – auch seine Feinde sind tot und endlich braucht er keine Angst mehr um sich zu haben. Doch Renzo und Lucia wollen nicht in dem alten Dorf leben bleiben, sie gehen ins Bergamaskische, dort leben sie mit Agnese zusammen und bald tollt eine ansehnlichen Kinderschar in ihrem Haus herum…..


Manzonis I Promessi Sposi ist – dies läßt sich in den Übersichtsartikeln [z.B. 2, 4 und 5] leicht nachlesen, für die italienische Literatur (und auch darüber hinaus) von herausragender Bedeutung. Der Roman ist in mehreren Versionen Bearbeitungen entstanden: ein Grund dafür war, daß Manzoni aus den diversen gesprochenen, sich stark unterscheidenden Sprachen und der Hochsprache der Literatur eine Sprache finden wollte, die sowohl in ganz Italien verstanden werden konnte und die außerdem die Kluft zwischen der akademischen und der gesprochenen Sprache überbrückte [4]. Damit sind die Promessi Sposi für das moderne Italienisch von herausragender und grundlegender Bedeutung geworden. Manzoni thematisiert das Sprachproblem in seinem Roman an mehreren Stellen: schon in der Einleitung weist er auf den (angeblichen) in barock Schreibweise verfassten, kaum verständlichen Originaltext hin, er beschreibt minutiös die generellen Schwierigkeit eines Schriftwechsels zwischen Renzo und Lucia/Agnese, also einfachen, des Schreibens unkundigen Menschen (seine Kinder sollte Renzo dann Schreiben und Lesen lernen lassen) die ihr Anliegen über Dolmetscher vom Gesprochenen ins Geschriebene formulieren lassen müssen und er beendet seinen Roman mit der spitzbübischen Bemerkung Renzos, wenn es schon so etwas wie Schreiben und Lesen gäbe, sollten es seine Kinder dann auch lernen….

Der rote Faden, der sich durch den gesamten Roman zieht, ist die Liebesgeschichte von Lucia und Renzo, zwei jungen Menschen aus dem ländlichen, bäuerlichen Milieu: einfache, ehrliche Menschen. Im Gegensatz dazu werden die meisten der “Höheren”, sprich der Adligen, der Burgherren, als moralisch zweifelhaft bis hin zu ausgesprochen böse beschrieben. Doch trotz der Liebe zwischen Renzo und Lucia sind Die Verlobten kein Liebesroman: die meisten Zeit sind sie getrennt und auch wenn sie zusammen sind, fehlen alles Ingredienzien, die einen Liebesroman ausmachen. In jedem Fall ist es aber ein historischer Roman, insbesondere im 2. Buch geht Manzoni ausführlich auf geschichtliche Hintergründe jener Epoche ein: die spanische Herrschaft in Mailand, die Hungersnot in Mailand, das Übergreifen des 30jährigen Krieges auf die Region, die Händel der einzelnen Fürstentümer miteinander und dann besonders der Pestzug, der die Region verwüstete. Einzelne Abschnitte des Buches lesen sich fast wie historische Einschübe, insbesondere in den “Pestteilen” des Buches greift Manzoni auf literarische Vorlagen zurück.

Denn die I Promessi Sposi ist auch ein Pestroman, ein Roman, der das unvorstellbare Leid der Seuche schildert (wie es Jahrhunderte früher Boccaccio in seinem Dekameron (1. Tag) schon festgehalten hatte), der das Bemühen der Behörden und deren Vergeblichkeit, dagegen vorzugehen, beschreibt, der darlegt, wie die Menschen versuchten, sowohl sich vor der Pest zu schützen als auch vor den Behörden (in Familien mit einem Erkrankten wurde dieser in das “Lazarett” gebracht, die Familie wurde ins Haus gesperrt und die Türen und Fenster mit Brettern vernagelt, Gegenstände, mit denen ein Kranker in Berührung gekommen war, wurden verbrannt….). Manzoni greift in diesen Kapiteln auf historische Dokumente zurück und führt die in diversen Texten verstreuten Darstellungen zu einem stimmigen Gesamtbild des Grauens einer ungehindert wütenden Seuche zusammen. Einer Seuche, die jede Ordnung aufhebt, die das Unterste zu Oberst kehrt, die niemanden verschont, die ganze politische und gesellschaftliche Ordnungen zerstört. Sehr symbolhaft beendet Manzoni das Grauen durch ein reinigendes Gewitter, das wie von einer höheren Macht geschickt, allen Schmutz und allen Unrat weg wäscht.

Das Buch wurde zu einer Zeit veröffentlicht, die im Vergleich zu unserer fast bilderlos ist. So läßt er sich Zeit, alles in aller Ausführlichkeit zu beschreiben, die Landschaften, die Menschen, die Städte, die Häuser und die Sitten. Für uns heute, die wir so vieles über Bilder in sehr kompakter Form “serviert” bekommen, ist dies erst einmal langatmig, es zwingt uns zum Entschleunigen und führt uns damit tiefer in das Beschriebene als es manches Bild vermag. Zudem sind die wunderschönen Illustrationen eine ganz herrliche Ergänzung zu den Texten…

Die Menschenzeichnung Manzonis…. es treten eine Vielzahl von bemerkenswerten Persönlichkeiten in diesem Roman auf: Don Abbandio, Don Rodrigo, die Signora, der Ungenannte, Kardinal Borromeo, Don Christoforo… natürlich Lucia und Renzo… sie alle werden in ihrer Geschichte beschrieben, ihr Charakter wird durchleuchtet, ihre Handlungen werden erörtert und gewertet. Die Schilderung des Zusammentreffens von Kardinal Borromeo und dem Ungenannten mir ihrem Gespräch ist z.B. wie auch das Gegenstück, die Tadelung Don Abbondios durch den Kardinal ein Höhepunkt des Romans.

Natürlich – auch Manzoni nutzt das Recht des Schriftstellers, auch Zufälle anzuhäufen, um seine Geschichte erzählen zu können: daß sowohl Renzo als auch Lucia an der Pest erkranken und beide wieder genesen, daß Pater Christoforo am Ende gerade dann anwesend ist, als sein Rat das Gelübde Lucias betreffend, besonders gefragt ist oder (als eines der bemerkenswertesten Ereignisse vllt überhaupt) die Wandlung des Ungenannten vom Saulus zum Paulus….

Es gäbe ganz sicher noch sehr viel mehr zu erzählen, denn “Die Verlobten” sind ein umfangreicher Roman, es ist ein alter Roman und nach anfänglichem Scheuen: es ist ein schöner Roman, ein Leseerlebnis, in das man sich viele hundert Seiten lang hineinfallen, hineinkuscheln und hineinschmiegen kann….

Links und Anmerkungen:

[1] In dieser Region des heutigen Italiens spielt die Geschichte:  https://www.google.de/maps/@45.6328649,9.3807591,10z
[2] Wiki-Beitrag zum Buch: http://de.wikipedia.org/wiki/I_Promessi_Sposi
[3] Wiki-Beitrag zum Mantuanischen Erbfolgekrieg: http://de.wikipedia.org/wiki/Mantuanischer_Erbfolgekrieg
[4] http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/ringvorlesungen/romane_antike_19jh/Manzoni_Brautleute.pdf wichtig!!
[5] Hans Vilmar Geppert: Der historische Roman: Geschichte umerzählt – von Walter Scott bis zur Gegenwart, S. 40 ff: Alessandro Manzoni: I promessi sposi / Die Verlobten (1827) in: http://books.google.de/books?…..

Die Verlobten” sind im Projekt Gutenberg online zu lesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/2706/1

[B]ildquellen: Portrait: http://it.wikipedia.org/wiki/Alessandro_Manzoni; Guarda la pagina per l’autore [Public domain], attraverso Wikimedia Commons

 Alessandro Manzoni
Die Verlobten
Übersetzt aus dem Italienischen von ?
Neubearbeitung nach der deutschen Erstausgabe von 1827
Herausgegeben von R. W. Pinson
Originalausgabe: siehe Links und Anmerkungen
diese Ausgabe: Fackelverlag Stuttgart (EXLIBRIS Universal-Bibliothek der Weltliteratur), HC, ca. 760 S., 402 Abbildungen, Stuttgart 1983

 

 

 

Diese Buchvorstellung wird sich etwas von dem, was ich sonst hier auf dem Blog mache, unterscheiden. Manzonis Die Verlobten wurde – wir machen das reihum in der Gruppe, jeder hat dann das Recht, ein Buch auf die Tagesordnung zu setzen – als Lesestoff für meinen Lesekreis vorgeschlagen. Nun ist der Roman recht umfangreich, selbst wenn man den Platz, den die zahlreichen, wunderschönen Illustrationen von Francesco Gonin einnehmen, abzieht. Andererseits wird die Handlung schön in “Häppchen”, sprich: “Kapitel” serviert, so daß man sich das Lesen gut einteilen kann.

Im folgenden habe ich den Gang der Handlung kapitelweise wiedergegeben bzw. angedeutet, im wesentlichen aus dem Grund, daß ich ihn für meinen Lesekreis für mich jederzeit wieder rekapitulieren kann. Ferner bin ich Manzonis Einteilung des Romans in zwei Bücher gefolgt, auch die Buchvorstellung ist auf zwei Blogeinträge aufgeteilt. In diesem Beitrag findet sich im Anschluss der Inhalt des ersten Buches, der Inhalt des zweiten Buches und die vollständigen Links und Anmerkungen sind am Ende der Inhaltsangabe zum zweiten Buch zu finden: http://wp.me/paXPe-7hj. Beiden Beiträge ist jeweils die Zusammenfassung des Gesamtinhalts vorangestellt – für die eiligen Leser, sozusagen…


Zusammenfassung:

Die Geschichte spielt am Südhang der Alpen, im wesentlichen im damals spanisch beherrschten Herzogtum Mailand der Jahre 1628 bis 1630. Zwei junge Menschen, Lucia und Renzo, aus einem kleinen Dorf, wollen heiraten, der Hochzeitstermin steht für den nächsten Tag fest. Doch aus einer momentanen Laune heraus ist der örtliche Feudalherr Don Rodrigo, der die Braut auf der Straße sah, eine Wette eingegangen, daß es ihm nämlich gelänge, dieses Mädchen für sich auf seine Burg zu holen. Durch seine Schergen droht er dem Pfarrer mit dem Tode, falls dieser die Trauung vollzieht.

Der Pfarrer fügt sich der Drohung, die Brautleute sind verzweifelt und versuchen allerlei, daß es doch noch zu dieser Hochzeit kommt, aber es gelingt ihnen nicht. Im Gegenteil kommt es zu großer Aufregung, als Don Rodrigo beschließt, das Mädchen entführen zu lassen: die Verlobten können zusammen mit Lucias Mutter Agnese gerade soeben noch fliehen. Hier trennen sich die Wege der drei: Lucia und Agnese finden in einem Kloster Unterschlupf, Renzo flieht in die Stadt, nach Mailand.

In Mailand herrscht Hungersnot und die Menschen sind aufgebracht, gehen auf die Straße. Der unerfahrene Jüngling läßt sich, auch da er des Abends dem Wein zu schnell und zu sehr zusprach, zu unbedachten Worten hinreißen: die Obrigkeit macht ihn zum Sündenbock für den Aufruhr und inhaftiert ihn, doch Renzo hat Glück und kann den Häschern entfliehen. Auf Schleichwegen verläßt er Mailand ins benachbarte bergamaskische zu einem Verwandten, der dort eine Seidenspinnerei hat, in der er arbeiten kann.

Don Rodrigo derweil hat von seinem Plan, Lucia auf die Burg zu holen, noch nicht Abstand genommen: er bittet einen geheimnisvollen Burgherrn, dessen Namen wir nie erfahren, der aber mächtig ist und mächtig böse zudem, um Hilfe… die dieser ihm auch verspricht, doch bald darauf schon wird er unruhig ob des Versprechens und bereut fast, es gegeben zu haben. Trotzdem hält er es und er entführt Lucia. Doch in der Nacht reut ihn alles, die Entführung des Mädchens, sein bisheriges Leben und er gelobt Besserung. So läßt er Lucia frei und sorgt dafür, die Unterkunft bei einer guten Familie erhält.

Aber auch die große Politik nimmt Einfluss auf das Leben der Menschen: in der Region toben Kämpfe und Kriege, der später 30jährige Krieg genannte reicht in diesem Jahren bis hier in diese Region. Vieles, nein, fast alles wird verwüstet durch die marodierenden Truppen und schlimmer noch: sie bringen die Pest mit in die Städte, in die Dörfer, in die Häuser.

Ein großes, großes Sterben setzt ein, die öffentliche Ordnung verfällt – es ist niemand mehr da, der sie aufrecht halten könnte…. kaum, daß die Leichen eingesammelt und verscharrt werden können. Nur wenige überleben die Krankheit, unter ihnen ist Renzo, der sich jetzt, da er eine weitere Verfolgung kaum mehr fürchten muss, auf die Suche macht nach seiner Lieben. Und tatsächlich – nach langer Suche findet er sie, auch Lucia hat die Pest überstanden, doch einem gemeinsamen Lebensglück steht noch eins entgegen: das Gelübde Lucias, ledig zu bleiben, wenn sie gerettet würde, …. doch ein Happy End nach knapp 800 Seiten Lektüre wird nicht an so einer Petitesse scheitern, selbstverständlich hat Manzoni für dieses Problem eine Lösung parat….


 

Frontispiz des Buches, [B]ildquelle: [B]

Frontispiz des Buches,
[B]ildquelle: [B]

Die Vorrede,

in der der Autor uns erklärt, daß er dieses Manuskript selbst gefunden habe, nicht wisse, wer es verfasst und er die Geschichte – da sie in einem verschörkelten und unverständlichen Stil geschrieben – hier noch einmal in seinen Worten erzählen will.

Des Romans 1. Kapitel…

….nennt uns die Zeit, in der die Handlung spielt: es ist der November des Jahres 1628. Ferner beschreibt uns der Autor die Gegend, in die er uns führt: es ist dort, wo das Gebirge im Norden des heutigen Italien (eine Region, die damals freilich zu Spanien gehörte) anfängt, in Lecco am Comer See im Herzogtum Mailand. Der Pfarrer Don Abbondio ist auf dem Weg nach Hause und wird von zwei “Bravi” aufgehalten, wobei der Autor nicht müßig ist, uns zu erklären, welcher Art diese schlechten Menschen sind und wie die Obrigkeit mit Verordnungen und unter Androhung scharfer Strafen, ja , des Todes, gegen sie vorzugehen versucht, freilich ohne Resultat. Diese zwei Exemplare, die dem Ehrwürdigen auf seinem Wege auflauern, verlangen von jenem -und ihre Drohungen klingen ernst – daß die für morgen geplante Hochzeit, auf der er ein junges Paar zu Mann und Frau erklären will, nicht statt zu finden habe.

Die zwei Schergen sind von Don Rodrigo geschickt und bringen den Pfarrer in arge Nöte. Denn er ist kein Kämpfer, er ist ein Mensch, der sich durchlaviert, sich mit den Stärkeren arrangiert und selber nur in Ruhe gelassen werden will. So grübelt er verzweifelt über das, was jetzt zu tun und in seiner Not – und weil sie ihn drängt – erzählt er der Haushälterin von seiner Begegnung.

In Kapitel 2

erscheint Renzo, der glückliche Bräutigam, der von seinem Elend noch nichts ahnt, bei Don Abbondio, dessen Nacht von Träumen geplagt, sehr unerquicklich war, das Weitere zu besprechen. Kann man dem jungen Mann verdenken, daß er enttäuscht ist und zornig? Ehehindernisse.. 14 Tage Wartezeit… doch die Haushälterin, auf die er im Garten trifft, versucht in derart zu beruhigen und zu besänftigen, daß Renzo nochmal zurück zum Pfarrer in die Stube läuft, um jetzt endlich die Wahrheit zu erfahren.

Im Haus der Braut laufen derweil die Vorbereitungen für die doch anstehende Hochzeit der Lucia, als Renzo, voller Mordgedanken, dorthin kommt und Lucia die unfrohe Botschaft mitteilen muss. Wie die Braut und ihre Mutter darauf reagieren erzählt uns

Kapitel 3 des Romans,

in dem Lucia ein Geheimnis zu verraten hat, daß nämlich Don Rodrigo ihr vor Tagen begegnet ist auf der Straße und sie angeschaut hat und sie noch hörte, daß er zu seinem Begleiter etwas sagte wie “Wetten wir?” und: “Wir werden sehen….”. Gebeichtet hat sie dies dem Pater Christoforo (nicht aber Renzo und der Mutter), der sie daraufhin mit einem Rat heimschickte.

Screenshot einer italienischen Ausgabe des Romans mit Grafiken von Francesco Gonin

Screenshot einer italienischen Ausgabe des Romans mit Grafiken von Francesco Gonin

Die drei Unglücklichen beraten nun, was zu tun und Agnese, die Mutter, erinnert sich an Doktor “Nothelfer”, wie dieser Beistand der Armen und Unglücklichen genannt wird und Renzo soll zu ihm gehen, sicher habe er einen Rat und kann helfen… Wie es Renzo bei diesem Mann erging, auch dies berichtet uns der Autor hier an dieser Stelle ebenso wie er das Schicksal der vier Kapaune nicht verschweigt…

Das 4. Kapitel des Buches

schildert uns anfänglich das Schicksal des Paters Christoforo, der, bevor er in den Orden eintrat, Lodovico hieß und ein stolzer Mann war. Als Lodovico wurde er seinerzeit in einen Streit verwickelt, der für seinen Gegner tödlich endete und dazu führte, daß Lodovico dem Leben draußen entsagte und in das Kloster eintrat.

Während uns der Autor dies erzählt, hat Pater Christoforo das Haus der Unglücklichen erreicht und tritt ein. Somit erfahren wir in

Kapitel 5

wie Agnese, Lucia und Renzo ihm ihr Schicksal schildern und er versucht, ihnen Mut zuzusprechen und Hoffnung zu machen, daß der Besuch Pater Christoforos bei Don Rodrigo erfolgreich sein wird. Ist er es? Auch die Antwort hierauf finden wir in diesem Abschnitt, in dem uns die Umstände, in denen der Pater Don Rodrigo trifft, ausführlich beschrieben werden. Das Gespräch der beiden ist Inhalt von

Kapitel 6,

in dem auch zu finden ist, wie Renzo ob des Ergebnisses wütend wird und zornig und das Schlimmste zu tun beabsichtigt, wie Lucia sich ihm entgegenstellt, wie Agnese eine trickreiche Art kennt, den Pfarrer, der sie zu trauen sich nicht traut, zu überlisten, Lucia aber auch dieses ablehnt und sie dann ihrerseits durch Renzo dazu gebracht wird, dem Plan der Mutter zuzustimmen.

Ferner wird beschrieben, wie Renzo die zwei Verbündeten, die sie für diesen Plan brauchen, sucht und findet.

In Kapitel 7

schließlich wird dargestellt, wie Pater Christoforo den Unglüclichen vom Misslingen seines Besuches bei Don Rodrigo berichtet und sich dann sputet, rechtzeitig zur Nacht in sein Kloster zu kommen. Am nächsten Tag verläßt Renzo die Seinen, “um die Sache zu betreiben”, womit der gefasste Plan gemeint ist und während er unterwegs ist, klopft ein seltsamer Mann an dir Tür und bettelt, aber mehr als er an Almosen interessiert ist, schaut er sich im Hof und im Haus der Frauen um….

Dies seltsame Gebaren erklärt sich über den Plan von Don Rodrigo, der in der Nacht nach dem Besuch des Paters einen gar verwerflichen Plan fasst, für dessen Durchführung er nach dem “Grauen”, dem obersten seiner Bravi, schickt, und er diesen beauftragt, er solle…. hier kommt der alte Diener ins Spiel, den zu erwähnen ich in Kapitel 5 versäumte: dieser nämlich erlauschte einiges und reimte sich aus verschiedenen Angelegenheiten zusammen, daß den Frauen und Renzo große Gefahr drohte, wovon er eiligst dem Pater Christoforo Kenntnis gab.

Ferner begleiten wir Renzo, der mit seinen beiden Kumpanen zum Essen einkehrt und dem in der Wirtschaft seltsame Gestalten auffallen, und enden läßt der Schreiber dieses Kapitel in dem Moment, in dem die beiden Freunde Renzos an des Don Abbondios Haustür klopfen (es ist schon fast Nacht!) und Einlass begehren, um endlich die Schulden zu zahlen. Ob dies nur ein Vorwand ist und wie es weitergeht, erfahren wir im folgenden

Kapitel 8

in dem der Schreiber uns vieles und entscheidendes zu lesen gibt.

Zum einen gelingt es den Fünfen, die da sind Renzo und Lucia, die beiden Kumpane von Renzo und die Mutter Agnese, tatsächlich, ihren Plan soweit auszuführen, daß…. ein Wort fehlt, ein einziges, kleines Wort hätte noch gesagt werden müssen, es konnte aber nicht mehr gesprochen werden… daher misslang der Plan der Unglücklichen und da Don Abbondio um Hilfe rief, kam es dazu, daß der gesamte Ort, durch die nächtlings schlagende Glocke aufgeschreckt, an sein Haus gelaufen kam und unsere Lieben endgültig in die Flucht schlug.

Zur gleichen Zeit wie dies im Ort beim Pfarrer geschaht aber drangen die seltsamen Männer, die am Tage und in der Wirtschaft gesehen worden waren, in das verlassene Haus von Agnese und ihrer Tocher Lucia ein: das war nämlich der Plan des Don Rodrigo: Lucia zu entführen! Wie wir aus dem vorhergehenden Geschehen wissen, konnte dies jedoch und zum Glück nicht gelingen – im Gegenteil wurden die gedungenen Bravi durch die Glockenschläge selbst in eine schnelle Flucht getrieben.

In der Zwischenzeit hatte der Bote Pater Christoforos die Unglücklichen auf ihren verwinkelten Fluchtwegen getroffen und ihnen die Warnung des Mönches übermittelt: auf dem schnellsten Wege das Haus zu verlassen und zu fliehen auf dem Weg, wie der Bote es ihnen sagt. Und voller Verzweiflung folgen sie dem Rat des Mönches, dem sie vertrauen.

Die Kapitel 9 und 10

schildern das Schicksal einer besonderen Frau, in deren Obhut sich Lucia und ihre Mutter begeben sollen. Dem Rat des Mönches folgend lassen sie sich nach dem Übersetzen über den See zu einem Kloster führen und von dort an die “Signora”, eine Nonne, weiterleiten. Die “Signora” ist eine besondere Nonne mit einem Schicksal, welches es dem Erzähler wert scheint, in Gänze erzählt zu werden. Sie wurde als Tochter eines Fürsten geboren, der aber den festen Plan hatte, alle seine Besitztümer und Titel nur dem Erstgeborenen zu überlassen. So war ihr Schicksal schon im Leib der Mutter festgeschrieben: sie sollte dereinst in ein Kloster gehen und den Schleier nehmen. Wie es dazu kam, daß sie dies tatsächlich, ohne es wirklich zu wollen, tat, das ist hier geschildert, es ist die herzzerreissende Geschichte eines armen Mädchens, dem Liebe und Zuneigung entzogen wurden, um ihren Willen zu brechen.

In Kapitel 11

kehren wir zu unserer eigentlichen Handlung zurück, nämlich auf die Burg von Don Rodrigo, der den erfolglosen “Grauen” erst tadelt, dann einsieht, daß das Unternehmen nicht gelingen konnte und der ihn dann beauftagte, alles genau zu eruieren, insbesondere den Aufenthalt der Flüchtigen. Deren Spur aufzunehmen war bei dem vielen Gerede und den vielen Mitwissern im Ort nicht allzu schwierig.

Ferner wird die Wanderung Renzos geschildert, der schließlich die Dächer und Türme Mailand in der Ferne sieht und dann die Stadt betritt und wie empfohlen, nach dem Kloster von Pater Bonaventura fragt, den er aber nicht antrifft.

Was ihm jedoch in der Stadt seltsam vorkommt, sind die Spuren von Mehl auf den Straßen, die Wecken, die herum liegen und Menschen, die in allen möglichen Gefäßen und Behältnissen Vorräte nach Hause tragen… die Lösung dieses Rätsels ist in

Kapitel 12

niedergeschrieben: infolge schlechter Ernten, Misswirtschaft und schlechten Verordnungen ist Korn und damit Brot rar geworden: die Menschen leiden Hunger und Not. Sie rotten sich zusammen, werden von selbsternannten Führern mit Parolen gegen die “Reichen” aufgewiegelt und fangen an, die Bäckereien zu stürmen, das Mehl zu stehlen, das Brot zu stehlen und – was, wie der Erzähler anmerkt, zur Bekämpfung einer Hungersnot sehr sinnvoll ist – die Backgeräte wie Tröge und Siebe zu verbrennen. Wir werden von den Hintergründen dieser Hungersnot unterrichtet, von den mehr oder weniger sinnvollen Bestrebungen, ihrer Herr zu werden…

In Kapitel 13

schließlich wird geschildert, wie das Volk nachdem es eine Bäckerei heimgesucht hat, den Verantwortlichen für die Not heimsuchen will, den Verweser. Dieser verkriecht sich voller Angst in seinem Haus, welches er von innen gerade noch rechtzeitig verbarrikadieren konnte. Mit Gewalt will die Masse sich Zugang verschaffen, mit Äxten, Brecheisen, ja mit den Fingern will man das Tor aus der Mauer brechen…. den Aufstand dieses Tages kann mit Not und Mühe der Großkanzler Ferrer besänftigen, Renzo, den Neugier in diese Menschenmenge getrieben hatte, kann ihm dabei helfen.

Kapitel 14

Aufgeputscht hält er hiernach selbst eine Rede an die Umstehenden, in der er sein eigenes Unglück andeutet und den Leuten zum Widerstand zuredet. Manche reden zwar gegen ihn, die meisten stimmen ihm aber zu… Von den Anstrengungen und Aufregungen des Tages durstig, hungrig und müde geworden, fragt Renzo nach einem Wirtshaus und einer der Männer erklärt sich bereit, ihn zu einem, das er kennt, zu führen. Sie gehen los, aber Renzo hat so einen Durst, daß er unterwegs in das erstbeste Wirtshaus einkehrt. Das ist durchaus kein angenehmer Laden, der Wirt misstrauisch und verschlossen und der Erzähler läßt durchscheinen, daß Renzo möglicherweise ein Unglück widerfahren könnte.

Aber erst einmal läßt sich unser Held den Wein schmecken, den er gläserweise – dem Durst geschuldet – in sich hineinschüttet – ist es da verwunderlich, wenn alsbald Trunkenheit in ihm zu finden ist? Verwirrten Geistes schwingt er weiter reden, läßt sich von seinem neuen Kumpanen aushorchen und kann schließlich mit Müh´ und Not ins Bett expediert werden. Damit jedoch sind wir schon bei

Kapitel 15

angelangt, in dem uns der Erzähler mitteilen wird, ob und wie lange unser Held trotz oder wegen seiner Trunkenheit zum Schlafen kommt, denn der neue Kumpan – der Wirt erkannte dies beim Eintreten der beiden sofort – war ein Häscher des Gerichtes auf der Spur von Aufwieglern. Doch auch der Wirt verrät seinen Gast: er steht in der Pflicht (gegen harte Bestrafung) alle Gäste zu melden, die sich nicht ausweisen wollen – und das verweigerte Renzo am Abend vehement und lautstark.

Kapitel 16

schließlich hat zum Inhalt, was mit Renzo am nächsten Morgen geschah und wie er sich listig aus der Gefahr befreien konnte, wie er dann anschließend die Stadt Mailand verließ und sich auf kleinen Wegen in Richtung Bergamo begab. In einem Wirtshaus schließlich erfährt er durch die Reden eines Reiters, der aus Mailand kam, was am Tag in der Stadt noch geschah und was das mit ihm zu tun hatte… Es erstaunt nicht, daß Manzoni uns im nächsten

Kapitel 17

berichtet, wie sich Renzo nach dem Abendbrot unauffällig aus dem Wirtshaus entfernt und abseits der Straße versucht, den Grenzfluss, die wilde Adda zu erreichen, da am jenseitigen Ufer schon bergamaskisches Gebiet ist.  Auch auf dieser Seite des Flusses muss Renzo die Armut und den Hunger wahrnehmen, die er beide aus dem Milanesischen so gut kennt… Am Ende erreicht Renzo das Ziel seines Weges, seinen Vetter Bartolo, der ihm Hilfe verspricht.

Kapitel 18

enthält vielerlei. Zum einen wird davon erzählt, wie und daß sich Don Rodrigo nicht zufrieden gibt, mit dem was ist, sondern er nach wie vor Ränke spinnt, Lucia zu “erobern”. Diese lebt mittlerweile sehr zurückgezogen mit Agnese im Kloster unter der Obhut der Signora, und ist damit dem Zugriff Don Rodrigos erst einmal entrissen. Nur wenige Nachrichten erreichen die beiden Frauen und die sind nicht günstig: wird ihnen doch von den Unruhen in Mailand berichtet und daß die Behörden einen der Aufwiegler, einen gewissen Renzo, den sie nur zu gut kennen, suchen… Agneses begibt sich, um mehr zu erfahren, zurück zum Kloster von Pater Christoforo, muss aber dort hören, daß dieser vom Provinzial weggeschickt worden ist. Warum dies geschah, auch dieses Ränkespiel berichtet der Autor uns hier im Plan und dann in

Kapitel 19

in der Ausführung, für die ein mächtiger Mann den Provinzial “überredet”…. Mit einem seltsamen Stück schließt dieser Abschnitt und damit auch der Erzählung erster Teil: Es wird nämlich berichtet, daß sich Don Rodrigo an den mächtigsten und verwerflichsten aller Burgherren der Region um Hilfe wendet, dessen Name aber nicht genannt wird, obwohl ihn jeder kennt, weil er unverfroren jedes Gesetz bricht und alle anderen tyrannischen Burgherren von sich abhängig gemacht hat…..

Links und Anmerkungen:

siehe auch unter der Beschreibung des 2. Buches: http://wp.me/paXPe-7hj (ab 25.11.2014)

[1] In dieser Region des heutigen Italiens spielt die Geschichte:  https://www.google.de/maps/@45.6328649,9.3807591,10z
[2] Wiki-Beitrag zum Buch: http://de.wikipedia.org/wiki/I_Promessi_Sposi

Die Verlobten” sind im Projekt Gutenberg online zu lesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/2706/1

[B]ildquellen:
– Frontispiz: http://de.wikipedia.org/wiki/I_Promessi_Sposi; von Francesco Gonin (1808-1889) (cover of pocket book edition) [Public domain], via Wikimedia Commons
– Francesco Gonin: screenshot der Seite: https://itunes.apple.com/us/book/i-promessi-sposi-illustrati/id560573333?mt=11

Franz Fühmann: Prometheus

21. November 2014

Im Mythos ist immer der ganze Mensch da, auch als Geschlechts-
auch als Naturwesen, aber nie auf diese reduziert.“ [3]

Die Sagen des klassischen Altertum von Schwab: wer von uns, zumindest den schon etwas älteren, ist nicht durch sie eingeführt worden in die Welt der Götter, Halbgötter und Menschen des alten Griechenlands? Die Bekanntschaft mit Zeus, Apollon, Herakles, Achilles und Odysseus (um nur ein paar wenige der Figuren zu nennen) haben wir ihnen zu verdanken. Ich hatte sie seinerzeit in einer Jugendausgabe (wo ist sie nur hin??), in ähnlicher Aufmachung wie den Robinson Crusoe, illustriert mit kleinen Bildchen, und ich kann sagen, daß ich sie fast auswendig konnte, zumindest kannte ich mich im Götterhimmel recht gut aus…

…jetzt also Prometheus.

Die Söhne des Iapetos: Atlas, der den Himmel trägt und Prometheus, an dem der Adler Ethon frisst Bildquelle [B]

Die Söhne des Iapetos: Atlas, der den Himmel trägt und Prometheus, an dem der Adler Ethon frisst
Bildquelle [B]

Was weiß man von dieser Figur? Angekettet an eine steile Felswand im Kaukasus, dem Adler (je nachdem auch dem Geier) ausgeliefert, der sich täglich seine Ration Leber holt. So hängt der Unsterbliche dort, ohne Speis und Trank und Zeus ist unerbittlich, bis schließlich Herakles den Prometheus erlöst. Grund für diese Strafe des Donnergottes war die Unbotmäßigkeit des Titanensohnes: er hat den Menschen das Feuer auf die Erde gebracht, gegen das ausdrückliche Verbot des Zeus….

Aber was alles geschah vorher, wessen Sohn war Prometheus, wie ist er aufgewachsen, was waren seine Erlebnisse?

Dies ist Thema der durch Fühmann nacherzählten griechischen Sage des Prometheus. Es ist auch eine Schöpfungsgeschichte, denn Prometheus, der ein Sohn der Titanen war, war somit ein Enkel der Gaia, der Erdgöttin, der Dunklen, Feuchten, Lebensspendenden, die, nachdem sich feucht und kalt und warm und heiß aus dem Chaos zu den Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft zusammengefunden hatten, zusammen mit Uranos, dem sich über die Erde spannenden Himmel, der ihr Sohn war und zugleich ihr Gatte, die Hekatoncheiren gebar. Die drei Brüder, furchterregend mit je Hundert Armen und Beinen und je fünfzig Rümpfen und Köpfen, schaurig, gewaltig und riesig, waren dem Uranos ein Greuel, deswegen sperrte er sie ein in den tiefsten Tiefen der Erde. Gaia daraufhin gebar die Titanen im Heimlichen und fortan verschmähte sie den Uranos, der ihr jedoch mit Gewalt bedrängte. So gab sie dem Kronos, dem jüngsten der Titanen eine quarzene Sichel, mit der dieser seinen Vater zerstückelte, ihm die Mannbarkeit abschnitt und ins Meer warf, das daraufhin fruchtbar wurde und Äonen später die Aphrodite aus Schaum gebären sollte.

Der Titanen waren es sieben und ihre Frauen waren Schwestern. Sie waren von riesenhaftem Wuchs: “.. Mit ihrer Ferse zermalmten sie Berge; ihr Durst trank Meere leer, ihr Atem zerblies die dichtesten Wolken, und si hätten Löwen und Krokodile und Elefanten fangen können wie Käfer, wenn ihre Augen und Hände für derlei winziges Krabbelzeug nicht viel zu groß gewesen wären…” Sie wachten über die belebte und die unbelebte Natur und sie wachten streng und unerbittlich. Aber der strengste und unerbittlichste der Titanen war Kronos, der jüngste von ihnen und schließlich waren es die anderen zufrieden, in ihren Grotten den Tag zu verdämmern und zu verträumen und Kronos die alleinige Herrschaft über die Welten zu belassen. So vergingen die Äonen ihrer Herrschaft…..

Nur Prometheus, der Sohn des Iapetos und der Themis war anders. Er war schlau und neugierig (“Ich will sehen, Mutter Erde, ich will alles sehen!” bettelte er seine Großmutter einst an….), im Gegensatz zu Epimetheus, seinem Bruder, der ebenso träge wie die anderen vor sich hindöste. Prometheus trieb sich viel auf der Welt herum, war gerne auf der Erde und lernte dort Gaia, seine Großmutter kennen, die ihm die Gabe der Zukunftssicht schenkte.

Gaia hatte eine Prophezeiung für ihren Sohn Kronos: ein Sohn werde ihn vom Thron stürzen. Und da Rhea, seine Frau gerade neues Leben unter dem Herzen trug, bekam er Angst. Als Rhea ihm dann seinen Erstgeborenen zeigte, nahm er ihn, riss sein riesiges Maul auf und verschlang den Säugling, den zu töten unmöglich war, war er doch ein unsterblicher Titan wie seine Eltern. Fünfmal geschah es so, daß Kronos seine Kinder verschluckte und in seinem Inneren gefangen hielt: Hades, Poseidon, Hera, Hestia und Demeter. Beim sechsten Kind jedoch griff Rhea zu einer List, sie umwickelte einen schweren Stein mit goldenen Windeln und versteckte ihren Letztgeborenen, der Zeus hieß vor seinem Vater.

Zeus wuchs auf Kreta auf, gesäugt von der Ziege Amalthea. Oft war Prometheus bei ihm, so oft, daß Kronos misstrauisch wurde und glaubte, Rhea hätte Zwillinge geboren, von denen sie eins vor ihm versteckt hielte. Doch mit viel List konnten Gaia und Prometheus Kronos immer wieder beruhigen, bis irgendwann der Zorn des Kronos über den jungen Titanen Prometheus so stark gewachsen war, daß er ihn verbannen wollte ins kalte Nordeis. Die Zeit des Handelns war gekommen….

Mit Hilfe von Gaia schmiedeten Zeus, der von seiner Großmutter die Gabe erhalten hatte, seine Form und Größe nach Belieben zu ändern, und Prometheus einen Plan, die Geschwister zu befreien, Kronos zu überwältigen und die Titanen zu entmachten…..

Der Sturz der Titanen von Peter Paul Rubens, 1637-1638, Musée Royaux des Beaux Arts, Brüssel Bildquelle: [B]

Der Sturz der Titanen von Peter Paul Rubens, 1637-1638, Musée Royaux des Beaux Arts, Brüssel
Bildquelle: [B]

Es war ein ungeheurer Kampf, der sich entspann, es wogte hin und her, für viele Jahre konnte keine Seite die andere niederringen. Berge wurden ausgerissen, Täler zugeschüttet, Flüssen verlegten ihren Lauf und die Küsten des Meeres zerfransten. die Welt war in Unordnung. Dann aber gelang es Prometheus, unüberwindliche Helfer heranzuholen, gegen die die Titanen nichts mehr ausrichten konnten, die mit jedem Wurfe dreihundert Felsblöcke auf die Häupter der Titanen schleuderten und die so die Schlacht für die neuen Herren entschieden……

Zeus und seine Geschwister sowie Prometheus errangen den Sieg, errangen die Herrschaft über die Welt. Die Titanen wurden in der Unterwelt eingeschlossen. Das neue Geschlecht, das jetzt herrschte, wurde Götter genannt. Und sie ließen sich nieder auf dem höchsten Berg, dem Olymp und Zeus in seiner Unbeherrschtheit zerstörte die Ordnung des Berges und die Nymphe, die Hüterin der Wässer des Olymps kam, ihn zurecht zu weisen. Doch sie kannte Zeus noch nicht, der sie auf den Boden warf, mit seiner Manneskraft füllte und sie, um seine Tat zu verschleiern, verschluckte wie es einst Kronos tat mit seinen Geschwistern. Doch Metis, die klettern konnte, hielt sich im Rachen fest und suchte sich dort eine Höhlung, in der sie, klein geworden wie eine Beere, fortan hauste und dem Zeus zuweilen gräßliche Kopfschmerzen bescherte.

Die neuen Götter teilten die Reiche unter sich aus, Hades bekam den dunklen Untergrund, Poseidon die Meere und Demeter das Planzenreich. Prometheus dagegen bekam nichts. Doch Zeus wurde das Amt des Fürsten angetragen, das er annahm und fortan war der Herr aller und Hera seine Gattin.

Von den Kindern, die Hera Zeus gebar, nahm dieser den rotbehaarten Krüppel, den diese ihm zeigte und von dem er nicht glaubte, daß er der Vater sein könne, an den Füssen und schleuderte ihn weit fort von sich. Hephaistos, so der Name des verkrüppelten, fiel hart, brach sich Bein und Hüfte, doch Gaia kam, ihm zu helfen. Es war eine harte Schule, durch die Gaia ihn schickte, doch am Ende war er ein Meister, ein Meister der Schmiedekunst….

… und so mächtig Zeus auch war, als Prometheus im Hephaistos brachte, sah er, daß er diesen brauchte, denn dieser konnte Waffen schmieden und anderes aus Metall. Und so schmeichelte Zeus seinem verstoßenen Sohn, hüllte ihn mit gar süßen Worte ein und erhielt aus Dank von dem Geblendeten eine furchtbare Waffe, die ihn zum Schrecken aller Wesen werden ließ: er konnte Blitze schleudern, die alles in Brand setzten, was sich ihnen in den Weg stellte….

Buchcover

Buchcover

Was machte Prometheus? Er war fremd geworden, weilte nicht mehr gerne auf dem Olymp, er durchstreifte lieber das All auf der Suche nach anderen Orten, auf denen vielleicht noch Leben wäre, doch er fand keinen. Es gab nur diese Erde. Doch als er auf diese Erde zurückkam, war er nicht mehr gelitten, war er ein Ausgestoßener: Zeus hatte gezeigt, wie furchtbar seine Blitzschleuder war und alle machten ihm, Prometheus, den Vorwurf, Hephaistos zu Zeus gebracht zu haben. Zeus verbannte den ehemaligen Waffenbruder, ein Land könne er sich aussuchen, in das würde er, Zeus, seinen Fuss nie setzen. Doch Prometheus selbst dürfe sich ausserhalb dieses Landes nicht sehen lassen, sonst sei der Pakt gebrochen.

Hier endet der Mythos, so wie ihn Fühmann nacherzählt.. nein, nicht ganz: sonst hatte es Fühmann nicht gegeben und nicht uns, die wir das lesen…. das Geschlecht der Menschen musste noch geschaffen werden….

Hier sitze ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen
Zu geniessen und zu freuen sich
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

[Goethe, Prometheus, letzte Strophe]


Es ist ein gewaltiger Mythos, den Fühmann in diesem Epos von Prometheus nacherzählt. Und da es ein Mythos ist und kein historisches Ereignis, gibt es auch verschiedene Versionen davon. Man merkt dies, wenn man in anderen Quellen zur Geschichte des Prometheus liest… Diese Erzählung hier jedenfalls ist gewaltig, sie ist intensiv, sie rüttelt auf und manchmal meint man die Erde sich erschüttern hören, wenn man über das Schlachtengetöse z.B. des Titanenkampfes liest. In diesem Sinne ist das Buch beste Unterhaltung, spannendste Lektüre und auch eine sehr interpretationsfreudige Geschichte.

Denn natürlich kann man aus dem Erzählten vielerlei herauslesen. Zeus… schon als Gaia ihm die Macht der Verwandlung gab, nahm er diese mit viel Übermut und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen war, Prometheus jedoch verteidigte ihn gegen seine Großmutter. So ist es auch augenscheinlich, wie sich Zeus während seiner Herrschaft in seiner Art immer mehr der des Kronos annäherte, ja, schlimmer war als Kronos, da dieser “nur” streng und unerbittlich war, aber letztlich berechenbar blieb, während Zeus dazu noch sprunghaft, launisch, berechnend und misstrauisch war. Erst nach der “Geburt” der Athene (seiner Tochter mit Metis, die seinen Schädel beinahe zum Platzen gebracht hätte und bei der dann Hephaistos mit seinem Beil den Geburtshelfer spielte) wurde Zeus wieder ein wenig ruhiger, aber immer blieb er ein launischer, machtbewusster Herrscher.

Gaia ist die Mutter, die Duldende, die Leidende. All ihre Kinder, seien es die Hundertarmigen oder die Titanen (und auch die Giganten sowie andere Ungeheuer, wie gesagt, der Mythen sind viele…) gehen unter, werden unter der Erde in Gefangenschaft geschlagen. Gaia weint um ihre Kinder, sehnt sich nach ihren Söhnen…. Dereinst werden auch ihre Enkel, die Götter, sterben und überleben werden ausgerechnet die Schwächsten, die Sterblichen.

Gaia steigt aus dem Boden auf und übergibt Erichthonios an Athena. Rechts davon Kekrops. Melisches Relief, um 460 v. Chr. Bildquelle: [B]

Gaia steigt aus dem Boden auf und übergibt Erichthonios an Athena. Rechts davon Kekrops. Melisches Relief, um 460 v. Chr.
Bildquelle: [B]

In der Geschichte Fühmanns verliert Gaia im Lauf der Geschichte immer mehr an Substanz. Mit jedem Geheimnis, das sie verrät, mit jeder Gabe, die sie verleiht, verliert sie selbst. Zum Schluss hat sie noch die Größe eines Käfers und ihre letzten Worte sind die, nach denen Prometheus aus Schlamm den Menschen formt. Doch wäre dieses Werk nicht gelungen, hätte nicht Hermes, der Götterbote ihm zur Seite gestanden. In dieser Episode findet sich auch eine witziges Detail: um das weibliche Prinzip im Menschen zu verankern, müssen ein männliches und ein weibliches Wesen den Figuren aus Lehm Leben einhauchen. Als weibliches Wesen ist aber nur die Ziege Almathea greifbar…. vielleicht zicken Männlein und Weiblein deswegen hie und da mal ein wenig herum, wer weiß?

Am Ende des Mythos, dieses Mythosses, wird Gaia nur noch Erde sein, sie wird keine Kinder mehr bekommen, keine Nachfolger. Es wird nicht noch einmal ein Kampf ihrer Söhne und Töchter gegeneinander geben, diese Götter werden von anderen gestürzt werden, die zwar aus ihr, aber von anderen geschaffen und ins Leben gebracht werden. Das Wissen darum ist das letzte Vermächtnis der Gaia, ihre letzte Kraft, die letzte Gabe, die sie zu geben hat und sie hinterläßt sie ihrem Liebling, dem Enkel Prometheus.

Und der Titelheld Prometheus? Er, der “Vorausdenker”, der ein Stück in die Zukunft zu sehen begabt wurde, ist die tragische Figur des Mythos. Von Geburt ein Titan fügt er sich jedoch nicht in die Regeln. Er ist ungehorsam, erkennt und fürchtet die Autorität und die Macht des Onkels zwar, dies hindert ihn aber nicht, seinen eigenen Willen zu entwickeln und ihm nachzugehen. An den Scheidepunkten des Mythos, dort, wo sich weist, wie es weitergehen soll, geht er trotz aller Angst die Risiken ein: er trotzt dem Kronos, er hintergeht ihn, zusammen mit Zeus entwickelt er einen Schlachtplan, ihn zu entmachten.

Prometheus gehört nirgends wirklich dazu, er ist zum Einzelgängertum verurteilt. Aus der Titanenart geschlagen ist er für das neue Geschlecht der Götter (die ja ihrerseits auch von Geburt aus Titanen sind und die Cousins des Prometheus) immer noch ein Titan, ein Fremdling, einer, der nicht dazu gehört. Und er ist ein Verräter, hat das eigene Geschlecht verraten, es bekämpft und besiegt – Prometheus teilt jetzt das Schicksal aller Verräter, daß er nämlich noch einmal Verrat üben könnte, gefährlich werden könnte, hintergehen könnte…. so wird Prometheus bei der Verteilung der Aufgaben nicht berücksichtigt, von Zeus wird er mit Bedacht und schmeichelnden Worten oft und lang auf Reisen geschickt, bis er selbst keine Lust mehr hat, zu seinen ehemaligen Kampfgenossen zurück zu kehren. Wie vormals streift er lieber durch die Welten auf der Suche nach Neuem, bis er endgültig verstoßen wird. Die Sage von Prometheus als demjenigen, der den Zeus hinterlistig hintergeht und der den Menschen gegen den Befehl des Donnerers das Feuer bringt und der als Strafe dafür an den Felsen geschmiedet wird, ist jedoch nicht mehr Teil der Nacherzählung Fühmanns, sie schließt sich inhaltlich dort an, wo diese endet.


“Prometheus” ist ein gewaltiger Mythos, letztlich ist es der Mythos, mit dem das griechische Altertum das Erscheinen des Menschen auf der Erde beschrieb. Wieder die Schaffung des Menschen aus Lehm und Ton und Odem, als sterbliches Wesen (das mit Bedacht, denn Unsterblichkeit bedeutet Trägheit und Faulheit), aber auch und gerade in der Hand der Götter, die mit nicht immer erkennbarem Willen willkürlich an ihnen handeln werden. Das Buch, die Nacherzählung Fühmanns, wird der Wucht dieser Geschichte gerecht: es packt einen, es ist eine archaisch Szenerie von Riesen und Titanen, von mythologischen Figuren, von Helden und Dummköpfen, von Hinterlist, Willkür, Zorn und auch Liebe.

Blick ins Buch

Blick ins Buch

Illustriert ist die mir vorliegende Buchausgabe aus der “Edition Büchergilde” mit Bildern von Angela Hampel. Es sind großflächige Bilder in plakativen Farben, die Künstlerin verwendete viel Rot und Gelb. Oft sind es Gesichter, aber es sind tote Gesichter, Antlitze, deren Augen oft geschlossen oder wie blind. Es ist kam eine Mimik zu sehen, es scheinen tumbe Geschöpfe zu sein, die die Bilder zeigen, Gesichter, die nicht sehen, die zu Geschöpfen gehören, die nicht “sind”. Damit passen die Bilder gut in die Geschichte, die ja in großen Teilen von den vor sich hin dämmernden Titanen handelt, persönlich (aber das ist natürlich Geschmackssache) gefallen tun sie mir nicht….

Wie auch immer: die Lektüre des Buches (das ich garnicht mehr weglegen wollte) war eine wunderbare Erinnerung an meine frühe Jugendlektüre und nach Jahrzehnten wieder einmal eine ebenso fantastische “Reise” in die griechische Mythologie.

 

Links und Anmerkungen:

[1] Informationen zum Autoren:
http://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/schriftsteller-franz-fuehmann-erinnerung-brennt/1553656.html
[2] Griechische Mythologie Wiki: http://griechische-mythologie.wikia.com/wiki/Griechische_Mythologie_Wiki
[3] zitiert nach: http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz97_11/text34.htm

[B]ildquellen:

Franz Fühmann
Prometheus
Die Titanenschlacht
mit Bildern von Angela Hampel
diese Ausgabe: Edition Büchergilde, HC, ca 240 S., 2004

Siegfried Lenz: Der Verlust

19. November 2014

Screenshot (Detail)  Quelle: [1, youtube-clip]

Screenshot (Detail)
Quelle: [1, youtube-clip]

Der Schriftsteller und Autor Siegfried Lenz, einer der Großen der deutschen Nachkriegsliteratur, ist am 7. Oktober 2014 gestorben [1]. Durch Zufall hatten wir in unserem Lesekreis genau um diese Zeit vereinbart, seinen Roman: “Der Verlust” aus dem Jahre 1981 zu lesen.

Vordergründig und nach dem Klappentext geht es um die Frage, was wir erwarten müssen, wenn uns die Sprache abhanden kommt, was wir im stummen Zustand noch wert sind, wenn wir uns durch Sprache nicht mehr ausdrücken können. Liest man den Roman jedoch, verstärkt sich immer mehr der Eindruck, daß nicht unbedingt der erstummte Protagonist Ulrich Martens im Mittelpunkt der Handlung steht, sondern seine Freundin Nora Fechner. Aber widmen wir uns erst einmal eben dieser Handlung des Buches.


Uli Martens ist Fremdenführer in einer norddeutschen Stadt, die nicht näher bezeichnet wird, sie liegt aber an der Küste. Obwohl er dies noch nicht lange ist (Ulrich Martens hat im Lauf seines Lebens viele Berufe ausgeübt, da er unstetig ist und oft neues unter dem Deckmantel einer angeblichen “Flexibilität” ausprobiert) ist er sehr beliebt, weil er es versteht, den Touristen seine Stadt mit Humor nahe zu bringen, ohne daß er, im Gegenteil: sogar, gerade weil er auch die Schattenseite nicht verschweigt. Ulrich Martens lebt durch seine Sprache, er beherrscht das Reden so gut, daß sein Partner auch nach einem halben Jahr und drei Führungen pro Tag (an Sonntagen vier Führungen) immer noch an seinen Lippen hängt…..

An diesem Tag jedoch scheint sich Uli nicht wohl zu fühlen, die Pointen sitzen nicht richtig, er macht einen unsicheren Eindruck, auch körperlich. Er bricht die Führung ab, kann noch zu Nora in die Wohnung, wo er dann aber mit einem Schlaganfall zusammenbricht. Während Nora völlig hilflos ist, behält ihre Vermieterin, Frau Grant, einen klaren Kopf und ruft den Krankenwagen. Uli wird ins Krankenhaus gebracht, er hat Lähmungserscheinungen und kann nicht mehr reden.

Der Kranke möchte nicht sehnlicher als seine Freundin sehen, diese jedoch ist von der Situation völlig überfordert und sieht sich nicht in der Lage, ihn im Krankenhaus zu besuchen. Erinnerungen an einen Robert, den sie früher kannte und den sie lange im Krankenhaus besuchte und der nach knapp einem Jahr Leidenszeit starb, werden wach: offensichtlich ist Nora immer noch von diesem Ereignis blockiert und traumatisiert. Anstatt des erflehten Besuches informiert sie Ulis Bruder Frank über dessen Erkrankung und erfährt, daß die beiden Brüder sich einer Frau wegen vor sechzehn Jahren unversöhnlich zerstritten haben, Uli hat seitdem jeden Kontakt abgelehnt.

Zeitweise findet Nora Halt an ihrer Vermieterin. Als diese jedoch mit dem Mord an einem ihrer Lieblingsschüler konfrontiert wird, ist Nora auf sich gestellt. Immer dringlicher werden die Bitten Ulrichs um einen Besuch durch Nora, er kann sich mittlerweile schriftlich rudimentär artikulieren und übermittelt ihr die Botschaft, sie solle in seine Wohnung ziehen, was für Nora undenkbar ist. Zwischenzeitlich wird Nora von den Eltern angerufen, denen die Wohnung gekündigt worden ist. Sie kommt der Bitte um Hilfeleistung nach, hat sie damit doch einen Grund, die Stadt zu verlassen.

lenz verlust

Da Nora Uli nicht besucht, “flieht” dieser seinerseits aus dem Krankenhaus, um zu Nora zu gehen, ausgerechnet an dem Tag, an dem Nora mit dem Mut der Verzweifelung ins Krankenhaus gekommen ist. Mit seinem Stock läßt Lenz nun seinen Protagonisten quer durch die Stadt tappern, stolpern und torkeln, in Bussen, Taxen und zu Fuß. Auch bei Noras Eltern, die etwas ausserhalb wohnen, fällt er ein. Da diese nichts von einem Freund ihrer Tochter wissen, reagieren sie abweisend, Hilfe für den offensichtlich nicht “normalen” Mann bieten sie nicht an. Überhaupt: obwohl er einen seltsamen Eindruck machen muss ob seiner im Bemühen, sich zu artikulieren stetig hervorquellenden Augen und der sich verkrampfenden Halsmuskulatur, kümmert dies anscheinend niemanden, allenfalls stört dieser Mensch im Stadion, in das er geht, weil er vermeint, Nora dort gesehen zu haben, bei der Sicht…. Immer wieder die Versuche zu sprechen, die angestrengten Versuche, Laute aus der Kehle zu pressen, die immer wieder nicht hinaus wollen. Dabei ist ihm selbst doch im Kopf alles so klar….

Endlich bricht er zusammen, vor dem Stadion liegt er auf dem Bauch im Dreck. Für die beiden Polizisten, die geholt wurden, ein Besoffener bzw. ein Irrer, der auf die Wache geschleppt wird. Erst dort und erst nach geraumer Zeit holt jemand einen Krankenwagen und Ulrich Marten kehrt ins Krankenhaus zurück.

Inzwischen haben Frank Marten und seine Frau Kontakt zu Nora gesucht mit der Bitte, Uli etwas auszuhändigen. Von Hilde Marten erfährt Nora einige Sachen über Uli von früher…. dies macht ihr die Frau nicht gerade sympathischer, aber irgendetwas ist in Nora geschehen, sie birst danach geradezu vor Selbstbewusstsein und Entschlusskraft. Nicht nur, daß sie sich jetzt die Anordnung der gemeinsamen Möbel in Ulis Wohnung versucht vorzustellen, nein: sie geht mit Obst ausgerüstet zu Uli ins Krankenhaus und unterbreitet ihm den Plan, doch ein Fertighaus mit Veranda zu kaufen.

Ungläubig schaut Uli auf seine Lebensgefährtin, greift sich den Notizblock und krakelt angestrengt zwei Worte hin: “Kein Mitleid”, zwei Worte, die beinahe wieder alles zerstören, weil sie Nora zurückweisen, zurückstoßen… und doch: Nora setzt sich auf die Kante des Bettes und nimmt Ulis Hand. Als es an der Tür klopft, blicken beide dorthin.


Das Roman gliedert sich quasi in zwei Teile. Im ersten Teil, nachdem Ulrich M. seinen Schlaganfall erlitten hat und im Krankenhaus ist, konzentriert sich Lenz mehr auf dessen Lebensgefährtin Nora. Diese arbeitet in einer Leihbücherei, sie fühlt sich sicher in den Listen, in denen sie die nicht wieder zurückgebrachten Bücher aufführt – das wahre Leben draußen ist ihr zuviel, bedeutet zuviel Herausforderung und verlangt zuviel Selbstbewusstsein. Ihr Lebensgefährte liegt mit einer schweren Erkrankung im Krankenhaus und sie ist nicht in der Lage, ihn zu besuchen, was die natürlichste und spontanste aller Handlungsoptionen sein sollte. Statt dessen muss die Vermieterin, Frau Grant, ein paar Sachen zu Ulrich bringen… Selbst nachdem der behandelnde Arzt persönlich bei Nora vorbeikommt, kann sie sich nicht aufraffen, den immer drängenderen Bitten des Erkrankten um Besuch nachzukommen. Statt dessen verkriecht sie sich für ein paar Tage bei ihren Eltern, denen vom neuen Besitzer der Wohnungen das Mietverhältnis gekündigt worden ist und die den Beistand der Tochter in dieser Situation erbaten.

Ulrich M. ist da ganz anders. Kommunikativ und sich durch sein Reden definierend bricht mit dem Schlaganfall und dem Verlust der Sprache eine, seine Welt für ihn zusammen. Zwar macht er relativ rasche Fortschritte in der Therapie, doch gemessen an dem Verlust, den er erlitten hat, sind sie gering. Kaum daß er mit viel Anstrengung Buchstaben auf Papier kritzeln kann, die dann zu Wörtern und Aussagen kombiniert werden müssen… im Kopf ist alles vorhanden, die Sätze, die Wünsche sind formuliert und sprechbereit, doch kommen sie einfach nicht hinaus und stecken fest allenfalls ein unverständliches Bellen und Knurren entfleucht seiner Kehle….

Lenz läßt seinen Protagonisten eine Odyssee durch die unbenannte Stadt am Meer wandern, um Nora zu finden. Er muss ihr offensichtlich etwas existentiell wichtiges mitteilen. Mitleidslos und ohne Empathie entgegengebracht zu bekommen torkelt er durch die Straßen, erklimmt er Busse und kriecht in Taxen. Der Stock, den er mit genommen hat, ist kaum eine Hilfe für ihn und doch durchquert er die Stadt im eisernen Willen, seine Freundin zu finden. Ist es Liebe oder das Wissen, daß er sonst niemanden hat? Was erwartet er von Nora? Ist der geäußerte Wunsch, daß Nora in seine Wohnung zieht, jetzt, in dieser Situation, nur das Bestreben, eine 24h-Betreuung für sich zu organisieren oder ist es eine verkappte Liebeserklärung? Und weiß er so wenig von seiner Freundin, daß er wirklich erwartet, sie würde dem Wunsch ad hoc entsprechen?

Er, der sich nie festlegte, sich immer ein Türchen offenhielt, bei Problemen “flexibel” war und ging, etwas anderes anfing: jetzt, wo er nicht mehr kann, will er sich festlegen. Ulrich M.: ein Opportunist?  Ein Mann, der nach dem Strohhalm “Nora” grapscht, weil er merkt, daß er ohne Sprache, ohne sich verständlich machen zu können, unverstanden bleibt und all das, was ihn ausmachte, nicht mehr existiert? Fragen über Fragen….

Fakt ist, daß sowohl Nora als auch Uli kaum andere Sozialkontakte haben als sich. Über die Intensität ihrer Beziehung schweigt sich Lenz aus, jedoch deutet die Tatsache, daß in Noras Wohnung Wäsche von Uli liegt, darauf hin, daß man es Beziehung nennen kann. Die beiden Menschen sind gegensätzlich (so wie ihre Möbel, die ebenfalls nicht zusammenpassen), während Nora in der Ereignislosigkeit des Landlebens einen Fluchtpunkt sieht, braucht Uli die Stadt. Fraglich, wie sich hier ein Zusammenleben gestalten könnte.

.. und dann noch dieser Nebenkriegsschauplatz, der Zwist, das Zerwürfnis mit dem Bruder Frank und seiner Frau Hilde, die vor sechzehn Jahren eigentlich Ulrichs Frau werden sollte, die dann aber den beständigeren Bruder dem sprunghaften, immer wieder ausweichendem Ulrich vorzog. Jetzt, wo es Ulrich M schlecht geht, wo er den Bruder, der ihn zu besuchen versuchte, des Zimmer verwiesen hat, mit Gesten, indem er sich wegdrehte, liebe die Wand ansah als den Bruder, wollen sie ihm offenbaren, wie sehr sie ihn die ganzen Jahre über heimlich unterstützten – Nora soll ihm die Belege dafür geben, Nora soll wissen, wie es damals “wirklich” war, denn von Ulrich hat sie nichts erfahren, sie wusste von Hilde nichts. Es wirkt kleinlich, rechthaberisch, besserwisserisch wie Hilde Nora aufklärt – aber ist es nicht doch verständlich, daß sie dies Angestaute einem Menschen erzählen will, ja, endlich einmal erzählen muss – und wer käme als Adressat prinzipiell besser in Frage wie Ulrichs jetzige Freundin – die sich freilich verweigert, Ohr zu sein, zuzuhören, zur Kenntnis zu nehmen. Im Gegenteil, scheint die Mauer, die sie um sich gebaut hat, durch die Suada Hildes zu bröckeln, wie in einer “jetzt-erst-recht”-Reaktio bekennt sich Nora nach dem abschiedslosen Abschied von Hilde innerlich und auch äußerlich zu Ulrich: so wenig wie die jeweiligen Möbel in der kleinen Wohnung Ulrichs zusammen harmonieren so wenig würden es die Menschen tun: etwas größeres muss her, etwas mit Platz für beide Individualitäten: ein Haus mit Veranda. (Wie dies zu finanzieren sei, jetzt, in dieser Situation: das ist hier und jetzt das Problem des Schrifstellers nicht…)


Man sieht, ein gedankenschweres, inhaltsschweres Werk, ein Autor, der hinter die Fassaden schaut, der nicht den Bagger (oder Radlader) auf der Straße sieht, sondern ein gelbes Ungeheuer, bedrohlich (weil es den Weg einreißt?) und gefährlich (weil es immer wieder mit seinem Hinterteil in den Weg schwenkt?), ein Autor, der seine Figuren winken läßt, aber auch die “Produktion eines Winkens” kennt. Ein Autor, der in einem ansonsten distanziert formulierten Roman im Moment, da er einer seiner Figuren mit einem großen Unglück konfrontiert, diese derart beschreibt: “Ihr Gesicht, das einen eulenhaften Ausdruck angenommen hatte, war verschmiert, eine dünne Schleimfahne glänzte auf der Oberlippe … verfettete, dellenreiche Schenkel… verklebte Wimpern …” Wozu dient diese detaillierte Beschreibung seiner Figur, insbesondere die Details über ihre Schenkel, die nun kaum etwas mit der Handlung oder der aktuell geschilderten Situation zu tun haben…. Lenz scheint Frau Grant nicht geliebt zu haben, jetzt, wo sie vom Schicksal geschlagen ist, versetzt ihr Lenz, der Autor, noch einen zusätzlichen Hieb, der sich aber in seiner Ausführung eher gegen den Autor selbst richtet.

Mit Nora und Uli hat Lenz zwei einsame Menschen geschaffen. Für Nora ist der Wunsch, in “einer Zeit der Ereignislosigkeit, ohne Erschütterungen zu leben, in Verhältnissen, die nicht fortgesetzt Entscheidungen nahelegten – das, dachte sie, müßte Glück sein.” Wie schon gesagt, Sozialkontakte gibt es kaum, eine große Rednerin ist sie wohl auch nicht, am wohlsten fühlt sie sich in ihrer Bücherei. So sehr ist sie in ihrer Welt gefangen, daß diese Blockade selbst durch das Unglück, daß ihren Freund (auch wenn die Intensität der Beziehung nicht klar geschildert wird) existentiell trifft, nicht aufgelöst wird: sie ist nicht in der Lage, ihn zu besuchen, ihm benötigte Sachen ins Krankenhaus zu bringen, selbst der dringenden Aufforderung des Arztes, um der Heilungschancen willen Uli zu besuchen, kommt sie nicht nach, erst sehr spät überwindet sie sich letztlich doch, ins Krankenhaus zu gehen.

Uli.. zwar redet er gerne und gut, hat aber als einzige Bezugsperson auch nur seine Partnerin. Insofern sind beide aufeinander angewiesen – wären beide aufeinander angewiesen, wenn Nora diese Rolle angenommen hätte. Da sie dies (vorerst) nicht tut, flieht Uli aus dem Krankenhaus und begegnet einer Umwelt, die ihn zur Kenntnis nimmt, aber nicht erkennt, daß er krank ist. Unbelästigt von jedem Hilfsangebot stolpert er durch die Stadt, bis er wieder zusammenbricht. Aber was machen wir selbst, wenn wir in der Stadt jemanden sehen, der vor sich hinsabbert, sich nicht (mehr?) richtig bewegen kann, nicht verständlich redet? Abstand halten wohl meist, reflexartig und vorurteilsbeladen auf “Besoffen” tippen… nur keinen Ärger einhandeln, einen großen Bogen drum herum machen.

In meinem Lesekreis bin ich mit meiner deutlich formulierten Aussage, ich würde einen Menschen (wie Nora), der nicht in der Lage ist, seinen Partner, der einen Schlaganfall erlitten hat, im Krankenhaus zu besuchen, als “therapiewürdig” ansehen, auf deutlichen Widerspruch gestoßen. Seltsamerweise waren es die Männer, die eher meiner Meinung waren, während die Frauen Verständnis für Nora aufbrachten, ihr Zögern und ihre Abwehr nachvollziehen konnten. Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, daß ein durch frühere Erfahrungen offensichtlich derart traumatisierter Mensch Hilfe bräuchte (um das Widerstand hervorrufende “therapiewürdig” zu vermeiden), aber im Lesekreis haben wir uns bei dem Kompromiss getroffen, daß Nora ein paar Tage Zeit brauchte, um sich auch innerlich zu Uli zu bekennen.

Das eigentliche (Klappentext) ist jedoch der Sprachverlust des Protagonisten. Dieser wirft ihn (in Verbindung damit, daß er auch nicht mehr schreiben kann) zurück auf sich selbst: seine Welt ist inwändig geworden, in ihm ist alles klar und eindeutig, aber die Verbindung nach draußen ist gekappt. Er ist zum Fremdkörper geworden, zu dem, der auffällt, der stört, der hinderlich ist. Die Welt funktioniert nur, indem sie kommuniziert, jeder, der sich dieser Tatsache entzieht, lebt ausserhalb dieser Welt….

“Der Verlust” ist für mich eins dieser typischen deutschen Bücher der 70er und 80er Jahre, gedankenschwer, schwurbelig in der Sprache, mit Figuren, mit denen ich mich in keiner Weise identifizieren kann, noch nicht einmal das Einfühlen ist mir möglich. Sie sind mir fremd, sie bleiben mir den ganzen Roman über Fremde. Andere Leser sehen dies anders, dies hat in meinem Lesekreis zu einer intensiven, lebhaften, kontroversen Diskussion geführt, einer Auseinandersetzung, die Spaß gemacht hat und fruchtbar war… In dieser Hinsicht wenigstens war der Roman durchaus ein Gewinn…

Links und Anmerkungen:

[1] zum Tod von Siegfried Lenz z.B. hier: http://www.sueddeutsche.de/news/kultur/literatur-schriftsteller-siegfried-lenz-gestorben-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-141007-99-03352
siehe auch diesen filmischen Nachruf: https://www.youtube.com/watch?v=KFrLCjcw2Vo

[2] Der Roman wird/wurde vom ZDF verfilmt: http://www.derwesten.de/kultur/fernsehen/zdf-dreht-neuen-siegfried-lenz-film-der-verlust-id8456575.html
(Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=X-ZBLSg-_2U)

Siegried Lenz
Der Verlust
Erstausgabe: Hamburg, 1981
diese Ausgabe: Bertelsmann Buchclub, HC, ca. 220 S., o.J.

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