Patrick Modiano: Dora Bruder

20. Dezember 2014

Die Verhaftung staatenloser Juden in Paris wird von der französischen Polizei in der Zeit vom 16.7. – 18.7.1942 vorgenommen werden. Es steht zu erwarten, daß nach der Verhaftung etwas 4000 Judenkinder zurückbleiben…. bitte ich Sie dringend um Entscheidung darüber, ob diese Kinder der abzutransportierenden staatenlosen Juden etwas vom 10. Transport ab mit abgeschoben werden können.

(Fernschreiben des SS-Hauptsturmführers Danneker, Paris, an das RSHA Berlin, am 10. Juli 1942)

“Die Polizisten fielen sie an wie ein Schwarm großer, dunkler Vögel. Sie zerrten die Frauen auf die eine Seite des Lagers, die Kinder zur anderen. Noch die allerkleinsten Kinder wurden von ihren Müttern getrennt. Das kleine Mädchen sah allem zu, als befände sie sich in einer anderen Welt. Sie hörte die Klagerufe, die gellenden Schreie, sie sah die Frauen, die sich auf den Boden schmissen und ihre Kinder versuchten an Kleidern und Haaren festzuhalten. Sie sah die Polizisten, die mit ihren Knüppeln ausholten und die Frauen ins Gesicht und auf den Kopf schlugen. Sie sah eine Frau zusammenbrechen, die Nase eine einzige blutige Masse.”
[Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel, 3]

Die fernschreibenkin den Lagern Pithiviers und Beaune-la-Rolande untergebrachten jüdischen Kinder können nach und nach auf die vorgesehenen Transporte nach Auschwitz aufgeteilt werden. Geschlossene Kindertransporte sind jedoch keinesfalls auf den Weg zu bringen.

(Anweisung des RSHA in einem Fernschreiben an den Befehlshaber SIPO und den SD, Paris) vom 13. August an [4, S. 155]


Es ist ein Zufall. Der Autor, Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 2014 [1], stößt in einer alten Ausgabe des “Paris-Soir” vom 31. Dezember 1941 auf eine Suchmeldung nach einem vermissten Mädchen, einer Dora Bruder, 15 Jahre alt, die Kleidung wird beschrieben und die Anschrift der Eltern, die auf eine Nachricht hoffen, angegeben.

Paris-Soir, 31.12.1941 Bildquelle: [B]

Paris-Soir, 31.12.1941
Bildquelle: [B]

Es ist eine Gegend, die der Autor kennt, er kennt die Straßen, die Geschäfte, er kennt das Haus Boulevard Ornano 41 [5] ,es ist wie ein unsichtbares Band zwischen ihm und dieser ihm völlig unbekannten jüdischen Familie Bruder. Dieses Buch beschreibt die Suche des Autoren nach Fakten, mit denen sich das Schicksal Doras und auch das ihrer Eltern aufklären läßt. Es ist eine Chronik, ein Bericht über einen Versuch, einem Menschen eine Erinnerbarkeit zu geben, einem Menschen, der ansonsten unter Tausenden mit gleichem Schicksal als Einzelne untergegangen wäre. Sicher ist das Schicksal von Dora Bruder nichts aussergewöhnliches in diesen Zeiten der Dunkelheit, des Monströsen, des generalstabsmäßigen Versuches nämlich, ein Volk auszurotten, aber erschüttert uns Nachgeborenen auch dieses Wissen und macht uns fassungslos, so berührt uns in der Tiefe unserer Seele eher der/die Einzelne, der/die ein Gesicht hat, einen Namen, ein Aussehen, ein Geruch, die in bestimmter Weise gekleidet ist, sich bewegt, sich freut, lacht, weint, der/die liebt, hasst, traurig ist, bewegt ist, Angst hat: kurz: ein Mensch ist und nicht nur Teil einer ungeheuren Menge.

Diese Recherche führt Modiano auch zurück in die eigene Vergangenheit, auch er hat über den Vater jüdische Wurzeln. Auch sein Vater befand sich damals in einer analogen Situation wie Dora, findet Modiano heraus: beide waren trotz der entsprechenden Anordnungen der Besatzer nicht als “Juden” registriert, also in steter Gefahr, aufgegriffen zu werden. In der Tat wurde der Vater aufgegriffen und zur Personenüberprüfung zusammen mit zwei jungen Frauen auf ein Revier gebracht, doch konnte er von dort aus fliehen. Für kurze Zeit unterliegt Modiano der Vorstellung, unter den zwei jungen Frauen könnte eine Dora gewesen sein, die in dem harten Winter 41/42 aufgegriffen worden sein muss, denn sie wird im August/September 1942 über das Lager Drancy nach Ausschwitz deportiert [2].

Die Eltern stammen aus dem Ausland, der Vater Ernest aus Österreich, geboren in Wien, groß geworden in der Leopoldsstadt, die Großeltern väterlicherseits wohl durch die Weltläufte aus Galicien nach Österreich geschwemmt.  Ernest war bei der Fremdenlegion, wurde dort verletzt und kam so nach Paris. Die Mutter Cècile war ungarischer Abstammung, sie war 1923 mit der Familie aus Budapest nach Wien gekomen. 1924 heirateten die beiden, Dora kam am 25. Februar 1926 zur Welt. Sie lebten in einfachen, ärmlichen Verhältnissen, hatten zum Schluss keine eigene Wohnung, sondern lebten in einem Hotel.

Dora kam im Mai 1940 in eine von christlichen Schwestern geleitete Klosterschule, die streng geführt wurde, eher einem Waisenhaus glich. Später, nachdem die Repression gegen Juden einsetzte, versteckten die Schwester solche Kinder in ihrem Heim. Hätte Dora, wäre sie unauffällig geblieben, dort hätte überleben können? vielleicht. Aber Dora war nicht unauffällig, sie war eigenwillig, hatte ihre eigenen Vorstellungen und hielt es wohl nicht aus in diesem trüben Heim. Jedenfalls wurde sie wegen des Weglaufens am 14. Dezember 1941 aus dem Heim entlassen. Erst zwei Wochen später meldet der Vater sein Kind als vermisst, es müssen zwei Wochen des Bangens und der Angst gewesen sein: Mittlerweile hatten die offiziellen Repressionen gegen Juden eingesetzt und Dora war nicht als Jüdin gemeldet, mit der Anzeige wurde sie dagegen offiziell.

Wo und wie das Mädchen den strengen Winter 1941 verbracht hat, wie sie überleben, den Greifern der Polizei über viele Wochen hinweg entwischen konnte, konnte Modiano nicht in Erfahrung bringen, es ist – so sein Schlusssatz – ein armseliges, kostbares Geheimnis, … das ihr niemand rauben konnte.

Viehtransporter zum Abtransport von Juden nach Ausschwitz Bildquelle [B]

Viehtransporter zum Abtransport von Juden nach Ausschwitz
Bildquelle [B]

Für den 17. April 1942 gibt es eine polizeiliche Eintragung, daß sie zur “mütterlichen” Wohnung zurück gebracht worden sei. Der Vater war schon im März in Drancy, dem großen französischen Sammellager, interniert worden. Am 19. Juni schließlich wird Dora in das Lager Les Tourelles gebracht, am 13. August schließlich werden die restlichen jüdischen Frauen in Les Tourelles, dreihundert, nach Drancy gebracht, dem Vorzimmer der Hölle. Der Zug nach Ausschwitz geht am 18. September ab.


Es war nichts Besonderes an Dora Bruder, sie war ein junger Mensch, der wohl kaum davon Kenntnis genommen hat, daß er jüdisch war. Wahrscheinlich stand sie am Beginn der Pubertät, fing an, ihren eigenen Weg in die Welt zu suchen, in eine Welt, die in katastrophaler Art und Weise immer enger wurde, bis sie ihr (und Millionen anderen) die Luft zum Leben nahm – in einen erschreckendem Sinne sogar wörtlich. Dora Bruder fiel dem Autoren zufällig auf und dieser forschte viele Jahre lang, möglichst viel von diesem Leben, diesem einen Leben wenigstens, das dem Vergessen anheim zu fallen drohte, zu erfahren. Modiano hat dies mit viel Empathie getan, an einigen Stellen erzählt er, wie er beim Spazierengehen durch die alten Straßen, durch die auch Dora gegangen war, förmlich ihre Gegenwart spürte, hineingezogen wurde in ihr Schicksal.

Aber es ist natürlich nicht nur ihr Schicksal, das Modiano dokumentiert und festhält. Es ist auch das Schicksal der Eltern von Dora, es ist das Schicksal einiger Leidensgenossinen, auf die der Autor bei seinen Recherchen trifft. Er wird Hunderte, Tausende von Archivseiten gewälzt haben, in denen mit dürren, nüchteren Worten Daten festgehalten worden sind, die letztlich über Leben und Tod entschieden hatten.

Das Buch entwickelt beim Lesen einen eigentümlichen Sog. Es ist nüchtern geschrieben, mit vielen Daten. Es wird aus Briefen zitiert und aus Akten, es werden Straßen und Gebäude beschrieben genauso wie Bilder. Und doch zieht der Text einen hinein in das ausgelöschte Leben von Dora Bruder, das – so deucht dem Autoren an mancher Stelle – geheimnisvoll auch mit seinem Leben verwoben ist: allein durch die Möglichkeit, daß sich diese oder jene Menschen mit ihr getroffen haben könnten, an den selben Orten lebten, spazierten oder sich aufhielten. So  beansprucht auch die eigene Geschichte Modianos Raum in dem Buch. Mit dem Vater war das Verhältnis schlecht, die Eltern waren geschieden. Modiano berichtet davon, wie der Vater die Polizei holte, nachdem die Mutter ihn geschickt hatte, die fälligen Unterhaltszahlungen vom Vater zu erbitten. In einer grünen Minna werden sie auf Revier gefahren, ein ähnliches Fahrzeug, in dem der Vater im Krieg, nachdem er keine Papier vorweisen konnte, schon einmal auf ein Revier gebracht worden war. Zeichen einer heimlichen Kontinuität, an der sich niemand stört.

Frankreich ist eben nicht nur “Siegermacht”, Frankreich hat auch in großen Teilen kollaboriert, war williger, allzu bereitwilliger Helfer der deutschen Besatzung, hat sich auch und gerade an seinen jüdischen Mitbürgern versündigt. Drancy [6] ist ein Ort, ein Name, der immer wieder auftaucht, das “Hopital Rothschild”, in dem unter Lügen kranke oder schwangere jüdische Frauen versteckt wurden, bis sie wieder in die Lager konnten (auch in diesem Bericht wird dieses Haus erwähnt), die Internierungslager, das Aufgreifen von Flüchtlingen in der “freien Zone” und die Deportationen. Man ging nicht zimperlich vor, auch Modiano gibt dafür Beispiele. Es wurden (Leibes)visitationen von Gefangenen durchgeführt (besonders bei den weiblichen), es wurden die Wertgegenstände eingesammelt und die Anweisungen der deutschen Dienststellen wurden nicht hinterfragt. Feuchtwanger redet nicht umsonst vom “Teufel in Frankreich” [s.u.]. So war Modianos Buch bei seiner Erstveröffentlichung 1997 sicher auch ein Wühlen in einer nur vernarbten, aber nicht verheilten Wunde, vllt ließen sich sogar die aktuellen politischen Tendenzen in Frankreich mit darauf zurückführen, daß dieses Thema zu lange unter dem Teppich gehalten worden ist.

In Modianos Bericht jedenfalls entsteht ein fragiles Bild von Menschen und von einer Zeit, welches auf nur wenigen sicheren Stützpunkten. Vieles scheint dem Autoren plausibel, manches vermutet er, einiges meint er zu verspüren. Modiano taucht in die Vergangenheit ein, lauscht der Atmosphäre nach, die immer noch, nach Jahrzehnten des Schweigens, nachschwingt und – ist man sensibel genug – zum Mitschwingen bringt. Dies geschieht bei Modiano und so entreißt er einen Menschen, stellvertretend für Abertausende, dem Vergessen.

Da mich mein erster Versuch mit Modiano, Place de l´Etoile beim Erstlesen recht ratlos zurückgelassen hat (in Dora Bruder macht Modiano ein paar Erläuterungen zu seinem Erstling), hat mich Dora Bruder positiv überrascht und ich kann aus dieser Erfahrung heraus dieses Buch als Einstieg zu Modiano sehr empfehlen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren: http://de.wikipedia.org/wiki/Patrick_Modiano
[2] Die Transportlisten von Drancy nach Ausschwitz können hier eingesehen werden: http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/chronicles.html.en?page=3
Dora und ihr Vater werden am 18. September 1941 und ihr Mutter am 11. Februar 1943 nach Ausschwitz deportiert. Überschlagsmäßig sind diesen Listen nach ca. 70.000 Juden von Drancy aus in das Vernichtungslager gebracht worden.
[3] Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel, Besprechung im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2011/07/04/tatiana-de-rosnay-sarahs-schlussel/
[4] Schoenberger G: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, Fischer TB, 1982
[5] Link zu Google-Maps mit dem Boulevard Ornano:  https://www.google.de/maps/@48.8924062,2.3452854,15z
[6] Wiki-Artikel zum Sammellager Drancy:  http://de.wikipedia.org/wiki/Sammellager_Drancy

Weitere Bücher in meinem Blog, die sich mit der Verfolgung der Juden in Frankreich bzw. auch dem Themenkomplex “Kollaboration” befassen:

Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich
Pierre Assouline: Die Kundin
Odile Kennel: Was Ida sagt
Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel
Erich Schaake: Bordeaux, mon amour
Irène Némirovsky: Suite française
Robert Bober: Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen

Bildquellen:

dora coverPatrick Modiano
Dora Bruder
Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Originalausgabe: Dora Bruder, Paris, 1997
diese Ausgabe: dtv, ca. 150 S., 2014

Von Osten nach Westen,
Zu Hause am besten.

Es muss etwas besonderes geherrscht haben in diesem Verhältnis zwischen dem Dichter und dem einfachen Frau, zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Christiane Vulpius. Sie trafen sich, sie, 23jährig, auf dem Weg zu ihm, 38jährig, ihm eine Bitte vorzulegen, in seinem Garten. Schon diese Nacht trennten sie sich nicht mehr und blieben zusammen. Insgesamt dauerte das Verhältnis der beiden 28 Jahre, davon waren nur die letzte zehn legalisiert durch die Ehe zwischen ihnen.

Sie wurde und war “seine liebe Kleine, sein Küchenschatz, sein Hausschatz, sein Bettschatz” und für sie wurde Goethe zum Mittelpunkt und Anker ihrer Welt. Dies muss viel gezählt haben, denn sie haben Nachteile in Kauf genommen, beide. Er, dem man die Vulpius als Verhältnis und Liebelei ohne Probleme nachgesehen hätte, wurde geschnitten, war gesellschaftlich vllt nicht gerade geächtet, aber angeschlagen. Da selbst sakrosankt, ergoß sich die Missbilligung der Gesellschaft in voller Breite auf die Frau, die aus ärmlichen, bürgerlichen Verhältnissen stammend einen aus dem Kreis des Hofes für sich in Anspruch nahm, etwas, das der Fürst ihr nie verzieh, auch nach der Hochzeit nicht.

Handschrift von Christiane Vulpius, 1797 Bildquelle [B]

Handschrift von Christiane Vulpius, 1797
Bildquelle [B]

Die beiden Liebenden waren sehr unterschiedlich. Christiane stammte aus ärmlichen Verhältnissen, die Mutter verstarb früh, der Vater, ein vom Hof schlecht besoldeter Jurist fiel eines Fehler wegen in Ungnade, auch er verstarb früh. Das wenige Geld wurde in die Ausbildung des älteren Bruders investiert, für Christiane, die früh arbeiten gehen musste, blieb nicht viel übrig. Immerhin lernte sie lesen und schreiben, wenngleich ihre Briefe zeitlebens die Mängel ihrer Bildung aufzeigten [siehe Bild und 3], ein Umstand, den Goethe nie erwähnte oder dessen Besserung anmahnte. Ihm war sie so gut, wie sie war.

Christianes Reich war die Hauswirtschaft. Das Kochen, Einmachen, Säen, Ernten, das Bügeln, Plätten, Waschen. Sie schloß Verträge, bearbeitete den Garten, richtete das Haus gemütlich her, sie nähte und stopfte, nichts war ihr zuviel. Sie war es, die bei den häufigen Abwesenheiten ihres Lebensgefährten seine Interessen resolut vertrat, nach der Eroberung Weimars durch Napoleon war sie es, die die Plünderung und Verwüstung des Frauenplans verhinderte. Ohne Christiane Vulpius wären vllt viele der Werke Goethes nicht erhalten geblieben.

Goethes Hausgarten mit Christiane Vulpius und August von Carl Lieber nach Goethes Entwurf Bildquelle [B]

Goethes Hausgarten mit Christiane Vulpius und August von Carl Lieber nach Goethes Entwurf
Bildquelle [B]

Von fünf Kindern, die sie gebar, blieb nur der erste Sohn, August, oft zärtlich “Gustel” genannt, am Leben. Ihrem Tagebuch vertraut sie ihre Malaisen an, Zahnschmerzen, Magenkrämpfe, allgemeiner Verdruss – eine Frau, die vier tote Kinder zu betrauern hat, die oft allein ist – kann man es ihr verdenken? Sie litt unter Bluthochdruck und hatte Nierenprobleme, der Schlag traf sie zweimal. Christiane neigt nach den vielen Geburten zur Fülligkeit, wird schwerfällig. Ihr Sterben 1816, 51jährig, war grausam, jeder floh vor ihren Schmerzensschreien, die nicht auszuhalten waren. Ihren Mann sah Christiane von Goethe in diesem schweren Stunden nicht mehr, ihm war alles, was mit Krankheit, Tod und Sterben zu tun hat, verhasst, das Verhältnis mittlerweile so, daß er die Krankheiten seiner Frau im Wesentlichen als Störelemente für seine eigene Arbeit ansah.

Christiane hatte Haus und Hof unter ihrem Kuratel, sie war lebenslustig, tanzte gerne (bis das die Schuhe durch waren), sprach – so wie auch Goethe – dem Weine und dem Champagner zu, lenkte die Kutsche – auch hier (dem jungen, gerade in Weimar angekommenen) Goethe gleich rasant durch die Straßen, besuchte das Theater, berichtete Goethe davon in ihrem Briefen. Dem Flirten war sie wohl nicht abgeneigt, wenn ein gut aussehende Offizier oder Student sie zum Tanzen aufforderte, sie machte ebenso wie der Dichter bei jungen Damen “Äuglein”, so ihr Sprachgebrauch. Sie trug auf Reisen Pistolen mit sich, die sie, so sie angehalten wurden, etwas weiter herausschauen ließ…

Büste der Christiane Vulpius in den Kuranlagen von Bad Lauchstädt Bildquelle [B]

Büste der Christiane Vulpius in den Kuranlagen von Bad Lauchstädt
Bildquelle [B]

Doch Goethe wusste die natürliche Intelligenz Christianes, ihre Beobachtungsgabe und ihr Urteilsvermögen durchaus zu nutzen: sie war sein “Mann” in Bad Lauchstädt, wo er ein Theater übernommen hatte. Dort vertrat sie ihn, vermittelte bei den Schauspielern, berichtete ihm von Proben und Aufführungen. Hier, entfernt von Weimar, war sie anerkannt, fühlte sie sich wohl und blühte sie auf. Die Bad Lauchstädter dankten es ihr mit einer kleinen Büste.

Daß ihr diese extrovertierte Lebenslust von der Weimarer Gesellschaft (und nicht nur von dieser) negativ angekreidet wurde, versteht sich von selbst. Gesellschaftlichen Kontakt hatte sie nicht, sie lieb  aussen vor. selbst bei Besuch im eigenen Haus kam sie nicht zu Tisch, sondern kümmerte sich nur um die Gäste. Sie war in dieser Hinsicht einsam auf dem Frauenplan, ihr Leben kreiste ausschließlich um Goethe und dessen Interessenwahrnehmung. Für sie hätte eine Heirat in “ihren Stand” mehr Anerkennung bedeutet, Kontakt zu Menschen, Freundinnen, die sie nie hatte. Denn auch nach der Hochzeit, als sich – auch durch Intervention Goethes – Einladungen zum Tee ergaben, verstummte der Spott hinter ihrem Rücken nicht, zu Freundinnen wurden die meisten der Frauen nur an der Oberfläche…. [5]

Im Leben Goethes sind es immer wieder Frauen, die großen Einfluss auf ihn haben. Die Mutter – natürlich. Dann die Schwester Cornelia [4], die ihn ebenso wie später in Weimar die jahrelang umworbene von Stein intellektuell herausforderte (und die salopp gesagt, in allem ein Gegenteil zur Christiane war: intellektuell herausragend, aber (vom Ehemann beklagt) hauswirtschaftlich mit Lücken behaftet) und schließlich, nachdem der Dichter (so wie Damm es schreibt) selbst intellektuell seinen Platz gefunden hat, Christiane, die seiner Vorstellung und seinen Ansprüchen an eine/r Lebenspartnerin entsprach: wenig Bildung, gute Hauswirtschaft. Außerdem scheint Christiane eine starke erotische Wirkung auf Goethe gehabt zu haben, mehr als einmal muss das Bett vom Schreiner gerichtet und die Standfestigkeit erhöht werden.

Frauengestalten aus Goethes Leben (nach alten Originalen) Bildquelle: [B]

Frauengestalten aus Goethes Leben (nach alten Originalen)
Bildquelle: [B]

Das Frauenheldentum, das man dem Dichter nachsagt, wurde von ihm selbst stark forciert. In seinen autobiographischen Schriften, die ihm wichtig waren, bestimmte sie doch das von ihm gewollte Bild von sich in der Nachwelt, gibt er ausführlich Rechenschaft über seine Amouren – bis auf zwei Frauen, die keine Erwähnung finden: Charlotte von Stein und Christiane Vulpius, ein Zeichen dafür, denke ich, welche Personen wirklich wichtig für ihn waren.

Hier also jetzt die Briefe, die zwischen beiden hin- und hergingen. Es sind ihrer viele erhalten, aber auch viele z.B. von Goethe selbst, vernichtet worden. Allein die schiere Zahl von Briefen (es sind viele Hunderte) zeigt, wie oft die beiden getrennt waren, hie und da klingt von Christianes Seiten Unmut ob dieser Tatsache auf, das kleine Naturwesen (so anfänglich ihre Selbstbezeichnung) murrt: “….und wenn du nach Italien oder sonst eine lange Reise machst und willst mich nicht mitnehmen, so setze ich mich (mit) dem Gustel hinten drauf; denn ich will lieber Wind und Wetter und alles Unangenehme auf der Reise ausstehen, als wieder so lange ohne dich sein.” Aber diese Klagen sind selten, Christiane, die kaum einen Vertrauten hat, mit dem sie reden kann, hat dafür ihr Tagebuch. Die allermeisten Briefe sind geprägt von Alltagsgeschichten, von Berichten über deren Verlauf, über Vorkommnisse und ähnlichem. Ihrem Lebenspartner bzw. Mann gegenüber klagt sie nicht, hat sie Sorge, von dem, der solches nicht mag, verstoßen zu werden, wenn sie murrt? Sie zeichnet ihm gegenüber das Bild einer in ihrer Aufgabe (der Bewirtschaftung des Hauses und der Verwaltung der Goethe´schen Angelegenheiten) aufgehenden und zufriedenen Frau, sie versichert ihm (und dies wird so gewesen sein) ihrer Treue und Sehnsucht, sie beschwört ihn, keine Äuglein auf andere zu werfen und daran zu denken, daß sie zu Hause ist und auf ihn wartet. Ja, es schimmern Eifersucht und auch (Verlassens?)Ängste durch ihre Briefe an den Mann, der sie so oft und lang allein läßt.

Der Ton der Briefe ändert sich im Lauf der Jahre, entsprechend der Entwicklung der Beziehung. ” Leb wohl, du Süßer…” und “Lieber….” so sie an ihn in den ersten Jahren, er hingegen hebt ihr gegenüber die Breite der französischen Betten hervor, bei denen sie, Christiane, keinen Grund zur Klage mehr hätte… In späteren Jahren wird Goethe dann zum “Lieber Geheimrat, …” und in seinen Briefen drückt sich noch die Sorge um ihr Wohlbefinden aus, aber nicht mehr der Drang zu ihr, der er sich immer länger nach Jena oder auch in andere Regionen entzieht.

In ihrem interpretierenden Nachwort deutet Damm die Entwicklung der Beziehung über das aus den Briefen direkt herauslesbare. Es hat Krisen gegeben, das ist normal in Beziehungen, aber auch Momente, in denen der Dichterfürst sich gebunden und gefesselt fühlte von dieser Frau. Aber Christiane hatte Gespür, sie fügte sich in ihr Schicksal, der Dichtung in den Prioritäten Goethes nachgeordnet zu sein. Dies zu akzeptieren war notwendig, um als Paar zu überstehen.

Die Hochzeit der beiden war in gewisser Weise ein Eingeständnis des Scheiterns für Goethe vor allem. Der Versuch, ausserhalb der bestehenden Ordnung in einer freien Liebe zu leben, wurde damit beendet. Damm deutet die Hochzeit nicht so sehr als Dank für die Rettung des Hauses und der Schriften vor der Verwüstung durch die Franzosen, sondern als Versuch des Dichters, sich wieder in die zivile Ordnung der Gesellschaft einzugliedern.

So ist dieses Büchlein (vor allem mit dem ausführlichen Nachwort, in dem auch das (Ehe)Frauenbild der damaligen Zeit beleuchtet wird) ein sehr aufschlussreicher Blick in eine besondere Beziehung und auf das Leben einer Frau, die bis heute nicht das Ansehen und den Ruf hat, den sie verdiente. So möchte ich daher diese Buchvorstellung, die über das eigentliche Buch ein wenig hinausgegangen ist, mit folgendem Zitat schließen, einfach, weil ich das Gefühl habe, diese Frau ist es wert, daß auch nach Hunderten von Jahren, dies von ihr bekannt ist:

Wodurch die Verstorbene sich mir empfohlen hat, ist, daß ich sie nie von andern Böses sprechen hörte; auch war ihre Unterhaltung, so weit ich sie kannte, immer so, daß ich es mir es wohl erklären konnte, daß ihr anspruchsloser, heller, ganz natürlicher Verstand Interesse für unsern Goethe haben konnte, der mir seine Frau mit diesen Worten vorstellte: “Ich empfehle Ihnen meine Frau mit dem Zeugnisse, daß, seit sie ihren ersten Schritt in mein Haus tat, ich ihr nur Freuden zu danken habe.” Die Frau, welche von ihrem Gatten ein solches Zeugnis erhält, über deren Fehler werden alle diejenigen, welche den Gatten schätzen, einen Schleier zu werfen suchen.” (Elisas von der Recke, nach [3])

Was dem Verständnis des Buches – dies sein noch nachgeschoben – meiner Ansicht nach gut täte, wären kurze Erläuterungen bei den entsprechenden Briefen, über z.B. den momentanen Aufenthalt Goethes, über Personen, die nicht allgemein bekannt sind oder auch wie sich lange Zeitabschnitte zwischen Briefen evtl. erklären lassen. Abgesehen davon hat mir die Lektüre des Insel-Büchleins sehr gefallen und auch viel gegeben.

Links und Anmerkungen:

[1] Biographie der Christiane von Goethe, geb. Vulpius: z.B. bei Dieter Wunderlich:  http://www.dieterwunderlich.de/Christiane_Vulpius.htm, in der Wiki:  http://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_von_Goethe oder recht ausführlich in: Mendheim, Max, „Vulpius, Johanna Christiana“, in: Allgemeine Deutsche Biographie (1896), S. 381-385 [Onlinefassung]; http://www.deutsche-biographie.de/pnd118628011.html?anchor=adb
[2] Eva Pfister: Ende einer wilden Ehe – 1806 heiratete Goethe Christiane Vulpius; http://www.deutschlandfunk.de/ende-einer-wilden-ehe.871.de.html?dram:article_id=125666
[3] http://www.liebes-kummer.com/liebe/anderes/g_cv.htm

Izo gehen bey uns die winder Freuden am und ich will mir sie durch nichts lassen verleidern. Die Weimarer dähen es gerne aber ich achte auf nichts ich habe dich lieb und ganz allein lieb sorge für mein Pübgen und halte mein haußweßen in ornug und mache mich lustig. Abes sie könn ein gar nicht in Ruhe lassen vor gestern in Commedi komd Meißel und fracht mich sonne Umstände ob es waht währ daß du heuraths du schafftes dir ja schon Kusse und Pehrde an ich wurde am auchenblick so bösse daß ich ihm ein recht Malifieses amword gab und ich bin über zeugt der fracht mich nicht wieder weil aber immer daran dencke so habe ich heude nacht da von geträumt daß wahrt ein schlimer traum dem muß ich dir wen du komst erzeälen ich habe dabei so geweind und laut geschrien daß mich Ernesdien auf geweck hat und da ward mein ganz Kopfküssen naß ich bin sehr froh daß es nur ein traum wahrt. und dein lieber Brief macht mich wieder froh und zufrieden. Es gibt Recht Gudes Eis und ich will wieder Schridschu faren und morgen wollen wir auf den Schliden nach Kedschau faren ich Ernesdin die Madsick und die Pufellin, und hernacht faren die Freunde nach Jena und wir nach Weimar: auf die Redude freuen wir uns ser wenn du hier währs währe es freilich noch lieber aber ich höre daß es dir mit deinen Arbeiden gud gehet daß ist beser alls Reduden Freude weil ich weis wen es dir mit deiner Arbeid gud geht du auch Recht fergnücht wieder kömst und den wollen wir ser vergnügt zusam seyn…

Christiane Vulpius an Goethe | Weimar, vor Ende 1798 in:  http://www.liebesbriefe.de/liebesbriefe/klassische-liebesbriefe/christiane-vulpius-goethe/
[4] vgl. die Biographie von Sigrid Damm: Cornelia Goethe, Besprechung hier im Blog: http://radiergummi.wordpress.com/2014/04/09/sigrid-damm-cornelia-goethe/
[5] Für mich scheint diese diskrimierende Einstellung der Menschen zu Christiane auch in dem oben eingefügten Bild zu den “Freundinnen von Goethe” durch. Der Stich von ihr fällt deutlich gegen die Abbildungen der anderen Frauen ab, er ist dunkel und ihr Gesicht wirkt darauf plump. Das Portraits mag, wenn man es mit der Büste in Bad Lauchstädt vergleicht, der Natur entsprechen, doch gibt es andere Darstellungen der Vulpius, auf denen sie gegenüber den anderen nicht so unscheinbar wirkt.

Weitere Bücher im Umkreis der “Weimarer Klassik” hier im Blog:

[B]ildquellen: diese Bilder sind dem Wiki-Beitrag über Christiane von Goethe entnommen: http://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_von_Goethe

- Handschrift: von Hans Dunkelberg (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons
Büste: von Jwaller (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
Christiane und August: von Carl Lieber [Public domain], via Wikimedia Commons

Sigrid Damm
Christiane und Goethes Ehebriefe
Behalte mich ja lieb!
Auswahl und Nachwort von Sigrid Damm
diese Ausgabe: Insel-Bücherei Nr. 1190, HC, ca. 114 S., 1998

Wilhelmine Schroeder-Devrient [B]ildquelle: [B]

Wilhelmine Schroeder-Devrient
[B]ildquelle: [B]

Wie so oft bei älteren erotischen Büchern ist die Autorenschaft des Werkes ein interessantes Kapitel. Bei diesem Buch aus dem 19. Jahrhundert trifft dies in zweierlei Hinsicht zu: zum einen wird das Buch einer Frau zugeschrieben, was schon etwas ungewöhnlich ist zu diesen Zeiten und zum zweiten war Wilhelmine Schroeder-Devrient keine Unbekannte: sie war eine der führenden Sängerinnen ihrer Zeit und dementsprechend bekannt und populär, ihr gesellschaftlicher Umgang waren die “oberen” Kreise… Schroeder-Devrient konnte sich zu dieser Zuschreibung nicht mehr äußern: das Werk erschien er zwei Jahre nach ihrem Tod, der zweite Teil sogar noch ein paar Jahre später…

Auch heute besteht offensichtlich (noch) keine Klarheit, inwieweit ihre Autorenschaft gesichert ist, die Angaben, die man findet widersprechen sich: ohne weitere Details findet man die Aussage, zumindest daß der erste Teil von ihr stamme, sei mittlerweile anerkannt, andere finden dies nach wie vor zweifelhaft [6]. Der zweite Teil, da ist man sich ziemlich sicher, stammt nicht von ihr, er wurde des geschäftlichen Erfolges wohl nachgeschoben. Moderne Zeiten also… Halten wir uns der Einfachheit halber also an das, was Curt Riess seinerzeit zu dieser Frage konstatierte: Falls Wilhelmine Schröder-Devrient diese Memoiren nicht geschrieben hat, – sie hätte sie schreiben können. [2]. Mit dem wirklichen Lebenslauf der realen Wilhelmine Schroeder-Devrient hat dieses Buch jedoch wenig zu tun, schon Geburtsdatum und die Stationen ihrer Karriere stimmen so nicht, ebenso war die Sängerin mehr als einmal verheiratet, während die Protagonisten des Buches die Ehe prinzipiell ablehnt..

Das Buch ist in der damals beliebten Form eines Briefromans geschrieben. Adressat der Schreiberin Pauline ist ein befreundeter Arzt, der ihr in der Vergangenheit aus einer nicht näher bezeichneten Notlage sehr geholfen hat. Warum sie ihm diese Briefe schreibt, wird nicht erläutert, vielleicht sollen sie die Umstände klären, die zu besagter Notlage geführt haben…

Jedenfalls setzt der Bericht ein, als die Verfasserin ein 14jähriges Mädchen ist, das an der Schwelle zum Frau steht. Es ist der Geburtstag des Vaters. Ihre Eltern sind liebevoll, aber reserviert und zurückhaltend, ja, die Mutter ist scheu und der Vater eine geliebte Respektsperson. Natürlich will die Tochter gratulieren und sie beschließt, den Vater zu überraschen. Dazu versteckt sie sich hinter einem Vorhang und muss beobachten, daß die Mutter sich bereit macht, dem Vater auf ihre eigene Art und Weise eine Gratulationskur zu bereiten…. Was nun folgt, ist die Schilderung freudvollen, hemmungslosen Sexes in vielen Variationen, den die Tochter, auch dank der im Zimmer vorhandenen Spiegel, in allen Einzelheiten beobachten kann: der diffuse Nebel um Aussehen, Sinn und Funktion der Teile, die zu berühren so einen herrlichen Kitzel verursachen bzw. die an den antiken Figuren so klein und unverdächtig aussehen, verflüchtigt sich im Nu…..

Noch am gleichen Abend gibt es im aufregenden Aufklärungsunterricht für Pauline die zweite und dritte Lektion. Mit dem Geburtstagsbesuch kommen auch der Cousin und dessen Gouvernante Maguerite , eine dralle Schönheit ins Haus. Lektion No 2: Durch ein Loch in der Wand zwischen den beiden Toiletten des Hauses, durch das sie den blassen Cousin beobachten kann, wie er an sich selbst hantiert, findet das junge Mädel Erklärung für die Herkunft der weißen Schäume, die sie am Morgen bei ihren Eltern beobachtet hatte. Lektion No 3: Da Pauline in der Nacht schon eingeschlafen zu sein scheint (was diese aber nur vorgibt), gibt sich Maguerite,  die bei ihr im Zimmer übernachtet, dem Vergnügen hin, den länglichen Gegenstand, den sie aus ihrer Tasche geholt mit warmer Milch gefüllt hatte, dort zu platzieren, wo sie am Morgen gesehen hatte, daß der Vater sich mit der Mutter vereinte. Bald schon ging Maguerites Atem schneller und heftiger, ihr Gesicht rötete sich und schließlich drückte sie auf das verdickte Ende des Gegenstandes und die warme Milch ergoss sich in sie und floß hinaus….

Pauline beschließt, sich mit Maguerites Hilfe weiter und tiefer über diese Vorgänge aufklären zu lassen. Dazu greift sie zu einer List, spielt Angst vor, kriecht zur Gouvernante ins Bett unter die Decke kuschelt sich an sie, wobei Berührungen, fast schon Gestreichel, sich kaum vermeiden ließen und dazu führten, daß sich das Blut Maguerites erhitzte und sie sich letztlich dieser Hitze hingab…. Damit hatte Pauline sie dann soweit, daß Maguerite ihre Fragen beantworten musste, wobei es nicht beim Fragen und Antworten blieb: beide nahmen auch die praktischen Anwendungen in aller gebotenen Ausführlichkeit und Intensität vor….

Dieser Tag sollte bestimmend sein für das weitere Leben der Pauline. Sie entwickelte einen großen Hunger auf Sex und Erotik, die sie als etwas Schönes, Freudvolles kennen gelernt hatte, aber auch als etwas, was man vor der Öffentlichkeit tunlichst zu verbergen hatte: die Diskrepanz im Verhalten ihrer Eltern, die nach außen hin so zugeknöpft, im Schlafzimmer aber um so hemmungsloser waren, war für sie das beste Beispiel dafür. Was ihr Maguerite noch eingeschärft hatte, weil sie selbst nämlich so unachtsam gewesen war und dadurch ein schlimmes Schicksal hatte, war, aufzupassen, daß die Freuden, die sie mit einem Mann im Bett genoss, nicht zu Folgen führten, die sie für ein ganzes Leben unglücklich machen würden…..

Kondom aus Tierdarm mit Seidenbändern, Anleitung in lateinischer Sprache, 1813 Bildquelle [B]

Kondom aus Tierdarm mit Seidenbändern, Anleitung in lateinischer Sprache, 1813
Bildquelle [B]

Das weitere Geschehen, das Inhalt des ersten Teils ist, will ich nur kurz andeuten: mit 16 Jahren fängt Pauline eine Gesangsausbildung an, den jungen und schüchternen Franzl, der sie als Hilfslehrer bei den Übungen begleitete, macht sie verliebt in sich und sie gönnt ihm alles Vergnügungen, die man sich so gönnen kann bis auf das eine, da bleibt sie unbeugsam. … in den Zwischenzeiten, in denen sie weder einen junger Mann noch eine junge Frau so intim kannte, wusste sie sich gut mit sich selbst zu beschäftigen, um derart den heftigsten Druck abzubauen….. später dann, als Sängerin, als sie in den entsprechenden Kreisen verkehrt, befreundet sie sich mit der durch ihren uninteressierten Mann unbefriedigte Bankiersgattin Rudolphine. Beide Frauen geben sich bald viel Mühe, diesen unerquicklichen Zustand zu bekämpfen, schließlich hatte Pauline in Maguerite eine gute Lehrerin…. . Rudolphine hat außerdem ein sehr heimliches Verhältnis mit einem russischen Grafen, in das sich Pauline mit List und Tücke einschleicht, was folgt, ist ein heftige menage á trois, die letztlich der Eifersucht der Bankiersgattin wegen zu Ende ging…. Auch hier beobachtete Pauline wieder, wie in der Öffentlichkeit ein ganz anderes Bild erzeugt wurde wie des Nachts in den Betten: der Fürst war gern gesehener Gast des Bankiers, wo er selbstverständlich auch auf die beiden Frauen traf. Man ging sehr höflich, aber etwas reserviert miteinander um…. beim Fürsten übrigens verlor sie dann auch noch den Rest ihrer Unschuld: er war der erste Mann, der in sie eindrang und das, was sie nicht selber schon mit ihrem Spielzeug zerrissen hatte, endgültig sprengte. Wie gut, daß es die Erfindung des Dr. Condom gab….

Zeigte der erste Teil des Romans unserer Hauptperson als Persönlichkeit, die die Freuden der Erotik mit Mann und Frau, allein, zu zweit oder zu dritt zu schätzen lernt, ohne dabei jedoch ihr zu verfallen (man könnte also, ohne sich all zu sehr zu verbiegen, sogar so etwas wie eine Entwicklung der Pauline in diese Geschichte interpretieren), so ist der zweite Teil des Buches anders konzipiert. Schon damals galt offensichtlich für ein Sequel das olympische Prinzip: “härter, länger, feuchter” (btw: ob es eine weibliche Ejakulation gibt, war bei Wilhelmine Schroeder-Devrient nicht die Frage, die lag eher darin, in welcher Menge… von Blogkollegen werden die Memoiren…. daher auch als “….das “nasseste” Buch der erotischen Literatur…”  beichnet [3]). Daher werde ich mich da auch kürzer aufhalten…

Pauline ist nun eine arrivierte Sängerin mit Engagements in diversen Städten Europas: Frankfurt, Budapest, Wien, Florenz, London; durch ein wenig Klatsch und Tratsch aus der Musikwelt soll Authentizität in der Geschichte hervorgerufen werden… Als schöne und erfolgreiche Frau hat sie Verehrer en masse, sie achtet jedoch weiterhin sehr auf Diskretion. Mehr bemüht als notwendig führt der unbekannte Autor die Schriften de Sades in die Handlung ein: Pauline bekommt die “Juliette….” zu lesen und ist über die Brutalität mancher Beschreibungen schockiert, andere Szenarien jedoch reizen sie, zumal ihr von Freundinnen und Freunden versichert wird, wie lustvoll zum Beispiel die Rute auf einen Hintern einwirken kann. In der Folge besteht ein wesentlicher Teil des Buches darin, sich in dieser Art und Weise auszuprobieren: sie nimmt eine junge Diebin, von der bekannt ist, daß sie nur der 30 Peitschenhiebe als Bestrafung wegen stiehlt, als Kammerzofe zu sich und vergnügt sich heftig mir ihr – zu zweit oder auch wieder zu dritt. Pauline wohnt Massenorgien in Edelbordellen bei, suhlt sich bei Wasserspielen, sie läßt sich von ihrem voyeuristischen Liebhaber für drei Tage in den Wald zu den Räubern führen und als Abschluss wird eine nekrophile Szene geschildert, die in eine Kirche verlegt ist, in der die jeweilige Ordenszugehörigkeit der beiwohnenden Mönche nur noch an den verschiedenen Haarschnitten zu erkennen ist…..


… und die Moral in der Geschicht`? Man kann sie, denke ich, so zuammen fassen: genieße die körperlichen Freuden auch und gerade als Frau, pass´ auf und trage selber Verantwortung dafür, daß der Genuss ohne Reue bleibt, vernachlässige nicht deinen Ruf und dein Ansehen noch deine Karriere darüber. Und wenn du als verheiratete Frau einen Liebhaber hast, schlafe regelmäßig mit deinem Mann, daß du ihm – falls nötig – das Kind unterschieben kannst….
So ist der Eindruck des Buches etwas zwiespältig. Während der erste Teil ein Lesevergnügen ist (wobei immer zu berücksichtigen ist, daß er natürlich nicht “modern”, sondern im Stil der Zeit geschrieben ist), wirkt der zweite Teil der “Memoiren” etwas bemüht und sensationslüstern. Wobei ich mich frage, was in der Ausgabe, die mir zur Verfügung steht s.u.] gegenüber anderen gekürzt worden ist: manches, was Sichtermann und Scholl in ihrer Buchvorstellung [4] erwähnen, war in meinem Exemplar nicht zu finden…. aber trotz diese abfallende Weiterführung der Geschichte durch einen Unbekannten gehört das Buch ganz sicher zu den besseren, nein: “guten” Erotika, die (auf jeden Fall in Deutschland) geschrieben worden sind.

Links und Anmerkungen

[1] Ausführliche Angaben zur Person und zur Künstlerin Wilhelmine Schröder-Devrient http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Wilhelmine_Schröder-Devrient
[2] Curt Riess: Erotica, Erotica, Hamburg, 1967; zitiert nach: Francois Bondy: Mirabeau hin, Mirabeau her, DIE ZEIT, 1.10.1971 Nr. 40,http://www.zeit.de/1971/40/mirabeau-hin-mirabeau-her/komplettansicht
[3] Webseite: http://www.ohren-lust.de/erot-literatur/
[4] Rezension hier im Blog: http://erotischebuecher.wordpress.com/2014/07/19/.….
[5] googelt man – vllt weil man neugierig ist – nach diesem Verfasser des Vorworts, wird man fündig, aber nicht so, daß man dahinter kommt, wer diese Person ist….
[6] Fuld zweifelt diese Zuschreibung auch des ersten Teils in seiner kürzlich erschienen: “Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens” (Galiani, Berlin, 2014) an und entwickelt seine eigene Theorie über die Autorenschaft [S. 329], für die er eher einen Hamburger Musikredakteur, einen Bekannten des Verlegers, und dessen Geliebte in Verdacht hat.

[B]ildquelle: Autorenbild: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelmine_Schröder-Devrient, Für den Autor, siehe [Public domain], via Wikimedia Commons
– Condom: http://de.wikipedia.org/wiki/Kondom; von User: MatthiasKabel (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons

Der Text ist bei zeno.org online zugänglich: http://www.zeno.org/nid/20005635829

mehr erotische Literatur in meinem Themenblog:  https://erotischebuecher.wordpress.com

Wilhelmine Schroeder-Devrient (zugeschrieben)
Aus den Memoiren einer Sängerin
mit einem Vorwort von Schmuel Bieringer [5]
Erstdruck: 1868-1875
diese Ausgabe: Sonderausgabe für die Europäische Bildungsgemeinschaft Verlag GmbH u.a., HC, ca. 290 S., o.J.

papierhaus

Im Frühjahr 1998 kaufte Bluna Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.

Bücher verändern das Schicksal von Menschen.

Gleich der erste Satz dieser schmalen Erzählung des argentinischen Autoren Carlos María Domínguez [1] nimmt einen in seiner Nüchternheit gefangen, die darin enthaltenen Informationen füttern die Neugier des Lesers, der sich ohne große Einleitung mitten hineingeworfen sieht in eine Geschichte – auch wenn sich herausstellt, daß das eigentliche Thema des Büchleins dann doch etwas anderem gewidmet ist als den Gedichten von Emily Dickinson und dem Schicksal der jungen Literaturprofessorin Bluna Lennon [2].

Die eigentliche Geschichte der Erzählung ist eine Rahmenhandlung eingebettet. Der Erzähler, ein ehemaliger Freund besagter Liebhaberin von Emily Dickinson Gedichten, bewirbt sich um die Nachfolge der freigewordenen Professorenstelle. Wichtiger ist jedoch, daß ihm ein Buch, Die Schattenlinie (“The Shadow Line“) von J. Conrad [4], zugestellt wird, das für Bluna gedacht war. Es wurde ihr aus Uruguay zugeschickt, enthielt eine Widmung von ihr für einen Mann, wahrscheinlich den Absender. Verwirrend und rätselhaft jedoch war vor allem, daß das Buch verdreckt war, mit Sand und Mörtelresten verschmutzt. Es gelingt dem Erzähler, die Identität des Absenders heraus zu finden, um das weitere Schicksal des Buches und dessen Geschichte aufzuklären, fliegt der Erzähler schließlich von Cambridge nach Buenos Aires und spürt diesem Carlos Brauer nach. Tatsächlich schafft er es, seine Spur, zumindest indirekt, aufzunehmen. Er trifft schließlich einen Bekannten von ihm, von dem er zögerlich zwar, aber immerhin, einen Großteil der Geschichte erfährt.

Sie handelt davon, wie eine Leidenschaft, ein Begehr, ausarten kann und zur Obsession, zur Manie wird. Carlos Brauer, ein Bibliophiler, Bibliomaner mit genügend Geld, daß er seinem Hobby, dem Sammeln und Horten von Büchern, in erheblichem Umfang nachgehen kann und sich im Lauf der Zeit eine ansehnliche Büchersammlung bei ihm bildet. Aber Brauer ist Leser, Getriebener, er ist keiner, der der anderen Seite des Sammelns huldigt: der Katalogisierung und Pflege des Bestands. Schwerer noch als das ganze Ungeziefer, das sich in seiner Büchersammlung einnistet, wiegt die Unauffindbarkeit einzelner Titel in den Hunderten von Regalmetern: es ist bei ihm das entstanden, was Eco in seiner Schrift: Die Bibliothek als Idealmodell einer Negativbibliothek beschreibt: “…einer Bibliothek also, die den Sinn und Zweck, Bücher zu sammeln, zu katalogisieren und dem Leser für seine Zwecke zur Verfügung zu stellen, auf´s trefflichste nicht erfüllt.” [5]. Dem wenigstens ansatzweise entgegenzutreten, versucht Brauer ein eigenes/-artiges Katalogsystem zu entwickeln, daß auf wenig objektiven Kriterien wie Gefühlen beruht….. doch schlägt das Schicksal für Brauer unbarmherzig zu: ein Brand vernichtet den bis dato geschaffenen Katalog, der nicht mehr rekonstruierbar ist.

Finanzielle Probleme zwingen ihn zudem zum Verkauf seines Hauses und so zieht er an eine einsame, wilde Bucht, in der ausser einer kleinen Ansammlung windschiefer und sturmumbrauster Fischerhütten nichts ist. Dort läßt er sich, bestaunt und gefürchtet als seltsamer Mensch in dem Papierhaus, das er aus den Büchern baut, nieder, bis er eines Tages wie von Sinnen Löcher in die Wände des Hauses schlägt, als suche er etwas bestimmtes. Danach verschwindet er aus der Gegend, spurlos….

Der Erzähler (womit wir wieder in der Rahmenhandlung wären) reist Brauer nach in diese Bucht, sieht die Überreste des Hauses, die langsam, aber sicher verschlungen werden vom Sand, vom Meer und von den Wellen….


Die Schattenlinie – dieses Buch, sein Titel, ist natürlich symbolisch zu sehen, die Grenzlinie, die hell und dunkel scheidet und auf der Carl Brauer (und auch Bluna Lennon?) mühsam sein Gleichgewicht zu halten sucht, bis er seinen Halt verliert und ins Dunkle gleitet. Mit dem Katalogsystem, das er so mühselig für sich zu entwickeln versucht hat, ist gleichzeitig auch der Zugriff auf seine Bücher und auf das in ihnen gespeicherte Gedächtnis verbrannt: seine Bibliothek war ein Haufen Papier geworden, nutzlos und nicht mehr zu gebrauchen, bis eben auf das eine: als handfestes Material, sich gegen die Unbillen der Umwelt zu schützen [6], das Haus wurde zu seiner Schattenlinie, dem Zusammenbruch ausgeliefert in dem Moment, in dem er Die Schattenlinie suchte und aus der Mauer herausbrach…

Das Papierhaus ist eine nette kleine Geschichte, die – zumindest in den Anfängen – für Bücherliebhaber durchaus ihre Identifikationspotential hat. Wer hätte nicht selbst schon vor seinen Regalen gestanden und ein bestimmtes Buch gesucht? Wer hätte nicht selbst schon darüber gejammert, daß die Regale schon wieder voll sind, daß sich der eine oder andere Stapel am Boden gebildet hat, über den man dauernd stolpert? Später jedoch sprengt die Sammelleidenschaft von Brauer das Maß, wird zur Sucht, beherrscht ihn, ohne daß er noch die Kontrolle zurückgewinnen kann, mit dem Verlust seines Kataloges verliert er sogar noch die interne Kontrolle, den Zugriff auf den Inhalt, das gespeicherte Gedächtnis. Die Bücher sind vollends nutzlos geworden für ihn, sind ein riesiger Berg Papier, den er letztendlich nutzen kann, um sich zu schützen, der aber gleichzeitig auch ein Gefängnis ist. Das kann Brauer dann zwar verlassen, in dem er es zerstört, aber ob er dadurch gerettet wird, läßt der Autor offen…

Wie gesagt, dies ist eine hübsche Geschichte über einen Mann, den der Bücherwahn gepackt hat, verpackt in einem schön illustrierten Büchlein. Damit kann man selbst einen schönen Lesenachmittag verbringen, oder man kann einem lieben Menschen einen solchen möglich machen, indem man es als Geschenk überreicht. Und (nebenbei gesagt) erfährt man auch noch ein paar interessante Aspekte über die Gestaltung von Büchern, über die Typographie und Satzspiegel, über Korridore und Seitenränder… es ist das, was einen oft intuitiv und spontan für ein Buch einnimmt – oder es auch sofort wieder weglegen läßt und das man als “Laie” so schwierig nur in Worte fassen kann….

Da die Erzählung in der Rezension auf verschiedenen Blogs durchweg gut wegkommt [7] (eine Meinung, die ich durchaus teile, auch mir hat das Buch gut gefallen, auch wenn ich z.B. die Rolle der Bluna Lennon nicht ganz verstanden habe…), will ich hier sozusagen als Kontrastprogramm auf die nicht ganz so positive Besprechung von Michael Schmitt im Deutschlandfunk verweisen, die insofern interessant ist, da sie ggf für die eigene Rezeption des Werkes ein paar Anhaltspunkte geben kann [3]. Nichtsdestotrotz bleibt als Resumee: Das Papierhaus ist für Bücherfreunde ein schönes Geschenk, das man auch sich selbst gönnen sollte, zumal die vorliegende Ausgabe aus dem Insel-Verlag auch als Büchlein Auge und Herz erfreut.

 

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorenseite beim Verlag: http://www.suhrkamp.de/autoren/carlos_maria_dominguez_8199.html
[2] Hat der erste Satz der Erzählung durchaus das Potential, neugierig zu machen, so irritierte mich dann jedoch der vierte schon wieder: “….Siddhartha hat Zehntausende Jugendliche zum Hinduismus geführt, …. ? Für mich war Siddharthas Geschichte eigentlich immer eine buddhistische…. [https://radiergummi.wordpress.com/2011/01/30/hermann-hesse-siddhartha/]
[3] eine kritische Auseinandersetzung erfuhr das Buch im Deutschlandfunk: Michael Schmitt: Leben mit Büchern: Carlos María Domínguez – “Das Papierhaus”; in: http://www.deutschlandfunk.de/leben-mit-buechern.700.de.html?dram:article_id=82016
[4] vgl. z.B. hier: http://blog.therese.kosowski.net/2009/09/30/the-shadow-line/
Carlos María Domínguez
[5] Umberto Eco: Die Bibliothek, Besprechung bei aus.gelesen hier im blog: http://radiergummi.wordpress.com/2011/03/29/umberto-eco-die-bibliothek/
[6] Anne Fadiman beschreibt in ihrem Büchlein über ihre eigene Bücherleidenschaft (Anne Fadiman: Ex Libris, zur Buchvorstellung: https://radiergummi.wordpress.com/2014/11/11/anne-fadiman-ex-libris/)
, wie sie als Kind zusammen mit ihrem Bruder aus Büchern Häuser gebaut haben. Carlos Brauer setzt diesen Gedanken ganz konsequent um…
[7] zum Beispiel hier bei Phillip Elch  http://philipp1112.wordpress.com/2009/03/18/carlos-maria-dominguez-das-papierhaus/ oder beim Duchleser:  https://durchleser.wordpress.com/2014/10/18/durchgelesen-das-papierhaus-v-carlos-maria-dominguez/ , um nur einige Blogs zu nennen

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

Das Papierhaus
Übersetzt aus dem Spanischen von Elisabeth Müller
mit Illustrationen von Jörg Hülsmann
Originalausgabe: La Casa de Papel, Montevideo, 2002
diese Ausgabe: Insel-Verlag, HC, ca. 90 S., 2014

 

Gustave Flaubert: Bücherwahn

11. Dezember 2014

Flaubert cover

Diese kurze Erzählung, das erste veröffentlichte Werk des damals, 1837, fünfzehnjährigen Flauberts, wurde 2012 vom Carl-Hanser-Verlag als Präsent, das der Buchhändler seinen liebsten Kunden zu Weihnachten überreichen konnte, herausgebracht [1]. Es ist (ebenso wie das Cover) mit einigen Vignetten von Wolf Erlenbruch illustriert und war somit ein wirklich nettes Geschenk – so man es erhalten hat. Wer es aufwändiger haben möchte, kann sich antiquarisch die in Oasenziegenhalbleder gebundene (und mit Originalradierungen von P. Mersmann versehene) Ausgabe der The Bear Press (Bayreuth) von 2005 bemühen, muss dafür jedoch schon einen ansehnliche Zahl von Euronen auf den Tisch legen. Aber für den wahren Bibliomanen ist nichts zuviel und eine besser Überleitung in den Inhalt der Erzählung ließe sich kaum konstruieren.

Von einem Bibliomanen nämlich handelt sie, von Giacomo (vielleicht ist dieser Name noch nicht einmal zufällig gewählt, gilt der andere Giacomo doch als Erotomane), dem ehemaligen Mönch, der jetzt als Buchhändler in einer “schmalen, sonnenlosen Gasse Barcelonas” vor sich hinlebt, einem satanischen, sonderbaren Wesen gleichend. Dieser Mensch, ein dreißigjähriger, der mehr einem Greis denn einem jungen Mann ähnelt, scheint nur dann zum Leben zu erwachen, wenn in der Stadt ein seltenes Buch versteigert wird, das er der Sammlung der anderen Geliebten, die seine Stuben, seine Regale bewohnen, zufügen muss.

Nicht daß Giacomo den Inhalt der Bücher verstünde, daß er darauf Wert legte, ihm reichten Form und Ausdruck zur Verzückung, der Geruch alten Papiers, die Gestalten alter Lettern…. und diesem Menschen besuchte eines Morgens ein Student, der ihm viel Geld bot für eine bestimmte Handschrift.. noch blieb Giacomo standhaft, erst das Geheimnis um ein anderes Buch, das er erwerben könne, ließ seinen Sinn sich wandeln und so verkaufte er die Handschrift, eilt an den Ort, an dem das geheimnisvolle Buch zu finden sei und fand es nicht: fortan beherbergte seine Seele eine offene und blutende Wunde….

Würde diese Versteigerung die Wunde schließen können? Das erste in Spanien gedruckte Buch stand zu Gebot auf einer Auktion, das einzige, das noch erhalten war. Doch Giacomo müßte dafür seinen schärfsten Konkurrenten, den er auf´s Blut hasste, überbieten, denn auch Baptisto würde mitbieten. Es wird ein heißer Bieterkampf auf der Auktion, doch während Baptisto ruhig blieb und heiter lächelnd auf das Buch bot, zerfleischte sich Giacomo förmlich, als er das ersehnte Werk zu Baptisto gereicht werden sah: “…er stammelte wirres Zeug …. Seine Gedanken gehorchten ihm nicht mehr; sie irrten wie sein Körper, ohne Plan, ohne Ziel…” Matt und krank sank er in seinem Laden auf den Boden und schlief… und erwachte von großem Geschrei: bei Baptisto, seinem Konkurrenen, war Feuer ausgebrochen, das Buch in Gefahr. Wie von Sinnen eilte er zum Feuer, drang über eine Leiter in das Haus ein, kämpfte sich durch die Flammen und wirklich – er konnte des Buches habhaft werden und es retten und knapp auch sich selbst.

In den Monaten danach ward er kaum gesehen. Doch dann machte man ihn verantwortlich für eine Reihe von mysteriösen Morden und Verbrechen, die im ganzen Land verübt worden waren, man stellte ihn vor Gericht und konfrontierte ihn mit dem aus den Flammen geraubten Buch, das man in seinem Laden gefunden hatte… Doch nicht dies erschütterte den Buchhändler, sondern das, was sein Verteidiger dem Gericht zu seiner Entlastung präsentierte….


Es ist erstaunlich, wie es diesem jungen Autoren bei seinem ersten Schreibversuch gelungen ist, eine derartig dichte und kompakte Atmosphäre in seiner Erzählung zu schaffen. Er beobachtet genau, schildert minutiös (auch wenn ich gleich auf der ersten Seite kraftvolle und sehnige Hände mir nicht gleichzeitig als mit Runzeln und verschrumpelt vorstellen kann), fängt den obsessiven Geist seines Protagonisten geradezu bildhaft ein und hat es derart verstanden, den zwanghaften Charakter einer aus dem Ruder gelaufenen Leidenschaft darzustellen. Sehr schnell entsteht das Bild dieses ehemaligen Mönchs (der nur schlecht lesen kann?) vor dem geistigen Auge, eines Mannes, der bereit ist, für seine Obession alles, bis hin zu seinem Leben, hinzugeben.

Der Geschichte selbst liegt möglicherweise ein authentischer Kriminalfall zugrunde, wenngleich wohl davon auszugehen ist, daß der entsprechende Zeitungsbericht ein Scherz war [2]. Wie auch immer, jedenfalls hat er Flaubert zu seiner Geschichte inspiriert, die eine eindringliche Mahnung ist vor der Gefahr, die in allen Leidenschaften wohnt, wenn diese überhand nehmen und das Maß sprengen. Mit Maßen genossen und mit Intelligenz (nehmen wir die Tatsache, daß Flauberts Figur als Büchernarr nicht richtig lesen konnte und nur des Äußeren wegen sammelte, als Bild für nicht intelligente Art, eine Leidenschaft auszuüben), auch das können wir also der Geschichte zu unserer eigenen Beruhigung (so wir selber Bücherfreunde sind und hin und wieder über die Stränge schlagen beim Kauf z.B….) entnehmen.

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.vigilie.de/2012/gustave-flaubert-buecherwahn/
[2] Elisabeth Edl in der der Geschichte beigefügten “Notiz

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

Gustave Flaubert
Bücherwahn
mit Vignetten von Wolf Erlbruch
Übersetzt aus dem Französischen und mit einer Anmerkung versehen von Elisabeth Edl
diese Ausgabe: Hanser, TB, ca. ca 30 S., 2012

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