Okakura Kakuzō (1863 - 1913) Bildquelle: [B]

Okakura Kakuzō
(1863 – 1913)
Bildquelle: [B]

Der japanische Kunstwissenschaftler Kakuzō Okakura lebte von 1862 bis 1912, sein Büchlein über den Tee veröffentlichte er 1906 und zwar auf Englisch. Es lohnt sich, sich noch einmal vor Augen zu führen, welche politischen Verhältnisse seinerzeit herrschte.

Zwar war von den Weltkriegen noch keiner zu sehen, deswegen waren die Zeiten aber nicht friedlich. Der russisch-japanische Krieg war gerade mit einer Niederlage Russlands beendet worden: Japan “expandierte” auf den asiatischen Kontinent. Neben der Mandschurei, die das Land als Ergebnis des Krieges mit Russland annektierte, hatte es schon vorher gegen China seine Interessen an Korea durchsetzen können.

Nur wenige Jahre vor Okakuras Geburt erst wurde die über 200jährige Isolation und Abschottung des Landes gegen den Westen mit Waffengewalt aufgebrochen und beendet. Okakura wuchs also in einer Zeit auf, in der Japan zunehmend vielfältigen und sehr fremden Einflüssen ausgesetzt war. Zusammen mit den seinerzeit sehr mäßigen Kommunikationsmöglichkeiten bestanden auf beiden Seiten noch für lange Zeit erhebliche Vorurteile und Falschinformationen über Japan bzw. den Westen.

Okakura kann als Mittler gesehen werden. Er reiste viel, auch in das westliche Ausland, schrieb auf Englisch, kannte beiden Kulturen. Der Kontakt mit der westlichen Kultur schärfte sein Bewusstsein auch für die eigene traditionelle japanische Kultur, für deren Erhalt und Bewahrung er zunehmend eintrat, da sie immer mehr von den neuen Einflüssen in den Hintergrund gedrängt zu werden drohte. Und damit kommen wir zum vorliegenden Büchlein…

… denn in seinem einleitenden Kapitel, welchem er “Die Schale der Menschheit” nennt, widmet er sich dieser Frage westlicher und östlicher Kultur, ihrem Verhältnis zueinander, den Missverständnissen und Fehlinformationen, den Vorurteilen und auch der Notwendigkeit, sich näher und besser kennen zu lernen.

Welch ein Sturm in einer Teeschale!

So mag es dem Westler damals und auch heute noch durch den Sinn gegangen sein / gehen, wenn er von der japanischen Teezeremonie hört und liest, dem Westler, der heutzutage oft vom Teebeutel [2] her kommt, welcher überbrüht mit zumindest mal heißem Wasser eine eher braune Brühe ergibt, oft mit schillernden Schlieren bedeckt und vom Geschmack wollen wir gar nicht erst reden.. und dafür eine Zeremonie? Gleich auf der ersten Seite seines Büchleins gibt Okakura jedoch schon eine Antwort auf diese Frage:

Die Philosophie des Tees ist nicht nur Ästhetizismus im Alltagssinn des Wortes, sie drückt zusammen mit der Ethik und Religion unsere ganze Auffassung von Mensch und Natur aus.

Lassen wir einmal beiseite, was der Alltagssinn des Begriffs *Ästhetizismus” überhaupt ist, so deutet sich in dieser Aussage Okakuras an, wie allumfassend der Anspruch der Zeremonie ist, in deren Choreographie, sprich: Aufbau, Ausgestaltung und Durchführung die gesamte Lebens- und Naturanschauung der japanischen (Hoch)Kultur einfließt.

Folgerichtig erfahren wir im Text nicht all zu viel vom Tee an sich. Weder wird darüber geschrieben, welche Sorten es gibt, wo sie wachsen, wie sie angebaut, gepflegt und geerntet werden, welche Ansprüche sie an ihre Umwelt stellen…. wir erfahren ein wenig aus der Geschichte des Tees, die sehr frühzeitig in China einsetzt, wo er zuerst als Medizin verwendet wurde, bevor er im vierten/fünften Jahrhundert als Getränk beliebt wurde. Die verschiedenen Methoden, ihn zuzubereiten (gekocht, geschlagen, gebrüht) können mit den verschiedenen Dynastien des chinesischen Reiches in Verbindung gebracht werden. Die Eroberung Chinas durch die Mongolen und später der Mandschus unterbrachen Traditionen der Teebereitung und schufen neue.

In Südchina, der Heimat des Tees, wurde die Lehre des Tao gegründet, im Gegensatz zum Norden des Riesenreiches, der dem Konfuzianismus anhing. Von Lao-Tse ist überliefert, daß er seinen Gästen Tee anbot, was die Bedeutung des Tees schon in damaliger Zeit unterstreicht, eine Bedeutung, die er in den Zen-Lehre, die Okakura als rechtmäßigen Nachfolger des Taoismus bezeichnet, übernahm. Um 1190 kam der Tee mit der südlichen Zen-Schule nach Japan und verbreitete sich dort rasend schnell, im 15. Jahrhundert hatte sich die japanische Teezeremonie entwickelt, die die höchste Vollendung des Tee-Ideals darstellt. Da Japan im Gegensatz zu China nie von Fremden erobert worden war, blieben hier die Traditionen ungebrochen.

Die Durchführung der Teezeremonie obliegt dem Teemeister, der für die Ausgestaltung des Teeraums verantwortlich ist. Der Teeraum ist soweit möglich ein seperates Gebäude, das vom Hauptgebäude aus über einen Weg zu erreichen ist, dessen Begehen die Gäste schon auf die Zeremonie einstimmen soll. Der Teeraum wird vom Teemeister geschmückt, wobei der Schmuck, im allgemeinen eine Blume, ein Gemälde oder ein anderer Kunstgegenstand sich in die Harmonie des Gesamtraums einfügen muss. Einer Harmonie, die umfassend ist, die das Licht, die Farbe, die Stimmung, die Jahreszeit mit einschließt. Für westliche Verhältnisse ist der Teeraum ein spärlich ausgestalteter Raum, denn japanischer Ansicht nach sind westliche Räume oftmals überladen an Gegenständen und/oder Kunst und nehmen den Gegenständen dadurch die Wirkung und dem Betrachter die Musse, sich auf einen Gegenstand als Bestandteil eines Gesamtkunstwerks einzulassen.

Einen weiteren kleinen Seitenhieb auf die westliche Kultur betrifft deren Umgang mit Blumen, die oftmals zum Wegwerfartikel degradiert werden, während der Teemeister (und auch der Blumenmeister) die Würde der Blume als Lebewesen zu achten und herauszustellen bemüht ist. So besteht der Blumenschmuck eines Teeraums oftmals nur in einer einzigen Blüte, vllt in Kombination mit einem Wolkenbild, so daß der Gesamteindruck einer Blume entspricht, über die der Wind ein Wolkenfeld treibt….

Die Teezeremonie ist eine Zeremonie der Einfachheit und der Stille, im besten Fall ein Moment der meditativen Einkehr in das eigene Ich, in dem der gesamte Kosmos sich widerspiegelt. Aber obwohl die Zeremonie einfach ist, ist sie nicht billig, nur ausgewählte und erlesene Gegenstände und Materialien werden verwendet und eingesetzt. So befruchtete die Teezeremonie viele Künste in Japan, die Töpfereikunst ebenso wie die Kunst des Blumensteckens, die Kalligraphie, die Malerei oder auch die Architektur, aber sie alle dienten im Rahmen der Teezeremonie nur dazu, daß diese perfekt durchgeführt werden konnte.

Der Cha-Do, der Weg des Tees, ist ein von der Stille, der Leere, dem Nichts durchfluteter Zen-Weg zur Vervollkommnung des Menschen. Er unterscheidet sich grundsätzlich von Ritualen, wie sie sich ansatzweise in Europa zum Teegenuss ausgebildet haben, am bekanntesten dürfte hier der britische five o’clock tea sein. Obschon es hier auch Regeln und Vorgaben zur Zubereitung und Gestaltung gibt, bleiben diese doch an der Oberfläche und dienen in erster Linie dazu, eine gemütliche, wohltuende Atmosphäre zu erzeugen. Von der philosophischen Tiefe einer japanischen Teezeremonie ist der all-tägliche Nachmittagstee jedenfalls weit entfernt.

Das Buch vom Tee erzählt wenig vom Tee, aber viel, sehr viel von der Kunst, eine einfache Verrichtung dadurch, daß man sie in einen tieferen Zusammenhang stellt, zu einem Weg zu machen, auf dem der Adept, wenn er dem Meister folgt, Erleuchtung gelangen kann, wenn nämlich die Prinzipien der Teezeremonie im gesamte Leben gelebt werden.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über Kakuzō Okakura:  http://de.wikipedia.org/wiki/Okakura_Kakuzō
[2] interessanterweise wurde Tee, wenngleich auch aus wirtschaftlichen Gründen, nämlich um Gewicht beim Transport zu sparen, um 1903, also zu der Zeit, in der Okakura seinen Aufsatz schrieb in Beuteln verpackt. Bis zum Teebeutel allerdings, so wie wir ihn heute oftmals nutzen, sollte es noch dauern, 1929 wurde dieser entwickelt. http://de.wikipedia.org/wiki/Teebeutel

Bedanken möchte ich mich bei Philea von Philea`s Blog, die mich mit ihrer Buchbesprechung dazu brachte, dieses Kleinod nach vielen, vielen Jahren mal wieder aus dem Regal zu nehmen und mit Gewinn zu lesen:  http://phileablog.wordpress.com/2013/08/28/das-buch-vom-tee/

[B]ildquellen: Portraits: von Unbekannt (茨城県天心記念五浦美術館蔵) [Public domain], via Wikimedia Commons (http://de.wikipedia.org/wiki/Okakura_Kakuzō]

East meets West.....

East meets West…..

Kakuzo Okakura
Das Buch vom Tee
Übertragen und mit einem Nachwort versehen von Horst Hammitzsch
Erstausgabe: The Book of Tea, NY, 1906
diese Ausgabe: Insel-Verlag, No. 274, HC, ca. 75 S., 1977

Lukas Bärfuss: Koala

28. September 2014

“Der aufregendste schweizerische Autor, Lukas Bärfuss, hat ein grandios-großartiges Buch vorgelegt, Koala, ein Ereignis, auf das das Warten sich gelohnt hat.  Das Warten auf dieses tief bewegende Buch, einer sprachlichen Meisterleistung, kühn und komplex, einem der schönsten Bücher, die seit langem zu lesen waren.” (Zusammenfassung der Kritikeräußerungen von Richard Kämmerlings, Christine Lötscher, Stefan Zweifel und Elke Heidenreich, nach Schutzumschlag).

Dazu passt, daß Koala ausgezeichnet ist mit Preisen und zumindest auf der Longlist 2014 des Deutschen Buchpreises stand, auch wenn es dann für die Endauswahl nicht gereicht hat. Und doch… aber dazu später.

Worum geht´s in dem Roman?

Dem Text selbst ist es nicht zu entnehmen, liest man jedoch das Interview von Bärfuss [1], das in der “Welt” [2] veröffentlicht worden ist, so kann man den Roman zumindest als mit stark autobiographischen Elementen versehen einstufen. Der Suizid des Bruders, von dem der Erzähler der Geschichte erschüttert wird und der im Mittelpunkt des Romans steht, hat im Dezember 2011 tatsächlich stattgefunden, der Bruder von Lukas Bärfuss hat sich mit einer Überdosis Heroin zu Tode gespritzt.

Hier setzt dann auch schon mein erster Ärger ein: die permanente Verwendung des Terminus “Selbstmord”. Es sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben, daß dies ein unzutreffender, in die Irre führender Ausdruck ist: denn Mord (und dies gilt auch für die Schweiz) ist per definitionem durch die Tat (das Töten) und gleichzeitig durch die niedere Gesinnung des Täters bzw. sein besonders skrupelloses Handeln bestimmt, mit dem Terminus Mord ist automatisch also ein bestimmter Charakter verbunden, der sicherlich bei Suizidalen und ihrer Tat so nicht gegeben ist.

Der Erzähler also, ein Literat, kommt nach vielen Jahren wieder in seine Schweizer Heimatstadt Thun, einen Vortrag zu halten über einen Schriftsteller, der um 1800 sich in dieser Stadt aufhielt und der einige Jahres später in Berlin, nachdem er seine an Krebs erkrankte Begleiterin erschossen hatte, selbst Suizid begangen hat: Heinrich von Kleist. Man traf sich anläßlich des Vortrags mit einigen Leuten, auch der Bruder des Erzählers (im gesamten Roman werden keine Namen genannt) war eingeladen und auch erschienen. Daß er sich bei solchen Treffen nicht sonderlich wohl fühlte, war bekannt, so daß die Tatsache, daß er sich an den Gesprächen nicht beteiligte, nicht weiter auffiel…

Nach einem knappen halben Jahr wurde der Erzähler von einer Frau angerufen, die sich als Chefin seiner Bruders (dieser arbeitete in einer sozialen Einrichtung) vorstellte. Sie teilte dem Erzähler mit, sein Bruder sei tot in der Badewanne gefunden worden. Schnell entschlossen fuhr der Erzähler in seine alte Heimatstadt. Dort traf er sich mit Bekannten des Bruders, aber alles sei unauffällig gewesen, man wisse eigentlich nichts. Entgegen des Eindrucks am Telefon war der Bruder nicht ertrunken und hatte sich auch nicht die Adern aufgeschnitten, sondern er setzte sich eine Überdosis Heroin. Ein kurzes Testament gab es, das die Verteilung der wenigen Habseligkeiten regelte, die Asche sollte im See verstreut werden. Einen Abschiedsbrief gab es nicht.

Viel zu erfahren gab es für den Erzähler nicht, es wurde nicht viel geredet, zum einen des Ereignisses wegen, zum anderen aus übergeordneten Gesichtspunkten: wer redet, kann nicht gleichzeitig arbeiten und das ist schlecht in der calvinistischen Schweiz. Außerdem beinhaltet jede Frage auch gleichzeitig einen Vorwurf, deshalb sind Fragen prinzipiell nicht wohlgelitten. Die zwischenmenschliche Verständigung läuft eher nonverbal über das, was nicht gesagt wird….

Das Ereignis, die Trauer arbeiten im Erzähler, gären im Untergrund, bis sie dann lange Zeit später nach aussen durchbrechen. Er stellt fest, daß viele seiner Bekannten Suizidfälle in der Verwandschaft haben. Der Versuch, darüber ins Gespräch zu kommen, in dem er das Schicksal seines Bruders erzählt, misslingt. Er löst damit beklemmtes Schweigen in der Gesellschaft aus, schon bald haftet ihm der Ruf einer peinlichen Spaßbremse an.

Wer war der Bruder?

Genauer gesagt, war es der Halbbruder mit der selben Mutter. Diese war etwas unstetig, was die Männerbekanntschaften anging; die beiden Buben, die getrennt aufwuchsen und sich besuchten, bestanden jedoch darauf, Brüder zu sein (obwohl der Erzähler den Bruder nie beim Namen nennt). Der Bruder hatte in der Jugend einen schweren Unfall, war lange behindert und wurde ein wenig zum Aussenseiter. Später sollte er auf Drogen kommen, auch Heroin nehmen.

In der Pfadfindergruppe, in der er war, wurde ihm nach einem recht heftigen Initionsritus der Totemname “Koala” gegeben nach diesem Beuteltier vom anderen Ende der Welt, das sich träge und faul kaum vom Platz bewegt…. liegt hier, in diesem Totem, der Schlüssel zum Verständnis des Bruders? Ist hier ein sich selbst verstärkender logischer Zirkelschluss verborgen? Der Bruder war faul, man gab ihm den Totemnamen eines faulen Tieres und der Bruder sagte sich: Wenn ich schon so heiße, kann ich auch so leben…. man kennt den Spruch: ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert….

Soweit, so gut. Aber an dieser Stelle bricht der Roman auseinander. Die nächsten -zig Seiten erfahren wir in groben Zügen (aufgehangen am Koala) die Geschichte der Besiedlung Australiens durch die Engländer, für die der Kontinent als riesiges Freiluftgefängnis dienen sollte. Diebe, Räuber, Huren: Verdammt waren sie alle und sie litten und starben wie die Fliegen, sie wurden gehängt, ausgepeitscht, sie verdursteten, verhungerten, wurden von den Eingeborenen mit Speeren aufgespießt – die Verdammten ebenso wie die Soldaten. Und der Koala, der alles verbinden soll.. wo ist er? Er wird erst spät entdeckt, Jahre nach der Ankunft der Engländer auf dem Kontinent und er wird gejagt, von den Bäumen geschüttelt, ihm wird das Fell über die Ohren gezogen, er kann sich nicht wehren, nicht weglaufen, er ist ein Opfer. Zu seinem Glück hört Australien irgendwann auf, Gefängniskontinent zu sein und da man ein Wahrzeichen braucht, macht der Koala einenImagewandel durch zum niedlichen, possierlichen Liebhab-Tierchen…. und jetzt, nach vielen, vielen Seiten Australien kehrt der Autor langsam wieder zurück zu sich und seiner Trauer… In Rückblenden wird die Bestattung des Bruders erinnert, das anschließende, kleine Totenmahl erfolgte im Pfadfinderheim, dem *Tempel des Totems”… von dort aus fährt der Erzähler nach Hause, setzt sich an seinen Schreibtisch und arbeitet.


Bärfuss arbeitet sich mit diesem Roman an zwei Hauptpunkten ab. Zum einen reflektiert er seine eigene Trauer um den Bruder, zum anderen kommt er immer wieder auf die moralischen Grundsätze der (in diesem Falle) Schweiz zurück, die der Arbeit und dem Ehrgeiz einen hohen Stellenwert zuweisen.

Der Suizid eines Verwandten (natürlich auch der eines Freundes oder Bekannten) ist immer ein besonderer Schock: ein Mensch, der in eine Lebenssituation gekommen war, in der er nur noch eine einzige Handlungsoption kannte, die Selbsttötung. Das dies nicht selten ist, auch dies erschreckt immer wieder: mehr als doppelt soviele Menschen sterben in Deutschland an Suizid als an Verkehrsunfällen, wobei nicht bekannt ist, wieviele Verkehrsunfälle verkappte Suizide sind. Nicht als solche erkannte Suizide oder Suizidversuche sind in dieser Zahl ebenfalls nicht enthalten. In Altersgruppen, in denen der (natürliche) Tod durch Krankheiten noch keine große Rolle spielt, gehört der Suizid zu den absolut häufigsten Todesursachen [3].

Suizid ruft bei den Hinterbliebenen unterschiedlichste Reaktionen hervor, Wut und Zorn über das feige Verschwinden sind nicht die seltensten…. das Fehlen eines Abschiedsbriefes ist eine zusätzliche Belastung: mag die Selbstbegründung für den Suizid noch so wenig stichhaltig erscheinen: sie ist immerhin da und vorhanden, man kann sich an ihr “abarbeiten”. Dies konnte der Erzähler nicht und so verfiel er schließlich auf den Gedankengang, daß sein Bruder möglicherweise eine “Existenzform” gewählt hat, die man ihm – ohne dies zu beabsichtigen – mit diesem Totemtier vorgegeben hat: ein Leben ohne Ehrgeiz, ohne (viel) Arbeit, das Ausharren an einem Ort… mit dieser Mentalität (so der Gedankengang zutreffend wäre) wäre der Bruder zwar in Opposition zur regionalen Auffassung über das Leben und die Arbeit geraten – allein: auch dies nicht nachvollziehbar ein solcher Konflikt, daß man den Tod suchen müsste.

Faulheit …. war nicht hinzunehmen. Wer auf ihr bestand, musste vernichtet werden.

Verirrt sich der Erzähler aus dieser quälenden Unsicherheit, dem peinigendem Unwissen heraus auf solche Schlussfolgerungen wie:

… er [i.e. der Mensch] war die Angst, und die Angst war er, sie war seine Erfindung. …. Sein Ehrgeiz …[war] … eine Folge der Angst. … Gott war tot, aber die Angst lebt weiter. Sie allein regierte, … am Ende vernichtete sie alle. .. Der Mensch konnte wählen, er war ein freies Wesen. Er konnte wählen zwischen der Angst und dem Tod. … Die Medizin gegen die Angst war der Fleiß.  [S. 167/8]

… und seine Conclusio aus diesen wirren Gedanken lautet:

…. ich begriff auf einmal, weshalb man es scheute, über den Selbstmord zu reden. Er war nicht wie eine Krankheit ansteckend, er war überzeugend wie ein schlüssiges Argument. Es war eine Lüge zu behaupten, dass man die Selbstmörder nicht verstand, im Gegenteil. Jeder verstand sie nur zu gut. Denn die Frage lautete nicht, warum hat er sich umgebracht? Die Frage lautete: Warum seid ihr noch am Leben? Warum verkürzt ihr nicht die Mühsal?   [S. 170, Heraushebung von mir]

 

Der Erzähler redet hier eindeutig vom “Ich”, meint sich also selbst, bezieht sich mit ein: “Auch ich war der Arbeit verfallen. … und so lebten wir, so lebte auch ich. … das wir nicht einmal merkten, wie krank und elend uns die Arbeit macht. …“, mit seiner obigen Frage: “Warum seid ihr noch am Leben” beinahe schon suizidale Äußerungen ….

Immer wieder taucht die Frage nach dem Sinn des Lebens auf, nach dem Sinn des alltäglichen Einerleis, das sich schier endlos wiederholt und einen ewigen Kreislauf der Vergeblichkeit darstellt, den es zu verdrängen gilt, um Freude am Leben zu finden und den zu durchbrechen bedeutet, Einsamkeit anzunehmen. Denn “Das war, was man meinem Bruder und keinen Selbstmörder verzieh: Sie hatten endgültig und ohne Widerruf die Arbeit verweigert.” Eine fürwahr bittere Abrechnung mit den Menschen….


Zwischen dem Lesen des Romans und dem Niederschreiben dieser Buchvorstellung sind ein paar Tage verstrichen und das war gut so. Anfangs gefiel mir das Buch gar nicht, einige Sätze darin, einige Aussagen fand ich einfach – entschuldigung – dumm. Erst beim Überdenken der möglichen Begründung, warum sie “dumm” seien bin ich zu anderer Ansicht gelangt.

Der Erzähler durchlebt einen heftigen Konflikt. Ihn verlangt nach Verständnis, er will und muss (für seinen eigenen Seelenfrieden) für etwas nicht Rationalisierbares eine Begründung finden, auf die Frage nämlich, warum sich sein Bruder suizidiert hat. Zwei Eckpunkte bieten sich ihm an: zum einen die alternative Existenzform des Bruders, die dem Koalatum, der Faulheit also, Primat einräumte und zum zweiten die Opposition, in die dieser damit gegenüber seiner Umwelt geriet. Daraus konstruiert er eine Logik, die letztlich zur Umkehrung aller Werte führt: nicht mehr der Tod (also der Suizid des Bruders) ist zu begründen, die Frage lautet vielmehr: Warum lebe ich noch?

Trotzdem hinterläßt dieser Roman als Buch bei mir ein zwiespältiges Gefühl. Wenn ich auch nachvollziehen kann, daß sich der Erzähler als Suchender an dieser Frage “Australien” festbeißt, sich vllt an sie klammert, als Leser zerbricht das Buch an dieser Stelle (die für sich gut lesbar und plastisch ist): mehr als einmal fragte ich mich: was soll das jetzt hier, worum geht es in diesem Roman eigentlich?#

Koala ist ein schmales Büchlein, knapp 180 Textseiten hat es. Es beginnt mit einer relativ nüchternen Schilderung der anfänglichen Ereignisse, schildert dann die gedankliche Suche des Erzählers nach Gründen, bevor er den langen Australienteil einschiebt. Zum Schluss des Romans beherrschen Spekulationen und Argumentationen den Text, sie zeugen davon, wie sich der Bruder an dieser nicht lösbaren Frage abarbeitet. Tröstend ist, daß er sich selbst nicht der Gedankenkette, die er konstruiert hat, unterwirft: nach der Bestattung begibt er sich wieder an seine Arbeit (wobei aber leider die zeitliche Abfolge der Ereignisse nicht eindeutig ist, da uns der Zeitpunkt der Bestattung nicht genannt wird. Es heißt nur “Ein Gefäß aus Kupfer, unscheinbar, blieb noch übrig, darin eine Handvoll Asche, die an einem klaren und kalten Morgen Anfang März auf den Grund des Sees versenkt wurde, …“).

So will ich abschließend mein anfängliches Urteil über den Roman modifizieren: es ist ein interessantes, lesenswertes, zum Nachdenken anregendes Buch.  Damit bleibe ich letztlich doch etwas moderater als die eingangs angeführten Kritiker….

Links und Anmerkungen:

[1] Kurzbio als Beitrag in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Lukas_Bärfuss
[2] Richard Kämmerlings: “Ich fürchte mich immer noch vor diesem Buch”, Interview mit Lukas Bärfuss, http://www.welt.de/kultur/literarischewelt….
[3] einige statistische Angaben zum Suizid (D) sind z.B. hier zu finden: http://suizidpraevention.wordpress.com/suizide-in-deutschland-2012/

Lukas Bärfuss
Koala
diese Ausgabe: Wallstein, HC, ca. 184 S., 2014

…. nur lasse sich wirklich entflammen, so äußerte sich Herr Fidelis Valentin in seiner Beschreibung der Bereisung der Welt, die er vorgenommen. Dem Buch war kein großer Erfolg beschieden, einzig ein mit gewichtigem Siegel versehener Brief des Präsidenten von San Trajano traf bei ihm ein des Inhalts der Bekundung der tiefsten Verletzung nicht durch die Äußerungen hinsichtlich der mangelnden Qualitäten von Beamten und Politikern San Trajanos, nein, man war bestürzt ob der abqualifizierenden und zudem falschen (durch eigene Versuche sei festgestellt worden, daß immerhin jedes zweite der Hölzer sich entzünden ließe) Behauptung in Bezug auf die Zündhölzer des Landes.

Screenshot (Ausschnitt) der Verlagsseite,  Stand: 13.09.2014

Screenshot (Ausschnitt) der Verlagsseite,
Stand: 13.09.2014

Eine Heilung der tief empfundenen Verletzung könne nur durch einen Widerruf in sämtlichen Zeitungen der Welt erfolgen. Man erwarte dies. Doch… Herr Valentin war sich einerseits seiner Sache sicher, andererseits selbst von hartnäckigem Wesen, welches dem Nachgeben eher abhold war und nach nochmaliger, bestätigender Überprüfung der behaupteten Sache verlangte er seinerseits eine Entschuldigung vom Präsidenten…

Seien wir realistisch: diese zu erhalten war nicht zu erwarten. Und folgerichtig traf anstatt deren ein kurzes, nichtsdestoweniger eindeutiges Ultimatum bei Herrn Valentin ein, des Inhalts, daß, falls nicht unverzüglich widerrufen würde, der Krieg erklärt sei….

…. es kam zum Krieg (unvermeidlich), ein Kriegsschauplatz ward gefunden und die Truppen San Trajanos hochgerüstet und wild entschlossen trafen dort ein zum Kampf. Herr Valentin dagegen bewahre Ruhe, obschon die Augen der Welt und auch ihre Meinung, die hin und her schwankte zwischen dieser und jener Ansicht, auf ihn gerichtet war. Schließlich packte er dann ohne größer aufgeregt zu sein, die Koffer und begab sich auf die Reise zum ausgesuchten Kriegsschauplatz.

Als er nach langem Warten, verbunden mit einer gewissen Zermürbung und Untergrabung der Moral der santrajanischen Truppen eintraf, allein und ohne Waffen dort eintraf, erstaunte und verwirrte er. Der General gar, zu dem man den einsamen Mann führte, zeitigte eine gewissen Hilflosigkeit, zu bemerken an seinem Blick, als er auf den rauchenden Kriegsgegner vor ihm (dem das Anzünden der Zigarette erst mit dem dritten Streichholz gelang) sah, der frei behauptete, sich nicht ergeben, sondern im Gegenteil den gewünschten Krieg führen zu wollen….

… aber wie dieser Krieg geführt wurde und zu welchem Ergebnis er kam, wer den Sieg fortführte und wer die Niederlage und ob die Niederlage wirklich eine Niederlage gewesen, das verrate ich hier nicht… daß muss der werte Leser selbst sich erlesen, denn….


…. Jedes dritte Streichholz ist ein wunderschönes kleines Büchlein, das des Kaufes auf jeden Fall lohnt! Es ist in einem kleinen Schuber untergebracht, von querigem Format und mit den wunderschönen Stichen, mit denen die Geschichte begleitet wird, ein Augenschmaus. Es geht um Krieg, ein Staat erklärt einem Mann, einen einzelnen Mann, der die Wahrheit ausspricht und nicht bereit ist, sich zu unterwerfen, den Krieg. 1942, als die Geschichte veröffentlicht wurde, war dies wahrscheinlich keine ganz ungefährliche Parabel über den Widersinn eines Krieges, über die Aggressivität eines Staates und seines Diktators und auch der Ausgang, den die Geschichte bei Kusenberg nimmt, kann nicht gefallen haben. Im Geleitwort erzählt die Tochter, daß der Erstausgabe `42 ein Satz vorangestellt gewesen sei: Geschrieben 1937 und einer südamerikanischen Republik gewidmet., der später gestrichen wurde und zu seiner Zeit die Brisanz zu entschärfen wohl die Aufgabe hatte.

Die Sprache der Geschichte ist alterthümlich, vom Satzbau her und auch der Verwendung der Worte nach, sie ruft eine märchenhafte, sinnliche Stimmung hervor, trotz des kriegerischen Inhalts. Fidelis, der treue, ehrliche Valentin, ein Name aus uralten Zeiten und eine Anspielung auf den Münchner Komiker und Bühnenkünstler? Möglich wäre es, immerhin waren beide gleichzeitig in München: Kusenberg als Student, Karl Valentin auf der Bühne…. aber das ist eine reine Spekulation von mir ohne jegliche andere Grundlage als die hervorgerufene Assoziation…

Ein kleines Büchlein also, ein feines Büchlein, eins zum selber Liebhaben und eins zum Verschenken…. ohne wenn und aber…

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite über Kusenberg: http://www.kurt-kusenberg.de
[2] kurzer Lebenslauf Kusenbergs in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Kusenberg
[3] Peter Ruehmkorf: Im Kabinett – Kurt Kusenberg gehört zu den amüsantesten und hintersinnigsten Erzählern der Nachkriegszeit. Eine Erinnerung. In: Die ZEIT, Ausgabe 09/1998, http://www.zeit.de/1998/09/Im_Kabinett/komplettansicht

Kurt Kusenberg: 
Jedes dritte Streichholz 
Mit Acrylstichen von Egbert Herfurth
Geleitwort von Barbara Kusenberg

Erstausgabe: 1942
diese Ausgabe: Officina Ludi Pressendrucke (Offset-Reprint des Pressendrucks von 1995), HC im Schuber, 28 S., 2014

Saša Stanišić: Vor dem Fest

21. September 2014

Fuchs. Wir wissen nicht, ob es die Fähe ist aus dem Buch. Wir denken aber eher: nein. Sie ist es nicht. Ist es überhaupt eine Fähe? Wir wissen es nicht. Allenfalls weiß es Schramm, der ehemalige Förster. Bildquelle: {B]

Fuchs. Wir wissen nicht, ob es die Fähe ist aus dem Buch. Wir denken aber eher: nein. Sie ist es nicht. Ist es überhaupt eine Fähe? Wir wissen es nicht. Allenfalls weiß es Schramm, der ehemalige Förster.
Bildquelle: {B]

Wir sind unsicher. Wir haben ein Problem mit diesem Buch. Wohl ist uns bekannt, daß der Roman hochgelobt, ausgezeichnet gar. Wir lesen es überall, sofern wir lesen. Doch fragen wir uns: warum? Ist es das Panoptikum seltsam ver”wir”rter Figuren, die das Dorf Fürstenfelde bewohnen? Ist es die Fähe, die mit seltsam weisen Gedanken in das Dorf schnürt, Eier dort zu holen? Gewinnt sie dadurch unsere Sympathie? Auch daß ihr misslingt, was sie geplant? Wir wissen, warum dies so ist – es ist kein Zufall, Ditzsche war auf der Hut -, ahnt sie es auch?

Was für eine Nacht!

Wir wissen es nicht.
Wir wissen es.
Wir wissen.
Wir.

Wer ist “Wir”?

Ist “Wir” einer der Dörfler, der sich selber lieber im Hintergrund hält? Gehört er ebenso zu den Verlierern, den Zu-kurz-gekommenen, dem Deprimierten, Verzagten, wie die Hauptpersonen dieser Nacht? Plagen ihn vor dem Fest selbst Sorgen oder verliert er sich einfach ins Beobachten? Ins Fabulieren? Er stellt sich uns nicht vor. Wir wissen es also nicht. Oder ist es ein sozusagen “wir“tueller, auktorialer Erzähler, der von aussen schaut? Will er uns, die Leser, einbinden in die Geschichten, die er erzählt? Uns ver”komplizen”, zu Verbündeten machen, auf daß wir wohlwollend mit ihm die Nacht erleben? Wir wissen auch dies nicht. Wir ahnen es nicht einmal. Ist es überhaupt wichtig? Auch das wissen wir nicht, es soll uns vorerst nicht kümmern. Ob es uns später kümmern wird – wer weiß das schon? Wir werden sehen.

Was aber wissen wir dann?

Feststeht, es ist die Nacht vor dem Annenfest. Feststeht, der Fährmann ist tot, die Seen, über die er fährte, sind noch da, von Riesen dort geschaffen. Erzählt die Sage. Feststeht, Frau Schwermuth plagt die Schwermut. Feststeht außerdem, der Glöckner ist gichtig. Und alt: er läutete neulich viertel eins geschlagene achtzehn Mal. Feststeht ferner, Herr Schramm war Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und, weil es nicht reicht, schwarz beschäftigt im Landmaschinenbetrieb. Ferner wissen wir von seiner Pistole, dem übermächtigen Drang zum Rauchen, daß er einen Golf fährt (einen alten). Daß er den Zigarettenautomaten erschießt und danach gleiches mit sich selbst vorhat.

A bottle of Sternburg Export: ein "Sterni" Bildquelle: [B]

A bottle of Sternburg Export: ein “Sterni”
Bildquelle: [B]


Derweil glühen Lada und Suzi schon mal vor. Keine der sieben Wirtschaften gibt es noch, vorgeglüht wird bei Ulli in der Garage. Man ist dort tolerant gegeneinander, was hat man schon sonst? Bis zu einer gewissen Grenze jedenfalls. Dann nickt der Ulli dem Lada zu. Von Anna wissen wir, daß sie noch einmal durch den Ort laufen will, bevor sie ihn verläßt. Lada ist noch halbstark. Sein Hobby wirkt merkwürdig seltsam. Autoversenken im See. Immerhin aber kann er abgesoffene Autos auch reparieren. Wir erfahren ebenfalls von anderthalb Neonazis, von Ditzsche, dem ehemaligen Postboten und vielleicht (wir wissen es nicht genau, es könnte auch anders sein) Stasi-Spitzel. Jetzt Hühner-Züchter, das wissen wir. Oder doch nur Halter, kein Züchter? Ein feiner Unterschied, der uns im Moment egal sein kann. Es trägt zur Geschichte nichts bei, selbst wenn wir es wüßten. Also lassen wir es einfach so stehen.

Das sind nicht alle, die wir kennenlernen. Frau Kranz ist möglicherweise noch wichtig. Sie künstlert. Mit Leinwand und Farbe. Heute nacht will sie ein Bild malen von der Nacht. Doch die Nacht ist im Wesentlichen grau. Das Bild soll versteigert werden auf der Auktion morgen. Im See steht sie zu malen. Obwohl, wenn wir uns das genau überlegen, ist Frau Kranz wichtig, nicht nur möglicherweise. Sie ist so etwas wie ein Bildergedächtnis Fürstenfeldes. Wir erwähnten bereits den Glöckner. Johann ist sein Lehrling, und gleichzeitig der Sohn von Frau Schwermuth. Er kann gut mit der Mutter, auch wenn sie wieder in dieser Situation ist. Frau Schwermuth ist auch ein wenig übergewichtig. Sagten wir schon, daß Frau Schwermuth im Haus der Heimat die Kunde von selbiger pflegt und hegt? Wir wissen von ihrem Allerheiligsten im Haus der Heimat. Sie hütet dieses Archivarium mit – so möchten wir sagen – ihrem Leben. Frau Schwermuth kennt die Geschichten des Dorfes genau. Manche hat sie schließlich selbst erfunden.

Wir wissen, Fürstenfelde liegt in der Uckermark. Was wir dagegen nicht wissen, ist, ob die gesamte Uckermark von solchen gebrochenen Existenzen besiedelt ist. Es ist eine Frage, die zu klären wäre, sie ist nicht unwichtig. Es ist dagegen folgendes wohl bekannt: Frau Merkel kommt aus der Uckermark (Ja, einer der sieben (sic!) Einträge im Gästebuch des Fährmanns stammt von ihr): müssen wir jetzt etwas befürchten? Wir sagen hier nur: Raute [1].


Vielleicht ist mein Intro etwas übertrieben, dann mag man es als satirisch auffassen.. oder ironisch. Jedenfalls habe ich tatsächlich ein kleines Problem mit diesem Buch, dessen Kritiken sich schier überschlagen vor Begeisterung, einer Begeisterung, die mich weder gepackt hat noch kann ich sie nachvollziehen. Zugegeben, das Buch ist anders als andere Bücher, ein anderer Stil, andere Sätze, anders aufgebaut. Kurze Abschnitte, in denen Stanišić einzelne Episoden, auch Rückblicke, über diverse Einwohner seines Ortes erzählt. Nichts ist feststehend, vieles vage, vieles im Dunkel: es herrscht schließlich Nacht. Selbst die Geschichten von Frau Schwermuth scheinen – so deutet es das handschriftlich korrigierte Märchen vom Ring an – nicht unbearbeitet zu sein…

Unterbrochen von (Quasi)-Dokumenten, die meist über gar schröckliche Begebenheiten berichten, die in den letzten Jahrhunderten im Ort festgehalten worden sind. Obwohl – durch Brände ist viel vernichtet an alten Chroniken und Büchern. Viele der alten Geschichten spielen in der dergleichen Nacht, in der Nacht vor dem Annenfeste… sind aber, im Gegensatz zu der heutigen, auf die uns Stanišić mitgenommen hat, blutig, teilweise sehr blutig.. das Feld, der verwilderte Garten mit der Eiche, an der sich so gut hängen ließ, auf dieses Feld führt uns der Autor des öfteren, läßt uns dort Schädel finden, die unbekannte Männer sich an die Wange drücken… to be or not to be auf fürstenfeldisch. Na ja, jedenfalls kann am Schluss festgehalten werden, daß sich die Einwohnerzahl des Dorfes in dieser Nacht nicht verändert hat.

Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih.

Die Geschichte des Buches spielt in einer Nacht, eben der vor dem Fest, dessen Grund und Ursache gar nicht mehr so genau bekannt sind … Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat genau an diesem Tag begonnen…. Die einzelnen Episoden der Jetzt-Zeit, auch wenn sie fein zerstückelt sind, ergeben ein paar Mini-Handlungsstränge wie die schon erwähnte Schramm´sche Jagd nach der Zigarette [vgl. P.s.] vor dem geplanten eigenverantwortlichen Dahinscheiden, das ihn mit Anna zusammenführt, der jugendlich-nächtlichen Joggerin.

Den dramatische Höhepunkt der Nacht bildet aber ein zerbrochenes Fenster und ein Stromausfall im Haus der Heimat, /das/der für Aufregung sorgt, aber nicht erklärt werden wird. Immerhin gibt es fast so etwas wie einen Show-Down. Warum sonst hätte der Autor soviele Pistolen in seine Geschichte einführen sollen?

Lada und Kumpanen bei Ulli mit dem Kühlschrank und den polnischen Schönen darauf (ja, ja, der Ulli und seine ästhetisch-ironische Ader…), mit anderen am Vorglühen, bis so um eins, weil dann ist bei Ulli Schluss und danach geht Lada das verlassene Werkstatt des Schreiners, der sonst immer den Scheiterhaufen richtete, zu entrümpeln….

Es ist schrullig, skurril, seltsam, was in diesem Dorf passiert, das sich selbst genügt, mit Fremden fremdelt und in dem uns der Autor praktisch keine Menschen vorstellt, die (wenigstens nach bürgerlichen Maßstäben beurteilt) keine Schrulle haben. Der Bäcker vllt, obwohl bei der Bäckerin ja auch diese Strähnchen im Haar nicht ohne Bedeutung sind….

Mit dem Morgengrauen legt sich die Beklemmung der Nacht, auch ein wenig beim Lesern. Es ist wieder handfester, greifbarer, was Stanišić schreibt, wenn er jetzt vom Fest erzählt, von den ersten Sternis und Ullis Schnittchen, von der antifaschistischen Radrundfahrt und der Auktion….  auf der Wir das erste Gebot für das Bild der Kranz überbieten…


“Vor dem Fest” ist eine Art Protokoll, kaum Handlung, ob eine Botschaft enthalten ist, mag jeder für sich entscheiden, für mich war es nicht der Fall, dies ist kein Fest, auf dem ich mich wohlgefühlt habe. Die Sprache ist ungewöhnlich, ich habe mich bis zum Schluss nicht hineingefunden. Diese ewige, gekünstelt wirkende Vereinnahmung des Lesers durch das “Wir“, wo “ich” doch vllt ganz anderer Ansicht Meinung bin. Ich bin kein Murmelbruder des Autoren noch seiner Figuren oder des Dorfes [3]. Dieses ewig Zögerliche, in Frage Stellende, im Ungefähren Verharrende, es packte mich nicht. So bin ich, was dieses Buch angeht, ein Aussenseiter, ein Ignorant vielleicht, stell ich mich doch gegen die allgemeine, überwältigende Mehrheit aller Rezensenten und Besprecher. Aber so ist es eben. Mag sein, daß sich durch diesen Widerspruch ja mal was im Kommentarfeld tut. Wir wissen es nicht, halten es aber für möglich.

Am sympathatischsten war mir noch die Fähe geworden, die so völlig losgelöst durch den Roman schnürt. Bis ihr nach Art des Hurz á la Fürstenberge (streiche Lamm, setze Fuchs) ein bitteres Ende nur gegönnt war. Traurig. Da sind wir uns sicher.

P.s.: Herr Schramm kommt noch zu seinen Zigaretten (und wohl auch zu anderen Befriedigungen, denn eine bis dato Unerwähnte, wohl die Nacht verschlafen Habende winkt ihn zu sich (Scheiss auf die Partneragentur. Es lebe das richtige Leben). Der Mammut 6800 macht es möglich (die von Stanišić angegebene Höchstgeschwindigkeit, mit der dieser fahren könnte, ist im Übrigen ins Land der Fantasie zu verweisen. Im Landmaschinenhandel wird sie mit 20 kmh angegeben [2]).

Links und Anmerkungen:

[1] Das musste jetzt einfach mal gesagt werden, auch wenn es mit dem Buch herzlich wenig zu tun hat. Denn es steht fest, Merkel ist “Naturwissenschaftlerin und keine Ausdruckstänzerin”. Über die Merkel-Raute (https://radiergummi.files.wordpress.com/2014/09/fest-raute.jpg) gibt es auch einen Wiki-Artikel:  http://de.wikipedia.org/wiki/Merkel-Raute
[2] http://www.truckscout24.de/fahrzeugdetails/Landmaschinen-Mengele-Mammut-6800-Häcksler/14719275/1 wie lange dieser Link funzt, kann ich nicht sagen, irgendwann wird das Mammut ein neues Herrchen haben… wer das Mammut “schaffen” sehen will, kann hier bei der arbeit zuschauen (link auf Youtube)
[3] Es passte gut. Das Buch, das ich vorher las, war das der sardischen Murgia, in dem genau das “Wir” thematisiert wurde: Michela Murgia: Murmelbrüder
[4] auf jeden Fall empfehlenswert ist diese Seite zum Roman: http://fuerstenfelde.wordpress.com
[5] Wiki-Beitrag zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Saša_Stanišić

Saša Stanišić
Vor dem Fest
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 316 S., 2014

Die Besprechung dieses Buches ist Teil der Aktion: “LongListLesen 2014. Ich bedanke mich bei der Betreiberin des Blogs “Glasperlenspiel13″ für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.
Wer mehr über die Aktion wissen möchte, klicke z.B. hier:
http://buecherliebhaberin.wordpress.com/longlistlesen-2014/
– bei twitter mit dem hashtag: #longlistlesen: https://twitter.com/hashtag/longlistlesen?src=hash

Holger Teschke: Heringe

17. September 2014

Aus der wunderschönen Reihe “Naturkunden”, die von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz herausgegeben wird, habe ich bisher zwei kleiner Bändchen über Esel und über Krähen vorgestellt, von der Herausgeberin selbst ist bei mir die Besprechung zu ihrem hochgelobten und ausgezeichneten Atlas der abgelegenen Inseln nachzulesen [1]. In analoger Aufmachung wie die beiden ersteren Titel ist jetzt ein Bändchen über Heringe erschienen, geschrieben von Holger Treschke, der seiner Biographie nach zu urteilen, anscheinend vielseitig begabt ist, unter anderen ist er auch ein Fachmann für Heringe, fuhr er doch selbst (als Maschinist) auf Fangschiffen mit auf See.

Hering Bildquelle: [B}

Hering
Bildquelle: [B}

Der Hering ist ein Schwarmfisch, kaum einmal begegnet er uns als Individuum, sondern immer in Gesellschaft, sei es im Meer, sei es im Salat oder auf Eis im Fischgeschäft (bei Binnenländern) bzw. auf dem Fischmarkt…. Kaum zu glauben, daß dieser kleine Fisch Weltpolitik betrieben hat über viele Jahrhunderte hinweg. Es ist sowieso erstaunlich, wie aus der immensen Vielfalt der Lebewesen und Dinge oft nur einige wenige so wichtig werden, daß an ihnen Frieden und Wohlstant, aber auch Krieg hängen… Aber der Hering war von Bedeutung ob der schier unendlich wirkenden Menge, in der er vorkam. Von Schwärmen wird berichtet, die sich über Quadratkilometer ausdehnten, kam so ein Schwarm in der Nacht aus der Tiefe, in der er sich tagsüber aufhielt, an die Oberfläche des Meeres, spiegelte sich der Mond in der Unzahl der silbernern Leiber, “Heringsblick” ist dies genannt. Es muss ein imposantes Schauspiel sein, gewesen sein, das zu erleben… Vor der nordamerikanischen Küste gab es Fischgründe, in denen mit Eimern der Hering aus dem Wasser gezogen wurde, die Fischbestände vor Englands Küsten waren so reich, daß im Mittelalter sogar das Recht des Heringsfangs für Fischer aus anderen Ländern verbrieft war……. Der Hering war Grundnahrungsmittel, er war sprichwörtliches Arme-Leute-Essen, obwohl auch die Reichen in nicht verschmähten.

Wollt ihr ein gesundes Essen,
Müsst ihr Pökel-Hering fressen.
Nicht zu salzig, nicht zu fett,
Quält er euch nachts nicht im Bett,
Sondern lässt sich gut verdauen
Und gibt Kraft euch für die Frauen.

Der Fisch im Allgemeinen ist leicht verderblich, der Hering macht da keine Ausnahme. Um Handel mit Fisch zu treiben, welcher über die engere Küstenregion, an der er angelandet wird, hinausgeht, muss er konserviert werden: Der Salzhering war geboren und damit wurde auch das Salz wichtig, der Salzhandel bedeutsam. Häfen prosperierten und mit den Häfen die Städte, das ganze Land…

Diese Großzügigkeit endete irgendwann mit der Übertreibung. Holländer tauchten mit großen Flotten vor England auf und fischten enorme Mengen: dies war nicht gelitten und wurde kriegerisch bekämpft, ein Mosaikstein auf dem Wege Britanniens zur Weltmacht… Endgültig vorbei mit der Pracht war es dann, nachdem die Fischerei nach dem letzten Krieg vom Handwerk in das fabrikmäßige Stadium überging: wie Mähdrescher ein Getreidefeld abernten, so holten diese Schiffe, ausgerüstet mit Echolot und Radar, ganze Schwärme an Bord. Die Bestände brachen folgerichtig zusammen, und mit den Beständen auch die Fischerei und der Wohlstand der Küstenorte. Durch Schutzmassnahmen erholen sich die Heringsbestände langsam [3], es bleibt die Hoffnung, daß dies von Dauer ist… Am Beispiel der Ostseeküste macht der Autor den Niedergang dieser Industrie, zumindest in Deutschland, deutlich…

Ein Buckelwal auf Heringsjagd Bildquelle: [B]

Ein Buckelwal auf Heringsjagd
Bildquelle: [B]

Treschke, der selbst in der Ostsee auf Heringsfang gegangen ist, porträtiert den silbernen Gesellen mit viel Empathie, er verbindet eine Menge Erinnerungen mit ihm. Im Büchlein erzählt er vom Leben des Herings, seinen Eigenarten, seinen Vorkommen und natürlich seiner Bedeutung. Es gibt ihn in verschiedenen Arten, im Pazifik, im Atlantik, in früheren Zeiten vermutete man, daß er unter dem Eis der Arktis lebte und von dort aus nach Süden zog… Nicht nur der Mensch lebte vom Hering, auch natürlich die Beutegreifer unter den Fischen sowie den Walen, die – war ein Schwarm entdeckt – einfach mit offenem Maul hindurchpflügten. Orcas entwickelten besondere Jagdtechniken: mehrere Wale legten Blasenvorhänge und störten derart die Orientierung des Schwarms, der so in Panik geriet..

In der Kunst hat sich der Hering niedergeschlagen, auf manchen Gemälden ist er zu finden, wenn das harte Handwerk der Fischerei gezeigt wird, spielt er sogar eine Hauptrolle. Van Gogh malte Stillleben, und natürlich waren es die Schiffe, die zum Fang ausliefen oder wieder zurück in den Hafen kamen, die Maler inspirierten… eine andere Kunst, zu der Treschke auch Anleitungen wiedergibt, ist die Kochkunst, die mit einigen Rezepten berücksichtigt wird….

So ist Heringe ein mit vielen Bildern und alten Stichen aufgelockertes unterhaltendes und auch Wissen vermittelndes Büchlein, das sich ganz hervorragend in die Phalanx der anderen Naturkunden einreiht. Demjenigen, der Freude an schönen Büchern hat, sei es ans Herz gelegt, wobei die Anmerkung, daß es sich auch trefflich als Geschenk eignet, eigentlich überflüssig ist….

Links und Anmerkungen:

[1] – Jutta Person: Esel; http://radiergummi.wordpress.com/2013/11/10/jutta-person-esel/
– Cord Riechelmann: Krähen; http://radiergummi.wordpress.com/2013/07/05/cord-riechelmann-krahen/
– Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln; http://radiergummi.wordpress.com/2013/07/01/judith-schalansky-atlas-der-abgelegenen-inseln/
[2] Wiki-Artikel über Heringe: http://de.wikipedia.org/wiki/Heringe
[3] Übersicht über Bestandsentwicklung der Art: http://fischbestaende.portal-fischerei.de/Fischarten/?c=stockgroup&a=detail&sgroup_id=4

[B]ildquellen:
– Hering: http://hu.wikipedia.org/wiki/Fájl:Caspialosa_kessleri_pontica_Dunai_hering.jpg, under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0
– Buckelwal: http://en.wikipedia.org/wiki/Herring; By John Moran (Alaska Fisheries Science Center – NOAA) [Public domain], via Wikimedia Commons

Holger Teschke
Heringe
diese Ausgabe: Matthes & Seitz (Reihe “Naturkunden”, No. 9, Hrsg: Judith Schalansky), HC, 119 S., 2014

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