Franz Fühmann: Prometheus

21. November 2014

Im Mythos ist immer der ganze Mensch da, auch als Geschlechts-
auch als Naturwesen, aber nie auf diese reduziert.“ [3]

Die Sagen des klassischen Altertum von Schwab: wer von uns, zumindest den schon etwas älteren, ist nicht durch sie eingeführt worden in die Welt der Götter, Halbgötter und Menschen des alten Griechenlands? Die Bekanntschaft mit Zeus, Apollon, Herakles, Achilles und Odysseus (um nur ein paar wenige der Figuren zu nennen) haben wir ihnen zu verdanken. Ich hatte sie seinerzeit in einer Jugendausgabe (wo ist sie nur hin??), in ähnlicher Aufmachung wie den Robinson Crusoe, illustriert mit kleinen Bildchen, und ich kann sagen, daß ich sie fast auswendig konnte, zumindest kannte ich mich im Götterhimmel recht gut aus…

…jetzt also Prometheus.

Die Söhne des Iapetos: Atlas, der den Himmel trägt und Prometheus, an dem der Adler Ethon frisst Bildquelle [B]

Die Söhne des Iapetos: Atlas, der den Himmel trägt und Prometheus, an dem der Adler Ethon frisst
Bildquelle [B]

Was weiß man von dieser Figur? Angekettet an eine steile Felswand im Kaukasus, dem Adler (je nachdem auch dem Geier) ausgeliefert, der sich täglich seine Ration Leber holt. So hängt der Unsterbliche dort, ohne Speis und Trank und Zeus ist unerbittlich, bis schließlich Herakles den Prometheus erlöst. Grund für diese Strafe des Donnergottes war die Unbotmäßigkeit des Titanensohnes: er hat den Menschen das Feuer auf die Erde gebracht, gegen das ausdrückliche Verbot des Zeus….

Aber was alles geschah vorher, wessen Sohn war Prometheus, wie ist er aufgewachsen, was waren seine Erlebnisse?

Dies ist Thema der durch Fühmann nacherzählten griechischen Sage des Prometheus. Es ist auch eine Schöpfungsgeschichte, denn Prometheus, der ein Sohn der Titanen war, war somit ein Enkel der Gaia, der Erdgöttin, der Dunklen, Feuchten, Lebensspendenden, die, nachdem sich feucht und kalt und warm und heiß aus dem Chaos zu den Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft zusammengefunden hatten, zusammen mit Uranos, dem sich über die Erde spannenden Himmel, der ihr Sohn war und zugleich ihr Gatte, die Hekatoncheiren gebar. Die drei Brüder, furchterregend mit je Hundert Armen und Beinen und je fünfzig Rümpfen und Köpfen, schaurig, gewaltig und riesig, waren dem Uranos ein Greuel, deswegen sperrte er sie ein in den tiefsten Tiefen der Erde. Gaia daraufhin gebar die Titanen im Heimlichen und fortan verschmähte sie den Uranos, der ihr jedoch mit Gewalt bedrängte. So gab sie dem Kronos, dem jüngsten der Titanen eine quarzene Sichel, mit der dieser seinen Vater zerstückelte, ihm die Mannbarkeit abschnitt und ins Meer warf, das daraufhin fruchtbar wurde und Äonen später die Aphrodite aus Schaum gebären sollte.

Der Titanen waren es sieben und ihre Frauen waren Schwestern. Sie waren von riesenhaftem Wuchs: “.. Mit ihrer Ferse zermalmten sie Berge; ihr Durst trank Meere leer, ihr Atem zerblies die dichtesten Wolken, und si hätten Löwen und Krokodile und Elefanten fangen können wie Käfer, wenn ihre Augen und Hände für derlei winziges Krabbelzeug nicht viel zu groß gewesen wären…” Sie wachten über die belebte und die unbelebte Natur und sie wachten streng und unerbittlich. Aber der strengste und unerbittlichste der Titanen war Kronos, der jüngste von ihnen und schließlich waren es die anderen zufrieden, in ihren Grotten den Tag zu verdämmern und zu verträumen und Kronos die alleinige Herrschaft über die Welten zu belassen. So vergingen die Äonen ihrer Herrschaft…..

Nur Prometheus, der Sohn des Iapetos und der Themis war anders. Er war schlau und neugierig (“Ich will sehen, Mutter Erde, ich will alles sehen!” bettelte er seine Großmutter einst an….), im Gegensatz zu Epimetheus, seinem Bruder, der ebenso träge wie die anderen vor sich hindöste. Prometheus trieb sich viel auf der Welt herum, war gerne auf der Erde und lernte dort Gaia, seine Großmutter kennen, die ihm die Gabe der Zukunftssicht schenkte.

Gaia hatte eine Prophezeiung für ihren Sohn Kronos: ein Sohn werde ihn vom Thron stürzen. Und da Rhea, seine Frau gerade neues Leben unter dem Herzen trug, bekam er Angst. Als Rhea ihm dann seinen Erstgeborenen zeigte, nahm er ihn, riss sein riesiges Maul auf und verschlang den Säugling, den zu töten unmöglich war, war er doch ein unsterblicher Titan wie seine Eltern. Fünfmal geschah es so, daß Kronos seine Kinder verschluckte und in seinem Inneren gefangen hielt: Hades, Poseidon, Hera, Hestia und Demeter. Beim sechsten Kind jedoch griff Rhea zu einer List, sie umwickelte einen schweren Stein mit goldenen Windeln und versteckte ihren Letztgeborenen, der Zeus hieß vor seinem Vater.

Zeus wuchs auf Kreta auf, gesäugt von der Ziege Amalthea. Oft war Prometheus bei ihm, so oft, daß Kronos misstrauisch wurde und glaubte, Rhea hätte Zwillinge geboren, von denen sie eins vor ihm versteckt hielte. Doch mit viel List konnten Gaia und Prometheus Kronos immer wieder beruhigen, bis irgendwann der Zorn des Kronos über den jungen Titanen Prometheus so stark gewachsen war, daß er ihn verbannen wollte ins kalte Nordeis. Die Zeit des Handelns war gekommen….

Mit Hilfe von Gaia schmiedeten Zeus, der von seiner Großmutter die Gabe erhalten hatte, seine Form und Größe nach Belieben zu ändern, und Prometheus einen Plan, die Geschwister zu befreien, Kronos zu überwältigen und die Titanen zu entmachten…..

Der Sturz der Titanen von Peter Paul Rubens, 1637-1638, Musée Royaux des Beaux Arts, Brüssel Bildquelle: [B]

Der Sturz der Titanen von Peter Paul Rubens, 1637-1638, Musée Royaux des Beaux Arts, Brüssel
Bildquelle: [B]

Es war ein ungeheurer Kampf, der sich entspann, es wogte hin und her, für viele Jahre konnte keine Seite die andere niederringen. Berge wurden ausgerissen, Täler zugeschüttet, Flüssen verlegten ihren Lauf und die Küsten des Meeres zerfransten. die Welt war in Unordnung. Dann aber gelang es Prometheus, unüberwindliche Helfer heranzuholen, gegen die die Titanen nichts mehr ausrichten konnten, die mit jedem Wurfe dreihundert Felsblöcke auf die Häupter der Titanen schleuderten und die so die Schlacht für die neuen Herren entschieden……

Zeus und seine Geschwister sowie Prometheus errangen den Sieg, errangen die Herrschaft über die Welt. Die Titanen wurden in der Unterwelt eingeschlossen. Das neue Geschlecht, das jetzt herrschte, wurde Götter genannt. Und sie ließen sich nieder auf dem höchsten Berg, dem Olymp und Zeus in seiner Unbeherrschtheit zerstörte die Ordnung des Berges und die Nymphe, die Hüterin der Wässer des Olymps kam, ihn zurecht zu weisen. Doch sie kannte Zeus noch nicht, der sie auf den Boden warf, mit seiner Manneskraft füllte und sie, um seine Tat zu verschleiern, verschluckte wie es einst Kronos tat mit seinen Geschwistern. Doch Metis, die klettern konnte, hielt sich im Rachen fest und suchte sich dort eine Höhlung, in der sie, klein geworden wie eine Beere, fortan hauste und dem Zeus zuweilen gräßliche Kopfschmerzen bescherte.

Die neuen Götter teilten die Reiche unter sich aus, Hades bekam den dunklen Untergrund, Poseidon die Meere und Demeter das Planzenreich. Prometheus dagegen bekam nichts. Doch Zeus wurde das Amt des Fürsten angetragen, das er annahm und fortan war der Herr aller und Hera seine Gattin.

Von den Kindern, die Hera Zeus gebar, nahm dieser den rotbehaarten Krüppel, den diese ihm zeigte und von dem er nicht glaubte, daß er der Vater sein könne, an den Füssen und schleuderte ihn weit fort von sich. Hephaistos, so der Name des verkrüppelten, fiel hart, brach sich Bein und Hüfte, doch Gaia kam, ihm zu helfen. Es war eine harte Schule, durch die Gaia ihn schickte, doch am Ende war er ein Meister, ein Meister der Schmiedekunst….

… und so mächtig Zeus auch war, als Prometheus im Hephaistos brachte, sah er, daß er diesen brauchte, denn dieser konnte Waffen schmieden und anderes aus Metall. Und so schmeichelte Zeus seinem verstoßenen Sohn, hüllte ihn mit gar süßen Worte ein und erhielt aus Dank von dem Geblendeten eine furchtbare Waffe, die ihn zum Schrecken aller Wesen werden ließ: er konnte Blitze schleudern, die alles in Brand setzten, was sich ihnen in den Weg stellte….

Buchcover

Buchcover

Was machte Prometheus? Er war fremd geworden, weilte nicht mehr gerne auf dem Olymp, er durchstreifte lieber das All auf der Suche nach anderen Orten, auf denen vielleicht noch Leben wäre, doch er fand keinen. Es gab nur diese Erde. Doch als er auf diese Erde zurückkam, war er nicht mehr gelitten, war er ein Ausgestoßener: Zeus hatte gezeigt, wie furchtbar seine Blitzschleuder war und alle machten ihm, Prometheus, den Vorwurf, Hephaistos zu Zeus gebracht zu haben. Zeus verbannte den ehemaligen Waffenbruder, ein Land könne er sich aussuchen, in das würde er, Zeus, seinen Fuss nie setzen. Doch Prometheus selbst dürfe sich ausserhalb dieses Landes nicht sehen lassen, sonst sei der Pakt gebrochen.

Hier endet der Mythos, so wie ihn Fühmann nacherzählt.. nein, nicht ganz: sonst hatte es Fühmann nicht gegeben und nicht uns, die wir das lesen…. das Geschlecht der Menschen musste noch geschaffen werden….

Hier sitze ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen
Zu geniessen und zu freuen sich
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

[Goethe, Prometheus, letzte Strophe]


Es ist ein gewaltiger Mythos, den Fühmann in diesem Epos von Prometheus nacherzählt. Und da es ein Mythos ist und kein historisches Ereignis, gibt es auch verschiedene Versionen davon. Man merkt dies, wenn man in anderen Quellen zur Geschichte des Prometheus liest… Diese Erzählung hier jedenfalls ist gewaltig, sie ist intensiv, sie rüttelt auf und manchmal meint man die Erde sich erschüttern hören, wenn man über das Schlachtengetöse z.B. des Titanenkampfes liest. In diesem Sinne ist das Buch beste Unterhaltung, spannendste Lektüre und auch eine sehr interpretationsfreudige Geschichte.

Denn natürlich kann man aus dem Erzählten vielerlei herauslesen. Zeus… schon als Gaia ihm die Macht der Verwandlung gab, nahm er diese mit viel Übermut und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen war, Prometheus jedoch verteidigte ihn gegen seine Großmutter. So ist es auch augenscheinlich, wie sich Zeus während seiner Herrschaft in seiner Art immer mehr der des Kronos annäherte, ja, schlimmer war als Kronos, da dieser “nur” streng und unerbittlich war, aber letztlich berechenbar blieb, während Zeus dazu noch sprunghaft, launisch, berechnend und misstrauisch war. Erst nach der “Geburt” der Athene (seiner Tochter mit Metis, die seinen Schädel beinahe zum Platzen gebracht hätte und bei der dann Hephaistos mit seinem Beil den Geburtshelfer spielte) wurde Zeus wieder ein wenig ruhiger, aber immer blieb er ein launischer, machtbewusster Herrscher.

Gaia ist die Mutter, die Duldende, die Leidende. All ihre Kinder, seien es die Hundertarmigen oder die Titanen (und auch die Giganten sowie andere Ungeheuer, wie gesagt, der Mythen sind viele…) gehen unter, werden unter der Erde in Gefangenschaft geschlagen. Gaia weint um ihre Kinder, sehnt sich nach ihren Söhnen…. Dereinst werden auch ihre Enkel, die Götter, sterben und überleben werden ausgerechnet die Schwächsten, die Sterblichen.

Gaia steigt aus dem Boden auf und übergibt Erichthonios an Athena. Rechts davon Kekrops. Melisches Relief, um 460 v. Chr. Bildquelle: [B]

Gaia steigt aus dem Boden auf und übergibt Erichthonios an Athena. Rechts davon Kekrops. Melisches Relief, um 460 v. Chr.
Bildquelle: [B]

In der Geschichte Fühmanns verliert Gaia im Lauf der Geschichte immer mehr an Substanz. Mit jedem Geheimnis, das sie verrät, mit jeder Gabe, die sie verleiht, verliert sie selbst. Zum Schluss hat sie noch die Größe eines Käfers und ihre letzten Worte sind die, nach denen Prometheus aus Schlamm den Menschen formt. Doch wäre dieses Werk nicht gelungen, hätte nicht Hermes, der Götterbote ihm zur Seite gestanden. In dieser Episode findet sich auch eine witziges Detail: um das weibliche Prinzip im Menschen zu verankern, müssen ein männliches und ein weibliches Wesen den Figuren aus Lehm Leben einhauchen. Als weibliches Wesen ist aber nur die Ziege Almathea greifbar…. vielleicht zicken Männlein und Weiblein deswegen hie und da mal ein wenig herum, wer weiß?

Am Ende des Mythos, dieses Mythosses, wird Gaia nur noch Erde sein, sie wird keine Kinder mehr bekommen, keine Nachfolger. Es wird nicht noch einmal ein Kampf ihrer Söhne und Töchter gegeneinander geben, diese Götter werden von anderen gestürzt werden, die zwar aus ihr, aber von anderen geschaffen und ins Leben gebracht werden. Das Wissen darum ist das letzte Vermächtnis der Gaia, ihre letzte Kraft, die letzte Gabe, die sie zu geben hat und sie hinterläßt sie ihrem Liebling, dem Enkel Prometheus.

Und der Titelheld Prometheus? Er, der “Vorausdenker”, der ein Stück in die Zukunft zu sehen begabt wurde, ist die tragische Figur des Mythos. Von Geburt ein Titan fügt er sich jedoch nicht in die Regeln. Er ist ungehorsam, erkennt und fürchtet die Autorität und die Macht des Onkels zwar, dies hindert ihn aber nicht, seinen eigenen Willen zu entwickeln und ihm nachzugehen. An den Scheidepunkten des Mythos, dort, wo sich weist, wie es weitergehen soll, geht er trotz aller Angst die Risiken ein: er trotzt dem Kronos, er hintergeht ihn, zusammen mit Zeus entwickelt er einen Schlachtplan, ihn zu entmachten.

Prometheus gehört nirgends wirklich dazu, er ist zum Einzelgängertum verurteilt. Aus der Titanenart geschlagen ist er für das neue Geschlecht der Götter (die ja ihrerseits auch von Geburt aus Titanen sind und die Cousins des Prometheus) immer noch ein Titan, ein Fremdling, einer, der nicht dazu gehört. Und er ist ein Verräter, hat das eigene Geschlecht verraten, es bekämpft und besiegt – Prometheus teilt jetzt das Schicksal aller Verräter, daß er nämlich noch einmal Verrat üben könnte, gefährlich werden könnte, hintergehen könnte…. so wird Prometheus bei der Verteilung der Aufgaben nicht berücksichtigt, von Zeus wird er mit Bedacht und schmeichelnden Worten oft und lang auf Reisen geschickt, bis er selbst keine Lust mehr hat, zu seinen ehemaligen Kampfgenossen zurück zu kehren. Wie vormals streift er lieber durch die Welten auf der Suche nach Neuem, bis er endgültig verstoßen wird. Die Sage von Prometheus als demjenigen, der den Zeus hinterlistig hintergeht und der den Menschen gegen den Befehl des Donnerers das Feuer bringt und der als Strafe dafür an den Felsen geschmiedet wird, ist jedoch nicht mehr Teil der Nacherzählung Fühmanns, sie schließt sich inhaltlich dort an, wo diese endet.


“Prometheus” ist ein gewaltiger Mythos, letztlich ist es der Mythos, mit dem das griechische Altertum das Erscheinen des Menschen auf der Erde beschrieb. Wieder die Schaffung des Menschen aus Lehm und Ton und Odem, als sterbliches Wesen (das mit Bedacht, denn Unsterblichkeit bedeutet Trägheit und Faulheit), aber auch und gerade in der Hand der Götter, die mit nicht immer erkennbarem Willen willkürlich an ihnen handeln werden. Das Buch, die Nacherzählung Fühmanns, wird der Wucht dieser Geschichte gerecht: es packt einen, es ist eine archaisch Szenerie von Riesen und Titanen, von mythologischen Figuren, von Helden und Dummköpfen, von Hinterlist, Willkür, Zorn und auch Liebe.

Blick ins Buch

Blick ins Buch

Illustriert ist die mir vorliegende Buchausgabe aus der “Edition Büchergilde” mit Bildern von Angela Hampel. Es sind großflächige Bilder in plakativen Farben, die Künstlerin verwendete viel Rot und Gelb. Oft sind es Gesichter, aber es sind tote Gesichter, Antlitze, deren Augen oft geschlossen oder wie blind. Es ist kam eine Mimik zu sehen, es scheinen tumbe Geschöpfe zu sein, die die Bilder zeigen, Gesichter, die nicht sehen, die zu Geschöpfen gehören, die nicht “sind”. Damit passen die Bilder gut in die Geschichte, die ja in großen Teilen von den vor sich hin dämmernden Titanen handelt, persönlich (aber das ist natürlich Geschmackssache) gefallen tun sie mir nicht….

Wie auch immer: die Lektüre des Buches (das ich garnicht mehr weglegen wollte) war eine wunderbare Erinnerung an meine frühe Jugendlektüre und nach Jahrzehnten wieder einmal eine ebenso fantastische “Reise” in die griechische Mythologie.

 

Links und Anmerkungen:

[1] Informationen zum Autoren:
- http://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/schriftsteller-franz-fuehmann-erinnerung-brennt/1553656.html
[2] Griechische Mythologie Wiki: http://griechische-mythologie.wikia.com/wiki/Griechische_Mythologie_Wiki
[3] zitiert nach: http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz97_11/text34.htm

[B]ildquellen:

Franz Fühmann
Prometheus
Die Titanenschlacht
mit Bildern von Angela Hampel
diese Ausgabe: Edition Büchergilde, HC, ca 240 S., 2004

Siegfried Lenz: Der Verlust

19. November 2014

Screenshot (Detail)  Quelle: [1, youtube-clip]

Screenshot (Detail)
Quelle: [1, youtube-clip]

Der Schriftsteller und Autor Siegfried Lenz, einer der Großen der deutschen Nachkriegsliteratur, ist am 7. Oktober 2014 gestorben [1]. Durch Zufall hatten wir in unserem Lesekreis genau um diese Zeit vereinbart, seinen Roman: “Der Verlust” aus dem Jahre 1981 zu lesen.

Vordergründig und nach dem Klappentext geht es um die Frage, was wir erwarten müssen, wenn uns die Sprache abhanden kommt, was wir im stummen Zustand noch wert sind, wenn wir uns durch Sprache nicht mehr ausdrücken können. Liest man den Roman jedoch, verstärkt sich immer mehr der Eindruck, daß nicht unbedingt der erstummte Protagonist Ulrich Martens im Mittelpunkt der Handlung steht, sondern seine Freundin Nora Fechner. Aber widmen wir uns erst einmal eben dieser Handlung des Buches.


Uli Martens ist Fremdenführer in einer norddeutschen Stadt, die nicht näher bezeichnet wird, sie liegt aber an der Küste. Obwohl er dies noch nicht lange ist (Ulrich Martens hat im Lauf seines Lebens viele Berufe ausgeübt, da er unstetig ist und oft neues unter dem Deckmantel einer angeblichen “Flexibilität” ausprobiert) ist er sehr beliebt, weil er es versteht, den Touristen seine Stadt mit Humor nahe zu bringen, ohne daß er, im Gegenteil: sogar, gerade weil er auch die Schattenseite nicht verschweigt. Ulrich Martens lebt durch seine Sprache, er beherrscht das Reden so gut, daß sein Partner auch nach einem halben Jahr und drei Führungen pro Tag (an Sonntagen vier Führungen) immer noch an seinen Lippen hängt…..

An diesem Tag jedoch scheint sich Uli nicht wohl zu fühlen, die Pointen sitzen nicht richtig, er macht einen unsicheren Eindruck, auch körperlich. Er bricht die Führung ab, kann noch zu Nora in die Wohnung, wo er dann aber mit einem Schlaganfall zusammenbricht. Während Nora völlig hilflos ist, behält ihre Vermieterin, Frau Grant, einen klaren Kopf und ruft den Krankenwagen. Uli wird ins Krankenhaus gebracht, er hat Lähmungserscheinungen und kann nicht mehr reden.

Der Kranke möchte nicht sehnlicher als seine Freundin sehen, diese jedoch ist von der Situation völlig überfordert und sieht sich nicht in der Lage, ihn im Krankenhaus zu besuchen. Erinnerungen an einen Robert, den sie früher kannte und den sie lange im Krankenhaus besuchte und der nach knapp einem Jahr Leidenszeit starb, werden wach: offensichtlich ist Nora immer noch von diesem Ereignis blockiert und traumatisiert. Anstatt des erflehten Besuches informiert sie Ulis Bruder Frank über dessen Erkrankung und erfährt, daß die beiden Brüder sich einer Frau wegen vor sechzehn Jahren unversöhnlich zerstritten haben, Uli hat seitdem jeden Kontakt abgelehnt.

Zeitweise findet Nora Halt an ihrer Vermieterin. Als diese jedoch mit dem Mord an einem ihrer Lieblingsschüler konfrontiert wird, ist Nora auf sich gestellt. Immer dringlicher werden die Bitten Ulrichs um einen Besuch durch Nora, er kann sich mittlerweile schriftlich rudimentär artikulieren und übermittelt ihr die Botschaft, sie solle in seine Wohnung ziehen, was für Nora undenkbar ist. Zwischenzeitlich wird Nora von den Eltern angerufen, denen die Wohnung gekündigt worden ist. Sie kommt der Bitte um Hilfeleistung nach, hat sie damit doch einen Grund, die Stadt zu verlassen.

lenz verlust

Da Nora Uli nicht besucht, “flieht” dieser seinerseits aus dem Krankenhaus, um zu Nora zu gehen, ausgerechnet an dem Tag, an dem Nora mit dem Mut der Verzweifelung ins Krankenhaus gekommen ist. Mit seinem Stock läßt Lenz nun seinen Protagonisten quer durch die Stadt tappern, stolpern und torkeln, in Bussen, Taxen und zu Fuß. Auch bei Noras Eltern, die etwas ausserhalb wohnen, fällt er ein. Da diese nichts von einem Freund ihrer Tochter wissen, reagieren sie abweisend, Hilfe für den offensichtlich nicht “normalen” Mann bieten sie nicht an. Überhaupt: obwohl er einen seltsamen Eindruck machen muss ob seiner im Bemühen, sich zu artikulieren stetig hervorquellenden Augen und der sich verkrampfenden Halsmuskulatur, kümmert dies anscheinend niemanden, allenfalls stört dieser Mensch im Stadion, in das er geht, weil er vermeint, Nora dort gesehen zu haben, bei der Sicht…. Immer wieder die Versuche zu sprechen, die angestrengten Versuche, Laute aus der Kehle zu pressen, die immer wieder nicht hinaus wollen. Dabei ist ihm selbst doch im Kopf alles so klar….

Endlich bricht er zusammen, vor dem Stadion liegt er auf dem Bauch im Dreck. Für die beiden Polizisten, die geholt wurden, ein Besoffener bzw. ein Irrer, der auf die Wache geschleppt wird. Erst dort und erst nach geraumer Zeit holt jemand einen Krankenwagen und Ulrich Marten kehrt ins Krankenhaus zurück.

Inzwischen haben Frank Marten und seine Frau Kontakt zu Nora gesucht mit der Bitte, Uli etwas auszuhändigen. Von Hilde Marten erfährt Nora einige Sachen über Uli von früher…. dies macht ihr die Frau nicht gerade sympathischer, aber irgendetwas ist in Nora geschehen, sie birst danach geradezu vor Selbstbewusstsein und Entschlusskraft. Nicht nur, daß sie sich jetzt die Anordnung der gemeinsamen Möbel in Ulis Wohnung versucht vorzustellen, nein: sie geht mit Obst ausgerüstet zu Uli ins Krankenhaus und unterbreitet ihm den Plan, doch ein Fertighaus mit Veranda zu kaufen.

Ungläubig schaut Uli auf seine Lebensgefährtin, greift sich den Notizblock und krakelt angestrengt zwei Worte hin: “Kein Mitleid”, zwei Worte, die beinahe wieder alles zerstören, weil sie Nora zurückweisen, zurückstoßen… und doch: Nora setzt sich auf die Kante des Bettes und nimmt Ulis Hand. Als es an der Tür klopft, blicken beide dorthin.


Das Roman gliedert sich quasi in zwei Teile. Im ersten Teil, nachdem Ulrich M. seinen Schlaganfall erlitten hat und im Krankenhaus ist, konzentriert sich Lenz mehr auf dessen Lebensgefährtin Nora. Diese arbeitet in einer Leihbücherei, sie fühlt sich sicher in den Listen, in denen sie die nicht wieder zurückgebrachten Bücher aufführt – das wahre Leben draußen ist ihr zuviel, bedeutet zuviel Herausforderung und verlangt zuviel Selbstbewusstsein. Ihr Lebensgefährte liegt mit einer schweren Erkrankung im Krankenhaus und sie ist nicht in der Lage, ihn zu besuchen, was die natürlichste und spontanste aller Handlungsoptionen sein sollte. Statt dessen muss die Vermieterin, Frau Grant, ein paar Sachen zu Ulrich bringen… Selbst nachdem der behandelnde Arzt persönlich bei Nora vorbeikommt, kann sie sich nicht aufraffen, den immer drängenderen Bitten des Erkrankten um Besuch nachzukommen. Statt dessen verkriecht sie sich für ein paar Tage bei ihren Eltern, denen vom neuen Besitzer der Wohnungen das Mietverhältnis gekündigt worden ist und die den Beistand der Tochter in dieser Situation erbaten.

Ulrich M. ist da ganz anders. Kommunikativ und sich durch sein Reden definierend bricht mit dem Schlaganfall und dem Verlust der Sprache eine, seine Welt für ihn zusammen. Zwar macht er relativ rasche Fortschritte in der Therapie, doch gemessen an dem Verlust, den er erlitten hat, sind sie gering. Kaum daß er mit viel Anstrengung Buchstaben auf Papier kritzeln kann, die dann zu Wörtern und Aussagen kombiniert werden müssen… im Kopf ist alles vorhanden, die Sätze, die Wünsche sind formuliert und sprechbereit, doch kommen sie einfach nicht hinaus und stecken fest allenfalls ein unverständliches Bellen und Knurren entfleucht seiner Kehle….

Lenz läßt seinen Protagonisten eine Odyssee durch die unbenannte Stadt am Meer wandern, um Nora zu finden. Er muss ihr offensichtlich etwas existentiell wichtiges mitteilen. Mitleidslos und ohne Empathie entgegengebracht zu bekommen torkelt er durch die Straßen, erklimmt er Busse und kriecht in Taxen. Der Stock, den er mit genommen hat, ist kaum eine Hilfe für ihn und doch durchquert er die Stadt im eisernen Willen, seine Freundin zu finden. Ist es Liebe oder das Wissen, daß er sonst niemanden hat? Was erwartet er von Nora? Ist der geäußerte Wunsch, daß Nora in seine Wohnung zieht, jetzt, in dieser Situation, nur das Bestreben, eine 24h-Betreuung für sich zu organisieren oder ist es eine verkappte Liebeserklärung? Und weiß er so wenig von seiner Freundin, daß er wirklich erwartet, sie würde dem Wunsch ad hoc entsprechen?

Er, der sich nie festlegte, sich immer ein Türchen offenhielt, bei Problemen “flexibel” war und ging, etwas anderes anfing: jetzt, wo er nicht mehr kann, will er sich festlegen. Ulrich M.: ein Opportunist?  Ein Mann, der nach dem Strohhalm “Nora” grapscht, weil er merkt, daß er ohne Sprache, ohne sich verständlich machen zu können, unverstanden bleibt und all das, was ihn ausmachte, nicht mehr existiert? Fragen über Fragen….

Fakt ist, daß sowohl Nora als auch Uli kaum andere Sozialkontakte haben als sich. Über die Intensität ihrer Beziehung schweigt sich Lenz aus, jedoch deutet die Tatsache, daß in Noras Wohnung Wäsche von Uli liegt, darauf hin, daß man es Beziehung nennen kann. Die beiden Menschen sind gegensätzlich (so wie ihre Möbel, die ebenfalls nicht zusammenpassen), während Nora in der Ereignislosigkeit des Landlebens einen Fluchtpunkt sieht, braucht Uli die Stadt. Fraglich, wie sich hier ein Zusammenleben gestalten könnte.

.. und dann noch dieser Nebenkriegsschauplatz, der Zwist, das Zerwürfnis mit dem Bruder Frank und seiner Frau Hilde, die vor sechzehn Jahren eigentlich Ulrichs Frau werden sollte, die dann aber den beständigeren Bruder dem sprunghaften, immer wieder ausweichendem Ulrich vorzog. Jetzt, wo es Ulrich M schlecht geht, wo er den Bruder, der ihn zu besuchen versuchte, des Zimmer verwiesen hat, mit Gesten, indem er sich wegdrehte, liebe die Wand ansah als den Bruder, wollen sie ihm offenbaren, wie sehr sie ihn die ganzen Jahre über heimlich unterstützten – Nora soll ihm die Belege dafür geben, Nora soll wissen, wie es damals “wirklich” war, denn von Ulrich hat sie nichts erfahren, sie wusste von Hilde nichts. Es wirkt kleinlich, rechthaberisch, besserwisserisch wie Hilde Nora aufklärt – aber ist es nicht doch verständlich, daß sie dies Angestaute einem Menschen erzählen will, ja, endlich einmal erzählen muss – und wer käme als Adressat prinzipiell besser in Frage wie Ulrichs jetzige Freundin – die sich freilich verweigert, Ohr zu sein, zuzuhören, zur Kenntnis zu nehmen. Im Gegenteil, scheint die Mauer, die sie um sich gebaut hat, durch die Suada Hildes zu bröckeln, wie in einer “jetzt-erst-recht”-Reaktio bekennt sich Nora nach dem abschiedslosen Abschied von Hilde innerlich und auch äußerlich zu Ulrich: so wenig wie die jeweiligen Möbel in der kleinen Wohnung Ulrichs zusammen harmonieren so wenig würden es die Menschen tun: etwas größeres muss her, etwas mit Platz für beide Individualitäten: ein Haus mit Veranda. (Wie dies zu finanzieren sei, jetzt, in dieser Situation: das ist hier und jetzt das Problem des Schrifstellers nicht…)


Man sieht, ein gedankenschweres, inhaltsschweres Werk, ein Autor, der hinter die Fassaden schaut, der nicht den Bagger (oder Radlader) auf der Straße sieht, sondern ein gelbes Ungeheuer, bedrohlich (weil es den Weg einreißt?) und gefährlich (weil es immer wieder mit seinem Hinterteil in den Weg schwenkt?), ein Autor, der seine Figuren winken läßt, aber auch die “Produktion eines Winkens” kennt. Ein Autor, der in einem ansonsten distanziert formulierten Roman im Moment, da er einer seiner Figuren mit einem großen Unglück konfrontiert, diese derart beschreibt: “Ihr Gesicht, das einen eulenhaften Ausdruck angenommen hatte, war verschmiert, eine dünne Schleimfahne glänzte auf der Oberlippe … verfettete, dellenreiche Schenkel… verklebte Wimpern …” Wozu dient diese detaillierte Beschreibung seiner Figur, insbesondere die Details über ihre Schenkel, die nun kaum etwas mit der Handlung oder der aktuell geschilderten Situation zu tun haben…. Lenz scheint Frau Grant nicht geliebt zu haben, jetzt, wo sie vom Schicksal geschlagen ist, versetzt ihr Lenz, der Autor, noch einen zusätzlichen Hieb, der sich aber in seiner Ausführung eher gegen den Autor selbst richtet.

Mit Nora und Uli hat Lenz zwei einsame Menschen geschaffen. Für Nora ist der Wunsch, in “einer Zeit der Ereignislosigkeit, ohne Erschütterungen zu leben, in Verhältnissen, die nicht fortgesetzt Entscheidungen nahelegten – das, dachte sie, müßte Glück sein.” Wie schon gesagt, Sozialkontakte gibt es kaum, eine große Rednerin ist sie wohl auch nicht, am wohlsten fühlt sie sich in ihrer Bücherei. So sehr ist sie in ihrer Welt gefangen, daß diese Blockade selbst durch das Unglück, daß ihren Freund (auch wenn die Intensität der Beziehung nicht klar geschildert wird) existentiell trifft, nicht aufgelöst wird: sie ist nicht in der Lage, ihn zu besuchen, ihm benötigte Sachen ins Krankenhaus zu bringen, selbst der dringenden Aufforderung des Arztes, um der Heilungschancen willen Uli zu besuchen, kommt sie nicht nach, erst sehr spät überwindet sie sich letztlich doch, ins Krankenhaus zu gehen.

Uli.. zwar redet er gerne und gut, hat aber als einzige Bezugsperson auch nur seine Partnerin. Insofern sind beide aufeinander angewiesen – wären beide aufeinander angewiesen, wenn Nora diese Rolle angenommen hätte. Da sie dies (vorerst) nicht tut, flieht Uli aus dem Krankenhaus und begegnet einer Umwelt, die ihn zur Kenntnis nimmt, aber nicht erkennt, daß er krank ist. Unbelästigt von jedem Hilfsangebot stolpert er durch die Stadt, bis er wieder zusammenbricht. Aber was machen wir selbst, wenn wir in der Stadt jemanden sehen, der vor sich hinsabbert, sich nicht (mehr?) richtig bewegen kann, nicht verständlich redet? Abstand halten wohl meist, reflexartig und vorurteilsbeladen auf “Besoffen” tippen… nur keinen Ärger einhandeln, einen großen Bogen drum herum machen.

In meinem Lesekreis bin ich mit meiner deutlich formulierten Aussage, ich würde einen Menschen (wie Nora), der nicht in der Lage ist, seinen Partner, der einen Schlaganfall erlitten hat, im Krankenhaus zu besuchen, als “therapiewürdig” ansehen, auf deutlichen Widerspruch gestoßen. Seltsamerweise waren es die Männer, die eher meiner Meinung waren, während die Frauen Verständnis für Nora aufbrachten, ihr Zögern und ihre Abwehr nachvollziehen konnten. Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, daß ein durch frühere Erfahrungen offensichtlich derart traumatisierter Mensch Hilfe bräuchte (um das Widerstand hervorrufende “therapiewürdig” zu vermeiden), aber im Lesekreis haben wir uns bei dem Kompromiss getroffen, daß Nora ein paar Tage Zeit brauchte, um sich auch innerlich zu Uli zu bekennen.

Das eigentliche (Klappentext) ist jedoch der Sprachverlust des Protagonisten. Dieser wirft ihn (in Verbindung damit, daß er auch nicht mehr schreiben kann) zurück auf sich selbst: seine Welt ist inwändig geworden, in ihm ist alles klar und eindeutig, aber die Verbindung nach draußen ist gekappt. Er ist zum Fremdkörper geworden, zu dem, der auffällt, der stört, der hinderlich ist. Die Welt funktioniert nur, indem sie kommuniziert, jeder, der sich dieser Tatsache entzieht, lebt ausserhalb dieser Welt….

“Der Verlust” ist für mich eins dieser typischen deutschen Bücher der 70er und 80er Jahre, gedankenschwer, schwurbelig in der Sprache, mit Figuren, mit denen ich mich in keiner Weise identifizieren kann, noch nicht einmal das Einfühlen ist mir möglich. Sie sind mir fremd, sie bleiben mir den ganzen Roman über Fremde. Andere Leser sehen dies anders, dies hat in meinem Lesekreis zu einer intensiven, lebhaften, kontroversen Diskussion geführt, einer Auseinandersetzung, die Spaß gemacht hat und fruchtbar war… In dieser Hinsicht wenigstens war der Roman durchaus ein Gewinn…

Links und Anmerkungen:

[1] zum Tod von Siegfried Lenz z.B. hier: http://www.sueddeutsche.de/news/kultur/literatur-schriftsteller-siegfried-lenz-gestorben-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-141007-99-03352
siehe auch diesen filmischen Nachruf: https://www.youtube.com/watch?v=KFrLCjcw2Vo

[2] Der Roman wird/wurde vom ZDF verfilmt: http://www.derwesten.de/kultur/fernsehen/zdf-dreht-neuen-siegfried-lenz-film-der-verlust-id8456575.html
(Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=X-ZBLSg-_2U)

Siegried Lenz
Der Verlust
Erstausgabe: Hamburg, 1981
diese Ausgabe: Bertelsmann Buchclub, HC, ca. 220 S., o.J.

adriana altaras: doitscha

17. November 2014

doitscha cover

Adriana Altaras hatte 2011 mit ihrer Familiengeschichte “Titos Brille” großen Erfolg sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum. Drei Jahre später legt die in Zagreb geborene und jetzt mit ihrer Familie in Berlin lebende Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin mit “doitscha” ihr neues Buch vor.

doitscha“, der Titel erklärt sich am besten, wenn man ihn laut ausspricht, dann verrät er nämlich schon einiges über den Inhalt des Buches: er handelt vom Deutschen und zusammen mit dem etwas reisserischen Untertitel: “eine jüdische mutter packt aus” ist das Thema klar umrissen: es geht um eine spezielle Beziehung, speziell und besonders von beiden Seiten: Deutsche und Juden, Täter und Opfer, die jetzt aber, nach vielen Jahrzehnten als Nachfolgegeneration vereint sind in einer Schublade: sie sind beide Kinder und Kindeskinder…..

… aber es geht nicht nur um dieses Verhältnis im Großen, sondern auch das en Detail, denn die Familie Altaras bietet mancherlei auf dem Beziehungssektor: sie ist Jüdin, die beiden Söhne sind daher auch Juden, der Lebensgefährte (Ehemann wird er erst am Ende der Geschichte) ist dagegen ein münsterländer Westfale wie er im Buche steht. Die Partner sind vom Temperament her so unterschiedlich wie Wirbelwind und Flaute: ist sie lebhaft bis hin zum Aufgedrehten, so hat er das stoisch-phlegmatische Temperament des eingeborenen Münsterländers.

David, der ältere Sohn, ist hochintelligent (auch wenn das dem Buch nicht direkt entnommen werden kann), geht auf eine jüdische Schule, hat zwei Klassen übersprungen. Für ihn ist der Vater “doitscha”, was beileibe nicht als Kompliment gemeint ist, zwischen ihm und seinem Vater scheint es kaum Übereinstimmung zu geben. Die interne Kommunikation der beiden hat ihre Höhepunkte in den Ringkämpfen und dem Vertilgen unmäßiger Salatmengen. Überhaupt wendet David viel Energie auf, seine Eltern zu provozieren. So verläßt er schon mal die Wohnung in Richung Oma, mit dem festen Willen nicht mehr zurück zu kehren, landet jedoch am falschen Bahnhof, der von Fernzügen nicht mehr angefahren wird. Intelligenz ist eben doch nicht alles: für die Mutter sind das gefundene Fressen, ihre ironische Ader auszuspielen.  Konstruktive Ideen über seine eigene Zukunft (das Abitur steht vor der Tür) sind bei David dagegen rarer gesät. Von postabituriellen Auslandsreisen bin hin zum Plan, seinem Land (i.e. Israel) zu dienen und zum Militär zu gehen, ist alles im Bereich des Möglichen. Insbesondere die Vorstellung, ihr Sohn würde tätige Hilfe für Israel leisten, bringt die Mutter nahe an den Wahnsinn, der Vater dagegen schätzt Bequemlichkeit und Trägheit seines Sohnes realistischer ein. Einzig zu Davids Patenonkel Aron war das Verhältnis gut und unproblematisch, doch Aron stirbt…

Der jüngere Sohn Sammy besucht eine deutsche Schule und hat einen buntgemischten Bekanntenkreis, was ihn nach Willen der Eltern ein wenig fern halten soll von allzuviel jüdischem. Schließlich haben sie das Ergebnis bei David gesehen…. Sammy ist noch unkompliziert, die Wallungen der Pubertät sind noch fern…

“Nichts stimmt, wie es im Buch steht, aber alles ist wahr.”

“doitscha” ist kein Roman, das Buch weist praktisch keine durchgängige Handlung auf. Es ist eher eine Abfolge von Episoden, von Ereignissen, ein Mosaik von Eindrücken und Gegebenheiten, die sich im Lauf des Textes mehr oder weniger zu einem Gesamtbild jüdischen Lebens in Deutschland (aus der Sicht der Autorin) formen. Es sind dies familiäre Ereignisse wie die lautstarke Prügelei zwischen David und seinem Vater, die erst durch die eintreffende Polizeistreife beendet werden kann, der Tod und die Beerdigung des Patenonkels oder auch das etwas gespannte Verhältnis mit der 94jährigen Tante in Italien, die dem reicheren italienischen Zweig der Familie entstammt oder Davids Anrufe aus Israel, wo er mit der Zionistischen Jugend eine Pessachreise unternommen hat, die Adriana veranlassen, sofort mit dem Rest der Familie nach Israel zu reisen, um den Sohn, dem die “Befreiung” aus dem eher rustikalen Jugendaufenthalt gar nicht so unlieb ist, wieder unter ihre Fittiche zu schließen. Man bereist bei dieser Gelegenheit Israel, stellt fest, daß der den Frauen zugängliche Teil der Klagemauer immer mehr verkleinert wird und Adriana feiert ihren 50. Geburtstag im Land der Väter….

So viele Verletzungen, Traumata und Probleme: mit ihrer Therapeuten unternimmt Altaras viele Spaziergänge, auf denen sie erzählt und erzählt….

Als eine als Künstlerin und auch Jüdin bekannte Frau hat Altaras auch ein öffentliches Leben. 2011 wird sie in der Frankfurter Paulskirche eingeladen, um zur Gedenkstunde an die Reichsprogromnacht eine Rede [3] zu halten. Ein großes Publikum, vor dem sie eine unkonventionelle Rede hält, die in der Lage war, absolute Stille im Raum zu erzeugen – ob aus Erstarrung oder Bewunderung, blieb der Redenden erst einmal verborgen….

Sie ist Gast von Talkshows, fightet bei einem Cluburlaub mit den Söhnen öffentlichkeitswirksam bei allen eigenen Zweifeln für das Recht auf Beschneidung; sie nimmt an jüdischen Kongressen teil, zu dem sie ihren “Goi” mit einschmuggelt. Auf dieser Konferenz fällt vielleicht die wichtigste Aussage des Buches, nimmt man es als Zeugnis eines jüdischen Blicks auf das deutsch-jüdische Zusammenleben:

“Ich möchte Ihnen allen gratulieren! Merken Sie eigentlich, was gerade passiert? Etwas Wesentliches hat sich verändert. Es geht nicht mehr nur um die Shoa, sondern um ein jüdisches Leben in Deutschland, und das eventuell für länger, ja vielleicht sogar für immer. Auf dem Podium wird über interne jüdische Probleme diskutiert. …. Es geht nicht mehr ausschließlich um Martin Walser und seine Eskapaden, um Botho Strauß oder Günter Grass. Es geht nicht mehr um die anderen. Es geht um uns! Das ist das eigentlich Revolutionäre an diesem Nachmittag! Vielleicht wollten Sie das gar nicht, aber ich finde es großartig.”

Von einer befreundeten Regisseurin läßt sie sich zu einer Reise überreden, auf der sie die Lebensstationen der Familie aus  besuchen und einen Dokumentarfilm über “Titos Brille” drehen [4]. Gießen wird besucht, diese unattraktive Stadt, in der die Eltern mit dem Wiederaufbau der Synagoge [2] so viel bewirkt haben [5] und unvergessen sind; Marburg, wo die Autorin auf eine Waldorf-Schule ging und auf ihre Freundin aus damaliger Zeit trifft. In Zagreb bekam Altaras Einblick in alte Akten und Zeitungen, aus denen sie vom Schicksal ihres Vaters erfuhr, der nicht – wie angenommen – von den Faschisten, sondern von Partisanen erschossen worden ist.

Es gehörte zum guten Ton, die deutsche Gegenwart zumindest langweilig, wenn nicht inakzeptabel zu finden, auf dem Weg zu sein, wenn nicht nach Israel, dann wenigstens in die USA. Israel war für uns, was für die Surfer Hawaii und für die Kiffer Goa war.

Altaras ist durchaus kritisch, was ihr Glaubensgenossen angeht. Manche von ihnen waren hier im Land der Täter geblieben, weil sie einfach nicht weggekommen sind. Es ließ sich durchaus gut leben vom schlechten Gewissen der Deutschen, eckte man irgendwo an, war die rhetorische Frage, ob Juden jetzt schon wieder verfolgt würden, meist der Freifahrtschein. Andere Juden blieben aus dem einfachen Grund hier, weil dies ihre kulturelle Heimat war…. manche gingen nach Israel, einige kehrten von dort auch zurück nach Deutschland, hielten es im Gelobten Land nicht aus. Aber jetzt scheint es, daß diese Generation (soweit sie noch lebt) und ihre Abkömmlinge angekommen sind, nicht mehr auf ihren Koffern sitzen, nicht mehr die Auswanderung – wohin auch immer – als Lebensziel haben. Und das ist gut so.

So bietet “doitscha” eine zeitweise etwas überdrehte wirkende Sicht auf das Selbstbild jüdischer Mitbürger in Deutschland. Natürlich gibt es noch auf beiden Seiten Anfeindungen, auf der deutschen Seite wabert die braune Masse noch und dort kann eine  gut gemeinte Frage in einwandfreiem berlinerisch “Is jut?” schon mal den Ruf nach der Polizei wegen Antisemitismus zur Folge haben…

Noch ein abschliessendes Wort zu den Privatangelegenheiten, die ja das Buch durchziehen, schließlich ist es ja eine Familiengeschichte: daß die Autorin gegen Ende des Buches ihre Therapie abschließt, mag symbolisch gesehen werden dafür, daß das Leben normal geworden ist. So normal wie die Familienprobleme dieser jüdisch-deutschen Familie zwischen pubertierenden Jungmännern auf der Suche nach ihrem eigenen Weg und leicht überdrehten Müttern aus Angst vor den Stolpersteinen, die diese Wege zieren. Und dazwischen am Ende ein münsterlander Schädel, der sich in einer etwas kitschig anmutenden Szene anschickt, dem deutsch-jüdisches Verhältnis Legalität zu verleihen….


Altaras´ Buch liest sich gut, es ist flott geschrieben und unterhaltsam bis witzig. Man merkt der Autorin die Lust an griffigen Formulierungen an; komplizierte Begriffe und Satzkonstruktionen werden meist vermieden, Altaras bevorzugt gesprochene Sprache. Die einzelnen Absätze sind aus jeweils wechselnden Perspektiven geschildert, Adriana kommt zu Wort, ihre Söhne David und Sammy, die iitalienische Tante, die Therapeutin, Aron und natürlich auch der Goi Georg…. Fragen und Probleme werden jedoch meist nur angerissen, eine tiefer gehende Diskussion wird an wenigen Stellen geführt. Was z.B. an pro und contra Beschneidung geschrieben steht, geht kaum über das hinaus, was man in -zig Talkshows hören konnte.

Anrührender und berührender sind da schon die Passagen über die Rede der Autorin in der Paulskirche [3] oder auch die Grabrede des Bruders von Aron, die zweisprachig jiddisch/deutsch wiedergegeben ist. Solche Abschnitte sind die Highlights des Buches.

Zusammenfassend kann man konstatieren, daß “doitscha” ein unterhaltsames Lesevergnügen mit einigen “Aha”-Erlebnissen ist, das manches deutlich werden läßt, ohne daß dies auf Kosten der Lesbarkeit geht.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über Adriana Altaras: http://de.wikipedia.org/wiki/Adriana_Altaras
[2] vgl. z.B. hier: http://www.alemannia-judaica.de/giessen_synagoge_neu.htm
[3] Rede von Adriana Altaras in der Paulskirche (09.11.2011): Trauer to go; https://www.frankfurt.de/sixcms/media.php/738/Reichspogromnacht%202011%20Altaras.pdf
[4] Link zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=nyaFe4zizME
[5] … und was bei mir, der ich lange in Gießen gelebt habe, einige sentimentale Erinnerungen hervorrief…

adriana altaras
doitscha
Eine jüdische Mutter packt aus
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, HC, ca. 272 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

laxness Djúpavík cover

“Die Litanei von den Gottesgaben” ist kein umfangreiches Buch, ein eher schmales Bändchen, ein Roman, der in seine Geschichte diverse Textsorten wie Zeitungsberichte, Buchzitate oder Gedichte eingebaut hat. Durch einige dieser Passagen wird eine dokumentarische und zeithistorische Dimension des Textes vorgetäuscht, die aber so nicht stimmt. Was hingegen stimmt, ist der große, handlungsbestimmende Rahmen, in den Laxness [1] seinen Roman stellt: es ist das Jahr vor dem Krieg und das arme, abgeschiedene Island erlebt eine schlimme Fangsaison: der große Nordlandschwarm des Herings taucht nicht auf….

Diesen Winter war mit Vögeln nicht viel los.

Das Büchlein hat eine Art Einleitung, es sind die ersten fünf Kapitel, die einen Tag, einen Frühlingstag, in Kopenhagen beschreiben. Wir schreiben das Jahr 1920, unser Erzähler, der angehende Schriftsteller, arbeitet noch in der Vogelbranche, jedoch mit gleichem Misserfolg wie er schriftstellert. An diesem Tag jedenfalls trifft er auf Bersi Hjalmarsson, den Grossisten, der in Heringen unterwegs ist, aber mindestens genauso gerne spielt und spekuliert. Bersi ist die zweite Hauptfigur des Romans. Die beiden “freunden” sich an, es kommen noch Frauen ins Spiel und ein Gelage im Hotel von Bersi und noch so das eine oder andere…

Zum Beispiel war es ein sträfliches Vergehen, Fische zu essen, die ein unschönes Gesicht hatten.

Der seinerzeit Achtzehnjährige zählt jetzt sechsundreißig Lenze: wir sind nach einem großen Zeitsprung im Jahr 1938. Der Erzähler greift der eigenen Unwissenheit wegen auf einige Passagen des bekannten Buches von Grimsson [3] zurück, um zu zeigen, wie in den letzten knapp zwei Jahrzehnten der Heringsfang das Leben in Island verändert hat, und das unter massgeblicher Beteiligung des Bersi Hjalmarsson, auf den wir vor langer Zeit in Kopenhagen trafen. Es ist keine Erfolgsgeschichte, Island und der Hering. Wird er in Mengen gefischt, so verdirbt er im Hafen, wird ranzig in der Sonne, fault im Keller und liegt im Unrat auf dem Kai. Man feilscht um dem Preis, solange, bis der Fisch verdorben…. und dieses Jahr? Der Nordlandschwarm, den man in Kubikkilometern messen könnte, der schier unendlich groß ist, bleibt aus. Die Netze bleiben leer, die Boote landen nichts an, die Menschen haben keine Arbeit, bekommen keinen Lohn und das an der Nahtstelle zweier Systeme: des kapitalistischen Systems der Wirtschaft und des bolschewistischen Systems, das auf der Seite der Arbeiter steht. Und mitten drin, als Scharnier sozusagen, Bersi Hjalmarsson, der Grossist, der Spekulant, der Bankrotteur, für den alles nur ein großes Spiel ist, ein Spiel, das er mit vollem Risiko spielt, sich um die Verluste so wenig kümmert wie um die Gewinne….

Unser Erzähler hat mittlerweile zwei Bücher geschrieben mit den vielversprechenden Titeln: “Die Götter im Heiratsgarten” und “Die große Hungersnot in Persepolis” (sein drittes Buch soll den Titel “Die Ringnasenschwestern” tragen…). Wieder trifft er auf Bersi, der ihn sofort erkennt, hat er ihn doch vor 18 Jahren damit beauftragt, seine Biographie zu schreiben….

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich eine Geschichte, die vor skurrilen Einfällen nur so strotzt. Dem Erzähler zum Beispiel, einem Fast-Schriftsteller und Ex-Vogelhändler, wird eine Entenfarm angetragen, die er mitsamt der siebenundzwanzig Wechsel, die auf sie ausgeschrieben sind, zu übernehmen bereit ist.. wäre, wenn es sie gäbe: ein Besuch am Ort zeigt, daß fein geköpfte Enten sauber gestapelt am Ufer des Sees liegen. Die Nerze, sie waren es. Jene, denen die Regierung die Fütterung mit Südfrüchten durch die Besitzer vorschreibt, anderen Isländern ist der Genuss von Orange und Co. dagegen verboten, für sie ist die “Zitrone des Meeres” vorgesehen: der Rogen. Ein guter Plan, er funktioniert nur nicht….

Der Erzähler ist mittlerweile Redakteur einer Zeitung, die keine Druckerpresse hat. Nun ja… Er ist halb überzeugt von der Revolution, die kommen muss und kommen wird und in der Tat, die Zustände sind so, wie sie sind, und so wie sie sind, so können sie nicht bleiben. Es braut sich etwas zusammen, tatsächlich gibt es so etwas wie Streik, die Gegenstände des täglichen Bedarfs werden knapp, vor allem auch der Schnaps (nur wirkliche kreative Gedanken führen diesbezüglich zu bislang unerkannten Vorräten, incl. festem Bieres, was sich dann aber als eher tragisches Intermezzo erweisen sollte.). Nur der trunkene Isländer kann einen Plan fassen und mitten in der Nacht ist der Zeitpunkt gekommen: Die Revolution ist da! Die Macht wird übernommen! Ein neuer Staat wird ausgerufen! Die Bourgeoisie wird festgesetzt! Für drei Stunden ist Islands Norden das Zentrum der Weltrevolution, dann ist man wieder nüchtern und der revolutionäre Impetus verpufft zusammen mit dem Blutalkoholspiegel…


Djúpavík vor etwa 70 Jahren, Bildquelle: [B]

Djúpavík vor etwa 70 Jahren,
Bildquelle: [B]

“Die Gottesgabe” ist natürlich der Hering, der in den nordischen Gewässern vor Island zu fangen war [4] und der Insel potentiell zu Reichtum und Wohlstand hätte verhelfen können. Laxness siedelt seine Geschichte in Djúpavík [2] an der Westküste Islands an. Hier gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts eine erste Erfolgsgeschichte des Heringsfangs, jedoch brach die wieder mit den Folgen des 1. Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise zusammen. Einige Jahre später, Anfang der 30er Jahre, boomte der Heringsfang erneut: Häfen wurden ausgebaut, Fabriken wurden errichtet und für ein  Jahrzehnt blühte das Geschäft mit Produkten rund um den Hering. Dann waren die Bestände leer gefischt.

Bei Laxness tritt 1938 so ein Sommer ein, in dem der Nordlandschwarn nicht auftauchte, nicht zu finden war. In Djúpavík stehen  sich daraufhin sozusagen zwei Fronten gegenüber: die Kapitalisten wie z.B. die Banken (der Interessen durch einen grimmigen ehemaligen Kapitän und nachmaligen Buchautor [3] vertreten werden) und die Arbeiter, die dem Wunsch des örtlichen Bolschewiken nach die Revolution ausrufen sollen. Und dazu noch Bersi, der Grossist, der in gewisser Weise über allem steht, da für ihn alles nur ein großes Spiel ist, Gewinn wie Verlust ihm gleich sind. Alle Parteien handeln in grotesker Weise dilletantisch, ob sie nun Gesetze erlassen (wie den Nerz mit Südfrüchten zu füttern) oder die Fässer mit Hering durch Kot und Schlamm rollen, was verständlicherweise die Käufer zurückschrecken läßt - dererlei Schildbürgerstreiche liessen sich einige anführen. Die größte Menge des angelandeten Fisches jedenfalls verdirbt regelmäßig und kann nur noch zurück ins Meer gekehrt werden….. Aber auch die Weltrevolution geht nicht unbedingt planvoll fort: lehnen deren örtliche Vertreter am Abend noch das Angebot, die Macht zu übernehmen ab, so gehen sie nur wenige Stunden (aber einige Promille) später mit Gewalt gegen die örtlichen Machthaber vor, um sich das zu holen, was sie ein paar Stunden vorher noch dankend ablehnten…..

Dazwischen protestiert zusätzlich noch eine radikale Frauenorganisation, die es sich auf das Banner geschrieben hat, gegen das teuflische Getränk “Bier” vorzugehen und die das Gerücht, von einem schwarzem Schiff wäre heimlich von dem Getränk eine Menge an Land gebracht worden, in Angst und Schrecken und Widerstand versetzt. Anders dagegen die Männer, die in das angebliche Lagerhaus einbrechen und das Bier suchen. Von dem, was sie dort jedoch finden, glauben einige, es sei festes Bier…. was ihnen aber nicht gut bekommt….

… und dann sollte man noch die alkoholabhängige, zigarettenfressende Ziege des Ortes erwähnen….

… und über allem und mitten drin und sowieso der Erzähler, dem wir diese Geschichte zu verdanken haben, der selbst vom Schicksal hin- und hergeworfen wird, planlos aber nicht unsympathisch sich zu allem bereit findet…. überhaupt gelingt Laxness das Kunststück, seine Figuren zwar als Teilnehmer an einer gewaltigen Groteske zu schildern, ihnen jedoch in ihrer grenzenlosen Naivität und überbordenden Dilettantismus nie die Würde zu nehmen, in dem er sie lächerlich macht. Man möchte sie im Gegenteil bei der Hand nehmen und sie beschützt durchs Leben führen, ihnen zeigen, wie es so funktioniert – aber: ob sie dies überhaupt wollten…..


“Die Litanei von den Gottesgaben” ist ein Roman aus einem nordischen Schilda, der den Irrsinn der Welt einfängt wie in einem Fokus, der sich nicht scheut, den Menschen in seinem Handeln als absurdes Wesen darzustellen, das in einer geträumten Welt lebt, die ständig an der realen zerschellt. Nun soll aber keiner denken, das Buch zu lesen sei eine traurige Angelegenheit, nein, es ist durchsetzt mit Situationskomik, mit viel Ironie, auch Selbstironie, mit eben diesen grotesken Gegebenheiten, geschildert in diesem etwas lakonischen, gottergebenen Stil, mit dem Laxness hier stellvertretend für alle Menschen seine Landsleute zeichnet.

Es ist ein Spaß dieses Buch zu lesen, und es traurig zugleich, denn schließlich hat sich der Irrsinn in dieser Welt möglicherweise gewandelt, aber dies wahrlich nicht zum Guten und insofern verspielen auch wir immer noch und immer wieder unsere “Gottesgaben”.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Halldór_Laxness: http://de.wikipedia.org/wiki/Halldór_Laxness
[2] Wiki-Beitrag zu Djúpavík: http://de.wikipedia.org/wiki/Djúpavík
- über die alte Heringsfabrik inDjúpavík: http://www.djupavik.de/de_heringsfabrik.php
[3] Egil D. Grimsson: Meine Heringsgeschichte, Reykjavik, o.J.
[4] wer sich ausführlicher über den Hering informieren möchte, kann dies bei Holger Teschke tun: Heringe; Buchvorstellung hier auf dem Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2014/09/17/holger-teschke-heringe/

auch interessant in diesem Kontext ist dieser kurze Bericht im “Spiegel” über eine reale Krise im isländischen Heringsmarkt: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45876512.html

[B]ildquellen: “Djúpavík vor etwa 70 Jahren“:  Das deutsch-isländische Netzwerk (Claus Sterneck, 01.08.2012); http://netzwerk.weebly.com/thema-des-monats/category/claus%20sterneck%20in%20djupavike60432daa3

Halldór Laxness
Die Litanei von den Gottesgaben
Aus dem Isländischen übersetzt von Bruno Kress
mit einem Nachwort von Hubert Seelow

Originalausgabe: Guðsgjafaþulan, 1972
diese Ausgabe: Steidl, TB, ca. 175 S., 2011

poggio cover

Facezien – ein Begriff, der aus dem Deutschen wohl verschwunden ist, auch google verweist eigentlich nur auf diese Textsammlung des Poggio. In älteren und größeren Lexika findet man dann aber als Erklärung die Stichworte: Scherze, Schwänke, Plaudereien oder auch Anekdoten.

Und das sind sie auch. Poggio Bracciolini [1], 1380, also in der Renaissance, bei Arezzo in der Toskana geboren, war ein hochgebildeter Mann und kirchlicher Würdenträger, der unter insgesamt acht Päpsten im Vatikan als Sekretär gerbeitet hatte. Im Nachwort zu seiner Textsammlung beschreibt er, es habe im Vatikan zu seiner Zeit einen Bereich gegeben, in dem sich in lockerer Runde versammelt wurde und wo dann ohne jede Rücksicht über jeden, auch den Papst, hergezogen und gelästert wurde.. Hierbei machte man sich über das ungebildete Volk lustig, aber auch Mönche und kirchliche Würdenträger bekamen ihr Fett weg genauso wie der weltliche Adel oder Berufe wie Notare und Ärzte. Gerade letztere waren ebenso wie Mönche ein dankbares Objekt für recht derbe Lästereien… denn man darf freilich nicht dem Irrtum unterliegen, es handele sich bei diesen Scherzen immer um Feingeistigen, nein – auch schon damals waren Sex und Liebe die No. 1. Wobei man unter Liebe wiederum nicht die hochgeistige Minne des Mittelalters verstehen darf, sondern ganz handfest das, was im Bett stattfindet – aber nicht nur im Bett…. Und so haben die allermeisten Geschichten genau das auch zum Thema…

Vom Vatikan verboten wurden die “Facezien” übrigens erst so ungefähr 100 Jahre nach ihrem Erstdruck, dem Inhalt nach hätte man das Verbot durchaus früher erwarten können….

Bei über 270 solcher Facezien kann man jetzt nicht im Einzelnen erzählen, wovon sie handeln. Es sind aber im Nebensatz so manche interessante Aussagen enthalten… schon damals war es offensichtlich so, daß – auch in der Kirchenhierarchie – nicht unbedingt die fähigsten und geeignetsten aufstiegen, sondern wahrscheinlich eher die angepasstesten… in Florenz (Facezie 114) scheint es eine Behörde mit dem Namen “Sittlichkeitsamt” gegeben zu haben, “… deren Hauptaufgabe es ist, in Sachen der öffentlichen Mädchen Recht zu sprechen und dafür zu sorgen, daß sie im gesamten Gemeinwesen unbelästigt bleiben.” (In dieser Anekdote wird erzählt, daß eine Kurtisane auf Verdienstausfall gegen den Barbier geklagt hätte, der ihr bei der Intinrasur solche Schnitte zugefügt hätte, daß sie für einige Tage pausieren musste…). Die ärztlichen Methoden waren noch recht rau, in mehreren Geschichten wird davon berichtet, daß für die Heilung von Frauen der Beischlaf die beste sei, eine Verfahrensweise, die oft auch von Mönchen bei der Abnahme von Beichten ausgeübt wurde. Überhaupt sind Kirchenvertreter und das Geschlechtliche ein Hauptthema Poggios. Ob es nun ein Eremit ist, der den gesamten weiblichen Part des Fürstenhofes beschläft oder ein Priester, der einer Frau einredet, sie würde sich aufgrund seines ausgeübten Zaubers alles nur einbilden, was sie gleich glaubte, zu spüren, wenn er sie küssen.. und … und… würde: zwischen den großen Zehen der Herren mit dem Gelübde herrschte keineswegs nur eitle Ruhe… bei den Herren allgemein war übrigens der Eselshengst das Maß aller Dinge [3]: hemmungsloses Übertreiben der geschlechtsspezifischen Ausstattung ist also kein Phänomen der Neuzeit….

Einige der Geschichten bespotten die Venezianer, als seien sie damals so etwas wie die “Ostfriesen Roms” gewesen, es gibt Berichte von Monstern, die aus dem Meer angespült worden sind und einige der kleinen Fabeln, die erzählt werden, sind uns auch heute noch bekannt…. Dies alles wunderschön illustriert mit Holzschnitten von Werner Klemke [2, auf dem Buchumschlag, siehe oben, ist eine zu sehen] sind die Facezien des Poggio einfach nur ein wunderschönes Buch, selbstverständlich mit Lesebändchen und in zweifarbigem Druck, der die Überschriften in Rot gegen den Text absetzt.

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Artikel zu Poggio Bracciolini: http://de.wikipedia.org/wiki/Poggio_Bracciolini
[2] Wiki-Artikel zu Werner Klemke: http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Klemke
[3] ob sich über die Attraktivität des Esels als Geschlechtsspartner für Mann oder Frau schon mal jemand Gedanken gemacht hat? In Jutta Persons schönem Buch über Esel (https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/10/jutta-person-esel/) habe ich zu diesem Thema seinerzeit zwei Minitaturen, eine aus unserem, eine aus dem persischen Kulturkreis verlinkt (am Ende des 5. Absatzes, NSFW!)

Die Facezien sind in einer alten Buchausgabe online zugänglich: https://archive.org/details/diefacezien00bracgoog

Poggio Bracciolini
Die Facezien des Florentiners Poggio
Mit Holzschnitten von Werner Klemke
und einer Einleitung des Übersetzers
Übersetzt von Hanns Floerke
Originalausgabe: ca. 1470 Rom (erste editierte Buchdruckausgabe)
diese Ausgabe: Faber & Faber, HC, ca. 254 S., 2004

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