
Der Fotograf Walter Schels und die Spiegel-Redakteurin Beate Lakotta haben sich vor einigen Jahren für ein Portaitsprojekt der besonderen Art zusammengetan. Sie haben in Berliner Hospizen Menschen besucht, auch begleitet und die Schicksale dieser Menschen in ihren letzten Tagen festgehalten. Auch bildlich natürlich, mit schwarz/weiß-Fotographien [Beispiele in 3, Erlangen] des lebenden, aber auch des toten Gastes im Hospiz.
Herausgekommen ist ein sehr eindringliches, leises, behutsames Werk einer vorsichtigen Annäherung an ein schwieriges Thema, den Tod. Schwierig geworden in den letzten Jahrzehnten, in denen der Tod, dieses uns alle erwartende Schicksal, verbannt worden ist aus dem täglichen Leben hinein in die Krankenhäuser, die Alten- und Pflegeheime (die ihn aber auch nicht immer haben wollen…), abgeschottete Bezirke also, während er früher Alltag war. Philippe Aries beschreibt dies in seinen Studien über die Geschichte des Todes [1], der Sterbende, der früher zu Hause noch einmal die Familie um sich versammelte und jedem etwas zum Abschied mitgegeben hat oder auch – war dies nicht möglich – die Familie, die sich um den Sterbenden versammelte, um Abschied zu nehmen. Natürlich war auch früher der Tod eines Familienmitglieds mit großer Trauer verbunden, aber man wusste besser mit umzugehen, sie zu integrieren in das eigene Leben, auch weil jedem bewusst war (und es für viele zu den geistigen Übungen gehörte, sich dies bewusst zu machen), daß die eigene Sterblichkeit jederzeit durch Krankheit, einen Unfall oder anderes Realität werden konnte.
War es früher üblich, den Toten zu Hause aufzubahren (was auch heute noch möglich ist, was wenige nur wissen), so wird er heute oftmals (so derjenige zu Hause verstorben ist), so schnell wie möglich aus dem Haus geschafft [2]. Wegschieben, Verdrängen ist die Devise, nach der viele Menschen handeln. Dem entgegen zu wirken, ist ein Ziel des Buches von Lakotta und Schels [3].
In ihrem Vorwort findet Lakotta einige schöne Gedanken. So ist mir die hie und da zu hörende Gleichsetzung “Hospiz” gleich “Sterbehaus” immer unangenehm gewesen, ohne daß ich dies so richtig in Worte fassen konnte. Lakotta tat dies für mich, in einem einfachen, wahren Satz: ein Hospiz ist kein Sterbehaus, es ist ein Haus zum Leben für die Sterbenden. Sterben ist ein Teil des Lebens, ein Sterbender lebt noch. Dementsprechend begegnet man im Hospiz diesem Leben auch, vllt sogar (im vollen Bewusstsein seiner drängenden Endlichkeit) intensiver als an anderen Orten des Lebens. Und so ist ein Hospiz auch kein trauriger Ort, es ist ein Ort, in dem Lachen genauso zu Hause ist wie Weinen, in dem es Hoffnung gibt genauso wie - natürlich auch – Verzweifelung. Hoffnung: nicht unbedingt auf ein Wunder oder Heilung (obwohl auch das vorkommt), aber auf Naheliegendes: Schmerzfreiheit, gut schlafen können, den oder diese noch einmal sehen zu können, das oder jenes noch einmal zu erleben….
Die Menschen, denen die Autoren begegnen, erzählen aus ihrem Leben. Es sind normale Leben, wie sie jeder von lebt, mit Höhen und Tiefen, Erfolgen und Misserfolgen. Oft wird jetzt, kurz vor dem eigenen Tod eine Art Bilanz gezogen, ein “ich hätte dies und jenes…” oder “warum habe ich damals…” [4]. Wichtig ist, und das taucht immer wieder auf, ist die Aussöhnung oder die letzte Aussprache, wenn Unausgesprochenes, Streit, Zerwürfnisse zwischen Eheleuten, Eltern und Kindern stehen. Auch ein letztes Mal bekennen, wie wichtig der Sterbende für einen gewesen ist, daß man ihn liebt und daß man selbst auch nach dessen Tod das Leben weiter leben wird, ist wichtig – für den Sterbenden, dem es Ruhe gibt und für den Zurückbleibenden, dem es in der Trauer Trost sein kann, dies noch einmal gesagt zu haben. Der Tod ist endgültig, solche Bekenntnisse zu versäumen, nie wieder gut zu machen. Unter Umständen trägt man an dieser Last ein Leben lang. Und der Tod ist unberechenbar. Er kann morgen kommen oder erst in einer Woche, er kann das Hindämmern vorhergehen lassen, das ein Miteinander kommunizieren nicht mehr erlaubt. Für Zögern und Bedenken, für Scham ist im Hospiz keine Zeit mehr.
Die Bilder zeigen es: im Tod liegt Würde, das Gesicht des Menschen ist entspannt, gelockert. Er hat losgelassen und man sieht es dem Gesicht an: Unwohlsein, Angst, Bedrängungen, all das, was sich in den Gesichtsszügen des Sterbenden unter Umständen noch widerspiegelte, ist verschwunden und hat einem gelösten Eindruck Platz gemacht. Es ist ein Übergang auch in der Wahrnehmung, man hat kein Mitleid mehr mit diesem Menschen, man spürt (ev. ein kaum auszuhaltenes Maß an) Trauer, aber oft auch eine Erleichterung: es ist vorbei, er/sie hat es geschafft, das Leiden ist zu Ende.
Die meisten Hospizgäste sind in dem, was Kübler-Ross [5] als letztes Stadium der Zustimmung, der Akzeptanz, definiert. Der Kampf gegen die Krankheit hat aufgehört, Schmerzfreiheit ist der große Wunsch, der heutzutage gottseidank praktisch immer erfüllt werden kann. Menschlichkeit, Zuwendung, Hilfe bei dem, was noch erledigt werden muss, das sind die Wünsche, die auftauchen. Wie wird die Beerdigung aussehen, wo wird man seine Grabstelle haben, wie sieht es dort aus? Können wir uns das anschauen? Jetzt möchte ich meinen Mann noch einmal sehen, der bis dahin nicht kommen durfte… Meine Tochter ist seit Jahren in Amerika.. nicht immer wartet der Tod auf die Erfüllung, aber erstaunlich häufig erleben Menschen noch, daß solche Wünsche erfüllt werden können, fast so, als würde man das Leben aufgeräumt zurücklassen wollen…
“Noch mal leben vor dem Tod” ist ein stilles Buch, das ganz tief drinnen wirkt. Es macht nachdenklich, denn die Schicksale, von denen wir dort lesen, sind zwar nicht unsere, sie könnten es aber morgen sein, so oder so ähnlich. Unsere eigene Sterblichkeit ist eine uns eigentümliche Eigenschaft wie jede andere auch, das Alter bzw. die Jugend schützt uns nicht davor, die Existenz von Kinderhospizen zeigt dies nur zu deutlich. Man muss nicht täglich darüber meditieren, aber man sollte sich dessen bewusst zu sein, ist wichtig, um bewusst leben zu können. Schels/Lakottas Buch ist dafür ein eindrucksvoller Einstieg.
Links und Anmerkungen:
[1] z.B. Philippe Aries: Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, Originalausgabe: Paris 1975
[2] Ich selbst bin schon nachts aus dem Bett geklingelt worden, um die Leichenhalle aufzuschließen, es hatte nicht bis zum Morgen Zeit, die verstorbene Oma aus dem Haus zu schaffen….
[3] ein Projekt, das im übrigen weltweit im Feuilleton vorgestellt wurde, hier z.B. in der NYtimes und das als Ausstellung zu sehen war (hier z.B. 2009 in Erlangen)
[4] die aus dieser Tatsache zu schließende Folgerung wird z.b. bei Sill: Die Kunst des Sterbens, sehr schön ausgeführt.
[5] Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
Beate Lakotta, Walter Schels
Noch mal leben vor dem Tod
Wenn Menschen sterben
dva, HC, 224 S., 2004
Luigi Pirandello: Novellen für ein Jahr II
25. Mai 2012

Wieder mal so ein Buch, dessen ich durch Zufall habhaft wurde und das mich mit seinem archaischen Zauber gefangen nahm. Archaisch, vllt führt dieser Begriff etwas zu weit zurück in die Zeit, die Novellensammlung, die Pirandello auf 365 Stück angelegt hatte, spielen doch erst vor ca Hundert Jahren auf Sizilien. Sizilien, 1861 mit dem Königreich Italien vereinigt, fiel in dieser Zeit gegen den prosperierenden Norden des Landes zurück, das – eben – “archaische” Erbe scheint wie ein Anker gewirkt zu haben, der die Insel Sizilien zurückgehalten hat in alten Verhältnissen. Nur die Menschen nicht, Sizilianer hatten an der Auswanderungsbewegung, besonders in die USA, einen großen Anteil.
In dieser Spannung zwischen Althergekommenen und Neuen sind die Novellen Pirandellos angesiedelt. Ob es nun um den Begriff der Ehre geht, der den Ehemann traditionell zum Duell mit demjenigen zwingt, der seiner Ehefrau “zu nahe” getreten ist (was dieser in der entsprechenden Novelle “Wenn man das Spiel verstanden hat” aber schlicht verweigert) oder um die Aneignung technischer Entwicklungen, immer ist die Spannung zu spüren, in der die Menschen dieser Zeit stecken. So kommt der Erzähler (“Die Überraschungen der Wissenschaft”) auf Einladung eines lange nicht mehr gesehenen Freundes in das Dorf (oh, welch mühselige Anreise, erst mit der Bahn, dann mit der Droschke, ein schönes Bild: Bahn und Droschke, modernes und altes Vehikel…), das ohne Licht und ohne Wasser ist. Er wird eingeladen zur Gemeinderatssitzung, in der dies beraten wird und muss miterleben, wie der Gemeinderat unfähig ist, eine Entscheidung zu treffen, auf welche Art man zu Licht im Dorfe kommen könne, denn würde man sich entscheiden, so gäbe es sicher schon am nächsten Tag eine bessere Lösung für das Problem, die man nun nicht mehr wählen könne, denn habe man sich ja schon festgelegt… und so bleibt dunkel im Ort und das Wasser kommt weiterhin aus den Brunnen….
In der “Leibrente” wird der alte Bauer, dem seine Scholle Heimat ist, von seinem Hof gekauft. Gegen eine Leibrente wird ihm eine Unterkunft in der Stadt besorgt, für den neuen Besitzer, der sich um die Ratschläge des Alten nicht kümmert und alle geliebten Bäume fällt, sollte dies ein gutes Geschäft sein, die Erdentage des Alten scheinen überschaubar und das wertvolle Gut damit für ein paar Monate Leibrente fast geschenkt. Doch manchmal wird die Rechnung ohne den Tod gemacht, den der Alte selbst zu sich einlädt, schließlich plagt ihn das schlechte Gewissen, daß er ja doch die Rente kassiert und damit quasi die Verpflichtung übernommen hat, bald abzutreten, damit er nicht zu teuer käme….
Es sind auch Schelmengeschichten dabei, tragisches erzählt Pirandello. Celesia etwa (“Der Lebensretter”) ist verbittert, von seiner Frau verlassen, die jedoch bei weitem nicht geächtet, sondern geachtet, mit ihrem Liebhaber, dem sie drei Kinder schenkte (und ihm selbst keins!), zusammen lebt, ist er der Welt gram, deuchen ihm die Menschen Tiger, Hyäenen oder Schlangen. Wie dem auch sei, am Tag, an dem die Tapferen des Ortes mit einer Medaille geehrt werden, erklingen Hilferufe vom Meer herüber.. keiner der Geehrten macht sich jedoch auf, seine Tapferkeit unter Beweis zu stellen, bis es unseren Misanthropen zuviel wird und er sich ein Boot schnappt und und im tobenden Unwetter hinausrudert…
Natürlich kann ich hier nicht alle Novellen erwähnen, nur ein paar noch: in “Seine Majestät” rivalisieren zwei Männer, die dem König Vittorio Emanueles II bis aufs Barthaar gleiche, um die Vorherrschaft, in der Geschichte vom “Glück” prallt der alte Standesdünkel der (jetzt verarmten) Adligen auf die neuen Zeiten….
“Novellen für ein Jahr” ist eine Sammlung im besten Sinne unmoderner Geschichten, die von Menschen erzählen, sich Zeit nehmen, sie in der Kürze einer Novelle mit Leben zu füllen, ihnen Charakter zu geben, sie in ihren Eigenarten liebenswert zu machen. Es ist gemächlich in diesen Zeiten so wie auch in den Zeilen, der Umbruch, der politisch, technisch, gesellschaftlich vor der Tür steht, man spürt ihn, doch man traut ihm nicht…
Ein wunderschönes Büchlein also mit Geschichten für zwischendurch über Menschen und menschliches…
Luigi Pirandello
Novellen für ein Jahr II
übersetzt aus dem Italienischen von Lisa Rüdiger
Diogenes, TB, 1991
Husch Josten: Das Glück von Frau Pfeiffer
21. Mai 2012
“Hör zu, Eve, hör doch zu!”

Um es vorweg zu sagen, Husch Josten gelingt es mit ihrem zweiten Roman, zwei Stilrichtungen wunderbar leicht und unterhaltsam miteinander zu kombinieren. Da finden wir das typisch deutsche Grübeln über den Sinn von allem und die Frage nach dem “Warum”, aber, da die Handlung größtenteils in England spielt, auch – und das ist das Schöne – eine skurrile, witzige, charmante Komponente, die mich (man möge mir verzeihen) an diese alten Filme mit Gary Grant (wie z.B. “Arsen und Spitzenhäubchen”) erinnerte.
Die Grüblerin, das ist Lee, die beruflich Veranstaltungshinweise für eine Postille bearbeitet und zusammenstellt und die angefangen hat, in ihrer Freizeit die Flut der Handygespräche, deren sie immerwährend unfreiwillig Zeugin wird, aufzuzeichnen. Sie sitzt benommen vor der Sinnlosigkeit und Banalität dessen, was sie zu hören bekommt und was nun ihr Notizbuch Seite um Seite füllt.
Lee ist seit kurzem geschieden, ihre Ehe mit Herold war für sie nicht mehr ertragbar, ihr Lebensentwurf und der ihres Mannes, der als Investmentbanker für die aktuell tobende Finanzkrise mit verantwortlich zeichnet, vertrugen sich nicht mehr. Ironie der Geschichte, daß Herold selbst zu den Opfern der Krise gehört und bei seiner Bank rausfliegt…
Ihr alter Freund Bruno kehrt aus den Staaten zurück, wo er zwei Jahre lang lebte. Er und Lee waren nie ein Paar, Lee ist aber die einzige, die dem allem gleichgültig gegenüberstehendem Bruno nahe ist. Brunos Familienverhältnisse sind kompliziert, aufgewachsen ist er als Adoptivsohn von Hope und Carl, die ihn mit ihrer übergroßen Liebe und nie enden wollendem Verständnis in eine tiefe emotionale Ablehnung und Resignation drängten.
Erwähnen wir noch Miles Costello, einer der Handynutzer, die Lee in ihrem Stammcafe abgreift, der immer wieder den gleichen Satz ins Handy ruft und offensichtlich keine Antwort erhält. Wie sich zeigen wird, ist nicht alles, was banal klingt, auch in Wirklichkeit eine Banalität….
Und dann natürlich unsere Frau Pfeiffer. Knapp Hundert Jahre alt stattet Josten sie mit einer bemerkenswerten geistigen Frische aus, gepaart mit der Freiheit, die das hohe Alter bringt und die sich anderen Menschen gegenüber in ihrer Direktheit oft unvermittel äußert. Sie lebt mit ihrer altgedienten Haushälterin Emma zusammen und hat den festen Vorsatz, mit ihrem aus Frankreich stammenden Ehemann Philippe eben wieder dorthin zu reisen, um dort ihren Lebensabend zu verbringen und dann in einem gemeinsamen Grab zu liegen.
Frau Pfeiffer also, die von ihrer Wohnung aus Lee beim Lauschen beobachten kann, heckt einen komplizierten Plan aus, wie sie Lee zu sich locken kann, denn so ganz ohne Hilfe läßt sich die geplante Reise nach Frankreich der besonderen Umstände wegen dann doch nicht verwirklichen….
Diese drei Personen also bilden das Zentrum des Buches, Aurora Pfeiffer, Lee Curtin und Bruno Hornyak. Aurora ist es (wie schon angedeutet), die dieses Trio (das natürlich von Emma begleitet wird, aber Emma hat in ihrer Bodenständigkeit für diese Geschichte keine tragende Bedeutung, auch wenn sie natürlich auf ihre eigene Art und Weise involviert ist) anführt, sie ist es, die Tacheles redet mit den anderen, sie ist es, die die Frage stellt, die die anderen sich nicht zu stellen trauen, weil sie es eben ist, die hinter die oft mühsam aufrecht erhaltenen Kulisse des öffentlich getragenen Gesichts schaut. Sie hat auch keine Hemmungen, sich einzumischen, zum Beispiel Kontakt mit Herold aufzunehmen und diesem die Leviten zu lesen, so wie sie es auch mit Lee tut. Selbst Bruno, von dem sonst alles abprallt, der sich (beiden Geschlechtern zugeneigt), aus dem Staub macht, wenn es Ernst wird, selbst diesen empathisch teflonbeschichteten Mann durchschaut sie und bindet ihn damit an sich.
Es entwickelt sich in der kurzen Spanne, die unseren Hauptpersonen bleibt (bzw. die ihnen von Josten gegönnt wird), eine tiefe Freundschaft, eine innere Verbundenheit der eigenen Art. Sie (i.e. Lee und Bruno einer- und Aurora andererseits) kennen sich kaum, wissen kaum vom jeweiligen Leben, aber dies hat keine Bedeutung, da sie auf einer anderen Ebene miteinander “kommunizieren” können.
Aurora erreicht ihr Ziel, mit Hilfe von Lee und Bruno kommen sie und Philippe nach Frankreich, wo – welch ein Zufall – Bruno ein Haus besitzt, das ihm vor Jahren ein verstorbener Verwandter vermacht hat. Dort quartieren sie sich ein und … aber ich will auch nicht allzuviel vom Gang der Geschichte verraten, deswegen setz ich hier nur die Pünktchen….
Wie schon anfangs festgehalten, ist Josten hier ein schöner Wurf gelungen. Der Roman präsentiert eine passende Mischung aus Gedankenschwere und der Last am eigenen Sein kombiniert mit einem typisch englischen Humor (oder dem, was wir Krauts dafür halten…), der in einer leicht skurrilen Art und Weise die Geschichte davor bewahrt, ins Trübsinnige abzugleiten. Lebensentwürfe werden gegeneinander gestellt (läßt man sich vom Leben treiben und ankert an Stationen, die einem zufällig begegnen und an denen es einem gefällt oder verfolgt man zielstrebig einen Plan, um eben dieses Ziel zu erreichen?), auch daß die offensichtliche Banalität des Alltäglichen, die uns allen immer wieder begegnet (“Hör zu, Eve, hör doch zu!”) uns jederzeitauch täuschen kann, da sie unter Umständen nur die sichtbare Oberfläche eines zutiefst tragisches Schicksale ist, zeigt die Autorin. Für mich selbst, der ich das Zuhören oft mehr schätze denn das Reden ist die Szene, in der Lee gerade dadurch, daß sie den fremden Handygesprächen lauscht, in die Rolle derjenigen geschlüpft ist, der man etwas erzählen will, weil man beobachtet hat, daß sie zuhören kann und es das ist, was gebraucht wird, ein Mensch, der nur und ausschließlich zuhört, sehr schön.
Wenn man weiß – und wer wüsste es nicht? – wie schwer es ist, eigene, eingefahrende Verhaltensweisen zu ändern, wundert man sich beim Lesen natürlich darüber, wie schnell es Aurora mit wenigen Sätzen schafft, ihre neuen Freunde zu beeinflussen. Ach, was solls, beneiden wir diese sympathische alte Dame um diese Gabe und rechnen es der literarischen Freiheit der Autorin an, sie ihr verliehen zu haben…
Summa summarum ist “Das Glück von Frau Pfeiffer” ein schön geschriebener kleiner Roman über das Leben, die Schwierigkeit, es in jungen Jahren zu finden und die Weisheit, es im Alter zu verstehen und die Gabe, zwischen diesen beiden Polen eine Brücke zu schlagen.
Ferner von Josten bei aus.gelesen: In Sachen Joseph
Husch Josten
Das Glück von Frau Pfeiffer
Berlin University Press, HC, 211 S, 2012
Ich danke dem Verlag, der mir den Roman als Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Autoren.lesung: Martin Walser: Muttersohn
17. Mai 2012

Gestern abend besuchte ich die Lesung von Martin Walser im Bad Emser Marmorsaal des Kurhauses. Natürlich, für ein kleineres Städtchen wie es dieses ehemalig so bekannte, jetzt etwas um Bedeutung bemühte Bad Ems ist der Besuch dieser literarischen Institution ein herausragendes Ereignis, dementsprechend gut war der Besuch der Veranstaltung.
Das Buch – ich wollte es natürlich vorher lesen. Aber man kennt das ja, und außerdem hat da rein privat der Blitz reingehauen, im wahrsten Sinn des Wortes, und mir viel Zeit geraubt, die ich ansonsten vllt tatsächlich investiert hätte in diesen Roman Walsers um Percy, den ohne die Mitwirkung eines Mannes gezeugten.
Vorgestellt wurde Walser und in sein Werk eingeführt von einer Frau Dr. Nordhofen, die leider rhetorisch nicht allzu überzeugend wirkte, viele “ähhs…” störten und ich muss es bekennen, von ihrer Rede blieb mir nicht viel im Gedächtnis…
Ganz anders dagegen Martin Walser. Ein älterer Herr, natürlich. Imposant in der Erscheinung, eine Aura um sich herum getragen von der Freiheit und auch, ja, Weisheit des Alters, von der Gewissheit, die richtigen Fragen zu kennen, jetzt zu kennen, für die Antworten, die man schon seit langem spürt… auch ein ganz hervorragender Vorleser seines Werks ist Walser, beneidenswert, wie er, sein Buch in der Hand, den Text vorliest und sparsam mit seiner Sprache spielend das Gesagte lebendig werden läßt. Mit wenigen Gesten unterstützt er seinen Vortrag, seine Stimme schwillt an, zögert, wird langsam, leise, er überlegt mit seinen Figuren, fühlt sich in sie hinein, verleiht ihnen Wort und Stimme…
Es geht um Percy. Walser hat drei Textstellen ausgewählt, die erste stellt uns diesen Percy vor, der wie gesagt seiner Mutter Fini glaubt, daß er ohne die Mitwirkung eines Mannes gezeugt wurde. Die im Nachgang zur Lesung von Nordhofen gestellte Frage, ob er, Walser, damit eine Art Jesus-Figur geschaffen hätte (es gibt viele in diese Richtung deutbare Elemente im Roman), umschiffte Walser geschickt, indem er ausführte, dieses würde sich niemand wagen…. jedenfalls ist dieser Percy ein begnadetet Redner, der sich aber nie auf seine Reden oder Gespräche vorbereitet, weil er zu jedem Moment der sein will, der er in seiner ganzen Fülle in diesem Moment ist. Und diese würde eine Vorbereitung zerstören, er wäre dann reduziert auf jemanden, der vorher in eine bestimmte Kategorie gesteckt worden wäre und auch seine Zuhörer in eine gesteckt hätte.
Percy ist ein Mensch ohne äußere Probleme. Er hat keine richtige Wohnung, sein Besitz hat Platz in einem Rucksack, er ist gefestigt in seinem Glauben und er läßt allen anderen ihren. Percy hat es nicht nötig zu überzeugen, weil er weiß, daß jeder seinen eigenen Weg zur Überzeugung, zum Glauben gehen muss in seiner eigenen Art und Weise. Er ist zu keinem Widerspruch bereit, er ruht viel zu sehr in sich, um Widerspruch als Angriff auf sich oder seinen Glauben zu empfinden. Diese zweite Textstelle, in der Walser Percy in einer Talkshow auftreten läßt, ist vllt eine der zentralen Stellen des Buches, hier erklärt sich seine Figur seinen Interviewern gegenüber, hier wird auch das so Unverständliche als eigentlich etwas ganz Einfaches deutlich…
Einen dritten Part las Walser noch, aber ich muss bekennen, davon ist mir nicht mehr allzuviel im Gedächtnis, zu sehr habe ich über den oben beschriebenen noch nachdenken müssen….
Zum Nachgang gab es dann noch ein kurzes Frage/Antwort Spiel, in dem Frau Nordhofen den Fragepart übernahm und darin auch der Falle nicht immer widerstand, mit der Frage gleich die Antwort mitzuliefern, die Walser dann weiter ausführte… aber sei es drum, es hat sich gelohnt. Manche Gedanken Walsers müßte man nachdenken und ausgestalten, für sich allein. Zum Beispiel sein Bedauern darüber, daß sich Literatur und Religion auseinanderentwickelt haben, wo sie doch früher so eng zusammengehörten, ja fast identisch waren… die großen Texte der Mystiker, die Psalmen als Gedicht von einer Kraft, die nicht zu übertreffen ist… Beispiele die Walser nannte.
Natürlich, es ist ein umfangreiches Werk, dieser “Muttersohn”, aber die Lesung Walsers hat in der Tat eine große Neugier geweckt. Ein Roman um den und das Glauben, um das Spannungsfeld zwischen diesem und dem Wissen, um die Fähigkeit, Berge zu besteigen, die nicht da sind und das Lösen von Gleichungen, die eine Lösung haben….. Themen, die interessant sind und wichtig, schaumerhaltmal und sehendannweiter, die Neugier ist jedenfalls geweckt…
Ein schöner, bereichernder Abend.
Yiyun Li: Die Sterblichen
16. Mai 2012

“Die bloße Tatsache, dass jemand ein Mensch war,
schien für sie Grund genug, ihn zu demütigen.”
Die Handlung des ersten Teils dieses beeindruckenden Romans spielt am 21. März 1979. Ist dies ein symbolisches Datum, das Ende des Winters, der Anfang des Frühlings? Noch sieht es nicht so aus…. Die Kulturrevolution ist nach 10jährigem Wüten gegen die Intelligenz und die politischen Strukturen des Landes 1976 beendet worden, nachdem Jahre zuvor in der Kampagne des “Große Sprung”s schon Millionen von Menschen verhungert waren und die industriellen und landwirtschaftlichen Strukturen des Landes zerstört worden waren. In dieser Zeit ist die gesichts- und charakterlose Stadt Hun Jiang gegründet worden, in der die Geschichte spielt, die Yiyun Li mit nüchterner Sachlichkeit schildert und die so das Grauen des damaligen Lebens schier übermächtig beschwört.
An diesem Tag, dem 21. März 1979, soll Gu Shan hingerichtet werden. Gu Shan war in den Anfängen der Kulturrevolution begeisterte Rotarmistin, das einzige, vor dem sie zurückschreckte, war das persönliche Verprügeln und Zusammenknüppeln ihrer Eltern, das überliess sie einer anderen Rotarmisten. Sie selbst schlug derweil an andere ein, trat Schwangeren in den Bauch und brüllte revolutionäre Lieder. Später schien sie dann zu zweifeln, kritische Äußerungen verriet ihr Freund, der seinerseits im Abseits stand, der Partei, die sie daraufhin zu 10 Jahren Haft verurteilte. Weil sie nach dieser Zeit ihre Zweifel nicht aufgab, wurde sie nochmals vor Gericht gestellt und jetzt zum Tode verurteilt. Vor der eigentlichen Hinrichtung findet die sogenannte “Denunziationszeremonie” statt, die im Stadion ausgerichtet wird und die für die Menschen der Stadt als Spektakel dient. Die Partei instrumentalisiert und inszeniert diese Veranstaltung, um damit die Menschen einzuschüchtern und auf Linie zu halten.
So gesichtslos die Stadt Hun Jiang ist, so grau und angsteinflößend ist dort das Leben. Li stellt das Schicksal von Gu Shan, die aber nie direkt in Erscheinung tritt, in den Mittelpunkt ihrer Geschichte, in der sie die Schicksale und das Leben einer Vielzahl von Menschen schildert, die in irgendeiner Weise mit Gu Shan verbunden sind.
Zuallererst sind dies natürlich die Eltern. Der Vater, früher Schulgründer, war nach der schon erwähnten öffentlichen Erniedrigung und Prügel ein gebrochener Mann, er arbeitet jetzt als einfacher Lehrer und will vor allem nicht auffallen. Seine Frau dagegen möchte die alten Zeremonien abhalten, an die sich Eltern seit Jahrhunderten klammern, wenn eins ihrer Kinder stirbt. Aber sie wird von der Polizei verjagt und entgeht nur knapp dem Gefängnis. Oder Frau und Herr Hua, die Müll sammeln und mit der Familie Gu bekannt sind. Früher haben sie Säuglinge, Mädchen, die sie im Müll gefunden haben, aufgezogen, bis man sie ihnen dann weggenommen hat…. Nini ist ein verkrüppeltes Mädchen, ihre Mutter war die Schwangere, der Shan seinerzeit in den Leib trat. Die Gus versuchen, etwas an ihr gut zu machen und geben ihr zu essen. Ninis eigene Familie behandelt sie als nutzlosen Fresser, für sie ist das Mädchen nur Ballast. Auf ihren Touren durch die Stadt lernt Nini Bashi kennen, einen sadistisch veranlagten Jungen mit erheblichen Charakterdefiziten, der als Sohn eines Helden von der Partei finanziell versorgt wird. Er ist nur von einem Wunsch beseelt, nämlich eine “Freundin” zu haben, endlich zu sehen, wie eine Frau oder ein Mädchen “dort” aussieht… Später lernen wir Kwen, einen älteren Einzelgänger, kennen, der Shan letztlich auf seine eigene, ganz besondere Art und Weise für sich missbraucht….
In besseren Kreisen verkehrt Kai, die Nachrichtensprecherin, die auch im Stadion die Denunziationszeremonie moderieren soll. Sie ist Frau von Han, mit ihm wird sie nach der Zeremonie auf eine Art “After-Execution”-Party gehen, auf der sich die Honoratioren der Stadt treffen. Kai kennt Shan von früher, nur durch Zufall ist sie und nicht Shan seinerzeit zur Schauspielerin ausgebildet worden und jetzt Nachrichtensprecherin. Sie ist sehr nachdenklich, fühlt sich nicht wohl in ihrer Funktion und empfindet noch Sympathie, zumindest für den Menschen Shan.
All diese (und noch andere) Personen agieren im Dunstkreis der Hinrichtung der 28jährigen Shan, die über die Folter und die Haftbedingungen “verrückt” geworden ist. Die Eltern wagten sie kaum zu besuchen im Gefängnis, da dies als Sympathisieren hätte ausgelegt werden können. Überhaupt ist Angst das vorherrschende Grundgefühl der meisten, Angst vor Denunziation, vor einer falschen Handlung, einer falschen Bewegung oder einem falschen Wort. Die materiellen Lebensverhältnisse sind grausam, kaum gibt es genug zu essen für viele, Nini zum Beispiel reisst die Zettel, auf denen die Hinrichtung Shans angekündigt wird, wieder von den Wänden, um den Weizenkleister, mit dem sie angeklebt worden waren, abzukratzen und zu essen…. 10 W-Birnen er”hellen” die Wohnungen der einfachen Menschen…
Die Gus bekommen Besuch von Soldaten, die das Geld kassieren für die Kugel, mit der die Tochter erschossen werden soll. Natürlich ist die Todeskugel von den Eltern zu bezahlen. Herr Gu kann sich selbst dagegen nicht mehr auflehnen….
Die Denunziationszeremonie ist eine recht “enttäuschende” Veranstaltung. Begrüßt der eine Teil der Menschen sie als willkommene Abwechselung, zu der sie von der Arbeit befreit wurden und der sie einen Hauch von Volksfeststimmung verleihen, erwarten andere eine gefährliche Konterrevolutionärin zu sehen, vor der sie die Partei bewahrt hat. Sie werden enttäuscht. Shan ist ein armseliges Bündel von Mensch, der mehr hereingeschleppt wird von den Soldaten denn das sie gelaufen wäre, stumm fällt ihr der Kopf nach vorne auf die Brust, keine Parolen, auch kein Laut entflieht ihrem Mund. Schnell wird sie wieder aus dem Stadion gezerrt, in einen Polizeiwagen geschmissen und zum Exekutionsort gebracht, einer Insel im Fluss. Auf der Fahrt wird ihr noch eine Niere entnommen, auf die ein hoher Funktionär in einer anderen Stadt schon sehnsüchtig wartet. Der Polizeiwagen muss danach vom vielen Blut gereinigt werden.
Dann wird Shan, der man vor der Exekution noch schnell die Stimmbänder durchtrennt hatte, erschossen – beinahe möchte man sagen, endlich. Erschossen und liegen gelassen, aber ihr misshandelt werden ist damit noch nicht vorbei…
Im zweiten Teil des Buches begegnen wir diesen Personen wieder. Im Mittelpunkt aber steht die Nachrichtensprecherin Kai, in der immer mehr Zweifel wachsen sowohl an der übergeordneten politischen Linie, aber auch an ihren privaten Verhältnissen. Sie hat ihren Mann Han seinerzeit nicht aus Liebe geheiratet und auch ihr Sohn wird im wesentlichen vom Kindermädchen betreut und bemuttert. Han dagegen ist unbeirrt, scheint die Erfolgs- und Karriereleiter hinaufzufallen. Er bekommt – so wie auch der Bürgermeister – einen Fernseher als Prämie.. dafür, daß die Exekution von Shan so reibungslos und schnell abgewickelt wurde: der hohe, jetzt wieder benierte Funktionär zeigt sich erkenntlich. In diese Situation hinein wirkt die große Politik: in Peking wird geduldet, daß mit der “Mauer der Demokratie” [4] ein Ort der (leisen) Kritik an der Partei entsteht – aber es gibt keine Weisungen an die Provinz, wie man sich zu verhalten hat. So wird Han in die Provinzhauptstadt geschickt, sich zu erkundigen, welches politische Verhalten opportun ist.. zeitgleich plant eine Gruppe junger Menschen, diese mögliche Freiheit für sich zu nutzen und gegen die ungerechte Hinrichtung von Shan zu protestieren. Kai hat heimliche Kontakte zu einem der Gruppenmitglieder und schließt sich der Aktion an.
Auch das Leben der anderen Protagonisten geht weiter. Das Ehepaar Gu entzweit sich, der Mann wird hinfällig und muss ins Krankenhaus, in der Frau dagegen erwacht durch die Ereignisse eine ungeahnte Widerstandskraft und zugleich auch der Mut zum Widerstand. Bashi, dieser verhaltensauffällige, von der Partei alimentierte junge Mann umgarnt weiterhin Nini, das behinderte junge Mädchen, gleichzeitig plant er immer noch heimtückische Rache an Kwen… Zusammen mit Tong, einem Jungen, der seinen Hund sucht, geht auch er auf den Platz, an dem die Aktion zugunsten von Shan stattfindet und überredet den Jungen, den dort ausliegenden Aufruf zu unterschreiben.
Im Richtungsstreit der Partei können sich die Hardliner durchsetzen: die Mitglieder der “konterrevolutionären” Aktion werden verhaftet, ebenso die Unterzeichner des Aufrufs. Die “Verhöre” sind brutal, es wird getreten und geschlagen, bis Geständnisse unterschrieben und neue Namen genannt sind. So werden viele Hunderte verhaftet und verurteilt. Auch der junge Tong, von Bashi zu dieser Aktion geschleppt, bricht zusammen. Er hatte mit den Namen des Vaters unterschrieben, der als Krüppel aus dem Gefängnis zurückkommt und nennt jetzt Namen über Namen, die Namen aller Menschen, die auf dem Marktplatz waren und an die er sich erinnern kann.. Er wird der Held der Denunziationszeremonie, auf der die schlimmsten der Aufrührer vorgeführt werden und auf der das Todesurteil für Kai wartet.
“Die Sterblichen” ist ein zutiefst “graues” Buch, es gibt kaum Passagen im Text, die Leben verströmen, Freude oder Glück. Das Buch hält dabei an einen weitgehend neutralen Stil ein, das Beschriebene ist in sich selbst so aussagekräftig, daß es keiner besonders aufwühlenden Sprache mehr bedarf. “Die Sterblichen”: in China ist Sterblichkeit nicht nur eine biologische Eigenschaft, sterblich zu sein ist hier auch eine politische Entscheidung, wie Li am Beispiel Kais und Shans beschreibt. Es herrscht Willkür und ein jeden eigenen Willen unterdrückendes Klima der Angst, aber nicht nur der eigene Wille wird unterdrückt, sondern auch Gefühle, Emotionen wie Mitleid, Liebe, Freundlichkeit, Offenheit. Wenn alles, was man sagt und macht, jederzeit gegen einen verwendet werden kann oder zumindest als Vorwand genommen werden kann, irgendetwas gegen einen zu verwenden, bleibt den Menschen nur noch der Rückzug in sich selbst, die Abschottung nach außen, das Misstrauen, die Vorsicht, auch das Anbiedern an die Macht. Nur wenigen ist der Mut zum Widerstand oder auch nur zur eigenen Meinung gegeben und wenn man sie hat, wird sie besser nicht geäußert.
Nur zwei ihrer Figuren läßt Li so etwas wie “Liebe” angedeihen: ausgerechnet zwischen Bashi und Nini, zwischen dem emphatisch gestörten Jungen und dem körperlich behinderten Mädchen entstehen Gefühle. Bashi, der das Mädchen ursprünglich ja nur Befriedigung seiner sexuelle Neugier ansprach, versorgt es mit Essen und kleinen Geschenken, und für Nini werden die Besuche bei ihm zu einem Rettungsanker in ihrem ansonsten trost- und lieblosen Leben. Aber auch diesen beiden Menschen gönnt die Autorin kein Glück…
Das Leben geht weiter in Hun Jiang so wie in ganz China. Jeder ist sterblich, jeder ist austauschbar so wie Kai, die ihrer eigenen Nachfolgerin im Stadion zuhören muss. Was kümmern schon ein paar Verkrüppelte, ein paar Tote und Hingerichtete, was kümmern Menschen, die in Gefängnissen oder Lagern vor sich hinrotten…. nicht sehr viel….
Der Roman “Die Sterblichen” ist kein schönes Buch, weil der Inhalt, das Thema, nicht schön sind. Es ist eine Auseinandersetzung mit einem menschenverachtenden und -verzehrendem Regime, einem Regime, das auf Zerstörung des Menschlichen aufbaut und es durch Negatives ersetzt: Angst, Verrat, Willkür, Abschottung, Isolation, Heimtücke sind die herrschenden Stimmungslagen und Verhaltensweisen. Dies schildert Li sehr eindrücklich und anschaulich ebenso wie die rein materiellen Lebensumstände der Menschen, denen sie sich in ihrem Buch zuwendet. Und damit gelingt dem Buch etwas, was reine politisch-historische Darstellungen kaum können: es nimmt den Leser mit, es erreicht sein Gefühl, seine Seele.
Links und Anmerkungen:
[1] Wiki-Artikel zur Kulturrevolution
[2] ein paar kurze Hintergründe zur Biographie der Autorin aus der “taz“
[3] China – Das Land der Hinrichtungen, youtube-videoclip
[4] Wiki-Artikel zur “Mauer der Demokratie“
Yiyun Li
Die Sterblichen
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
diese Ausgabe: dtv, 384 S., 2012
Erstveröffentlichung: NY, 2007
facebook-gruppe: buchvorstellungen und rezis
14. Mai 2012
ich möchte heute nur ganz kurz auf die schon länger bestehende gruppe: “bücher und buchvorstellungen” bei facebook hinweisen – und natürlich den beitritt empfehlen! :-)
mit dieser gruppe lade ich alle privaten bücher-/literaturblogbetreiber ein, auf ihre buchbesprechungen hinzuweisen, sonst soll da nichts gepostet werden, für “smalltalk” und unterhaltungen haben wir ja schon andere gruppen genug…
mit bücher und buchvorstellungen ist – und ich habe das, obwohl noch nicht allzuviele teilnehmer mitmachen, schon schätzen gelernt – ein schneller überblick über die neu erschienen rezis möglich.
mehr möchte ich zu dieser gruppe garnicht sagen, ich glaube, sie ist nicht so kompliziert und erklärt sich auch im wesentlichen selbst ;-)
also, ich (und ich denke, auch die teilnehmer, die schon dabei sind) würden uns sehr über zuwachs freuen, je mehr, desto besser! :-))
ihr seid alle ganz herzlich eingeladen!
Sabine Deitmer: Dominante Damen
12. Mai 2012

Was macht man, wenn einen die Erkältung gepackt hat, die Nase trieft, der Kopf wie in Watte gepackt scheint und auch ansonsten nicht viel los mit einem ist? Man greift zu einem Buch, das einen nicht allzusehr fordert und kurzweilige Unterhaltung verspricht, das man auch gut aus der Hand legen kann, um eine Lesepause zu machen, zudem ist es eine gute Gelegenheit, die Regalmeter, die sich im prae-SuB-Zustand befinden, zu entlasten… also muss nach langer Zeit mal wieder etwas aus der Krimi-Ecke herhalten: voilá, die Dominanten Damen (aus der Reihe “Die Frau in der Gesellschaft“, die ab 1975 im Taschenbuch-Verlag erschien) lassen bitten!
Der Titel täuscht nicht, genausowenig wie das Coverbild: genau darum dreht es sich, oder exakter formuliert: einer der beiden Erzählstränge. Aber der Reihe nach…
Frank wird an erhöhter Warte gefunden: baumelnd von der Decke seiner Garage, hübsch geschmückt mit einem Schleifchen um sein bestes Teil. Da er schon etwas länger seiner Entdeckung harrt, das Schleifchen etwas fest gebunden ist, sieht er bei Ankunft des Ermittlerpaares Beate Stein und Weber nicht mehr ganz so lecker aus. Aber auch das ist Geschmackssache, die dicken, fetten Fliegen sind ganz anderer Meinung…. ok, der ganz normale Ermittleralltag setzt ein, Befragungen, Berichte, Überlegungen…
Auf der anderen Seite lernen wir Vera kennen, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die sich auch noch um die eigene Mutter kümmern muss. Der Erzeuger der Kleinen, wer weiß schon, wo er abgeblieben ist… Vera jedenfalls spielt den Kindern (und auch ihrer Umgebung) heile Welt vor, die fingierten Briefe ihres Vaters kommen von weit her und reden von Sehnsucht und Heimweh… Wie gesagt, Vera muss die Restfamilie finanzieren und das macht sie in und mit ihrem Studio, in dem zahlungswillige und -fähige Männer sich die Peitsche geben oder auch mal ans Kreuz hängen lassen können… zusammen mit einer Kollegin, die in den nichtbelegten Arbeitsstunden gerne handarbeitet, betreibt sie ein S/M-Studio der etwas niveauvolleren Sorte. Die beiden suchen sich noch eine dritte Kraft für ihren Betrieb und finden sie in Tina, die vom Straßenstrich kommt und dort weg will.
.. und über Tina führt Deitmar die beiden Handlungsstränge zusammen, denn schnell finden Stein und Weber heraus, daß Tina die Freundin des jetzt in der Pathologie liegenden Frank ist.. ähh.. war bzw. andersherum gesehen, er ihr Zuhälter war. Versteckt sich dahinter ein Motiv? Und warum fuchtelt Tina während der Arbeit auf einmal mit Rasierklingen herum und vertreibt die Kundschaft? Und kann ihr in der Psychatrie wirklich geholfen werden?
Männer kommen nicht gut weg in diesem Krimi. Angefangen von Frank, der mit seinem schwärenden, schwarz geschwollenen schleifen-geschmückten Schwanz schwerelos schwebend am Schparren baumelt über die unfähigen Kollegen des Ermittlerteams bis hin zu den Männern im Allgemeinen, die in ihrer Vorliebe für abartige Sexpraktiken vor nichts halt machen (Das Motto “Alle machen es, aber niemand redet drüber.” ist nach Weber das Überlebensprinzip des käuflichen Sexes), auch vor Vergewaltigung nicht. Selbst der männliche Part des Buddy-Teams Stein/Weber ist eine eher traurige Figur, die mit Eheproblemen zu kämpfen hat und der mit seiner Partnerin die verschiedenen Ansichten über diesen speziellen Bereich männlicher Bedürfnisse (?) erst mühsam in Einklang bringen muss.
Mit viel Verständnis dagegen werden die beteiligten Frauen dargestellt. Vera ist kühl kalkulierende Geschäftsfrau, die sich auf die besonderen Bedürfnisse ihres Klientels eingestellt hat, sie erledigt ihr Metier selbstbewusst und als Vollprofi. Tina ist das Opfer, intelligent aber aus schlechtem Elternhaus ist sie Frank verfallen, der sie skrupellos ausnutzt und verkauft. Im Grunde ist sie ungeeignet für das Geschäft mit Sex, aber sie kann den Ausstieg schaffen. Davon zumindest ist Vera überzeugt und sie will ihr dabei helfen…
Noch ein letztes Wort über Beate Stein. Selbstverständlich auch eine vollemanzipierte, höchst selbstbewusste junge Dame, die sich von keinem, insbesondere nicht von ihrem Vorgesetzten und den Kollegen die Butter vom Brot nehmen läßt. Nicht auf den Mund gefallen bleibt sie angesichts dessen, was sie so als Hintergrund in diesem Fall erfährt, doch manchmal sprachlos. Trotzdem ist die Geschichte stark von Dialogen geprägt, sehr szenisch, schnell und abwechslungsreich geschrieben, ein Stück gute Unterhaltungsliteratur. Ob der gebotene Blick auf das Geschäft mit dem Sex der Realität gerecht wird oder ob er doch etwas differenziert werden müsste, mag dahin gestellt sein. Angesichts des Publikationsdatums des Romans ist vllt allein der Versuch höher einzustufen, dieses Geschäft als sicher nicht schönen, aber auch nicht zu leugnenden Bereich der Gesellschaft darzustellen.
Jedenfalls war der Krimi ein kurzweiliger Zeitvertreib und das es die Mörderischen Schwestern gibt, habe ich dabei auch noch gelernt… meine Erwartungen wurden also erfüllt, oder um es mit anderen Worten zu sagen: mission accomplished.
Links und Anmerkungen:
- Über die Autorin
- Pressemitteilung über die Verleihung eines Literaturpreises an Deitmer
Sabine Deitmer
Dominante Damen
Fischer TB, 1994, xyv S.
10. Mai 1933: Wider den undeutschen Geist!
10. Mai 2012
Alfred de Musset (zugeschrieben): Gamiani
8. Mai 2012

Vor einigen Jahren verlegte der Franz Schneekluth-Verlag mit Michael Farin [2] als Herausgeber eine “Erotische Bibliothek” mit einigen klassischen Erotika, die bibliophil ausgestattet und mit erklärenden und weiterführenden Texten angereichert wurden. Es sind Texte wie die der Geschichte einer Wiener Dirne “Josephine Mutzenbacher” “, die der Thérèse Philosophe“ oder auch Gustave Mirabeaus “Garten der Qualen“. Ein vom Textumfang her eher schmales Erotikon dieser Reihe (die nach dem Erscheinen der ersten sechs Bände wohl nicht weitergeführt worden ist) ist das dem Franzosen Alfred de Musset zugeschriebene Werk “Gamiani oder zwei Nächte der Ausschweifung” [1].
Wie alle Bücher der “Erotischen Bibliothek” ist auch dieser an sich recht kurze Text ergänzt durch diverse Aufsätze zur Entstehungsgeschichte, die in diesem Fall zu vielen Spekulationen Anlass gegeben hat. de Musset [4], dem die Autorenschaft allgemein zugeschrieben wird (ohne daß diese Zuschreibung jedoch sicher ist), hat sich jedenfalls nie dagegen ausgesprochen. Sollte er tatsächlich der Autor dieser Geschichte sein, kann man natürlich darüber spekulieren (und dies wird getan…), inwieweit er Elemente seiner eigenen Biographie, seiner Liaison mit George Sand [3] nämlich, mit in die Geschichte aufgenommen hat. George Sand war bekanntlich eine sehr selbstbewusste, der damaligen Männerwelt ein Dorn im Auge seiende Frau, die in ihren Schriften das “Verlangen der Frau nach Liebeserfüllung und die Suche der Frau einer authentischen weiblichen Sexualität” [S. 204] zum Ausdruck bringt. Da sie auch eine intime Freundschaft mit einer Frau unterhielt [a.a.O.], bietet sich die Deutung an, sie sei in der Figur der Gräfin Gamiani, die dem Leser gleich am Anfang als Tribade vorgestellt wird, abgebildet.
Wessen aber ist die Handlung (oder genauer: der Inhalt) dieses Buches, wer ist diese Gräfin Gamiani?
Das Buch setzt mit einem Fest ein, das jene Dame gibt. Sie ist eine rätselhafte Persönlichkeit, über deren Wesen Alcide, ein Gast dieses Festes, sinniert, bis ihm jemand zuraunt, sie, die Gräfin, sei eine Tribade. Daraufhin wird das Interesse Alcides noch weiter angestachelt und er beschließt, jener nachzuspionieren, sich nach dem Ende des Festes im Haus einschließen zu lassen, um zu erkunden, was danach geschieht. So versteckt er sich ihrem Schlafzimmer und kann nach kurzer Zeit beobachten, wie die Gräfin mit einem jungen Mädchen, Fanny, das Zimmer betritt und sofort versucht, dieses junge Ding zu verführen. Ob dieses Anblicks der sich verschlingenden, sich kosenden, aneinander reibenden Frauenleiber in Wallung gebracht, springt Alice aus seinem Versteck und wird – frei nach Schiller – in ihrer (auch bildlich….) Mitte der Dritte. Die drei sind unermüdlich, aber der Anblick der Gräfin, der dieses nicht reicht zur Befriedigung ihrer Lüste und die sich auch den Tieren des Hauses hingibt, läßt Fanny und Alcide erschauern. Erschöpft sinken sie schließlich in die Kissen und erzählen sich die Geschichte ihres sexuellen Lebens, die insbesondere bei Gräfin Gamiani geprägt ist von Gewalt, von Exzessen und Orgien. Mitnichten war das Kloster, in das man das junge Mädchen seinerzeit gab, ein Hort der Tugendhaftigkeit, nein, sie wurde dort verführt von den Nonnen, die ihren Trieben in Orgien nachgaben und sie initiierten. Gamiani wurde zum Objekt wilder flagellantischer Exzesse, an ihren Schmerzen weideten sich unsichtbar bleibende Beobachter.. eine Schilderung ganz im Geiste de Sades.. im Ergebnis jedenfalls wendete sich die junge Gamiani danach vom Manne ab und dem Weibe zu….
Alcide gelingt es anscheinend, die junge Fanny den Klauen der Gräfin zu entreißen, doch in der zweiten Nacht ist er machtlos. Wieder versteckt er sich und muss jedoch beobachten, wie sich in Fanny die Lust einnistet, als sie den Verlockungen, den Verführungen der Gräfin sich aussetzt. Heißer und heißer werden die beiden Frauen, kaum noch können sie sich zügeln und Alcide muss machtloser Voyeur bleiben. Völlig ergeben und hörig geworden willigt Fanny nur zu freudig ein, als Gamiani ihr einen Trank anbietet, der alle Lust, die sie bisher erleben durfte, zu übertreffen helfen soll.. sie läßt sich den Trank einflößen, auch die Gräfin nimmt ihn zu sich.. zu spät … die höchste Lust zu erleben, den Rausch, der als einziger ihr noch fehlt, hat Gamiani sich und ihr Geliebte vergiftet, im Todeskampf verschlingen sich ihre Leiber…. dieser Tod gemeinsam mit der Geliebten ist die dunkle Variante des romantisch gehauchten Seufzers des “ich würde sterben für dich”, es ist der pervertierte Exzess, mit letzter Konsequenz in Szene gesetzt.
Beim Lesen fällt auf, wie unterschiedlich der involvierte Mann, Alcide, agiert. Gelingt es ihm in der ersten Nacht noch, Hahn im Korb zu werden, beide Frauen zu beglücken und auch anscheinend Fanny, deren erster Kontakt mit ihrer Körperlichkeit in dieser Nacht ja sehr heftig ist, aus dem Einfluss der verderbten Gräfin zu entwinden, so scheint er in der zweiten Nacht, in der Gamiani durch lüsterne Worte und Erzählungen Fannys Blut zum Kochen bringt, zum machtlosen Zuschauer degradiert. Er, der Mann, wird nicht mehr gebraucht, die beiden Frauen sind sich selbst genug, um sich Lust, Befriedigung und Höhepunkt zu verschaffen. Selbst den Tod der beiden Frauen kann er nicht verhindern, untätig und entsetzt muss er ihn miterleben.
Der Text soll aus einer Wette heraus entstanden sein, in der der Autor sich brüstete, innerhalb von drei Tagen einen solch erotisch-pornographischen Erguss produzieren zu können, ohne auf das dazu passende obszöne Vokabular zurückzugreifen. Es ist ihm anscheindend gelungen, das Vokabular beschränkt sich auf verbrämende Begriffe, so wie sie auch heute in manchen erotischen Texten zu finden sind. “Gamiani” ist eine altertümliche Prosa, mit modernen Texten kann man sie kaum vergleichen, auch wenn sie inhaltlich alle Tabus verletzt, also öbszön ist im Batailleschen Sinne [4]. Soll also keiner sagen, damals seien die Fantasien zahmer gewesen….
Interessanter fast noch als die Geschichte sind die Kommentare und beigefügten Essays im Buch, die viel Material über die Entstehungsgeschichte des Romans, aber auch darüber allgemeine Betrachtungen über pornographischen Schrifttum enthalten. Als Büchlein ist diese Ausgabe von Farin (es gibt natürlich noch viele andere, sogar eine, die im Untertitel “..zwei tolle (!) Nächte” ankündigt….) ein Schmuckstück, es hat eine angenehme Größe, liegt gut in der Hand und verführt zum Lesen, zumindest aber zum Zugreifen und Betrachten der 12 alten Stiche, die den Text auflockern. Sodele….
Links und Anmerkungen:
[1] Der Text im “Projekt Gutenberg” bei Spiegel online: Gamiani
[2] Wiki-Artikel über Michael Farin
[3] Wiki-Artikel über George Sand
[4] Wiki-Artikel über Alfred de Musset
[5] George Bataille: Das obszöne Werk
Alfred de Musset (zugeschrieben)
Gamiani
Zwei Nächte der Ausschweifung
aus dem Französischen von Heinrich Conrad
diese Ausgabe: Schneekluth Verlag, München, 1990
Geraldine Brooks: Die Hochzeitsgabe
3. Mai 2012
Vor einiger Zeit wurde – ich glaube, es war in einer der vielen facebook-Gruppen [2] die Frage nach einem “Schmöker” gestellt, den man sich so richtig mit Genuss reinziehen kann. Schade, daß ich seinerzeit dieses Buch noch nicht gekannt hatte, sonst wäre das ein Kandidat allererster Ordnung für einige sorgenfreie und vergnügliche Leseabende gewesen (natürlich ist er es immer noch, aber diese spezielle Frage müsste ja mittlerweile abgeklärt sein). Warum ich dieser Meinung bin? Nun, die Geschichte enthällt von allen etwas, es ist eine Mischung aus CSI und historischem Roman mit starken Sprengseln einer verkorksten Mutter-Tochter Beziehung und auch einer kleinen, aber feinen Liebesgeschichte. Das ganze spannend, unterhaltsam, in Teilen bis nah an die Kitschgrenze und fast immer unbeschwert von den grundlegenden Fragen, die uns sonst so umtreiben: wer bin ich, wo komm ich her und warum find ich keinen Parkplatz, wenn ich eh schon zu spät bin….

.. und für alle, die bis hierher durchgehalten haben, gibt es jetzt auch noch was über den Roman selbst.
Die Geschichte, die 1996 einsetzt, liegt das Vorhaben zugrunde, im bürgerkriegszerstörten Sarajevo ein Zeichen der Versöhnung zu setzen und die weltberühmte Haggadah [1] auszustellen [unbedingt => 1]. Zuvor jedoch soll das Buch einer Inspektion durch eine Buchrestauratorin, der Hauptperson des Buches, Hannah Heath, unterzogen werden. Diese ist noch jung an Jahren, stammt aus Australien, ist jedoch schon eine Kapazität allererster Ordnung auf ihrem Fachgebiet. Bei der Prüfung des Buches entdeckt sie einige Details, die ihr einer weiteren Untersuchung wert sind: ein hauchzartes Fragment eines Insektenflügels, Wein(?)flecken, einen Salzkristall, ein Bruchstück (?) von einem Haar. Völlig rätselhaft ist ebenso das Fehlen der Schließe des Buches, deren Befestigungen am Einband deutlich zu sehen sind.
All diese Details läßt Hannah untersuchen, insofern wäre dies soszusagen der CSI-Part des Buches, ferner erzählt sie zu jedem dieser Fundstücke und Fragen eine Geschichte…. der historische Teil, der doppelte Konjunktiv, wie hätte es sein können, damit es so gewesen wäre….
Wie zum Beispiel ist diese Haggadah aus Sarajevo im 2. Weltkrieg gerettet worden? Die Nazis besetzten mit Bosnien und Herzegowina ja auch diese Stadt und machten dort mit Unterstützung heimischer Gruppierungen Jagd auf die jüdische Bevölkerung. Sie wurden (ebenso wie die „Zigeuner“) von der kroatischen Ustascha im deutschen Auftrag an Ort und Stelle ermordet oder von den Nazis nach Auschwitz deportiert wurden (von 14.000 Juden kamen 12.600 ums Leben [3]). Jüdische Kultgegenstände waren genauso Ziel und Beute der Nazis, selbstverständlich wussten sie auch von dieser besonderen Preziose, die nur durch eine ganz außergewöhnliche Zivilcourage und viel, viel Mut muslimischer Museumsangehöriger gerettet und in Sicherheit gebracht werden konnte. Und dort, wo sie vor den Nazis vesteckt wurde, dort schwebte dieser Hauch von Insektenflügel durch das Zimmer und ruhte im Buch, bis Hannah ihn fand…. Brooke webt um dieses historische Ereignis eine Geschichte, in deren Mittelpunkt sie Lola, ein jüdisches Mädchen, und ihre Familie setzt. Lola, die sowohl knapp der Deportation entging und auch als Partisanin überlebte, wird gegen Ende des Buches noch einmal in Erscheinung treten, in einer ganz wichtigen Funktion…
Sind die Grundlagen dieser Episode historisch belegt, so ist die Geschichte, die sich die Autorin zu den fehlenden Schließen einfallen läßt, Fantasie. Sie siedelt sie um 1894 in Wien an, der Hauptstadt der kuk-Monarchie, einer mächtigen Stadt. Viele Juden leben hier, aber nicht zu jedermanns Freude. Noch ist der Begriff des “Antisemitismus” nicht erschaffen, aber der “Judenfresser” ist auch nicht besser, er schafft die geistige Grundlage, den Sumpf, den Morast, auf dem in nicht allzulanger Zeit die Hatz auf die Juden Europas wuchern wird….
Um diese Zeile im Buch, mit der der Inquisitor es vor der Verbrennung rettet, entwickelt Brooke eine Szenerie, die uns in das mittelalterliche Venedig des Jahres 1609 führt. Die Juden leben in einem Ghetto, sie unterliegen Beschränkungen in ihrem täglichen Leben, aber sie sind in relativer Sicherheit vor staatlicher Willkür. Die Inquisition in Venedig ist nicht mit der spanischen zu vergleichen, in Streitgesprächen fechten der Inquisitor Vistorini und dem Rabbi Arjeh ihre Positionen aus (wobei die Positionen der Personen natürlich immer klar bleibt…). Und obwohl Vistorini nicht korrigierbare häretische Elemente in der Haggadah erkennt wie zum Beispiel die Sonne, um die die Erde kreist und die Erde überhaupt als Kugel dargestellt, läßt er sie nicht verbrennen.. in innerem Kampf mit dem Vergessen (oder der verdrängten Erinnerung) der eigenen jüdischen Abstammung zeichnet er das Buch….
1492 wurde nicht nur Amerika entdeckt, sondern es wurde auch Spanien von den Ungläubigen gereinigt, so die katholische Sicht der damaligen Zeit. Mit der Eroberung des letzten maurischen Kalifats in Granada war die Zeit des Islam in Spanien beendet und wenn schon die Mauren vertrieben wurden, warum nicht auch die Juden? Die spanische Inquisition arbeitete gnadenlos und grausam, mit hochnotpeinlichen Verhören [4], unter ihrem Einfluss werden die Juden enteignet und ausser Landes gejagt.
Im letzten dieser Ausflüge in die Historie erfindet Brooke Zarah, eine dunkelhäutige Sklavin [5], die nach Spanien, Sevilla, verkauft worden ist und der wegen ihrer Fähigkeit zu malen und schreiben zu können befohlen wird die Emira zu malen, ein Bild zu schaffen, daß der Emir auf seinen Kriegszügen mit sich führen kann, um sich auch dann am Anblick seiner Frau, die er sich selbst mit Gewalt ins Haus entführt hat, ergötzen zu können. Und hier, mit Zarah, beginnt die Geschichte der Haggadah….
Zwischen diesen Geschichten flicht Brooke die flott und unterhaltsam geschrieben Rahmenhandlung ein, die – wie schon erwähnt – die Untersuchung der Haggadah umfasst, aber auch das Liebes- und Familienleben der Hauptperson, unserer Hannah Heath. Gegen Ende des Romans schlägt der Tenor sogar noch in Richtung Kunstfälschung, wenngleich aus hehren Motiven.
Eine Klippe, die die Autorin durch einfaches Ignorieren umschifft, ist der Zusammenhalt der einzelnen Geschichten. In bester Thrillermanier läßt sie diese zwar oft mit einer Art Cliffhanger enden (alles brennt, nur der momentane Besitzer des Buches (noch?) nicht, kann er sich retten oder sie und wenn wie und warum…), aber der Sprung, die Überleitung in die nächste Szene erfolgt nicht. Das Buch ist eben dann einfach in Venedig oder Wien oder Sarajevo, damit müssen wir uns abfinden. So ist es nur die in der nahen Vergangenheit spielende Rahmenhandlung die (nun ja, “Rahmen”handlung) dieses Mosaik kleinerer Szenen verbindet.
Wenn wir nach einem übergreifenden thematischen Zusammenhalt suchen, werden wir auf die Frage der Toleranz stoßen und auf das ewige Schicksal der Juden: verfolgt zu werden, vertrieben zu werden, unterdrückt und ermordet zu werden. Durch all die Jahrhunderte hindurch haben Juden nie die Macht gehabt und fast immer waren sie denjenigen mit der Macht ein Dorn im Auge und selbst wenn sie wertvoll waren für die Herrschenden, waren sie nie gefeit davor, daß diese sich einfach nahmen, was ihnen gehörte. Toleranz und Duldung war das Beste, was sie erwarten durften, auch wenn diese in kurzen Perioden eine freiere Entwicklung ermöglichten, Heldentaten zugunsten jüdischer Menschen (oder auch Gegenständen wie der Haggadah, die zweimal von mutigen muslimischen Museumsleuten vor der Vernichtung gerettet wurde) waren fast immer Einzeltaten, die dem Mut des einzelnen Menschen entsprangen.
So möchte ich zusammenfassend sagen, daß diese schöne Büchlein (aus der Reihe der “besonderen Taschenbücher” bei btb) in der Tat ein Schmöker ist, eine gut und flott geschriebe, spannende Unterhaltungslektüre, der aber das gewisse “Etwas” fehlt, um darüber hinaus zu begeistern.
Links und Anmerkungen:
[1] Die WebSite der Sarajewoer Haggadah, die eine spezielle Ausgabe (Haggada schel Pessach), die am Abend vor Pessach, dem Sederabend gelesen wird und die sich inhaltlich auf den Auszug der Juden aus Ägypten konzentriert.
[2] Bücher 2011, Zwischen den Zeilen, Bücher und Buchvorstellungen, Erste Sätze..
[3] Quelle, auch: Wolfgang Libal, Balkan, Prestel 1987, S. 291. Etwas verstörend wirkt in diesem Zusammenhang die Aussage, die in [1: Judentum in Sarajevo]] getroffen wird, wo diese Epoche praktisch nicht erwähnt wird, es im Gegenteil heißt: “Die Gemeinde Sarajevos war zu keiner Zeit Restriktionen ausgesetzt, von Pogromen in Bosnien etwa, wie es im übrigen Europa häufiger vorkam, spricht keine der Quellen.” Libal [a.a.O.] dagegen führt die Zahl von 10500 ermordeten Juden allein für die Stadt Sarajevo an…
[4] wobei Pein ein altes Wort ist für Schmerz…
[5] … angeregt durch diese Seite der Haggadah….
unabhängig vom Roman, aber zum Thema passend und interessant ist dieser Beitrag Jonathan Safran Foers in der NYT zum Thema: Why a Haggadah?
Geraldine Brooks
Die Hochzeitsgabe
übersetzt aus dem Englischen von Almuth Carstens
diese Ausgabe: btb, 640 S., 2012
Erstveröffentlichung: Viking, NY, 2008






