Heute habe ich beschlossen, meine Gedanken gegen den Tod so aufzuzeichnen, wie sie mir durch Zufall kommen, ohne jeden Zusammenhang und ohne sie einem tyrannischen Plan zu unterwerfen.
(15. Februar 1942)

Canetti, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1981, und der Tod: das ist ein Thema, mit dem Canetti sein Leben lang zu kämpfen hatte. Der Tod ist für ihn der Urfehler der Schöpfung, er gehört daher geschmäht, gebannt, gar aufgehoben [1]. Ein geplantes Werk zum Thema “Tod” kam jedoch zu Lebzeiten des Autors nicht zustande, jahrzehntelange Sammeltätigkeit von Äußerungen, Notizen, Zitaten, Gedanken etc haben jedoch zu einem umfangreichen Fundes im Nachlass Canettis geführt. Diesen zu sichten und jetzt als quasi Materialsammlung zur Verfügung zu stellen hat der Hausverlag Canettis, Hanser, unternommen. Das Ergebnis ist das vorliegende “Buch gegen den Tod

Elias Canetti – und es ist sinnvoll, sich in diesem Zusammenhang seiner Biographie noch einmal zu nähern – hat früh mit dem Tod Bekanntschaft gemacht [2]. Er wurde 1905 in Rustschuk (heute: Russe), einer bulgarischen Hafenstadt an der Donau als Kind recht wohlhabender sephardischer Juden geboren (ein “Spaniole”). Er war ein reiner Vatersohn, mit diesem verband ihn unstillbare Liebe, während das Verhältnis zur Mutter gespalten war. In den späteren Jahren als älteres Kind schwankte es zwischen Feindschaft, Krieg, Eifersucht und Liebe hin und her. Canetti kam aus Kinderdummheit selbst früh in große Gefahr zu sterben: wahrscheinlich aus einem kindlichen Rachegefühl heraus wurde er von einer Cousine, die er zuvor selbst aus´s Blut gereizt hatte, indem er mit der Axt hinter ihr her lief: Ich bring dich um! (weil diese ihm nicht ihre Schulhefte mit den Buchstaben zeigte…) in einen Kessel mit heißem Wasser gestoßen. Er starb fast an den Verbrühungen, die Ärzte konnten ihm nicht helfen. Er rief die ganze Zeit nach seinem Vater, der auf Geschäftsreise war. Wie durch ein Wunder genas er tatsächlich, nachdem der Vater in größter Hast nach Hause geeilt war.

Schon die erste Erinnerung, deren Canetti habhaft blieb, ist von erschreckender Grausamkeit: ein Mann mit einem Messer, der den Knaben aufforderte, die Zunge herauszustrecken, der das Messer auf die Zunge setzt sie abzuschneiden und dann den Stahl wieder einpackt, nein, nicht heute, aber morgen…. wohl keine Einbildung, sondern der temporäre und heimliche Freund des damaligen Kindermädchens…

Der Vater starb, als Elias sieben Jahre alt war. Er, der Siebenjährige, war jetzt der älteste “Mann” im Haus, neben der Mutter gab es noch zwei Brüder. Die Mutter nannte ihn jetzt ihren ältesten Sohn, er wurde damit in die Verantwortung genommen und sah sich auch in dieser Rolle, glücklich war er, wenn er die Funktion des Vaters als (Gesprächs)partner für die Mutter übernehmen konnte, eine geradezu pathologische Eifersucht packte ihn, wenn er mitbekam, daß andere Männer sich um seine Mutter bemühten…

Weitere frühe Begegnungen mit dem Tod: der Unternachbar in der Wiener Wohnung (es gab viele Umzüge in der Familie Canetti) verstarb, als der Knabe noch jung war, in dieser Zeit kam er auch oft mit dem Kindermädchen zusammen an der Stelle – gekennzeichnet durch einen dunklen Fleck auf dem Fussweg – vorbei, an der sich ein junger Mann zu Tode gestürzt hatte….

So sah sich der junge Elias Canetti in eine Lebenssituation gestellt, die man keinem Kind wünschen sollte: der geliebte Vater gestorben, völlig unerwartet, mit der ungeliebten Mutter muss er jetzt auskommen, gleichzeitig war er derjenige, der für die Mutter (zumindest in Teilen) die Funktion des Vaters übernehmen musste. Und last not least war er der “große” Sohn – als Siebenjähriger. Kein Wunder, daß Canetti den Tod hasste. (btw: Canetti muss – den eigenen Aufzeichnungen nach – ein extrem anstrengendes Kind gewesen sein…)

Später im Leben: zu Beginn der Judenverfolgung lebte Canetti mit seiner Frau noch in Wien, nur knapp entkamen die beiden. Im Bericht der Frau [4] erscheint Canetti nicht anders als viele, die meisten der damaligen Verfolgten: Schockstarre, sie wussten nicht, was ihnen geschah. Wenige Jahre nach dieser Flucht setzen die Aufzeichnungen Canettis, das tägliche Spitzen der Bleistifte zum Thema ein… Reaktion auf diese fundamentale Erschütterung des Lebens und das eigene rätselhafte Verhalten?


Ich will meine Gedanken zur Verteidigung des Menschen vor dem Tod fassen.

Der Tod also. Dessen Unvermeidlichkeit Canetti ebenso kennt wie jeder andere, was er dagegen bekämpft, ist die Akzeptanz, das klaglose Hinnehmen des Todes: Wie wenig echten Haß gibt es schon gegen den Tod in der überlieferten Literatur! Dieses wenige aber muss gefunden, gesammelt und konzentriert werden. Aus einer solchen Bibel gegen den Tod könnten viele Kraft schöpfen, wenn sie daran sind, zu erlahmen. ..” [S. 124] Canetti ist mit dem Tod noch nicht fertig, in einer fiktiven Anrede an Kafka sagt er: Mein Prozeß ist mit dem Tod, er ist noch nicht zu Ende. [S. 125] …

Deine einzige Rechtfertigung ist dein unerschütterlicher Haß gegen den Tod.
Es ist jeder Tod, uns so prüfst du jeden. [84]

So ist diese Materialsammlung wohl auch zu sehen: ein Auf”munitionieren” anhand von Sinnsprüchen, Aphorismen, Gedankensplittern, inneren Zwiesprachen, auch ethnographischem, Zitaten aus allen Quellen, die ihm im Lauf der vielen Jahren Sammlung begegneten. Die Herausgeber haben Canettis Sammlung chronologisch geordnet, umfasst den Zeitraum von 1942 bis 1994, über ein halbes Jahrhundert also. Beigefügt ist ihr ein ausführliches Nachwort eines der Herausgeber, das sich mit diesem Verhältnis Canettis zum Tod befasst.

Canetti selbst hat offensichtlich den logischen nächsten Schritt nach der Sammlung des Materials, den konzeptionellen Entwurf eines Buches, das daraus zu schaffen wäre, nicht gemacht. Erst spät tritt ein einziger Gedanke in dieser Richtung auf, die Notwendigkeit, sich selbst einen Gegenspieler zu schaffen, eine Figur, die ihm Paroli bieten kann: einen Verteidiger des Todes, den Todfreund. Er schafft ihn nicht, weder diesen Todfreund noch das Werk, die Menschen gegen den Tod aufzurütteln.


Eine chronologische Ordnung von Sätzen, manchmal kürzer als eine Zeile, von längeren Zitaten auch und von kleinen Ausarbeitungen. Kein Buch zum Lesen, eher eins zum Blättern, zur kurzzeitigen Kontemplation, erschlossen durch einen umfangreichen Index. Manche der Sätze scheinen, so wie sie da unvermittelt stehen, von Weisheit zu zeigen, manche lassen einen ratlos zurück…. Die Städte zerlegen sich mir, in ihre Schlachthäuser [S. 183] vs. Er kam als Ameisenkönigin wieder und gründete einen Staat [228]. Um die Sätze einordnen zu können, muss man wahrscheinlich ein Kenner von Canetti sein, seiner Psyche und seines Geistes. Als Außenstehendem bleibt einem viel Verborgen.

Canetti schreibt gegen die Akzeptanz des Todes an, das Schreiben selbst ist für ihn der Weg, dem Tod zu begegnen: Solange ich schreibe, fühle ich mich (absolut) sicher. Vielleicht schreibe ich nur deswegen [110], er weiß sich damit, wie im Nachwort ausgeführt wird, mit vielen anderen Schriftstellern einig.

….


Ich habe dieses Buch nach der positiven Kritik von Maar in der ZEIT [1] gekauft, das Thema “Tod…” (wer öfter bei mir liest, weiß dies) ist ein Thema, das mich interessiert, ich habe Das Buch gegen den Tod aber nicht gelesen. Zum einen aus den erwähnten Gründen des Konzeptionellen: da ein roter Faden in dieser Materialsammlung fehlt, kann man das Buch nur aufschlagen, durchblättern und wo das Auge hängenbleibt, lesen – und dann darüber nachdenken, sinnieren. Oder auch nicht. Viele der Sätze sagen mir einfach nichts, wahrscheinlich, weil ich die Prämisse, den Tod als Feind anzusehen und ihm die Akzeptanz zu verweigern, selbst nicht teile. Für andere Bemerkungen fehlt mir der Zusammenhang.

Interessanter sind die Passagen, in denen Canetti etwas ausführlicher ist, so z.B. wenn er sich Kollegen befasst. Mit Frisch zum Beispiel, zu dem die Beziehung eher nicht so eng war und bei dessen Beerdigung er trotzdem gebeten worden war, einen Nachruf zu verfassen, es gibt Texte zu Kafka u.a.m. Hier läßt sich gut mit dem Index arbeiten.

Was mir das Buch persönlich “gebracht” hat, war der Griff ins Regal zu den Kindheitserinnungen Canettis: fand sich hier eine Antwort auf sein verbissenes Anschreiben gegen den Tod? Es ist möglich, mir erscheint es plausibel, daß sich in diesen Kindheitserlebnissen, die mit größten Verlust und entsprechender Trauer und Angst begleitet waren und die – den Zeiten gemäß – eher beschwiegen als besprochen wurden, der Tod dann als Gegner herauskristallisierte. Den letzten Impuls gab dann vllt das massenhafte, völlig sinnlose, von schierer Verblendung, Dummheit und Hass in Gang gesetzte Töten eines ganzen, seines, Volkes – dem niemand Einhalt bot.

So bleibt letztlich bei mir eine gewissen Enttäuschung und Ratlosigkeit – und sicherlich der hin und wieder erfolgende Griff zum Buch, um darin zu blättern.

Links und Anmerkungen:

[1] – Martin Meyer: Herr Canetti und der Tod, NZZ 15.03.2014, http://www.nzz.ch/aktuell/.….
– Michael Maar: Elias Canetti – Trotzig für das Leben, DIE ZEIT 26/2014 vom 07.07.2014;  http://www.zeit.de/2014/26….
[2] Elias Canetti: Die gerettete Zunge – Geschichte einer Jugend, Hanser, 1977
[3] Dieter Borchmeyer: Es gibt einen Kummer, der nie vergeht …, Buchbesprechung Veza Canettis “Die Schildkröte” in der ZEIT (22.04.1999):  http://www.zeit.de/1999/17/….

Elias Canetti
Das Buch gegen den Tod
Nachwort von Peter von Matt

diese Ausgabe: Hanser, HC, ca 350 S., 2014

Elias Canetti
Die gerettete Zunge

Geschichte einer Jugend
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 375 S., 1984

Cubum autem in duos cubos aut quadrato quadratum in duos quadrato quadratos et generaliter nullam in infinitum quadratum potestatem in duos eiusdem nominis fas est dividere. Cuius rei demonstrationem mirabilem sane detexi. Hanc marginis exiguitas non caperet. [1]

Pierre de Fermat 1907-1665 Bildquelle: [B]

Pierre de Fermat
1907-1665
Bildquelle: [B]

Der Franzose Pierre de Fermat abeitete Anfang des 17. Jhdts als Richter, in seiner freien Zeit jedoch beschäftigte er sich intensiv mit mathematischen Fragen. Insbesondere schien im wohl das Stellen und Lösen von mathematischen Problemen und Fragen Spaß zu machen, wobei er jedoch (leider) weniger Wert legte auf die in der Mathematik unabdingliche, strenge Beweisführung der Richtigkeit der aufgestellten Sätze.

Fermat hinterließ der Welt ein Rätsel, das diese über 350 Jahre lang nicht lösen konnte, obwohl sich fürwahr eine Menge genialer Mathematiker damit befassten. Kleine Schritte hin zur Lösung, Teillösungen wurden erreicht, das Ziel aber, die Behauptung, es gäbe für kein n>2 ein Zahlentripel, für das gilt:

a^n + b^n = c^n

zu beweisen, schlugen fehl.

Für n=1 ist die Lösung trivial, die addition natürlicher Zahlen gibt immer wieder eine natürliche Zahl, für n=2 kann man beweisen, daß es ebenfalls unendlich viele Zahlenkombinationen gibt, die diese Gleichung erfüllen, man nennt sie  pythagoreische Zahlentripel. Wohl jeder dürft das erste davon kennen: 3, 4 und 5 (3² + 4² = 5²), das ab und an auch noch verwendet wird, um rechte Winkel zu konstruieren (Satz des Pythagoras).

Fermat also behauptete, einen Beweis, einen wunderbaren Beweis gar, für die Nichtexistenz von Zahlentripeln zu haben, falls n >2 ist, nur leider böte der Seitenrand zu wenig Platz (Fermat skizzierte seine Beweise oft auf den Seitenrändern seines Buches), eine Behauptung, die angesichts der Jahrhunderte, die ins Land gehen mussten, bis bewiesen war, daß diese Behauptung stimmt, fast schon ein wenig höhnisch wirkt….


Singh schildert nun in seinem Buch die Geschichte dieses Fermatschen Satzes und seines Beweises durch Wiles im Jahre 1995. Man kann Singhs Buch auch getrost als eine erste Einführung in die Zahlentheorie ansehen, er fängt in seinem Betrachtungen bei den alten Griechen an, erläutert das Wesen der mathematischen Beweisführung, die sich so grundlegend vom Alltagsbegriff bzw. auch dem naturwissenschaftlichen Gebrauch des Worts unterscheidet. Ein mathematischer Beweis, einmal erbracht, ist für immer und ewig und überall gültig, der “Beweis” einer z.B. physikalischen Theorie nur bis zu deren Widerlegung….

Der Autor geht auch kurz auf die Rolle von Mathematikerinnen in dieser Wissenschaft ein: es gibt sie kaum. Nur wenige Frauen schafften es, sich gegen das ignorante männliche Geschlecht durchzusetzen, das ihnen jahrhundertelang per def und Macht einfach die Fähigkeit, mathematisch denken können, absprach… [3]. Aber ihre Rolle bei Fermats Satz ist nicht wegzudenken…

Kleine Fortschritte werden erzielt, sehr kleine in Bezug auf die absolute Wahrheit, die ein allgemeiner mathematischer Satz darstellt. Und dann kam Wiles. Als Kind fasziniert von dieser so einfach aussehenden Vermutung, sollte er ihr für ein halbes Leben erliegen. Er studierte Mathematik, war extrem begabt für dieses Fach, wurde Professor, kam nach Princeton (wie schon Villani [4] es beschreibt) und widmete sich dort (bis auf die Pflichtveranstaltungen, die er besuchen/halten musste) ganz und gar seiner Frage. Sieben Jahre konzentrierte sich Wiles auf das Problem, nahm an den üblichen Veranstaltungen (man sollte nicht denken, das sich Vergraben sei das Normverhalten von Mathematikern, im Gegenteil, sie sind unter ihresgleichen ein geselliges Trüppchen….) nicht teil, lebte zurückgezogen, niemand wusste, ahnte, an welchem Problem er in Wirklichkeit arbeitete. Psychologisch ist das sicherlich eine sehr interessante Verhaltensweise, wenn man das mit anderen Forschern vergleicht, die ja auch an wichtigen Probleme arbeiten, ohne dies so geheim zu halten…

Letztendlich glaubt Wiles, den Beweis geführt zu haben, er zieht einen Freund ist Vertrauen, zusammen gehen sie die Beweisführung durch und finden keinen Fehler. Auf einer Konferenz schließlich läßt Wiley die Katze aus dem Sack und erntet “standing ovations”. Noch ist der Beweis nicht anerkannt, dazu muss er in einer renommierten mathematischen Zeitschrift erscheinen. Er wird auch eingereicht und die Redaktion setzt mehrere Peers an den Aufsatz Wileys. Es treten Fragen auf, die zumeist schnell geklärt werden können – bis auf eine. Und diese eine Frage ist hartnäckig, keine Petitesse, etwas Grundlegendes..

Im Lauf der nächsten Wochen, Monate (die mathematisch Gemeinde wartet sehnrsüchtig auf die Papiere) wird die Situation brenzlig, Gerüchte tauchen auf, Halbwahrheiten, Wiles hat sich wieder zurückgezogen und brütet über seinen Fehler. Schließlich muss er noch einen Kollegen hinzuziehen – als Diskussionpartner, allein: es nutzt nichts. Wiley ist letztlich bereit, sich selbst sein Scheitern einzugestehen.

Vielleicht ist dieses “Es-ich-selbst-Eingestehen” (Vorsicht! Küchenpsychologie!) der Moment, in dem die in dieser psychologisch sehr schwierigen Situation bestehende Blockade bei Wiles aufbricht. Er sitzt noch einmal über den Papieren, sinniert und überblickt seine Arbeit der letzten Jahre und auf einmal: “…. war ein kleiner, direkter Anruf nötig gewesen. Die berühmte direkte Leitung, wenn Sie einen Anruf vom Gott der Mathematik erhalten und eine Stimme in Ihrem Kopf widerhallt. Das ist ganz selten, zugegeben!”  so beschreibt es Villani [4], dem bei seiner Arbeit ähnliches geschah. Alles war da, alles war vorhanden, er musste nur die Sachen richtig verknüpfen, richtig zusammenbringen….


Die Rezeption des Beweises in der Öffentlichkeit vermittelt im Grunde einen falschen Eindruck. Wiles hat in erster Linie nicht den Satz von Fermat bewiesen, sondern eine (mathematisch viel wichtigere) Vermutung, die zwei junge japanische Mathematiker, Goro Shimura und Yutaka Taniyama, Ende der 50er Jahre aufstellten und die bis dato nicht bewiesen war, obwohl es mittlerweile eine Vielzahl von mathematischen Arbeiten gab, die da anfingen mit: “Unter der Voraussetzung, daß die Vermutung von Shimura und Taniyama gilt, folgt…”. Die Vermutung besagt, daß es eine ein-eindeutige Beziehung gibt zwischen jeder elliptischen Funktionen und einer dazu entsprechenden Modularfunktion (was immer das auch ist….). Anderen Forschern war es gelungen, auf der anderen Seite einen Zusammenhang zwischen dem Fermat-Satz und elliptischen Funktionen herzustellen. Unter der (zu beweisend falschen) Annahme, es gäbe Zahlentripel für n>2 kann man zeigen, daß der daraus ableitbare elliptische Kurve keiner Modularfunktion entspricht. Gelingt es also, die Richtigkeit der Shimura-Taniyama-Vermutung zu beweisen, ist implizit auch der Satz von Fermat bewiesen (Beweis durch Kontraposition).. wer dies genauer nachlesen will und noch halbwegs verständlich, sei auf [2] verwiesen. Und genau dies gelang Wiley letztlich, seine Leistung ging als Beweis des Fermat´schen Satzes um die Welt, der Anteil von Goro Shimura und Yutaka Taniyama daran kam unter die Räder….


Simon Singh ist mit “Fermats letzter Satz” ein spannendes, gut lesbares Buch zur Geschichte eines der ganz großen mathematischen Rätsel gelungen, das zugleich über die Grenze dieses eng definierten Projekts hinausreicht.

Und doch: it´s a matter of trust.

So kann man auf S. 49 (meiner Ausgabe) im Zusammenhang mit dem Satz des Pythagoras folgendes lesen: “Pythagoras` Beweis ist unerschütterlich. Er zeigt, daß sein Satz für jedes rechtwinklige Dreieck im Universum gilt.” … aber ich schau auf meinen Globus, der sich dreht und sehe, wenn ich nur fein genug schaute, schon auf diesem einen Globus praktisch unendlich viele Dreiecke mit rechten Winkeln, deren Winkelsumme viel, viel größer als die 180°, die der Satz des Pythagoras behauptet. Wie kann so ein ungenau formulierter Satz nur die Korrekturen des Buches überstehen? Es ist garnicht so sehr diese eine, nicht korrekte, ach was, falsche Aussage, es ist das Vertrauen in alle Aussagen des Buches, das derart angegriffen wird. Und das ist schade… und unnötig.

Bleibt nur noch mein eigener Zweifel festzuhalten. Fermat hat im frühen 17. Jhdt eine Behauptung aufgestellt, deren Beweis er nicht dokumentiert hat, sondern nur behauptet. Nach Singh [S. 144] zeigte Ernst Eduard Kummer, ein deutscher Zahlentheoretiker, Mitte des 19. Jhdts (!), daß “…. ein vollständiger Beweis von Fermats letztem Satz mit den zeitgenössischen Verfahren der Mathematik noch nicht gelingen konnte.” (–> it´s a matter of trust: daß diese Aussage so absolut z.B. auch stimmt) Ende des 20. Jhdt brauchte ein genialer Mathematiker wie Wiles sieben Jahre intensivster Arbeit, musste zum Teil eine völlig neue Mathematik entwickeln, um mit einem (indirekten) Ansatz den Fermatschen Satz endlich zu beweisen. Von den vielen Mathematikern, die sich zwischenzeitlich vergeblich mit dem Rätsel befassten, ganz zu schweigen…. Es fällt mir einfach schwer, zu glauben, daß Fermat wirklich einen Beweis für seine Vermutung hatte.

Trotzdem bleibt als Facit meiner Besprechung die Feststellung, daß Singhs Buch ein spannender, unterhaltsamer und intelligenter Ausflug in die Mathematikgeschichte rund um den letzten Fermatschen Satz ist, der des Lesens in jedem Fall lohnt.

Links und Anmerkungen:

[1] übersetzt: Es ist unmöglich, eine dritte Potenz in die Summe zweier dritter Potenzen zu zerlegen, eine vierte Potenz in zwei vierte Potenzen, oder allgemein irgendeine Potenz größer als zwei in Potenzen gleichen Grades. Ich habe hierfür einen wahrhaft wunderbaren Beweis, doch ist der Rand hier zu schmal, um ihn zu fassen. zitiert nach [2]
[2] Jürg Kramer: Der große Satz von Fermat – die Lösung eines 300 Jahre alten Problems, in: https://www.mathematik.de/ger…
[3] betrachtet man die Spielzeugabteilungen in Kaufhäusern, so kann man diese geschlechterspezifische Rollenzuordnung noch heute feststellen: Barbie soll gefälligst ihre Puppen anziehen und bekochen, währenddessen Ken mit seinem Fischer-Baukasten die Welt konstruiert…..
[4] Cedric Villani: Das lebendige Theorem,  http://radiergummi.wordpress.com/2014/06……

[B]ildquellen: Portraits Fermat: Wiki (http://commons.wikimedia.org/wiki/..) , See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Simon Singh
Fermats letzter Satz
Die abenteuerliche Geschichte eines mathematischen Rätsels
Übersetzt aus dem Englischen von Klaus Fritz
Originalausgabe: Fermats last Theorem, London 1997
diese Ausgabe: dtv, Jubiläums-Edition 50 Jahre, Softcover, ca. 360 S., 2011

Arno Schmidt: Leviathan

20. Juli 2014

Der “Leviathan” ist das erste Buch Arno Schmidts. Geschrieben 1946 noch unter den direkten Eindrücken des Krieges, wurde es im Herbst 1949 publiziert. Zusammen mit der Titelerzählung umfasste das Buch mit Enthymesis oder W.I.E.H. und Gadir [3] noch zwei andere Erzählungen. Der “Leviathan” wurde ein Jahr darauf ausgezeichnet wurde mit dem “Großen Akademie-Preis für Literatur” der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur geehrt. Diese Auszeichnung war ein Glück für die deutsche Literaturlandschaft, der damit verbundene Geldpreis ermöglichte es Schmidt, der sich die ersten Jahre nach dem Krieg zusammen mit seiner Frau im wahrsten Sinne des Wortes von den Früchten des Waldes (selbstgesammelte Beeren und Pilze etc) ernährte, zu überleben und weiter zu schreiben. So ist auch die Widmung des Buches auf seine in den USA lebende Schwester geschrieben, “ohne deren nimmer fehlende Hilfe ich längst verhungert wäre.” [2]

Arno Schmidt auf dem Cover "Der Spiegel" 20/1959

Arno Schmidt auf dem Cover “Der Spiegel” 20/1959

Aus [2] ist auch der militärische “Lebenslauf” Schmidts ersichtlich, die “unfreiwilligen Reisen alla tedesca“: Schreibstube im Elsaß und Norwegen, Februar 1945 der freiwillige Fronteinsatz mit dem Hintergedanken, als Frontkämpfer, die als einzige noch Heimaturlaub erhielten, der Frau bei der Flucht helfen zu können. Für März ´45 hatte der Unteroffizier Schmidt einen Marschbefehl nach Ratzeburg auf einen Vermesssungslehrgang ….. 1943 schon war der jüngere Bruder vor Smolensk gefallen. Der Vollständigkeit halber: im April ´45 geriet er bei Brüssel in englische Kriegsgefangenschaft, Anfang ´46 wurde er entlassen und in Fallingbostel als Dolmetscher eingesetzt. Diese  wenigen Daten sind insofern interessant, als daß sich einige davon als autobiographische Elemente im “Leviathan” wiederfinden.


Der “Leviathan – oder die beste der Welten” ist ein kurzer Text. Er wird eingeleitet durch den Brief eines britischen/amerikanischen (?) Besatzungssoldaten vom Mai ´45 aus Berlin an seine Frau/Freundin: “The town is fearfully smashed, rather like a bad dream; well: They asked for it and they got it.” Eine falsche Fährte, die der Autor auch mit der wenige Zeilen später erwähnten Ortsangabe “Kreuzberg “auslegt, denn die Handlung ist keineswegs in Berlin, sondern in Schlesien (nach Angaben aus der Wiki in Lauban [3], wofür die erwähnte Queisbadeanstalt spricht) verortet. Hauptperson ist der Ich-Erzähler, ein Unteroffizier, der mit einem Marschbefehl nach Ratzeburg ausgestattet ist. Dieser kennt die Stadt, die unter schwerem russischen Beschuss liegt, wohl näher. Sein Stahlhelm hat ihn vor einem Querschläger geschützt, er befindet sich am Bahnhof und ihm kommt die Vermutung/Hoffnung, es müßten doch eigentlich noch Loks aufzutreiben sein.

Dies ist in der Tat so, auch Männer, die die Lok fahren können, sind auf dem Gelände und es sammelt sich eine sehr heterogene Gruppe von Menschen in den Waggons, in der Hoffnung auf Flucht. Und in der Tat gelingt es ihnen, den kleinen Zug, an dessen Ende sich ein “Schwellenreisser” befindet, in Bewegung zu setzen.

Es ist Februar, ein eisiger Wind herrscht, Schnee fällt. Die Fliehenden haben nichts zu essen und zu trinken. Ein Mädchen (übelster Näherinnen-Typ), weitere Schulmädchen und Alte, eine Greisin vom Lande, zwei Soldaten, einer davon verletzt, ein Pfarrer mit Familie (und sieben Kindern), drei alte Männer, einer davon in Postuniform, zwei junge HJler mit stolzen Panzerfäusten und Anne Wolf mit ihrer Mutter. Anne Wolf, die der Erzähler schon in Jugendjahre anhimmelte, stumm und sprachlos seinerzeit….

Die Kohle, die sie mühsam bebunkert haben, ist schlecht, feucht und nass, der Dampfdruck im Kessel oft zu gering, die Fahrt stockend, sie bleiben oft stehen, kommen nicht weit. Geraten unter russisches Feuer, werden getroffen, Verletzte, Tote unter ihnen. Dann kommen die russischen Tanks selbst unter Beschuss und ziehen sich wieder zurück…

Unbegrenzt, aber nicht unendlich

Beim Stop steigen alle zum Pinkeln aus, damit danach die Tür geschlossen gehalten werden kann, eine lausige Kälte. Der Postbeamte fragt den himmelschauenden Erzähler, ob auch er ein Sternenfreund sei und erwähnt die Unendlichkeit des ganzen… Unbegrenzt, aber nicht unendlich Zum Erklären aufgefordert, bekanntes Problem des Drei- im Vierdimensionalen, heruntergebrochen und plausibel gemacht durch die Kugeloberfläche und das Erleben flacher Dreiecke auf ihr. Der Pfarrer mischt sich ein “Gott ist unendlich“, wird des Irrtum gezeiht und auf den Dämonen verwiesen, den es gab von wesentlich grausamen, teuflischem Charakter.

Monologartig entwickelt sich im Stop-and-Go des Zuges der Erklärungsversuch zum Kosmologischen einerseits (der unbegrenzte aber endliche Kosmos, und dessen Pulsieren), der immer wieder unterbrochen wird durch das Reale, den Krieg, das Elend, das Böse, das alles verschlingen will. Alles sei der Plan des Führers, er locke die Feinde ins Land, um sie dort um so gnadenloser mit seinen Geheimwaffen (Goebbels hat ja wörtlich gesagt: als ich die Wirkung der Waffen sah, stand mir das Herz still”) zu vernichten. Wie die Scheiben brennender Irrenhäuser leuchten die Augen der HJler mit ihren Panzerfäusten… ein paar Jahrhunderte noch, dann, so die begründete Hoffnung des Erzählers, sei die Menschheit von sich selbst vernichtet, habe der Dämon alles verschlungen. Wir sind ein Teil von ihm. ….

Es gibt keinen Gott, sondern nur das Böse, den Dämonen, er west in universaler Zerteilung, sein Wesen zu begreifen, bedeutet sich umzusehen in uns und um uns herum, nur geistige Schwyzer könnten die Welt als schön empfinden. Fressen und Geilheit. Wuchern und Ersticken. Der Irrationalität wird immer wieder die naturwissenschaftliche Rationalität des Kosmos entgegengehalten, der keinen Platz hat für den jahrhunderte alten geistigen Terror der Kirche mit ihrer erkenntnistheoretisch wertlosen Christenfibel.

So uneinheitlich die Menschen im Waggon, so unheitlich die Ansichten. Ballt der Alte voller Wut die Fäuste gegen die HJler und schreit sie an, die noch diese Uniform tragen: “Ihr Lumpen, ihr Lumpen”, so verkünde Deutschlands Zukunft, es wären wohl noch zuwenige ins KZ gekommen…. Der Leviathan, ein Todesmarsch durch Pirna mit Judenfrauen und ihren Kindern, alle fürchterlich abgezehrt, mit unirdisch großen dunklen Augen, daneben fluchende, rotbackige, berittene SS-Henker…, der Blutsumpf von 20 Millionen teuflisch Geschlachteten…. Schnee in die Flüsse und Bäche zu schaufeln, daß sie aufschwellen und die Feinde festhalten….. Der Leviathan: Wir sind ja ein Teil von ihm…

In dieses Chaos von Hunger, Kälte, feindlichem Beschuss und “innerer” Feindschaft webt Schmidt eine zarte Liebesgeschichte ein, die des Protagonisten mit Anne Wolf, der Jugendliebe, die er damals nur stumm bewundert. Verheiratet ist sie, dies war ihrer Bemerkung der Mutter gegenüber zu entnehmen, sie wolle sich am liebsten scheiden lassen. Er hilft ihr beim Aus- und Einsteigen in den Waggon, in einem unruhigen Schlummer, in den er fällt, träumt er von ihr und ruft ihren Namen…. “Passiert Ihnen das übrigens öfter : von mir zu träumen-?” Ich zögerte gar nicht, ich sagte verbindlich : “Ja.” Sie warf anerkennden den Kopf und meinte übe die Schulter : “Etwas anders sind Sie doch geworden. Früher haben Sie bloß Augen wie Spiegeleier gemacht – na schön”. Sie bummelte wieder zu ihrer Mutter hinab. Das kranke Kind starb gerade; Och orro orro ollalu.”

Schwellenreisser (Schienenwolf) im Militärmuseum Belgrad Bildquelle: [B]

Schwellenreisser (Schienenwolf), wie er in der Erzählung eine Rolle spielt.
Bildquelle: [B]

Das Chaos des Fluchtversuchs, des Versuchs, zu entkommen. Schnee wird gefressen, der Wind pfeift so wie die Kugeln, der Dampfdruck reicht nicht oder doch, aber nicht für lange. Man steht wieder, Vierlingsflak. “Hinlegen!” Beschuss, Treffer, Blutlachen… der Schwellenreißer, vorher mühsam blockiert, lockert sich wieder (durch einen Treffer?) und reißt … und reißt ….. und reißt……. und reißt…… bis man steht. Nach hinten die Schienen gefressen. Nach vorne vor dem Abgrund.

Wir (Anne und ich. Wir.)

Zum Schluss stehen sie auf dem einzigen noch übriggebliebenen Brückensegment der Neißeüberquerung, die geworfenen Steine hört man nicht fallen noch landen….

Wir werden in die grobrote bereifte Tür treten. … Sie wird das Kinn vorschieben und bengelhaft den Mund spitzen, die Hüften zum Schwung heben. Starr werde ich den Arm um sie legen.
Da schlenkere ich das Heft voran : flieg. Fetzen


Schmidts “Leviathan” – natürlich, noch unter den frischen Eindrücken des Krieges eine fulminante Abrechnung mit einer verlogenen Kirche, einem sinnlosen Gottesglauben (der sich nicht aufs Christliche beschränkt) und der Personifizierung des Bösen in der Figur des Leviathan, der in uns allen ist und sich im Krieg und in der Person des Einen besonders manifestierte. Dem gegenüber gestellt die Welt des Rationalen, die in der Lage ist, den Kosmos zu erklären: unbegrenzt, aber nicht unendlich. – vielleicht die Kernaussage des Textes, sie gilt auch für den Leviathan: unbegrenzt in seiner Schlechtigkeit, ist er doch nicht unendlich, sondern endlich und damit besiegbar, beendbar. Eine Hoffnung?

Eine Hoffnung : ?, wie sie diese Gruppe von Menschen antreibt, die eine Lok in Gang setzen auf einem Schienenstrang, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerstört ist, die einen Schwellenreisser mit sich führen, der sowohl den Rückweg abschneidet, als auch das Vorankommen verunmöglicht….  innerlich zerrissen zwischen Desillusionierung und immer-noch-Fanatismus und blindem Glauben. Zum Schluss bleibt nur noch – der Tod? Kein Weg mehr zurück, keiner nach vorne, nur noch die Tiefe: Da schlenkere ich das Heft voran : flieg. Fetzen


Fragen bleiben: Läßt Schmidt seinen Ich-Erzähler sterben durch diesen vermeintlichen Sprung dem voranfliegendem Heft nach? Wer erzählt dann die Geschichte? Welches Heft? Ein Notizheft, in dem der Erzähler die Geschehnisse festhielt? Taucht in der Geschichte nicht auf und dürfte den winterkalten Fluss auch kaum überlebt haben, um gefunden zu werden. Andererseits: der letzte Abschnitt der Erzählung : Ende ist im Futur I geschrieben, läßt also anderes prinzipiell zu….

Und welche Bedeutung kommt den einführenden Brief des Besatzungssoldaten zu? Zu zeigen, der Leviathan, DIESER Leviathan ist tot : er war endlich, seine Insignien zu Souveniren geworden?


Leviathan: ein sehr intensives Stück Literatur, das man nicht einfach nur herunterliest. Es brennt sich ein, auch wegen der Schmidt´schen Eigenheiten, die sich hier schon andeuten: die besondere und Konventionen : Grenzen verletzende Orthographie und Zeichensetzung, das Einflechten von Zeitdokumenten in den Text, womit er Authentizität erzeugt und die gesamte Sprache, die die Erzählung durchzieht, in der die Wut, der Zorn des Schreibers zu spüren ist….

Links und Anmerkungen:

[1] Als Einführung zur Person des und in das Werk des Arno Schmidt:
Peer Schaefer: Arno Schmidt – eine kleine Einführung in Werk, Person und Umfeld; http://www.wolldingwacht.de/as/einf.html
auch interessant: Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser: http://www.gasl.org/wordpress/
[2] Arno Schmidt Stiftung, Bargveld, Biogramm Arno Schmidts, http://www.arno-schmidt-stiftung.de/Leben/Biogramm.html
[3] Wiki-Beitrag zur Erzählung: http://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_(Arno_Schmidt)

eine (fast) zeitgenössische Kritik und Besprechung von A. Schmidt aus 1952: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21318152.html

[B]ildquellen:
– Schwellenreisser: aus Wiki-Artikel [3]; By © 2005 by Nikola Smolenski. (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC-BY-SA-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/1.0)%5D, via Wikimedia Commons
– Spiegel-Cover: Screenshot, Stand Juli 2014

Arno Schmidt
Leviathan
oder
die beste der Welten
Originalausgabe: Gadir oder Erkenne Dich selbst • Leviathan oder Die beste der Welten • Enthymesis oder W.I.E.H.Hamburg, Stuttgart, Berlin, Baden-Baden: Rowohlt, 1949. 116 Seiten.
diese Ausgabe: Geschichten aus Deutschland, Romane und Erzählungen in 2 Bänden, Suhrkamp-Verlag 2007 (diese Erzählung in Band 1: 103 – 125)

Etty Hillesum war eine junge, lebensbejahende Frau. Hochintelligent studierte sie Jura und Slavistische Sprachen in Amsterdam, promoviert auch, studierte aber weiter. 1914 in Deventer geboren, wo auch die Eltern noch lebten und eine turbulente Ehe führten, war sie 26 Jahre alt, als die Niederlande besetzt wurden. “Das artverwandte germanische Volk” [4] fiel unter Besatzungsregime, selbstverständlich fielen auch die holländischen Juden unter die nazistischen Judengesetze. Die junge Anne Frank ist für die Judenverfolgung in den Niederlanden zu einem symbolischen Namen geworden, den wohl jeder kennt.

Startseite des Etty-Hillesum-Centrums, Deventer Status: 6.7.14 Screenshot (zur Webseite verlinkt)

Startseite des Etty-Hillesum-Centrums, Deventer
Status: 6.7.14
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Etty (Esther) Hillesum war Jüdin, durch die Geschehnisse im Innersten aufgewühlt. Sie traf auf einen ebenfalls aus Deuschland geflohenen Juden, Julius Spier, einem Chiroanalytiker, der ihr zum Aufzeichnen ihrer Gedanken riet. So führte Etty in Jahren 1941/42 ein Tagebuch, das aus den Kriegswirren gerettet werden konnte und das, nachdem es Jahrzehnte später wieder auftauchte,  1981 veröffentlicht wurde.

Etty lebte mit Freunden zusammen in einer Wohnung in Amsterdam, hier bewohnte sie ein Zimmer, in dem sie ihr Tagebuch schrieb. 1942 wurde sie Mitarbeiterin des Judenrates, als solche hatte sie verschiedene “Privilegien”, sie konnte beispielsweise noch in ihrer Zeit in Westerbork (“polizeiliche Judendurchgangslager Kamp Westerbork” [5]) öfters nach Amsterdam reisen. Auch ihre Eltern waren mittlerweile in Westerbork interniert. Vor diesem Lager aus wurden die Transporte der Juden nach Polen organisiert. Am 7. September 1943 wurden sie selbst und auch ihre Eltern nach Auschwitz deportiert, wo sie am 30. November vergast wurde.

Der Begriff “Tagebuch” für dieses vorliegende Bändchen stimmt insofern, als daß Etty Hillesum ihre Aufzeichnungen in Form eines Tagebuchs führte. Er führt dagegen in die Irre, wenn man ein normales Tagebuch, in dem Geschehnisse und Abläufe des Tages geschildert werden, erwartet. Es sind eher Protokolle der Selbstbeobachtung, der Selbstbegleitung einer jungen, von einer großen, übermächtigen inneren Unruhe getriebenen Frau auf der Suche nach dem “Eigentlichen”, dem Innersten, dem Sinn – auf der Suche nach Gott. Etty Hillesum war eine Sucherin geworden, eine Selbsterforscherin, sie war jemand, der wusste, daß die Antwort auf all ihre Fragen in ihr selbst ruhten und sie ging diesen Weg mit unglaublicher Konsequenz. Darüber berichtet ihr Tagebuch. Das äußere Leben, die Lebensumstände werden nur insofern erwähnt, als sie für den inneren Weg von Bedeutung sind. So erfahren wir beispielsweise in der ersten Hälfte des Büchleins kaum etwas über die Drangsale der Juden oder allgemein der Bevölkerung durch die Besatzung, aber viel hören wir von jenem schon erwähnten Julius Spier, mit dem sich ihre Beziehung, auch sexuell, immer weiter intensivierte.

Ursprünglich Banker von Beruf beeindruckte Spier mit seiner Fähigkeit, aus Händen zu lesen. C.G. Jung in Zürich war es, der ihm zu einer psychoanalytischen Ausbildung zum Psychochirologen riet. Spier floh in der Reichsprogromnacht 1938 aus Berlin nach Amsterdam, seine Verlobte ging nach London [3].

Julius Spier muß ein charismatischer Mensch gewesen sein, der großen Einfluss auf die Menschen ausübte, mit denen er in Kontakt kam. So faszinierte er auch die junge Etty, bald entdeckten die beiden die Seelenverwandtschaft, die sie verband und die im Lauf der Zeit zu einer Liebe werden sollte. Spier wird in den Aufzeichnungen Ettys durchgängig als S. abgekürzt, erst ganz zum Schluss des Büchleins, i Briefen aus Westerbork ist auch das Kürzel “Jul” zu lesen. Zu dieser Zeit war Spier schon tot, er starb 1942 an Lungenkrebs, Etty beschreibt diese Zeit des Sterbens in ihrem Tagebuch.


Etty Hillesum war auf der Suche nach Gott. Nicht dem Gott der Juden oder Christen, sondern nach dem Göttlichen an sich, dem Numinosen, nach dem, was erst zu erkennen ist, wenn alles an Ängsten, Befürchtungen, Zweifeln, an Hass und Wut, an Zorn, Ärger und Missgunst, an Neid und Überheblichkeit in einem selbst beseitigt ist. Dieser Weg, dieser Zugang zu Gott, das zeigte sich für Etty immer mehr, ist nicht draußen zu finden, dieser Weg zu Gott führt an den Urquell des eigenen Seins, in das eigene Innerste. Dort, nur dort, ist Gott zu finden, aus dieser, bei den allermeisten verschütteten Quelle schöpft der Mensch sein Sein.

Es ist ein Weg der Mystik, den Etty beschritt. Ein Weg auch, der mit Zweifeln gespickt ist, der Rückschläge bringt. Das Menschliche, die Schwäche … sie sind stark. Aber Etty analysiert diese erlittenen (wirklichen oder auch eingebildeten) Rückschläge, sie deckt ihre Schwächen vor sich selbst schonungslos aus und es gelingt ihr so, sich immer intensiver zu ergründen.

Das Leben ist schön: wie oft steht dieser Satz in ihren Aufzeichnungen, an vordergründig widersinnigsten Stellen, in der Bedrängung, in der Verfolgung, in der Not. Lebenshungrig ist sie, die nach Bescheid des Arztes zu intensiv im Geistigen lebt, mehr die Realität wahrnehmen soll… aber gibt es nicht viele Realitäten, ist Gott, mit dem sie spricht, nicht auch eine Realität? Ihre Aufzeichnungen werden immer mehr zu Gesprächen mit Gott, zu Gebeten..

Ab ca. Mitte 1942 ändert sich der Duktus des Textes, er wird ruhiger, Zweifel und Irritationen nehmen ab, auch nimmt die äußere Realität mehr Raum an – notgedrungen wohl, die Beschränkungen für Juden nehmen immer mehr zu und bestimmen immer mehr den Alltag. So führt z.B. das Verbot, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, zu langen Fußwegen, die Juden für ihre Besorgungen zu bewältigen haben – für alte Menschen eine riesige Belastung, auch Etty klagt häufig über große Blasen an den Füßen. Eins spielt ins andere: in vielen Geschäften dürfen Juden nicht mehr kaufen, in Cafés nicht mehr einkehren, um sich auszuruhen….

Etty war sich der relativ guten Umstände, in denen sie lebte, bewusst. Irgendwie war sie durch die Raster der Nazis noch nicht erfasst worden, während viele Juden schon in immer engeren auch räumlichen Verhältnissen lebten, hatte sie immer noch ihr Zimmer, ihren Schreibtisch und die Möglichkeiten, eines zwar bedrohten, aber immer noch halbwegs geordneten Lebens.

Sie wurde gedrängt, sich für eine eine gewisse temporäre Sicherheit bietende Stelle im Judenrat zu bewerben – was sie nicht wollte, die sie dann aber letztendlich doch akzeptierte. Sie weigerte sich trotz des Drängens von Freunden, unterzutauchen, zu fliehen – gerade sie sollte entkommen und überleben. Aber flöhe sie, würde ein anderer an ihrer Stelle genommen und deportiert, und das könne und wolle sie nicht, war ihre Erwiderung. Ihre Mission, so wurde ihr immer stärker klar, war es, den Menschen zu helfen, ihnen auch in der Aussichtslosigkeit ihrer Situation beizustehen, da zu sein, einfach da zu sein für sie….. nicht, daß sie Hoffung gehabt hätte, daß die Vernichtung der Juden beschlossen war, war ihr absolut klar: Natürlich. Es ist die vollständige Vernichtung. (Oktober ´42). Und doch….

Es ist nicht so, als ob Etty in ihrer Umgebung nicht auch auf Unverständnis gestoßen wäre. Sie lebe zu sehr im Geistigen, diese Meinung ihres Arztes habe ich schon angeführt. Manche ihrer Gedanken vertraute sie wohl nur dem Tagebuch an, sie wollte (so begründete sie dies an einer Stelle) die anderen nicht aufregen. Ihre Arbeit im Judenrat (der “Hölle”, wie sie es nannte; einige wenige Juden helfen mit, viele Juden zu deportieren) interessierte sie nicht, kollidierte mit ihren innersten Überzeugungen. Lieber als Listen zu schreiben saß sie in einer Ecke auf dem Boden und las ihren geliebten Rilke, den sie als Begleiter auf ihrem gesamten spirituellen Weg bei sich hatte und den sie auf jeden Fall auch mit auf einen Transport nehmen wollte. Im Judenrat warf man Unkollegialität vor.

Ausschnitt aus der Transportliste Westerbork-Auschwitz Bildquelle [B]

Ausschnitt aus der Transportliste Westerbork-Auschwitz
Bildquelle [B]


Die Aufzeichnungen der Etty Hillesum enden 1942, aus dem nachfolgenden Jahr sind noch Briefe, die sich mit den Umständen im Lager befassen, erhalten und im Büchlein abgedruckt. Der letzte Satz in ihrem Tagebuch ist datiert auf den 12. Oktober 1942 und lautet:

Ich möchte ein Pflaster sein auf vielen Wunden.

Am 7. September 1943 war es dann soweit.  Trotz des Wissens, daß dieser Tag kommen musste, war er in der Plötzlichkeit doch überraschend: die Eltern kamen auf einen Transport nach Auschwitz und Etty  (sowie ihr Bruder Mischa) begleitete sie. Es gab keine Ausnahmegenehmigungen mehr für Etty.

Nach Berichten des Roten Kreuzes wurde sie am 30. November vergast.


Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, daß ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, daß du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: daß du uns nicht helfen kannst, sondern daß wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen [...]. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, daß du uns nicht helfen kannst, sondern daß wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen. Es gibt Leute, es gibt sie tatsächlich, die im letzten Augenblick ihre Staubsauger und ihr silbernes Besteck in Sicherheit bringen, statt dich zu bewahren, mein Gott. Und es gibt Menschen, die nur ihren Körper retten wollen, der ja doch nichts anderes mehr ist als eine Behausung für tausend Ängste und Verbitterung. Und sie sagen: Mich sollen sie nicht in ihre Klauen bekommen. Und sie vergessen, daß man in niemandes Klauen ist, wenn man in deinen Armen ist.”

“Sonntagmorgengebet” vom 12. Juli 1942 (als Zitat entnommen aus [1])

_______________________________________________

Ich ruhe in mir selbst. Und jenes Selbst, das Allertiefste und Allerreichste in mir,
in dem ich ruhe, nenne ich “Gott”.

Der mystische Weg der inneren Gottesschau mag auf Aussenstehende befremdlich wirken, zu sehr scheint der Mensch die “Realität” zu negieren, zu inadäquat auf äußere (vermeintliche oder wirkliche) Zwänge zu reagieren. Und doch sind diese vermeintlich Weltfremden voll innerer Energie, voll innerer Gefasstheit. Leider sind kaum Äußerungen Aussenstehender über die Wirkung von Etty auf andere Menschen bekannt, dem wenigen nach, was man weiß, muss sie eine bemerkenswerte voller Ausstrahlung gewesen sein, eine “leuchtende Persönlichkeit” nannten Überlebende aus Westerbork sie. Es ist zu hoffen, sehr zu hoffen, daß sie ihr Lebensziel, anderen zu helfen, auch in ihren agen in Auschwitz noch verfolgen konnte, daß ihre innere Kraft durch die Zwiesprache mit ihrem Gott groß genug war, um nicht gebrochen zu werden….

Ich habe in meiner Buchvorstellung viel von Ettys Suche nach Gott geredet, davon soll sich aber niemand, der keinen Bezug zu Gott hat, abschrecken lassen. “Das denkende Herz”, so wie sie in der Lagerbaracke genannt wurde, ist in allererster Linie ein beeindruckendes Dokument einer Frau, eines Menschen, der sich mit großer Selbstdisziplin und großer Ernsthaftigkeit auf den Weg macht, sein Selbst zu finden. Dies ist unabhängig von der Suche nach Gott ein Wert an sich, insofern können Etty Hillesums Aufzeichnungen eine große Inspiration für jeden Leser sein.


Zitate

  1. Juni 1941: Wieder Verhaftungen, Terror, Konzentrationslager, willkürliches Abholen von Vätern, Brüdern, Schwestern. Man sucht nach dem Sin des Lebens und fragt sich, ob es überhaupt noch einen Sinn hat. … Jedenfalls habe ich zur Zeit allen Zusammenhang mit dem Leben und den Dingen verloren. …” [S. 37]
  2. August 1941: Liebe ich S.? Ja, irrsinnig. … Es ist schwierig, mit Gott und dem Unterleib in gleicher Weise zurechtzukommen. .. [S. 42/3]
  3. September 1941: Ich will dieses Jahrhundert kennenlernen, von außen und von innen. Ich bestaste dieses Jahrhundert, jeden Tag aufs neue, mit meinen Fingerspitzen taste ich an den Konturen der Zeit entlang. Oder ist dies nur eine Fiktion? [S. 53]
  4. September 1941 Ich fühle wie jemand, der von einer Krankheit genesen ist. Noch etwas schwindelig im Kopf und wackelig auf den Beinen. Gestern war mir sehr elend, ich glaube, daß ich innerlich nicht einfach genug lebe. Mich zu sehr in Ausschweifungen, in Bacchanalien des Geistes verliere. … Die Wirklichkeit interessiert mich sehr, aber nur vom Schreibtisch aus, nicht etwa um darin zu leben und zu handeln. … [S. 54/5]
  5. Juni 1942 Es gibt weder Unrast noch Hast um mich. [S. 109]
  6. Juni 1942: Der Frieden kann nur dann zum echten Frieden werden, irgendwann später, wenn jedes Individuum den Frieden in sich selbst findet und den Hass gegen die Mitmenschen, gleich welche Rasse oder welchen Volkes in sich ausrottet, besiegt und zu etwas verwandelt, das kein Haß mehr ist, sondern auf weigte Sicht sogar zu Liebe werden könnte. … Ich bin ein glücklicher Mensch und preise dieses Leben, jawohl, im Jahre des Herrn 1942, dem soundsovielten Kriegsjahr. [S. 115]
  7. Juli 1942: Ich habe unserem Untergang ins Auge geblickt, unserem vermutlich elenden Untergang, …. [S. 125]
  8. Juli 1942: Die Urkraft besteht vielmehr darin, daß man, auch wenn man elend umkommt, bis zum letzten Augenblick das Leben als sinnvoll und schön empfindet in dem Gefühl, daß man alles in sich verwirklicht hat und daß es gut war zu leben. [S. 134]
  9. Juli 1942: Für das ungebrochene und strahlende Gefühl in mir, das auch das Leiden und die Gewalt einbezieht, kann ich die richtige Sprache noch nicht finden. …. [S. 142]
  10. Juli 1942: Und mit dieser schlanken Füllfeder müsste ich ausholen, als wäre sei ein Hammer, und die Wörter müssten wie ebensoviele Hammerschläge von unserem Schicksal künden, von einem Stück Geschichte, wie es noch nie eines gegeben hat [S. 144]
  11. Juli 1941: Mein Gott, was hast du mit mir vor? [S. 156]
  12. September 1942: Eigentlich ist mein Leben ein unablässiges “Hineinhorchen”, in mich selbst, in andere und in Gott. Und wenn ich sage, daß ich “hineinhorche”, dann ist es eigentlich Gott, der in mich “hineinhorcht”. Das Wesentlichste und Tiefste in mir, das auf das Wesentlichste und Tiefste in dem anderen horcht. Gott zu Gott. [S. 176]
  13. Oktober 1942: Man sollte immer beten, Tag und Nacht, für all die Tausende. Man sollte keine Minute ohne Gebet sein wollen. [S. 201]
  14. Oktober 1942: Durch mich hindurch fließen breite Flüsse, in mir erheben sich hohe Gebirge. Und hinter dem Gestrüpp meiner Unruhe und Verwirrungen erstrecken sich die breiten Ebenen der Ruhe und Erhebung. … Die Erde ist in mir und auch der Himmel ist mir. … Ich falte die Hände mit einer Gebärde, die mir lieb geworden ist, und sage närrische und ernsthafte Dinge im Dunkel zu dir und erflehe einen Segen über dein ehrliches, liebes Haupt, all das zusammen könnte man mit einem Wort “beten” nennen. .. [S 203/4]

Zuglaufschild Westerborg-Auschwitz, bewahrt in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Israel Bildquelle [B]

Zuglaufschild Westerborg-Auschwitz, bewahrt in der
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Israel
Bildquelle [B]

Es sind Tagebuchaufzeichnungen, die mit einem bestimmten Ziel geschrieben wurden. Lange nach dem Krieg, 1981, tauchten sie wieder auf und mussten mühsam entziffert werden (Ettys Handschrift gleicht dem Schriftbild des Arabischen…). Es wurde eine Textauswahl getroffen, aber die Texte wurden nicht mehr bearbeitet. Das Buch ist aus diesem Grund und weil das Thema nicht einfach ist, nicht zu lesen wie ein Roman, man muss häufig Pausen machen und über das Gelesene Nachdenken. Erschwerend kommt hinzu, daß viele Einträge ohne Datum sind, nur die Tage und die Uhrzeiten sind angegeben, was ein wenig die zeitliche Orientierung behindert und zum häufigeren Vorblättern zwingt. Auch ist der Tagebuchcharakter dafür verantwortlich, daß vieles wiederholt wird, daß manches nach Selbst-/Eigenlob klingt oder auch autosuggestiv: Etty schreibt für sich und legt zuvörderst vor sich selbst Rechenschaft ab, dies muss man im Auge behalten. Dies alles mindert die enorme Tiefe des Textes nicht.

Für mich war dieses schmale Bändchen ein großer Gewinn.

Links und Anmerkungen:

[1] Beatrice Eichmann-Leutenegger: Ein denkendes Herz in Amsterdam – Zum 100. Geburtstag von Etty Hillesum (1914-1943); in: http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/ausgabe/details?k_beitrag=3975003&query_start=1
[2] Webseite des Etty-Hillesum-Zentrums in Deventer: http://www.ettyhillesumcentrum.nl/index.php/de
[3] Der Magier Julius Spier, in [1]; http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/ausgabe/details?k_beitrag=3975003&query_start=3
[4] zitiert aus: Das deutsche Besatzungsregime in den Niederlanden: http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/kriegsverlauf/niederlandebes/index.html
[
5] – Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Durchgangslager_Westerbork
– Holländische Webseite über das Lager: http://www.holocaust-lestweforget.com/transit-camp-westerborkdutch.html

[B]ildquellen:
– Zuglaufschild: http://www.ramakrishna.de/okzident/Etty_Hillesum.php
– Sceenshot “Transpotliste”: http://www.holocaust-lestweforget.com/westerbork-transport-scheduledutch.html

Etty Hillesum
Ein denkendes Herz
Die Tagebücher von Etty Hillesum
Übersetzt aus dem Niederländischen von Maria Csollány
Originalausgabe: Het Verstoorde leven, Haarlem, 1981
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 224 S., 19XX

Weimar, dieses kleine Städtchen im Osten Deutschlands hat mich die letzten Wochen literarisch beschäftigt: angefangen hatte es mit der Biografie von Cornelia Goethe, die über deren berühmten Bruder Weimar zumindest im Hintergrund sichtbar machte, dann kam die Wolzogen-Biographie von Feyl, um den Gegensatz dieser beiden so unterschiedlichen Frauen besser verstehen zu können. Mit Wolzogen trat naturgemäß Schiller auf die Bühne, die große Schiller-Biografie von Damm liegt noch ungelesen auf dem SuB…. Mein Lesekreis oktroyierte mir schließlich Manns “Lotte in Weimar” [alle Links unter 2] auf und jetzt habe ich als Hintergrund das Büchlein von Peter Braun über Weimarer Geschichten gelesen, das eine Menge interessanter Informationen über die Verhältnisse in der Weimarer Klassik enthält.

...das bronzene Reiterdenkmal von Weimars berühmtestem Fürsten, Großherzog Carl-August von Sachsen-Weimar-Eisenach. ... [1]

…das bronzene Reiterdenkmal von Weimars berühmtestem Fürsten, Großherzog Carl-August von Sachsen-Weimar-Eisenach. … [1]

“Weimarer Geschichten” ist ein kleines, schmales Büchlein. Auf gut 140 zum Teil bebilderten Textseiten lassen sich keine tiefgründigen Analysen unterbringen, der Text konzentriert sich daher auf die großen Linien, erschöpft sich zum Teil im Anekdotischen. Er liest sich schnell, lange Satzkonstruktionen gibt es nicht, dem Stil haftet etwas Eilendes, Schnelles an….

Zuerst führt Braun sein Büchlein mit einem Rückblick auf das Weimar der damaligen Zeit ein. Dies war keineswegs ein schmuckes Städtchen, so wie es sich heute präsentiert, es war ein Ort mit ca. sechstausend Einwohnern, bewohnt von kleinen Handwerkern und Kaufleuten, die nebenher noch Landwirtschaft betrieben. Die Straßen noch unbefestigt, wenige Läden nur, viel wurde in der Wohnstube gearbeitet und verkauft. Der Adel war arm, durch kostspielige Liebhabereien auch das Fürstenhaus nicht wohlhabend. Erst mit Anna Amalia sollte sich dies ändern, diese wirtschaftete sorgfältiger und verantwortungsbewusster, aber allein dadurch kam auch kein Geld in die Schatulle – aber es wurde weniger ausgegeben und mit Verblendungen á la Potemkin gearbeitet. Die berühmte Bibliothek besipielweise war bautechnisch sehr viel mehr Schein als Sein…. So waren auch die Vergnügungen bei Hof seltener und weniger aufwändig als bei anderen Höfen, feste Theater hielten sich nicht und mussten aufgegeben werden, die Bälle und Festivitäten kleiner und einfacher.

Und doch war das beste Auskommen der Menschen immer noch eine Anstellung bei Hof. Diese waren jedoch rar, der Andrang hoch… das führte zu Ränken und Intrigen, zu Günstlings- und Vetternwirtschaft. Wer Einfluss bei Hof hatte, der wurde hofiert mit der Hoffnung auf eigene Begünstigung….

… ein zweites “Und doch”: es gab Glücksgriffe, die die Goldene Zeit der Stadt einleiteten. Der Sohn Anna Amalias, oben auf dem Pferd verewigter Carl-August, sollte eine Erziehung erhalten, die neben dem höfischen auch eine bürgerliche Komponente umfasste: eine neue Zeit war angebrochen, Entdeckungen, Erforschungen, auch politische Umwälzungen fanden überall in Europa statt, Bürgertum entstand und war bildungshungrig (mehr wie der Adel) und diesen Hunger wollte die Herzogin ihrem Sohn vermitteln: ein bürgerlicher Erzieher ward 1772 dem adeligen an die Seite gestellt: Christoph Martin Wieland, damals der führende Schriftsteller Deutschlands. Mit ihm begann die hohe Zeit Weimars.

Weimar: heute ein schmuckes Städtchen. Hier am Herderplatz mit dem ehemaligen Deutschritterhaus.

Weimar: heute ein schmuckes Städtchen. Hier am Herderplatz mit dem ehemaligen Deutschritterhaus.

Wenige Jahre später trat der junge Goethe auf die Weimarer Bühne, er löste Wieland als Erzieher ab. Es muss eine wüste “Erziehung” gewesen sein, eher eine Kumpanei des herzoglichen Sohnes mit dem Dichter, die häufig zu derben Ausschreitungen, wilden Jagden durch das Städtchen führten – keineswegs zur Freude der Herzogin und der Bewohner… doch Goethe selbst wurde erzogen: die Dame von Stein, der er jahrelang nachstellte und die über diese Possen des Goethe ungnädig die Nase rümpfte. Goethe änderte sich, wurde ruhiger und diese färbte letztlich auch auf Carl-August ab.

Ob Goethe bei Charlotte von Stein “Erfolg” hatte, ist nicht sicher, wenn ich Braun richtig verstanden habe, ist es ob deren Prinzipienfestigkeit – immerhin war sie verheiratet – eher unwahrscheinlich. Nach 10jährigem Werben jedenfalls verließ der Dichter und mittlerweile mit vielen amtlichen Funktionen betraute das betuliche Weimar für geraume Zeit, um in Italien auf andere Gedanken zu kommen….

von Stein war nicht die einzige Angebetete Goethes, es gab deren einige, auch wenn nicht über alle Verhältnisse so viel bekannt ist wie über das mit der Frau von Stein. Das Maul zerrissen haben sich die Weimarer aber letztendlich über die Frau, mit der Goethe sich fest band: Christiane Vulpius, eine Frau aus dem einfachen Volk, mit der er seinen Sohn hatte und die er letztendlich heiratete. Und sicherlich war Christiane nicht die schlechteste der Frauen….

Schiller, das zweite Genie in dieser Zeit in diesem Ort. Die Bekanntschaft zwischen dem arrivierten Geheimen Rat und dem jungen, stürmischen Dichter begann zögerlich, mit anfänglicher Abneigung. Erst mit den Jahren und den sich annähernden Ansichten angesichts der politischen Umwälzungen und Wirren kam man sich näher und freundete sich an.

Früh starb er, der Schiller, viel krank war er gewesen, ums Geld musste er sich sorgen, um seine Familie zu ernähren. Die Obduktion des Leichnams ergibt ein schauerliches Ergebnis, verwunderlich, daß er überhaupt so lange lebte bei all den Verwachsungen, Degenerationen, Perforationen…. auch die Posse um Schillers Schädel schildert schön der Autor in seinem Büchlein.

Jean Paul ist der letzte der Dichter, dem sich Braun widmet. Die Frauen liebten ihn und er liebte die Frauen – je weiter sie entfernt waren von ihm, umso mehr. 1796 erschien er in Weimar… für Paul war Schreiben und Leben eins, jede Bindung an eine Frau hätte diese Einheit zerstört…. “Ich bin frei, frei, frei und selig!” 1801 heiratet der dann doch, achtunddreißigjährig und verläßt Weimar. Sonderlich glücklich ist die Ehe nicht, aber sie scheint “funktioniert” zu haben…

Fast hätt´ ich ihn vergessen, den Eckermann, Johann Peter Eckermann. Selbst durchaus mit Talenten gesegnet, litt er ein Leben lang darunter, daß die Armut des Elternhauses ihm keine Bildung, keine Ausbildung ermöglichte. Selbst sein Fleiß, seine Zähigkeit, seine Willensstärke reichten nicht, dies später ausreichend nachzuholen: das reale Leben, die Notwendigkeit, irgendwie Geld zum Überleben zu verdienen, bremsten ihn stetig aus. In Weimar wurden Goethe und die Arbeit mit diesem zu seinem Lebensinhalt. Nach dessen Tod versank Eckermann, der sich selbst, was die gemeinsame Arbeit anging, auf gleicher Höhe sah wie der Dichter, von anderen aber als subaltern wahrgenommen worden war, wieder in Armut und Bedeutungslosigkeit….


Goethe als Orest, Schröter als Iphigenie ("Iphigenie auf Tauris", Gemälde von Georg Melchior Kraus) Bildquelle [B]

Goethe als Orest, Schröter als Iphigenie (“Iphigenie auf Tauris”, Gemälde von Georg Melchior Kraus)
Bildquelle [B]

Braun schildert in seinen Geschichten nicht so sehr die Dichter, sondern mehr die Figur hinter diesen, die man (zumindest geht es mir so) manchmal vergisst, doch auch ein Dichter, ein Poet hat ein Alltagsleben, muss sich kümmern um Haus und Hof, er muss das Leben finanzieren, die eine oder andere Anschaffung…. der Schwerpunkt des Buches liegt natürlich bei der prägenden Gestalt dieser Epoche, bei Goethe bzw. von Goethe. Viele Liebschaften begleiten ihn durch´s Leben, viele der Frauen gebunden (Mann läßt seine Lotte [2] sagen, er hätte sich wie ein Kuckuck in das Nest ihrer Verlobung gesetzt], es ist ihm gleich. Mag sein, daß ihm das Wissen, die Begehrte ist gebunden, sogar Sicherheit gibt, nicht in die Pflicht genommen zu werden (eine Vermutung meinerseits). Andererseits muss man auch anerkennen, daß er sich mit seinem Bekenntnis zur Vulpius exponiert und der “Aburteilung” durch die Weimarer Gesellschaft aussetzt – dies hat geschmerzt.

Daß Braun auch auf einige dieser Frauen (von Stein, Schröter, Vulpius) eingeht und ihr Leben schildert, ist eine schöne Bereicherung der vorgelegten Spurensuche.

So kann ich das Büchlein jedem, der – aus welchen Gründen auch immer – an dieser Epoche interessiert ist, sehr empfehlen: atmosphärisch dicht, viele Informationen und Details, die man sonst suchen muss, sehr gut lesbar und doch alles unterhaltsam.

Links und Anmerkungen:

[1] Sven Evertz: Carl August Denkmal in: http://www.weimar-lese.de/index.php?article_id=389
[2] – Sigrid Damm: Cornelia Goethe;  https://radiergummi.wordpress.com/2014/04/09/sigrid-damm-cornelia-goethe/
Renate Feyl: Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit; https://radiergummi.wordpress.com/2014/04/30/renate-feyl-das-sanfte-joch-der-vortrefflichkeit/
Thomas Mann: Lotte in Weimar; https://radiergummi.wordpress.com/2014/06/25/thomas-mann-lotte-in-weimar/

[B]ildquellen:
– Stadtbilder: copyright beim Verfasser
– Iphigenie auf Taurus: über Wiki, Georg Melchior Kraus [Public domain], via Wikimedia Commons

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