Immer wieder denke ich mir (in irgendeinem der Kommentare in meinem Blog ist es schon einmal angesprochen worden, aber ich finde den natürlich nicht….), was les ich da eigentlich? Es ist doch ein spanischer, italienischer, israelischer, amerikanischer oder was weiß ich für ein Autor (…Autorin) und du liest das hier auf deutsch.. Inwieweit gibt diese Übersetzung denn das Original wieder oder ist schon eine eigene Dichtung…. Die Frage nach der Übereinstimmung von Original und Übersetzung ist im Grunde für jeden Menschen hochinteressant, selbst wenn man in erster Näherung sagt: was soll´s? Hauptsache, das Buch gefällt mir!

Aber wenn man sich überlegt, daß unsere gesamte westliche Kultur (ob gläubig oder nicht) von der Bibel geprägt ist und diese -zig mal von dieser in jene Sprache übersetzt worden ist (von der mündlichen Überlieferung und dem Zeitalter der Steintafeln ganz zu schweigen) und das auch noch mit dieser oder jener Intention… da ist dann schon die Frage: was stand eigentlich ursprünglich mal tatsächlich drin? Und was hat das mit dem zu tun, welches jetzt unser moralisches, ethisches Grundkonzept in der Gesellschaft bildet? Nun ja….

Hier war mir das Buch von Eco hochwillkommen, denn dieser kennt nun beides, das Schreiben, das Übersetzen und mit Sprache kennt er sich sowieso aus.

„Eins zu eins“ – Übersetzungen von Texten (literarische, die hier gemeint sind) gibt es nicht, da Wörter in verschiedenen Sprachen nie deckungsgleich sind. Immer schwingt in einem Begriff eine ganze Wolke von Konnotationen mit, die mitübersetzt werden müssen. Der Kontext ist wichtig, kennt man den nicht, kann man einen Satz wie „Ich gehe jetzt zu dieser Bank da drüben“ nicht übersetzen (Mehrdeutigkeit des Begriffes „Bank“). Dies ein Faktor, wegen dem automatische Übersetzungssysteme oft so lustige Ergebnisse bringen.

Die Intention des Autors muss berücksichtigt werden, dieses „was will uns der Autor mit seinen Worten sagen?“ Was bezweckt er, wie erreicht er es: durch die Wortwahl, die Satzmelodie, den Satzbau, durch Alliterationen, Wiederholungen etc pp….

Ein gutes Kriterium ist die Rückübersetzbarkeit eines Textes in die Originalsprache: Wie gut gleicht dieser Text dem Ausgangstext?

Was will ich überhaupt als Übersetzer? Dem Leser den Text in zum Beispiel seinem historischen Umfeld nahebringen, also mit altertümlicher Sprache, Wortwahl und Ausdrucksweise oder soll (die Menschen also zum Text bringen) oder soll der Text in moderner Fassung zum Leser gebracht werden (wie z.B. die Bibel in ihren jeweiligen überarbeiteten Fassungen).

Das sind natürlich nur einige der Gesichtspunkte, die beim Übersetzen zu berücksichtigen sind…..

Was macht ein Übersetzer, der einen italienischen Roman übersetzt, in dem auf alte italienische Texte, womöglich noch in Zitatform zurückgegriffen wird, wenn das Buch in z.B. englisch übersetzt werden soll, wo diese Texte dem Leser nichts sagen? Im günstigsten Fall kann er auf alte, andeutungsweise analoge englische Texte zurückgreifen: nur: was sollen englische Texte in einem italienischen Buch?

Eco, der ja selbst dicke Romane geschrieben hat, kann aus eigener Erfahrung viele Übersetzungsprobleme diskutieren, entsprechend oft werden Passagen aus „.. der Rose“, „Die Insel…“ oder „Das.. Pendel“ zitiert und diskutiert.

Interessant war für mich auch die Abschnitte über die Übersetzung von Poes „The Raven“, der mich vor geraumer Zeit mal eine ganze Zeitlang in Beschlag genommen hatte.. na ja, nevermore….

Obwohl das Niveau des Buches hoch ist (es kommen Fremdworte vor, die musste ich erst zweimal Buchstaben für Buchstaben lesen, bevor ich mich an das ganze Wort traute…) und ich leider weder italienisch noch französisch kann, war die Lektüre hochinteressant, zumal genügend Beispiele auf englisch und auch auf deutsch vorhanden sind.

Natürlich, als Leser hat man nur den einen Text vorliegen, der eben gedruckt wurde. Und ob dort übersetzt wurde: „Er konnte Insel von Festland nicht unterscheiden“ oder „Er konnte Insel von Kontinent nicht unterscheiden“ ist völlig unerheblich für diesen einen Text, wichtig mag es sein für den Autor, der seinen Ursprungstext ggf. verändert sieht, je nachdem, für welches Wort sich der Übersetzer aufgrund seines Textverständnisses und seiner Kenntnisse der Zielsprache entschieden hat. Und so ist dieses Buch ein wenig wie ein hochinteressanter Rundgang durch den Backstage-Bereich, während man normalerweise ja nur die Show im Rampenlicht verfolgen kann….

Facit: Ein Blick hinter die Kulissen eines übersetzten Textes. Hoch interressant, sehr lehrreich und durch Ecos Formulierkunst in der Übersetzung von Kroeber auch sehr unterhaltsam.

Umberto Eco
Quasi dasselbe mit anderen Worten
dtv, 2009, 464 S.
ISBN-10: 342334556X
ISBN-13: 978-3423345569

John Katzenbach: Der Patient

Dezember 14, 2009

Der New Yorker Psychoanalytiker Dr. Frederick Starks erhält zu seinem 53. Geburtstag, kurz, bevor er in seinen alljährlichen Sommerurlaub fahren will, einen anonymen Brief, der ihm ein „Willkommen am ersten Tag ihres Todes“ wünscht. Er wird zu einem mörderischen „Spiel“ gegen die Zeit aufgefordert: innerhalb von 15 Tagen muss er die Identität des Absenders herausfinden, andernfalls bleibt ihm die Alternative: Selbstmord oder einem seiner Verwandten geschieht ein Leid.

Von einer Sekunde auf die andere ist Starks aus seiner gesicherten Existenz herausgerissen, muss alles in Frage stellen, denn der unbekannte Briefeschreiber scheint sich sehr gut in seinem Leben auszukennen. Um die Ernsthaftigkeit seiner Absichten zu unterstreichen, schmuggelt der Unbekannte der Tochter eines entfernten Verwandten hochgradig obszöne Bilder in eine Geburtstagskarte mit der Drohung, daß dies auch dem 14-jährigen Mädchen selbst geschehen werde. Spätestens jetzt weiß Starks, daß dies in der Tat ein Spiel auf Leben und Tod ist, dem er nicht entkommen kann.

Die gesetzte Frist von 15 Tagen verstreicht Tag um Tag, ohne dass Starks Fortschritte macht bei seiner Suche. Im Gegenteil muss er feststellen, daß sein Feind nach und nach seine Existenz vernichtet, indem er seine Bankkonten leer räumt, ihn bei seinen Berufskollegen der Vergewaltigung einer Patientin zichtigt, das Haus, in der er wohnt, wird zerstört und Starks erkennt, daß er zwar noch lebt, aber völlig isoliert und allein ist.

Ein letzter Plan reift in ihm……

Die Story des Buches scheint ein wenig weit hergeholt, aber für eine fiktive Geschichte ist das ja durchaus erlaubt. Die Umsetzung erfolgt phantasievoll, der Autor bemüht sich erfolgreich, den Leser in die Gedankenwelt seiner Figuren einzuführen und ihn miterleben zu lassen, was sie denken und fühlen. Dies alles spannend geschrieben und nach einem etwas langatmigerem Beginn im ersten Teil (den das Buch aber aufgrund seines Umfangs leicht wettmacht) auch so fesselnd, daß man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Facit: etwas langatmig, aber spannend, intelligent, ingesamt sehr lesenswert

Katzenbach, John
Der Patient
Droemer/Knaur (November 2006)
ISBN-13: 978-3426629840

Wir sind Nobelpreisträger….. ich gebe es zu: ohne diesen Preis hätte ich Herta Müller wahrscheinlich nicht gelesen, vielleicht noch nicht einmal wahrgenommen in meiner Buchhandlung. Bekannt war sie mir schon, der Name Müller ist ja nicht so häufig… ;-)

Mit dem „Fasan…“ habe ich mir eine Erzählung ausgesucht, die schon älter ist und jetzt nach der Preisbekanntgabe noch einmal neu aufgelegt wurde. Müller beschreibt in ihr das auseinanderfallende, in vielen Aspekten noch archaische Leben in einem rumänischen Dorf, in dem die deutschstämmige Familie Windisch auf ihre Ausreisegenehmigung wartet.

Es ist ein Leben im Wartezustand, ohne Zukunft, ohne Licht. Beherrscht vom Unwissen, vom Aberglauben. Der Flug der Eule, auf welchem Dach sie sich niedersetzt, ist ein wichtiges Zeichen im Ort, gibt Gesprächsthema. In der Dämmerung erwachen die Dinge zum Leben, die langen Schatten, die sie werfen, steigen hoch, sinken in sich zusammen, die Dinge beginnen gleichsam zu atmen, und sind am nächsten Tag doch wie sie immer waren.

Der Apfelbaum verzehrt seine eigenen Äpfel, das ganze Dort beobachtet es, mit Schmatzen. Er muss verbrannt werden, sagt der Pfarrer, und so wird er verbrannt, die Asche wird wird vom Kirchendiener in einem Kästchen gesammelt und verscharrt und doch ist das Kästchen am nächsten Tag wieder da…..

Männer kommen in das Dorf, zählen alles auf den Höfen, packen Hühner ein und nehmen sie mit, verlangen Eier und sagen, was wo im nächsten Jahr angebaut werden muss.

In dieser Atmosphäre warten Windischs auf ihren Pass. Der Mann versucht, das Procedere zu beschleunigen, einen Sack Mehl und noch einen und noch einen bringt er .. doch das ist nicht die richtige Währung für den Pfarrer, der, wenn er gründlich arbeitet, mit den Frauen zusammen den Taufschein sucht, fünfmal oder gar zehnmal, für den Milizmann, der die Stempelmarken im Lagerraum finden will, zusammen mit den Frauen. Und sind die Frauen zu alt, so müssen die Töchter beim Suchen helfen… Windisch sträubt sich lange, aber als immer mehr der Nachbarn ihre Papiere bekommen… eine Tochter hat er, Amalie, und sie wird herausgeputzt von der Mutter, denn es „.. es geht nicht um die Schande.. jetzt geht es um den Pass.“ Bezahlt in der ältesten Währung, ohne die auch die Mutter schon vor langer Zeit hätte sterben müssen..

Müllers Sprache ist sperrig, trotz (oder wegen?) der oft kurzen Sätze. Die Erzählung beginnt mit diesem Absatz, der den Stil der Autorin exemplarisch aufzeigt:

Um das Kriegerdenkmal stehn Rosen. Sie sind ein Gestrüpp. So verwachsen, daß sie das Gras ersticken. Sie blühn weiß, klein zusammengerollt wie Papier. Sie rascheln. Es dämmert. Bald ist es Tag.„.

So einfach sind die Dinge im Leben des Ortes. Nicht kompliziert, nicht verschachtelt, um das Leben zu beschreiben, braucht es keine langen Sätze. Pass gegen Frau: so einfach ist das. Die Eule bringt den Tod. Nachts ist es dunkel. Der Schatten kriecht die Wand hoch. Der Tisch atmet. Windisch schiebt sein Rad mit dem Sack Mehl.

Linear. Du willst was: dann gib mir was. oder auch: ich, der Vater deines Vaterlandes, Ceausescou will was: dann nehm ich es mir.

Aber die Seelen sind verletzt. In dieser Welt können keine Wunden heilen. Windisch leidet unter der Schande, mit der er sich den Pass erkauft. Katharina, seine Frau, kennt diesen Preis aus ihrem eigenen Leben, auch sie hat ihn einst zahlen müssen und jetzt zerstört er ihre Ehe. Denn nur sie selbst hat den schleimigen Finger, nicht aber Windisch…

Facit: Schwierig. Ich habe selbst diese kurze Erzählung erst im zweiten Anlauf gelesen, beim ersten Mal habe ich wieder aufgehört. Man muss sich wirklich einlassen auf den Stil. Hat mir das Büchlein gefallen? Interessant war es in jedem Fall, gefallen, nein, ich glaube nicht. Ob ich noch ein Buch, ein aktuelleres vielleicht von Müller lese? Tu ich das…? schaumermal…

Link: willkürlich herausgegriffen, ein Link zur Geschichte der Schriftstellerin Müller

Herta Müller
Der Mensch ist ein großer Fasan
Fischer, Tb., 2009 (Erstausgabe 1986 Rotbuch Verlag Berlin), 110 S.
ISBN-10: 3596181615
ISBN-13: 978-3596181612

Die Geschichte geht weiter.. nach den Ereignissen des letzten Bandes, dem „Brunnen…“ (siehe Links) wurde Thursday Leiterin der Jurisfiktion in der BuchWelt. Sie bekam dann einen gesunden Sohn, Friday, und hatte mit dem Job des Protokollführers eine weniger oder meist mehr abwechselungsreiche Tätigkeit…

Nun aber kommt sie in die reale Welt zurück, denn immer noch will sie ihren genichteten Mann, Landen, zurückhaben. Und das geht nur in real. Also läßt sie sich vom GattungsRat beurlauben und kehrt in Begleitung von Hamlet nach Swindon zurück. Dumm nur, daß Yorrik Kaine, der aus einem trotz aller Bemühungen immer noch nicht identifizierten Buch entkommen war, dabei ist, die Macht im Staate England zu ergreifen und erfolgreich versucht, das ihm völlig hörige Volk gegen die Dänen aufzuwiegeln. Tja, es hat nun niemand behauptet, daß das Leben immer einfach ist.

Thursday lebt mit ihrem Sohn also wieder in ihrem Elternhaus, zusammen mit dem heftigen Alan, dem Sohn der Dodoin Pickwick, mit Otto von Bismark und Lady Hamilton. Es gibt Verwicklungen, auch emotionaler Art, aber letztlich …. Die Wiederauferstehung des hlg. Stvlkx zieht Swindon in seinen Bann. Goliath, der mächtige Widersacher von Thursday, ist noch mächtiger geworden und strebt jetzt die Anerkennung als Religion an, muss aber andererseits verhindern, daß die Prophezeiung des Stvlkx in Erfüllung geht. Dazu ist es wichtig, daß Swindon das Endspiel der World Croquet Liga gewinnt, was aber schwierig ist, weil Goliath alle Mittel einsetzt, dies zu verhindern. Unterdessen grübelt Hamlet mit und ohne Schädel, ein Monolog folgt dem anderen. Ebenso wie ein Shakesbier dem anderen. Irgendwo muss ein Nest sein, und auch das muss Thursday finden. Und gleichzeitig noch ein paar Lastwagen dänischer Bücher retten, was ungleich schwieriger ist, als Käse nach England einzuschmuggeln. Unbedingt. Aber zurück zur Prophezeiung des Stvlkx… Thursday, die unverhofft Managerin des Vereins geworden ist, muss ihre gesamte Hoffnung auf die Neandertaler setzen, denen aber die konfliktreiche Auseinandersetzung in einem sportlichen Wettkampf völlig wesensfremd ist. Sie kann sie zwar zu einem Handel bewegen, aber bei Regen spielen sie nicht. Aus Prinzip. Tja, niemand hat behauptet, daß das Leben einfach ist.

Daß Thursday von einem Auftragskiller gejagt wird, fällt kaum ins Gewicht, schließlich hat ihr Vater, der wieder in die ChronoGarde aufgenommen wurde und dabei ist, die Schlacht von Trafalgar in die richtigen Bahnen zu lenken, sie ja gewarnt…..

Reicht das als kurze Inhaltsangabe? Ein Bruchteil dessen, was Fforde alles ausbreitet. Viele Bekannte aus den ersten drei Bänden tauchen wieder auf, unter anderem auch der liebenswerte Onkel von Thursday, der geniale Microft, Erfinder der Nextmathematik (die im übrigen sehr interessant ist, ermöglicht sie doch, aus der Angabe eines Ergebnisses (z.b. = 28) zurückzurechnen auf die Art und Weise, wie es zustande gekommen ist, hier also „29 -1″ . Man kann also z.B. umfangreiche Bücher auf eine Zahl komprimieren und dann durch die entsprechenden Algorithmen wieder dekomprimieren… ) ..

Ach ja, Landen… fängt irgendwann an, eine Art Blinkerexistenz zu führen: mal an, mal aus… aber wie es dazu gekommen ist: selber lesen!

Facit: Lesen, Spaß haben und Parallelen zur neueren Geschichte suchen…..

Links: zu den anderen Bänden:

1: Der Fall Jane Eyre
2: In einem anderen Buch
3: Im Brunnen der Manuskripte
4: Es ist was faul
5: Irgendwo ganz anders (demnächst)

Jasper Fforde
Es ist was faul
dtv, 2008, 448 S.
ISBN-10: 3423210508
ISBN-13: 978-3423210508

Michel Houellebecq: Lanzarote

Dezember 11, 2009

Irgendwie bin ich durch Mararia auf diese 2000 veröffentlichte Erzählung von Houellebecq gestoßen. Houellebecq, ein Autor, von dem ich bisher noch nichts gelesen habe, eines seiner Bücher, Plattform, habe ich mal angelesen und wieder weggelegt.

Um was geht es in dieser Erzählung? Der Ich-Erzähler langweilt sich, es ist kurz vor Weihnachten 1999. Im Reisebüro bucht er einen einwöchigen Aufenthalt auf den Kanaren, auf Lanzarote. Nicht, daß er sich groß für die Insel interessieren würde, es hat sich halt so ergeben. Und die Menschen, die er dort trifft und denen er sich locker anschließt, ihnen geht es nicht anders. Die Insel ist ihnen egal, sie langweilen sich, erkunden sie zwar, lassen sich aber nicht drauf ein. Das Lesben-Pärchen (mit Bi-Tendenzen) aus Deutschland hat es dem Erzähler angetan, sie enttäuschen ihn nicht, seine sexuellen Phantasien (und nur unter diesem Gesichtspunkt betrachtet er es) kann er bei ihnen befriedigen. Rudi dagegen, der depressive belgische Polizist mit Selbsthass, kann selbst durch derartige Angebote aus seiner Verzweifelung gelockt werden. Einzig, sich einer obskuren Sekte anschließend, erscheint ihm sinnvoll.

Also, so gelangweilt, wie die Personen in dem Buch, so gelangweilt auch ich als Leser. Abwertende Tiraden auf Touristen, kommen sie nun aus Norwegen, Italien, Frankreich oder England, auch die Insel kommt nicht gut weg. Dabei beschriebt Houellebecq die Insel recht genau (witzigerweise war ich zu der Zeit, in der die Erzählung angesiedelt ist, auf Lanzarote. Rein prinzipiell hätte ich den Protagonisten begegnen können….), nur eben ohne die Faszination der Landschaft zu erfassen und zu spiegeln. Er scheint sie als Bild zu nehmen für die Öde und Leere, für die Langeweile seiner Figuren, verkennt dabei aber, daß man sich auf die Insel einlassen muss wie auch auf Menschen. So treibt alles an der Oberfläche daher, seicht, uninspiriert und wenig aufregend. Und was die Ereignisse an den Papagayo-Stränden angeht: sooo einsam, daß das möglich wäre, sind die selbst im Januar nicht….

Facit: Absolut kein Muss. Es sein denn, das die Tatsache, daß ein Buch über gelangweilte Menschen selbst langweilig zu lesen ist, ein Qualitätsmerkmal an sich ist.

Michel Houellebecq
Lanzarote
Rowohlt Tb., 2004, 96 S.
ISBN-10: 3499236443
ISBN-13: 978-3499236440

Nachdem ich die ersten beiden Bände mit dem Abenteuern von Thursday Next (unten bei den Links) verschlungen hatte, brauchte ich doch eine kleine Pause. Es ist so ähnlich wie mit Schwarzwälderkirschtorte: wenn man mal zwei Stück gegessen hat, muss man einfach mal was anderes zwischendurch haben. Aber jetzt am Wochenende war die Zeit reif geworden für den „Brunnen der Manuskripte“….

Thursday Next hatte ja bei Miss Havisham die Ausbildung für die Übernahme in den Dienst der Jurisfiction angefangen. Gleichzeitig war es für sie sehr sinnvoll, abzutauchen, um in Ruhe vor ihren Feinden ihr Kind auszutragen. So taucht sie in einen drittklassigen Krimi ein und lebt in einem umgebauten Flug-/Hausboot. (Aber auch das ist mit Gefahren verbunden, denn hoffnungslose Literatur ist potentiell immer davon bedroht, im Textsee recycliert zu werden….).

Ihre Ausbildung erhält Thursday im Brunnen mit seinen 26 Stockwerken, für jeden Buchstaben eines. Und die erste Hälfte des Buches ist ein einziges Feuerwerk der Ideen und der Fantasie, mit der Fforde seine Geschichte bereichert. Na ja, Geschichte ist gut, das Buch zeichnet sich eigentlich eher dadurch aus, daß es durch eine Handlung nicht weiter gestört wird, es existiert nämlich erst mal keine….. Erst spät im Buch deutet sich an, daß irgendwas im Umfeld des neuen Programms: „Ultra World TM“ bzw. „BOOK version 9″, dem neuen Literatur-Betriebssystem nicht stimmt. Wunderbar die Genealogie der ErzählSysteme, angefangen von alten OralTrad bzw. einige Jahrzehntausende später OralTradePlus (mit Reimen) bis hin zu den verschiedenen Versionen von BOOK…. Nun ja, jedenfalls geschehen seltsame Dinge, Todesfälle gar, die Existenz eines Verräters in den Reihen von JurisFiction wird immer wahrscheinlicher und Thursday selbst muss manchen Gefahren trotzen.

Von den Grammasiten, den Verboiden, dem Mispeling Vyrus oder dem Minotaurus, der seit Jahren mit Yoghurt gefüttert wird, und die im Brunnen gehörig von sich reden machen, ganz zu schweigen…

Neben diesen mehr dienstlichen Belangen wird Thursday aber auch „privat“ gefordert. Aornis, die Schwester von Acheron, lebt und wirkt in ihrem Gedächtnis, verändert es, löscht Erinnerungen (wir erinnern uns: Aornis war ein Mnemonomorph, und ein böser dazu….), selbst die an Landen wird blasser und blasser.

Und das sind alles nur die Hauptbaustellen. Kleinere Zwischenfälle aufzuzählen, hieße praktisch das Buch abschreiben… ein Feuerwerk an Ideen eben.

In dieser farbenprächtigen Gedankenwelt erscheint mir dagegen der Showdown zwischen Thursday und Aornis seltsam blass, als hätte Fforde da Schreibhemmung gehabt und in seiner Fantasie nichts adäquates gefunden. Ebenso das tragische Ende von Miss Havisham, aus die Maus, ratzfatz, ihrer eigentlich unwürdig kurz und trocken.

Seite 206 zitier ich noch mal, weil ich an dieser Stelle schallend lachen musste:

„Ich [i.e. Thursday]… stieß auf einen Raum, der nichts enthielt als einen Mann, dem ein Frosch aus dem blanken Kopf wuchs.
„Du meine Güte!“, sagte ich. „Wie ist denn das passiert?“
„Keine Ahnung“, sagte der Frosch. „Es fing alles mit einem Pickel an meinem Arsch an.“

Facit: ein herrlicher Lesespaß. Leider muss man davon ausgehen, daß man von den ganzen literarischen Anspielungen, die Fforde macht, allenfalls einen Bruchteil erfassen wird. Aber das kann man ja dem Buch nicht anlasten…

Links zu den Buchbesprechungen der anderen Bände:

1: Der Fall Jane Eyre
2: In einem anderen Buch
3: Im Brunnen der Manuskripte
4: Es ist was faul
5: Irgendwo ganz anders (demnächst)

Jasper Fforde
Im Brunnen der Manuskripte
dtv, Februar 2008, 416 S.
ISBN-10: 3423210494
ISBN-13: 978-3423210492

Platz 1 – 3

wiewarich..wellen..zille3

Platz 4 – 10

..1000s..stamm…..ross……belli..Schlafanzug..nicht sterben

Ein bischen Wechsel der Positionen, wobei die Spitzenreiter nach wie vor immer noch recht unangestastet sind. Das Zille mit seinen Hurengesprächen nach oben gerutscht ist, verwundert nicht, die letzten Tage ist der geradezu explosionsartig angeklickt worden… Drei Neuzugänge, wie ich mir gedacht habe, Giordano mit seinen Primzahlen, aber auch Boyne und sein schlafanzügiger Junge (obwohl der ja schon länger im Blog steht) und Kathrin Schmidt mit der Lebensgeschichte der Helene Wesendahl. Darüber freu ich mich, ein gutes, wenngleich nicht einfaches Buch…

Die alten Listen findet man übrigens hier. Wenn es interessieren sollte….

Gestern und heute (bis jetzt, 15:30 Uhr) wurde mein Beitrag über Zilles „Hurengespräche“ knapp 50 mal angeklickt. Das ist die Wirkung. Aber welche Ursache, warum? Das wundert sich der Blogger ….

Nehme Ideen über mögliche Ursachen gerne entgegen… ;-)

bücher.leben: Lesepaten

Dezember 2, 2009

Sodele, heute war mein erster Solo-Auftritt als Lesepate. Ich hatte ja letzte Woche schon einen in der Gruppe, über den ich hier kurz berichtet habe ( ==> ), aber heute war ich eben zum ersten Mal alleine vor dem kritischen Publikum im gesammelten Alter von ca. 140 Jahren verteilt auf 23 zahnlückenbesitzende Erstklässler. :-D

Jo, dem ging viel schneller als letzte Woche noch gedacht..

Ausgesucht hatten wir uns zwei Geschichten, eine von Moser: Der einsame Frosch und eine von Bräunlings Mutmachgeschichten.

Der einsame Frosch…. der lebte in seinem Weiher im dichten Schilf und dachte, er sei allein auf der Welt. Erst bei einem Unwetter trug ihn der Wind auf das freie Wasser und dort sah er andere Frösche und Kröten und war dann glücklich, Freunde gefunden zu haben. Überhaupt ist das Moser-Buch ein ganz tolles, es sind 6 wunderschöne Geschichten darin, die nicht nur für Kinder lesenswert sind. Am „Brief eines Mistkäfers“ hängen für mich viel Erinnerungen, dank dir, LillY, für den Buchtip seinerzeit!

Genauso die Mutmachgeschichten von Elke Bräunling, auch diese eine Blogfreundin von mir aus vergangenen Zeiten…. Wie ich oben schon andeutete, grinsten mich 23 zahnlückenbewehrte Münder an und so dachten wir (die Lehrerin und ich) uns gestern bei der Vorbereitung: eine Zahnarztgeschichte wäre vllt garnicht schlecht, um den Kindern die Angst zu nehmen. Pustekuchen! Auf unsere Frage, wer denn Angst vorm Zahnarzt hätte, riefen alle: „ich ni-icht!“ und dann wurde richtig vom Leder gezogen, die Horrorstories von der Wackelzahnentfernung per Eigenbetrieb, mit Hand oder Zange oder durch den Fussball mitten ins Gesicht.. Die Kurzen wollten garnicht mehr aufhören mit Erzählen. ;-)

Aber meine Geschichte bin ich dann doch noch losgeworden und sie hat gefallen und ich muss sagen, es war eine schöne 3/4 Stunde, wir hatten alle viel Spaß. Wahrscheinlich machen wir diese Lesestunde jetzt jeden ersten Mittwoch im Monat.

Elke Bräunling
Da wird die Angst ganz klein
Lahn-Verlag (1998), 71 S. geb.
ISBN-10: 3784027113
ISBN-13: 978-3784027111

Erwin Moser
Der einsame Frosch
Beltz-Verlag, 2003, 90 S.
ISBN-10: 3407785585

Eine Zeitreise.. verglichen mit den Büchern, die ich die letzte Zeit so gelesen habe, etwas völlig anderes. Es wurde 1966 geschrieben, Brautigan bezeichnet es „Historische Romanze“, und so klingt es auch: romantisch, naiv, wie durch einen Blumenteppich gesiebt.

Um was geht es? Der Titel sagt es deutlich: Um eine Abtreibung. Der Ich-Erzähler arbeitet in San Francisco in einer Bibliothek der besonderen Art: Jeder, der ein Buch geschrieben hat, kann es dort hinbringen, es wird katalogisiert und dann darf der Autor es an einen selbstgewählten Platz stellen. Denn, „… Es kommt überhaupt nicht drauf an, wo ein Buch steht, weil nie jemand ein Buch heraussucht und nie jemand zum Lesen kommt. So eine Bibliothek ist das .. nicht. Dies ist eine ganz andere Bibliothek.„. [1] Und in dieser ganz anderen Bibliothek ist der Ich-Erzähler der Bibliothekar, dem die Menschen, die die Bücher zu ihm bringen, genauso wichtig ist wie die Bücher selbst. Nie verläßt er seine Bibliothek, Nahrungsmittel werden ihm unregelmäßig von einem zweiten Mitarbeiter gebracht, die Außenwelt kennt er nur noch aus dem Blick durch die Eingangstür und die Fenster.

Eines Tages kommt eine junge Frau von himmlischer Schönheit, einer Schönheit derart, daß sie zu Staus auf den Freeways führt wenn Männer sie sehen, zu ihm, ihm ein Buch zu bringen, in dem sie von ihrem Unglück erzählt, denn diese Schönheit, meint sie, gehöre nicht zu ihr, sei ihr eine unerträgliche Last. Sie fühlt sich wohl in der Bibliothek, fühlt sich verstanden vom Bibliothekar und bleibt bei ihm.

Sie wird schwanger und der Freund des Bibliothekars vermittelt sie an einen mexikanischen Arzt, der das Kind, für das sich beide noch nicht reif fühlen, abtreiben wird. Sie fahren dorthin, schweren Herzens, dem Bibliothekar ist die Welt fremd geworden, sie ist laut, schnell, hektisch, sie kennt keine Rücksicht mehr.

Doch der Rückweg in die Bibliothek ist ihnen versperrt. Obwohl sie nur einen Tag abwesend waren, ist der Platz am Empfang von einem anderen eingenommen worden, der sie bei ihrer Rückkehr vertreibt und in die Außenwelt zurück schickt.

Ich habe bei dieser Geschichte unwillkürlich an die biblische Schilderung der Vertreibung aus dem Paradies denken müssen (vielleicht weil die Lektüre von Belli: Unendlichkeit…. noch nicht so lange zurück liegt. Das Paradies ist hier die Bibliothek, die ihre Bewohner vor dem Außen schützt, aber mit Vida, dieser engelsgleichen schönen Frau kommt die Verführung und diese zieht nach sich, daß die beiden die Bibliothek, i.e. also das Paradies, verlassen müssen und ihnen die Rückkehr versperrt bleibt. Nun leben sie also in der „richtigen“ Welt und müssen sich da wieder zurecht finden, was sie auch schaffen. Ein klein wenig gelingt es ihnen, sich von der Unschuld zu bewahren, die sie in der Bibliothek hatten, und so scheint es, als ob sie auch in dieser Welt glücklich werden können.

Natürlich kann man die Geschichte auch viel handfester interpretieren, als Kritik am „American Way of Life“, als Verweigerung, diesen einfach nachzuleben und als Suche nach einem Ort, der einem mehr geben kann als nur Geld und Erfolg…. Vida und der Erzähler verweigern der Gesellschaft sogar das Kind, das Vida unter dem Herzen trägt, als ob sie sich noch nicht reif genug fühlten dafür, das Kind vor dieser Gesellschaft zu schützen.

An ein zweites Buch erinnert mich die Geschichte bzw. die Bibliothek, in der der Erzähler arbeitet, nämlich an den Friedhof der vergessenen Bücher von Zafon. Auch dies ein seltsamer Ort, an dem Bücher gesammelt werden, die keiner mehr kennt, die keiner lesen will, die ansonsten keine Heimstatt haben. Es würde mich mal interessieren, inwieweit Zafon Brautigans Idee von so einer Bibliothek gekannt hat….

Und eine Liebesgeschichte ist das Buch auch, eine großartige sogar, denn diese zwei Menschen haben sich gefunden und gehen durch diese Welt, die ihnen fortan einfach nichts mehr anhaben kann. Weder die Abtreibung noch die Flugangst, nicht das laute und agressive Straßenleben in Mexiko oder die Vertreibung aus ihrem Paradies kann sie erschüttern, alles scheint klein und nichtig gegen ihre eigene Geborgenheit und Welt.

Anmerkungen: [1] Gerade habe ich den netten Gedanken gefunden, mit diese Skizze hätte Brautigan irgendwie schon die Grundstruktur des Internets skizziert: jeder schreibe was er wolle und stelle es dorthin, wo er will… http://www.brautigan.de/drb6.htm. Die Verbindung von beidem, die Virtuelle Brautigan Bibliothek im Internet, scheint jedoch nicht zu funktionieren….

Links:

http://www.amazon.de/Abtreibung-Eine-historische-Romanze-1966/dp/3936054061

http://www.brautigan.net/abortion.html

Facit: Als Buch wunderschön, zumindest in der alten Eichborn-Ausgabe, die ich habe. Und auch eine schöne Romanze und daß mir die Idee mit der Bibliothek gefällt, versteht sich von selbst…

Richard Brautigan
Die Abtreibung
Eine historische Romanze
Eichborn, 1985, 206 S.
ISBN 3-8218-0150-6

es gibt aber mittlerweile Neuauflagen des Buches…