Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen
November 11, 2009
Die Hauptpersonen Alice und Mattia sind zwei in ihrer Kindheit durch Unglücksfälle schwer traumatisierte Menschen, die Schwierigkeiten haben, im Leben zurecht zu kommen. Giordano schildert ihr Leben angefangen von den Unglücken, die sie prägten über das Sichkennenlernen in der Schule und die sich auseinander entwickelnde Zeit des Erwachsenseins.
Traumatisiert entwickeln beide ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Umwelt und insbesondere zu sich und ihrem Körper. Latent suizidal versucht Alice sich magerer und magerer zu fasten während sich Mattia nur im Schmerz, den er beim Aufschneiden seines Körpers mit allen möglichen scharfen Gegenständen empfindet, noch lebend fühlt. (Nicht zu verstehen natürlich die Eltern, die in unfassbarer Vogel-Strauß-Manier nichts davon wahrhaben wollen und alles geschehen lassen… aber sei es drum, das ist ja nicht das Thema des Romans).

Während Alice als Schülerin und auch später immer noch versucht, sich in ein Leben einzufügen, sei es durch ihren Wunsch, DER Mädchenclique an ihrer Schule anzugehören, oder später durch ihre Arbeit als Fotographin und letztlich auch als Frau von Fabio, setzt Mattia allen Ehrgeiz hinein, ungesehen und unbemerkt durch den Alltag zu gehen. Er gewöhnt sich an, lautlos zu gehen, hat keine Freunde, praktisch nicht eigenes. Das Leben auch Freude heißt, versteht er nicht. Einzig die Mathematik, für die er eine besondere Begabung hat, gibt ihm einen Lebensinhalt.
Diese beiden Kinder also lernen sich in der Schule kennen und sie spüren eine Geistesverwandtschaft, begründet in ihrem vergleichbaren Schicksal. Ohne daß sich nun eine Freundschaft zwischen beiden entwickelt, wie man sie üblicherweise versteht, verbringen sie doch viel Zeit miteinander, denn nur sie, die sie sich in den anderen hineinversetzen können, bringen es fertig, mit dem anderen zusammen zu sein. So bilden ihre Traumata, ihre seelischen Verletzungen, das Zentrum einer Beziehung, die näher nicht werden kann, die nur in Respektieren der Grenzen Bestand haben kann. Ich musste beim Lesen unwillkürlich an Atome denken, die stabil sind, weil die Elektronen auf definierten Bahnen um das Zentrum kreisen, an Fermionen, Teilchen die sich immer in irgendeiner der sie charakterisierenden Quantenzahlen unterscheiden müssen, nie denselben Zustand einnehmen können (die Physiker mögen mir diese Formulierungen verzeihen….). Oder eben an die titelgebenden Primzahlzwillinge, nah aber immer mit Abstand….
Das Buch, das Erstlingswerk des Autoren, hat in Italien den renommiertesten Literaturpreis erhalten, zweifelsohne verdient. Es ist ein gutes Buch, eine sensible, einfühlsame, bilderreiche Sprache, die sich in die verquere Gefühlswelt ihrer Protagonisten hineintastet, nicht wertend, neutral, aber mit Sympathie. Sie erfasst die Probleme Heranwachsender, sich als Individuen zu definieren wo sich sich doch im Übergang befinden und zeigt die Unerbittlichkeit, mit der das Leben Wunden schlagen kann.
Und doch: eine Sache stört mich: Giordano beschreibt ja nicht zwei Jugendliche, die sich aufgrund ihrer Schwächen oder Stärken oder allgemein, ihrer individuellen Eigenschaften, von anderen absetzen, nein, er wählt sich zwei Kranke, seelisch auf Äußerste Verletzte zu seinen Protagonisten. Und über einen Zeitraum von 24 Jahren soll wirklich jeder, der mit ihnen zu tun hatte, die Augen zugemacht haben, kein einziger Versuch, ihnen zu helfen? Alice baut jahrelang zu Hause vor ihren Teller eine optische Wand aus Flaschen, Gewürzstreuern und ähnlichem auf, um dahinter unbemerkt (?) das Essen in ihre Serviette schaufeln zu können, um es dann im Klo zu entsorgen. Und in ihrer Ehe mit einem Arzt (!) führt sie das fort. Und niemand nimmt Anstoß daran, versucht ihr – wie auch immer – zu helfen?? Nein, das ist mir zu dick aufgetragen, das stört mich. Ähnlich bei Mattia, der sich dauern aufschlitzt. Nun ja, Verband drauf und das war es dann…. Nein, auch wenn das nicht das Thema des Buches ist, das kann ich mir so nicht vorstellen. Giordano erzählt hier ein Krankengeschichte und niemand merkt es. In gewissem Sinne missbraucht er seine Hauptpersonen, um ein Bild zu finden für die Einsamkeit des Menschen in seiner Welt, in der er anderen nahe kommen, sie aber nicht erreichen kann. Es ist aber nicht Einsamkeit, die er beschreibt, sondern Krankheit, seelische Verletzung zweier Menschen, die die Unfähigkeit nach sich zieht, wirkliche Nähe zu anderen zu finden. Und daß Alice und Mattia selbst sich zueinander gezogen fühlen, liegt einfach daran, daß sie sich so ähnlich sind und sie sich daher verwandt fühlen in in der Menge der Menschen um sie herum, die ihnen fremd ist. So ähnlich wie man es manchmal erlebt, wenn man weit weg von zu Hause auf Menschen trifft, die (relativ gesehen) aus der Nähe kommen: man hat sofort einen Bezug zu ihnen, mehr jedenfalls als zu den Fremden, unter denen man sich aufhält…..
Facit: „Die Einsamkeit der Primzahlen“ ist ganz sicher ein gutes, lesenswertes, nachdenkenswertes Buch, das für mich aber diesen einen, erwähnten Schönheitsfehler hat, der die Gültigkeit dessen, was Giordano uns sagen will, doch stark relativiert.
Links:
- eine Buchvorstellung im NDR mit Audio
- Wenn jemand ein wenig mehr über Primzahlen erfahren will….
Paolo Giordano
Die Einsamkeit der Primzahlen
Karl Blessing Verlag, August 2009, HC, 368 S.
ISBN-10: 3896673971
ISBN-13: 978-3896673978
blog.intern: Die “TOP-10″ der letzten 30 Tage (03.11.2009)
November 3, 2009
Platz 1 – 3
Platz 4 – 10
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Bäumchen wechsel dich und im Blog nichts neues… ok. Der Loslasser Volo und die Bücherdiebin sind eingestiegen, nach kurzer Zeit schon. Freut mich. Auch wenn ich es Diez und seinem bewegendem Bericht über seine Mutter gegönnt hätte, wenn er weiterhin so viele Klicks auf sich gesammelt hätte. na ja, vllt nächstes Mal wieder..
Die alten Listen findet man übrigens hier. Wenn es interessieren sollte….
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
November 3, 2009
Helene Wesendahl kann Realität und Traum nicht mehr unterscheiden, sie ist orientierungslos in Zeit und Raum. Sie hatte ein Aneurysma im Gehirn, die schwere Operation überlebt sie, aber nach dem Aufwachen befindet sie sich in einer Art Zwischenreich ohne Kontrolle über sich, ihren Körper, ihre Erinnerung und ihre Sprache. Sie dämmert oft vor sich hin, muss gepflegt werden und nur ganz allmählich gelingen erste kleine Schritte auf dem Weg zurück in ihre Selbstständigkeit.

Schmidt schildert in ihrem Buch sehr intensiv, mit einer stark ausdifferenzierten Sprache den Weg Helenes zurück ins Leben. Es ist eine Entdeckungsreise in Helenes Vergangenheit, die sich ihr nur ganz allmählich bruchstückhaft wieder enthüllt, ihr oft urplötzlich beim Anblick von Gegenständen oder ähnlichen Gelegenheiten wieder einfällt.
Matthes, ihr Mann besucht sie regelmäßig und treu. Aber es war was mit ihnen…. wollte sie ihn nicht verlassen, hatten sich nicht ihre Wege getrennt? Und welche Rolle spielte die Transsexuelle Viola für sie? In den langen Stunden im Krankenhaus, in der Klinik versucht sie, ihr Leben zu rekonstruieren, einen Stein nach dem anderen wieder zusammenzusetzen zu einem kompletten Lebenslauf. Doch immer wieder bleiben Lücken, die zu schließen ihr nicht gelingt.
Mühsam ist der Weg zurück, sie kann sich nicht konzentrieren, und auch, als es mit dem Sprechen wieder besser geht, kann sie nur ein, zwei Sätze im Voraus denken, ihr „Kapazitätsproblem“. So läßt sie oft die anderen reden, deren Worte plätschern an ihr vorbei, während sie die Gedanken schweifen läßt oder einfach nur leer, erschöpft ist. Schriftstellerin ist sie, in der Klinik erfährt sie, daß ihr zweites Buch gerade erschienen ist. Ihr zweites Buch und jetzt ist sie sprachlos, muss der Bedeutung der Worte mühsam nachgehen…
Ihr altes Leben – zum Teil ist es ihr fremd. Die Wichtungen haben sich verschoben, auch ihr Verhalten ist nicht mehr das vermittelnde, besänftigende der alten Helene Wesendahl. Selbstbewusster ist sie geworden, auch entschiedener, was ihre eigenen Interessen angeht. Ist sie das noch, deren Leben in der Erinnerung jetzt wieder aufersteht, von ihr seziert wird in seiner Bedeutung?
Den Leser führt Schmidt ganz konsequent und eng durch dieses rekonstuierte Leben, ohne Schnörkel und Umwege, klar und sehr differenziert breitet sie aus, wie ein Mensch, dessen Einheit durch eine Krankheit zerstört wurde, wieder alles lernen muss, essen, laufen genauso wie denken. Nicht Mitleid zu erregen ist ihr Anliegen, sondern einen mitzunehmen, das Geschehen mit“denk“bar zu machen, nachfühlbar. Und so beschreibt sie einfach mit zum Teil wunderschönen Wortbildern, reflektiert und analysiert ohne zu werten.
Aus vielen Augenblicken, die derart erscheinen, setzt sich so langsam der Lebenslauf der alten Helene Wesendahl zusammen, in dem Maße, in dem diese auch ihr neues Leben immer besser meistert, immer selbstständiger wird. Es ist der Prozess einer körperlichen Wiederherstellung und einer seelischen Reifung, den Helene durchläuft und besteht, der angefangen hatte mit diesem komischen Schnippen im Kopf und der Gewissheit, die sie hatte und die sie nicht sonderlich aufregte, daß sie stirbt. Aber sie starb nicht.
Facit: kein einfaches Buch, das man so nebenbei runterlesen kann. Aber ein sehr lohnendes.
Link: Ein Interview mit der Autorin
Kathrin Schmidt
Du stirbst nicht
Kiepenheuer & Witsch; Februar 2009, HC, 347 S.
ISBN-10: 3462040987
ISBN-13: 978-3462040982
Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird
Oktober 25, 2009
Sam und Felix sind zwei dicke Freunde. Sie hängen den ganzen Tag über zusammen rum, planen ihre Zukunft und träumen. Sie haben mit ihren 11 bzw 13 Jahren nur ein Problem, nämlich (so antwortet Sam einmal genervt und unwirsch auf die entsprechende Frage, nach dem, was er hat): „sphärische Globuli“.

Kennengelernt haben sich Sam und Felix auf der kinderonkologischen Abteilung eines Krankenhauses. Sam, die Hauptperson des Buches, leidet nämlich (ebenso wie Felix) an Krebs, an Leukämie. Er hat Chemos hinter sich, die nur kurzfristig angeschlagen und auch die Medikamente, die er jetzt nimmt, können ihm allenfalls Aufschub gewähren. Und diese Zeit wollen die Jungs nutzen.
Sie machen Pläne, stellen Listen auf mit Sachen, die sie unbedingt noch machen oder erleben wollen, sie, deren Leben kaum begonnen hat. Forschen wollen sie, Bücher darüber schreiben, mindestens einen blöden Weltrekord aufstellen und einen Horrorfilm (FSK ab 18) schauen. Natürlich wollen sie typische Teenager-Sachen erleben: rauchen, trinken und ein Mädchen küssen…. eine Luftschifffahrt steht auf der Liste, ein Raumflug und (einfacher zu verwirklichen): einmal eine Rolltreppe verkehrt herum laufen….
Sam und sein Freund und Vorbild Felix haben gute und haben schlechte Tage. Sie brauchen nicht mehr in die Schule, Sam wird zu Hause unterrichtet, er sitzt viel vorm Computer und stillt seinen Wissensdurst durch googeln. Er sammelt Infos, stellt Listen auf und fängt an, ein Tagebuch über sein Leben und das, was er weiß und was er an Fragen hat, zu schreiben. Und am Ende des Buches wird er tatsächlich alles an Vorhaben, die er skizziert hat, durchgeführt haben, in der einen oder anderen Art und Weise.
Seine Eltern haben schwer zu kämpfen mit dieser Situation. Übervorsichtig und -aufmerksam schnürt die Mutter Sam zum Teil die Luft zum Leben ab, der Vater stürzt sich in die vermeintliche Normalität des Alltags und seines Berufes. Er verdrängt, in dem er die Routine aufrecht erhält. Ella, die junge Schwester von Sam, geht noch am unbefangensten mit der Lage um. Doch irgendwann im Lauf der Zeit akzeptieren auch die Eltern das Schicksal ihres Sohnes, sie helfen ihm, sein Leben zu leben und lernen dadurch, ihre eigenen Ängste zu überwinden. So haben alle noch eine (gemessen an den Umständen) schöne Zeit. Die andauert, bis Sam entscheidet, keine Medikamente mehr zu wollen.
In einer seiner Listen (um das bestdokumentierteste Sterben aller Zeiten zu schaffen) hat er für seine Eltern eine Protokollvorlage (Achtung: das Protokoll verrät natürlich etwas über das Buchende… ) entworfen, die diese, wenn die Zeit gekommen ist, ausfüllen sollen.
Nicholls beschreibt sehr einfühlsam, daß Sam und Felix trotz ihrer Krankheit, über die sie sich keine Illusionen machen, normale Jungs sind, mit ner Menge Blödsinn im Kopf und ebenso einer Menge Fragen, die ihnen keiner beantworten kann. Im Grunde gehen sie viel unbefangener mit ihrer Lage um, als die Eltern und viele Erwachsene, deren Verhalten von großen Ängsten, von Unsicherheit und Befangenheit geprägt ist. „Wie man unsterblich wird“ ist ein gelunges Protokoll eines letzten Lebensquartals, mit viel Traurigkeit, aber auch viel Lachen, mit fröhlichen Momenten und Augenblicken, die im tiefsten Innern anrühren.
Facit: Nicholls widmet sich einem ähnlichen Thema wie Schmitt auf etwas unterschiedliche Art und Weise, aber gleich gelungen.
.. noch ein paar Gedanken zum Thema: wenn Kinder sterben….
Sally Nicholls
Wie man unsterblich wird
Broschiert: 200 Seiten
Hanser Belletristik, 2008, brosch., 200 S.
ISBN-10: 3446230475
ISBN-13: 978-3446230477
Georg Schwickart: Die 100 wichtigsten Fragen zu Tod und Sterben
Oktober 22, 2009

Nur selten und auch nur die wenigsten beschäftigen sich ohne Anlaß mit Tod und Sterben. Entsprechend viele Fragen und Unsicherheit tauchen auf, wenn ein Todesfall eingetreten ist. Und das dann in einer Zeit, in der man oftmals durch große Trauer sowie kaum handlungsfähig ist. In diesem Fall aber kann einem das Buch von Schwickart, das zu den ganz praktischen Fragen Antworten gibt, hilfreich sein.
Der Aufbau des Buches ist einfach, wie schon im Titel genannt: 100 Fragen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen (von „Was muss ich machen, wenn jemand zu Hause gestorben ist?“ über „Welche Kosten verursacht eine Bestattung?“ und „Wie läuft eine Trauerfeier ab“ bis hin zu „Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich nicht traure?“ um aus jedem der vier Kapitel ein Beispiel für die Art der behandelten Fragen zu nennen) werden knapp, klar und verständlich beantworten. Wenngleich natürlich in der Knappheit der Antworten immer auch eine Verallgemeinerung steckt, die sich dann im konkreten Fall (z. B. bei den Kosten) anders gestalten kann, so bekommt man doch solide Antworten und braucht sich dem ganzen Geschehen um den Trauerfall herum nicht mehr so hilflos ausgesetzt fühlen.
Facit: Ein Ratgeber der besonderen Art, aber doch einer, den man sich ins Regal stellen sollte, damit man sich, wenn der Fall eintritt, orientieren kann.
Georg Schwickart
Die 100 wichtigsten Fragen zu Tod und Sterben
Gütersloher Verlagshaus, 2008, 152 S.
ISBN: 978-3-451-32450-5
Simon Beckett: Kalte Asche
Oktober 19, 2009

Becketts Held, David Hunter, forensischer Pathologe, wird mit einer Bitte, die er wohl nicht ablehnen kann, nach Runa geschickt, um dort zu überprüfen, ob die dort in einem verfallenen Cottage gefundene und ziemlich verbrannte Leiche einem Unfall zum Opfer fiel oder einem Täter. Runa, Schauplatz des Romans, ist eine Insel, die zu den Hebriden vor der Nordküste Schottlands gehört, ein ziemlich einsamer Platz, die Menschen eine verschworene Gemeinschaft (zumindest nach außen) und die Landschaft karg und rau.
Wäre es ein Krimi, wenn der verbrannte Leichnam nicht vorher noch erschlagen worden wäre? Nein, sicher wäre die Handlung im Buch dann kürzer geworden… daher habe ich wohl auch noch nicht zuviel verraten mit diesem Detail. Jedenfalls, die Insel, die von den 4 Elementen (die alten Griechen hätten ihre Freude) Wasser (in Form von Regen) Luft (in Gestalt eines Sturms), Feuer (mehr als genug…) und Erde (na ja, irgendwo muss man ja drauf laufen…) ist Schauplatz sich immer weiter auschaukelnder Ereignisse, die Beckett dann in einem Reigen von gedanklichen Volten, die immer wieder alles schon sicher geglaubte über den Haufen werden, enden läßt. Mehr will ich garnicht sagen, um die Spannung nicht rauszunehmen.
Was hat mir an dem Buch gefallen?
Also, es ist in jedem Fall spannend, gut zu lesen, unterhaltsam und da ich mal davon ausgehe, daß Beckett sauber recherchiert hat, in gewissen Aspekten auch lehrreich. Zumindest habe ich nicht gewusst, daß bei Leichen, die in starkem Feuer liegen, der Schädel plötzlich explodiert (Im übrigen ist dieses Schädelloch dasjenige, durch das im tibetischen Lamaismus die Seele des Menschen entweichen muss, damit sie in ihrer weiteren Existenz kein Schaden leidet… so beschreibt es zumindest A. David-Neel in ihrem Buch „Heilige und Hexer„, Brockhaus 1984. Man sieht, ich habe quergelesen…natürlich weiß ich nicht, ob da ein sachlicher Zusammenhang besteht, den nach Landor wiederum sind Feuerbestattungen in Tibet eine seltene Sache (Holzmangel) und eher hochgestellten Persönlichkeiten vorbehalten. Aber denkbar wäre es schon, daß die Lamas diesen Schluss zogen, daß aus dem explodierenden Schädel die Seele entweicht…. egal, das nur am Rande vor mich hingesponnen….). Ferner: Beckett hält sich nicht mit soziologischen und kulturgeschichtlich interessanten Fragen auf, er treibt seine Handlung voran, es geschieht immer was (ich bewundere Hunters Nehmerqualitäten….) und Langeweile wird zum Fremdwort.
Andererseits:
Die Geschichte ist in höchstem Maße konstruiert und die Wahrscheinlichkeit, eine solche oder ähnliche Konstellation an Menschen und Ereignissen mal in freier Wildbahn anzutreffen, äußerst gering. Vom ersten Hunter, der Chemie des Todes, ist man als Leser ja ein wenig vorgewarnt: nichts ist so wie es scheint. Nun ja, hier treibt Beckett die Auflösung seines Buches noch ein wenig weiter, so überfallartig und vom Handlungstrang losgelöst, als hätte er unter dem Zwang gestanden, dem ganzen noch eins drauf zu setzen….
… das muss jetzt reichen, um neugierig zu machen oder abzuschrecken. Je nach dem.
Facit: spannend, gut zu lesen, aber zu konstruiert.
Simon Beckett
Kalte Asche
Rowohlt Tb.; August 2008, 432 S.
ISBN-10: 3499241951
ISBN-13: 978-3499241956
Rafael Arozarena: Mararia
Oktober 17, 2009

Lanzarote, die Feuerinsel nah der afrikanischen Küste – über Jahre hinweg hatte ich dort Urlaub gemacht, die Insel (soweit es einem Touristen ohne Spanischkenntnisse möglich ist) erkundet und mit dem Rad durchfahren (wer mag, kann sich einige Bilder aus dieser Zeit anschauen. Mittlerweile ist die Seite ziemlich alt und man sieht es ihr an, egal….). So weckt ein Roman, der auf dieser Insel spielt, diese Insel zum Thema hat, seltsame, heimatliche Gefühle in mir. Natürlich, das Lanzarote der 30er Jahre, in denen der Roman spielt, hat wenig zu tun mit dem der Jahrtausendwende. Der Dorfplatz von Femes ist schon längst nicht mehr bloßer Boden, sondern asphaltiert, schaut man vom „Balkon“ hinunter in die Ebene macht es
kaum Mühe, Playa Blanca zu finden, denn mittlerweile erstreckt es sich über die gesamte Südküste und auch am Wochenende kommen kaum noch die Seeleute hoch nach Femes, um den Wein aus Uga zu trinken, sondern es sind die Touristen, die dort einfallen, die aus dem Ausland, aber auch die einheimischen, die auf Lanzarote ihr Wochenende verbracht haben.
(Die beiden Bilder sind aus dem heutigen Femes, aufgenommen am Dorfplatz, an der Kirche….
Die Gaststube, die Arozarena schildert, in der sein Erzähler sitzt und den Geschichten lauscht, ich habe sie vor mir. Natürlich ist auch sie mittlerweile geweißt, eingerichtet und nicht mehr mit der beschriebenen zu vergleichen – aber trotzdem. Vor meinem Auge spielt sich alles hier ab…..
Aber zum Roman… Er spielt wie schon erwähnt, in den 30ger Jahren. Eigentlich würde ich das Buch nicht als Roman bezeichnen, es ist eher einen Sammlung von durch eine sehr lockere Rahmenerzählung zusammengehaltenden und verbundenen Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen rund um eine als Person weitgehend im Dunkeln bleibenden Frau, Maria. Diese ist eine Schönheit, weitberühmt und die Männer wollen sie allen für sich erobern. Aber sie erhört keinen, unterwirft sich nicht den Sitten und Gebräuchen. Einen Fremden nimmt sie mit, am Festabend und dieser verläßt erst am nächsten Tag ihr Haus, er wird in Händel verwickelt, die die Eifersucht produziert und kehr nie wieder nach Femes zurück. Einen fahrenden Händler, einen Araber, der ihr den Hof macht, den will sie ein paar Monate später heiraten. Aber dieser überlebt die Eifersucht der jungen Männer im Ort nicht.
Maria hat kein Glück im Leben, die Männer, denen sie sich anvertraut, enttäuschen sie, belügen sie. Auch wenn sie sich zu rächen weiß, für die Menschen wird sie immer mehr zu einer Unheimlichen, eine Räbin, einer Hexe…. niemand weiß, wo sie hingeht, wo sie herkommt, man hört sie nicht gehen, zu schweben scheint sie über dem Boden….
Dies sind die Geschichten, die der Erzähler, und man kann davon ausgehen, daß dieser mit dem Autor identisch ist, im Dorf und auf seinen Spaziergängen hört. Viel tragisches ist darunter, menschliche Schicksale, die aber gottergeben getragen werden. Und in all den Geschichten schwingt eine unheimliche Ebene jenseits der sichtbaren Realität mit. Dies ist nicht verwunderlich, Lanzarote ist heute noch ein stille Insel, ein Ort, der (meidet man die Zentren) dem Wind, der Sonne, dem Sand und den Steinen gehört. Mit diesen muss man sich anfreunden, will man die Insel lieben. Und wie überall, wo die Natur eine gegebene Einsamkeit aufweist und Schroffheit, vermutet man Übersinnliches, verheißt der schwarze Vogel Unglück und ist sowohl die Hand Gottes wie der Atem des Teufels zu spüren. Schatten huschen wie Gespenster durch die Schluchten, Wolken stieben einer Herde wilder Pferde gleich an der Sonne vorbei. Felsen, von Vulkanen geschleudert, teilen sich des Nachts und entlassen geifernde Hunde und wildblickende Katzen in die Freiheit, die den müden Wanderer, der zufällig des Weges kommt, anfallen…..
Arozarena beschreibt und erzählt im schönsten Sinn des Wortes. Er scheut das Blumige nicht, die Ausschmückung, er erweckt die Feuerinsel zum Leben, man meint, die Dürre, die Trockenheit, die Sonne, den Wind, den Mond zu sehen, zu spüren.. Viele der Wege, die seine Figuren gehen bzw. fahren, kenne ich, ich kann sie begleiten, weiß wo sie hinfahren, wie es dort aussieht/-sah (?) Die Schlaglochpisten, mittlerweile fast ausgemerzt, sie haben auch meine Bandscheiben noch malträtiert, den Gang von Playa Blanca hoch nach Femes… diese elend lange Steigung … Die rollenden, vom Wind getriebenen Dornbüsche, die halbverfallenen Ruinen in den Einöden, die Sandstrände im Süden, die Salinen… Eidechsen huschen über die Steine, wenn man Glück hat, sieht man ein Kaninchen rennen und in der Luft einen Greif….
Am Schluss seines Buches sagt der Autor: „Die Insel ist wie eine Frau. Sie ist fruchtbar und diese Fruchtbarkeit muss sie vor dem Teufel verteidigen„. Nun, in diesem Sinne ist Maria ein Bild für die Insel Lanzarote selbst, schroff, unnahbar, abweisend. Aber wer sie liebt (kann man das überhaupt oder verfällt man ihr dann sofort?), der ist bereit, sich ihr hinzugeben, voll und ganz. Und Maria, die Insel, gibt dies zurück… wenn nicht, erschlägt sie einen, vernichtet sie mit ihrer Unnahbarkeit, ihrer Härte und ihrer Unbarmherzigkeit.
Mein durch Subjektivität getrübtes
Facit: eine wunderschön traurige Geschichte, in die man sich fallen lassen kann…..
Links:
lesenwerte Buchvorstellung
Aus den Verlagsangaben
Bilder aus Lanzarote
Rafael Arozarena
Mararia
Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, 2009, Klappenbroschur, 256 S.
ISBN 978-3-88769-382-4
Anthony McCarten: Hand aufs Herz
Oktober 15, 2009

Tom Shrift ist ein Versager. IQ-mäßig in Mensa-Regionen angesiedelt, dümpelt sein EQ in eher niedrigen Bereichen herum. Nicht seine Intelligenz und sein Wissen ist sein Problem, sondern seine steten Bemühungen, aller Welt dies ins Gesicht zu sagen, seine Unfähigkeit, mit der, mit seiner Wahrheit etwas zurückhaltend umzugehen. Da er ausserdem ein gewisses Maß von Agressivität für überlebensnotwendig hält (herrlich: dieser Nachbarschaftsstreit von ihm, der ganz im Hintergrund der Geschichte versteckt auftaucht…), wundert es kaum, daß sein Freundeskreis eher klein ist und auch seine berufliche Karriere nicht beispielhaft verläuft.
Auf der anderen Seite steht Jess Podorowski als Gegenfigur. Nach einem tragischen Autounfall ihres Mannes verwitwet, versucht sie alles, sich und ihre behinderte Tochter durchzubringen. So arbeitet sie als Politesse und verbringt einen großen Teil des Tages damit, die Beleidigungen und den Hass der von ihr mit Knöllchen versehenen Autofahrer auf den Straßen Londons in sich hineinzufressen. (Hierbei treffen sich auch Jess und Tom zum ersten Mal…) Sie ist zurückhaltend, schüchtern, das Dulden und Erleiden ist ihr zur zweiten Natur geworden.
Dritter im Bunde ist Hatch Back, Besitzer eines Autohauses, das er von seinem Vater übernommen, aber nicht wie dieser zum Erfolg, sondern mehr oder weniger in den Ruin geführt hat. Ihm fällt als letzten verzweifelten Akt zur Rettung seiner Firma via Aufmerksamkeit und Publicity eine haarsträubende Aktion ein:
Derjenige, der am längsten mit seiner Hand einen von ihm ausgelobten schicken Landrover berührt, bekommt diesen als Belohnung (Konsequenterweise sollte der Roman also eher „Hand aufs Auto“ heißen….).
Soweit in etwa der Plot der Geschichte, die McCarten uns erzählt. Und zwar tierisch gut! Man kann sich denken, daß die von Hatch initiierte Aktion ausser Jess und Tom noch eine ganze Reihe anderer, mehr oder weniger gescheiterter Gestalten anlockt, die sich um das Auto scharren und nach strengen Regeln (alle 2 Stunden 5 Minuten Pause für eins der drei Dixis, Schlafen verboten, eine Hand immer am Auto) ihre Hand an/auf das Blech pressen.
Mehr will ich zum Inhalt des Buches garnicht sagen. Man kann sich ja vorstellen, das der Autor sich ein paar der Figuren herausgreift und sie charakterisiert, den Ex-Soldaten zum Beispiel, den ehemaligen Nachtwächter, auch Matt, den Jungen aus reichem Haus, der endlich mal nichts geschenkt haben, sondern etwas durch eigene Leistung verdienen will…. natürlich: einer nach dem anderen scheidet aus dem „Rennen“ aus, das McCarten über weite Passasen wie eine Art Kammerspiel schildert. Insbesondere der Schlafmangel fordert seinen Tribut, nur mit äußerster Willensanstrengung können ihm die Akteure entgegentreten. Immer stärker werden auch die körperlichen Beschwerden, die Schmerzen in den Gelenken, den Knochen, den Füßen.. Der Sieger bleibt über 5 Tage ohne Schlaf….
Was will der Autor uns mit seinem Buch sagen? Zum einen ist es natürlich spannend zu lesen, wie er diese Geschichte vor uns ausbreitet und entwickelt (der Stoff schreit geradezu nach Verfilmung…). Aber so wie die Schinderei der Protagonisten immer härter wird, so beschreibt er andererseits auch eine Art innerer Läuterung seiner Hauptfiguren Jess und Tom. Diese, durch den Wettbewerb aneinandergekoppelt, können sich nicht ausweichen und geraten immer wieder aneinander, sagen sich bisher ungehörte Wahrheiten. Könnten sie sogar stimmen? Innere Zweifel tauchen auf am bisherigen Selbstbild, die körperlichen Strapazen machen sie bereit, sich selbst in Frage zu ziehen. Ich will die Aktion nicht mit einer z.B. Meditationsübung vergleichen, aber der nach einigen Tagen herrschende absolute Ausnahmezustand, in den sie notwendigerweise geraten, wirft alles bisher als sicher und gegeben erachtete durcheinander und öffnet sie für neue Gedanken, neue Erkenntnisse.
Und ein zweites beschreibt McCarten: wie sich der Mensch, wenn er sich einer (auch einer so blöden Aufgabe wie dieser) verschreibt, selbst in ein Gefängnis begibt. Trotz der Qual, die sie durchstehen müssen, sind die letzten 4 Figuren nicht fähig, sich zu verabreden und gemeinsam den Wettbewerb zu beenden. Sie vertrauen einander nicht und sie sind nicht in der Lage, die Prioritäten neu zu setzen: sie wollen einfach um jeden Preis ihr Ziel erreichen. Ihnen bleibt gar keine andere Wahl. Aber welche Befreiung, wenn sie dann doch über ihren Schatten gesprungen sind, losgelassen haben (kennen wir dies nicht alle in etwas kleinerem Massstab?) Aber vielleicht ist es diese Eigenschaft, diese Hartnäckigkeit, die einige (natürlich nicht alle, wahrscheinlich sogar die wenigsten) Menschen haben, die äußergewöhnliche Leistungen überhaupt erst möglich macht: Weltumsegelungen, in Taucherflossen zum Nordpol und ähnliches….. und manchmal vllt sogar ganz sinnvolle Sachen, die Einzelne gegen den geballten Widerstand der Übrigen durchfechten.
Das sind für mich die beiden großen Themen des Buches. Aber natürlich bietet der Roman auch das „Übliche“: eine zarte Romanze, Lug und Betrug, das Scheitern von Träumen und den schon erwähnten Nachbarschaftsstreit…. gute, gut lesbare Unterhaltung eben. Und auch aus diesem Grund habe ich das Buch fast nicht aus der Hand gelegt und in einem Rutsch durchgelesen.
Facit: ein gutes Buch, spannend geschrieben, eine interessante Studie auch über menschliches Verhalten
Anthony McCarten
Hand aufs Herz
Diogenes, August 2009, HC, 319 S.
ISBN-10: 3257067305
ISBN-13: 978-3257067309
bücher.leben: das Sachbuch
Oktober 14, 2009
alle Jahre wieder.. ich bin gestern und heute mal durch die Literaturbeilage der ZEIT gegangen und habe mit einem lachenden und einem weinenden Auge dasselbe feststellen müssen wie schon so oft: die Abteilung „Sachbuch“ ist es, die dies bei mir hervorruft.

Das lachende Auge ob der Ignoranz, die sich – zumindest für meine Begriffe – bei der dort zu findenden Titelauswahl breitmacht und
das weinende Auge: genau aus demselben Grund…..
Wir leben – und wer wollte dies bestreiten – in einer Welt, die stark durch Technik und Naturwissenschaft bestimmt wird: ob nun Elektronik, Raumfahrt, Medizin, Biotechnologie… es ließen sich noch -zig von Begriffen finden, in denen technische Entwicklungen ihren Niederschlag finden. Und selbst in Gebieten, die auf den ersten Blick kaum dafür prädestiniert sind wie z.b. Demoskopie, Demographie, Versicherungswesen: sie alle haben Einfluss auf unser tägliches Leben (und sei es nur über die zu zahlenden Versicherungsprämien..). Wie gut und sinnvoll wäre es da doch, wüssten wir etwas mehr über die Grundlagen dieser Fachgebiete und wie wichtig wären da gute Bücher, die uns einen ersten oder auch vertieften Einblick gäben.
btw: ich muss gerade an die letzten 5 Minuten einer Sendung im TV denken, in die ich neulich vor den Nachrichten reingeschaut habe. Es wurde ein junges Mädel, die gerade von ihrem Friseur nach 14 Tagen Probe entlassen worden war (Stichwort: Lehrstelle), gebeten, den Unterschied zwischen senkrecht, waagerecht und diagonal mal darzustellen. Sagen wir es positiv: die Hand von oben nach unten zu bewegen und das mit dem Begriff „senkrecht“ zu benennen, hat sie geschafft…. kein weiterer Kommentar. Hätte dem Mädel man irgendjemand ein Buch über die drei Dimensionen im Raum und ihre Benennung geschenkt… (vorausgesetzt, sie kann überhaupt lesen…immerhin jeder 40. (!) kann es ja offensichtlich nicht…. )
… aber zurück zum Thema, der ZEIT-Literaturbeilage. Wäre es nicht verdienstvoll, uns, dem vor der Fülle der Erscheinungen leicht den Mut verlierenden Leser, eine Auswahl von Büchern zu nennen, die uns diese Einblicke zum Beispiel in die Gentechnik, in das Wesen erneuerbarer Energien oder auch in die Grundlagen oder Probleme der Reproduktionsmedizin (um nur drei Fachgebiete zu nennen) geben? Doch was finden wir: Elaborate (verdienstvoll und mit Sicherheit auch bedeutend) über
- die Geschichte einer Himmelsrichtung (des Südens nämlich)
- den gesellschaftlichen Nutzen einer Religion, ferner bieten die vorgestellten Autoren:
- einen bunter Reigen von Motiven, die sich von Darwin bis hin zu Jim Knopf ziehen lassen
- eine Untersuchung über Wirken und Wirkung von Stefan George,
- es wird die Frage beantwortet (?), wieviel Musik ein Mensch braucht und abgeschlossen wird die Präsentation mit
- einer Sammlung von Rezepten, Essgeschichten, Rätseln und Gedichten unter dem Motto: Das Kochbuch, das jeder braucht…
… tja…. und dann sind wir schon in der Abteilung „Kinder- und Jugendbuch…..“
Und ich sitz hier und frag mich etwas ratlos: Ist diese Auswahl an Büchern, die die ZEIT-Literaturredaktion unter dem Obertitel „Sachbuch“ präsentiert, wirklich DIE Auswahl an Sachbüchern, die relevant ist, die uns weiterhilft bei Fragen und im Verständnis… oder ist mein Verständnis, was unter einem Sachbuch zu verstehen ist, so daneben?
Kommentare erwünscht!!
Christian von Ditfurth: Lüge eines Lebens
Oktober 13, 2009

Stachelmann, Historiker und endlich fertig mit seiner Habilitationsschrift, wird Ziel eines Attentäters, der ihn aber, so muss man vermuten, mehrfach absichtlich verfehlt. Zeitgleich wird eine Verleumdungs- und Mobbingkampagne gegen ihn gestartet. Unerklärlich, mehr als beunruhigend und vor allem: wo liegt das Motiv, wer also könnte dahinter stecken?
Das Motiv, das wird dann schnell klar, liegt in irgendeiner Weise in seiner Habil-Schrift verborgen, die aber (auch in seiner eigenen Einschätzung) nichts beinhaltet, was wirklich revolutionär wäre, was ein Motiv für einen Mordversuch darstellen könnte.
Die Polizei ist natürlich eingeschaltet, aber Stachelmann betreibt Selbstverständlich seine eigenen Recherchen. Dabei lernt er Brigitte, eine dem antifaschistischen Widerstand angehörige Studentin näher kennen, aber bevor dies noch näher wird und sie ihm zumindest in Teilen Ross und Reiter nennen kann, findet er sie mit aufgeschlitzter Kehle in seinem Arbeitszimmer vor.
Seine eigenen Recherchen: ein ziemlich durcheinander gehendes Sammelsurium möglicher Verdächtiger, das er (auch zusammen mit den etwas obskuren Freundeskreis von Brigitte) aufzudröseln versucht. Aber egal wie sicher er sich ist, den potentiellen Täter entlarvt zu haben, landet er doch meist in Sackgassen und muss frustriert von vorne anfangen. Und wie so häufig, hilft ihm zum guten Schluss Kommissar Zufall auf die Spur und Ditfurth präsentiert dem Leser nach über 400 Seiten zum Teil ermüdenden Lesens einen Täter ..
Ich habe das Buch nicht verschlungen, das kann man wahrlich nicht sagen. Die Lektüre war, ich schrieb es schon, zum Teil ermüdend und so zog sich das Lesen auch hin, immer wieder Pausen, in denen das Buch beiseite gelegt war. Die Auflösung, die der Autor liefert, wirkt so wie der ganze Fall: konstruiert und etwas arg an den Haaren herbeigezogen. Gelungen sind dagegen die Passagen, in denen Ditfurth die Angst von Stachelmann schildert, das plötzlich über ihn hereinbrechende Misstrauen gegen seine Umwelt, die Verlorenheit, die Unsicherheit, die Beklemmung, das Ausgeliefertsein einem Unbekannten, der auf einmal Macht über die eigene Person hat. Das ist stimmig und gut nachempfunden und hat mich beim Lesen auch bei der Stange gehalten. Der Rest… na ja….
Facit: ein Krimi, den man lesen kann, aber wenn nicht, versäumt man auch nicht viel.
Christian von Ditfurth
Lüge eines Lebens
Stachelmanns vierter Fall
Kiepenheuer & Witsch; September 2008, Tb, 432 S.
ISBN-10: 3462040235
ISBN-13: 978-3462040234






