Holger Teschke: Heringe

17. September 2014

Aus der wunderschönen Reihe “Naturkunden”, die von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz herausgegeben wird, habe ich bisher zwei kleiner Bändchen über Esel und über Krähen vorgestellt, von der Herausgeberin selbst ist bei mir die Besprechung zu ihrem hochgelobten und ausgezeichneten Atlas der abgelegenen Inseln nachzulesen [1]. In analoger Aufmachung wie die beiden ersteren Titel ist jetzt ein Bändchen über Heringe erschienen, geschrieben von Holger Treschke, der seiner Biographie nach zu urteilen, anscheinend vielseitig begabt ist, unter anderen ist er auch ein Fachmann für Heringe, fuhr er doch selbst (als Maschinist) auf Fangschiffen mit auf See.

Hering Bildquelle: [B}

Hering
Bildquelle: [B}

Der Hering ist ein Schwarmfisch, kaum einmal begegnet er uns als Individuum, sondern immer in Gesellschaft, sei es im Meer, sei es im Salat oder auf Eis im Fischgeschäft (bei Binnenländern) bzw. auf dem Fischmarkt…. Kaum zu glauben, daß dieser kleine Fisch Weltpolitik betrieben hat über viele Jahrhunderte hinweg. Es ist sowieso erstaunlich, wie aus der immensen Vielfalt der Lebewesen und Dinge oft nur einige wenige so wichtig werden, daß an ihnen Frieden und Wohlstant, aber auch Krieg hängen… Aber der Hering war von Bedeutung ob der schier unendlich wirkenden Menge, in der er vorkam. Von Schwärmen wird berichtet, die sich über Quadratkilometer ausdehnten, kam so ein Schwarm in der Nacht aus der Tiefe, in der er sich tagsüber aufhielt, an die Oberfläche des Meeres, spiegelte sich der Mond in der Unzahl der silbernern Leiber, “Heringsblick” ist dies genannt. Es muss ein imposantes Schauspiel sein, gewesen sein, das zu erleben… Vor der nordamerikanischen Küste gab es Fischgründe, in denen mit Eimern der Hering aus dem Wasser gezogen wurde, die Fischbestände vor Englands Küsten waren so reich, daß im Mittelalter sogar das Recht des Heringsfangs für Fischer aus anderen Ländern verbrieft war……. Der Hering war Grundnahrungsmittel, er war sprichwörtliches Arme-Leute-Essen, obwohl auch die Reichen in nicht verschmähten.

Wollt ihr ein gesundes Essen,
Müsst ihr Pökel-Hering fressen.
Nicht zu salzig, nicht zu fett,
Quält er euch nachts nicht im Bett,
Sondern lässt sich gut verdauen
Und gibt Kraft euch für die Frauen.

Der Fisch im Allgemeinen ist leicht verderblich, der Hering macht da keine Ausnahme. Um Handel mit Fisch zu treiben, welcher über die engere Küstenregion, an der er angelandet wird, hinausgeht, muss er konserviert werden: Der Salzhering war geboren und damit wurde auch das Salz wichtig, der Salzhandel bedeutsam. Häfen prosperierten und mit den Häfen die Städte, das ganze Land…

Diese Großzügigkeit endete irgendwann mit der Übertreibung. Holländer tauchten mit großen Flotten vor England auf und fischten enorme Mengen: dies war nicht gelitten und wurde kriegerisch bekämpft, ein Mosaikstein auf dem Wege Britanniens zur Weltmacht… Endgültig vorbei mit der Pracht war es dann, nachdem die Fischerei nach dem letzten Krieg vom Handwerk in das fabrikmäßige Stadium überging: wie Mähdrescher ein Getreidefeld abernten, so holten diese Schiffe, ausgerüstet mit Echolot und Radar, ganze Schwärme an Bord. Die Bestände brachen folgerichtig zusammen, und mit den Beständen auch die Fischerei und der Wohlstand der Küstenorte. Durch Schutzmassnahmen erholen sich die Heringsbestände langsam [3], es bleibt die Hoffnung, daß dies von Dauer ist… Am Beispiel der Ostseeküste macht der Autor den Niedergang dieser Industrie, zumindest in Deutschland, deutlich…

Ein Buckelwal auf Heringsjagd Bildquelle: [B]

Ein Buckelwal auf Heringsjagd
Bildquelle: [B]

Treschke, der selbst in der Ostsee auf Heringsfang gegangen ist, porträtiert den silbernen Gesellen mit viel Empathie, er verbindet eine Menge Erinnerungen mit ihm. Im Büchlein erzählt er vom Leben des Herings, seinen Eigenarten, seinen Vorkommen und natürlich seiner Bedeutung. Es gibt ihn in verschiedenen Arten, im Pazifik, im Atlantik, in früheren Zeiten vermutete man, daß er unter dem Eis der Arktis lebte und von dort aus nach Süden zog… Nicht nur der Mensch lebte vom Hering, auch natürlich die Beutegreifer unter den Fischen sowie den Walen, die – war ein Schwarm entdeckt – einfach mit offenem Maul hindurchpflügten. Orcas entwickelten besondere Jagdtechniken: mehrere Wale legten Blasenvorhänge und störten derart die Orientierung des Schwarms, der so in Panik geriet..

In der Kunst hat sich der Hering niedergeschlagen, auf manchen Gemälden ist er zu finden, wenn das harte Handwerk der Fischerei gezeigt wird, spielt er sogar eine Hauptrolle. Van Gogh malte Stillleben, und natürlich waren es die Schiffe, die zum Fang ausliefen oder wieder zurück in den Hafen kamen, die Maler inspirierten… eine andere Kunst, zu der Treschke auch Anleitungen wiedergibt, ist die Kochkunst, die mit einigen Rezepten berücksichtigt wird….

So ist Heringe ein mit vielen Bildern und alten Stichen aufgelockertes unterhaltendes und auch Wissen vermittelndes Büchlein, das sich ganz hervorragend in die Phalanx der anderen Naturkunden einreiht. Demjenigen, der Freude an schönen Büchern hat, sei es ans Herz gelegt, wobei die Anmerkung, daß es sich auch trefflich als Geschenk eignet, eigentlich überflüssig ist….

Links und Anmerkungen:

[1] – Jutta Person: Esel; http://radiergummi.wordpress.com/2013/11/10/jutta-person-esel/
– Cord Riechelmann: Krähen; http://radiergummi.wordpress.com/2013/07/05/cord-riechelmann-krahen/
– Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln; http://radiergummi.wordpress.com/2013/07/01/judith-schalansky-atlas-der-abgelegenen-inseln/
[2] Wiki-Artikel über Heringe: http://de.wikipedia.org/wiki/Heringe
[3] Übersicht über Bestandsentwicklung der Art: http://fischbestaende.portal-fischerei.de/Fischarten/?c=stockgroup&a=detail&sgroup_id=4

[B]ildquellen:
– Hering: http://hu.wikipedia.org/wiki/Fájl:Caspialosa_kessleri_pontica_Dunai_hering.jpg, under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0
– Buckelwal: http://en.wikipedia.org/wiki/Herring; By John Moran (Alaska Fisheries Science Center – NOAA) [Public domain], via Wikimedia Commons

Holger Teschke
Heringe
diese Ausgabe: Matthes & Seitz (Reihe “Naturkunden”, No. 9, Hrsg: Judith Schalansky), HC, 119 S., 2014

Ausschnitt aus dem Buchcover, vergrößert

Ausschnitt aus dem Buchcover, vergrößert

Büchergrüfte mit schwarzem Einband, der Totenkopf mit den gekreuzten Knochen erinnert an die allbekannte Flagge der (seefahrenden) Piraten: morbide soll das Büchersammeln sein und Lesen gar gefährlich – Steinhauer, ein ausgewiesener Fachmann für Bücher und Bibliotheken [1] hat sich der Aufgabe gestellt, die “dunkle Seite” des Buchwesens, sozusagen das Buchunwesen, das Buchverwesen, aufzudecken und ans Licht zu holen.

Uns Bücherfreunden zaubert die erst einmal behauptete Verbindung zwischen dem Morbiden und unseren geliebten Büchern fragende Falten in die Stirn, verbinden wir doch Bücher (selbst wenn sie den Tod zum Thema haben) mit anderen Menschen, mit deren Gedanken und Schicksalen, an denen wir in gewisser Weise durch das Buch beteiligt werden, kurz gesagt: mit Leben. Deshalb  macht Steinhauer in einem einleitenden Kapitel deutlich, was Büchersammlungen überhaupt mit Tod und Verfall zu tun haben. Büchersammlungen, d.h., wir werden nicht nur an das Buch als solches, sondern auch in seine Wohnstatt geführt, womit in den allermeisten Fällen nicht die Kleinstadt oder das Dorf, sprich: die eigene kleine Sammlung – obschon auch hier das Morbide wohnt, wie wir nach der Lektüre des Buches wissen werden – gemeint ist, sondern die Metropolen des Buches, die öffentlichen Bibliotheken  und Sammlungen, und die Leihbüchereien.

Diese sind selbst in ihrer bisherigen Funktion und Form aussterbende Einrichtungen: immer mehr Buchbestände werden aus den Lesesälen entfernt um Platz zu machen für Arbeitsplätze der Besucher, die kaum noch mit den gedruckten Werken, dafür aber mit ihren elektronischen Medien, auf denen Buchinhalte in digitalisierter Form immer reichhaltiger zugänglich sind, arbeiten. Die Bibliothek befindet sich also auf dem Weg von der Institution, die Gedrucktes zur Arbeit, zur Information sammelt und zur Verfügung stellt, hin zu einer Einrichtung, in der man mit im Grunde überall zugänglichen Informationen arbeitet, das aber in entsprechend passender und anziehender Atmosphäre.

Diesem weniger spezifische Zusammenhang mit dem Morbiden (schließlich ändert sich alles im Leben und muss sich auf neue Verhältnisse einstellen und auch für die Bibliotheken ist dies nicht die erste Wandlung ihrer Funktion) läßt der Autor dann eindeutigeres folgen. Ich will dies nur in einigen Stichworten ausführen, die Neugier zu wecken:

  • sowohl gibt es Bibliotheken, in denen Menschen bestattet wurden als auch Bibliotheken, die auf Friedhöfen eingerichtet wurden. Bei allen Bibliotheken oder Buchhandlungen, die sich in ehemaligen Kirchen befinden, ist dies eine starke Vermutung, da im Mittelalter oft Grabstätten in Kirchen angelegt wurden.
  • in diesem Zusammenhang auch die Analogie: ist der Friedhof der Ort, an dem das Körperliche begraben ist und die Grabstelle besucht werden kann, so kann man in der Bibliothek das geistige, intellektuelle Vermächtnis finden: die Bibliothek als Friedhof des Geistes, in dem dann ebenso Vergang ist (Stichwort: Bestandpflege, Aussortierungen, aber auch das Altern der Bücher, ihre eigene “Verwesung”). Kein Buch lebt ewig, die allermeisten Autoren sind trotz Bibliothken dem Vergessen anheim gestellt.
  • es gibt Bibliotheken, die Mumien oder Skelettteile ausstellen. Dies rührt aus der geschichtlichen Entwicklung her, die Trennung zwischen Museum und Bibliothek trat erst in der Periode ein, in der eine (immer detaillierter und anschaulicher werdende) Bildwiedergabe im Buchdruck möglich und daher der Zugriff auf ein real vorhandenes Objekt zur Veranschaulichung der Beschreibung nicht mehr nötig war.
  • ganz offensichtlich wird die Verbindung zum Morbiden, ja: zum Tödlichen, wenn man das Material, aus dem Bücher sind, betrachtet. Der in frühen Zeiten verwendete Papyrus: in unseren Breitengraden aus klimatischen Gründen dem Verfall, der Zersetzung anheim gegeben. Das Pergament, das den Papyrus ablöste: Tierhäute, sprich: Abfallverwertung aus der Schlachterei. Das Papier, das wiederum das Pergament ablöste, einst aus Textilien (Hadern) gemacht (dann haltbarer), später dann aus Holzschliff, der ebenfalls der Zersetzung zuneigte [2].
  • sehr manifest wird der Zusammenhang, wenn man erfährt, daß bei der Herstellung des Hadernpapiers auch Textilien z.B. von Verstorbenen (z.B. Pesttote, Milzbrand: von 1000 Arbeiterinnen starben innerhalb von 10 Jahren 50 an der Hadernkrankheit) verwendet wurden, ebenfalls wurden in den USA Leinenbänder von Mumien, mit denen Infektionserreger übertragen wurden, in der vorindustriellen Papierherstellung eingesetzt (“Fluch der Pharaonen”)
  • der Staub, der Schimmel im Bücherbestand: durchaus gesundheitsgefährdend, zumindest aber als Allergen stark wirksam
  • insbesondere die Leihbücherein sahen sich mit dem Problem konfrontiert, daß Büchern, die möglicherweise von (Infektions)kranken Lesern ausgeliehen worden waren, Keime anhafteten, die ansteckend waren: ein Einfallstor für die (gesundheits)Polizei, die für die öffentliche Ordnung zuständig war, die ggf. auch durch inhaltlich infektiöses Material (sprich: z.B. aufrührerisches Gedankengut) gestört werden könnte: ab in die Verbannung, den Giftschrank.

Der Vampirkult ist in Bibliotheken entstanden, Steinhauer beschreibt, wie aus einer regionalen Erscheinung, örtlich begrenzten Vorkommnissen dadurch ein anerkanntes Phänomen wurde,  daß es von Wissenschaftlern untersucht und vor allem die Ergebnisse dieser Untersuchungen veröffentlicht und in Bibliotheken gesammelt wurde. Auf diese Veröffentlichungen wiederum bezogen sich Epigonen, die nacharbeiteten und darauf wieder etc pp…. ein Kult war geboren. Ebenso wie die Figur des Frankensteinschen Monsters viel mit Büchern zu tun hat – und mit dem schlechten Sommer des Jahres 1816 [3]….

Genug, ich denke, ich habe genügend Andeutungen gemacht, um Interesse für das Büchlein zu wecken. Nur noch kurz zum Schluß des Werkes, in dem sich Steinhauer Gedanken macht um die Zukunft des Buches (um die ihm nicht bange ist, das das Buch so viele Alleinstellungsmerkmale gegenüber dem Digitalen hat, daß es einfach unverzichtbar ist) und die von Bibliotheken allgemein. In diesem Anmerkungen gibt es dann auch die Antwort auf die berüchtigte Frage von Nicht-so-viel-Lesern beim Anblick eines vollen Regales: “Und die hast du alle gelesen?” Welch eine Frage, die von Nichtverständnis zeugt: Natürlich nicht [4], denn mehr als ca 3000 bis 5000 Bücher schafft man einfach nicht in einem Leben [5]…..

Ach, schon wieder viel zu viel geschrieben, aber hoffentlich nicht zu viel verraten…. Das Büchlein ist obendrein noch schön geschrieben und auch wenn hie und da ein Zusammenhang zwischen Buch/Bibliothek und dem Morbiden wenig spezifisch erscheint (schließlich ist alles in welcher Weise auch immer, dem Untergang, dem Vergehen geweiht, so daß sich eine solche gegenseitige Beziehung immer ergibt) lautet mein Rat uneingeschränkt: Kauft es euch auch selber, dieses kleine schwarze, etwas skurrile, sehr interessante, lesenswerte, unterhaltsame Büchlein. Unbedingt!

Links und Anmerkungen:

[1] Vita des Autoren: http://www.steinhauer-home.de/?page_id=4 auf seiner Homepage http://www.steinhauer-home.de
siehe auch hier diese interessanten Links über Eric Steinhauer – Halloween und die Kulturgeschichte des Morbiden: http://eisenhutverlag.wordpress.com/2012/10/24/.…. bzw. Friedhof der Datenträger: http://www.zeit.de/2012/44/Bibliotheksmumien-.….
[2].. wenn ich mir meine rowohlts rotationsromane aus den 50er Jahren anschaue, weiß ich, was Steinhauer meint….
[3] .. siehe z.B. hier: http://www.winterplanet.de/Sommer1816/Jos-Teil1.html
[4] vgl. hier auch im Blog die Buchvorstellung von Klaus Walther: Bücher sammeln.
Steinhauers Überschlagsbetrachtung verstehe ich nicht ganz: ein Regalmeter entspricht nach ihm 38 Büchern (ich habe immer mit 3 cm pro buch kalkuliert, das kommt also gut hin), andererseits spricht er davon, daß pro Regalboden 32 Tage Lesezeit zu veranschlagen sind…. das bringe ich nicht zusammen, denn dies hieße mehr als ein Buch pro Tag und das kann ich mir im normalen Leben nicht vorstellen.
[5] an der eigenen Erfahrung gemessen kommt das cum grano salis hin, ich lese jetzt seit Jahren ziemlich genau hundert Bücher pro Jahr (2 pro Woche), wenn ich das noch eine Dekade “durchhalte” und dann die Bücher rechne, die ich in Jugendjahren las… doch, so in etwa…

Eric W. Steinhauer
Büchergrüfte
Warum Büchersammeln morbide ist und Lesen gefährlich
diese Ausgabe: Lambert Schneider, HC, ca. 144 S., 2014

Dave Eggers: Der Circle

10. September 2014

Eggers Roman “Der Circle” [3] hat Aufsehen erregt, ist in den Charts, oder – um im Terminus zu bleiben – im Ranking schnell an die erste Stelle gestiegen, die professionelle Kritik hat ihn ebenso wie viele der Kollegen BuchbloggerInnen überwiegend positiv aufgenommen. Allenfalls, soweit ich den Überblich habe, wurde die Schlichtheit der Sprache, sprich: die etwas geringe literarische Qualität angemerkt, ansonsten überwiegt Begeisterung.

Warum eigentlich?

Rot (i) Coverfarbe des Buches (ii) im Ranking der beliebtesten Farben bei Männern/Frauen jeweils Platz 2 Bildquelle [B]

Rot
(i) Coverfarbe des Buches
(ii) im Ranking der beliebtesten Farben bei Männern/Frauen jeweils Platz 2
Bildquelle [B]

Die Handlung des Romans ist zu einem erheblichen Teil schlicht und ergreifend einfach langatmig, die Hauptfigur Mae Holland (und das gilt analog auch für andere der Agierenden in ihrem jeweiligen Biotop) entspricht in einer dermaßen perfekten Weise dem Vorurteil, das man gegenüber jungen, amerikanischen Frauen aus der Provinz so hat, daß es schon fast peinlich ist und das Ganze wird dann auch noch in einer Art Endlosschleife über Hunderte von Seiten ausgewalzt. Und das Szenario eines alles überwachenden Systems hat Orwell in “1984” schon spannender und hochwertiger dargestellt…. Aber ich greife vor….

Worum geht´s?

GEHEIMNISSE SIND LÜGEN

Besagte Mae Holland, im folgenden nur Mae genannt, 24 Jahre alt, bislang beschäftigt bei einer langweiligen, altmodischen Anstalt, die sich mit Strom- und Gasversorgung der Menschen befasste, bekommt durch Vermittlung einer Collegebekannten, Annie, eine Stelle bei “The Circle” [3], einem, Quatsch, DEM Unternehmen der Informationssammlung und -verarbeitung schlechthin. Die Firma ist erst wenige Jahre alt, doch schon nimmt sie eine beherrschende Stellung ein, der allergrößte Teil der Suchfragen, die über das Internet laufen, gehen über diese Firma. Sie hat Geld wie Heu, das sie in alle möglichen Projekte steckt, in manche einfach nur, um zu zeigen: es geht! Geleitet wird die Firma von den sogenannten “Drei Weisen”, Männern völlig unterschiedlichen Charakters, gemein ist ihnen das Charisma und die Vision, die sie haben.

Mae ist begeistert. Der Campus, so nennt die Firma ihr Firmengelände, auf dem die weit über 10.000 jungen Menschen arbeiten, ähnelt an der Oberfläche mehr einem Freizeitpark: alles ist hell, licht, sauber, zugänglich, mit viel Grün. Man sieht Gruppen, die Sport treiben, die sich unterhalten, die umher schlendern… alles ist freundlich zueinander, es gibt keine schlechte Laune auf dem Gelände. Abends jagt ein Event das andere, alles selbstredend auf Firmenkosten.

Unsere Protagonisten fängt im Kundenservice mit der Bearbeitung von Kundenanfragen an. Es gibt gewissen Normen, die sie erfüllen sollte, was ihr aber keine Probleme macht, im Gegenteil, das Lob über ihre Arbeit spornt sie immer weiter an, es gibt ihr ein Gefühl, angekommen zu sein, dort zu sein, wo ihr Platz ist…. schon bald gibt es andere Aufgaben für sie, die Zahl der Bildschirme an ihrem Arbeitsplatz ist neben dem Ranking, mit dem ihr relativer Erfolg im Vergleich zu ihren Kollegen gemessen wird, eine Art Statussymbol…

Es ist unnötig, sich jetzt hier ins Detail zu begeben. Wesentlich ist, daß Mae die Firmenphilosophie voll inkorporiert hat, selbst gelegentliche Aha-Erlebnisse, wie die Tatsache, daß die Filmaufnahmen, die ihr Kollege Francis von der intimen Handlung, mit der sie ihn erfreute, heimlich gemacht und gemäß dem Firmenmotto, daß nichts vergessen und verheimlich werden darf, in die “Cloud” hochgeladen hat, bringen sie nur kurzfristig ins Stolpern.

TEILEN IST HEILEN

Ja, sie begeht auch Sünden. Sie macht Sachen heimlich, niemand ist eingeweiht. Ohne sie zu teilen, als Individuum. Sie fährt z.B. Kajak, ohne dies jemandem zu sagen, ohne ihre Eindrücke zu teilen… Mea Culpa: sie bereut und ihre Buße (die sie gerne auf sich nimmt) ist es, sich gläsern bzw. “transparent” zu machen: eine permanent mitlaufende Kamera, die sie um den Hals trägt, sendet alles, was sie macht, was sie sieht, hört, spricht, in einen entsprechenden Feed, den hunderttausende Viewer life verfolgen. Sie wird damit Teil einer Bewegung von”The Circle”, mit der im ersten Schritt vor allem Politiker, nein: nicht überwacht werden, sondern: diese zeigen können, wie ehrlich sie sind….

Je höher Mae im Ranking steigt (alles, was im Circle gemacht wird, wird vermessen und verglichen), desto wichtiger und einflussreicher wird sie einerseits, andererseits entfremdet sie sich der “normalen” Welt immer mehr: es kommt zum Zerwürfnis mit den Eltern und mit alten Freunden, die die Segnungen ihrer Firma eher als Fluch empfinden. Ja, alles was ausserhalb der Firma ist, kommt ihr immer schmutziger, dreckiger, verlogener, gefahrvoller vor…

Die Firma hat eine Art kritische Masse, kritische Größe erreicht: sie ist so einflussreich geworden, daß sie sich anschickt, die landesweite Geschäftsführung der Politik zu übernehmen: ein verbindlicher Account bei “The Circle” und die Verknüpfung aller Einzelfunktionen und aller Informationen würde eine wesentliche Effizienz- und Effektivitätsverbesserung im alltäglichen Leben geben….. Das Volk könnte direkt gefragt werden, die Abstimmungergebnisse wären in Echtzeit vorhanden, viele politische Gremien wären überflüssig…. Die Eliminierung des Bösen ist machbar!


Wenn man diesen Roman von Eggert liest, denkt man nicht zufällig an Firmen wie Apple [2], Google oder Facebook… und spätestens mit den Vorgängen um die NSA und ihr britisches Pendant, die endgültig klar gemacht haben, daß diese Institutionen nicht nur alles sammeln wollen, sondern, daß es technisch tatsächlich möglich ist, alles zu sammeln (mit Betonung auf “alles”) und – noch wichtiger – alles mit allem zu verknüpfen (“Data Mining” [4]), ist es klar geworden, daß der Einzelne die Kontrolle über seine Daten nicht mehr hat. Jede Banküberweisung, jede Lastschrift, jede Nutzung der EC- bzw. Kreditkarte, jede e-mail Anfrage an eine Firma ist ein potentieller Baustein zu seinem virtuellem Gegenpart, der ihn immer gläserner macht…

ALLES PRIVATE IST DIEBSTAHL

Eggert treibt dies auf die Spitze und schafft in “The Circle” ein selbstausbeuterisches Überwachungsmonstrum. Selbstausbeuterisch weil die Firma ihre Mitarbeiter bis hin zum Zusammenbruch für sich arbeiten läßt und die diese Belastung mit Freuden auf sich nehmen: der stetige Vergleich mit ihren Kollegen über das umfassende Ranking, das bei allem und jedem mitläuft, schafft genügend Anreiz, immer noch ein wenig mehr zu machen. Folgerichtig reichen auf der anderen Seite wenige “nein”-Stimmen, um einen moralischen Zusammenbruch hervorzurufen…. Überwacht werden soll alles, was überwacht und gemessen werden kann: die Installation von Millionen Mini-Kameras überall auf der Welt verhindert das Verbrechen, denn das Verbrechen braucht die Heimlichkeit, das Verstecktsein…. Politiker, die gläsern sind, deren Schritte und Tätigkeit rund um die Uhr mit der Kamera begleitet werden, sind nicht mehr korrumpierbar, heimliche Absprachen, Klüngelwirtschaft sind so unmöglich…. das Tracking von Kindern durch implantierte Chips verhindert Entführungen und ermöglicht die sekundengenaue Standortbestimmung zur Beruhigung der Eltern…. Sensoren, die die Körperfunktionen permanent überwachen, können mögliche Erkrankungen schon weit im Vorfeld erkennen… Der Autor entwirft eine Menge Szenarien, über das, was möglich wäre…. The Circle is watching you!


Man kann in der Philosophie dieser Firma unschwer einen fundamentalistisch-religiösen Charakter erkennen. Eher augenfällig ist die Verwendung der Zahl “3” in der Bezeichung der “Drei Weisen”, die – in dieser Analogie – an das Dreifaltigkeitsbild des christlichen Glaubens erinnern. Etwas subtiler sind die “All-“kategorien: All-wissen, All-sehend, All-gegenwärtig, All-umfassend, All-macht. Dies sind einem Gott zugeschriebene Eigenschaften, die “The Circle” anstrebt: alles wissen, alles sehen, sich alles merken, alles mit allem zu verknüpfen, überall gegenwärtig sein: die Macht übernehmen, allmächtig werden. Die Firma duldet keine Götter mehr neben sich: 90 % Marktanteil sind steigerbar, erst bei 100 % ist der Anspruch erfüllt. Es werden Messen gelesen: regelmäßig kommt die Belegschaft zusammen und einer der Drei Weisen predigt der Gemeinde und schwört sie ein auf das gemeinsame Ziel. Das Heilsversprechen, der Erlösungsgedanke: wenn die Firma erst einmal die vollständige Kontrolle übernommen hat, alles sieht und alles weiß, ist das Schlechte, das Böse aus der Welt. Heimliches Masturbieren ist genauso unmöglich wie ein Bankraub geworden, niemand kann dem System entfliehen, denn jeder gehört ihm von Geburt an. Die wenigen, die sich in der Anfangsphase entziehen wollen, stehen auf verlorenem Posten, sie zu finden, ist eine der leichten Übungen. Auch das Böse ist identifiziert und damit bekämpfbar: das Nicht-Wissen ist das Böse bzw. das Heimliche und der letzte Hort der Heimlichkeit ist die graugefurchte Masse in der Hirnschale…

Mae ist in diesem Kontext die Überzeugte, diejenige, die bereit ist, für ihren Glauben jeden Andersdenkenden zu verraten, sogar über Leichen zu gehen, im wahrsten Sinn des Wortes: gegen ihren Ex Mercer führt sie eine Art Glaubenskrieg. Folgerichtig helfen ihr gegenüber – wie gegenüber keinem Anhänger eines Glaubenssystem, dem ist ja gerade das Kennzeichen zu eigen ist, daß man an etwas glaubenkann , obwohl man weiß, daß das nicht sein kann oder nicht so ist – keine Argumente: Fakten werden umgedeutet, in das eigene System eingepasst: Mercer ist nicht etwa in den Tod getrieben worden, sondern er war so krank, daß er nicht mehr in der Lage war, sich helfen zu lassen….

Mercer ist der Anti-Circle, den Eggers in seine Geschichte eingebaut hat. Der Ex von Mae, altmodisch, konservativ, besteht auf Individualität, auf eigene Rechte, auch auf das Recht “nicht zu wissen”, zu vergessen, nicht erreichbar zu sein. Mercer schreibt noch Briefe auf Papier…. Seine Appelle an Mae, nachzudenken, einzuhalten, zu überlegen und zu reflektieren verhallen ungehört…


Dieser quasi-religiös deutbare Ansatz kann eine Erklärung dafür sein, daß die Figuren des Romans flach sind, an der Oberfläche dümpeln: sie glauben, mehr brauchen sie nicht. Die Figuren mehrdimensionaler zu gestalten, würde die Botschaft des Buches nur verkomplizieren…. Egal, was passiert, Mae hat keine Zweifel, stellt nichts in Frage. Bailey, einer der drei Weisen, ist der Gütige, der Verstehende, der Verzeihende, ist derjenige, der durch Zuwendung und Suggestion überzeugt und selbst aus innerer Überzeugung handelt. Etwas mehr ist zu Stenton zu sagen, dem zweiten der Dreierband: er ist skrupellos, er ist derjenige, der auch den wirtschaftlichen Erfolg im Auge hat – und die Macht. Stenton sieht mit sadistischem Wohlgefallen, wie der transparente Hai, den er von einer Tiefseeexpedition mitgebracht hat, alles um ihn herum auffrisst, in wahnsinner Geschwindigkeit verdaut und ausscheidet. Nichts ist vor ihm sicher…. bald ist das Aquarium leer von Wesen, die nicht transparent sind… Geheimnisvoll ist der Dritte der Drei Weisen, Ty, der mehr als Mythos denn als reale Person in der Firma gehandelt wird. Und dann wäre da noch Kalder, der wie ein Kistenteufelchen auf der Bühne erscheint, Mae erfolgreich anbaggert und dann wieder verschwindet… seine Logik im Gesamtzusammenhang der Geschichte ist nicht zu sehen bzw. wirkt sehr konstruiert.

Der Roman hat noch einen Vorteil: man braucht nicht zu denken. -zig Seiten füllt der Autor mir Beschreibungen der wunderbaren Umgebung auf dem Campus, mit Schilderungen der Arbeit von Mae, mit Angaben über Viewerzahlen, Rankings, Likes etc pp. Auf die Dauer wirkt das leicht langweilig…. nun könnte man aber der Meinung sein, daß man sich immerhin überlegen müsse, was gegen diese Firma und ihre Philosophie einzuwenden ist, welche Gefahren das Unternehmen birgt – aber gefehlt. Das ist der Part von Mercer, in mehreren Monologen zählt er dies ausführlich und mit Leidenschaft auf und serviert es uns Lesern in leicht verdaubaren Häppchen….


Überhaupt keine Frage: das Thema der Machtfülle, die bei einzelnen Firmen angesiedelt ist, ist wichtig und elementar für unsere Gesellschaft. Wer den Zugriff, am Ende gar das Monopol auf Informationen hat, hat die Macht in den Händen. Was Eggers jedoch schildert, ist zu plakativ, zu einfach strukturiert, als daß eine solche Machtkonglomeration auf diese Weise ablaufen würde únd damit verharmlost er das Problem. Hier macht die Überspitzung nicht sensibel, sondern sie lenkt ab und verschleiert, die wahre Gefahr wird leiser und subtiler daher kommen…. andererseits, das mag sein, setzt Eggert vielleicht auch darauf, daß diese plakative Darstellung ein größeres Publikum erreicht als es eine differenziertere, mehr in die Tiefe gehende erreichen würde..

So komme ich für mich zu der Meinung, daß “The Circle” ein insgesamt zwar langatmiger, aber wegen der aktionsreicheren zweiten Hälfte dann doch recht unterhaltsamer Roman über ein spannendes und wichtiges Thema ist, dem es ganz sicher gut getan hätte, wenn der Autor sich auf die Hälfte des Textumfangs beschränkt hätte….

Links und Anmerkungen:

[1] confidential. Information nur auf Anfrage: aus.gelesen(ät)web.de
[2] nur als Beispiel die geplante Architektur der neuen Apple-Zentrale, wie sie 2011 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: http://www.zeit.de/kultur/2011-08/foster-apple-campus
[3] Was hat eigentlich den Verlag geritten, den Originaltitel “The Circle” mit “Der Circle” ins Deutsche zu übertragen? Hat da keiner gewusst, was “Circle” auf deutsch bedeutet oder dachte man, das “The” würde den deutschen Leser überfordern….
[4] Wiki-Beitrag zum Thema: http://de.wikipedia.org/wiki/Data-Mining
[5] Wiki-Seite zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Dave_Eggers

[B]ildquellen: “Rot” screenshot google-Bildsuche “Rot”, 05.09.2014. Statistische Angaben nach: http://www.metacolor.de/farben/lieblingsfarben.htm

Henry Miller, 1940 Bildquelle: [B]

Henry Miller, 1940
Bildquelle: [B]

Henry Miller (1891 -1980) ist einer der Altmeister der amerikanischen Literatur, seine Biografie [1] spiegelt das Auf und Ab eines bewegten Lebens wieder. Vieles in seinem Werk ist autobiografisch bzw. an seinem eigenen Leben orientiert, Miller nutzte seine Literatur, um sich und sein Leben zu reflektieren, in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Ab 1928 konnte es sich Miller (auch dank seiner damaligen Frau June)  leisten, nach Europa zu reisen. Er fühlte sich dort wohl, insbesondere Paris mit seiner Atmosphäre der Bohème hatte in seinen Bann gezogen. Er blieb mehrere Jahre in dieser Stadt, arbeitete zeitweise auch als Redakteur und schuf einige seiner großen Romane dort. Seine Stillen Tage in Clichy, die ich hier im Blog vor einigen Jahren schon vorgestellt hatte [2], sind dort entstanden, sie sind eine wunderbare Hommage auf die Stadt und das Leben dort, wie er es zu dieser Zeit liebte. Miller blieb bis zum Kriegsanfang in Paris, ging dann kurzfristig nach Griechenland, bevor er sich in Kalifornien an der Küste, in “Big Sur” [3] in relativer Abgeschiedenheit und “Zivilisationsferne” niederließ.

In Paris, daher der Vorspann, nimmt die Geschichte, die Miller in seinem Ein Teufel im Paradies erzählt, seinen Anfang, wobei dieser schmale Text Teil ist eines größeren Werkes Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch über sein damaligen Leben.


miller-cover

… genügte die Tatsache, daß er mich um Hilfe anflehte.
Man läßt einen Ertrinkenden nicht versinken.

Anaïs Nin machte Miller 1936 mit einem Schweizer bekannt, Conrad Moricand [4], der jedoch auf Miller keinen günstigen ersten Eindruck machte: .. Der Kerl hatte etwas Düsteres an sich und schien sehr von sich eingenommen, eigensinnig und pedantisch. .. er war nervös, launisch und entsetzlich eigensinnig. … Aus guten Verhältnissen stammend und einst mit vielen Künstlern bekannt war Moricand offensichtlich verarmt. Nin, die ihn bislang im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt hatte, “trat” ihn an Miller ab. Trotz seiner Vorbehalte pflegte Miller ab jetzt Kontakte mit Moricand, lud ihn hin und wieder zum Essen ein, entweder in Restaurants oder zu sich nach Hause und half ihm, so gut er selbst konnte. Moricand war Astrologe [4], dies und das Wissen um Okkultes interessierte Miller [4a]…. als Gegengabe für all dies Aufmerksamkeit und auch Unterstützung bekam Miller ein Buch geschenkt, Balzacs “Séraphîta” [6], ein Geschenk, daß Miller als Autor sehr zu schätzen wusste, ja, das er im Nachhinein als Grund für all das ausmachte, was in der Folge noch geschehen sollte.

Der Krieg kündigte sich an, … wie immer vor einem Krieg war die Atmosphäre fiebrig geworden, jeder richtete sich auf seine Art und Weise auf das Kommende ein. Auch die “Bohemiens”, zu denen Miller gehörte, wurden aus ihrer Verschanzung getrieben, das Gefühl, auf einem sinkenden Schiff zu sitzen: es machte sich eine Nach-mir-die-Sintflut-Stimmung breit, an der aber Millers Bekannter nicht teilhaben konnte. So verloren sich die beiden nach einem letzten gemeinsamen Restaurant-Besuch aus den Augen, Miller, der das Leben genoss, der es jetzt, vor dem Krieg in besonderer Klarheit und Konzentration vor sich sah und Moricand, für den alles durch die Sterne festgeschrieben und unabänderlich war…

Nach dem Krieg, 1947 – Miller lebte inzwischen in Big Sur – erreichte diesen über Umwege ein Brief Moricands, in dem dieser sein trauriges Schicksal schilderte und damit erfolgreich an Millers Mitleid appelierte: Miller überredete seine damalige Frau, daß man diesem armen Menschen helfen müsse und da sie selbst kaum Geld übrig hatten, sei die beste Art und Weise de Hilfe, Moricand nach Amerika zu sich zu holen und ihn in die Familie aufzunehmen. So übernahm Miller eine Bürgschaft für den Mann, lieh sich das für die Überreise notwendige Geld zusammen und Moricand, den er im Grunde kaum kannte und dessen Art so verschieden war von seiner, kam nach Big Sur.

Millers machten ihm im sowieso schon kleinen, ärmlichen Haus eine Kammer frei, in die der Gast einzog. Die Begeisterung über das freie, großzügige Amerika, die bei Moricand anfänglich herrschte, wich schnell seinem düsteren Temperament …. Moricand konnte zwar nicht, wie Miller schreibt, betteln, aber er war sehr wohl in der Lage, seine Freund auszusaugen: schon am Tage nach der Ankunft bat er seinen Gastgeber, ihm doch das gewohnte Talkum für die Rasur zu besorgen, Millers Puder war ihm nicht recht. Auch feines Briefpapier der vorgegebenen, aus Europa mitgebrachten Sorte bräuchte er ebenso wie seine Gitanes bleu zu rauchen….

Kurz: Das Verhältnis Millers zu Moricand trübte sich ein, Miller fühlte sich zunehmend ausgenutzt, während seine Frau eher Mitleid mit dem düsteren Gast verspürte. Der Versuch, Moricand zu einer sinnvollen Tätigkeit zu animieren, nämlich der Tochter Val [vgl. 5] ein wenig Französisch beizubringen, scheiterte: Moricand konnte Kinder nicht ausstehen, fand auch die Erziehung Vals durch Miller, der sich sehr um das Kind bemühte, seltsam und falsch: Zucht und Ordnung sollten die Erziehung von Kindern beherrschen.

Dazu kamen dann noch körperliche Malaisen des Gastes wie ein immerwährend juckender Hautausschlag. Der herbeigerufene Arzt untersuchte ihn gründlich und hatte für Miller nur einen Ratschlag: Werden Sie ihn so schnell wie möglich los! ….

Am angenehmsten war Moricand, wenn Millers ihn reden liessen. Er muss ein Talent gehabt haben, Monologe zu führen, seine Stimme, seine Mimik und Gestik deren Inhalten anzupassen. Moricand kannte seiner Herkunft her viele heute berühmte Künstler, konnte von ihnen erzählen und fühlte sich dann sichtlich wohl. Allein, daß er sich weigerte, Englisch zu lernen und daher auf französisch erzählte, machte die Verständlichkeit dessen, was er von sich gab, teilweise problematisch…. andererseits: nicht alle seine Geschichten waren unterhaltsam, manche waren seltsam, manche … ja, manche waren teuflisch….

Schließlich, nach ca. drei Monaten, konnte Miller Moricand überreden, seiner geplagten Beine wegen in ein Krankenhaus zu gehen. Mit einem Freund zusammen brachte er ihn in die Stadt zum Arzt. Moricand, der sich ein sauberes und eine gute Betreueung im Krankenhaus vorstellte, wurde enttäuscht: der Arzt lachte nur bei seinem Wunsch auf stationäre Pflege. Letztlich aber gelang es Miller, ihn in einem Hotel einzuquartieren und ihm die die Fahrten zu den täglichen Besuche im Krankenhaus zu organisieren.

Aber was für eine Lehre hatte er mir erteilt!
Nie, nie mehr würde ich den Fehler begehen,
die Probleme eines anderen Menschen für ihn lösen zu wollen.

Moricand endgültig loszuwerden, war dagegen nicht so einfach, da er ja die Bürgschaft übernommen hatte und Moricand versuchte, damit Druck auf ihn auszuüben, ihn quasi zu erpressen. Doch irgendwann überspannte er den Bogen und Miller hörte nichts mehr von ihm, bis er 1954 die Nachricht bekam, daß sein ehemaliger Schützling im August des Jahres in Paris gestorben sei.


Ein Teufel im Paradies ist die Geschichte eines parasitären Verhältnisses, der Ausnutzung  eines gutmütigen Menschen durch einen anderen, düster verdunkelten Charakter. Es ist aber auch die Gegenüberstellung zweier Philosophien, zweier Arten, die Welt zu sehen. Auf der einen Seite Miller, ein Mensch, der das Leben liebt, der die Menschen liebt (auch wenn er sich damals aus deren Zivilisation zurückgezogen hatte), der die Natur liebt. Ein Mensch, der die Freiheit in sich spürt, sein Leben zu gestalten, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, Verantwortung zu tragen. Moricand dagegen war gefesselt durch die seiner Ansicht nach bestimmenden Einflüsse der Sterne und Planeten auf jeden Menschen, also auch auf ihn: sein Schicksal war – ebenso wie das jeden anderen Menschen – festgeschrieben. Er war düster von Charakter, hatte den gesellschaftlichen “Abstieg”, den er erlebt hat, innerlich nicht nachvollzogen, war immer noch derjenige im Mittelpunkt, um den sich alles zu drehen hatte. Er war, wie der Arzt es Miller sagte, ein Kind geblieben, das sich und nur sich selbst liebt…. Zentral in der Geschichte gibt Miller seine Lebensphilosophie wieder, die er gegenüber Moricand bei einer der Diskussionen mit ihm über das Leben und die Kunst, es zu leben, vertritt, hier ist vllt auch die zentrale  Passage der Geschichte zu sehen. Ein anderer, interessanter Nebenaspekt der Erzählung ist, daß Miller im Reflektieren des Geschehens zu der Erkenntnis kommt, daß seine eigene Ehe gescheitert ist und am Ende steht, daß eine Trennung am besten wäre….


Bei Millers Bericht über die Gegebenheit bleibt die Frage offen, warum Miller einem Menschen gegenüber, dem er nichts schuldete und der ihm nicht sonderlich sympathisch und der in allem ein Gegensatz zu ihm war, überhaupt ein so generöses Angebot: ihn für den Rest des Lebens bei sich aufzunehmen, gemacht hat…. aber jedenfalls ist eine interessante, kleine Geschichte daraus entstanden, in der sich Millers Meisterschaft zeigt, Menschen in ihrem Wesen zu erfassen und mit Worten zu zeichnen….

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beitrag zu Henry Miller: http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Miller
[2] Henry Miller: Stille Tage in Clichy, Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2008/10/14/henry-miller-stille-tage-in-clichy/
[3] Wiki-Beitrag zu Big Sur: http://de.wikipedia.org/wiki/Big_Sur
[4] das Internet schweigt sich aus über Conrad_Moricand, man findet nur wenig, was nicht mit Millers Buch zu tun hat. Wer sich für astrologisches von Moricand interessiert, das ist hier aufgedröselt: http://www.astrotheme.com/astrology/Conrad_Moricand
[4a] .. jedenfalls waren beide Männer “Steinbock”, Miller am Beginn des Sternzeichens, geb. 26. Dezember, Moricand am Ende, geb. am 17. Januar. In der Erzählung “Der Vierzehnte Bezirk” (geschrieben übrigens 1936, dem Jahr, in dem er Moricand kennen lernte) charakterisiert sich Miller mit Bezug auf seine astrologischen Randbedingungen wie folgt: “… Geboren mit dem Widder im Aszendenten, das eine feurige, aktive, energische und ziemlich ruhelose körperliche Verfassung verleiht. Mit Mars im neunten Haus!”
[5] auf dieser Webseite gibt es ein Bild der kleinen Val in Big Sur, das einen Eindruck von der Umgebung der Millerschen Behausung vermittelt: http://www.henrymiller.info/about/about.html
[6] Wiki-Seite zum Buch: http://en.wikipedia.org/wiki/Séraphîta

[B]ildquellen: Autorenfoto: http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Miller, dort auch Angaben zum Copyright (public domain). Fotograf: Carl Van Vechten

Henry Miller
Der Teufel im Paradies
Übersetzt ins Deutsche von Kurt Wagenseil
Originalausgabe: “A Devil in Paradises”, (entnommen aus: “Big Sur and the Oranges of Hieronymus Bosch”) NY,
diese Ausgabe: rororo TB, ca 148 S., 1961

Hannah Kent: Das Seelenhaus

3. September 2014

Bei diesem Buch, das mir meine Buchhändlerin in die Hand drückte, kämpfte ich mit Vorurteilen, ich kann es nicht leugnen. Wie authentisch – so fragte ich mich – kann eine junge Australierin Island (Australien vs. Island: zwei Länder, die ich auf einer imaginären Mentalitätskala als brutalstmöglichstdiametralst – danke, Herr Koch! – entgegengesetzt einstufe) und seine besondere Atmosphäre einfangen? Andererseits jedoch schildert Kent ihre eigenen Eindrücke und Erfahrungen von der Insel sehr schön anschaulich, z.B. in diesem Beitrag [1], vllt ist das hier beschrieben Gefühl der Isolation, des Ausgegrenztseins gar nicht so verschieden von dem, das Agnes gespürt hatte (auch wenn natürlich der Grund und der Gesamtzusammenhang ein völlig anderer, nicht vergleichbarer ist)… also hieß es, sich überraschen lassen…

Das Seelenhaus ist die Geschichte der Agnes Magnúsdóttir, an der die letzte Hinrichtung auf Island vollstreckt worden ist. Ihr wurde vorgeworfen, zusammen mit zwei Komplizen, Fridrik Sigurdsson und Sigridur Gudmundsdottir in der Nacht vom 13. auf den 14. März 1828 einen Mann, Natan Ketilsson, in seinem Haus ermordet und seinen Hof zur Verdeckung der Taten angezündet zu haben. Das Gnadengesuch der Sigridur Gudmundsdottir, einem kaum erwachsenen Mädchen, hübsch und naiv, Magd auf dem Hof des Ermordeten, wurde vom dänischen König positiv beschieden, so daß sie nach Kopenhagen in Haft kam, in der sie dann nach einigen Jahren starb. Der ebenfalls noch junge Fridrik Sigurdsson, ein Sohn des Nachbarhofes, sowie die 32jährige Agnes Magnúsdóttir, ebenfalls Magd auf dem Hof, wurden am 12. Januar 1829 enthauptet. Ein Gnadengesuch für Agnes Magnúsdóttir war nicht gestellt worden.


“… Aber die Leute merken, daß ich denken kann, und sie finden, dass man einer denkenden Frau nicht trauen kann. Da ist für Unschuld kein Platz. So sieht´s aus, das ist die Wahrheit, Herr Pfarrer, ob´s Ihnen passt oder nicht. ….”

“… Männer dürften tun und lassen, was sie wollten, und jeder von ihnen wäre ein Adam, der alle Dinge unter der Sonne ganz nach Belieben benennen könne. ….”

In Island gefällte Todesurteile waren in Dänemark – damals gehörte Island zu diesem Königreich – zu bestätigen. Aufgrund der Entfernung und auch der Wetterbedingungen konnte es lange dauern, bis diese Bestätigung wieder in Island bei den Behörden angekommen war. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die Verurteilten auf solchen Bauernhöfen, deren Besitzer für die Obrigkeit arbeiteten, untergebracht. So auch  Agnes Magnúsdóttir. Jedoch gab es auf dem ersten Hof Probleme, aufgrund derer die Delinquentin in ein anderes Quartier zu verbringen war. In diesem Moment, in dem nämlich der Landrat den Besitzern des Kornsáhofs die Nachricht, daß  Agnes Magnúsdóttir gegen eine Entschädigung bei ihnen, bis die Hinrichtung stattfinden kann, einquartiert werden wird , überbringt, setzt die Geschichte, die Kent erzählt, ein.

Eine Mörderin, eine Frau, die einen Mann erstochen hat, die den Herrn erstochen hat, bei dem sie Magd war, bei sich auf dem Hof zu haben und mit ihr leben zu müssen [2], ist ein Gedanke, der spontane Abscheu und Widerstand hervorruft, jedoch können sich die Bauersleute nicht dagegen wehren, zumal man ihnen auch verspricht, einen Büttel dazu lassen, der sie beschützen wird. Die finanzielle Entschädigung für die Einquartierung ist den armen Leuten ebenfalls hochwillkommen….

Agnes Magnúsdóttir wird zu Pferd auf den Hof gebracht. Sie ist ein einem Zustand, der Margrét, die Bäuerin, trotz allen Widerwillens, dauert: Dreck, Schmutz und Unrat sind ihr in die bleiche Haut gewachsen, die Kleider sind Fetzen, die nur noch verbrannt werden können, die fast schwarzen Haare fettig und verfilzt, sie stinkt zum Himmel, blutig und schrundig, mit blauen Flecken und blutenden Gelenken, an denen die Fesseln scheuern, so steht sie vor dem Haus. Ihr wird ein Bottich mit Waschwasser gedeutet, vor den sie sich erst einmal hinkniet und säuft: wie lange hat man ihr nichts mehr zu essen hingeworfen, fauligen Fisch, strunkiges Grünzeug, zu trinken gegeben… sie muss überleben bis zur Hinrichtung. Mehr nicht, das Wie war egal.

Zu den wenigen Rechten, die ein/e Verurteilte/r seinerzeit hatte, gehörte das Recht, sich den geistlichen Beistand, der ihn/sie auf den Tod vorbereiten sollte, ihn/sie auf den rechten, gottesfürchtigen Weg zurück geleiten könnte, aussuchen zu dürfen. Von diesem Recht macht Agnes Gebrauch: sie wählt den jungen Pfarrvikar Thorvardur Jónson, genannt Tóti, den sie vor Jahren einmal auf einer Reise getroffen hatte. Tóti fühlt sich der Aufgabe zwar nicht gewachsen, zu jung, zu unerfahren, aber letztlich akzeptiert er die Wahl von Agnes.

Sein erster Besuch bei Agnes ist nicht von Erfolg gekrönt. Schnell merkt Tóti, daß die Frau seine frommen Sprüche nicht braucht. Sie kennt sie selber, ihr wurde seinerzeit zur Konfirmation große Belesenheit und Festigkeit im Glauben bescheinigt. Schnell merkt Tóti, daß sein Schützling nicht ist, wie andere Frauen: sie denkt eigenständig, sie hat eine eigene Meinung, war früh gezwungen, das Überleben zu lernen, da sie von der Mutter ausgesetzt der Barmherzigkeit von Menschen anvertraut wurde, die Barmherzigkeit nicht kannten…. auch Agnes ist schwankend geworden, ob dieser junge Mensch ihr helfen kann.

Der Pfarrer wählt beim nächsten Besuch einen anderen Weg: er versucht, Agnes zum Reden zu bringen, ihre Geschichte zu hören, einfach nur da zu sein…. und schnell wird ihm klar, daß hier ein besonderes Schicksal vor ihm sitzt, daß auch die offizielle Version, nach der die mit 32 Jahren deutlich ältere Frau die beiden Halbwüchsigen angestiftet haben soll, so nicht die ganze Wahrheit widergeben kann….

Die Familie (Margrét, die Mutter, Jon, der Vater und die Töchter Steina und Lauga) wird durch die Person Agnes in einen Konflikt gebracht: sie ist eine Mörderin und immer ist im Hinterkopf das Misstrauen gegen sie. Andererseits fügt sie sich gut in die Arbeit der Familie ein: sie ist schnell, kann alles und  macht alles, was man ihr sagt: sie wird wertvoll für die Familie. Man gibt ihr sogar eine Sichel zum Heuschneiden in die Hand und daß sie offensichtlich “gut” behandelt wird, kann so mancher der neugierigen Nachbarn nicht nachvollziehen… Es ist eng in den Häusern und wenn der Pfarrer mit Agnes redet, sitzt die Familie mit am Tisch und horcht, vor allem, wenn im Winter das Wetter alle Menschen ins Haus treibt und dort fesselt… So breitet Agnes Magnúsdóttir im Laufe der langen Nächte langsam ihr trauriges Leben, das von einer Niederlage in die nächste wechselte und das nur einen einzigen Höhepunkt kannte, der im Lichte dessen, was geschah, auch nur der Auftakt war für das größte Unglück, welches das Leben für sie bereit hielt, aus. Sie wollte nichts besonderes, wertgeschätzt werden wollte sie, arbeiten zusammen mit einem Mann, der sie liebte, den sie lieben konnte, eine Schar Kinder um sich herum, und im Kreis dieser, ihrer Familie irgendwann sterben…. nichts von diesen einfachen Wünsche erfüllte sich im Leben für sie, erst jetzt, an der Schwelle zum Tod wurden über die vielen Wochen und Monate ihre “Bewacher” und der Vikar zu einer Art Familie für sie: selten vorher, wenn überhaupt, war sie so anerkannt, so wertgeschätzt und zum Schluss – ja, sogar so etwas wie geliebt….

Damit ist in groben Zügen der Rahmen der Handlung abgesteckt…


Kent hat sich mit dem Schicksal der Agnes Magnúsdóttir nicht nur dem Leben einer bedauernswerten Frau gewidmet. An ihrem Schicksal und dem der Menschen, denen sie begegnet, zeichnet sie ein eindrucksvolles Bild einer unsäglich armen und entbehrungsreichen Lebens, in dem der Tod täglich reiche Ernte hält… Die Torfhäuser, wie das, in dem Magrét und Jon mir ihren beiden Töchtern leben, sind stickig und feucht, der Schimmel wächst an den Wänden und an der Decke, von der hin und wieder Torfplacken hinunterfallen. Der Atem gefriert auf der Bettdecke, alle Menschen schlafen in einem Raum, geheizt wird mit Torf oder Dung, der Qualm nimmt Sicht und Atem gleichzeitig. Von der Speisekarte der Armen wird einem schon beim Lesen übel….

Die harte Arbeit ausserhalb des Hauses… das Vieh, das so wertvoll ist, die Kuh, die ein wenig Milch gibt, die Schafe mit ihrer Wolle, aber nicht nur, alles wird verwertet, was irgendwie verwertet werden kann….  Das Heu muss geerntet werden, aber das Wetter schlägt um und verdirbt die Ernte. Menschen, die im Winter sterben, werden im Stall, im Lager verwahrt, liegen auf dem gefrorenen Fisch, bis im Frühjahr der Boden wieder aufgetaut ist für eine Beerdigung…

Es werden viele Kinder in die Welt gesetzt, und viele sterben bei der Geburt, so wie viele Mütter sterben… sie verbluten, sie bekommen eine Infektion… bei Geburten im Winter kann oft keine Hilfe von aussen geholt werden, wenn die Schneestürme wie gefräßige Wölfe um die Hütten fegen… so gibt es auch viele Waisenkinder, die, wenn der Vater sie dann der Armut wegen nicht aufziehen kann, weil er den Hof ohne die Frau verlassen muss, besagter Barmherzigkeit anvertraut werden. Meist heißt dies, für einen Schlafplatz und etwas Brühe arbeiten, die niederen, dreckigen Dinge sind es, für die sie zuständig sind wie für das Leeren der Nachttöpfe… oft müssen die Mädchen, wenn sie alt genug sind, den Herrn auch auf andere Weise zur Verfügung stehen und sie halten so gezwungendermassen den Kreislauf der unehelichen Kinder in Schwung…

Einmal im Jahr können die Mägde und Knechte den Hof wechseln, sich auf einem anderen Hof Arbeit und Anstellung suchen. Dies hat auch Agnes oft getan, sie war nirgends wohl gelitten, hatte kaum Freunde, weil sie anders war wie die anderen, weil sie auffiel, weil sie reden konnte, sich auch nicht alles gefallen ließ. War es das, was Natan an ihr auffiel? Auch er ein Nonkonformist, für die einen ein Hexerich, für die anderen ein Heiler. Zu ihm jedenfalls zog es Agnes, bei ihm fühlte sich sich zum ersten Mal wertgeschätzt, als Mensch akzeptiert von einem Menschen, den sie akzeptieren und lieben konnte….


Kent erzählt ihre Geschichte aus zwei Perspektiven: zum einen gibt es einen Erzähler, zum anderen läßt sie Agnes selbst immer wieder zu Wort kommen, um die Innenperspektive der Frau darzustellen. Situativ zu unterscheiden sind ferner die Unterhaltungen von Agnes und Tóti, die eigentlich mehr Monologe der Frau sind, die nur durch Zwischenfragen in Gang gehalten werden. Aus all diesem webt sich im Lauf der Handlung eine von der offiziellen Version der Geschehnisse, die vor Gericht Bestand hatte (und die Kent durch diverse Originaldokumente belegt), verschiedene Sichtweise, die zu stetig wachsender Sympathie mit Agnes führen (was andererseits von der Anlage des Romans her nicht wirklich überrascht)… Kent hat, wie sie erläutert [1, vgl auch das Nachwort zum Roman], an Ort und Stelle viele Dokumente und Unterlagen eingesehen, mit Menschen gesprochen, versucht, möglichst viel Material über diesen Fall zu sichten: was daraus entstanden ist, nennt sie eine “fiktionale Wahrscheinlichkeit” der Abläufe und Geschehnisse. Vielleicht hat sie sich auch “nur” die Version des Verbrechens (denn daß es ein Verbrechen gegeben hatte, ist unstrittig) erfunden, mit der sie am besten leben kann….

Herausgekommen ist mit Das Seelenhaus ein düsterer, schwermütiger Roman aus einer lang zurückliegenden Zeit in einem unsagbar armen Land. Kent schildert nicht die Insel voller mythischer Wesen, belebt von skurrilen Gestalten, ihr Island eine für die Menschen, unter denen der Roman spielt, eine lebensfeindliche Umwelt, der sie mit Gottvertrauen und einem gehörigen Schuss Aberglauben entgegentreten. Das Seelenhaus ist ebenfalls ein Roman, der aufzeigt, daß nicht jeder, der ein Verbrechen begangen hat, deswegen auch die volle Schuld daran trägt und implizit ist er dadurch auch ein Plädoyer für die Art von Rechtsprechung, wie sie bei uns in den entsprechenden Gesetzen verankert ist: die Tat so weit wie möglich aufklären, die Täter anhören, ihnen zuhören und das Maß ihrer Schuld ermitteln. All dies wurde bei Agnes damals unterlassen.

“.. eine Henne, die da krähet, und ein Weib, das gelehrt ist,
sind üble Vorboten: man schneide beiden den Hals ab!

An dieses Zitat von Herder (das nicht dem Buch entnommen ist) musste ich unwillkürlich denken: Agnes war belesen, lesen: eine seltsame, gefährliche Eigenschaft für Frauen zu der damaligen Zeit. Sie hatte eine eigenständige Persönlichkeit: sie war störend. Keineswegs jedoch war sie so süß, so naiv wie junge Sigridur, die begnadigt wurde. An Agnes wurde ein Exempel statuiert, in ihrem Fall wurde nur das vor Gericht bewiesen, was man bewiesen haben wollte: dass sie ein nämlich schlechter, heimtückischer Mensch war, der andere mit ins Unglück gerissen hat. Ihr Gerichtsverfahren: ein moderner Hexenprozess. Insofern ist Kents Roman auch eine Aussage über das Frauenbild der (isländischen) Gesellschaft zu dieser Zeit.

Last not least ist diese Geschichte auch die einer Liebe, einer unerwiderten Liebe, die sich nur auf die Hoffnung stützte, blind war gegen das Spiel, das mit ihr gespielt wurde und die zu jedem Opfer bereit war, letztlich zu dem des eigenen Lebens…..

agnes-cover

Bevor ich zum Abschluss kommen, möchte ich noch ein Wort zu dem Buchcover der deutschen Ausgabe verlieren: Da das Buch von einer Frau handelt, Agnes, muss man wohl davon ausgehen, daß die Frau auf dem Cover für Agnes stehen soll. Aber im Buch hat Agnes fast schwarze Haare, auf dem Cover sind sie eher brünett… und die Blendung der Frau durch den Balken finde ich gleichfalls eher unglücklich…. btw: die Autorin selbst sieht dies durchaus anders: “… exquisite cover ...” [4]

Das mindert aber nicht den guten Gesamteindruck des Buches über dieses bedauernswerte, bemerkenswerte Frauenschicksal auf mich: es ist spannend, anschaulich, intensiv und – um auf meine anfängliche Skepsis einzugehen – ja, doch: Kent ist es gut gelungen, einen Eindruck von dieser Insel und dem harten Leben auf ihr zu vermitteln. Wer allerdings die Magie sucht, die diese Insel, vor allem die Landschaft, auch verströmen kann, der ist hier falsch: in Kents Geschichte der Agnes geht es nur um´s Überleben in einer feindlichen Umwelt und darum, wie man daran scheitern kann.

Links und Anmerkungen:

[1] Hannah Kent: Burial Rites and the loneliness of the long-distance writer; in: http://www.theguardian.com/books/australia…..
[2] Wahrscheinlich kann man sich die Behausung dieser bitterarmen Menschen so ähnlich wie auf diesem Bild vorstellen: Bild eines Torfhauses auf Island: http://www.abc.net.au/radionational/programs/booksandartsdaily/turf-house-iceland/4708120
[3] einige Seiten mit zusätzlicher Information zum Buch:
– May it do you good: Agnes Magnúsdóttir, the life and execution of an Icelandic peasant; http://herringandclassstruggle.blogspot.de/2013/12/may-it-do-you-good-agnes-magnusdottir.html
– Burial Rites: a photo essay from Iceland; http://www.picador.com/blog/august-2013/burial-rites-a-photo-essay-from-iceland
– Interview mit der Autorin: http://www.killyourdarlingsjournal.com/2014/04/burial-rites-and-the-stella-prize-an-interview-with-hannah-kent/
[4] Homepage der Autorin: http://hannahkentauthor.com bzw. Facebook-Account:  https://www.facebook.com/HannahKentAuthor?fref=ts


Hannah Kent
Seelenhaus
Übersetzt aus dem australischen Englisch von  Leonie Reppert-Bismarck und Thomas Rütten

Originalausgabe: Burial Rites, Sydney, 2013
Diese Ausgabe
: Droemer, HC, ca. 380 S., 2014

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