Ab 1950 veröffentlicht Hildesheimer seine “Lieblose Legenden“, zuerst in Zeitungen, dann 1952 in Buchform. Eine dieser Legenden ist die Geschichte vom “…Ende einer Welt” (nicht: der Welt), in der er satirisch den weltabgewandten und lebensuntüchtigen Kulturbetrieb zum Thema hat.

Die Geschichte selbst ist kurz, sie erzählt von der letzten Abendgesellschaft der Marchesa Montetristo, der der Erzähler mit dem deutlich bürgerlicherem Namen Sebald eine Badewanne verkauft, ein besondere: einst wurde Marat in ihr ermordet. Spielschulden zwangen den Erzähler, das kostbare Stück – welches sich – dies war kaum bekannt – in seinem Besitz befand – abzugeben, was ihn jedoch anscheinend in den Augen der Marchesa (die im übrigen als eine geborene Waterman in Ohio zur Welt gekommen war) derart adelte, daß sie ihn zu einer ihrer Abendgesellschaften auf ihrer Insel einlud.

Es war nicht irgendeine Insel, die vorhandenen: zu profan, zu bekannt, zu belebt: die Marchesa hätte sie mit anderen Bewohner teilen müssen – undenkbar! Also schüttete sie sich eine eigene Insel im Meer auf, bebaute sie stilecht mit einen Palazzo. Die Überfahrt (nur Gondeln waren erlaubt) war der gefährlichen Meereströmung und der Winde wegen nicht ungefährlich, mehr als einmal reduzierten Unglücke die Zahl der Gäste bei der Marchesa….

hildesheimer cover

Wie auch immer… Herr Sebald erreichte die exklusive Gesellschaft, wurde in ihr eingeführt, traf bedeutende und berühmte Männer und alle zusammen lauschten dann nach der angebotenen Erfrischung durch Champagner und köstliche Krustazeen dem aufgeführten Konzert: der Erstaufführung zweier (wie sich im Nachhinein herausstellen sollte: gefälschter) Flötenkonzerte, die die Marchesa auf dem Cembalo persönlich begleitete.

Abseits der Orchestrierenden, wahrscheinlich war Herr Sebald der einzige, der dies zur Kenntnis nahm, liefen hie und da Ratten an der Wand entlang.. bald war auch ein tiefes Grummeln zu verspüren… Feuchtigkeit wahrzunehmen…. ein Diener näherte sich der Marchesa, flüsterte ihr etwas in Ohr, woraufhin sie sich ihren Gästen zuwandte und ruhig verkündete, die Meerestiefbaubehörde hätte sie informiert, daß sich das Fundament der Insel auflösen würde, sie aber denke, daß es im Sinne aller sei, mit dem Konzert fortzufahren. Man stimmte ihr zu – mit einer Ausnahme: Herr Sebald verließ unter den verächtlichen Blicken der anderen den Saal, in dem das Wasser nun immer höher stieg und die Akustik sich der eines Hallenbades näherte…..

Während im Inneren die Kerzen durch das steigende Wasser gelöscht wurden, letzte Töne der Flöte zu hören waren, Applaus mit hoch erhobenen Händen geklatscht noch aus den Fensteröffnungen drang, schien draußen ein ruhiger, klarer Mond, als geschähe nichts…….


Man könnte formulieren, daß sich der Kreis für die Marchesa geschlossen hat: aus der als “Waterman” geborenen ist am Schluss eine “Waterwoman”, weder die Abkehr von der realen Welt auf der künstlich errichteten Insel noch der Aufsteig zur Marchesa waren von Dauer. Die realen Gegebenheiten haben sie eingeholt, das Fundament einer solchen Selbstisolation hat sich als bröckelig erwiesen, als nicht haltbar, es wird im Lauf der Zeit unterspült und ausgehöhlt und das auf ihm errichtete Gebäude bricht ein und reißt die dort Lebenden mit.

Nichts ist solide und belastbar in dieser Parabel auf die Lebensuntüchtigkeit und Weltabgewandheit der Künstler und der Kunst: die Marchesa eine geborene Waterman, die Insel nur aufgeschüttet und instabil, die Gäste dilettierend und den Schein des Selbstbetrugs pflegend (schließlich saßen sie alle einer Fälschung auf…), ja, selbst der Erzähler ein Filou, der seiner Spielschulden wegen Marats Badewanne verkaufen muss [3]. Aber Hildesheimer zeigt auch die Machtlosigkeit der Kunst: sie kann den Untergang dieser künstlichen Welt nicht verhindern, den Lauf der Dinge nicht beeinflussen: “Nennen Sie mir ein Buch, das die Schrecknisse unserer Zeit verhindert hätte. Die Literatur ist machtlos. Kein Buch, kein Bild, die ganze Kultur richtet nichts aus.” [4].

…und wir alle – es ist heute so aktuell wie damals – leben trotz der Katastrophen um uns herum unser Leben so weiter, als ginge uns das nichts an….


“Das Ende einer Welt” ist nicht vollständig beschrieben, wenn man die Illustrationen übergeht. Die Künstlerin Anne von Karstedt, Jahrgang 1970 [5] hat sie geschaffen, mit ihren meist ganzseitigen Bildern begleitet sie die Abendgesellschaft und deren Untergang, bis diese Teil des neptunischen Reiches geworden ist, umschwommen von Fischen, die Menschen selbst wie schwebend im Wasser treibend. Manches an den Bildern bzw. den dargestellten Figuren mag bekannt vorkommen, mir selbst ist z.B Napoleon aufgefallen, bis zum Schritt im Wasser stehend, einer Aufstellung nach (in der just Napeleon nicht vorkommt!) hat die Künstlerin auf jeder ihrer Schnitte und Zeichnungen solche Bildzitate untergebracht.

Gelesen ist das Buch schnell, die Parabel ist kurz. Das Schauen und sich am Buch Erfreuen dauert länger, es ist ein Schmuckstück, das im Regal unter anderen Werken zu verstecken zu schade ist: es braucht deinen Platz, an dem es ins Auge fällt, den Drang hervorruft, hinzugreifen, es aufzuschlagen und in Geschichte und Illustrierung zwar nicht zu versinken, aber doch einzutauchen ……

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu den “Lieblose Legenden“:  http://de.wikipedia.org/wiki/Lieblose_Legenden. Hier ist von 1952 als Erscheinungsjahr der ersten Buchausgabe die Rede, die Herausgeber dieser vorliegenden Buchausgabe dagegen sprechen von 1951 als Ersterscheinungsjahr [vgl. unten: diese Ausgabe]
[2] Wiki-Beitrag zu Wolfgang Hildesheimer:  http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Hildesheimer und Würdigung anläßlich seines Todes im Spiegel:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13490505.html
[3] Glück gehabt: die Marchesa war Sammlerin von Badeutensilien des 18. Jhdts. Wer sich auf diesem Gebiet selbst etwas umtun möchte, dem kann ich folgenden Katalog empfehlen: Staatl. Schlösser und Gärten Baden-Württembergs (Hrsg): Das Stille Örtchen, Deutscher Kunstverlag, Berlin-München, 2011
[4] so in einem Gespräch mit Marco Guetg:  http://www.handl.net/zit/zithildesheimer.htm
[5] ein paar biografische Daten zu ihr sind auf dieser Seite zu finden:   http://www.buchdruckkunst.de/History/Platz2006.html

Vertonung des Stücks als Opera buffa in einem Akt: http://www.schott-musik.de/shop/9/show,152627.html

Wolfgang Hildesheimer
Das Ende einer Welt
Erstausgabe: Lieblose Legenden, 1951 oder 1952
diese Ausgabe: Officina Ludi, HC (“Künstlerbuch”, Format ca. 30 x 33 cm), mit Original-Linolschnitten und Strichätzungen von Anne von Karstedt

Klaus Schäfer: Hirntod

26. Oktober 2014

hirntod

Klaus Schäfer, von dem ich vor geraumer Zeit hier schon ein Buch über Trauer vorgestellt habe [2], gehört zur Ordensgemeinschaft der Pallottiner und arbeitet als Krankenhausseelsorger, in einem Bereich also, in dem er immer wieder mit Krankheit, Sterben und Tod zu tun hat. In diesem Büchlein hat er Fakten und Daten zum Thema “Hirntod” zusammengetragen, ein Thema, welches im Zusammenhang mit Organspenden und Transplantationen für vielerlei Unsicherheit und Bedenken geführt hat und führt; Kritiker melden sich vehement zu Wort. Es ist jedoch nicht erst im “Falle eines Falles” wichtig und sinnvoll, sich zu diesem Thema zu informieren, spätestens, wenn man seine Patientenverfügung schreibt und/oder vor der Entscheidung steht, sich als Organspender zur Verfügung zu stellen, ist man mit den Fragen konfrontiert, was der Tod überhaupt ist, wie er definiert und festgestellt wird. Was den Autoren im Besonderen zum Verfassen des Büchleins motiviert hat, ist hier ausführlicher wiedergegeben [3].

Leben und Tod gehören zusammen, bedingen einander. Auch wenn wir intuitiv eine Vorstellung davon haben, was unter dem jeweiligen Begriff zu verstehen ist, reicht dies bei manchen Fragen nicht. Was ist Leben, was ist Tod? Es muss definiert werden. Wann beginnt individuelles Leben, mit dem Verschmelzen von Ei- und Samenzelle oder erst später? Was überhaupt ist das “Leben”, welche Eigenschaften muss ein System aufweisen, um als “lebend” eingestuft zu werden? Und was ist das: “tot sein”, der Tod? Er markiert das Ende eines Sterbeprozesses, den Zeitpunkt, an dem das System, hier: der Mensch, aufgehört hat, Mensch zu sein und er nur noch Toter ist, leblose Materie. Dieser Zeitpunkt ist nichts absolutes, in mehrfacher  Hinsicht: er ist abhängig von den medizinischen Möglichkeiten, die akut zur Verfügung stehen, aber auch vom wissenschaftlichen bzw. medizinisch-technischen Fortschritt.  Die Intensivmedizin hat ihn potentiell weit nach hinten geschoben, Stichwort: Reanimation, künstliche Beatmung. Aber auch der Körper stirbt nicht als Ganzes zu einem Zeitpunkt. Auch nach Eintritt des (definierten) Todes kann man Zellaktivitäten nachweisen, gibt es Zellen, die noch Stoffwechsel aufweisen, das Stadium des “intermediären Lebens”, des “Lebens” auf der Basis einzelner Organe, Körperteile oder Zellen, hat eingesetzt….

Wir haben eine intuitive Vorstellung davon, wie ein Toter aussieht: er ist kalt, seine Haut macht einen wächsernen Eindruck, er atmet nicht mehr ebensowenig wie er noch Nahrung oder Flüssigkeiten aufnehmen kann. Puls und Blutdruck sind nicht mehr vorhanden, er reagiert nicht mehr auf äußere Reize, wie stark diese auch sind.

Hier liegt eins der großen mentalen Probleme, wenn man mit einem Hirntoten konfrontiert wird: er entspricht dieser Erscheinung nicht: er ist warm, hat Puls und Blutdruck, er atmet (künstliche Beatmung), er stoffwechselt, er kann sogar noch reflexartige Bewegungen an den Extremitäten aufweisen: er erscheint uns eher wie ein Schlafender, ein Bewusstloser oder im Koma liegender Mensch.

Doch er ist tot. Sein Gehirn weist keinerlei Aktivitäten mehr auf, würde die künstliche Beatmung eingestellt, würde er nicht mehr atmen und den Herztod sterben. Dies geschieht in Deutschland ca. 4000 mal im Jahr, 1000 mal wird die intensivmedizinische Behandlung des Hirntoten mit dem Ziel der Organentnahme fortgesetzt, daß die Körperfunktionen schwangerer Hirntoter aufrecht erhalten werden, kommt vor, ist aber sehr selten.

In der Öffentlichkeit gibt es Diskussionen um das Kriterium “Hirntod” [4], das das Entscheidende ist für die Entnahme von Organen für eine Organtransplantation. Das Vertrauen in die Diagnostizierung des Hirntots ist neben dem Vertrauen in die Seriösität der beteiligten Ärzte und Institutionen wesentliche Voraussetzung für die Bereitschaft der Menschen zur Organspende – Vorkommnisse in der neueren Zeit haben dieses Vertrauen nachhaltig beschädigt.

Der Herztod ist der Tod des Körpers.
Der Hirntod ist der Tod des Menschen.

Schäfer versucht in seinem kleinen Ratgeber die Fakten zum Komplex “Hirntod” klar und verständlich darzulegen. Dazu erklärt er grundlegende Begriffe wie “Leben” und “Tod”, erläutert die Begriffe “Herztod” und “Hirntod” und erklärt die Funktionen der einzelnen Teile des Gehirns (Großhirn, Kleinhirn, Stammhirn). Ferner wird ausführlich auf die HTD, die Hirntoddiagnostik eingegangen, in diesem Zusammenhang sind auch Reflexe, mit denen ein Körper auf Reize reagiert, sehr wichtig. Wie wird der Hirntod festgestellt und wie wird nach Feststellung des Hirntods weiter verfahren? Wie können die Angehörigen und Hinterbliebenen in dieser extremen Situation begleitet werden, besonders, wenn die Frage nach einer möglichen Organspende im Raum steht, wie kann eine Abschiednahme von Angehörigen aussehen, die diesen innerlichen Frieden vermittelt? Als Priester reißt Schäfer ebenso theologische Aspekte des Themas an. Weiter geht Schäfer auf einzelne Punkte ein, die von Kritikern des “Hirntod-Konzepts” immer wieder vorgebracht werden.

Auf einige dieser Punkte, die mir wichtig erscheinen, möchte ich hier kurz eingehen:

  • die Definition des Hirntods ist nicht überall gleich. In den USA, Großbritannien und anderen Staaten wird der nachgewiesene Funktionsausfall nur des Stammhirns, welches die Atmung steuert, als Hirntod definiert. In solchen Fällen ist es möglich, daß das EEG noch Großhirnaktivität anzeigt, ein Schmerzempfinden mag möglich sein. Bei Beispielen über die Unzuverlässigkeit des Hirntodkritieriums werden oft solche Fälle angeführt, die aber nicht vergleichbar sind mit den Verhältnissen in Deutschland/Österreich/Schweiz. In diesen (und anderen) Staaten ist der Hirntod dadurch definiert, daß ein irreversibler Funktionsausfall von Großhirn, Kleinhirn und Stammhirn durch HTD nachgewiesen ist. Wird in bei der HTD über das EEG Aktivität im Großhirn nachgewiesen, kann per definitionem kein Hirntod vorliegen.
  • … Und das Elektroenzephalogramm, kurz EEG, darf keine Hirnströme mehr zeigen. Doch für Hirntodkritiker ist all das nicht Nachweis genug. Die Tests belegten nur eines: Der Patient ist in einem tiefen, irreversiblen Koma….” [5]
    Zwischen einem Koma und dem Hirntod, führt Schäfer aus, bestehen keine graduellen/quantitative Unterschiede, sondern prinzipielle/qualitative. Ein Komapatient ist nicht hirntot, ein Hirntoter kein Komapatient, dieser Unterschied wird durch die HTD offensichtlich.
  • Hirnzellen, die abgestorben sind, regenerieren sich nicht wieder. Der Hirntod, der Funktionsausfall des Hirns, ist absolut irreversibel. Mit dem Tod des Hirns ist alles, was den Menschen als Menschen ausmachte, gestorben. Der Körper ist nur noch mit Maschinen und Intensivmedizin funktionsfähig zu halten, insbesondere auch ist er nicht mehr fähig, selbstständig zu atmen. Schäfer führt verschiedene Beispiele von Menschen an, die angeblich als Hirntod erklärt worden sind, danach aber wieder aufwachten. Im Regelfall zeigt sich, daß bei keinem dieser Menschen eine (fachgerechte) Hirntoddiagnostik vorgenommen worden ist.
  • Daß Hirntote unter Umständen noch Arme und Beine bewegen können liegt daran, daß diese reflexhaften Bewegungen vom Rückmark (als Teil des ZNS, spinale Reflexe) aus gesteuert werden, sie zeigen nicht, daß das Hirn in irgendeiner Weise aktiv ist. Schon vor Jahrhunderten hat die Tatsache, daß Enthauptete (also sehr offensichtlich Tote) noch mit den Armen zucken konnten, dazu geführt, den Tod eines Menschen mit dem Funktionsverlust des Kopfes/Hirns in Verbindung zu bringen.

In Deutschland ist die Feststellung des Hirntods und auch die anschließend ggf. mögliche Entnahme von Organen zur Transplantation über das Transplantationsgesetz von 1997 geregelt [1], die Richtlinien zur HTD werden von der Bundesärztekammer nach den jeweils neuesten Erkenntnissen festgelegt.

Wie ausgeführt, bedarf die Feststellung des Todes einer Definition, einer Festlegung. Jede Definition bedeutet also, daß durch Kritiker bemängelt werden kann, sie sei zu eng, zu weit, unangemessen oder abzulehnen – dies kann prinzipiell so sein, die Frage ist, ob es auch im hier betrachteten Themenkomplex so ist. Im Falle des Hirntod-Kriteriums fand ich diese Äusserung: “.. Ein Hirntoter ist höchstens ein Sterbender. Aber eben keine Leiche...” [5], eine Begründung dafür wird nicht gegeben, der Verweis auf Ereignisse in Amerika ist aus den oben genannten Gründen nicht stichhaltig. Die Konsequenz aus dieser zitierten Äußerung wäre z.B. zu warten, bis “wirklich” eine Leiche vorliegt, d.h., nach Abstellen der künstlichen Beatmung das Herz für eine Zeitlang stillsteht. Nach [5] geht die Schweiz diesen Weg, mit der Konsequenz: “… “Für mein Gefühl ist es so, dass diese Patienten, dieser Mensch toter ist – von der moralischen Intuition – als ein hirntoter Patient, weil er riecht anders, er sieht anders aus, es ist so, dass bei diesen Patienten aufgrund des Stillstands des Blutes die Fäulnis schon beginnt. Möglicher Nachteil: Die Organqualität leidet teilweise, zumindest bei Lebern.”

Auf die Problematik, daß sich Hirntote äußerlich nicht von Komapatienten unterscheiden, wurde oben schon eingegangen, dieses Unbehagen ist nachvollziehbar – aber ist es auch ein Grund, zu warten, bis der Tote “intuitiv toter” ist, ihn also erst in den Zustand beginnender Verwesung übergehen zu lassen, bevor man ihn zur Organentnahme vorbereitet?

Es mag sein, daß irgendwann in naher oder ferner Zukunft die Kriterien für das Eintreten des Todes genauer, exakter, anders gefasst werden: das ist dann so und es wäre gut so. Aber – dies ist meine persönliche Meinung und die sehe ich auch in den Ausführungen von Schäfer wiedergespiegelt – im Moment ist das Hirntodkriterium (D/A/CH) das beste Kriterium, das uns zur Verfügung steht. Kritiker, die dies in Frage stellen, stellen meiner Meinung nach das gesamte Konzept der Transplantation von Organen in Frage.


Schäfers schmales Buch ist eher ein Nachschlagewerk denn das es durch ausführliche Beschreibungen hervortritt. Die Knappheit des Platzes bedingt eine gewisse Kürze der Texte und führt damit zu klaren Aussagen, ohne Wenn und Aber. Es wird deutlich, daß Schäfer ein Verfechter des Hirntod-Kriteriums ist, für ihn als Theologen ist das Hirn das maßgebliche Organ und die materielle Basis für Geist und Seele des Menschen. Seine Argumentation und die Darlegung der Faktenlage ist schlüssig und plausibel, auch wenn der “normale” Leser, der kein Mediziner ist, die fachliche Richtigkeit nicht wirklich beurteilen kann. Behält man aber einige der Argumente Schäfers im Hinterkopf, so wird man auf jeden Fall in der Lage sein, Argumente von Kritikern besser auf ihre Stichhaltigkeit beurteilen zu können. Und für die eigene Entscheidungsfindung (Patientenverfügung, Organspendeausweis) ist die Beschäftigung mit diesem Thema auf jeden Fall sinnvoll.

Was Schäfer leider nicht erreicht mit seinem Büchlein (nicht erreichen kann), ist Vertrauen zu schaffen. Berichten, wie sie z.B. von Christina Berndt in der Süddeutschen Zeitung, einem seriösen Medium, veröffentlicht wurden [6] und die auf (mögliche) Unregelmäßigkeiten und fehlerhaftes Vorgehen von Ärzten hinweisen, zerstören dies – da können die Vorschriften über die Durchführung der HTD noch so explizit und penibel sein. Wenn der Angehörige (oder möglicherweise in Zukunft Betroffene) kein Vertrauen in die Ärzte hat, wird er sich verweigern. Hier sind in Bezug auf Organentnahmen und Transplantationen die Ärzte und die involvierten Institutionen in einer Bringschuld.

Da sich im Grunde jeder Mensch – unabhängig vom Alter, denn auch junge Menschen können durch erlittene Unfälle schnell in so eine traurige Situation kommen – mit den Fragen “Patientenverfügung” bzw. “Organspende” befassen sollte und damit dann automatisch auch der Punkt “Hirntod” in den Fokus gerät, ist Schäfers  Zusammenfassung zum Thema ein guter und sehr empfehlenswerter Einstieg in diese komplexe Materie.

Links und Anmerkungen:

[1] Gesetz über die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen und Geweben: http://www.gesetze-im-internet.de/tpg/
[2] Klaus Schäfer: Trösten – aber wie?: http://radiergummi.wordpress.com/2010/09/30/klaus-schafer-trosten-aber-wie/
[3] ?, Unser Vorbild des Monats: Klinikseelsorger Klaus Schäfer; in: http://www.fuers-leben.de/informieren/news-einzelansicht/article/2013/02/unser-vorbild-des-monats-klinikseelsorger-klaus-schaefer.html
[4] hier findet sich eine Sammlung von Quellen dazu: »Hirntod« bzw. »Hirntodkonzept« in: http://www.transplantation-information.de/hirntod_transplantation/hirntod_hauptseite.html
[5] Thomas Liesen: Wie tot darf ein Organspender sein? Das Kriterium des Hirntods ist ethisch widersprüchlich, in: http://www.deutschlandfunk.de/wie-tot-darf-ein-organspender-sein.1148.de.html?dram:article_id=263202
[6] Christina Berndt: Ärzte erklären Patienten oft fälschlich für hirntot; in: http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/falsche-todesdiagnosen-in-krankenhaeusern-aerzte-erklaeren-patienten-oft-faelschlich-fuer-hirntot-1.1891373

ferner wird von Klaus Schäfer eine Informationsseite zum Thema “Organspende” betrieben:  http://www.organspende-wiki.de/wiki/index.php/Hauptseite

Weitere Bücher zum Thema: Sterben, Tod, Trauer, die ich besprochen habe, sind hier aufgelistet:
http://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Klaus Schäfer
Hirntod
diese Ausgabe: topos, TB, ca. 120 S., 2014

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Leseexemplars

Stanisław Lem: Eden

22. Oktober 2014

lem autor

Sonntags steh´ ich regelmäßig vor meinen Regalen und schau einfach ´mal wieder die Bücher an, die das so stehen… und manchmal greif´ ich nach einem und blättere ein wenig und noch manchmaler lese ich es dann tatsächlich.. so passiert mit diesem kleinen Roman von Stanisław Lem: Eden.

Lem nimmt in meinen Regalen einen recht großen Raum ein, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht, denn leider sind fast alle Bücher von ihm unter anderen als a-b-clichen Gesichtspunkten eingeordnet: die alten Suhrkampf-TBs, Bücher aus der Bibliothek Suhrkamp, dtv-Ausgaben, andere Sonderbände…. Das führt dann dazu, daß ich einen Roman wie Solaris letztlich dreimal besitze, weil ich ihn einfach zweimal nicht gefunden hatte… ;-)


Eden mit Untertitel: Roman einer außerirdischen Zivilisation ist dem Genre: Science Fiction zuzurechnen, die Handlung ist relativ einfach: ein Raumschiff mit 6 Mann Besatzung havariert durch eine Nachlässigkeit und stürzt auf die Oberfläche eines fremden Planeten, von dem durch eine früher dort die Atmosphäre beprobende unbemannte Sonde nur bekannt ist, daß die Luft atembar ist. Die Besatzung (Koordinator, Chemiker, Physiker, Kybernetiker, Ingenieur und Mediziner) überlebt unverletzt, das Raumschiff (die Rakete) ist beschädigt, es besteht aber Hoffnung, sie mit vielen Wenns und Abers wieder einsatzfähig zu bekommen. Man konzentriert sich jetzt auf zwei Sachen: zum einen die Reparatur des Raumschiffs, zum anderen die Erkundung der Umgebung auf dem fremden Planeten, um möglichst auch Wasser zu finden, denn die Vorräte sind knapp und die Sonne brennt in der wüstenartigen Region, in der sie havariert sind, vom Himmel.

Insgesamt werden vier Expeditionen gestartet, in jede Himmelsrichtung eine. Von der Planung her sind diese “Ausflüge” etwas seltsam, beim ersten gehen alle sechs Männer mit, die anderen sind zum Teil nachts ohne Funkverbindung zum Raumschiff. Allen Ausflügen gemein ist, daß sehr Seltsames beobachtet wird, auf daß sich keiner der Männer einen Reim machen kann. So finden sie z.B. bei der ersten Expedition eine Art Fabrik, die vollautomatisch arbeitet und etwas Undefinierbares produziert, das sofort wieder als Ausgangmaterial für einen neuen Prozesszyklus verwendet wird.

Bei der Rückkehr ins Raumschiff treffen sie dort auf ein Wesen, sehr groß und massig, wie ein amorpher Schleimbeutel, der eine zweite Kreatur enthält. Es kommt zu keiner Kommunikation und am Ende sind beide “Wesen” tot, erschossen. Der Doktor nennt sie post mortem mangels einer besseren Bezeichnung: “Doppelt”.

Wunderliche Fahrzeuge begegnen ihnen bei anderen Gelegenheiten, aber es sind keine Insassen zu entdecken, seltsame Pflanzen stehen am Weg, sie finden Tote, sehen Skelette, ausgestellt wie in einem Museum, werden fast von panischen Horden solcher in Lumpen gekleideter Doppelts an den Mauern einer Stadt, auf die sie treffen, zerquetscht, sie müssen gegen die Insassen der seltsame Gefährte kämpfen, finden aber auch eine normale Stadt mit normalem Leben…. aus der Ferne drehen sie Filme dieses fast idyllischen Ortes an einem See….

In der Zwischenzeit wird das Raumschiff aber angegriffen. Nicht, daß man es direkt beschießt oder zerstören will, es wird im Gegenteil artilleristisch anorganischer Samen gepflanzt, aus dem eine massivste Glasmauer um das Raumschiff herum wächst…. mit einen Antiprotonenwerfer kann ein Loch in diesen Glaswall geschossen werden, um eine letzte Expedition durchzuführen. Durch das Loch in der Mauer gelingt es einem weiterer “Doppelt” unbemerkt zu dem Raumschiff zu gelangen. Diesmal kommt es zu einer Art von Verständigung, die zumindest ausreicht, Grundlegendes über die Gesellschaftsstruktur auf diesem Planeten zu erfahren.

Sie erweist sich als ein System der Unterdrückung und des Terrors. Aber trotzdem entscheiden sich die Männer, nicht einzugreifen, sondern mit dem mittlerweile reparierten Raumschiff wieder zu starten und Eden, das von aussen, vom Weltraum aus, so schön aussieht, zu verlassen.


Lems Text ist düstere, klaustrophische Science Fiction. Sechs Männer sind gestrandet und kämpfen ums Überleben und die Rückkehr, bei den Erkundungen der Umgebung sehen sie eine Menge Dinge, die sie nicht verstehen. Lem schildert diese Expeditionen in langen Passagen, in denen er die Landschaft beschreibt, in denen er phantastische Szenarien entwirft und ausmalt. Nicht alles kann man sich als Leser vorstellen oder visualisieren, damit ist der Leser in einer ähnlichen Situation wie die Raumfahrer, die des Nachts dort erkunden: auch sie sehen nur eingeschränkt durch die Dunkelheit, die ihre Lampen und Lichter nur ungenügend durchdringen. Es ist die Kunst Lems, daß diese seitenlangen Expeditionsbeschreibungen mit unerklärlichen Dingen an keiner Stelle langweilig sind, im Gegenteil, es baut sich diese beengende, klaustrophobische Spannung auf, weil man wie die Männer in der Geschichte, völlig im Dunkeln tappt.

Das ist das eigentliche Thema Lems in seiner Geschichte, die er auf einen fremden Planeten verlegt hat: Der Mensch im allgemeinen und besonderen tut sich sehr schwer, nur zu beobachten und wahrzunehmen. Automatisch fängt er parallel zur Beobachtung an, zu kategorisieren, in Schubladen zu stecken, ihm bekannte Erklärungsmuster auf das Unbekannte anzuwenden… Der Arzt ist es, der immer wieder versucht, alternative Erklärungen zu finden: vllt waren die “Doppelts” ja garnicht wegen ihnen so in Panik, sondern sie waren nur zufällig anwesend, als aus einem anderen Grund Panik ausbrach… vllt soll die Glasmauer ja garnicht sie einsperren, sondern Bewohner des Planeten hindern, zu ihnen zu gelangen… So wichtig solche eingefahrenen Denkschemata im Normalfall auch sind, man muss sich der Gefahren, die sie bergen, bewusst bleiben…. nicht jeder aus der Crew kann diese Zweifel des Mediziners akzeptieren, es gelingt dem Koordinator aber immer, offenen Streit zu vermeiden und Kompromisse zu finden.

Wie schon erwähnt, mit dem “Doppelt”, der sich unbemerkt durch das Loch in der Glasmauer zur Rakete schleichen konnte, kam eine rudimentäre Kommunikation zustande. So erfuhren die Raumfahrer, daß auf dem Planeten ein diktatorisches System herrscht, dessen Repräsentanten anonym bleiben, nicht bekannt sind. Es hat genetische Experimente gegeben, die verheimlicht werden, aber zu vielen Missgeburten bei den “Doppelts” geführt haben. Für die Männer stellt sich die Frage (und ein Schelm, wem hier Worte wie “Iraq”, “Afghanistan” oder “Libyen” einfallen… [2]), ob sie eingreifen und gegen das Regime kämpfen sollen…. Lem läßt die Männer diskutieren:

  • … jede Intervention im Dienste dessen, was wir für gut und richtig halten, jeder Versuch dieser Art würde höchstwahrscheinlich genauso enden wie unser heutiger Ausflug. Mit dem Gebrauch des Annihilators. …

  • … Alles, was hier geschieht, ist Glied in der Kette eines langwierigen historischen Prozesses. Der Gedanke an Hilfe resultierte aus der Annahme, die Gesellschaftr eile sich in “Gute” und in “Böse”. …

  • … Du kannst hier nicht das Modell unserer Zivilisation einführen. Du müsstest den Plan einer anderen entwerfen, die auch noch nach unserem Abflug funktionierte. …

  • … Ich befürchte, ihr würdet in einem Anfall von Edelmut hier “Ordnung” machen wollen, was, in die Praxis übertragen, Terror bedeutet hätte. …

Außer diesen sehr grundsätzlichen Überlegungen der Männer läßt sich das auf Eden herrschende System auch problemlos als Bild für die politische Struktur des Ostblocks zu der Zeit, in der Lem diesen Roman schrieb (1959) interpretieren….


Kurz und bündig: Eden ist ein spannender, klaustrophobischer, intelligenter SF-Roman mit erstaunlich aktuellen Bezügen. So wie es von einem Roman, den Lem geschrieben hat, erwartet werden kann.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über den Roman: http://de.wikipedia.org/wiki/Eden…
[2] der Leitartikel des Spiegel (Ausgabe 34/2014 vom 18. August) kommt ebenfalls auf diese Frage zu sprechen und verweist darauf, daß es in Ländern, in denen nicht von aussen eingegriffen wurde, keineswegs besser aussieht: Syrien und Ruanda führt er als Beispiele an….
[3] auf youtube sind clips zu finden, in denen der Text gelesen wird:  https://www.youtube.com/watch?……., ganz nett ist auch dieser Clip, auf dem das Romanthema künstlerisch umgesetzt wird:  https://www.youtube.com/watch?……

Weitere Bücher von Lem hier im Blog
Solaris: https://radiergummi.wordpress.com/2008/11/24/stanislaw-lem-solaris/
Provokation: https://radiergummi.wordpress.com/2012/02/29/stanislaw-lem-provokation/

[B]ildquelle: Autorenbild: http://de.wikipedia.org/wiki/Stanisław_Lem,

Stanisław Lem
Eden
Roman einer außerirdischen Zivilisation
Übersetzt aus dem Polnischen von Caesar Rymarowicz
Originalausgabe: Eden, 1959
diese Ausgabe: dtv, ca. 290 S., 1983

Rowan Coleman [1] ist eine britische Autorin, die mit Einfach unvergessen ihren mittlerweile elften Roman vorgelegt hat. Der Titel legt es nahe und gleichfalls der Klappentext: wir werden als Leser in diesem Roman mit dem Phänomen der Vergesslichkeit, der Demenz konfrontiert werden. Aber jetzt, nachdem ich das Buch gelesen habe, denke ich, der englische Titel The Memory Book ist deutlich neutraler und wird dem Inhalt des Romans und seinem Schwerpunkt auch gerechter.

Aber der Reihe nach.

Hauptperson des Buches ist Claire, Jahrgang 1971, also zur Zeit der Handlung Anfang 40. Sie ist verheiratet mit dem deutlich jüngeren Greg, den sie kennenlernte, als er als Handwerker in ihrem Haus arbeitete. Ihre ältere Tochter Caitlin studiert und ist Anfang 20, die jüngere Tochter Esther ist drei Jahre alt. Und dann ist da noch Ruth, die Mutter von Claire, die wegen der Erkrankung ihrer Tochter bei ihr im Haus wohnt.

Aus diesen vier Personen (erst gegen Ende der Geschichte weitet sich der personale Kosmos noch etwas) strickt Coleman eine Familiengeschichte, die sich im wesentlichen auf die zwei Mutter/Tochter Beziehungen konzentriert. Der Mann, Greg, bleibt mehr im Hintergrund. Claire ist – ganz abgesehen von ihrer Erkrankung – die tragende Figur des Buches: mir ihr und der kleinen Bauchspeckrolle, die über den Hosenbund ragt und die so einfach liebenswert macht, ebenso wie die roten Haare, die Vorliebe für noch mehr Rot in der Kleidung, das Spontane an ihr, ja, bis hin ins Exaltierte: man kann sich vorstellen, daß sie ein Mensch ist, dem die Sympathien der Leser zufliegen…

Bei Claire wurde eine frühmanifeste Form der Alzheimerdemenz diagnostiziert, damit sind auf einmal auch einige seinerzeit eher witzige Erscheinungen erklärt: beispielsweise Claires Unfähigkeit, sich die EC-Kartennummer zu merken… Die Ausfallerscheinungen wie Desorientierung oder Wortfindungsschwierigkeiten häufen sich, Autofahren kann Claire nicht mehr, auch Geräte wie Telefon oder Computer kann sie nicht mehr bedienen. Dazwischen gibt es offensichtlich immer wieder Phasen relativer Orientierung in Raum und Zeit. Hoffnung auf Heilung gibt es nicht, der Krankheitsverlauf bei Claire ist rapide, es bleibt nicht viel Zeit. Die Therapeutin hat ihr geraten, ihre Erinnerungen und Gedanken in ein Buch zu schreiben und sich auf diese Art ein Erinnerungsdenkmal für ihre Familie zu schaffen.

Claire steht zwischen ihrer Mutter Ruth und ihrer Tochter Caitlin. Das Verhältnis mit Ruth ist gespannt, die Probleme, die sich jetzt, wo Claire krank ist und Ruth bei ihr zu Hause wohnt, zusätzlich auftun, machen die Sache nicht einfacher. Caitlin studiert ausserhalb, ist aber im Moment zu Hause, auch sie hilft, wo sie kann. Und sie trägt ein Geheimnis mit sich herum, das sie ihrer Mutter gestehen muss, bevor…. genauso, wie ihre Mutter ein Geheimnis mit sich herumträgt, das schon jetzt ab und zu im Nirgendwo verschwindet, die Zeit, es Caitlin zu beichten, wird knapp….


Alzheimergeschichten können prinzipiell kein Happy-End haben, im besten Fall kann die Geschichte so ausgehen, daß für alle Beteiligten eine akzeptable Lösung gefunden werden kann. Deshalb war es spannend, wie Coleman die Beziehungsgeschichten, die von der Alzheimererkrankung Claires überlagert werden, letztlich auflöst… aber vorher noch ein paar Worte zur Darstellung von Claires Erkrankung.

Desorientierung, Wortfindungsschwierigkeiten, Unruhe mit Weglauftendenzen, zunehmende Unfähigkeit, einfachste Alltagstätigkeiten zu bewältigen: einige der Symptome, die das gemeinsame Leben mit Erkrankten schwer machen: es ist praktisch eine 24h-Betreuung und Überwachung notwendig. Die ist konsequent kaum zu leisten, es ist also durchaus plausibel, daß es Claire des öfteren gelingt, das Haus zu verlassen und sich dann – nach ein paar Metern schon – nicht mehr auszukennen. Sie fällt natürlich auf, im Schlafanzug mit Gummistiefeln, wird nach Hause gebracht, einmal verliebt sie sich sogar in einen Mann, der sich im Café zu der Durchgeregneten setzt…. Dazwischen immer wieder Phasen relativer oder auch völliger Klarheit. Das schildert Coleman durchaus bewegend und emotional. Bzw. läßt es Claire selbst schildern [2], denn die Autorin auch ihren anderen Figuren, im wesentlichen also Ruth und Caitlin eine eigene Stimme, in der diese ihre Erlebnisse und Erinnerungen erzählen, ebenso wie wir ihre Einträge in das “Erinnerungsbuch” lesen. Durch diese verschiedenen Perspektiven erschließt sich uns Lesern die Lebensgeschichte der jeweiligen Personen und der Text wird abwechslungsreich und auch kurzweilig.


Ich will jetzt nicht den Plot verraten, die Autorin läßt jedenfalls keine Langeweile aufkommen und gegen Ende der Geschichte wird es noch einmal richtig turbulent. Claire muss noch ein paar Sachen klarstellen und da ist auch noch dieser Mann aus dem Regen…. Es tauchen in dieser Phase auch noch einige andere Personen auf und ganz zum Schluss greift die Autorin tief in ihre Trickkiste, in der sie eine volle Ladung Weichspüler über die Protagonisten kippt: alle sind glücklich. Und wenn ich schreibe “alle”, meine ich alle, auch Claire. Tja, und dann ist Schluss, Ende der Geschichte und Colemann hat es derart geschafft, sich um das wirkliche Ende, daß aus diesem Familienroman einen wie angekündigt Alzheimerroman gemacht hätte, zu drücken.

*The End*


*Einfach Unvergessen* und ich passten nicht zusammen. Ich erwartete etwas anderes als ich bekam, das kann man nicht unbedingt dem Buch ankreiden, es hätte mir ja trotzdem gefallen können…. ich verweise hier auf dem Blog meine Kollegin saetzebirgit  [*Sätze  und  Schätze*,  http://saetzeundschaetze.com]. Dort gibt es eine Kategorie “Flutschliteratur”: Bücher, die sich ganz gut lesen lassen, von denen aber nicht allzuviel hängen bleibt. Zu dieser Kategorie würde ich “Einfach unvergesslich” zählen: gut zu lesen, durchaus anrührend, aber ohne bleibenden Eindruck. Dazu ist das Ende zu klebrig-süß. Will man einfach nur noch abwaschen….

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage der Autorin: http://www.rowancoleman.co.uk
[2] eine gute Übersicht über die möglichen Verhaltensänderungen infolge der Erkrankung ist hier zu finden: http://www.alzheimerforum.de/2/2/wdakude_k4.html

Wer an einer anderen literarischen Umsetzung des Themas “Alzheimer” interessiert ist, dem kann ich von Martin Suter: Small World empfehlen:  https://radiergummi.wordpress.com/2009/06/24/martin-suter-small-world/

Mehr Biographisches bzw. die Schilderung von Lebensschicksalen Alzheimerdementer ist hier zu finden: http://mynfs.wordpress.com/tag/alzheimer/

Rowan Coleman
Einfach unvergesslich
Übersetzt aus dem Englischen von Marieke Heimburger
Originalausgabe: The Memory Book, Random House, 2014
diese Ausgabe: Piper, Paperback, ca. 416 S., 2014

Der Alltag ist voller Fragen, wer wüßte das nicht! Unser westliches (Erfolgs?)Rezept, jede Erscheinung auch als Wirkung aufzufassen, der notwendigerweise eine Ursache zugrunde liegt, hat uns zu sehr tiefreichenden Erkenntnissen geführt, die aber die Frage nach Grund und Ursache nie aufheben werden. Aber so tief brauchen wir gar nicht erst zu gehen, schon der Alltag hält Fragen bereit, deren Beantwortung aus dem Stegreif des verfügbaren Wissens nicht immer möglich ist: Warum ist der Himmel blau und wo endet der Regenbogen, höre ich nachts den Hund wirklich lauter bellen oder bilde ich mir das nur ein und warum ist meine Haut im Winter immer so trocken und rissig, wenn ich in der Wohnung bin, ist es doch draußen so nebelig und nasskalt, daß doch genügend Wasser in der Luft sein müßte….

Auf diese und andere Fragen versucht Jo Hermans, ehemaliger Professor für Physik an der Universität Leiden (NL) Antworten zu geben. Er hat 78 Alltagsphänomene auf´s Korn genommen, die er in fünf Themengruppen gegliedert hat:

  • In der freien Natur (z.B Wie funktioniert die GPS-Navigation, Wie schnell fallen Regentropen und warum fallen Nebeltropfen nicht u.a.m)
  • Fahrrad und Auto (z.B. Wie effizient ist ein Fahrradfahrer, welche Kräfte muss er überwinden und wie kann man 100 km/h mit dem Rad fahren, Wieviel Autos kann eine Straße verkraften u.a.m.)
  • Licht und Farbe (z.B. Wie scharf können wir (unter Wasser) sehen, wie entsteht ein Regenbogen und wie kommen die Farben auf Seifenblasen und CD?
  • Geräusch und Hören (Was hören unsere Ohren, Richtungshören und das Stimmengewirr auf einer Party, Sind Lärmschutzwälle immer effektiv u.a.m.)
  • Rundum das Haus (z.B. Kann ich mein Haus mit Hilfe des Kühlschranks kühlen, Isoliert dickes Glas besser als dünnes, ist stetiges Wachstum möglich, wie überlebe ich in der Sauna)

Die einzelnen Fragen sind meist durch einfache, klare Skizzen verdeutlicht, in denen das Wesentliche der Beantwortung abgelesen werden kann. Zu manchen Punkten schlägt der Autor auch kleine Experimente vor, die mit einfachsten Mitteln auch zu Hause oder vor Publikum vorgeführt werden können und ggf. zu verblüffenden Gesichtern führen werden. So z.B. wenn Strömungsgesetze mit einem über einem Fön schwebenden Tischtennisball demonstriert werden, “supereinfache” Elektromotoren gebaut werden oder demonstriert wird, wie der schon stärker aufgeblasene Luftballon, der über ein Röhrchen mit einem nicht so stark aufgeblasenen Luftballon letzteren aus”saugt”.

Soweit, so gut. Glücklich bin ich trotzdem nicht…

Vielleicht ist ja einfach die Übersetzung an manchen Stellen unglücklich, aber genau das sollte eigentlich nicht sein. Was zum Beispiel ist ein “Naturkundegesetz”? [S. 28]. Sicher wird – da wir bei Drehimpulsen sind – ein Naturgesetz gemeint sein, aber dann sollte das auch da stehen. Ein paar Seiten später [S. 34] lesen wir: “…. dann wird all diese Nahrung in Wärme umgewandelt.” , kurz darauf [S. 38] geschieht noch einmal ähnliches “Nährstoffe … im mechanische Arbeit umgesetzt”. Auf S. 40 “brennt Wasser an” – in Anführungszeichen, aber ich weiß trotzdem nicht, was gemeint ist, auf S. 62 steht, “warme Luft dehnt sich aus, wie wir wissen und wird dadurch leichter”. Nein, das wissen wir nicht, denn bislang gingen wir davon aus, daß das Gewicht eines Körpers temperaturunabhängig ist. Sicherlich, es ist das spezifische Gewicht gemeint, aber dann soll man das auch schreiben, so schwer ist das nicht! Auf S. 74 (es geht um die Lichterzeugung an der Sonnenoberfläche) werden höhere Energiezustände von Molekülen und Atomen als “angeschlagene” Zustände bezeichnet, auf S. 77 wird Sonnenlicht auf seinem Weg durch die Atmosphäre “zerstreut”, gemeint ist wahrscheinlich: gestreut. Und ob es wirklich notwendig ist, für die  Sonnenoberfläche die Bezeichnung “Außenseite” der Sonne einzuführen (und damit die Frage nach der “Innenseite” zu provozieren), weiß ich nicht…

Hin und wieder merkt man den ehemaligen Physik-Professor in Herman, dann nämlich, wenn er bei der Erklärung von Phänomenen z.B. das Bezugssystem wechselt. Bei Laien so wie mir kann dies zu Verwirrung führen. So bei der Erklärung, warum mit Spin getretene Bälle ihren besondere Flugbahn haben: hier setzt er den Nullpunkt (Betrachter) in den Ball hinein, der damit sozusagen in Ruhe ist (nichtsdestotrotz aber ein paar Zeilen später dann doch durch den Strömungseffekt “nach unten gezogen” wird) und von bewegter Luft umströmt wird.

Ob sich im Abschnitt über den nassen Rücken eines Rennradfahrers Aussagen, daß bei einem fahrenden Rad die z.B. Stelle mit dem Ventil am untersten Punkt “ganz kurz still … steht”, während sich gleichzeitig der Punkt an der höchsten Stelle des Reifens mit doppelter Fahrgeschwindigkeit bewegt, jedem ohne weiteres erschließen, wage ich zu bezweifeln. Ebenso, wie ich nicht glaube, daß die ad hoc zur Laufzeitkorrektur bei GPS-Signalen erwähnten (nicht erklärten) Effekte der Zeitdilatation und der gravitativen Zeitdilatation wirklich etwas erklären (und notwendig sind, um das Funktionsprinzip eines GPS zu erkennen)….

Ein letztes… bei diesem Beispiel stellt sich doch die Frage, ob das in seiner Absurdität sinnvoll ist. Der Autor will (was er vorher sowie schon an einem besseren Beispiel gemacht hat) die immer unterschätzte Wirkung exponentiellen Wachstums illustrieren. Dazu nimmt an, zu Jesu Zeiten habe es nur zwei Menschen gegeben und das Bevölkerungswachstum habe bei 2% gelegen. Damit kommt er zu dem Ergebnis, daß dies nach 2000 Jahren (also in der Jetzt-Zeit) zu ca. 10 hoch 18 Menschen geführt hätte, immerhin “50 Millionen mal so viel wie die tatsächliche Weltbevölkerung.” Diese 10 hoch 18 Menschen verteilt er dann über die Gesamtoberfläche der Erde und kommt auf 600 Menschen pro m²…. ok, die Mächtigkeit exponentiellen Wachstums wird damit deutlich, aber …


Es ist zweifelsohne die hohe Kunst, komplizierte Dinge einfach zu erklären, ohne sie zu verfälschen. Das für das Prinzip Unwichtige weglassen, mit verständlichen, aber korrekten Formulierungen den Kern der Sache darstellen – nicht jedem ist das gegeben, aber wer solche “Erklärbücher” schreibt, sollte es können. In “Im Dunkeln hört man besser?” ist dies leider nicht immer der Fall, manchmal hätte ein zusätzliches Wort schon die Aussage “richtiger” gemacht, dann wäre nicht “Nahrung in Wärme umgewandelt” worden, sondern eben deren Energieinhalt…. so aber muss ich schweren Herzens das Facit ziehen, daß diesem Ratgeber, obwohl er durchaus interessantes bespricht und erklärt, eine Überarbeitung gut täte….

Jo Hermans
Im Dunkeln hört man besser?
Alltag in 78 Fragen und Antworten
Originalausgabe: Hoor je better in het donker?
Übersetzt aus dem Niederländischen von Renate van der Laan-Elsner (veröffentlich von BetaText)
diese Ausgabe: WILEY-VCH-Verlag Chemie, HC, ca. 210 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

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