19

Sterling, New Hampshire. Eine High School, wie es sie zu Tausenden in den USA gibt, alles völlig normaler Durchschnitt – bis zu dem Tag, an dem Peter Houghton das Schultor durchschritt, auf dem Parkplatz eine Bombe zündete und dann mit einem Rucksack voller Handfeuerwaffen in das Gebäude ging, um auf jeden zu schießen, den er sah. Zwischendurch frühstückte er in der Cafeteria und ging dann seinen blutigen Weg weiter, bis er schließlich (lebend) von der örtlichen Polizei überwältigt wird.

10 Tote gehen auf sein Konto, viele körperlich Verletzte und sehr, sehr viele seelisch Verletzte.

Die Fakten, so wie sie uns von Picoult dargelegt werden, sind klar. Auch am Ausgang der Gerichtsverhandlung kann nicht im Ernst gezweifelt, es gibt Hunderte von Zeugen für das Massaker.

Picoult erzählt in ihrem Buch über diesen fiktiven Amoklauf die Geschichte von Peter Houghton, dem Kind einer Hebamme und eines Collegeprofessors, der in der Familie immer so ein klein wenig die zweite Geige hinter seinem ein Jahr älteren Bruder spielt. Spätestens mit dem Beginn der Schule, dem ersten Schultag, ist klar, daß diese Jahre für Peter ein Martyrium werden.. er erweist sich als das ideale Mobbing-Opfer, er kann sich nicht wehren, ist ein Bilderbuchlooser. In den ersten Jahren hat er in Josie, der Tochter von Alex, einer Juristin, eine Freundin, die sich für ihn prügelt, die ihn schützt und ihm hilft. Doch in der Pubertät, mit den sich bei ihr einstellenden Problemen der Selbstwahrnehmung und -findung, als es für sie wichtig wird, die “richtigen” Mitschüler zu kennen, in der richtigen Clique aufgenommen zu werden, kann sie sich den Kontakt zu Peter nicht mehr leisten. Peter vereinsamt daraufhin noch mehr, schafft sich eine Parallelwelt im Compüter, programmiert Spiele, in denen die Looser die Sportkanonen wegpusten und derart das Spiel gewinnen können.

Und als Peter dann eines Tages der absoluten Lächerlichkeit preisgegeben und zum Gespött der gesamten Schule gemacht wird, da rastet etwas in ihm aus, da erträgt er seine Situation nicht länger.

Picoult unternimmt in ihrem Buch ein kleines Wagnis, indem sie nicht einfach nur verurteilt, sondern darstellen will, daß ein junger Mensch mit entsprechender Veranlagung durch seine Umwelt in einen psychischen Zustand getrieben werden kann, aus dem heraus solche Taten erklärbar sind. Mit der Figur des Verteidigers von Peter führt sie die Posttraumatische Belastungsstörung [1] als (ein) Erklärungsmodell ein. Bei Menschen, die unter PTSD (post traumatic stress disease) leiden, findet man eine Fülle von Symptomen wie Vermeidungsverhalten (Orte, Personen, Aktivitäten), belastende Träume, intensives Leiden nach Kontakt mit auslösenden Reizen:

Psychologisch gesehen besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen der Therapie eines jungen Menschen, der über Jahre hinweg von Mitschülern schikaniert wurde, under der Therapie einer erwachsenen Frau mit Misshandlungssyndrom. Letztendlich lautet die Diagnose bei beiden auf posttraumatische Belastungsstörung. … Wussten Sie, dass die Langzeitfolgen für jemanden, der als Kind ein einziges Mal Opfer von Schikanen war, genauso traumatisch sein können wie für jemanden, der in der Kindheit ein einziges Mal sexuell missbraucht wurde?…. Der gemeinsame Nenner dabei ist die Erniedrigung.” [S. 300]

An die Waffen zu kommen, war für Peter leicht. Sein Vater nahm ihn schon früh mit auf die Jagd und hatte entsprechend Gewehre zu hause, beim Nachbarn fand Peter durch Zufall Pistolen in der Zuckerschüssel versteckt….So waren alle Zutaten vorhanden, aus Peter einen Amokläufer werden zu lassen.

Natürlich erinnert das Buch sofort stark an “… Kevin…” [2], aus dem Grund habe ich es auch spontan mitgenommen. Im Stil sind sie dann doch unterschiedlich. Entwickelt Shriver ihr Buch in langsamen Schritten, greift Picoul mehr zu schnellen Schnitten. Oft wechseln die Abschnitte schnell zwischen verschiedenen Personen, Orten auch Zeiten. Es gibt eine Menge Rückblenden und auch Zeitsprünge nach vorne, auch geschieht bei Picoult das Massaker ziemlich am Beginn des Buches und sie rollt die Entwicklung von Peter von dort aus auf. Bei Shriver hingegen läuft alles auf das Massaker hin, das als quasi zwingender Abschluss eines “bösen” Lebensweges steht.

Auch im Ansatz unterscheiden sich beide Bücher. Bei Shriver stellt Eva Khatchadourian zwar ihre Eignung als Mutter durchaus in Frage, aber im Grunde wird Kevin als böser Mensch dargestellt, den keine auch noch so gute Erziehung hätte in eine andere Bahn lenken können. Bei Peter hingegen ist die Entwicklung anders. Durchaus nicht einfach und wahrscheinlich auch nicht dem “Durchschnitt” entsprechend, ist er jedoch trotzdem ein normaler junger Mensch, der eben nur das Pech hatte, sich als Opfer zu eignen. In einer anderen, weniger rücksichtslosen Umgebung wäre aus ihm (nach Picoult) nie ein Massenmörder geworden.

Das Buch hat mir sehr gut gefallen, auch wenn dann ab der zweiten Hälfte der nüchterne, z.T. reportagehafte Stil etwas aufgegeben wird zugunsten einer “Herz-Schmerz”-Komponente: die Elite-Juristin Alex erkennt, daß sie als Mutter versagt hat und will alles ändern, der Detective ähnelt lonesome wolf härri und verliert aber jetzt sein Herz an — na, an wen wohl? Der Verteidiger ist ohne Fehl und Tadel und sowieso der Rächer der Enterbten und das Sozialgefüge einer amerikanischen Highschool kennt keine Gnade. Und da ja auch nichts so ist, wie es scheint, muss ganz zum Schluss noch eine kleine, unerwartete Wendung ins Spiel gebracht werden….

Facit: Abgesehen von diesen Kritikpunkten (die den Lesespaß aber nicht trüben) absolut empfehlenswert.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Posttraumatische_Belastungsstörung
{2] L Shriver: Wir müssen über Kevin reden

Platz 1 – 3

duerrk.   ..wellenverbegung

Platz 4 – 10

blau..Lila ..ross..    .todknopffilm.    .zafonengel1.    .gaul

… sehr statisch… nur Beckett mit seiner Todeschemie ist neu, dafür ist Onkel Wumba dahin gegangen… na ja, vllt tut sich ja irgendwann doch mal was…. so ein wenig eintönig ist es doch. Les ich etwa nicht genug? ok, ok, ich gebe es zu, die letzten Wochen war es etwas dürftig, aber man kann es sich nicht immer einrichten….

gut. Dann warten wir einfach mal ab.

koni

Suter scheint sich ja langsam zu einem meiner Lieblingsautoren zu entwickeln…. jedenfalls habe ich mir letzte Woche seine “Small World” mitgenommen und auch direkt gelesen, denn das Thema “Alzheimer”, das ja einen der Schwerpunkte des Buches ausmacht, interessiert mich.

Suter erzählt die Geschichte des Konrad Lang, eines alkoholabhängigen Mittsechzigers, der von der reichen schweizerischen Industriellefamilie Koch finanziert wird. Wofür und warum bleibt im unklaren, ist weitgehend rätselhaft, denn eine echte Gegenleistung muss er nicht bringen. Im Gegenteil, als Hausmeister der Familie im Anwesen auf Korfu eingesetzt, fackelt er dies ab, weil er in einem Moment geistiger Abwesenheit den Holzstoß neben dem Kamin (anstelle des Holzes im Kamin) mit Brandbeschleuniger versetzt und anzündet. Aber selbst nach diesen erheblichen Schaden, den er verursacht hat, läßt ihn die Familie Koch, allen voran die Matriarchin Elvira, nicht wirklich fallen.

Man erfährt, daß er seinerzeit mit Thomas Koch, dem Sohn von Elvira, zusammen aufwuchs, sozusagen dessen “Haustier” war. Wechselte Thomas die Schule, ging Konrad natürlich mit. Lernte Tomi Schifahren, bekam auch Koni Stunden, auf gleiche Weise kam Koni zum Klavierspielen, wo er nicht unerhebliche Fertigkeiten zeigte. Hatte Tomi mal keine Lust auf Koni, schob er ihn auf´s Abstellgleis, bis er ihn dann Tage oder Wochen später wieder brauchte. Auch im Internat sorgte Tomi instinktiv mit seinen gleichreichen Freunden dafür, daß die Klassenschranken dicht blieben, Koni wurde allenfalls zum Schmierestehen oder zum Aufpassen mitgenommen.

Dieser Koni also wird von der Familie Koch nach dem Brandfall in Korfu mit einer monatlichen Grundausstattung an Wohnung, Verfügungsmitteln und Taschengeld ruhig gestellt. Er spricht dem Alkohol weiter zu, lernt aber eine attraktive Frau in seinem Alter kennen und verliebt sich. Er schafft es sogar, dem Alk zu entsagen. Einzig die Socken im Kühlschrank, die Tatsache, daß er sich im Supermarkt verirrt und ähnlich seltsam-beunruhigende Erfahrungen trüben das Leben des Paares ein wenig ein.

Die Symptome der Vergesslichkeit werden bei Koni immer schlimmer, Verwirrtheit kommt hinzu, Weglauftendenzen… Rosemarie sorgt sich zunehmend mehr, fragt einen befreundeten Arzt. Verblüffend ist, daß im selben Maß, in dem die Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis verschwinden, ihm Geschehnisse aus früher, immer früherer Jugend einfallen. Eine Tatsache, von der Elvira erfährt und die ihr Sorgen macht.

Gut, ich will hier jetzt nicht den ganzen Roman erzählen. Letztlich will Elvira die Kontrolle über den immer weiter in die Vergangenheit abdriftenden Konrad nicht verlieren, sie richtet ihm auf Betreiben ihrer Schwiegertochter Simone eine Art Privatpflege auf dem Koch´schen Anwesen ein, mit Ärzten, Pflegerinnen, Therapeuten – alles vom Feinsten. Eines dieser therapeutischen Themen ist das Betrachten alter Familienfotos, die Simone sich heimlich bei Elvira besorgen muss, da diese jene wie ihren Augapfel hütet.

Soweit, so gut. Danach wird das ganze dann etwas … nun ja… mir fehlt das richtige Wort. Jedenfalls haben die beiden Ärzte, die Konrad betreuen, über ihre Arbeit Zugang zu Alzheimermedikamenten, die sie an Konrad ausprobieren. Und – Freude, Freude, Freude – sie wirken, langsam, aber stetig… ein schmalziges, unglaubwürdiges Happy End, zumal Suter abschließend noch einen Markennamen für das Medikament präsentiert, das weder ergoogelbar noch erbingbar ist.. (Wen es interessiert hier ist etwas über medikamentöse Alzheimer-Behandlung geschrieben).

Tja, und das Geheimnis um Toni und Koni, Tomikoni und Konitomi wird auch gelöst, es ist aber allenfalls noch en detail eine Überraschung, da man schon relativ früh ahnt, worauf das Ganze hinausläuft.

Wie immer hat auch hier Suter eine klar, nüchterne, präzise Sprache, die nichts beschönigt, nichts wertet. Er beobachtet genau, schildert exakt (hier insbesondere die Eigenheiten im Verhalten eines Alzheimer-Patienten). Seine Akteure sind zum Teil sehr deutlich gezeichnet (Konrad, Elvira), zum Teil noch nicht so in die Tiefe gehend (Rosemarie, Thomas, Urs), was aber angesichts der Dichtes des Romans nicht ins Gewicht fällt. So bleibt einzig das unnötige, unglaubwürdige und schmalzige Happy-End als Kritikpunkt übrig.

Facit: Die ersten 85 % des Buches sind stark, dann wird das Geheimnis gelöst und das Happy-End konstruiert. Das mindert die Freude etwas. Aber nur etwas.

Martin Suter
Small World
Diogenes Tb; 323 S.
ISBN-10: 3257230885
ISBN-13: 978-3257230888

salvation

“Und, was haste von dem Film gehalten?”
“Och, was ich mir versprochen hatte. Ging hin und her und hat ordentlich geknallt!”
“Aha.”

“Daß es bei Maschinens immer so schmutzig sein muss!”
“Ja, und alle hatten dreckige Fingernägel!”

“Die müssen aber schwere Jugend gehabt haben, diese Blechkästen!”
“Ja, so gemein, wie die zu der Oma sind!”

“Also, ein Naturfilm ist das jetzt nicht!”

“Boay, wo de hinguckst, immer gibt es diese schwachmatigen Feuerbälle. Was sagt denn da die Berufsgenossenschaft zu?”

So in etwa. Mehr schreib ich jetzt nicht dazu. Der dritte Terminator ist ja gegen die ersten beiden schon derbe abgefallen, aber der hier…. und dann noch dieser alberne Schwarzenegger-Auftritt aus der Konserve…

… das einzig gute: einen Abend mal was ganz anderes…. und der leckere Grieche vorher.

paula

Vorneweg: ein schönes Buch, ein ernstes, ein fesselndes. So bin ich Anne-Kathrin dankbar, die mich darauf gebracht hat und die es jetzt eventuell interessiert, was ich dazu meine.

Erst einmal zur Geschichte. Aber wie soll man über 530 dichte Seiten eines Romans in eine kurze Besprechung packen? Also nur im gröbsten Überblick: Hein erzählt die Lebensgeschichte der Paula Trousseau, geb. Plasterer. Diese wächst zusammen mit ihrer älteren Schwester und einem durch einen Unfall verkrüppelten Bruder in Leizpig in einem von einem despotischen Vater beherrschten Elternhaus auf. Liebe erfährt sie dort nicht, dem Vater, der die Mutter in den Alkoholismus und versuchte Suizide treibt, sind die beiden Mädchen nicht viel wert. So verwundert es nicht, daß beide Schwestern früh versuchen, diesem Haus durch Heirat zu entkommen. Paula ehelicht den älteren Hans T. und als verheiratete Frau beginnt sie, sich nicht mehr fremden Wünschen zu beugen. Sie will das, was sie in grauen Kindertagen fesselte, jetzt beruflich machen, nämlich malen. Dafür ist sie bereit, gegen jeden Widerstand (und es mangelt wahrlich nicht daran) alles zu opfern. Selbst die übelsten Tricks, der Austausch der Pille gegen Placebos durch Hans und die danach erfolgende Schwangerschaft, bremsen sie nicht.

Sie erweist sich als begabt, bleibt aber Aussenseiterin. Die Ehe zerbricht, ihre Tochter kommt zu ihrem Mann, da sie vor Gericht keine Anstalten macht, ihre Rechte als Mutter wahrzunehmen. Im Gegenteil, ihre Tochter war ihr Belastung geworden, bestimmte ihren Tagesablauf und hinderte sie beim Malen.

Die Liebschaft mit einem ihrer Professoren eröffnete ihr den Zugang zu Künsterkreisen in Berlin. Hier fühlt sie sich wohl, lernt interessante Leute kennen, vor allem aber auch Sibylle, die ihr zur intimen Freundin wird. Aber auch Waldschmidt kann sie nicht halten, als sie merkt, daß er ihr künstlerisch nicht folgt bzw. sie nicht anerkennt, trennt sie sich von ihm.

Sie schafft den Abschluss mit Ach und Krach (weil sie sich eine Menge Feinde geschaffen hat), lebt danach von der Hand in den Mund. Sie bekommt nur kleine Aufträge, lernt aber Jan kennen, einen Schauspieler, der sich hoffnungslose in die schöne Frau Paula verliebt. Ein Kinderwunsch wird wach in Paula, sie läßt sich mit Jan ein und nutzt ihn, um schwanger zu werden. Als dies sicher ist, jagt sie Jan davon. Niemand außer ihr soll das Kind für sich beanspruchen. Jan wird nie erfahren, daß er Vater wird bzw. geworden ist…..

Sie zieht Michael groß und ist glücklich. Langsam bekommt sie kleine Aufträge, sie kann etwas Luft schöpfen, findet irgendwann in Heinrich einen Verehrer. Als sie merkt, wie gerne Michael mit Heinrich zusammen ist, einen Vater vermisst, läßt sie sich auf diesen Mann ein. Mit ihm zieht sie auf´s Land, er, der begabte Handwerker, renoviert ein heruntergekommenes Haus für die “Familie”. Dies geht eine ganze Zeitlang gut, dann hat Paula die Nase voll und schmeisst Heinrich raus.

Aber auch ihr Sohn nabelt sich langsam von ihr ab und so lebt Paula alleine auf dem Land, in ihrem Atelier, wird menschenscheu und hängt ihren Depressionen nach…..

————
Es ist eine faszinierende Frau, diese Paula T. Was sagt der Klappentext?: “Die Geschichte einer gelungenen Emanzipation…” . Ist das wirklich so? Ich denke, nein. Derjenige Mitarbeiter der FR, der dies geschrieben hat, verwechselt wahrscheinlich Stärke und Härte. Paula ist ein harte Frau, hart gegen sich und gegen andere. Sie ist bereit, die Konsequenzen dieses Verhaltens zu tragen und kümmert sich kaum und die Folgen, die ihr Verhalten bei anderen hat. Wie sagt es Paula selbst, in Bezug auf ein Bild, an dem sie gerade malt: “Ich würde auch bei diesem Bild kalt und genau bleiben. Paula hatte gelernt, Paula war erwachsen geworden.” (S. 328) Bezeichnenderweise greift Hein hier zu einem Kunstgriff: er läßt Paula in der Dritten Person Singular reden, in der Sprache eines Kindes, das noch kein Ich-Bewusstsein hat und von sich in der Dritten Person spricht. Und genauso kommt mir Paula vor: hart, aber ohne das nötige Selbstbewusstsein und damit ohne Stärke. Wer eine starke Persönlichkeit ist, der kann auch Kompromisse schließen, auf andere Rücksicht nehmen, auch die Rechte anderer anerkennen. In Paulas Welt gibt es nur ein Zentrum: Paula. Und das macht sie hart und schwach.

Natürlich liegt der Schlüssel dazu im Elternhaus. In einem Kapitel zeigt uns Hein dies ganz deutlich: der Vater erleidet einen Hirnschlag und muss auf Intensiv, die Ärzte machen der Mutter kaum Hoffnungen, daß ihr Mann dies ohne bleibende Schäden überleben kann. Das ist für die Mutter die Befreiung, die vom Leben gebeutelte Frau ergreift die Initiative, verbannt den Alkohol aus dem Haus, ruft den gammelnden Bruder zur Ordnung und hat innerhalb weniger Tage sich und die Familie (im positiven Sinn) im Griff. Und genauso hätte Paula werden können ohne diesen Vater. und dann der Schock: der Vater überlebt, ist nicht behindert. Noch am gleichen Abend betrinkt sich die Mutter wieder…. So hätte Paula auch werden können, malen: ja, natürlich, aber auch lmit Freude eben, die sich bietenden Chancen ergreifen, mit den Menschen leben und nicht gegen sie, sie nicht einfach nur instrumentalisieren, sondern sie akzeptieren und lieben…….

Ganz wenige Momente hat das Buch, in denen Paule sympathisch ist, in denen diese Härte von ihr abfällt, in denen sie die Augen schließt, sich fallen läßt, einfach fallen läßt. Auch hier typisch, daß dies geschieht, wenn sie mit den wirklich starken Menschen zusammen ist, mit Sibylle oder auch mit ihrer Jugendfreundin Kathi. Vor allem Sibylle ist ein Mensch, der in sich ruht, der stark und selbstbewusst ist, der keine Äußerlichkeiten braucht, um sich seines Wertes bewusst zu sein.

Nein, in diesem Sinn seh ich Paula als schwache Frau, die ein Leben lang versucht, diese Schwäche zu kaschieren und die damit letztendlich scheitert.

Hein schreibt diesen Roman aus der Sicht Paulas als Ich-Erzählerin mit Rückblenden in die Kindheit, die aus der Sicht eines Beobachters geschildert werden. Es gibt keine Effekthascherei in diesem Buch, Hein hat eine Geschichte und die erzählt er geradlinig, schnörkellos. Und das verdammt gut. Er belehrt nicht, er bewertet nicht, schweift nicht ab. Er weiß, was er uns sagen will, manches verschweigt er auch, enthüllt es dann nur en passant, quasi im Vorbeigehen wird es erwähnt…

Ein Punkt vielleicht, aber auch dies keine echte Kritik: so ausführlich Hein die ersten Jahre Paulas schildert, die letzten gehen sehr schnell vorbei im Buch. Michael wird schnell erwachsen und die Jahre in Kietz vergehen wie im Fluge und warum Paula letztlich aus der Welt flieht, keine andere sinnvolle Möglichkeit mehr sieht, ist mir nicht klar geworden. Aber vielleicht sind die Eindrücke des Lesens bei mir auch noch zu frisch, um das zu erkennen…..

Facit: ein sehr schönes Buch, empfehlenswert. Und es liest sich viel schneller, als die Seitenzahl vermuten läßt.

Christoph Hein
Frau Paula Trousseau
Verlag: Suhrkamp; Auflage, 2008, 536 S.
ISBN-10: 3518460048
ISBN-13: 978-3518460047

Chimo: Sagt Lila

Juni 11, 2009

chimo

“Sagt Lila” erzählt die Geschichte von Chimo und Lila, die in einem der Paiser “Banlieues” leben, in den Tag hineinleben. Chimo ist Araber und trifft Lila, die etwas jünger ist als er, Lila, die so blond ist, als hätten “Seidenraupen golden Fäden gekackt” plappert auf Chimo ein wie noch nie ein Mensch. Schon bei ihrer ersten Begegnung hebt sie den Rock für ihn, sie treffen sich öfters und Lila redet mit ihm und er merkt sich die Worte und nachts schleicht er in sein Büro, das er sich eingerichtet hat in irgendeinem der Häuser, von denen man nicht weiß, ob sie nie fertiggestellt wurden oder schon wieder zerstört sind richtet es sich ein mit einer Bank und einem Tisch aus Steinen mit einer Kerze drauf, die er einer blinden Frau geklaut hat, die sie eh nicht braucht und er hat sich jedes Wort, das Lila gesagt hat gemerkt er kann sich gut Worte merken er hört ein Gedicht und kann es auswendig und wenn er in der Schule das Gedicht aufsagen soll macht er extra Fehler rein damit die anderen ihn nicht verachten weil er so gut ist und einmal holt ihn die Lehrerin zu sich und sagt, er hätte eine schlecht Rechtschreibung aber er würde gut schreiben und schon waren die anderen da und zischten “Schleimer” und verjagten die Lehrerin, die nie wieder so mit ihm sprach. Er kennt so wenig Wörter, hört immer dieselben wie zum Beispiel Schlampe, Scheiss, Sack oder Macker die die Jungs gebrauchen wenn sie reden und rumhängen, rumhängen und nichts tun und vom nichtstun ganz rappelig werden, gefangen ist er in den wenigen Wörtern die er kennt und er spart auf ein Wörterbuch, um aus dem Käfig herauszukommen und Lila erzählt so viel, so unerhörte Sachen, sie holt ihm auf dem Fahrrad einen runter und verspricht ihm mehr sie ist ein Engel und “….die Zähne müssten ihr ausfallen vor Scham, aber von wegen, leicht wie ein Sommerwind kommt das daher, nichts geht kaputt, es streichelt sogar.” …..

Es ist eine zutiefst traurige, deprimierende, anrührende Geschichte, die dieser Chimo erzählt, eine Geschichte voller Hoffnungslosigkeit, Verrohung, Gewalt, die Geschichte von Menschen, die keine Zukunft haben, die sich aufgegeben haben. Die von der Hand in den Mund leben an Orten, an denen man nicht an der Häuserwand gehen sollte, weil der Müll nur noch aus dem Fenster geschmissen wird, weil es stinkt und dreckig ist und kaputt und keiner sich darüber mehr aufregt – außer Chimo, der dies sieht und der von Lila angesprochen wird und sich immer mehr in dieses seltsame Mädchen verliebt, die ihm die Kraft gibt, zu schreiben, seine Gefühle in Worte zu fassen.

Man kennt diese Banlieus aus dem Fernsehen, wenn dort Unruhen sind, Autos brennen und die Polizei martialisch einmarschiert. Chimo schildert den Alltag in diesen Vierteln aus der Innensicht, das ganz normale Leben dort, das so ganz anderen Regeln gehorcht, in das sich aber auch (fast) alle eingefunden haben. In weiten Passagen ist die Eindringlichkeit, mit der dies in einfachen Worten und Sätzen geschieht, erschütternd. Und in dieser Umgebung blüht die Liebe auf, die Chimo für Lila empfindet, keine romantische Liebe, denn für Romantik ist “Vieux Chêne” der falsche Ort. Entsprechend derb ist die Sprache, voll mit Begriffen, die sich auf Hans reimen, auf Rasen oder blitzen, auf Böse oder auf ticken… Aber bei allem pornographischen Sujet bewahrt sich die Liebesgeschichte gerade wegen ihrer Direktheit und Gradlinigkeit eine Unschuld, sie ist nie auf Effekt hin geschrieben, sondern sie ist einfach so. Und nicht anders.

Das Buch wird mit einer Geschichte verkauft. Ob sie wahr ist – ich kann es selbstverständlich nicht beurteilen. Angeblich wurde das Manuskript (zwei gewöhnliche Schulhefte voller Streichungen und Fehler) dem Verlag über einen Rechtsanwalt angeboten, über die Identität des Autoren sei nichts bekannt.

Der Roman hat seinerzeit wohl für Aufsehen gesorgt, es wurde auch fürs Theater adaptiert, weiter unten sind zwei Links zu Theaterbesprechungen. Ich bin drauf aufmerksam geworden durch Nina Petris Lesung im März, in der sie die Eingangspassage las, die seinerzeit an zwei, drei Stellen für erstaunte “Oh´s” sorgte….

“Sagt Lila” ist offensichtlich im Buchhandel nicht mehr erhältlich, wer es haben will, muss sich also über den antiquarischen Buchhandel bemühen.

Facit: Kurz, aber heftig. Eine Geschichte, die einen noch eine zeitlang in Bann schlägt.

Links:

http://www.chimo-sagt-lila.de.vu/
http://www.badische-zeitung.de/freizeit/theater/chimo-lila-und-die-liebe–11041223.html
http://www.nahaufnahmen.ch/auf-der-buhne/chimo-sagt-lila-luzerner-theater-ug.html

Chimo
Sagt Lila
Engelhorn, 1997, 189 S.
ISBN-10: 3872032496
ISBN-13: 978-3872032492

tod

Dick und fett, quer über den Einband: Bestseller. Na ja… ich habe das Buch von einer Bekannten bekommen und da ich gerade mit meinen Charitos fertig war, kam sie mir gerade recht, die Chemie des Todes.

Worum geht es? Ein offensichtlich sich in einer Lebenskrise befindlicher Arzt trifft im englischen Hinterland in einem kleinen Ort ein, wo er sich auf eine Stelle in einer Praxis bei einem durch einen Unfall behinderten Kollegen beworben hat. .. Schnitt .. Jahre später, Mr Hunter, der junge Arzt, ist immer noch in dem Kaff und arbeitet in der Praxis. Trotzdem ist er auch nach den 3 Jahren, die er im Ort lebt, für die Einheimischen ein Fremder geblieben.

Eines Tages wird eine schlimm zugerichtete Frauenleiche gefunden, ein paar Tage darauf noch eine. Beide Frauen wohnten bzw. stammten aus Manham und es breitet sich die schlimme Erkenntnis aus, daß der Täter aus den Reihen der Einheimischen stammen muss. Der untersuchende Kommissar recherchiert Hunters Vergangenheit und enthüllt, daß jener seinerzeit der führende forensische Anthropologe Englands war. CSI, Kathy Reichs und P. Cornwall (um nur die bekanntesten zu nennen…) lassen grüßen… Sehr widerwillig läßt sich Hunter in die Ermittlungen einspannen.

Jetzt gibt es die üblichen Versatzstücke: in seinen Träumen enthüllt sich die private Tragödie, vor der Hunter seinerzeit geflohen ist, er lernt eine junge Lehrerin im Ort kennen, die Polizei hört nicht auf ihn, ein weiterer Toter wird gefunden, er verliebt sich in die Lehrerin, die ihn von seinem Schuldgefühl heilt, aber gleichzeitig auch als weiteres Opfer prädestiniert ist, Verdächtige werden aufgebaut und z.T. auch wieder entlastet, der Ekelfaktor des Lesers wird durch eine moderat eingesetzte Beschreibung von Tatort und/oder Leiche befriedigt und.. und .. und… soweit alles ziemlich konventionell….

Beckett beschreibt, wie sich im Ort langsam eine vergiftete Atmosphäre des Misstrauens, der Gewalt und der Verdächtigungen aufbaut, die der örtliche Geistliche nutzt, um die Einwohner noch weiter aufzuwiegeln. So gerät auch Hunter in die Fänge der selbsternannten Wächter…. In diesem Ort bleiben Fremde ein Leben lang Fremde, Abschottung ist hier die Devise.

Insoweit ist eigentlich alles vorhersehrbar in diesem Roman. Selbst daß der penetrant zum Verdächtigen aufgebaute gerade ob dieser Penetranz sicher nicht der Täter ist, verwundert kaum. Zum Schluss hat mich Beckett aber dann doch mit einer Volte überrascht, mit der er den wirklich Bösen hinter dem sozusagen von jenem instrumentalisierten Bösen präsentiert. Aber mehr will ich nicht verraten, außer, daß der Autor sich dadurch natürlich gezwungen sah, eine irgendwie halbwegs plausible Story zu erfinden, die diese Volte erklärt. Und so müssen sich ob der langatmigen Erklärungen und Erläuterungen die im Hintergrund und im Vordergrund vor sich hinsterbenden mit ihrem endgültigen (oder auch nicht) Ableben gedulden und einen langen Atem bewahren, weil – man wird ja kaum fertig mit den Erklärungen…… nun ja, diese Aufklärung für die ganz Dummen, dieser offensichtlich immer gegen Ende einer Geschichte einsetzende Sprechzwang beim Bösewicht – der stört mich schon seit Jahren. Meine Güte, erklären die wirklich haarklein all ihre Motive und Beweggründe … na gut.

Facit: konventionell, aber keineswegs sensationell. Eine gut geschriebene, gut lesbare, zum Teil sogar spannende Unterhaltungslektüre

Simon Beckett
Die Chemie des Todes
Rowohlt TB, 2007, 432 S
ISBN-10: 3499241978
ISBN-13: 978-3499241970

gross

“Wir wollen keine Werbung mehr! Wir wollen keine Verarschung mehr! Wir wollen nicht länger von Lügnern und Betrügern an der Nase herum geführt werden!”

Das ist jetzt mal ein ganz neuer Plot: Es gibt jemanden in Griechenland, dem die (nervtötende) Werbung in TV-Sendungen nicht gefällt und der die Werbeindustrie in die Knie zwingen will, indem er Menschen aus der Branche umbringt.

Aber bevor Kostas Charitos, der Athener Kommissar, dahin kommt, hat er einen etwas weiter gespannten Umweg zu nehmen. Seine Tochter Katerina, frisch promoviert und ebenso verliebt will nach der Prüfung mit ihrem Freund Urlaub machen. Und genau diese Fähre, mit der sie auf die Insel übersetzen wollen, wird von Terroristen entführt. Natürlich hält Charitos nichts mehr in der Stadt, er fliegt nach Kreta und steht mehr oder weniger hilflos und tatenlos im Einsatzzentrum herum, bis er von seinem Chef zurückbeordert wird, weil eben ein mysteriöser Mord an einem “Werbe”star verübt worden ist.

Charitos findet kaum Verwertbares, dann geschieht ein zweiter Mord und die Vermutung, ein Serienmörder ginge um, verfestigt sich. Die einzig heiße Spur ist die Tatwaffe, eine uralte deutsche Pistole, die unter normalen Umständen kein Grieche besitzen kann. Nachdem noch weitere Morde geschehen, kommt Charitos mangels anderer auf die kühne Idee, der Mörder könnte in irgendeinem Zusammenhang stehen mit … nun gut, daß verrate ich jetzt nicht, sonst ist vielleicht die Spannung weg.

Soweit zur groben Inhaltsangabe des Romans. Was macht ihn nun lesenswert? Ich würde sagen, das griechische im Buch. Ob man nun in realiter einen hochrangigen Polizeibeamten unbedingt mit einem altertümlichen Mirafiori (Höchstgeschwindigkeit immerhin noch gute 60 km/h) durch das Land fahren lassen muss, sei dahingestellt, aber nach Lektüre des Buches hat man schon einen guten Überblick über das Athener Straßennetz. Wer selbst schon einmal in dieser Stadt war und sich unter Syntagma- und Omoniaplatz was vorstellen kann (und auch den Verkehr kennt), für den sind diese Passagen sehr anschaulich und von hohem Wiedererkennungswert. Mit der gleichen Liebe zum Detail schildert Markaris das Familienleben der Charitos´, ihre kulinarischen Vorlieben und ihr gegenseitiges Miteinanderumgehen. Und auch Kostas Ch. selbst wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, an einer Stelle des Buches heißt es, daß jeder, der lange genug bei der Polizei ist, irgendwo Dreck am Stecken hat.

Durch die Tatwaffe hat Markaris einen Aufhänger gefunden, griechische Geschichte in all ihren Widersprüchen und Brüchen vom 2. Weltkrieg an bis in die Jetztzeit anzureißen. Ich erinnere mich noch, daß ich seinerzeit, am Ende der Junta, auf einer Fahrt in die Türkei durch Nordgriechenland gekommen bin. Bei der ersten Einreise war noch der Junta-Stempel im Pass, auf der Ausreise war das Junta-Symbol herausgebrochen und auf der Rückfahrt dann ein neuer Stempel…. Bewegte Zeiten, in denen Charitos seinerzeit bei der Polizei angefangen hatte……

Sehr anschaulich und auch glaubhaft schildert Markaris auch die polizeiinternen Grabenkämpfe und Eifersüchteleien, die Konflikte mit den publicitysüchtigen Ministern und die Konkurrenz einzelner Dienste bei der Entführung des Schiffes im ersten Teil des Buches.

Ein wenig gewöhnen musste ich mich anfänglich an die vielen Gedanken, die Markaris seine Hauptperson im Kopf wälzen läßt. Dadurch erschien mir der Schreibstil etwas holprig, weil man immer wieder die Ebenen wechselte. Aber nach einer gewissen Eingewöhnung war das kein Problem mehr.

Ach ja, einen gewissen unterschwelligen Humor an der Grenze zum Sarkasmus, mit dem kann das Buch auch aufwarten. Ein weiterer Pluspunkt, würde ich sagen….

Facit: ein kurzweiliger, interessanter und gut geschriebener Krimi, auch wenn der Plot mir an manchen Stellen etwas weit hergeholt scheint.

Petros Markaris
Der Großaktionär
Diogenes TB, Dezember 2008, 477 S
ISBN-10: 3257237871
ISBN-13: 978-3257237870

1000

Am 9. November 1967 erschien die erste Ausgabe des nachmalig wohl wichtigsten und einflussreichsten Musikmagazins der USA, des Rolling Stone. Das Titelblatt der damals noch auf Zeitungspapier gedruckten Ausgabe zeigt John Lennon mit einem Foto aus “Wie ich den Krieg gewann”.

Ich habe mir das Buch besorgt, weil ich durch das Lesen der “Stadtgeschichten” von Maupin wieder so ein wenig auf diese Zeit neugierig geworden bin, der nostalgische Touch eben… und da passte es ganz gut, daß ich diesen umfangreichen Bildband in einem Prospekt gesehen habe.

Natürlich ist das Buch auf den englisch sprechenden Teil dieser Welt konzentriert, vor allem eben die USA und Großbritannien (Claudia Schiffer ist die einzige Deutsche, die ich gefunden habe, in Ausgabe RS 578, 5/90). Die Beatles und die Stones sind oft abgebildet (Mick Jagger hält, wenn ich mich recht erinnere, den Rekord mit 27 Titelbildern) und im Lauf der Jahre kann man wunderschöne “Vorher – Nachher” Vergleiche anstellen (Bono hatte mal lange Haare und Old Slowhand ist in seinen frühen Jahren kaum zu erkennen….von Iggy Pop ganz zu schweigen…. Jacko). Die ganzen Heroen der Jugend, ob Creedence Clearwater Revival (Oh “Suzi Q“..), Sly and the Family Stone (”…higher… ” Gänsehaut pur….). Die Achselbehaarung von (damals noch) Prince ist ebenso zu bewundern wie Alice Cooper in seiner Schrillheit….

Um es abzukürzen: viele, viele bunte Bildchen mit vielen Erinnerungen, auch einiges an interessanten Textauszügen. Ein richtig toller Trip durch 40 Jahre (vorwiegend angelsächsische) (Rock)Kulturgeschichte…

Links:

Homepage des Rolling Stone
Homepage derdeutschen Ausgabe des RS
Kurzer Wiki-Beitrag zum Thema

Rolling Stone
1000 Cover
Schwarzkopf & Schwarzkopf, Oktober 2006, 567 S
ISBN-10: 3896027360
ISBN-13: 978-3896027368

Lila

“Lila, Lila” erzählt die Geschichte von David Kern, die – so das Stoßgebet – hoffentlich nicht traurig enden mag. David ist Gelegenheitskellner in einem Szenelokal und versucht dort vergeblich, in einer der Cliquen, die dort regelmäßig auftauchen, heimisch zu werden. Er ist ein leiser Mensch, der nicht aufbegehrt, der im Grunde macht, was man ihm sagt, der sich widerspruchslos in die Gegebenheiten einfindet. Um zu gefallen, liest er sogar die Geschichte von Hasenherz….

Durch einen Zufall spielt das Schicksal ihm eine Chance in die Hand, Marie, die eines Abends in dem Lokal auftaucht und in die er sich sofort verguckt, zu beeindrucken. In einem alten Möbel, das er beim Trödler erstanden hatte, lag in einer verklemmten Lade das Manuskript zu einer traurigen, aber anrührenden Liebesgeschichte. Diese nimmt er an sich, setzt seinen Namen als Autor drunter und gibt sie Marie, die sich auf ihr Literaturstudium vorbereitet, zum Lesen.

Marie ist begeistert von der Geschichte und schickt diese (gegen den erklärten Willen Davids und ohne sein Wissen) an einen Verlag. Und dort wird sie angenommen.

Von nun an gründet sich Davids Leben auf einer Lüge, denn anstatt jetzt reinen Tisch zu machen, läßt er einfach alles laufen, läßt sich promoten, geht auf Lesereise und irgendwann erscheint im wichtigen Feuilleton die entscheidende Rezension des Großkritikasters, die verkündet: “Lila, Lila ist der Roman, auf den wir so sehnlich gewartet haben: Das Ende der Knabenwindelprosa.”. Von nun an befindet sich David, der langsam Gefallen findet an seiner Rolle als Autor, auf der Erfolgsspur.

Dies auch privat, denn Marie verliebt sich in – nein, nicht in David, sondern in den Mann, der so ein Buch, so eine Geschichte schreiben kann wie die von Sophie und Peter, den beiden Liebenden aus “Sophie, Sophie”. Je größer der Erfolg, desto weniger bringt es David fertig, die Wahrheit einzugestehen, aber (man fibert als Leser diesem Moment förmlich entgegen) eines Tages, bei einer Signierstunde, kommt ein Mann, der das Buch für einen gewissen Alfred Duster signiert haben will. Und dieser Alfred Duster ist der wahre Autor von Davids Buch.

David läßt sich von dem beredten, aufdringlichen, älteren Kerl von nun an erpressen, sein Verhalten wird für seine Umwelt immer rätselhafter und letztendlich (ich will ja auch nicht zuviel verraten von der Story) fängt seine Geschichte immer mehr an der von Peter zu ähneln…

Suter gelingt es in seinem Roman ein Leben zu beschreiben, das in einer Blase stattfindet, nämlich in der Illusion, sich ein Leben zurechtschneidern zu können aus Versatzstücken. Dies gelingt aber nicht, und die Unausweichlichkeit dieses Misslingens (David ist natürlich nicht in der Lage, ein zweites Buch zu schreiben, er läßt sich erpressen, entfremdet sich mit Marie…) führt Suter ganz klar vor. Zu keinem Zeitpunkt hat sein “Held” die Kraft, zu sagen: “Halt. Bis hierhin und nicht weiter. So ist die Wahrheit und jetzt schau ich, was sich daraus entwickelt.” Dann hätte er eine Chance gehabt, so aber lebt er ein Leben mit einem ungedeckten Kredit in der Tasche.

Der Plot ist, einmal in Szene gesetzt, nicht sonderlich überraschend. Trotzdem gelingt es dem Autoren, ihn spannend und fesselnd darzulegen. Auch die kleinen Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb (ich gehe mal davon aus, da steckt einiges an Insiderwissen drin) sind sehr lehrreich und kurzweilig, frei nach dem Motto: was man immer schon ahnte…. Von den Personen sind David in seiner Schwäche, seinen Sehnsüchten und seiner Unentschlossenheit, ebenso wie Jacky, sein unerbetener Freund, sehr plastisch beschrieben. Marie bleibt etwas blass, aber das ist nur eine Marginalie.

Natürlich ist das Buch auch ein Spiel mit verschiedenen Ebenen, besonders am Anfang hat mich das etwas verwirrt. Sowohl Suters Buch als auch das (vorgebliche) von David heißen “Lila, lila” (auf diesen Titel tauft David letztlich “sein” Buch) und die ersten Seiten tappt man so ein wenig im Nebel, ob man nun Suters Geschichte liest oder die Geschichte, die den Ausgangspunkt für das Buch liefert. Aber vielleicht habe ich auch einfach einen Schlüsselsatz überlesen. Interessieren würde mich jedenfalls, ob diese Selbstbezüglichkeit im Roman einen Hintergrund hat oder nur ein Spiel von Suter ist, aber um das zu beurteilen, bräuchte es wohl mehr Informationen….

Am Ende des Buches, alleine in seinem Zimmer, setzt sich David hin und schreibt, zum ersten Mal selbst, aber immer noch nicht die eigenen Worte. Und trotzdem ist es ein optimistischer Abschluss, denn David scheint gelernt zu haben, daß man sein Leben selbst leben, seine Geschichten selbst erleben muss.

Facit: ein absolut lesenwerter Roman

Martin Suter
Lila, Lila
Diogenes Tb, 2005, 352 S
ISBN-10: 3257234694
ISBN-13: 978-3257234695