Dieser Roman de Winters spielt in der nahen Zukunft, im Jahr 2024. Er erzählt die Geschichte des Bram Mannheim, eines Juden aus den Niederlanden, der als 17jähriger nach dem Abitur Ende der 80er Jahre nach Israel ging, wo sein Vater forschte, um dort zu studieren. Dieser Vater, Hartog Mannheim, der selbst nach dem Tod seiner Frau erst nach Israel gegangen war, war ein brillanter Naturwissenschaftler, der sogar den Nobelpreis für seine Erkenntnisse gewann; sein Sohn Bram verlegte sich dagegen auf weniger exakte Wissenschaften. Als Historiker brachte er in seiner Promotion ein paar dunkle Flecken aus der Gründungszeit Israels ans Licht, was ihn ins Rampenlicht rückte und eine steile Karriere versprach.

Die politischen Ansichten von Vater und Sohn gingen weit auseinander. Der Vater, völlig desillusioniert, befürwortet gegenüber den Palästinensern und Arabern eine extrem harte Linie, sein Sohn dagegen setzt auf Verhandlungen und Friedensgespräche. Nach der Abiturfeier des Sohnes führen die beiden seinerzeit eine heftige Diskussion um dieses Thema, bei der Hartog seinem Sohn erzählt, was bei ihm den Paradigmenwechsel ausgelöst hat, denn früher sei er ähnlich ihm in der Einstellung gewesen.

Verheiratet ist Bram mit Rachel, einer Jüdin indischer Abstammung, eine schöne, rassige Frau. Sie haben einen Sohn, Bennie. Alles läuft nach Plan.

Bram – wir schreiben das Jahr 2004 -, inzwischen Professor in Tel Aviv, hat das Angebot, nach Princeton zu gehen, aber er will Israel nicht im Stich lassen und lehnt ab. Es ist einer dieser Abende mit einer langen Sitzung und auf dem nächtlichen Heimweg wird er von drei jungen Männern überfallen. Er kann sich retten, da er eine Waffe bei sich trägt, die die Männer in die Flucht schlägt. Im letzten Moment sieht er die Tätowierung am Arm des Anführers: ein Davidstern. Es sind Juden, die ihn, einen Juden, überfallen haben. Daraufhin überdenkt er seinen Entschluss und geht doch mit seiner Familie in die USA.

Er hat Erfolg in den Staaten, steht aber auch unter Leistungsdruck. Rachel und er haben ein riesiges, altes Haus gekauft, das sie jetzt renovieren und umbauen wollen. Zum Geburtstag ihres Vaters fliegt seine Frau nach Hause, Bram ist allein mit Bennie im Haus. Das Telefon läutet, er nimmt ab, ein alter Bekannter aus Israel, der sich momentan in den Staaten aufhält, ist am Apparat, Bram geht vor das Haus, um sich mit ihm zu unterhalten. Während des Anrufs verschwindet Bennie spurlos.

Brams Welt bricht zusammen, er erliegt Wahnvorstellungen und läuft weg, seine Ehe zerbricht, weil nicht nur er sich, sondern vor allem auch Rachel ihm die Schuld an dem Unglück gibt. Mystische Zahlenspielereien treiben ihn durch die USA. Da die Entführung am 22.08.2008 stattfand, sucht er Erlösung durch die Zahlen “zwei” und “acht”… so beobachtet er zum Beispiel in allen Städten, in die er (auf komplizierten Wegen, da die Straßen natürlich auch 2en und 8en in der Nummerierung haben müssen) Häuser mit entsprechenden Hausnummern 22, 28, 82, 282 etc pp…. er wird zum Obdachlosen, zum Penner… durch einen Zufall wird Bram eines Tages erkannt von einem Mann, der es sich finanziell leisten kann, dem Widerspenstigen mit viel Geduld zu helfen.

Zurück in Israel fokussiert Bram seinen Wahn auf die Recherche nach allem, was bei dem Verschwinden des Sohnes eine Rolle gespielt haben könnte und was bei den offiziellen Untersuchungen unter Umständen nicht genau genug beachtet worden ist. Und in der Tat gelingt es ihm, eine plausible Indizienkette gegen einen Mann aufzubauen, der aufgrund dieser Indizien ein eindeutiges Motiv haben könnte… Bram geht das Problem alttestamentarisch an…

Die von de Winter beschriebene Welt der (Roman)Jetztzeit, i.e. 2024, beschreibt eine andere Welt, als wir sie gemeinhin extrapolieren würden. Polen zum Beispiel ist ein wirtschaftlich sehr starkes Land geworden, das auch fussballerisch in Europa die Führung innehat, in Russland hat Putin einen starken, prosperierenden Staat installiert, den periodischen Wechsel zwischen Präsidenten- und Ministerpräsidentenamt hat er perfektioniert. Im Nahen Osten sind die Palästinenser dabei, Israel zu besiegen, nicht durch Waffen, sondern durch Spermien und Gebärmütter: die demoskopische Entwicklung gefährdet die Existenz Israels von zwei Seiten: zum einen durch die hohe Geburtenrate der Palästinenser und Araber und zum zweiten durch die Tatsache, daß viele der jungen Israelis wenig Kinder haben und vor allen Dingen “die Kurve kratzen”, also ins Ausland gehen. So stehen die Geburtskliniken leer, in der Geriatrik dagegen nimmt Israel einen Spitzenplatz in der Welt ein.

Es ist ein hartogscher, unbarmherziger, illusionsloser Blick, den de Winter auf die Zukunft Israels legt. Dies beschreibt er als zum Ghetto geschrumpft, zu ausgedehnten Stadtzone Tel Aviv, Jerusalem ist Hauptstadt der Palästinenser und in den Checkpoints werden Juden und Araber mittels Gentests unterschieden, da es für Juden charakteristische, über den Vater weitergegebene Geneigenschaften gibt. Das ehemals pulsierende Leben in Israel ist Vergangenheit, die Strände sind leer, die Hotels auch.. eine im Grunde endzeitliche, dystopische Stimmung, die im Land herrscht, immer in Angst vor dem, was passieren könnte.

In diesem Rest-Israel arbeitet Bram mittlerweile beim Magen David Adom, mit seinem Kollegen führen sie Krankentransporte durch, rasen mit Attentatsopfern durch die Straßen, um zu retten, wer noch zu retten ist. Außerdem betreibt er mit einem Freund eine Agentur, die sich auf die Suche nach vermissten Kindern spezialisiert hat.

Eines Tages passiert ein großer Anschlag auf einen Übergang, es gibt viele Tote und Verletzte. Offiziell hat eine Rakete, die sehr spät erkannt worden ist, den Checkpoint zerstört, einer der schwerverletzt Überlebenden hat jedoch etwas anderes gesehen, etwas, was einfach nicht sein darf…. und was Bram, der gelernt hat, mit dem Tod seines Sohnes und seiner “Schuld” daran zu leben, in große Verwirrung bringt….

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Es ist eine erbarmungslos pessimistische Weltsicht, die de Winter seinem Roman zugrunde legt. Es extrapoliert erkannbare Tendenzen der heutigen Gesellschaft und Politik und schreibt sie in eine gar nicht mal allzu ferne Zukunft fort. In manchen Bereichen ist dies sicherlich gut möglich, demoskopische Entwicklungen [1] sind gut in die Zukunft zu extrapolieren – etwas, was Politiker gemeinhin ungern machen, da sie die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen und Handlungszwänge nicht mögen.

Vielleicht ist noch nicht einmal die Vision der genetischen Überprüfung, wie sie de Winter für seine Checkpoints beschreibt, so weit hergeholt. Schließlich ist die Anwendung modernster Techniken für die Israelis eine der wenigen Möglichkeiten, dem äußeren Druck entgegenzuhalten. Aber natürlich ist es eine erschreckende Vision, diese genetische Prüfung auf Jüdischsein… [2]. Wie immer man dazu stehen mag, ist dieser Punkt der Angelpunkt der Geschichte de Winters, ohne ihn würde sie nicht funktionieren.

Auch an der proklamierten nicht änderbaren Feindschaft zwischen Juden und Palästinensern ist schwer zu schlucken. Andererseits geben die Erfahrungen der letzten vielen Jahre kaum Hoffnung, daß sich tatsächlich Friedensgedanken auf beiden Seiten durchsetzen, de Winter läßt im Lauf seiner Geschichte diejenigen Akteure, die für Frieden stehen, ebenfalls auf die “andere” Seite wechseln und läßt sie ihre Hoffnung als Illusion verlieren.

Die israelische Gesellschaft, bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist, ist alt, gebrechlich und grau, sie scheint wie in einem letzten Abwehrkampf auf ihr Ende zu warten, behütet und überwacht von Chicken Wings ….

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Mit Bram Mannheim hat de Winter einen tragischen Helden geschaffen. Wenn man sein (und auch das eigene natürlich) Leben betrachtet, kann man ausgehend vom “Jetzt” jeden Zustand als vorläufiges Ende einer Kausalkette betrachten, die man an einem beliebigen Punkt betrachten kann und diesen kann man dann mit Fug und Recht als Punkt/Ereignis oder Ort bezeichnen, an dem die Weichen für das gesamte Leben gestellt werden. Wenn damals das oder das nicht, dann wäre… aber dies funktioniert nur in der Rückschau, wie widersinnig es ist, so zu denken, zeigt die Überlegung, daß eine retrograde Kausalkette im Grunde niemals endet, weil jedes Ereignis als Wirkung eines Grundes gesehen werden kann. Auch die eigene Geburt ist kein Ende der Kette, ist sie doch eindeutig mindestens abhängig von einem (hoffentlich) lustvollen Ereignis, das einige Monate zuvor stattfand.

Für Bram Mannheim fädelt de Winter so eine Kausalkette auf. Wo ist der entscheidende Punkt  in seinem Leben, an dem es aus vorgezeichneten Bahnen geworfen wurde? War es die Entscheidung, zum Studium nach Israel zu gehen oder war es die, den Ruf nach Princeton anzunehmen? Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er Rachel nicht geheiratet hätte? Was wäre passiert, wenn er damals zum Telefonieren nicht aus dem Haus gegangen, sondern im Haus geblieben wäre? Nicht beantwortbare Fragen…. das Leben Mannheims wird zum Spielball äußerer Einflüsse, es wird ausweglos in der (irrigen) Annahme der Schuld, die er auf sich geladen habe und dem daraus folgenden Zwang, es wieder gutzumachen, den Sohn zu finden. Bram verliert sein Leben darüber und schafft sich im Lauf der Jahre allenfalls ein Ersatzleben ohne Liebe, ohne Geborgenheit, Gefühle, denen er erst sehr spät wieder begegnet. de Winter gönnt seinem Protagonisten ein hoffnungsvolles Ende der Geschichte, es ist kein Happy-End, aber es hat das Potential, eins zu werden…

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“Recht auf Rückkehr”, einen Titel, den ich ehrlich gesagt auch nach dem Lesen des Buches nicht richtig verstehe, ist ein sehr, sehr gut geschriebener Roman. Er ist phasenweise unheimlich spannend, er läßt Mitgefühl mit den Protagonisten aufkommen, ohne daß er in Sentimentalitäten verfällt, er malt, ohne auf political correctness Rücksicht zu nehmen, ein durchaus pessimistisches Bild der Zukunft (speziell des Staates Israel), aber leider keins, das man von vornherein als völlig utopisch klassifizieren könnte. Auch wenn de Winter manch seiner Situationen und Ereignisse einfach “setzt”, ohne ihre Entwicklung oder innere Logik zu zeigen, ist das Buch fesselnd bis zum Schluss. Ich habe es mit seinen weit über 500 Seiten jedenfalls schneller gelesen als manch anderes mit schmalerem Umfang…

Links und Anmerkungen:

[1] siehe z.B. http://www.israelnetz.com/gesellschaft/detailansicht/aktuell/statistik-2016-mehr-palaestinenser-als-juden-im-heiligen-land/#.UZxMOD5qDsM
[2] sieh z.B. http://www.igenea.com/de/juden

Leon de Winter:
Recht auf Rückkehr
Aus dem Niederländischen übersetzt von Hanni Ehlers
Originalausgabe: Amsterdam, 2008
diese Ausgabe: Diogenes, TB, 549 S., 2010

Mit dem, was man liest, ist es oft so eine Sache. Es wäre sicherlich interessant, sich mal zu notieren, welche Spuren dieses oder jenes Buch in der Leserei hinterlassen hat… bei mir jetzt zum Beispiel die Spur Feuchtwangers, dieses in Deutschland etwas in Vergessenheit geratenen Autoren, in Vergessenheit zumindest, was die Bestsellerlisten angeht.

So hat Modicks Buch “Sunset” über die fiktive Reaktion des emigrierten Dichters, der im kalifornischen Exil die Nachricht aus Ost-Berlin bekommt, daß sein (einziger?) Freund Bertolt Brecht verstorben ist, bei mir die Erinnerung an die vor vielen Jahren gelesenen Romane Feuchtwangers wie z.B. Exil, geweckt. Nun habe ich mir zwar nicht diese Romane wieder vorgenommen, da mich eher der Aspekt: Emigration bzw. Exilierung von Schriftstellern interessierte, die – wenn man es durchdenkt – ja nicht einfach nur eine Flucht ist vor widrigen und (lebens)gefährlichen Verhältnissen, sondern oft, meist, auch das Vergessen werden des Schriftstellers nach sich zieht: in der Heimat, weil er dort als Regimegegner verteufelt, seine Bücher verbrannt und verboten werden, in der Ferne, weil ihm die muttersprachliche Leserschaft fehlt und er nur in den wenigstens Fällen auch in der Fremdsprache schriftstellern kann. Feuchtwanger ist eine Ausnahme davon, ebenso wie Thomas Mann (bei seinem Bruder Heinrich sah es schon anders aus), selbst Brecht ist im Grunde als Autor in den USA gescheitert.

Aus diesem Interesse heraus habe ich mir das Büchlein Feuchtwangers besorgt, in dem er seine Internierung in Frankreich, seinem ersten Exilort, bis zur Flucht über die Grenze nach Spanien beschreibt [2]. In diesem Büchern tauchte natürlich auch Marta Feuchtwanger auf, nicht als tragende Figur, aber immer war der Eindruck da, sie sei eigentlich diejenige, die das Heft des Handelns in Hand hatte, die initiativ wurde und in gewissem Sinne “alltagstauglicher” war. Also musste die Biographie dieser Dame her…. und da ich natürlich nicht so einseitig auf Feuchtwanger beschränkt lesen will, liegt noch von Michael Lenz: Pazifik Exil auf dem SuB, ein Roman, der sich mit dem Schicksal verschiedener auch anderer deutscher Schriftsteller im kalifornischen Exil befasst….

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Marta Feuchtwanger, geboren 1891 in München als Marta Löffler, Tochter einer (reform)jüdischen Kaufmannsfamilie und 1987 in Pacific Palisades gestorben, hat Lion Feuchtwanger im Alter von 18 Jahren auf einer Feier bei ihrer Schwester kennengelernt. Feuchtwanger hatte zu dieser Zeit schon einen gewissen Ruf, aber leider keinen allzu guten. Er spielte, machte Schulden, lebte von kleinen Kritiken, war das “Margarinebarönchen”, nachdem eine geschäftliche Unternehmung schmählich scheiterte.

Die Hochzeit der beiden 1912 war keine Liebeshochzeit (was nicht heißen sollte, daß sich die beiden nicht auf ihre Art liebten), sondern sie war der ungewollten Schwangerschaft Martas geschuldet. Der Hochzeit folgte eine Hochzeitsreise, die insgesamt zwei Jahre andauerte, dies war eine Zeit, in der die beiden unter zum Teil einfachsten Verhältnissen durch Italien reisten und letztlich sogar nach Nordafrika übersetzten. Das Kind, das Marta unter dem Herzen trug, wurde unter dramatischen Verhältnissen auf dieser Reise geboren, aber es war schwach und starb nach kurzer Zeit, sein Grab ist in Italien. Eine weitere Schwangerschaft Martas kurze Zeit später wurde offensichtlich durch Abtreibung beendet.

Den Beginn des Ersten Weltkrieges erlebten die beiden in Nordafrika. Hier rettete Marta ihren Mann zum ersten Mal. Lion war als Deutscher interniert worden, durch ihr beherztes Auftreten konnte Marta ihn aus dem Lager befreien und beiden gelang unter abenteurlichen Umständen die Flucht mit einem Schiff zurück nach Europa.

Der Autor, Manfred Flügge, hat in einem Interview [1], das die SZ mit ihm geführt hat, auf die Frage: “Warum haben Sie ein Buch über Marta Feuchtwanger geschrieben – und nicht über Lion?” meiner Meinung nach keine wirklich stichhaltige Antwort gegeben, auch das Buch selbst gibt sie nicht. Denn daß Marta am Schluss ihres Lebens bis zu drei Partys am Tag besuchte, kann der Grund nicht sein. Nein, die Frage suggeriert etwas, was nicht zutrifft, denn das Buch ist wesentlichen Teilen eine Biographie des Mannes, Lion Feuchtwangers. Wie könnte es auch anders sein? Marta hat zeit ihres Lebens mit Lion nichts Eigenständiges hervorgebracht, hat nicht geschrieben, nicht geschauspielert oder war  auf andere Art künstlerisch tätig gewesen, ihre Berufung, ihr Lebensinhalt war expressis verbis ihr Mann und sein Werk. Letzteres hat sie im, dies aber im Verborgenen, ohne damit öffentlichkeitswirksam zu sein, stark beeinflusst, sie war  Lions erste Leserin und erste Kritikerin, sie sagte ihm deutlich, wo und wie er Texte umschreiben müsse, damit sie stimmig sind…. wer weiß, was aus Feuchtwanger ohne diesen Einfluss Martas geworden wäre…. Aus diesem Grund kann Flügge gar nicht anders, als immer wieder auf Lion und sein Leben zurückzukommen, zumal Marta auch nach dem Tod des Mannes eine durchaus manipulative Sachwalterin des Erbes war. Ihre eigenen Aufzeichnungen z.B. hat sie wohl vernichtet, beinahe wären auch die Tagebücher Lion Feuchtwangers diesem Schicksal anheim gefallen…

Diese bis hin zur Unterwürfigkeit reichende Unterordnung der eigenen Bedürfnisse bedeutet aber nicht, daß Marta eine uninteressante oder graue Person war, ganz im Gegenteil. Ihr Metier war die Gesellschaft, das öffentliche Auftreten, das Bewirten, das Wirtschaften, das Organisieren. Sie war glänzende Gastgeberin, stand über ihren Mann in Kontakt mit vielen Schriftstellern, beeinflusste viele wie z.B. Brecht. Die Feuchtwangers waren, egal wo (in welchem Exilort) sie waren, immer schnell Mittelpunkt einer rasch wachsenden Gemeinde von Bekannten und Schicksalsgenossen, denen sie auch oft finanziell helfen konnten, war doch Lion Feuchtwanger einer der wenigen international auch nach der Ächtung durch das Naziregime erfolgreichen deutschen Autoren. Ganz sicher war sie von allen Frauen aus ihrem Bekanntenkreis die sportlichste, bis ins hohe Alter und ungeachtet politischer Wirren in Kriegszeiten frönte sie im Winter mehreren Wochen dem Skisport. In all diesen Dingen war sie die Führende, da Lion eher zurückgezogen lebte, völlig unpraktisch veranlagt war und außer dem Schreiben nur noch eine Leidenschaft hatte (die andere, das Spielen, hat er wohl mit dem Alter etwas abgelegt): Sex.

Daß Marta kurz davor war, die Feuchtwangerschen Tagebücher zu vernichten, kann man menschlich nachvollziehen, hat Lion hier doch pedantisch Buch geführt, wen er wann und wie “gevögelt” hatte und ob es “nett” (seine Bewertungsskala war schlicht: “fad – mittel – nett”) war [3]. Diese Tagebücher sind ein buchhalterisches Werk, sobald Lion F. einer Frau begegnete, begann er mit ihr zu flirten, um sie ins Bett zu bekommen. Auch Frauen von Bekannten waren kein Tabu, ebenso wenig Angestellte. Teilweise lebten im Haushalt Feuchtwangers bis zu drei Frauen, zu denen er Beziehungen hatte, bis hin zu “Nebenehen” wie z.B. mit Eva Herrmann zwischen 1935 und 40, die dann ihrerseits wieder eifersüchtig auf weitere Techtelmechtel des Dichters waren. Und Marta duldete, erduldete, ohne daß sie anscheinend die übliche Rolle der betrogenen Ehefrau übernahm. Aber auch in diesem Punkt bleibt vieles im Dunkeln, allein die Rolle Lions als unwiderstehlichem Verführer befremdet beim Lesen, es erscheint zwanghaft, ja geradezu manisch: eine unbekannte Facette eines Mannes, dem man dies nicht ohne weiteres zugetraut hätte…. die Ehe der beiden war von völliger gegenseitiger Freiheit bestimmt, insbesondere Lion ließ sich in keinerlei Weise von der Befriedigung seiner Bedürfnisse abhalten. Inwieweit Marta auf Avancen, die sie zweifellos auch bekam (sie war eine äußerst attraktive, intelligente, leicht exotisch wirkende Frau), einging, bleibt im Dunkeln – wie schon erwähnt, die eigenen Aufzeichnungen hat sie vernichtet. Zweifelhaft bleibt immer, welche Gefühle Lion für Marta hatte, es gab Perioden im Leben der beiden, an denen eine Trennung möglich schien, weil Lion seiner Frau überdrüssig schien…

Schon 1933, mit der Machtergreifung Hitlers, mussten Feuchtwangers aus Deutschland, aus ihrer noch nicht lange bezogenen Villa in Berlin fliehen bzw. konnten sie nicht mehr nach Deutschland zurück, da sie sich gerade im Ausland aufhielten. Sie gingen nach Südfrankreich, eine Region, die Lion sehr zusagte, so sehr, daß er eine weitere Flucht nach z.b. den USA nicht mehr erwog. Zudem verzettelte er sich in diesen Jahren sehr in seine “Nebenehe” mit Eva Herrmann, was ihn ebenfalls hinderte, Frankreich in Richtung Amerika zu verlassen. In Sanary-sur-Mer richteten sie sich wieder in einem etwas außerhalb gelegenen Haus ein und nach kurzer Zeit war ihr Heim Mittelpunkt einer Gemeinde von Exilanten, incl. der Manns… Doch auch in Südfrankreich änderten sich die Verhältnisse. Mit dem Pakt zwischen Stalin und Hitler wurden die fast durchweg “linken” und mit Russland sympathisierenden Autoren quasi durch die Hintertür zu Verbündeten Hitlers und damit zu feindlichen Ausländern…  Einige Jahre zuvor mit Blumen empfangen, wurden sie nun in Internierungslager gesteckt, Lion nach Les Millets und Marta nach Gurs in den Pyrenäen [2]…

1940 gelingt die Flucht der Feuchtwangers über die Grenze nach Spanien und Portugal, Marta, die selbst aus Gurs geflohen war, spielt dabei eine wichtige Rolle. Schließlich gelangen sie dann (mit verschiedenen Schiffen) in die USA. Dort siedeln sie bald nach Kalifornien, das sie sehr an die französische Rivieraküste erinnert. Auch hier bauen sie sich wieder ein sehr repräsentatives Haus auf, als sie nach langem Suchen ein heruntergekommenes schlossähnliches Gebäude erwerben und mit viel Arbeit (vor allem Marta…) und Geld restaurieren. Nach Martas Tod sollte hier eine Künstlerresidenz eingerichtet werden.

Lion Feuchtwanger stirbt kurz vor Weihnachten des Jahres 1958 an Magenkrebs. Jetzt hat Marta die Gelegenheit, aus dem Schatten des Übermächtigen herauszutreten und ein eigenes Profil zu gewinnen, das über das einer exotischen Lebensgefährtin hinausgeht. Und sie nutzt diese Gelegenheit, wird Mittelpunkt der kulturellen Szene, tritt als Sachwalterin des Feuchtwangerschen Werkes auf. Und letztlich versöhnt sie sich sogar wieder mit Deutschland, das sie 1969 besucht….

Marta Feuchtwanger stirbt 1987 im hohen Alter von 96 Jahren.

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“Die vier Leben der Marta Feuchtwanger” ist ein sehr interessante, gut geschriebenes Buch – und ich gehe davon aus, auch ein gut recherchiertes. Es eröffnet beim Lesen einen völlig neuen Aspekt der Persönlichkeit Feuchtwangers, nämlich seines Suchtverhaltens bezüglich Sex und auch seine anfänglich ruinöse Spielleidenschaft. Marta, die Hauptperson des Buches, bleibt bis auf wenige Passagen im Hintergrund der Schilderungen, sie ist die “Dienerin” ihres Mannes, seine Fitness- und Ernährungsberaterin und vor allem auch seine Lektorin, die große Macht über sein Werk ausübt, es in Teilen sogar gestaltet – im Verborgenen allerdings. Aber ohne sie, das darf man nach der Lektüre dieser Biographie sagen, wäre Feuchtwanger nicht der berühmte Autor Feuchtwanger geworden.

Immer wieder schildert Flügge die politischen Rahmenbedingungen der Zeiten und bettet die Lebensläufe damit in die von aussen wirkenden Zwänge ein. So entsteht auch ein plastisches Bild der Emigrantenszene im Dritten Reich, auch die ominöse Reise Feuchtwangers nach Moskau wird ausführlich geschildert, ebenso wie sein sowieso etwas gespaltenes Verhältnis zum Kommunismus. Sehr interessant sind auch die Ausführungen zum jüdischen Leben in und um München herum bis zur Machtergreifung Hitlers.

So ist Flügges Buch erhellend für alle, die sich für die Emigration deutscher Schriftsteller, ein “Muss” für diejenigen, die sich für eine der Lichtgestalten der damaligen Autorenszene, der Emigrantenszene allemal, interessieren, nämlich Lion Feuchtwanger, ist es selbstredend.

Links und Anmerkungen:

[1] Interview mit dem Autoren in der SZ: Anna Fischhaber: Die Muse, die alle liebten, SZ, 17. Mai 2010
[2] Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich, hier bei aus.gelesen
[3] als Beispiel: auf S. 145 wird folgender Tagebucheintrag aus dem Jahr 1915, also erst drei Jahre nach der Hochzeit zitiert: “Als Wollustobjekte in Frage kommende Frauen: …” und dann folgt eine meist namentliche Aufzählung diverser Damen. Ein paar Wochen früher: “Mit Marta.. dann abends noch fortgegangen, eine Hure zu suchen….” wie Marta darauf reagiert, ist nur selten dokumentiert, nicht immer ist sie erfreut, darf man annehmen. Hin und wieder bemerkt Lion, daß sie gereizt ist, ärgerlich, nervös… sie “strindbergelt”, so bezeichnen die beiden dies in ihrer privaten Sprache…

Manfred Flügge
Die vier Leben der Marta Feuchtwanger
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag Berlin, HC, ca.420 S., 2009

Der britische Autor und Schriftsteller Ted Hughes war mir bis zu diesem Büchlein unbekannt – ich muss es bekennen. Was aber jedoch eindeutig bei mir liegt und nicht ihm angelastet werden kann; wie in seinem kurzen Lebenslauf nachzulesen ist [1], hätte er das Wissen um ihn verdient gehabt. Hughes verstarb 1998 im Alter von 68 Jahren. Sein eigenes Leben war selbst so voller Tragik, daß es Grundlage wurde für künstlerische Bearbeitungen.

Mit dem “Rüssel” liegt die Übersetzung eines seiner Kinderbücher (“Tales of the Early World“) vor, wie der aussagekräftigere Originaltitel sagt, ist es eine Sammlung von Geschichten darüber, wie die frühe Welt geschaffen bzw. geschöpft wurde. Es sind dies äußerst fantasievolle Geschichten, etwas skurril, etwas schräg, natürlich kommt Gott darin vor, aber auch dessen Mutter, die – sagen wir es ruhig – eher einer Hexe ähnelt als einem göttlichen Wesen. Überhaupt hat dieser Gott viele Ähnlichkeiten mit uns Menschen, was ja auch nicht verwunderlich ist, kann man doch nachlesen [2], daß er uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat, er also so aussehen sollte wie wir…. und so sein. Und so ist es. In manchen Geschichten erinnert er fast an Dr. Emmett L. Brown [4], ein Bastler, ein Tüftler, ein Heim- nein, ein Weltwerker von ? Gnaden… allein die Stimmbox-Implantation, wie diffizil und empfindlich – und doch, wie schön im Ergebnis [3], wenngleich nur Abklatsch von etwas weit Größerem, das misslang….! Diese Nachtigall spielt ihre kleine, aber erfolglose Rolle bei der Erschaffung der Frau. Der Mann – ein Klacks. Ein bischen Ton geformt, drauf gehustet und schon sprang er ins Leben… aber die Frau… viel schöner als der Mann, aber sie blieb leblos… schließlich (wir können es ja jeden Tag sehen) konnte aber auch sie zum Leben erweckt werden, gleichzeitig mit ihr wurde die Pussy geschaffen (jetzt bitte keine falschen Assoziationen!). Touch me Tiger!

Wie kam der Löwe zu seinen Hunger auf Fleisch und was ist bei der Erschaffung des Papageis und des Pfaus nur schiefgegangen? Schließlich kann das doch so nicht beabsichtigt gewesen sein…. und dann diese kleine Malheurs, die Gott, dem Töpfer, hin und wieder unterkamen: ein wenig Ton in der Hand, ein lauter, unbeabsichtigter Atemzug und schon war – ja, was eigentlich? am Leben… und was fängt man damit an?

So erzählt uns Hughes in 10 kleinen Geschichten, warum zum Beispiel der Elefant zwar diesen ausufernden Haarschopf hat, aber ansonsten kein Fell am Körper, warum der Aal der lieblichste der Fische ist (ist er überhaupt ein Fisch oder doch eher eine Schlange?) und was es mit den kreisenden Bergen so auf sich hat. Und daß der Regenwurm eigentlich ein Betriebsunfall ist und wonach er sucht, so ewig wühlend in der Erde, auch darüber werden wir aufgeklärt…. Es ist ein Feuerwerk an teilweise irrwitzigen Ideen, mit denen der Autor aufwartet, egal, ob sich die Frauen einen Spielgefährten wünschen (nein, es handelt sich nicht um die Titelgeschichte) oder ob Gott alle seine Geschöpfe gegen einen schier übermächtigen Feind rüsten und ins Feld schicken muss….

“Der Rüssel” ist ein Kinderbuch und damit für uns Erwachsene auch schwierige Literatur. Müssen wir doch die uns mittlerweile eigenen Beschränkungen überwinden, die eingefahrenen Denkbahnen und -muster. Wir müssen offen sein für Assoziationen, für nie Gedachtes, für Überraschungen, für Fragen, die wir bis dato noch nie gestellt haben…

…so sind die Geschichten frech, ein wenig respektlos und doch voller Liebe zur Schöpfung, die einzelnen Episoden lesen sich gut und schnell, sie leben von den Dialogen, von den Gefühlen der Akteure. Mit hohem Tempo führt Hughes seine Fantasien aus, das Vorstellungsvermögen des Lesers wird hin und wieder ordentlich strapaziert. So ist das Büchlein mit seinen aberwitzigen Ideen und Szenen ein Heidenspaß mit durchaus nachdenkenswertem Hintergrund, denn ebenso wie Hughes´ Gott plant ja auch der Mensch und denkt, wie es sein sollte – allein, wie es dann wirklich wird, das ist noch lange nicht sicher…. und auch so manche Verhaltensweise kommt uns bekannt vor, finden wir sie doch sozusagen vor der Haustür unseres eigenen Ichs wieder.. aber wen wundert´s, sind wir doch nach seinem Ebenbild geschaffen, sprich: ihm ähnlich…..

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über Ted Hughes
[2] siehe das 1. Buch Mose
[3] Beispiel für erfolgreiche Stimmbox-Implantation bei der Nachtigall
[4] Kennt den etwa jemand nicht?

Ted Hughes
Der Rüssel
und andere Geschichten vom Anfang der Welt
Originalausgabe: London, 1988
diese Ausgabe: Otto Maier Ravensburg, RTB Bibliothek, TB, ca. 160 S., 1991

fabian1

Kästners Großstadtroman “Fabian”, der eine kurze Lebensspanne des Werbetexters und Propagandisten [2] Dr. Jakob Fabian in Berlin zum Thema hat, erschien 1931 im Druck. Werfen wir, bevor wir zum Buch kommen, einen Blick auf diese Zeit, in der der Roman entstanden ist.

1929 zum Beispiel erschien der “Völkische Beobachter”, der in München verlegt wurde, erstmalig in Berlin, Remarques brachte sein “Im Westen nichts Neues” in die Läden, Thomas Mann bekam den Literatur-Nobelpreis verliehen, das Opium-Gesetz, das auch den Genuss von Haschisch verbot, wurde verabschiedet, im Oktober crashte die US-Börse, was zu einer weltweiten Wirtschaftskrise führte und zwischen der aufkeimenden Nazi-Brut und den Kommunisten gab es immer wieder, auch blutige, Zusammenstöße. Reichskanzler war übrigens ein gewisser Hermann Müller.

Im folgenden Jahr 1930 zerbrach die Koalition zwischen der SPS und der DVP, die Weimarer Republik ging ihrem Ende zu, die “rechten” Kräfte wurden immer stärker: bei den Reichstagswahlen wurde die NSDAP zweitstärkste Partei. Fricke von der NSDAP wird Innenminister. Im Januar wird Horst Wessel, Komponist des SA-Kampfliedes, von Kommunisten niedergeschossen und stirbt an den Folgen. In der Haager Schlussakte werden die Reparationszahlungen der Deutschen endgültig geregelt und Ende des Jahres wird die Verfilmung von “Im Westen nichts Neues” uraufgeführt. [1]

Die Entstehungszeit des “Fabian” fällt also in die Endperiode der Weimarer Republik, natürlich hat ein Journalist wie Kästner dies realisiert. Auch wer die vergehende Republik ablöst dürfte sich am Horizont abgezeichnet haben, mit welcher Brutalität dieses neue Regime jedoch zu Werke gehen sollte, war wohl noch nicht absehbar. Andererseits: “Rathenau musste weg, er war ein Jude… ” legt Kästner einer seiner Figuren in den Mund, die Tendenz war deutlich… die wirtschaftlichen Probleme, die Zuspitzung der politischen Lage, die Reparationszahlungen als Folge des verlorenen Krieges 14/18.. dies alles führte zu einer brodelnden Atmosphäre unter den Menschen, Sicherheiten schmolzen dahin, Regeln wurden ausser Kraft gesetzt, die Moral ging vor die Hunde….

Wie konsequent sich die Nazis über die geltenen Regeln zivilisierten Lebens hinwegsetzen wollten, konnte die Welt spätestens 1933 erkennen. Dem 1931 erschienen hatte “Fabian” in Deutschland eine recht kurze Lebensspanne, denn schon diese zwei Jahre später konnte Kästner, der sich dies – als Chronist der Zeiten – persönlich anschaute, das Büchlein, gerade das, brennen sehen, eins unter vielen….

2. Rufer:
Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall!
Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!

Ich übergebe der Flamme die Schriften von
Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.

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Dr. Jakob Fabian, die Hauptperson des Romans, ist ein junger, lediger Mann, der bei einer Zeitung in der Werbeabteilung arbeitet, Slogans und Sprüche fabriziert und im Moment ein Preisausschreiben für die Zigarettenbranche entwickelt. Er ist nicht wirklich mit dem Herzen bei seiner Arbeit, er begegnet ihr so wie seiner gesamten Umwelt mit einem gehörig massiv ausgebildeten Panzer aus Ironie und Sarkasmus, der sich aber im verbalen erschöpft. Er hat ein Zimmer mit Frühstück zur Untermiete (auch bei dieser Vermieterin sind die Zustände keineswegs sittenstreng), sein einziger Freund ist Labunde, ein Idealist, der mit einer literaturhistorischen Arbeit über Lessing habilitieren will und der im Gegensatz zu Fabian politisch aktiv ist.

“Besucht die Exotikbar, Nollendorfplatz 3, Schöne Frauen, Nacktplastiken, Pension Condor im gleichen Haus”  [6] regnen (Werbe)Sterntaler gleich im ersten Kapitel auf ihn herab, die ihm aber nicht wie im Märchen eine sorglose Zukunft in dieser unruhigen, sich immer in Bewegung befindlichen Stadt garantieren. Im Gegenteil, die Vorstellung von oben, von dort, wo die Taler herkommen, auf die Menschenmenge zu schauen, macht ihm deutlich, wie klein er ist und unbedeutend und wie er allen anderen gleicht ohne die Möglichkeit, etwas zu ändern.

Fabian ignoriert das Angebot des Nollendorfplatzes, er hat in dieser Stadt mit dem weltberühmten Nachtleben [5] andere Adressen zur Verfügung und er zögert keineswegs, sich der Dienste der dortigen Damenwelt zu bedienen. Die Bekanntschaften, die er hat (und bei denen jeweils die Frauen die Initiative ergriffen haben), der Sex, erfüllen ihn nicht mit Befriedigung, eher sind sie wie eine Droge für ihn, die ihn kurzzeitig betäubt, mit der er sich abreagieren kann (“Aber nicht wieder beissen” wird er gebeten, als “sie” ihm am Morgen danach noch einmal ihre Brüste anbietet…). Fabian hat Adressen, folgt Empfehlungen, sitzt in Cafes und Bars, durchstreift Berlin zu Fuss und mobil… und mit ihm lernen wie sie kennen [3], die Etablissments, in denen sich einsame Ehefrauen etwas suchen (mit und ohne Genehmigung des Ehemannes), die Bordelle der Stadt, in der es lesbischen Sex gibt ebenso wie Häuser, in denen sich die alten, unansehnlich gewordenen Frauen der Stadt (soweit sie es sich finanziell erlauben können) von jungen Männern “beschlummern” lassen können….

In dem Etablissement, in das Fabian (statt in das am Nollendorfplatz) auf Empfehlung eines Freundes besucht, trifft er auf Irene Moll – oder besser gesagt, wird diese auf ihn aufmerksam. Immer wieder wird Fabian im Verlauf des Geschehens dieser Frau begegnen…. der Nymphomanin, die ihn ganz am Anfang des Romans zu sich nach Hause abschleppt und ihn vor dem geplanten Regen- und Wolkenspiel von ihrem Ehemann begutachten lassen muss, wie es zwischen den beiden Eheleuten für solche Fälle von benötigtem außerehelichen Geschlechtsverkehr vertraglich festgehalten ist. Sie ist für den Protagonisten die Verführung, sie ist sein persönlicher “Satan”, der ihn immer wieder seine Grundsätze vergessen machen will, die ihn mit ihrem Geld (anstatt einem Apfel, der in “Wirklichkeit” ja wohl eher eine Feige gewesen ist und das würde dann schon eher hier ins Bild passen…. ) lockt, mit ihren Möglichkeiten, ihrem warmen und feuchten Schoß. Aber Fabian bleibt standhaft, er, der ein Moralist ist, läßt sie, die keine Moral hat, sondern alles für käuflich hält, einfach stehen.

Fabian ist wie Treibgut in einer Stadt, deren Winkel und schummrigen Ecken er zwar kennt, die ihm aber trotzdem fremd ist. Er ankert nirgends, ein kleiner Stoß und es treibt ihn weiter, ohne daß er einen Plan hat und weiß, wohin. Er ist ein Moralist, Kästner betont dies des öfteren, nicht im oberflächlichen Sinne von “Moral und Anstand”, sondern weil er der Ansicht ist, es müsse möglich sein, ein Leben nicht nach den Prinzipien der Ökonomie, der Gewinnmaximierung zu führen, sondern nach ethischen Grundsätzen. Und weil er ein Moralist ist, muss er zwangsläufig scheitern, denn die Welt, in die er geworfen wurde, ist amoralisch – in jedem Sinne.

Doch zuvor sieht es für Fabian ganz anders aus. Er lernt auf einer seiner Touren Cornelia Battenberg kennen, eine Juristin, die aber Ambitionen fürs Filmgeschäft hat. Man kommt ins Gespräch, findet sich sympathisch, begleitet sich nach Hause und die Frau bittet den Mann noch auf eine Tasse Kaffee mit ins Zimmer… es bleibt natürlich nicht bei dieser Tasse und zum ersten Mal hat Fabian das Gefühl, er könne etwas erreichen, es gäbe etwas, was der Anstrengung lohnt, ein Ziel, einen Wunsch… Aber schon kurz darauf entscheidet sich Cornelia dazu, ihre Filmkarriere durch horizontale Dienstleistungen am Produzenten zu beschleunigen und da ein Unglück selten allein kommt, bekommt Fabian von seinem Chef die Kündigung zugestellt, dem unfähigen Ex-Kollegen wird wegen seiner Preisausschreibenidee dagegen eine Gehaltserhöhung bewilligt und sein bester, sein einziger Freund Labunde erliegt einem dummen Scherz….

Fabian hält es im menschenverzehrenden Moloch Berlin nicht mehr aus und er fährt daher nach Hause, in seine Heimatstadt. Dort fluten ihn beim Anblick der Straßen, Plätze und Häuser Erinnerungen.. mit einem ehemaligen Schulkameraden geht´s auch hier erst mal ins Bordell, selbst in der Provinz hat der allgemeine Verfall eingesetzt, wenngleich er nicht so schrill wirkt, sondern eher kleinkariert und kleinbürgerlich eng. Zum Schluss gibt das Schicksal ihm wieder, so wie in Berlin, als er den Bettler, der aus dem Cafe vertrieben wurde, einlädt und er dem Mädel, das einen Aschenbecher aus dem Kaufhaus mopste, um ihm dem Vater zu schenken, diesen kaufte, eine Gelegenheit zur “guten Tat”: er, der Nichtschwimmer, versucht, einen Jungen, der in den Fluss gestürzt war, zu retten….

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In Fabian versucht Kästner mit den Mitteln der Ironie und der Übertreibung auf die Auflösungserscheinungen einer Gesellschaft aufmerksam zu machen, in deren Schatten sich eine Gegenbewegung aufmacht, die Macht zu übernehmen, zur Not mit Gewalt. In seinem Vorwort, das Kästner nach dem Krieg der Neuauflage voranschickt, schreibt er, daß das Bild, das er von der Großstadt zeichnet, ein Zerrspiegel ist, den der Moralist ihr vorhält, die Überspitzung als legitimes Mittel der Karikatur, der Satire gebrauchend. Aber damit relativiert er die Zustände nicht (“na ja, dann war es ja wohl doch nicht so schlimm…”), sondern er leuchtet sie aus und richtet den Fokus auf sie. Kein Wunder, daß der “Fabian” bald brennen sollte…

Der Roman ist, um noch etwas zum Stil zu sagen, sehr kurzweilig geschrieben, da Kästner, der Journalist, viel mit schnellen, kurzen Dialogen arbeitet; die einzelnen Kapitel, die wie Perlen auf einer Handlungskette sitzen, sind kurz gehalten und in sich weitgehend abgeschlossen, sie erzählen jeweils Episoden, einzelne Szenen. Diese Schnelligkeit, teilweise vllt sogar ein Hauch von Hektik – damit entspricht der Roman der Atmosphäre der Stadt, in der er spielt, eine Stadt, die nie ruht, die nie nachdenkt, die das Hier und Jetzt lebt ohne es zu reflektieren. Fabian ist, wenigstens in der ersten Buchhälfte, nicht unbedingt eine sympathische Figur, seine Schnoddrigkeit, seine Schlagfertigkeit, mit der er andere abfertigt, weisen einen Hauch von Arroganz auf, eigentlich ist es nicht verwunderlich, daß er einsam ist: er will es wohl sein, schützt sich mit diesem Wortpanzer für Gefühlen. Erst als diese mit Cornelia ins Spiel kommen, wird er zugänglicher, auch für den Leser.

Natürlich erkennt man auch einiges von Kästner in der Figur des Fabian wieder. Journalist der eine, Texter der andere, sind beide Beobachter und Akteure. Auch von Kästner ist ja bekannt, daß er sich den weiblichen Reizen, auch den käuflichen, nicht verschlossen hat, die Herzschwäche, unter der er seinen Jakob zeitweise leiden läßt, ist auch ihm eigen, als Erbe des harten Militärdrills, dem er als 17 jähriger unterlag. Die Mutter Ida, zeit seines Lebens seine große Liebe, vllt die einzige wirklich Liebe, findet sich in der fürsorglichen Mutter Jakobs wieder…

So ist “Fabian” zwar ein Zerrspiegel, aber eben doch auch ein Spiegel einer Stadt der Gegensätze: Not und Armut, Arbeitslosigkeit und Verzweifelung, die man tagsüber in den Straßen treffen kann, verkriechen sich mit Einbruch der Dunkelheit und die “Goldenen Zwanziger” kommen hervor mit ihren Vergnügungen und Ausschweifungen…. und, wenn man wollte, konnte man sie schon sehen, die braune Brut am Horizont….

Links und Anmerkungen:

[1] stichwortartige Auszüge nach: Was-war-wann.de
[2] In der Vor-Goebbels-Zeit ist der Begriff “Propaganda” offensichtlich noch nicht so schlecht beleumundet wie nachher…
[3] mit diesem Führer, der im 3. Reich konsequenterweise auch verboten wurde, wäre das wohl retrospektiv heute noch möglich: Weka [d. i. Willi Pröger], Stätten der Berliner Prostitution, Eine Reportage,  Berlin, Auffenberg Verlagsgesellschaft, 1930.
Aus dem Inhalt: Prostitution und Geschlechtskrankheiten – Die Absteige-Quartiere – Am Schlesischen Bahnhof – Mutter und Tochter – Die “Schnelle” – Geschlechtsverkehr im Freien – Prostituierten-Herberge – Das Kind als “Schlepper” – Am Büschingplatz – Die “Freuden-Greisin” – In der Schnelle des Alexanderplatzes – Massenbetrieb in der Dragonerstraße – Das Bordell im Laden – Steinstraße und Mulackstraße – Die Schwangere – Und die Behörden? – Die Gefahr der Ansteckung – Die Freiluft-Prostitution – Stettiner Bahnhof – In dunklen Höfen – Wo die Friedrichstraße beginnt – Passage “Unter den Linden” – Für ein Mittagessen – “Massage” und “Körperkultur” – “Junge Assistentin gesucht” – Eintritt gegen Referenz – Ein Tagbuch – “Pariser Salon” – Maskierung – Das weiße Gift – Am Halleschen Tor – Tiergarten, das Zentrum der homosexuellen Prostitution – “Hotel zur Eisenbahn” – Immer näher zum Westen – Am Bülowbogen – Händler für alles – Kaschemme für “Vornehme” – Wo der Westen beginnt – Rauschgiftzentrale Wittenbergplatz – Hexenkessel Tauentzienstraße – Schlepper – Geheime Salons – Die Minderjährigen – Rund um die Gedächtniskirche – Die Transvestiten – Am Gipfel: Kurfürstendamm – Abwärts.
Von den Elends-Absteigequartieren am Schlesischen Bahnhof und Alexanderplatz zur Luxus-Prostitution der Friedrichstraße und des Kurfürstendamms.” Der Text basiert auf einer Artikelserie, die im “Berlin am Morgen” veröffentlicht wurde und auf große Resonanz stieß. Die Beiträge geben einen umfassenden Einblick in die Orte und Zustände im Prostitutions- und Zuhältermilieu Berlins Ende der 1920er Jahre und sollten auf die herrschenden sozialen und gesundheitlichen Missstände aufmerksam machen. Die Nationalsozialisten setzten das Buch 1938 auf die “Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums”.
[4] Bilder aus dem zeitgenössischen Berlin mit Erläuterungen bei pinterest
[5] eine Ansicht, die der Schriftsteller Joseph Roth im übrigen garnicht teilt und wortgewaltig zu widerlegen sucht, vgl: Mira Miladinovic Zalaznik,Johann Georg Lughofer (Hrsg): Joseph Roth: Europäisch-jüdischer Schriftsteller und österreichischer Universalist, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2011. Zitiert nach: google.books, S. 134
[6] heute übrigens ein Ärztezentrum… ;-)
[7] Georg Diez: Nach dem Feuer die Dummheit, Spiegel 16/2013, S. 124. Ein zeitgeschichtlicher Beitrag über Kästner und seinen Roman “Fabian”
[8] auch sehr interessant: europe voice, 18. April 2013: Book Burnings: How the Nazis Ruined Erich Kästner’s Career

mehr von Kästner hier im blog:
- Als ich ein kleiner Junge war
- Lyrische Hausapotheke

Erich Kästner
Fabian
Erstveröffentlichung: dva, Stuttgart/Berlin 1931
diese Ausgabe: dtv – Jubiläums-Edition 50 Jahre, flexibler Einband, ca. 260 S., 2011

Achtundvierzig Tage nach dem Tod ihres Mannes Hans von Mierlo beginnt die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen damit, Notizen über ihre Existenz nach diesem Verlust festzuhalten. Obwohl sie das Genre des “Tagebuch”schreibens nicht liebt, ist es für sie in dieser Situation die einzige Möglichkeit, sich zu artikulieren. Zu der gedanklichen Strenge und Konsequenz, nach der ein Roman mit seiner Struktur, seinem inhaltlichen und konzeptionellen Gerüst verlangt, ist sie nach diesem Schicksalsschlag nicht fähig. Im Gegenteil sollen ihr die Aufzeichnungen, die sie bewusst “Logbuch” nennt, ihrerseits eine Struktur zur Hand geben, ein Log sein durch ihre Trauerzeit.

“Es gibt nur noch Wörter, die mit “Un-” und “Ent-” anfangen, als Wörter, die sich von etwas zu lösen, die etwas nicht zu sagen versuchen.”

entnervt, entartet, entgeistert, ungeheuerlich, entortet……

Wie Grossmann ist Connie Palmen aus der Zeit gefallen, aus der Welt gefallen, steht sie kurz davor, auch aus dem Leben zu fallen. Sie erlebt zum zweiten Mal in ihrem Leben den Verlust eines Menschen, den sie mit einer Intensität liebt, die auf dem Umschlagtext als symbiotisch bezeichnet wird. Das “Logbuch eines unbarmherzigen Jahres” ist ein “Witwenbuch” (diesen Term gebraucht sie selbst), ihr zweites nach “I.M.”, in dem sie das Leben und auf wenigen Seiten auch die Trauerzeit nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Ischa Meijer beschreibt [1]. Im Gegensatz zu Ischa Meijer starb der deutlich ältere als sie Hans von Mierlo nach einem längeren Krankenhausaufenthalt, bei dem sich durch die stete Verschlechterung seines Zustandes der Tod als zu erwartend abzeichnete – auch wenn seine Einlieferung ursprünglich nur einer Untersuchung seines Gesundheitszustandes galt. Um so schwerer fiel die Annahme dieser Tatsache natürlich,  zumal es noch eine kurze Periode der Besserung Hoffnung gab, die wiederum nach kurzer Zeit aufgegeben werden musste.

Hans von Mierlo, einer der beliebtesten Politiker der Niederlande, der in vielen Funktionen auch Ministerverantwortung getragen hatte, hatte sich in den achtziger Jahren durch eine Bluttransfusion mit Hepatits C infiziert, was zu einem Leberkrebs bei ihm führte. Im Jahr 2000, zu diesem Zeitpunkt waren Connie und er schon ca. anderthalb Jahre ein Paar, wurde ihm eine “neue” Leber transplantiert. Die Transplantation gelang zwar, aber die Immunsuppressiva, die er einnehmen musste, riefen langfristig ein Leberlymphom hervor. Hans von Mierlo starb am 11. März 2010, nachdem Connie Palmen (die nachfolgend kaum fassen konnte, daß sie diese Entscheidung getroffen hatte) weitere Untersuchungen und Behandlungen ihres Mannes abgelehnt hatte. Wenige Monate zuvor, am 11. November 2009, hatten die beiden geheiratet.

2010 war das annus horibilis der Familie Mierlo/Palmen, im näheren und weiteren Umfeld, auch in der Familie häuften sich die Todesfälle, Dieter Wunderlich hat sie akribisch zu einer erschreckenden Liste zusammengefasst [2]. Wer hält so etwas aus, jeder Trauerfall, jeder Verlust ein erneutes Einstürzen der eigenen Welt, eine zu ertragende Verletzung der Seele und des eigenen Willens zum Leben? Auf fast makabre Art und Weise dokumentiert Palmen am Ende des Buches die um ein Jahr versetzte Sterbephasen von Vater und Tochter, von Hans und Marie, der sie sehr nahe stand, die beide am Non-Hodgkin-Lymphom starben, in dem sie ihre Aufzeichnungen für jeweils das gleiche Datum parallel wiedergibt…

Neununddreißig Kilo, Kiefersperre, Mund in Fetzen, Rachen in Brand, Magen greint, Darm jammert laut vor Leere, Herz rast, klopft, pumpt wie verrückt. Innen durch und durch kalt, außen perlt der Schweiß…

Beim Anlesen des Buches, auf der ersten Textseite dachte ich, es wäre die erschütternde Beschreibung Hans von Mierlos in seinem Sterben. Erst beim Lesen habe ich gemerkt, daß es sich bei dieser Beschreibung um die von Connie Palmen handelt. Der Seelenschmerz ist körperlich geworden, hat sich eingenistet in allen Winkeln, ist dabei, das eigene Sein zu zerstören. Wie kann ein Leben weitergehen ohne den geliebten Menschen: es scheint unmöglich. Und von Tag zu Tag, unmerklich vllt zuerst, aber unabänderbar schwindet die Erinnung an ihn. Connie Palmen sammelt fast manisch alles, was an Notizen, Aufzeichnungen, Bemerkungen ihres Mannes zu finden ist, seine Tagebücher, Zettel, Bilder…. jedes Stück Papier, das er einmal in den Händen hatte, ist ihr wertvoll, weil es eine Spur von ihm ist, die ihr erhalten geblieben ist… und doch… im Lauf der Wochen, der Monate verblasst Erinnerung, wird unpräzise, konzentriert sich auf besondere Momente, vermischt sich mit erzählten Erinnerungen anderer, ändert sich… Das Buch Palmens ist auch ein Versuch, gegen dieses Vergessen anzuschreiben, es zu überlisten [3]. Wählt sie in I.M. das romanhafte als Genre, also die Fiktionierung, versucht sie hier – auch weil nur dies ihr möglich ist – durch den Tagebuchcharakter die “Wahrheit” festzuhalten.

So sehr Palmen mit ihrem Logbuch auch die Erinnerung aufrecht halten will, so flieht sie sie andererseits auch. Ihren Anmerkungen nach scheint sie viel zu trinken, zu viel, teilweise hat sie sich nicht mehr im Griff, fällt auf, wacht des Morgens auf der Couch in ihrer Wohnung auf, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen ist. Sucht als Flucht, der Zustand des Betrunkenseins auch als Zustand eines kleinen Todes, eines Vergessens, einer Isolation von der Welt und damit einer “Nähe” zum Geliebten, der der Welt auch entrissen ist…. Dies ist Palmen bewusst, sie fügt den Text einen Essays von ihr zum Thema “Süchte” in den Buchtext ein, in dem sie auch eigenes Suchtverhalten analysiert: “Süchte sind bezahlte Freundschaft“, ein Johnny Walker verläßt dich nie.

Im Umschlagtext zum Buch wird die Beziehung zwischen Palmen und von Mielo als “symbiotische Liebe” bezeichnet, womit die wechselseitige Nähe, u.U. sogar Abhängigkeit der beiden voneinander charakterisiert wird. Ganz abgesehen davon, daß man dies natürlich im Grunde auch aus der Sicht des Verstorbenen beurteilen müsste, ist mir persönlich das Wesen der Liebe, wie sie Connie Palmen erfährt und lebt, noch ein paar Bemerkungen wert.

Dass es [1.e. der Tod des geliebten Menschen] so desaströs für dich selbst ist, kommt daher, dass du ohne einen anderen kein Selbst hast und, in der Liebe, dein schönstes Selbst in seinen Händen liegt.”

Es ist dieses Bild Platons vom Kugelmenschen, auf das Palmen in I.M. selbst bezogen hat [1], das mir auch hier wieder in den Sinn kommt: zwei Individuen, die ihre Individualität in gewissem Sinn in der Vereinigung aufgeben und sich durch die Beziehung zu dem jeweils anderen definieren. Liebe ist, Palmen sagt dies so, Selbstaufgabe: “Tas [i.e. ihr Analytiker] gegenüber gestehe ich, dass ich nie gedacht hätte, jemals wieder einen Mann so lieben zu können, und daß ich nun erneut auf meine Selbstständigkeit pfeife.” Das christliche (und wunderbare) Gebot: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!” ignoriert Palmen, sie liebt sich nicht mehr selbst, sondern nur noch in  ihrer Liebe zu diesem einen Menschen. So kommt auf Palmen ausser der katastrophalen Verlusterfahrung durch den Tod des Geliebten auch die Tatsache zu, daß sie, die sie ihr Glück, sich selbst über diesen Menschen definiert hat, jetzt ohne eigenes Selbst – und damit einen eigenen Sinn – in die Welt geworfen ist: “Eines Abends bitte ich ihn [i.e. den Bruder, der auf sie aufpasst] um die Erlaubnis, sterben zu dürfen. Er verweigert sie mir. Okay, sage ich, dann nicht.” Dieses sich “so sehr an etwas zu hängen“, sich abhängig zu machen von etwas, ist ein Wesenzug Palmens, vor dem schon die Mutter das Kind Connie warnte….

*****************

Das Logbuch hat als Tagebuch natürlich keine Handlung, aber im Verlauf des beschriebenen Jahres zeigt sich die Entwicklung des Seelenzustandes von Connie Palmen. Sie lernt, sehr schmerzhaft und mühsam, wieder zurück ins Leben zu kommen, das Haus wieder zu verlassen, Kontakte mit Menschen aufzunehmen, auch wieder in die Öffentlichkeit zu gehen, ihren Alkoholkonsum zu drosseln. Und immer wieder die Tode anderer, naher Menschen, obwohl man das Gefühl hat, daß dieser eine Tod so gewaltig für Palmen ist, daß die anderen den Schmerz kaum noch vermehren können. Aber das mag ich auch falsch aus den Aufzeichnungen heraus interpretieren.. der Tod der geliebten Stieftochter Marie jedenfalls, ein gutes Jahr nach ihrem Vater, also in einer Zeit, in der Palmen wieder ins Leben zurückgekehrt war, war noch einmal ein großer, tiefer Verlust, die zu erdulden war….

Trost und Verständnig findet Palmen in Büchern, Aufzeichnungen, Protokollen anderer, vornehmlich Schriftsteller [5], die ihrerseits Tode von nahen Menschen in ihr Leben integrieren mussten. Jetzt, selbst in dieser Situation, versteht sie die Gedanken, die sie dort findet, die Seelen- und Zustandsbeschreibungen, die Bekenntnisse der Unfähigkeit zu diesem und jenem, dem Schreiben zum Beispiel… was Palmen nie verliert, ist ihre Fähigkeit zur Reflexion, zur Analyse des eigenen Verhaltens, der eigenen Situation. Das Wesen der Trauer, des Verlustes, der Liebe… im Verlauf der Zeit, d.h. des Buches nehmen Erinnerungen an das frühere gemeinsame Leben mit von Mierlo mehr Raum ein, man merkt, daß Palmen immer besser in der Lage ist, den Schmerz, den diese Erinnerungen hervorrufen, zu ertragen und durch das Niederschreiben zu bewältigen. Auf diese Weise teilt sie mit uns als Lesern wichtige Stationen in ihrem gemeinsamen Leben mit ihrem Mann, oft knüpft sie dies an das gleiche Tagesdatum des Logbuchschreibens an.

Beim Lesen des Buches taucht unwillkürlich die Frage auf: Musste es in dieser Offenheit und ungeschönten Realität geschrieben, veröffentlich werden? Connie Palmen gibt darauf selbst eine Antwort, daß dieses Buch über ihre Trauer geschrieben musste, weil das Thema – ungesagt – sonst immer zwischen ihr und jedem anderen Text gestanden hätte, den sie hätte schreiben wollen. Dieses Buch ist die Last auf ihrer Seele, die sie jetzt mit uns Lesern zusammen getragen weiß. In diesem Zusammenhang reflektiert sie ebenfalls generell über die Frage der Öffentlichmachung eines derart intimen, privaten Ereignisses wie des Todes eine geliebten Menschen, seiner Beerdigung, der Trauer der Zurückbleibenden… in einem Essay, der als Einleitung für ein Fotobuch gedacht war, gibt sie ihre Gedanken über die (auch wechselseitige) Beziehung zwischen Fotographen und Fotographierten wieder. Sie knüpft dies u.a. an die seinerzeitig kontroverse Diskussion um das Bild an, welches Annie Leibowitz von ihrer verstorbenen Lebensgefährten Susan Sonntag veröffentlich hat [6]. Ihr selbst sind die Schnappschüsse, die von ihr und den Ihren in ihrer Trauer gemacht wurden, wichtig, sind es doch zum Teil die letzten bildhaft fixierten Erinnerungen, die es gibt….

Palmen erwähnt an einer Stelle in ihrem Buch die “archaischen” Trauerriten, die in manchen Kulturen noch praktiziert werden: das Schreien, das Sich-die-Haare-raufen, das hemmungslose Weinen, das sich – in unserem Verständnis oft als ein sich gehen lassen empfundene – nach außen hin offenbaren [7]: in diesen Momenten spürt man keinen Schmerz, man ist Schmerz, der Schmerz ist nichts mehr, was von außerhalb auf einen einwirkt, er ist in den tiefsten Winkel der eigenen Seele gewandert und hat sich mit ihr vereinigt… man kann diesen Schmerz nicht mehr lokalisieren, er ist allgegenwärtig geworden, hat die Kontrolle über Körper und Seele übernommen… Vielleicht ist das Öffentlichmachen eines solchen sehr privaten, teilweise intimen Textes für einen “Literaten” das Pendant zu diesem Herausschreien des Schmerzes, man muss ihn nicht nur für sich niederschreiben – damit bleibt er ja immer noch in der eigenen Sphäre -, nein: er muss hinausgeschrieen werden in die Welt, er muss entlassen, verscheucht, vertrieben werden, in dem ich ihm ein Ventil gebe, durch das er entweichen kann: schreien oder schreiben….

“Das Logbuch eines unbarmherzigen Jahres” ist beides: ein erschütterndes Dokument dessen, was ein Mensch an Verlusten erleiden kann, wie nahe Trauer einen Menschen an die eigene Vernichtung führen kann. Es ist aber auch ein Zeugnis dafür, daß man dies überlebt, daß man ins Leben zurückfinden kann, daß man lernen kann, mit dem Schmerz, der immer da sein wird, wenngleich es im Lauf der Zeit anders weh tun wird, zu leben, ihn als Bestandteil des eigenen Lebens zu akzeptieren.

Wer dieses Buch liest (hoffentlich viele), muss sich bewusst sein, daß es eine schwierige Lektüre ist, die auch den Leser selbst mit einbezieht. Denn selbstverständlich kann man solches nicht lesen ohne auf Gedanken zu kommen, wie ginge es dir selbst, wie würdest du reagieren, handeln oder auch nicht handeln, wie würdest du fühlen, was würdest du machen: wie sähe deine eigene Trauer aus, wenn ….

Links und Anmerkungen:

[1] Connie Palmen, I.M., Diogenes, Buchbesprechung hier im Blog
[2] http://www.dieterwunderlich.de/Palmen-logbuch-unbarmherzigen-jahres.htm#inhaltsangabe
[3] Video-Interview mit Connie Palmen im SRF: Connie Palmens erschütternde Abschiede von ihren Lebenspartnern, Kulturplatz, 23.01.2013
[4] Kurzbiographie von Hans von Mierlo aus der Wiki
[5] hier kann man das Logbuch fast als Sammlung von Literaturhinweisen zum Thema nutzen….
[6] vgl. David Rieff: Tod einer Untröstlichen, Buchvorstellung hier im blog
[7] ich habe dies einmal erlebt, als ich einer türkischen Familie die Nachricht vom Unfalltod ihres Sohnes (mit)überbringen musste: man wird von dieser Wucht des Schmerzes, der Trauer, der Verzweiflung, die sich vor einem ausbreitet, schier überwältigt und es ist nicht ganz einfach, damit umzugehen, wenn man plötzlich (als Bote) Teil dieses Geschehens geworden ist….

Buchvorstellungen hier im blog zum Thema Verlusterfahrung und Trauer

- David Grossman: Aus der Zeit fallen
- Wolfgang Hermann: Abschied ohne Ende
- David Rieff: Tod einer Untröstlichen
-Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst
- Lisa-Marie Dickreiter: Vom Atmen unter Wasser
- Georg Diez: Der Tod meiner Mutter
- Connie Palmen: I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam

sowie allgemein in der Kategorie: Krankheit/Sterben/Tod/Trauer

Connie Palmen
Logbuch eines unbarmherzigen Jahres
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 265 S, 2013
Erstausgabe: Amsterdam, 2011

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