Christoph Schlingensief (1960 – 2010) war ein sehr publikumswirksam auftretender Opern- und Theaterregisseur, ein Aktionskünstler und (egal, was er anfasste) jemand der provozierte. Wie kaum ein anderer verschmolz bei ihm die Kunst, seine Kunst, mit seinem Leben zu einem Gesamtkunstwerk. Er muss sehr temperamentvoll und spontan gewesen sein, voller Einfälle und Ideen – die Arbeit mit ihm muss inspierend, aber auch anstrengend gewesen sein.

Treffen sich zwei Wärmekuchen und lassen ihre Last ab. [S. 214]

Anfang 2008 wurde bei ihm ein Lungenkarzinom festgestellt, zu diesem Zeitpunkt setzt das vorliegende Buch ein. Es wurde ihm der linke Lungenflügel operativ entfernt, es folgten Chemo- und Strahlentherapie. Obwohl die Prognose der Ärtze optimistisch war, wurden schon im Dezember des gleichen Jahres Metastasen im rechten Lungenflügel festgestellt. Im August 2010 starb Schlingensief an seiner Krankheit.

Christoph Schlingensief während der Verleihung des Nestroy-Theaterpreises 2009 in Wien; Quelle: [1]

Christoph Schlingensief während der Verleihung des Nestroy-Theaterpreises 2009 in Wien;
Quelle: [1]

So schön wie hier kanns im Himmel garnicht sein!” umfasst Tagebucheinträge Schlingensiefs vom Zeitpunkt der Erstdiagnose bis ca. zum Zeitpunkt, an dem die Metastasen festgestellt wurden, überbrückt also ca. ein Jahr. Da der Autor seine Ausführungen in ein Diktiergerät gesprochen und aufgezeichnet hat, sind auch die Einträge, die direkt nach der Operation vorgenommen wurden, “authentisch” mit diesem Datum.

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Bescheidenheit war Schlingensiefs Sache nicht, sie wurde es auch nicht in diesem Betrachtungen eines Krebspatienten. Einen nicht unerheblichen Teil seiner Gedanken formulierte er dahingehend, wie er diese Erkrankung in sein künstlerisches Werk einbauen könnte… frei nach Hape: “Das ganze Leben ist ein Spiel und wir sind nur die Kandidaten” …. und dann sind da plötzlich doch die Momente, in denen ihm klar wird, daß es kein Spiel ist: “... Und das macht mir Angst, weil ich diesen Einbruch des Realen ja noch nie erlebt habe, weil es ja keine Fiktion mehr ist, kein Schauspiel, bei dem ich den Zuschauern einen Herzinfarkt vorspiele.” [S. 75]. Nein. das IST der Tod, der jetzt als Möglichkeit, als sein ganz persönliches Schicksal, sehr konkret geworden ist.

“Ich bin zutiefst verletzt in meinem Gottvertrauen, in meiner Liebe zum Leben, zur Natur – ich will mich nur noch betrunken unter den Sternenhimmel von Afrika setzen und mich auflösen.” [S. 52]

Die Erkrankung brachte Schlingensiefs Verhältnis zu Gott und zu Jesus ins Wanken, seitenlang wird darüber schwadroniert (ein Begriff, den der Autor selbst verwendet), was z.B. die wenigen Stunden, die Jesus am Kreuz hing, seien gegen die lange Zeit, die andere Menschen zu leiden hätten… hätte auch Schlingensief gerne gerufen: “Mein Gott, warum hast du mich verlassen?”? Ich weiß es nicht, der Gedanke kam mir aber: “Gott bewahre, daß ich dir eins in die Fresse schlage.” [S. 53] …

Immer wieder Rückbesinnungen auf das Schicksal des Vaters, der wohl ein Jahr zuvor gestorben ist nachdem er langsam erblindet war. Die selbstkritische (!) Frage, ob er sich richtig verhalten habe, ob er sich besser hätte verhalten können: jetzt, im eigenen Schicksal, im eigenen täglichen Erleben einer Krankheit und ihrer Folgen, taucht sie am Horizont auf. Ebenso wie die Frage nach dem eigenen sozialen Engagement, da Schlingensief die Einsamkeit des (Krebs)Erkrankten am eigenen Leib erlebt: er muss mit der Diagnose und der Unsicherheit der Therapie leben und zurecht kommen und fühlt sich allein gelassen. Der Verlust der Autonomie, der Eigenständigkeit, das ausgeliefert sein den ärztlichen Entscheidungen und Anweisungen….. Ein Netzwerk zu gründen von Erkrankten, die sich gegenseitig stützen: sicherlich eine gute, sinnvolle Sache. Stelle ich mir jedoch vor, einen selbstverliebten Egomanen wie Schlingensief, der seinen Mund nicht halten kann, am Krankenbett zu haben in dem Bemühen, mich zu begleiten – nein, das stelle ich mir besser nicht vor…

Und immer wieder die Schuldfrage: woher kommt der Krebs, wer oder was ist schuld daran? Nachdem die Ärzte ungefähr taxieren konnten, wie lange der Krebs schon in ihm ist, verortete er Bayreuth und die Wagner-Musik als Auslöser, Ursache des Tumors…. irgendwann in dieser Phase schrie ihn seine Lebensgefährtin (und spätere Frau) Aino an, es solle doch endlich mal mit diesem Schuldgequatsche aufhören. Wie recht sie hatte!

Das ist der Moment, der wichtig ist. Ich huldige anderen.
Ich huldige nicht nur mir. [S. 163]

Wo bei Herrndorf [3] Arbeit und Struktur das Leben nach der Diagnose und während der Behandlung dominieren und Stütze geben, bleibt Schlingensief beim Denken und Planen: “Ich habe lernen müssen, auf dem Sofa zu liegen und nichts anderes zu tun, als Gedanken zu denken.” [4] Es gibt ein Universum, in dessen Zentrum Schlingensief steht und um das sich Schlingensief dreht. Alle anderen sind nur schmückendes Beiwerk, Aino, seine Lebensgefährtin vllt ausgenommen. Eins der Projekte, die ihn sehr beschäftigen, ist der Plan, in Afrika ein Opernhaus zu errichten, überhaupt Afrika, ein Thema, das als Fluchtort für ihn immer wieder auftaucht: “… ich erhoffe mir, mich dort als Person in ihrer ganzen Absurdität irgendwie zusammenführen zu können. Als Bild stelle ich mir eine Art Auffanggefäß vor. Eine Arche, meinte Alexander Kluge am Telefon: Alles, was wichtig ist, wird gesammelt und in einem Kasten zusammengeführt. …. Ich baue ein Opernbaus in Afrika. Und diese Oper, die ich baue, bekommt eine Krankenstation, eine kleine Schule, eine Herberge, eine Kirche und Probebühnen. Aino schlug noch vor, daß es dort ein Sumpfgebiet geben solle. Aber im Kern wird da ein Opernhaus als Arche gebaut. “ [S. 63/4]. Das Projekt wird später in Burkina Faso umgesetzt, wenige Monate vor seinem Tod kann Schlingensief dort noch die Grundsteinlegung erleben. Andere Projekte, Regiearbeiten, dagegen sagt er ab, muss er absagen….

Nach Operation, Chemo und Bestrahlung machen die Ärzte Schlingensief große Hoffnung, wahrscheinlich sei er in seinem ganzen Leben noch nie so “sauber” gewesen. Vergebens. Nur wenige Monate später (in denen keine Eintragungen ins Tagebuch gemacht wurden) finden sich Metastasen im rechten Lungenflügel. Der Gedanke an den Tod ist jetzt greifbar, denkbar geworden, der Ton der Aufzeichnungen ruhiger, abgeklärter. Schlingensief fängt an, Abschied zu nehmen, schreibt Briefe an Freunde, spricht sich mit der Mutter aus: “… habe mich neben sie gesetzt und den Kopf auf ihre Schulter gelegt. Als sie meine Hand nahm, konnte ich die Tränen laufen lassen. Aber vor allem konnte ich ihr gegenüber endlich all die Dinge aussprechen, die mir eine solche Last waren. … All das sagen zu können, … hat so gut getan, ich kanns gar nicht beschreiben. …” [S. 253]

Schlingensief beendet seine Aufzeichnungen mit dem dritten “Wunder“, das er zu Weihnachten erlebt: seine Freundin Aino und er verloben sich: “.. Es geht hier nicht um Stunden und Tage und Monate, es geht hier um ein ganzes Leben. Und dieses Leben, das ich jetzt mit Aino vor mir habe, wird wunderschön.” [S. 254/5]

Christoph Schlingensief stirbt am 21. August 2010.

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Jeder Mensch hat das Recht, auf seine eigene Art mit der Krankheit, dem Sterben und dem Tod umzugehen, dies auch in die Öffentlichkeit zu bringen, wie es Schlingensief in seinen Aufzeichnungen gemacht hat. Dieses Recht zu haben bedeutet aber nicht notwendigerweise, auch den besten Weg gewählt zu haben oder gar die Pflicht für andere, den Betroffenen auf seinem gewählten Weg zu begleiten. So gebe ich zu, mit diesen Aufzeichnungen über eine Krebserkrankung meine Probleme gehabt zu haben. Zu sprunghaft, zu erratisch, zu irrlichternd: Schlingensief war so, warum sollte er sich in der Erkrankung ändern, sicherlich – aber ich konnte für mich aus diesem Buch nichts gewinnen. Damit stelle ich mich durchaus etwas ausserhalb der allgemeinen Rezeption des Buches in der Kritik [5], die dem Buch überwiegend wohlwollend bis positiv gegenübersteht.

Mein “Problem” mit den Aufzeichnungen ist das Gefühl, daß sich Schlingensief dem Selbstmitleid hingibt und sich in einer Opferrolle sieht. Irgendetwas muss Schuld an dieser Erkrankung haben und wenn es die Musik von Wagner ist…. Es dauert lange, bis Schlingensief trennen kann zwischen Realität und Theater und der Versuch, das Reale (seinen Krebs) als Spielmaterial für sein künstlerisches Werk zu adaptieren, muss grundsätzlich scheitern. Der Tod ist eben kein Spiel – andererseits ist zu akzeptieren, daß dies eben der besondere, vllt sogar der für den Erkrankten einzige Weg war, in einer Art Prozess mit dem Ungeheuerlichen klar zu kommen.

Dem Buch selbst merkt man in seiner Sprache an, daß es auf mündlichen Aufzeichnungen beruht. Die Sprache ist nicht sonderlich anspruchsvoll und entspricht in weiten Passagen dem Gesprochenen (wie es der fehlende Apostroph im Buchtitel schon andeutet…), es sind viele Wiederholungen vorhanden, manches versteht man auch beim zweiten Lesen nicht…

So kann ich abschließend festhalten, daß diese Tagebuchaufzeichnungen für mich in Bezug auf den Prozess einer Erkrankung und später eines Sterbens unergiebig waren, zu exaltiert, wie der Betroffene seine Erkrankung wahrnimmt, zu fremd für mich. Für jeden jedoch, der sich für die Person Schlingensief interessiert, ist dieses Buch eine Fundgrube: viel erfährt man über das Verhältnis zu den Eltern, insbesondere dem Vater, auch seine Religiosität spielt eine große Rolle, hin und wieder wird auch das Verhältnis zu auch Berufskollegen und dem Theaterwesen angesprochen.

Christoph Schlingensief
So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!
Tagebuch einer Krebserkrankung
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, HC, ca. 255 S., 2009

[1] Wiki-Artikel zu Schlingensief: http://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Schlingensief;
Bild: By Manfred Werner – Tsui (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
[2] Im Jahr 2010 wurde das Projekt Wirklichkeit, im Februar war Grundsteinlegung in Burkina Faso:  http://www.operndorf-afrika.de
[3] Wolgang Herrndorf: Arbeit und Struktur;  https://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/
[4] siehe hier: http://www.schlingensief.com/projekt.php?id=b001
[5] Christopher Schmidt von der Süddeutschen versteigt sich sogar auf die Meinung, dieses Buch sei eine “der wichtigsten Neuerscheinungen des Frühjahrs” (2009). Was liest der Mann sonst? Briefmarkenkataloge? zitiert  nach:  http://www.perlentaucher.de/buch/christoph-schlingensief/so-schoen-wie-hier-kanns-im-himmel-gar-nicht-sein.html

mehr Buchbesprechungen zum Thema: Tod, Sterben, Krankheit im Themenblog:  http://mynfs.wordpress.com

 

Nachdem ich vor einiger Zeit Nabokovs Schachroman über Lushin [3] gelesen und hier vorgestellt [3] habe, war auch der Wunsch da, die bekannte Schachnovelle von Zweig noch einmal zu lesen. Schließlich ist es schon Jahrzehnte her, daß….

Stefan Zweig  (1882 - 1942, Aufnahme ca. 1912) Bildquelle [1]

Stefan Zweig
(1882 – 1942, Aufnahme ca. 1912)
Bildquelle [1]

Die Schachnovelle wurde 1941 veröffentlicht, kurz vor dem Suizid Zweigs. Sie spielt auf einem Schiff, einer Überfahrt von New York nach Südamerika, einer Fahrt, die Zweig so ähnlich auch unternommen hat. Auf dem Schiff reist neben dem Ich-Erzähler, einem Emigranten, auch der berühmte Schachweltmeister Czentovic. Es gelingt einigen Schachinteressierten unter “Führung” des etwas eigenwilligen, aber reichen McConnors, diesen (gegen Honorar) zum Spiel aufzufordern, das die Männer natürlich verlieren. Es wird aber Revanche vereinbart, der reiche McConnor verbeisst sich in diese Auseinandersetzung mit dem Weltmeister. Aber wie zu erwarten, haben die Männer auch diesmal keine Chance gegen Czentovic, doch da mischt sich auf einmal gegen Ende der Partie ein Unbekannter vehement in das Spiel ein und nach zwei, drei Zügen, die er den unterlegenen Spielern zu spielen empfiehlt, fühlt sich der Weltmeister zum ersten Mal gemüssigt, sich intensiver mit dieser Partie zu befassen. Und tatsächlich gelingt es den “Herausforderern”, dem Weltmeister mit Hilfe des ansonsten namenlos bleibenden Dr. B ein Remis abzutrotzen.

Eine weitere Partie lehnt der Unbekannte ab.

Dann verlassen wir diese Rahmenhandlung und kommen auf eine weitere Erzählebene. Natürlich ist der Erzähler neugierig, woher der Unbekannte diese famosen Fähigkeiten im Schach erworben hat und er versucht, mit diesem ins Gespräch zu kommen. So erfährt er, daß Dr. B. seinerzeit in Österreich Vermögensverwalter für Adlige und den Klerus war, Besitztümer und Guthaben, die sich die Nazis nach dem “Anschluss” an Deutschland unter den Nagel reißen wollten. Um an notwendige Daten und Angaben zu kommen, wurde Dr. B. in Isolationshaft gesperrt, nicht in einem dunklen Verliess, sondern in einem Hotelzimmer, in dem ihm aber nichtsdestotrotz nichts zur Verfügung stand, mit dem er sich hätte beschäftigen sollen.

Als er im Vorzimmer wieder mal stundenlang darauf warten muss, verhört zu werden, sieht er in einem dort hängenden Mantel eine ausgebeulte Tasche. Es gelingt ihm tatsächlich trotz seiner Bewachung, aus dieser Tasche ein Buch zu entwenden und später mit in sein Zimmer zu schmuggeln. Es ist zu seiner großen Enttäuschung ein Schachbuch mit Partien großer Meister. Da es aber das einzige ist, womit er seinen Geist beschäftigen kann, lernt er im Verlauf der Zeit sowohl das Schachspiel selbst als auch die Raffinessen des Spiels, so wie sie sich in den aufgezeichneten Partien zeigen. Nachdem er diese alle auswendig kann, spielt er im Kopf gegen sich selbst und zwar so konsequent, daß er seinen Intellekt in praktisch zwei Bereiche aufteilt, die sich am (imaginierten) Schachbrett unversöhnlich gegenüber stehen. Wahnvorstellungen stellen sich ein, das Spiel nimmt völligen Besitz vom Spieler und nachdem dieser den Wärter angreift und sich beim Randalieren schwer verletzt, kommt er in ein Spital. Dort diagnostiziert der Arzt Unzurechnungsfähigkeit und erspart ihm damit die Rückkehr in seine Isolation. Vom Schach habe er sich fernzuhalten, es unbedingt zu meiden!

Der Erzähler kann Dr. B. dennoch zu einer weiteren Partie mit dem Schachweltmeister überreden, da dieser erst jetzt erfährt, daß der Gegner der berühmte Czentovic ist.

Die Partie findet unter großer Aufmerksamkeit statt. Czentovic spielt das Spiel in seiner Art, langsam, stoisch, wie eine Maschine. Dr. B. hingegen zieht schnell, die Pausen Czentovics geben ihm genug Zeit, die möglichen Folgen weiterer Züge im Kopf durchzuspielen und das Überraschende tritt ein: er gewinnt gegen den Meister, der Revanche einfordert, die ihm auch sofort gewährt wird.

Czentovic hat die Schwachstelle seines Gegenübers erkannt, hat gesehen, wie nervös und quälend die Warterei auf seinen Zug für Dr. B. ist. Und so nutzt er jetzt von Beginn bei jedem Zug die gesamte Zeit, die ihm den Regeln nach zusteht… Dr. B. wird immer unruhiger und fahriger, unlöschbarer Durst so wie in seiner Haftzeit bemächtigt sich seiner, er herrscht Czentovic unhöflich an, endlich zu ziehen…. im Geist hat er die Partie schon längst zu Ende gespielt, wahrscheinlich in allen Variationen… schließlich zieht er und kündigt “Schach” an, obwohl der König Czentovics gedeckt ist und mitnichten im Schach steht: in seinem Kopf haben sich die reale Situation und seine gedanklichen Stellungen gemischt. In diesem kritischen Moment greift der Erzähler ein und erinnert Dr. B. an seine Schachkrankheit (“Schachvergiftung”) und den Vorsatz, nur eine einzige Partie spielen zu wollen….

Der Unbekannte wacht aus seiner Verwirrung auf, erkennt die Lage und beendet das Spiel. Er entschuldigt sich bei den Anwesenden und erklärt, nie wieder Schach spielen zu wollen.

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Schach ist beides, ein Spiel, aber auch eine Auseinandersetzung, eine Art Krieg. Es gibt Könige, die Kavallerie in der Figur der Springer, die Burg symbolisiert durch die Türme, die Bauern, die geopfert werden und die Dame, die zwar mächtig ist in ihrem Möglichkeiten aber letztlich nicht entscheidend, sie kann ersetzt werden und man kann auch ohne sie gewinnen. Der König, auf ihn kommt es an: selbst kaum am Geschehen beteiligt, entscheidet sein Schicksal über das Schicksal aller…

So läßt sich aus das Spiel, wenn es von zwei so gegensätzlichen Spielern wie Czentovic und Dr. B gespielt wird, als Auseianderetzung, als Kräftemessen zwischen zwei “Systemen” interpretieren. Czentovic wird von Zweig als einfacher, simpler, ja als tumber Mensch geschildert, die Art und Weise wie er bei seinem Ziehvater, dem Pfarrer, auf der Bank in der Stube sitzt, ist im Grunde die, in der auch ein Golem beschrieben wird, ruhig, teilnahmslos, uninteressiert. Einzig das Schachspiel interessiert ihn, hier liegt seine Begabung, aber selbst hier ist er nicht kreativ oder inspiriert, sondern eher mit einer Dampfwalze zu vergleichen, die unbeirrt marschiert. Unschwer ist diese Charakterisierung in die Zeit der Entstehung der “Schachnovelle” zu übersetzen: Czentovic als Symbol für faschistische, totalitäre Systeme, die tumb und ohne Geist einfach alles überrollen.

Aber auch Dr. B stimmt als Symbol nicht sehr optimistisch: zwar ist er deutlich intelligenter und kreativer, hat weitaus mehr Möglichkeiten und Potential, doch kann er es nicht nutzen, da er sich nicht im Griff hat. Er unterliegt zwar nicht der puren Mechanik des Czentovic´schen Spiels, aber er besiegt sich selber… kann man im Umkehrschluss aus dieser Interpretation folgern, daß nur ein zweites System, welches dem von Czentovic gleicht, diesen wirklich schlagen kann, denn mit seinem Dr. B. verknüpft Zweig offensichtlich keine realistsiche Möglichkeit, Czentovic zu besiegen…?

1941, in etwas in der Entstehungszeit der “Schachnovelle” fing das Dritte Reich seinen Russlandfeldzug an, die Schlacht von Stalingrad, in der 1942/3 Hunderttausende von deutschen Soldaten eingekesselt werden und fallen, ist noch nicht abzusehen. Aber der Krieg gegen Russland entspreicht einer solchen Situation, in der zwei totalitäre Systeme aufeinander prallen und der Kessel von Stalingrad sollte dann – bleibt man im Bild – ein quälend langes Endspiel gegen den braunen König einleiten…..

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In die Rahmenhandlung der “Schachnovelle” ist mit der Erzählung des Dr. B. eine weitere Ebene eingebettet, die – und das eine Entsprechung zum Aufbau des Textes – tiefgründiger ist die Rahmenhandlung, die an der Oberfläche – auch bildlich spielt. Es ist die Schilderung eines perfiden Haftsystems, das einen Menschen durch Isolation von allen Aussenreizen sehr stark unter Druck setzen kann, zermürben kann oder gar – wie bei dem Unbekannten im Text – krank machen kann. Es ist ein unmenschliches, auf das Brechen des Häftlings angelegtes System. Unterliegt Dr. B. im Schachspiel symbolisch einem Gegner, der für ein faschistisches, totalitäres System steht, so war diese Niederlage in seiner realen Welt ganz konkret: nur mit Hilfe eines Arztes (bzw. auf dem Schiff dann mit der des Erzählers) konnte er gerade noch aus dessen Klauen gerettet werden. So ist das Schachspiel für Dr. B. beides: sowohl der Anker, an dem er sich in seiner Isolation halten konnte, aber auch das Gewicht, das ihn unweigerlich nach unten zog….

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Ein Text wie diesen von Zweig erstaunt immer wieder. Man fängt an, ihn zu lesen und merkt gar nicht, wie er einen beim Lesen packt und wie man in die Geschichte hinein gezogen wird. Das Szenische der Rahmenhandlung, der längere Textfluss der Erzählung des Dr. B., der nichtsdestotrotz fesselnd und spannend ist – das ist die Kunst des Schreibens: ein Netz auszuwerfen mit seinen Worten, in dem der Leser sich verfängt und sich zu allem Überfluss noch wohlfühlt….

Links und Anmerkungen:

[1] zu Stefan Zweig:
- Sabine Wohlschiess: Schachnovelle
http://www.stefanzweig.de/arbeiten/schachnovelle.pdf (Eine Arbeit zur Person Zweigs und zum Text)
- Seite über den Schriftsteller: http://www.stefanzweig.de
- Wiki-Artikel zu Zweig: http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Zweig
(Bild: By s/a [Public domain, GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons)
[2] “Die Schachnovelle” online:
- im Projekt Gutenberghttp://gutenberg.spiegel.de/buch/7318/1
- bei amphio: Geschichten online lesen: http://listolar.pf-control.de/schachnovelle-2/

Stefan Zweig
Schachnovelle
Brief einer Unbekannten – Amokläufer
diese Ausgabe: marixverlag, HC, ca. 192 S., 2014

Den Goethes in Frankfurt am Main (“Wen Gott lieb hat den giebt er Wohnung und Nahrung in Frankfurth“, J.B., Müller, 1747), wurden insgesamt sieben Kinder geboren, von denen aber nur zwei das Erwachsenenalter erreichten, vier starben sehr früh, ein Bruder etwas später im Kindesalter. Von den beiden überlebenden Geschwistern Johann Wolfgang und Cornelia sollte der eine weltberühmt werden, die andere dagegen wird weitestgehend unbekannt bleiben, zumindest demjenigen, der sich nicht für Goethe interessiert.

So wie mir. Ich kannte Cornelia Goethe auch nicht, diese Biographie von Sigrid Damm ist mein erster Kontakt zu ihr, der auf Wunsch meines Lesekreises zustande kam, ein für mich etwas zwiespältiger Literaturwunsch, da auch Biographien an sich nicht meine Leidenschaft sind….

Grab Cornelia Schlossers auf dem Alten Friedhof von Ememndingen,  Bildquelle [2]

Grab Cornelia Schlossers auf dem Alten Friedhof von Emmendingen,
Bildquelle [2]

Sigrid Damm läßt ihre Biographie einer Frau, von der nur wenig bekannt ist, die kaum schriftliche Zeugnisse hinterlassen hat, auf dem Friedhof von Emmendingen beginnen. Dort wurde Cornelia Schlosser, geb. Goethe (“Göthin”) am 10. Juni 1777 beerdigt, sie war kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben. Wie schreibt man, so die Frage Damms an sich selbst, eine solche Biographie und warum schreibt man sie, warum mag sie interessant sein. Nun, letzteres dürfte leichter beantwortbar sein: in den Schicksalen der beiden Geschwister Johann Wolfgang und Cornelia spiegeln sich die Zeiten: er wird zum berühmten Dichterfürsten und sie als Frau, mit – so dürfen wir nach Studium der Biographie annehmen – gleichen, wenn nicht noch mehr Fähigkeiten gesegnet, mit einer dem Bruder (zumindest die ersten Lebensjahre) gleichwertigen Ausbildung bleibt weitgehend unbekannt, kann sich aus den Fesseln des Frauseins nicht befreien. Somit wird das Schicksal der Cornelia Goethe archetypisch für das Schicksal der allermeisten Frauen dieser Zeit, in der sich nur wenige erfolgreich gegen die eingespielte Rollenverteilung wehren können. Zu den wenigen gehört – um ein Beispiel zu benennen – Sophie La Roche [3], der wir in der Biographie als gemeinsame Bekannte von Cornelia und Johann Wolfgang Goethe begegnen.

Cornelia Schlosser, geb. Goethe, Schwester von Johann Wolfgang von Goethe. Bildinfos [2]

Cornelia Schlosser, geb. Goethe, Schwester von Johann Wolfgang von Goethe. Bildinfos [2]

Die dürren Daten aus dem Leben Cornelia Goethes [2]. Geboren am 7. Dezember 1750 in Frankfurt am Main, gestorben nach der Geburt ihrer zweiten Tochter im Alter von 26 Jahren am 8. Juni 1777 in Emmendingen. Verheiratet seit dem 1. November 1773 mit Johann Georg Schlosser [3]. Bestimmend für sie war zeitlebens das Verhältnis zum Bruder Johann Wolfgang, der ein Jahr vor ihr geboren worden war.

Aufgewachsen sind die Geschwister (wie erwähnt, sind im Hause Goethe fünf der sieben Kinder früh gestorben) in einem begüterten Haushalt. Der Vater Johann Caspar Goethe [3] war durch Erbschaft wohlhabend, er heiratete mit Katharina Elisabeth Textor [3] eine Tochter des Schultheissens, mit der ihm zusätzlich gesellschaftliche Reputation zukam. Der “Wirkliche Geheimrat” (ein gekaufter Titel) Goethe war zeit seines Lebens immer Privatier – möglicherweise zum Teil den politischen Umständen geschuldet -, eine Tatsache, die sich auf die Erziehung der Kinder auswirkte – nicht unbedingt nur positiv, wie man vermuten kann.

Beide Geschwister, ungewöhnlicherweise auch das Mädchen, bekamen eine strenge, umfassende und früh, im Alter von drei Jahren, einsetzende, gleichwertige Ausbildung. Der Vater konzentrierte sich, da ihm das Fehlen der beruflichen Tätigkeit die Zeit und Muße ließ (vllt herrschte sogar eine gewisse Frustrierung durch die Absenz von Erfolgserlebnissen, die sich hier abreagieren konnte), ganz auf die Ausbildung der Kinder. Dieser Druck muss zum Teil erheblich gewesen sein, er führte zu einem sehr engen Vertrauensverhältnis der beiden Kinder, die sich zumindest im Geiste als gegen den Vater verbündet sahen.

Trotz der Gleichwertigkeit der Ausbildung und Schulung war die Welt schon in dieser Zeit für das Mädchen enger als für den Knaben, den sie des öfteren vom Fenster aus sehnsüchtig beobachten konnte, wie er das Straßenleben der lebhaften, pulsierenden Stadt erkundete, ein für Mädchen unschickliches Verhalten, das ihr verboten war. Erste Zuweisungen von Rollenverständissen der Zeit.

In diesen sollte Cornelia Goethe zeit ihres Lebens gefangen bleiben. Das Weib hat zu gefallen und dem Manne Kinder zu gebären. Das Leben soll sie ihm schön gestalten und ansonsten den Mund halten. Denn “.. eine Henne, die da krähet, und ein Weib, das gelehrt ist, sind üble Vorboten: man schneide beiden den Hals ab!“, einer Ansicht, zu der sich nicht nur Herder bekennt… Aber ich greife vor.

 Familie Goethe in Schäfertracht (Maler:  Johann Conrad Seekatz), Cornelia rechts im Bild, Bildquelle [2]

Familie Goethe in Schäfertracht (Maler: Johann Conrad Seekatz), Cornelia rechts im Bild,
Bildquelle [2]

Zurück zu Johann Wolfgang und Cornelia. Zwischen den beiden Geschwistern entsteht eine große Vertraulichkeit und Nähe. Sie leiden beide unter demselben Vater und sind ähnlichem Druck ausgesetzt, der sich gemeinsam besser ertragen läßt. Die pubertierende Cornelia fühlt sich zudem auch dadurch in dieses Innenverhältnis gezogen, da sie der Meinung ist, nach außen, in der Konkurrenz zu den gleichaltrigen Mädchen nicht bestehen zu können. Ist der Frauen Rolle die des Appendix zum Manne, so wird es für die Frau wichtig, eine entsprechende Partie zu ergattern. Und wie stellt man dies an? Durch Schönheit, durch äußeren Glanz, durch Putz und Koketterie. Dies kann Cornelia – ihrer Meinung nach – nicht bieten, der Spiegel wird ihr Feind, ihre Qualitäten, ihre Bildung, ihre Intelligenz sind nicht gefragt – mit einer Ausnahme: beim Bruder, der sie als Partner, zum Teil sogar als überlegenen Partner, auch als Konkurrentin, behandelt: “Cornelia ist … nicht nur stumme Zuhörerin, sonder Anreizende, sie hat den Instinkt für das Maß an Einwänden. Ist Partnerin, ohne hartnäckiger Widerpart zu sein. Das genau ist die Bedingung, die der Bruder für seine Arbeit braucht. … “. Das Verhältnis der beiden ist in dieser Zeit so intensiv, daß es nahe am Tabu vorbeischrammt…

Johann Wolfgang Goethe geht zum Studium nach Leipzig, das Versprechen, die Schwester nachzuholen, wird nie eingelöst. Ein reger Briefverkehr entspinnt sich zwischen den beiden und so, wie sich Cornelia in das herrschende Rollenverständnis der Frau einzufinden hat, nimmt der junge Mann selbstverständlich das des Mannes auf: in einer (zumindest heutzutage) immer penetranter und arroganter wirkenden Art und Weise versucht er, aus der Ferne die Schwester zu erziehen, zu formen, als sein “Werck“. Er macht ihr Vorschriften, was sie zu lesen hat, er verbietet ihr Lektüre, er kujoniert sie regelrecht, …. nicht in allem gehorcht das Mädchen, von ihren britischen Schriftstellern, die der Bruder verbietet, will sie nicht lassen. Es ist dies auch die Zeit erster Liebe, die sie zu jungen Männern spürt – vergeblicher Gefühle, die nicht erwidert werden, zumindest nicht so, wie sie es sich erwünscht…..

Der Bruder bestimmt ihr Leben, man gewinnt den Eindruck, er wolle die Verfügungsgewalt über sie. Nach Leipzig geht er nach Straßburg; als Student, dessen Dissertationsschrift abgelehnt wird, durchaus erfolglos: “… Herr Goethe hat eine Rolle hier gespielt, die ihn als einen überwitzigen Halbgelehrten und als einen  wahnsinnigen  Religionsverächter nicht eben nur verdächtig, sondern ziemlich bekannt gemacht [hat]“, so der Dekan der Universität. Zurück in Frankfurt eröffnet er eine Kanzlei, in der aber der Vater die Arbeit erledigt, bis dieser die Geduld verliert und den Sohn nach Wetzlar auf Reichskammergericht expediert, wo sich der Filius in Charlotte Buff verliebte und sich auch mit deren Verlobten Kestner befreundete. Dies ist ebenso die Zeit 1772/73, in der auch Cornelia einen Mann kennenlernt, zu dem sie sich hingezogen fühlt….

Die Zeiten, in der das Leben der Cornelia Goethe über das Erdulden (Damm zitierte eine Äußerung der Cornelia Goethe, in der sie davon redet, daß sie in Zukunft nur Unglück erwarte, das sie jetzt noch nicht kenne….) hinausging und lohnenswert erschient, waren im wesentlichen die Zeiten, in denen der Bruder zwischen seinen verschiedenen Lebensstationen in Frankfurt weilte. Es war die Epoche, in der die literarische Strömung des “Sturm und Drang”, auftauchte. Einige der Namen, die zu dieser Epoche gehörten, tauchen auch im Umkreis der Freunde Goethes auf: neben J.W. selber zum Beispiel Herder und Lenz [4]. Es war eine Gruppe junger Menschen, die sich zusammentaten, wanderten, in die Natur gingen, sich besuchten, diskutierten.. Cornelia fühlte sich wohl in diesem Kreis, dies war ihr intellektueller Anspruch auch an sich selbst. Schlosser, ihr zukünftiger Ehemann, gehörte auch dazu. Goethe erfuhr von der Liaison der beiden, als er schon in Weimar war, daß hier jemand war, der ihm seine Cornelia, seine Schwester, weg nahm, hat er beiden übel genommen, es wohl sein Leben lang nicht verwunden.

Die Ehe wird 1773 geschlossen, das Ehepaar reist gen Süden, erst nach Karlsruhe, der sterilen, jungen Stadt am Rhein, dann ein paar Monate später nach Emmendingen, wo der Mann einen hohen Beamtenposten erlangt. Die Flitterwochen, in denen sich das Paar gut versteht und Liebe zu einander verspürt, sind schnell vorbei. Cornelia Schlosser, die intellektuell ausgebildet ist, hat Probleme, ihre Rolle aus Ehefrau auszufüllen: Dienstboten zu organisieren, den Haushalt zu führen, dem Mann ein heimiliges zuhause zu bereiten. In der eher ländlichen Umgebung bleibt sie eine Fremde ohne Anschluss…. Weit entfernt ist die Ehe von der einstigen Vorstellung einer gleichberechtigten Partnerschaft…. Auf das erste Kind folgt eine lange Krankenzeit, fast zwei Jahre braucht Cornelia Schlosser, um wieder auf die Beine zu kommen. Ein kurzes Intermezzo einer glücklichen Zeit ist noch einmal der Sommer 1776. Viele Bekannte aus dem Sturm und Drang besuchen das Schlossersche Haus, machen Landpartien, treffen sich dort auf Gesellschaften. Doch das Glück währt nicht lange, ein paar Monate nur. Dann versinkt Cornelia Goethe wieder in eine Depression. Die zweite Schwangerschaft, die sie spürt, macht ihr Angst… Drei Wochen nach der Geburt ihrer zweiten Tochter erliegt Cornelia Schlosser, geb. Goethe, dem Fieber und der Krankheit, die sie wieder gepackt hatten.

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Sigrid Dammes “Cornelia Goethe” ist mehr als eine Biographie, mehr als ein Versuch, ein Leben nachzuzeichnen. Dieser Teil ist vllt sogar der geringere, aufgrund der unzureichenden Faktenlage ist vieles, was die Autorin schreibt, notwendigerweise Spekulation, Plausibilierung, Annahme, Deutung, Interpretation, Wahrscheinlichkeit oder einfach auch “Einfühlung” in ein nah gewordenes Schicksal. Die allermeisten der Briefe Cornelias sind vernichtet, verbrannt worden. Was sie geschreibt hat, schließt Damm z.B rück aus den Antworten des Bruders an sie. Das Tagebuch ist erhalten, für zwei Lebensjahre der jungen Frau, von 17 bis 19, gibt es verklausulierte Auskunft über deren Befindlichkeit….

In wesentlichen Teilen schildert und deutet Damme ein inniges und “ungesund” enges Geschwisterverhältnis, ungesund besonders von Seiten des Mannes her, der die Schwester als quasi-Eigentum ansieht, als ausschließlich zu ihm gehörig. Die Entscheidung der Schwester, zu heiraten, missbilligt er im Inneren aufs Tiefste, empfindet sie als Verrat, letztlich wendet sich der Bruder danach von der Schwester ab. Aber auch die Schwester braucht ihren Bruder zum Leben, versteht dessen Zurückweisung nicht. Damme versucht aufzuzeigen, wie hier psychologische Gesichtspunkte eine Rolle spielen, inwieweit sich diese Vorgänge zwischen Bruder und Schwester auch im dichterischen Werk Johann Wolfgangs widerspiegeln.

Bei einem Mädchen wie Cornelia , das durch den Bildungswillen des Vaters zunächst gleichberechtigt erzogen wurde, das geistig entwickelt, begabt, wach ist, brechen die Konflikte hart auf in dem Moment, da sie das Bewusstsein ihrer tatsächlichen Lage bekommt. Ihr fällt die Anpassung besonders schwer, weil sei auf etwas vorbereitet wurde, für das es in der Wirklichkeit keine Entsprechung gibt. Alle Anlagen müssen gewaltsam in ihr zurückgebogen werden. “

Der angesprochene Bildungswille des Vaters, den dieser mit strenger Disziplin durchsetzte, beschränkte sich auf die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, nicht auf die Förderung von Eigenschaften. Trotz aller Begabung und Kenntnisse hatte Cornelia Goethe nicht den Mut, das Selbstbewusstsein entwickeln können, dessen sie bedurft hätte, aus der traditionellen Frauenrolle zu entkommen. Daran ist sie letztlich zerbrochen: für sie war die Aussicht auf das Leben die Aussicht auf kommendes Unglück. Da sie kein Bild einer Zukunft hatte, war für sie – so Damme – die Selbstabtötung, die Verneinung, die Rebellion gegen ihre Weiblichkeit die Konsequenz.

Beherrschend in der Biographie der Frau ist das enge Verhältnis der beiden Geschwister und dessen – letztlich zerstörende – Auswirkung auf Cornelia Goethe. Der Bruder nahm sich, dem damaligen Verständnis vom Mann-Sein entsprechend, alle Freiheiten, betrachtete seine Schwester zwar als besonderes Verhältnis, aber ohne, daß er sie deswegen als Persönlichkeit anerkannt hätte. Jedes Zeichen von Eigenständigkeit ihrerseits strafte er mit Liebesentzug, sprich: der Kontakt wurde abgebrochen, die Schwester auf Entzug gesetzt. Während Cornelia Goethe sehr darunter litt, kann man sich ein analoges Leiden des Dichters kaum vorstellen, er setzte seinen Ärger, seine Emotionen in Dichtung um – für die Nachwelt ein Gewinn, zweifelsohne, der damit indirekt auch der Schwester (zumindest in kleinen Teilen) mit angerechnet werden muss….

Hatte Cornelia Goethe überhaupt eine Chance bei den damaligen Verhältnissen? Sie hätte sie gehabt, wenn im Vaterhaus vom Vater neben den Fertigkeiten und Kenntnissen auch der Weg vermittelt worden wäre, diese zu nutzen: Selbstbewusstsein, emotionale und psychische Stärke, Eigenständigkeit. Schließlich gibt es Beispiele für solche Frauen, die Dichterin Laroche, die ja zum Freundeskreis gehört, ist ein solches. Diese Eigenschaften fehlten der Schwester aber völlig. Somit läßt sich überspitzt sagen, daß Cornelia Goethe in ihrer Zeit eine absolute Aussenseiterin war, zum Scheitern verurteilt: das, was sie konnte, was sie wollte, war ihr “Leben” bedeutete, war verpönt, nicht gewünscht, im Gegenteil. Das was sie als Frau hätte machen müssen, um rollenkonform zu leben, war wiederum ihr verpönt, ja, das konnte sie nicht, weil sie das nie gelernt hatte: einen Hausstand zu organisieren, gesellschaftlich zu glänzen, dem Mann zu dienen. So nimmt es nicht wunder, daß die seltenen Perioden des Glücklichseins immer mit der Anwesenheit des Bruders und eines Kreises Gleichgesinnter verbunden waren. Diese Zeiten waren endlich, ins Gefängnis des Alltags zurückgeworfen überfielen Traurigkeit und Schwärze ihre Seele: die Depression zog sie immer tiefer hinunter ins Unglücklichsein. Ein tragisches Leben, das früh endete und dessen Erinnerung durch die schäbige Aufarbeitung des Bruders (in “Dichtung und Wahrheit”) für die Nachwelt geprägt ist. Diese Rezeption der Schwester zumindest hat Sigrid Damm korrigiert.

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Dammes Schreibstil ist gut lesbar mit vielen Nominalphrasen (bei der Bezeichnung verlasse ich mich ´mal auf [5]), verlangt aber Aufmerksamkeit beim Lesen, schnell sind ansonsten wichtige Passagen überlesen.  Sie zitiert viel, einige Dokumente sind extra für dieses Buch ins Deutsche übersetzt worden. Es entsteht nicht nur das Leben der Hauptperson vor unserem geistigen Auge (mit allen Einschränkungen bzgl. der Quellenlage), sondern auch ein Zeitbild, insbesondere das der Frau und das des städtischen Bürgertums in Frankfurt. Gut getan hätten der Biographie einige Abbildungen, von der mehrfach erwähnten überaus korrekten Handschrift der Cornelia Goethe zum Beispiel oder auch Bilder aus ihrem Umkreis… für den einen oder anderen ist vllt auch der besondere Blick auf den berühmten Bruder neu, obgleich ich vermute, hier wären Bestätigungen durch (andere) Goethekenner sinnvoll. Unter diesen Gesichtspunkten also ein durchaus anzuratendes Buch, das mit Gewinn zu lesen ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Kurzbiographie: Monika Gemmer: Cornelia Goethe, die vergessene Schwester in: http://www.frankfurt.frblog.de/cornelia-goethe
[2] Wiki-Beitrag zu Cornelia Goethe: http://de.wikipedia.org/wiki/Cornelia_Schlosser; Bild “Schäferfamilie“: Johann Conrad Seekatz [Public domain], via Wikimedia Commons
Bild “Rötelzeichnung C. Schlosser“: Johann Ludwig Ernst Morgenstern [Public domain], via Wikimedia Commons
Bild: “Grabstelle“: By Andreas Schwarzkopf (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
[3] Wiki-Artikel zu Persönlichkeiten, die in der Besprechung erwähnt werden:
- Sophie La Roche: http://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_von_La_Roche
- Johann Georg Schlosser: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Schlosser
- Johann Caspar Goethe: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Caspar_Goethe
- Katharina Elisabeth Textor: http://de.wikipedia.org/wiki/Catharina_Elisabeth_Goethe
[4] Wiki-Artikel zum “Sturm und Drang”: http://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_und_Drang
[5] Weitere Rezensionen zum Buch:
http://www.lesekost.de/Biograf/HHLB20.htm

Jean de Berg: Das Bild

6. April 2014

Eine kleine Perle aus Blut, von schönem lebhaften Rot, hatte sich oben am Schenkel gebildet.
Claire, deren Züge allmählich wieder sanfter wurden, beugte sich vor,
ohne von ihrem Stuhl aufzustehen, und drückte einen Kuß auf jeder ihrer beiden Hände.

Das Roman “Das Bild” wurde 1956 in Frankreich unter dem Pseudonym Jean de Berg veröffentlicht und hat damals zu einem Skandal [3] geführt. Das Vorwort zum Buch ist mit P.R. unterzeichnet, dazu findet sich im Nachwort des Büchleins folgendes Zitat Alain Robbe-Grillets: »Kurze Zeit vor unserer Hochzeit im Oktober 1957 hatte meine Frau Catherine unter einem Pseudonym, um nicht den Namen ihrer Eltern ins Spiel zu bringen, bei Minuit einen hübschen erotischen Roman, kurz und unumwunden, unter dem Titel »L’Image« veröffentlicht, der stark beeinflußt war von meinen sexuellen Neigungen, zweifellos aber auch von dem Roman Pauline Réages und im übrigen dieser gewidmet. Ich selbst hatte ein Vorwort geschrieben und kaltblütig mit dem nunmehr berühmten Namen jener verborgenen Autorin mit der fragwürdigen Identität signiert.«” [2] Die angesprochene “fragwürdige Identität” ist im Lauf der Jahre gelüftet worden…  besagte Pauline Réage ist die Autorin der bekannten “Geschichte der O.“, [1] einem zwei Jahre vor “Das Bild” veröffentlichten Roman, in dem die Erziehung einer Frau zu einer perfekten Sklavin beschrieben wird, hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Anne Desclos, die ihrerseits bekannter ist als Dominique Aury. Durch das obige Zitat ist jedenfalls das Pseudonym der Autorinnenschaft des “Das Bild”  mit Catherine Robbe-Grillet, dich sich offen zu ihrer sexuellen Orientierung bekennt, als Verfasserin gelüftet…. [1]

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“Sie gehört mir.”

Die eigentliche Geschichte des Buches ist nicht sonderlich kompliziert. Jean, der Erzähler, trifft auf einer besseren Gesellschaft in Paris auf Claire, die er ein paar Jahre nicht mehr gesehen hat. Diese, eine  Künstlerin, Fotografin, ist offensichtlich in Begleitung einer jungen Frau auf der Veranstaltung, die wiederum mit ihrer noch fast kindlich-unschuldigen Aura, die sie um sich verbreitet, die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zieht. Dabei ist sie aber seltsam ruhig und steht mit gesenktem Blick in deren Mittelpunkt.

“Sie gehört mir.” ist die Auskunft von Claire und sie stellt Anne Jean zur Verfügung, er könne mit ihr machen, was er wolle…

Die drei treffen sich, verbringen Zeit miteinander, fahren auch hinaus. Anne ist die Sklavin, die den Befehlen Claires gehorcht. Bei den Treffen ist sie auch in der Öffentlichkeit in aufreizender Weise gekleidet bzw. auch nicht… Obwohl es eigentlich keines Grundes bedarf.. ist sie nicht schnell genug, wird sie geschlagen, gedemütigt, nach einem festgelegten Ritual.. Claire kann grob sein, vulgär fährt sie Anne an, entblößt sie vor Jean, der immer weiter in dieses seltsame Geschehen einbezogen wird…

Bei einem Besuch Jeans bei Claire zeigt diese ihm Fotografien von Anne in verschiedenen Inszenierungen. Genau wird beschrieben, was auf den Bildern zu sehen ist, Anne in diversen Positionen, aufgenommen in einem Raum, fast einer Kathedrale ähnlich, die Inszenierungen sich immer weiter steigernd, gefesselt, geschlagen, blutend. Nur das letzte Bild, das Claire ihm zeigt,  passt irgendwie nicht zu den anderen. Aber die Fotografin reagiert unwirsch auf Jeans Frage…

Jean wohnt diversen Inszenierungen bei, geniesst sie immer mehr, beteiligt sich auch, schlägt Anne so wie Claire es macht, die bei der letzten Session fast die Beherrrschung verliert. Ja, Jean behält sich sogar das Fanale mit einer aufs strengste gezüchtigten Anne vor…

Nach diesem Abend besucht Claire Jean in dessen Wohnung, Claire, die noch nie geschlagen worden ist….

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“Das Bild” ist eine recht nüchtern und distanziert geschriebene Geschichte einer S/M-Beziehung zwischen zwei Frauen, aber auch die Geschichte der “Ausbildung” eines Mannes zum Master, den sich die Dominierende für sich ausgesucht hat. Im oben schon erwähnten Vorwort wird der Versuch gemacht, eine solche sadomasochistische Beziehung zu erklären… Während, so die Erklärung, auf den ersten Blick die Verhältnisse eindeutig sind (der/die Dominierende unterwirft den/die Dominierte seinem Willen), ist es bei näherer Betrachtung bei weitem nicht so einfach. In Wirklichkeit sei die/der Dominierte Herr/in des Geschehens, denn seine/ihre Behandlung sei ein Dienst an ihr, der so zu gestalten ist, daß er sein bzw. ihr Verlangen befriedigt… es ist kompliziert…

Ich habe des öfteren den Begriff “Inszenierung” verwendet und in der Tat erinnert vieles in den Beschreibungen an eine Theaterinszenierung, an Posen, an festgeschriebene Rituale. Das Dekor ist wichtig, das Kostüm, die Haltung… die “häuslichen” Aufführung finden in einer Art Theater, einem Raum, der einer gotischen Kathedrale ähnelt und damit die Assoziation zu einem sakralen Akt hervorruft, statt. Es sind Bilder, die im ersten Akt des Buches beschrieben und im zweiten Akt umgesetzt werden, es sind Bilder und Aufführungen, mit denen Claire Jean anleitet, initiiert und verführt, Aber erst als sich die Behandlung Annes nicht mehr steigern läßt, ist Claire bereit, sich ihrem eigenen Bedürfnis hinzugeben….  dem Bild-/Aufführungscharakter der Geschichte entsprechend bleibt die Beschreibung bis auf die Stelle, an der Claire fast die Contenance verliert, distanziert, nüchtern, fast kühl. Der Leser bleibt Zuschauer, wird auf Abstand gehalten….

Es ist die dunkle Seite der Sexualität, die Jean de Berg offenlegt, die Lust am Schmerz, durch den Schmerz und die Lust, zu demütigen, zu verletzen. Es ist auch die dem Tod zugewandte Seite der Sexualität, die Bereitschaft, bis in den Tod zu gehen… alles auf sich zu nehmen, alles zu ertragen, zu erleiden, um in der Liebe Erlösung zu finden. Ein fast schon religiöses Ansinnen…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu:
- Anne Desclos/Dominique Aury: http://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Desclos
- Geschichte der O. (Buch): http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_O
- Geschichte der O. (Film): http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Geschichte_der_O
- Catherine Robbe-Grillet: http://de.wikipedia.org/wiki/Catherine_Robbe-Grillet
[2] Verlagsankündigung der Neuausgabe des Romans bei belleville: http://www.belleville-verlag.de/scripts/buch.php?ID=291
[3] gibt es eine bessere Werbestrategie? sex sell´s sowieso schon und dann noch Skandal. Man sollte aber berücksichtigen, daß es sich um 1956 handelt, einer Zeit historisch belegter Prüderie in solchen Angelegenheiten. Ich denke, auch in Frankreich…
[4] Die Geschichte diente natürlich auch schon als Filmvorlage: THE IMAGE (aka THE PUNISHMENT OF ANNE); http://tracker.zaerc.com/torrents-details.php?id=7413

Jean de Berg
Das Bild
Geschichte einer Obsession
Deutsch von Michael Killisch-Horn
Originalausgabe: Paris, 1956
diese Ausgabe: Rowohlt Taschenbuch Verlag, ca. 125 S., 1995

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Blick auf das alte  Damaskus,  Quelle unbekannt

Blick auf das alte Damaskus,
Quelle unbekannt

“Hier zeigt sich der Orient in seinem urtümlichem Wirrwarr. Unter meinem Fenster verläuft eine schmale gepflasterte Straßen, deren scharfe Essensgerüche eine kühle Brise vorübergehend vertrieben hat. Es ist früher Morgen. Die Leute rühren sich, geweckt vom unheimlichen Diskant des Muezzins von einem kleinen Minarett gegenüber und dem fernen Echo anderer. Bald wird das Geschrei der Straßenhändler und das Geklapper von Hufen
  einsetzen.” [5]______,++++____________

Rafik Schami kehrt mit diesem Buch wieder einmal in seine Heimat zurück [1], die uralte Stadt Damaskus in Syrien, diese Stadt voller Geschichten, Märchen und Legenden. “Eine Hand voller Sterne” wird als Roman bezeichnet, es ist die Geschichte des unbenannten Bäckerjungen, der im Alter von vierzehn Jahren [3] anfängt ein Tagebuch zu führen, das er uns hier zu lesen gibt.

Unser Held lebt nicht im modernen Damaskus, in der Neuen Stadt, sondern in einem alten Viertel, in dem noch Lehmhäuser stehen, die Kinder ohne Sorge vor dem Verkehr auf der Straße spielen können und das Leben noch weitgehend in einem althergebrachten Rhythmus verläuft. Viele der Menschen, denen wir begegnen, sind Christen, so auch die Bäckersfamilie, deren Vater seit 30 Jahren um vier Uhr morgens aufsteht und sieben Tage die Woche in der Backstube verbringt. Dem Jungen ist diese Vorstellung ein Graus, er geht zur Schule, gerne zur Schule, er lernt gut und ist – als Bäckerjunge – bald der Klassenbeste. Sein engster Freund ist der alte Kutscher Salim, der so tolle Geschichten erzählen kann und der immer für ihn da ist. Aber natürlich hat er auch Schulfreunde und Spielkameraden, mit denen er herumzieht. So gut er sich mit seiner Mutter versteht, so hat er mit seinem Vater Probleme, denn der sieht nicht ein, daß sein Sohn länger als unbedingt nötig auf die Schule geht: er soll gefälligst in der Bäckerei helfen!

Aber das will unser Held gar nicht, diese Vorstellung jagt ihm Angst ein. Journalist will er werden, in der Zeitung schreiben, die Wahrheit aufdecken…. noch weiß er nicht so genau, daß exakt dies, die Wahrheit aufdecken, in Syrien eine lebensgefährliche Sache sein kann…

Und dann ist da noch Nadia, die bei ihm in der Straße wohnt und die ihm so gut gefällt und bei deren Anblick sein Herz auf einmal schneller schlägt. Aber Nadias Vater ist beim Geheimdienst und das ist schon ein Problem…

So fängt das Tagebuch mit ganz alltäglichen Ereignissen rund um die Schule, die Familie, die Freunde an. Wir lernen die Lehrer kennen, die mal ganz engagiert und fähig sind, den Kindern etwas zu vermitteln, andere sind träge und ihre Antwort auf Fragen sind Schläge. Diese bleiben den Schülern meist erhalten, die engagierten dagegen verschwinden manchmal…. Salim kann wunderschöne Geschichten erzählen, aber auch der “Verrückte”, der mit einem Spatzen durch die Straßen zieht, gibt unserem Helden eine wunderbare Lektion, indem er ihm eine Geschichte aufschreibt in unbekannten Schriften, unbekannten Sprachen… so ist der Junge gezwungen, sich Menschen zu suchen, die hebräisch können oder türkisch oder spanisch oder… oder… und er lernt so diese Menschen kennen und etwas von den Ländern, in denen sie geboren wurden und er merkt wie vielfältig diese unsere Welt ist….

Diese harmlose, alltägliche verschwindet im Lauf der Monate allmählich. Der Vater zum Beispiel wird eines Tages von der Polizei abgeholt und kommt nach einigen Tagen zurück, geschlagen, gefoltert, misshandelt. Eine dumme Namensverwechselung, der er zum Opfer fiel….die drei Freunde gründen eine “Bande”, die “Schwarze Hand”, die Unrecht anprangern will, z.B. Zettel mit Parolen an Haustüren von Leuten klebt, die Unrecht begangen haben. Der Vater Nadias wird ganz wild, man vermutet eine Untergrundbewegung… die Gruppe löst sich zwar schnell wieder auf, aber es passiert etwas anderes: der Vater nimmt den Jungen von der Schule und steckt ihn in die Bäckerei. Verzweiflung pur bei unserem Helden! Salim kann ihn überreden, nicht abzuhauen, sondern ein halbes Jahr zu warten… dann, eines Tages kommt er aus der Backstube heraus und darf Brote zu den Kunden bringen. Und dort lernt er Habib kennen, eine Mann, der fast zwei Jahrzehnte für die Partei im Untergrund kämpfte und der jetzt, nachdem die Partei an der Macht ist, selbst abgeholt wird in ihre dunklen Verliese… Habib ist Journalist, desillusioniert. Aber die Begeisterung des Bäckerjungen weckt seinen Mut wieder, seinen kämpferischen Willen…. zu dritt gründen sie die “Sockenzeitung”, klandestin verbreitete Zettel, auf denen sie die Wahrheit schreiben, Fragen stellen, die im Radio nie jemand stellen oder sagen könnte….

Was sie machen, ist extrem gefährlich und sehr bald wird ihnen das auch klar….

Schamis Jugendbuch (aus dem Jahr 1987) übt unter der Oberfläche massive Kritik an den Verhältnissen in Syrien [4]. Es sind nicht so sehr die Details, es ist vielmehr die allgemeine Stimmung im Volk, die Schami so einfängt. Die anfänglich erwähnte Straße mit den Lehmhäusern, in denen unser Held mit seiner Familie lebt, sie wird z.B. eines Tages für den modernen Verkehr verbreitert. Das die Lehmhäuser dafür von Bulldozern plattgemacht werden müssen, das ist den Behörden egal…. vorbei, das geruhsame Leben in diesem Viertel.

Rafik Schami ist ein geborener Erzähler, die Geschichten fließen und hat man das Büchlein angefangen, hört man nicht mehr auf. Das schöne ist, diese Figuren sind Menschen, die beschrieben werden, die genauso sind wie wir, die genauso fühlen, lachen, weinen, wütend sind, sich wieder versöhnen, vertragen oder auch erneut streiten, die füreinander Liebe empfinden – so wie es bei Menschen eben vorkommt und geschieht. Das Fremde ist auf einmal weg, die Fremdheit auch, man kennt das, was da steht, ja aus der eigenen Umgebung. Es ist, mit anderen Worten, in Syrien wie bei uns (nur etwas anders, was die äußeren Verhältnisse angeht…)

“Eine Hand voller Sterne”: ein schönes Buch, seinerzeit völlig zu Recht in der Auswahlliste für den Jugendliteraturpreis.

Links und Anmerkungen:

[1] Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und floh von dort 1961 nach Deutschland, Biographisches zu Schami: http://lebenswege.rlp.de/lebenswege/rafik-schami/
Auf diesem Blog habe ich vor längeren schon sein Buch über das Geheimnis des Kalligraphen vorgestellt [2]
[2] Rafik Schami: Das Geheimnis des Kalligraphen; https://radiergummi.wordpress.com/2011/10/02/rafik-schami-das-geheimnis-des-kalligraphen/
[3]…. und der nach zwei Jahren dann seinen siebzehnten Geburtstag feiert… ;-)
[4] zur Geschichte Syriens bietet der Artikel in der Wiki einen ausführlichen Überblick: http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Syriens
[5] So schildert der Reisende Robert Byron seinen ersten Eindruck von Damaskus, einer der Stationen seines “…Weg[es] nach Oxiana” (Die Andere Bibliothek, Extradruck, 2014). Der Tagebucheintrag Byrons stammt vom 12. September 1933. Auch wenn die folgende Geschichte einige Jahrzehnte später spielt, dürfte sie der Stimmung in dem Viertel, in dem unser jugendlicher Held aufwächst, noch entsprechen….

Rafik Schami:
Eine Hand voller Sterne
Originalausgabe: Beltz, 1987
diese Ausgabe (mit Leseprobe): Süddeutsche Zeitung: Junge Bibliothek Bd. 15, HC, ca. 185 S., 2005

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