Gustav von Aschenbach ist Literat, Schriftsteller, hochgerühmt im In- und Ausland. Seine Werke sind Exempel klassischer Schriftstellerkunst, dienen bei weitem nicht nur der Erbauung und der sittlichen Reifung des Lesenden, sondern werden ebenso zur moralischen Erziehung der Jugend herangezogen. Er, dem zum Halbhundersten Geburtstag der Adelstitel ob seiner Verdienste verliehen worden war, dem früh die Frau gestorben und der seither in asketischer, selbstdisziplinierter Weise dem Schreiben nachgeht, der in der öffentlichen Wahrnehmung auf dem Höhepunkt seines Ansehens, seiner Schaffenskraft steht, er selbst fühlt sich in einem krisenhaften Zustand der Erschöpfung, ja, gewissermassen ausgelaugt und der Erholung bedürftig.

Nicht der übliche Sommeraufenthalt des jetzt in München ansässigen von Aschenbach in den Bergen ist es, der ihn reizt, sind ihm doch die Berge und die Landschaft mit ihrem Sommergewittern zu schwer und zu eng in seinem gegenwärtigen Zustand, eine Landschaft heiteren Zuschnitts, leichter, beschwingter Atmosphäre, in der sich frei atmen ließe, der Blick ungehindert in die Ferne, die Weite schweifen könnte und ein lauer Wind die trüben Wolken, die das Gemüt umhüllen, verwehe. Eine leichte Meeresbrise, warm und mild, das ist es, was von Aschenbach jetzt benötigt, so bucht er einen Aufenthalt auf einer der adriatischen Inseln… doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm: das Wetter mit seinen Kapriolen konveniert nicht, die Menschen erscheinen unleidlich und schnell stellt sich dem Schriftsteller die Frage, warum er überhaupt hierhin und nicht auf die andere Seite des Meeres, in sein Venedig, gefahren sei.

Kurzentschlossen bucht er eine Schiffspassage, es ist ein schmuddeliger Kahn voll entsprechenden Volkes, welches ihn unter dem wolkenverhangenen Himmel durch das trübgraue Meer gen Venedig bringt. Doch welche Enttäuschung: keinesfalls empfängt ihn sein Sehnsuchtsort mit offenen Armen, vom Gondolieri wird sein Fahrtwunsch ignoriert, der vom Land aufs Meer wehende Wind drückt graue Stimmung in die Stadt und durch die Kanäle und Gassen wabern die Miasmen fauliger Ausdünstungen der Kanäle…

Im Hotel abends beobachtet von Aschenbach die Menschen, eine polnische Familie fällt ihm besonders auf, denn der Knabe neben den vier Schwestern dieser Familie deucht ihm dem Bild vollkommener Schönheit zu entsprechen, einer klassischen Schönheit wie sie die alten Griechen aus parischem Mamor herausmeisselten und uns Heutigen überlieferten. Noch kann er den Namen des vielleicht hablwüchsigen Knaben, der – das muss er zugeben – etwas bläßlich ist, nicht verstehen, nur die langgezogenen Vokale des Namens, mit dem man nach ihm ruft, klingen ihm im Ohr, später wird er hören, daß dieser Schöne “Tadzio” gerufen wird. Und ein wiederholtes, zweites “Noch”: Noch inspiriert der Knabe ihn zu allgemeinen Betrachtungen über die Schönheit, repetiert von Aschenbach den klassischen Text des Platon, Phaidros, der sich in allzeit gültigen Betrachtungen über Geist und Schönheit erschöpft…

Auch wenn der vormittägliche Strandbesuch, bei dem er den Knaben wiederum sah, ihn delektierte, so bekommt doch die Stadt dem Schriftsteller nicht: die glastende Hitze, der austrocknende Wind, der drückende Himmel: er fühlt sich nicht wohl und ist erinnert an einen schon länger zurückliegenden Aufenthalt in Venedig, den er auch der aus den äußeren Bedingungen resultierenden Unwohlseins heraus frühzeitig beenden, ja gerade zu abbrechen musste. Er ist entschlossen, wieder wird er fahren, morgen gleich wird er abreisen, diesen miasmendurchwaberten Flecken fauliger Dünste verlassen.

Ein schnell gefasster Entschluss des Mannes, den er am nächsten Morgen schon fast als übereilt ansieht und bereut. Und dankbar beinahe schon nimmt er die Tatsache, daß sein Koffer am Bahnhof in den falschen Zug gegeben wurde, zum Anlass, wieder ins Hotel zurückzukehren, wo ihm, dem am Fenster Hinausschauenden, Tadzio unter die Augen kommt und alle Trübsal aus seinem Gemüt verschwindet, ja, sich sogar Freude einstellt, Gewissheit, sich richtig entschieden zu haben.

Fortan gibt er sich der Beobachtung des Schönen hin und des Sinnierens über das Verhältnis von Geist und Schönheit. Beim Abendbrot, zu dem er sich mit Sorgfalt kleidet, speist Tadzios Familie in einer anderen Ecke des Saales, so daß er ihn nur aus der Ferne sieht. Doch am Strand, zu dem die Hotelgäste des Vormittags pilgern, der bunt fröhlich ist von allerlei Gegenständen, sieht er Tadzio, dessen Familie sich in seiner Nähe eingerichtet hat. Tadzio spielt im Sand mit den Kameraden, er geht ans Meer, wo kleine, drollig rollende Wellen ihm Fuß und Wade netzen, derweil der Knabe in anmutiger Haltung in die Ferne schaut…


Es gibt dann diesen einen Augenblick, in dem dieses noch distanzierte, aus dem Hintergrund erfolgende Beobachten des Gustav von Aschenbach umschlägt in direkteres, auf Heimlichkeit weniger Rücksicht nehmendes Verhalten. Es ist der Wendepunkt, es ist der Moment, in dem das Verhängnis seinen Lauf nimmt, ein Verhängnis, versteckt hinter dem Glück erwachter und gefühlter Liebe. Denn Tadzio und er begegnen sich eines Abends unverhofft im Park und der Knabe von appolonischer Schönheit lächelt von Aschenbach an: …. sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich im Lächeln erst langsam öffneten. Dieses Lächeln dringt unvermitteld und direkt hinein in von Aschenbachs Innerstes:: … Es war das Lächeln des Narziß, der sich über das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte, hingezogene Lächeln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen Schönheit die Arme streckt. Tadzio ahnt, weiß um das Interesse des Älteren an ihm und von Aschenbach ist ihm der Spiegel für sein Lächeln, dessen Wirken einer Erschütterung gleich die Potemkinsche Fassade distanzierten Interesses an allgemeiner Schönheit zum Einsturz bringend ihm seine Schönheit, seinen Glanz, sein Götterähneln zurückwirft wie ein Sonnenstrahl sich auf glatter Wasseroberfläche reflektiert. Der Ältere weiß um dies, weiß, daß er besiegt ist, daß Gegenwehr nicht mehr möglich: Du darfst so nicht lächeln! Höre, man darf so niemandem lächeln! und er wird durchströmt von heil´gem Gefühl, das flüsternd sich nach außen bringt: * Ich liebe dich!*

So brechen alle Dämme beim Verliebten, der vor sich selbst seine Liebe eingesteht: So wusste und wollte der Verwirrte nichts anderes mehr, als den Gegenstand, der ihn entzündete, ohne Unterlaß zu verfolgen, von ihm zu träumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden, seinem bloßen Schattenbild zärtliche Worte zu geben. Selten nur durchbrach ein Innehalten diesen Strom süßer Verwirrung, um bald darauf wieder zu versiegen und Befremdlichsten Gedanken und unfassbar die Vernunft überschreitend Platz zu machen.

Und so wie sich diese Gedanken immer mehr in das Begehren von Aschenbachs hineinfraßen, ihn zu exotischem Verhalten nötigten wie dem Besuch des Friseurs, der ihm die Haare in der Farbe seiner Jugend färbte und gleichzeitig die Spuren des Alters in der Haut mit Schminke überdeckte, um derart nicht mehr vorhandene, längst verlorene Jugendlichkeit und Frische vorzutäuschen (merkte von Aschenbach nicht, wie er sich dem verachteten Gecken anglich, dem Trunkenen, den er auf der Überfahrt nach Venedig auf dem Schiff sah und kopfschüttelnd beobachtete – oder war es ihm egal?), so täuschte auch Venedig Gesundheit und Wohlbefinden vor, legte eine Maske auf, die Menschen, die Fremden vor allem, die sich hier aufhielten, zu täuschen. Doch hinter dieser Maske lauerte der Tod, der, nachdem er seinen Tanz schon in so vielen Ländern aufgeführt hatte, jetzt in Vendig angelandet war mit der Cholera im Gepäck und er spielte auf in der Stadt mit lauter Melodie und viele, viele folgten ihm….

Zwar versuchte die Stadtverwaltung mit allen Mitteln, den Ausbruch der Krankheit geheim zu halten, doch langsam sickerte das Wissen um sie doch durch und viele der Fremden reisten schnell ab. Von Aschenbach blieb, denn auch Tadzio mit seiner Familie blieb im Hotel wohnen, bis auch sie dann nach einigem Tagen sich zur Abreise bereit machten. Ein letztes Mal spielte Tadzio mit seinen Freunden am Strand, ein Ringen vor allem mit demjenigen der Kameranden, der jetzt, am letzten Tag nach den vielen, an denen der Schöne ihm Anweisungen gegeben, seine Gelegenheit nutzte, ihn zu demütigen und der Tadzio in den Sand zwang, den Kopf in den Sand drückte bis der Knabe heftig nach Luft schnappen musste – all das beobachtete von Aschenbach, selbst von Unwohlsein geplagt am Rand des Meeres sitzend. Und er sah Tadzio, aus dem klammernden Griff entlassen, an den Rand des Wassers gehen, sich dort anmutig zu drehen und in die Ferne zu deuten… in die Ferne und von Aschenbach folgte diesem Deuten, wie so oft, diesem Deuten ins Verheißungsvoll-Ungeheure…..

Er sank auf seinem Stuhl zusammen und brachte ihn noch auf sein Zimmer. Die Nachricht von seinem Ableben erschütterte noch am gleichen Tag die Welt.


Hyperion-Verlag Hans von Weber 1912, 99 Seiten; Erstveröffentlichung "Der Tod in Venedig" in einer Auflage von 100 Exemplaren  Bildquelle: [B]

Hyperion-Verlag Hans von Weber 1912, 99 Seiten; Erstveröffentlichung “Der Tod in Venedig” in einer Auflage von 100 Exemplaren
Bildquelle: [B]

1940 schrieb Thomas Mann: Alles stimmte auf eine besondere Weise, und wie im jugendlichen Tonio Kröger ist auch im Tod in Venedig kein Zug erfunden …. alles war durch die Wirklichkeit gegeben, war nur einzusetzen. …” [2]. Die Novelle als kühnes Werk der Selbsterkundung [2] des Schriftstellers enthält starke autobiografische Bezüge [1], im Internet sind leicht Bilder zu finden von Jungen, die Vorbild von Tadzio zu sein behaupten [z.B. 1]. Manns homoerotische Neigung ist mittlerweile bekannt, auch wenn Der Tod in Venedig des Alters Tadzios wegen (der “reale” Tadzio war noch jünger) wohl eher als pädophiles Gedankenabenteuer einzustufen ist. Sucht man dagegen das homoerotische Element, so tritt dies vllt im phallischen Traum von Aschenbachs gegen Ende der Novelle, diesem Höhepunkt einer dionysischen Ausschweifung, am deutlichsten zutage. Es ist ganz natürlich, daß ein solches Werk zur Deutung mannnigfaltigen Anreiz gibt…. [3]

Aber nicht nur diese hoffnungslose Liebe ist Gegenstand der Novelle, in von Aschenbach dürfte sich auch viel des Schriftstellers Mann wiederfinden, viele seiner inneren Monologe und Grübeleien befassen sich mit der Rolle der Kunst, der Schriftstellerei und ihrem Verhältnis zur Kultur, zur Erziehung, die Antike spielt eine große Rolle, immer wieder kommt von Aschenbach auf Platon zurück und dessen Gedanken zur Schönheit auch. Schriftstellerei ist, dies zur Belehrung des Lesers, nicht das einfache Herniederschreiben dessen, was die Muse dem Geiste des Schreibenden eingibt, es ist vielmehr diszipliniertes, asketisches Arbeiten, eine Art Kampf mit dem Wort, mit dem Gedanken, kommt doch dem Autoren hohe Verantwortung zu: als Übermittler hehren Gedankenguts, als Erzieher der Jugend, als Leitbild für alle. Leichte Unterhaltungsliteratur scheint Manns Sache nicht gewesen zu sein….

Eros und Thanatos, sie geben sich in dieser Novelle die Hand, tanzen gemeinsam ihren Reigen und nehmen von Aschenbach in ihre Mitte. Er, der hart arbeitende Schriftsteller (er vergleicht die Schriftstellerei an einer Stelle mit Krieg, den Schreiber bezeichnet er als Kämpfer), wird von beiden gepackt, die Liebe bringt ihn zur Unvernunft, er läßt sich zu Dingen hinreissen, die ihm vorher undenkbar gewesen wären und sie treibt ihn dem Tod in die Arme, denn des Gefühls wegen bleibt der Mann in der Stadt, die Tanzplatz auch des Todes geworden ist und erliegt ihm… in einem Moment, so dürfen wir annehmen, in dem er glücklich ist: im Anblick des Geliebten, der ihm die Richtung deutet, schwinden ihm die Sinne, er fällt in Ohnmacht und wacht nicht mehr auf: in seinem Sterben vereinigen sich Liebe und Tod….

Die Ausdünstungen der Kanäle, das belastende Glast der Sonne, die drückend Hitze, der dörrende Wind: all das sind die Zeichen des Todes in der Stadt, die parallel sich einfinden zum betörenden Glücksrausch, den süßen Gedanken und Vorstellungen, dem schrankenlosen Spiel der Fantasie des Verliebten, den Zeichen der Liebe.

Abschließend möchte ich noch meine persönlichen Eindruck wiedergeben. Thomas Mann, das waren für mich bis jetzt mehrere abgebrochene Leseversuche der Buddenbrocks, des Felix Krull ebenso wie des Tonio Kröger, das war eine Lesekreis-“erzwungene” Lektüre der Lotte in Weimar [4] und dann jetzt “Der Tod in Venedig”. Ein paar Seiten am Anfang waren Durststrecke – aber dann habe ich richtig Freude gehabt am Text. Diese Satzkonstruktionen, diese Worte, diese Kunst! Zum Schluss wurde es sogar richtig spannend… aus dieser, meiner Erfahrung heraus kann ich allen Mann-Skeptikern diese Novelle mit gutem Gewissen als vllt gelingbaren Einstieg empfehlen!

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Artikel zum “Tod in Venedig”: http://de.wikipedia.org/…
[2] Thomas Mann, Über mich selbst, 1940; zitiert nach: Barbara Sichtermann/Joachim Scholl: 50 Klassiker der Erotischen Literatur, Hildesheim, 2011, S. 178
[3] zumindest in Auszügen ist zu diesem Thema bei google.books eine Zusammenstellung von Susanne Widmaier-Haag einzusehen: Es war das Lächeln des Narziss: die Theorien der Psychoanalyse im Spiegel der literatur-psychologischen Interpretation des “Tod in Venedig”; in: http://books.google.de/books?…..

[B]ildquelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Death_in_Venice; «Wikimedia: Foto H.-P.Haack» [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons. Unter dem Link zum Bild findet sich eine ausführliche Darstellung dieser Erstausgabe.

Thomas Mann
Der Tod in Venedig
Originalausgabe: Hyperion, 1912
diese Ausgabe: Fischer TB, ca. 140 S., 2010

sofi cover

Sofi Oksanen, eine junge finnische Autorin [1], die ich hier im Blog schon mit ihrem Erfolgsroman Fegefeuer vorgestellt habe [2], legt rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse mit ihrem diesjährigen Gastland Finnland [5] ihren neuen Roman Als die Tauben verschwanden in deutscher Übersetzung vor. Wie schon in Fegefeuer ist die Handlung in Estland, dem nördlichsten und kleinsten der baltischen Staaten [3] angesiedelt und führt uns als Leser zurück in die Zeit des 2. Weltkrieges. Ich denke, den meisten geht es so wie mir, die Geschichte dieser Staaten, die den benachbarten Riesen Russland und Deutschland oft als Spielball eigener Interessen dienten, ist uns nicht sonderlich präsent, für das Verständnis des Romans ist es daher hilfreich, sich zumindest einen Überblick zu verschaffen [4].

Aber wir erschraken nicht, die Feinde erschraken, uns trieb der Zorn an, und er trieb uns mit solcher Kraft an, daß die Gegner für einen Moment anhielten … unser Zorn nagelte sie an dem Augenblick fest, als das Feuer eröffnet wurde; mit den anderen zusammen griff ich den Bus an,
und wir töteten alle.

Sofi Oksanen hält sich nicht langen Einführungen auf. Nach einem kurzen Prolog, der im Jahr 1948 spielt und uns zwei der Hauptfiguren, nämlich Roland, der “seine” Abschnitte im Buch als Ich-Erzähler formuliert und Juudit, die zumindest in einem besonderen Verhältnis zu ihm steht, vorstellt, wechselt Oksanen zurück in das Jahr 1941, in dem das Land nach der Verschacherung durch den Hitler-Stalin-Pakt unter sowjetischer Herrschaft steht.

Roland ist Anführer einer Untergrundgruppe, die gegen die Sowjets vorgeht, die vor kurzem erst gegen die Vernichtungsbataillone [4] gekämpft hat und der sich jetzt gleich mit seinen Leuten der sich nähernden Militärkolonne entgegenstellen wird. Es ist ein erbarmungsloser Kampf, wie entmenschlicht und automatisiert agieren die Männer, schlagen selbst auf die Toten noch ein, sind außer sich vor Wut, sind in einem rasenden Furor. Bis auf Rolands Vetter Edgar, mit dem wir die dritte, vllt sogar zentrale Hauptfigur des Romans kennen lernen. Edgar ist ein Maulheld, ein eloquenter Schwätzer, der Leuten ein X für ein U vormachen kann, ein Stehaufmännchen, das skrupellos seinen Vorteil sucht und sein Fähnchen in den Wind hängt – der Kampf war eher nichts für ihn….

Übersichtskarte Estland Bildquelle: [B]

Übersichtskarte Estland
Bildquelle: [B]

Juudit ist Edgars Frau, sie ist auf ihn hereingefallen, auf sein Schöntun, seine Geschichten…. hereingefallen, weil ihr Mann, sobald sich die Türen hinter ihnen schließen und sie allein sind, keinerlei Interesse an ihr als Frau hat, gerade, daß er mit Müh´ und Not die Ehe vollzieht. Tiefste Verunsicherung bei Juudit, Zweifel und auch Angst, wer kann helfen? Edgars Tod empfände  sie als Erlösung, Scham über diesen Gedanken. Schließlich versteht es Edgar, es nach außen hin so darzustellen, daß seine Frau die Schuld an den Eheproblemen trägt… Roland dagegen ist mit Rosalie zusammen, sie haben noch nicht geheiratet, aber sie sind glücklich miteinander, wissen, daß sie füreinander bestimmt sind. Nachdem der Hof von Rolands Familie enteignet worden ist, leben sie auf dem Hof der Eltern Rosalies.

Die Sowjets wüten, Deportationen finden statt, Bombenhagel auf Tallinn, der Einmarsch der Wehrmacht wird erwartet, wird von fast allen erhofft. Und tatsächlich, nachdem sie die Sowjets zurückgeschlagen haben, schaffen sie erst einmal Ordnung, setzen eine funktionierende Verwaltung ein – und trotzdem herrscht weiter bitterste Not, auch Juudit, ohne Mann, muss sehen, wie sie überlebt..

Edgar kommt zurück nach Estland, vor Juudit verheimlicht er das. Er kann sich mit seinem Talent (er beherrscht die örtlichen Sprachen, kann Dokumente fälschen und Handschriften nachmachen) und den entsprechenden Lebenslügen bei den Deutschen einschleimen, dort versucht er nicht nur zu überleben, sondern hochzukommen. Roland dagegen hat in einem Lager gesessen, kann fliehen, geht in den Untergrund, um für Estland zu kämpfen und als er zurück zur Familie kommt, spricht niemand mit ihm über Rosalie, die tot ist, verscharrt als Selbstmörderin. Er glaubt dies nicht, will die Wahrheit herausfinden und überredet/erpresst (?) Juudit, ihm zu helfen. So lernt Juudit den SS-Offizier Hellmuth Hertz kennen und lieben – Gefühle, die auf Gegenseitigkeit beruhen. Bei ihm findet sie all das, was ihr seinerzeit ihr verschollener Ehemann nicht geben konnte. Das dies auch in materiell angenehmer Umgebung geschieht, ist ihr durchaus angenehm.  Juudits Kavalier ist tragischerweise der gleiche Offizier, den Edgar für seine Zwecke einzuspannen versucht…  Währenddessen setzt Roland die Frau weiter unter Druck, spannt sie für seine Aktionen als Fluchthelferin ein…. und dann schlägt das Schicksal wieder eine Volte, in den Monaten nach Stalingrad ist absehbar, daß die Front immer näher an Estland heranrückt, daß die Deutschen den Krieg nicht mehr gewinnen können…

Zwischen diesen Abschnitten, die das persönliche Schicksal der drei Protagonisten vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges in Estland schildern, springt die Geschichte zwei Jahrzehnte weiter und schildert das Leben Edgar Parts, der in Diensten der sowjetischen Herrschaft steht und zusammen mit seiner Frau lebt. Edgar hat es geschafft, zu überleben, doch die Vergangenheit hängt an ihm wie ein Anker, der sein Fortkommen beschwert. Aufgrund seiner Arbeit, er soll ein Buch verfassen über die Geschichte Estlands unter den Faschisten, hat er Zugang zu Archiven, dort findet er ein Tagebuch, das er Roland zuordnen kann. Roland – nirgends ein Hinweis auf seinen Tod, also lebt er noch? Die Möglichkeit besteht, und damit die Gefahr, daß seine, Edgar Parts eigene, Vergangenheit, aufgedeckt wird.. er macht Roland in seinem Buch zum Kollaborateur, zum gewissenlosen Lageraufseher, der Dutzende von Morden auf dem Gewissen hat…… und Juudit, seine Frau, mittlerweile dem Alkohol verfallen, die alles vernachlässigt, die offensichtlich krank ist, die ihn gesellschaftlich isoliert….. ist sie etwa HERZ, diesen Decknamen, den er im Tagebuch las? Hat das Kontor schon davon Kenntnis, ist der Observationsauftrag, den er jetzt hat und der so garnicht zu seinem Tätigkeitsprofil gehört, schon ein Zeichen für seinen Fall?

Doch wie so oft kommt der Zufall Parts zuhilfe, intelligent ist er, einen Überlebenswillen hat er und so dröselt sich das Knäuel persönlicher Schicksale gerade durch diese Observation langsam auf…


Als die Tauben verschwanden (die Bedeutung des Titels erklärt sich im Lauf der Handlung) ist ein bedrückender, eindringlicher Roman, mit Menschen als Helden, denen das Schicksal wie ein Netz über ihr Leben gestülpt wird, das ihnen zwar noch das zappeln erlaubt, eine kaum ein Entkommen. Der Krieg, der über Estland gekommen ist, weil sich zwei diesen kleinen Flecken Erde einfach untereinander aufgeteilt haben, läßt nur wenige Alternativen, Kampf, Not, Elend, ja Tod: bedeuten beide in einer Zeit, in der das schiere Überleben als Zeichen der Schuld genommen wird, denn wer überlebt hat, hat mit dem Feind kollaboriert, sonst wäre er tot.

Es gibt ein paar Unerschrockene, es gibt Ausnahmen: Roland ist so eine. Sie haben eine Idee, einen Traum und das Leben, das ihres war, existiert nicht mehr: was also haben sie noch zu verlieren? Sie kämpfen im Untergrund, sie verstecken sich, sie helfen anderen zur Flucht, werden selbst gejagt…sie werden (wie solche Mensch überall in der Welt) in der Zukunft zu moralischen Pfeilern werden, an denen sich  eine neue Nation orientieren kann und die das Gegengewicht bilden zu denjenigen, die sich den neuen Machthabern angedient haben…

Ein Leben in Angst, in Misstrauen ist es, was Oksanen schildert. Was weißt du von mir, was weiß ich von dir? Was hast du damals gemacht, was machst du heute? Es ist ein Katz-und-Mausspiel, bei dem nicht immer klar ist, ob die Katze nicht für jemand anderen schon lange die Maus ist… vielleicht ist es bezeichnend, daß die Autorin Edgar Parts, dem Überlebenskünstler, in den Mittelpunkt ihrer Geschichte stellt, weil er am authentischsten diesen Geist solcher unfreien Gesellschaften verkörpert: du musst dem Moloch liefern, sonst bist du geliefert.

Roland dagegen bleibt seltsam blass in seiner Erscheinung, wird bei weitem nicht so stark gezeichnet wie sein Cousin. Zwar erfahren wir auch von ihm einige Details seines Lebenslaufes in dieser Zeit, jedoch beschränkt sich die Autoren dabei im wesentlichen auf die äußeren Abläufe, auf die groben Züge. Roland kämpft im Untergrund und so verborgen bleibt er auch im Text.

Und Juudit? Durch diese “Ehe” mit Edgar zutiefst verletzt und traumatisiert, als Stadtkind bei ihren angeheirateten Verwandten auf dem Land ein Aussenseiter, muss sehen, wie sie zurecht kommt. Für sie scheint das Schicksal in der Figur des SS-Offiziers, eines Menschen auf der Sonnenseite des Lebens, eine Fügung bereit zu halten, wie sie sich im Traum nicht hätte vorstellen können. Ihr Schicksal ist tragisch, rührt an in seinem Zwiespalt: man weiß als Leser, daß es schlimm wird ausgehen wird (schließlich weiß man ja, wie der Krieg endete), würde dieser Frau aber die Erfüllung ihrer Liebe, denn es scheint Liebe zu sein zwischen ihr und Hellmuth) gönnen – aber diese Beziehung ist natürlich auch Verrat an den eigenen Leuten: ein SS-Offizier, der ihr ein materiell gutes Leben bietet, während die Landsleute hungern und verfolgt werden. Und den sie selbst wiederum belügt, indem sie sich von Roland als Helferin anwerben läßt….


Oksanens Figuren sind tragische Helden, die zum Scheitern verurteilt sind. Es gibt keine Gewinner und selbst Edgar, der wie eine Katze immer auf die Pfoten zu fallen scheint, ist nicht wirklich ein Gewinner, allenfalls einer Überlebender. Zu sehr muss er sich jeweils anpassen, das Geheimnis seiner Seele, der Grund, aus dem er Juudit nie anrührte, Oksanen deutet dies nur ganz am Rande und doch in einem zentralen, folgenschweren Ereignis an: er lebt es nicht, muss es verbergen… auch hier: Mitwisser, die ihm gefährlich werden können, müssen beseitigt werden.

So ist das Buch atmosphärisch dicht, düster, tragisch, die Sprache dieser Stimmung angepasst. Durch die eingestreuten “Zitate” aus dem Buch, das Edgar im Auftrag des “Kontors” schreibt sowie durch Passagen, in denen historische Vorkomnisse geschildert werden,  macht der Text in Teilen einen fast dokumentarischen Eindruck. Sobald man sich als Leser in diesen Roman eingefunden hat – Oksanen erklärt wenig, vieles erschließt sich erst im Lauf der Handlung – entwickelt er einen starken Sog, bis er gegen Ende so fesselnd wird wie ein Thriller. Ein großes Leseerlebnis!

Links und Anmerkungen:

[1] Sofi Oksanen: Website der Autorin: http://www.sofioksanen.com/biography/
- Wiki-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Sofi_Oksanen
[2] Sofi Oksanen: Fegefeuer; http://radiergummi.wordpress.com/2010/11/29/….
[3] vgl. Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Baltische_Staaten
[4] Geschichte Estlands: im Überblick: http://www.uni-koblenz.de/ist/ewis/eelkgesch.html
– ausführlicher in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Estlands
– Vernichtungsbataillone http://books.google.de/….
– Werner Pfeiffer: Völkermord im weißen Winkel Europas; http://jungefreiheit.de/service/archiv/…..
– Widerstand gegen die Russen (“Sommerkrieg”): http://books.google.de/books?….
– Märzdepotationen http://de.wikipedia.org/wiki/Märzdeportationen_1949…
– judenverfolgung: http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.431.html
[5] Finnland. Cool. – Unser Ehrengast 2014 http://www.buchmesse.de/de/ehrengast/

[B]ildquellen: Übersichtskarte: Wiki-Beitrag zu Estland: http://de.wikipedia.org/wiki/Estland; By Original uploaded by Tzzzpfff (Transferred by Terfili) (Original uploaded on de.wikipedia) [Public domain], via Wikimedia Commons


Als die Tauben verschwanden
Übersetzt aus dem Finnischen von Angela Plöger
Originalausgabe: Kun kyyhkyset katosivat, Helsinki 201??
diese Ausgabe (als unkorrigiertes Leseexemplar): Kiepenheuer & Witsch, HC, 432 S., 2014

Ich möchte dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars danken.

David Wagner: Leben

13. August 2014

Vor geraumer Zeit las ich irgendwo die Bemerkung, daß praktisch alle Literatur, die sich mit Krankheit, Tod oder Sterben befasst, Krebsliteratur ist. Als ob andere Krankheiten des Beschreibens nicht wert wären, weniger schmerzhaft wären, der Tod durch sie weniger schrecklich. Aber schwingt nicht beim Wort allein schon: “Krebs”, tatsächlich ein Unheimliches mit, etwas nicht Fassbares, etwas Metaphysisches, das diese Krankheit über andere zu stellen scheint, denen diese Komponente abgeht? Susan Sontag hat dies in ihrem großartigen Essay: Krankheit als Metapher [5] ja schon vor Jahren analysiert. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, denn natürlich ist zumindest für die Betroffenen jede andere lebensgefährliche Erkrankung genauso dramatisch, auch wenn sich dies quantitativ nicht in Literatur umsetzt.

David Wagners Buch “Leben” ist so ein anderes, ein “Nicht-Krebs-Buch”, ein Aussenseiter gewissermassen: es befasst sich autobiographisch mit Denken und Fühlen des leberkranken Schriftstellers, wobei die Transplantation einer Spenderleber schon rein optisch im Mittelpunkt steht: die Buchmitte ist durch durch graue, nicht beschriebene, leere Doppelseite gekennzeichnet, signalisiert das dunkle, aber nicht schwarze Loch, aus dem der Verfasser wieder zurück ins Leben findet.

Der Schriftsteller David Wagner, 2010 Bildquelle: [B]

Der Schriftsteller David Wagner, 2010
Bildquelle: [B]

Wagner war 12 Jahre alt, als seine Krankheit zum ersten Mal manifest wurde, eine erst nach verschiedenen Anläufen als aggressive Autoimmunhepatitis [2] identifizierte Schädigung der Leber [2]. Die Krankheit ist medikamentös soweit “beherrschbar”, daß der Junge darunter nicht leiden muss, allerdings sind die Nebenwirkungen der Medikamente so gravierend, daß er weitere Arzneien gegen die Nebenwirkungen nehmen muss, die ihrerseits wieder Nebenwirkungen haben…. früh war klar, daß nur eine Transplantation wirklich helfen konnte…

Das Buch setzt viele Jahre später ein, Wagner ist in den Dreissigern. Er hat starke Krampfadern in der Speiseröhre, die ab und an platzen: Ich weiß, wird diese Blutung nicht schnell gestoppt, bin ich bald tot. Der Notarzt, der zunächst etwas ratlos auf den jungen Mann blickt, der ihn gerufen hat, ist im nächsten Augenblick im einem Schwall erbrochenen Blutes gebadet.. es ist ein spektakulärer Auftakt des Buches, etwas splatterartiges haftet ihm an, aber es ist kein Film, es ist Ernst, das Ich des Buches streift die Grenze zum Tod, in seinen Erinnerungen schildert Wagner die Begegnung mit all den schon Verstorbenen, die ihn am Ufer erwarten, aber die Welle, auf der er treibt, zieht ihn noch einmal weg vom Ufer….

Er, der früher schon einmal eine Spenderleber hätte haben können und dies ablehnte, spontan dem nächtlichen Anrufer aus der Klinik “Nein” sagte, weil er seine Tochter im Nebenzimmer nicht wecken wollte (und weil es ihm wohl noch nicht schlecht genug ging…[3]) muss, soviel wird deutlich, wieder auf die Liste für ein Spenderorgan…. das bedeutet, warten, hoffen, immer ein Telefon in der Nähe, denn der Anruf kann jederzeit kommen und das Vergessen des Telefons, die Nichterreichbarkeit ist ein Spiel möglicherweise auf Leben und Tod. Es gibt Krisen, zwischenzeitliche Krankenhausaufenthalte sind nötig, aber dann ist die Spenderleber verfügbar. In einer großen Operation wird sie eingesetzt, offenbar verlaufen sowohl OP als auch der nachoperative Heilungsprozess weitestgehend komplikationslos, der Patient kann bald von Intensiv auf Normal verlegt werden, dann in die Reha.. eine zwischenzeitliche Virusinfektion kann gut bekämpft werden. Überrascht ist er, als ihm der Arzt sagt, er solle mit der Sonne vorsichtig sein, durch die Immunsuppressiva sei das Risiko von Melanomen bei ihm stark vergrößert. Ein normales, neues Leben steht vor ihm.


Wagners Buch ähnelt, schlägt man es zum ersten Mal auf, an die Tagebuchaufzeichnungen von Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur [6]. Wie dort sieht man keinen durchgängigen Text, sondern durchlaufend nummerierte Absätze, insgesamt 277, teilweise nur wenige Zeilen, teilweise auch bis zu ein, anderthalb Seiten lang, die aber keinen Tagebuchcharakter haben. Inwiefern sie (streng) chronologisch sind, ist nicht ganz deutlich (und, wie wir sehen werden, auch nicht sehr wichtig), jedenfalls sind große zeitliche Lücken vorhanden: Eintrag 68 wurde beispielsweise im Frühling, Eintrag 77 schon im Herbst verfasst. Wobei aus dem letzten Abschnitt 277 evtl gefolgert werden kann, daß die Einträge nicht “real-time” geschrieben wurden, sondern nachträglich aus der Erinnerung: Ja, vita nova, ich sollte anfangen mit diesem neuen Leben. …. ich habe schon eine Idee für einen ersten Satz, er könnte lauten: “Ich komme kurz nach Mitternacht – ….. Grob läßt sich der Inhalt von Leben in drei Phasen unterteilen: Einträge vor der Transplantation, nach der Operation im Krankenhaus und dann in der Reha-Klinik.


Eine Frau in einem sehr weißen Kleid,
die weder Schwester noch Ärztin sein kann,
sitzt auf meinem Bett. …
Sie lacht und schaut sehr ernst dabei.
Sie ist blond und hat kohlrabenschwarzes Haar

Da das Buch keine “Handlung” im üblichen Sinn hat, ist eine Inhaltsangabe weitgehend sinnlos. Stattdessen will ich versuchen, ein paar Gedanken Wagners, die immer wieder auftauchen, kurz zu skizzieren:

  • die Identität

Wagners kranke Leber war kaum in der Lage, all die Aufgaben, die dem gesunden Organ zukommen, zu erledigen. Bestes Beispiel ist ihr Unvermögen, das Stoffwechselprodukt Ammoniak abzubauen, das sich daraufhin im Blut anreichert und zu Zuständen der Verwirrung führt. Zwar hat Wagner, wie er sagt, 24 Jahre Zeit, sich daran zu gewöhnen (wird also zum Erstaunen der Ärzte damit “relative” gut fertig), aber es gibt aus der Zeit vor der OP eine Vielzahl von Einträgen, bei denen nicht klar ist, inwieweit hier Reales oder Geträumtes erzählt wird…

Die neue Leber erledigt all diese Aufgaben, aber ist es wirklich seine Leber oder hat jetzt der “Spender” Besitz von ihm ergriffen und arbeitet für ihn? Wieviel ist noch “er selbst”, wieviel ist “Spender” in ihm? Ist er noch der, der er war? Es erinnert etwas – und Wagner führt dies Beispiel selber an – an animistische Vorstellungen, mit dem Verzehr von Herz und Leber des Feindes dessen Kraft und Mut aufzunehmen. Und (auch das eine Frage) was ist mit der alten Leber, der kranken, passiert? Sie war schließlich jahrzehntelang ein Teil von ihm…..

  • die Spenderin

Natürlich ist das einer der beherrschenden Punkte: Wer war der Spender bzw. die Spenderin (der Gedanke an eine Spenderin war Wagner angenehmer als der an einen Spender), wie alt war sie, wie hat sie gelebt, wie ist sie gestorben? Wie oft saß sie in seiner Vorstellung an seinem Bett, auch wenn er ihr Gesicht nie erkannte… Ich habe dich garnicht für mich allein, Liebste, ich habe dich nicht exklusiv….: die Erkenntnis, daß es wahrscheinlich noch weitere Menschen gibt, die mit Organen seiner “Liebsten” weiterleben dürfen…. Wäre es ihr recht, daß ich, i.e. daß Wagner, das Organ bekommen hat und statt ihrer weiterleben durfte? Eine Frage, die direkt zum großen Komplex:

  • Schuld bzw. Dankbarkeit

überleitet. Schuldgefühle tauchen immer wieder auf: du bist gestorben und ich darf leben, ich stehe deswegen in deiner Schuld. Das Verfassen eines Briefes an die Angehörigen macht Probleme, das persönliche Kennenlernen, das in den Anfangstagen der Transplantationmedizin wohl möglich war, gibt es nicht mehr: man weiß nicht, wie die Menschen reagieren….  Schuldgefühle, weil in schlechten, depressiven Phasen keine Freude an neu gewonnenen Leben zu spüren ist, sondern Verzweiflung und Niedergeschlagenheit vorherrschen: man ist nicht glücklich, d.h. nicht dankbar….

  • Tod der Mutter

Wagners Gedanken schweifen in eigener Todesnähe oft zurück zur Mutter, die an Krebs gestorben war, als er zwölf Jahre alt war. Es sind Erinnerungen sowohl an seine Jugend bzw. Kindheit als auch an ihren Tod, ihr Sterben, die Unähnlichkeit des Leichnams mit der lebenden Mutter, so daß er garnicht an ihren Tod glauben konnte, die Beerdigung… die Vermutung ist nicht unplausibel, daß der Tod der Mutter seinerzeit nicht “richtig” ausgelebt, ausgetrauert, vielmehr verdrängt worden ist und jetzt wieder diesen Kammern der Seele, in der der Verlust ewig überdauern kann, herauskam….

Ich leben noch und ich kann essen. Was für ein Glück!

  • der Patient

hat sich im Krankenhaus eingelebt, er kommt dort gut zurecht, er weis die Mechanismen des Betriebs durchaus auch in seinem Sinn zu manipulieren: es macht Schmunzeln, zu lesen, wie er kleine Vorteile für sich ergattert oder sich vor Lästigem drücken kann. Meist liegt er in Zweibettzimmern und muss sich die Krankengeschichten der Kollegen anhören, manche reden viel, manche weniger. In der Reha ist es guter Ton, sich über die Krankheit zu definieren, je schlimmer, desto höher der score. Es ist eine Parallelgesellschaft dort, in der nicht Gesundheit den Rang bestimmt…. aber das ist nicht seine Welt. Wagner dämmert viel, sinniert, erinnert sich. Suizidgedanken sind nicht fremd, wenn alles zuviel wird um ihn herum….. auch nach der OP sieht er die Verstorbenen in seinen Träumen, er will zu ihnen…

  • Erinnerungen

Was soll man machen, wenn man in einem Krankenhaus liegt und ans Bett gefesselt ist? Schlafen, träumen und sich erinnern sind Möglichkeiten in den langen Stunden der Erschöpfung. Wagner ist viel gereist, hat viele Menschen kennen gelernt, Freundinnen gehabt, all das geht ihm im Kopf herum, erfreut ihn und zeigt ihm, daß er ein altes Leben gehabt hat, gelebt hat….

Wenn ich es so überdenke, gibt es erstaunlich wenig Gedanken über das neue Leben, das auf den Patienten wartet. Pläne, Vorhaben, Ideen, Zukünftiges allgemein: es taucht kaum auf. Ist er sich seines neuen Lebens (das Einschränkungen hat, er muss alles meiden, wo der Infektionensdruck anzunehmenderweise besonders hoch ist, auch darf er nicht mehr alles essen..) noch nicht so sicher, daß er in die Zukunft schaut oder soll es einfach so weiter gehen? Kann eigentlich nicht, er merkt die Veränderungen an seinem Körper, der Hormonhaushalt z.B. normalisiert sich, es ist zu merken, wenn die schöne Ärztin kommt….

  • Warum überhaupt eine Transplantation?

Vielleicht ist es einfach sein Schicksal, nicht so lange zu leben, früh zu sterben. Soll man dies annehmen, soll er dies annehmen? Oder ist es doch sinnvoll, diese gegebene Chance zu ergreifen? Dies ist keine theoretische Frage, die erste Gelegenheit, ein Spenderorgan zu erhalten, hat Wagner ja spontan abgelehnt. ….Letztlich ist es sein kleines Mädchen, das ihm den Sinn zur Operation gibt: die Tochter braucht einen Vater und er will die Tochter wachsen sehen, sich an und mit ihr freuen…


Eine persönliche Bemerkung: Organtransplantationen [4] sind ein kontroverses Thema, viele Menschen lehnen eine Organentnahme ab, weil sie mit dem Problem der Feststellung des Todes beim Spender verbunden ist und somit die Angst herrscht, der Spender sei noch garnicht “richtig” tot gewesen oder auch: die Angehörigen seien zur Spende gedrängt worden, soweit dies nicht vorher in Dokumenten etc festgelegt worden ist. Die Feststellung des Todeszeitpunkts ist in der Tat immer eine Definitionssache, die sich nach den technisch-medizinischen Möglichkeiten und dem gesellschaftlichen Konsens richtet, sie ändert sich damit im Lauf der Zeit: Sterben ist ein Prozess, in dem ich den Zeitpunkt, an dem der Tod eintritt, festlegen muss.  Zu warten, bis der potentielle Spender über jeden Zweifel hinaus absolut und “richtig” tot ist, hieße, daß schon Verwesung eingesetzt hätte, als Spender käme der Leichnam dann nicht mehr in Frage…. Da es mehr Kranke gibt als Spender, kommt es leider immer wieder zu Unregelmäßigkeiten bis hin zu Betrügereien, was dem gesamten Komplex der Transplantationsmedizin schadet und die Menschen skeptisch werden läßt. Insbesondere wenn Angehörige medizinischer Berufe aus dem “Nähkästchen” plaudern, was sie alles schon erlebt haben. Ich finde dies sehr schade und da müßte hart durchgegriffen werden, denn ich bin klarer Befürworter von Organtransplantationen. Der Gedanke, ein Organ von mir würde einem anderen Menschen zu einem besseren Leben verhelfen, ist ein schöner Gedanke.


Leben bietet uns Lesern einen Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen, der nahe am Tod stand/steht und der durch ein neues Organ, das einem anderen Menschen, der tot ist, entnommen wurde, weiterleben kann. Es ist keine “akademische” Diskussion möglicherweise auftretender physischer und/oder psychischer Phänomene, sondern gelebte, eigene Erfahrung des Autoren. Manche der Fragen, die im Raum stehen, sind nicht überraschend wie die nach dem Spender, an andere Probleme denkt man als Aussenstehender nicht sofort: wer bin ich jetzt, wieviel vom Spender ist jetzt im “Ich” integriert. Kann man sagen, daß mit dem neuen Organ tatsächlich ein neues Leben beginnt, das alte in gewisser Weise abzuschließen ist? Jedenfalls scheint in den langen Zeit erzwungener Passivität, die der Kranke bzw. Rekonvaleszente im Bett verbringt, vieles aus dem alten Leben im Gedächtnis, auch im Gefühl: all die Menschen mit den Ereignissen, die mit ihnen verknüpft sind bzw. Todesfälle, die noch nicht richtig betrauert worden sind…. Dies alles könnte Last sein im neuem Leben, die jetzt noch “abgearbeitet” wird.

Diese Gedankensplitter sind von Wagner in einer sehr schönen Art und Weise formuliert, er findet teilweise wunderbare Bilder für Gefühle und Empfindungen, die die Texte fast schon poetisch erscheinen lassen. Man sollte sich beim Lesen treiben lassen, mitnehmen lassen von den Worten, so wie Wagner seine Gedanken, die er uns schildert auch hat schweifen lassen: es steckt mehr dahinter als bloße Information, Wagner hat uns hier einen einfühlsamen, sensiblen Text über das Leben und über die Kunst, es zu leben, geschenkt.

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/David_Wagner_(Schriftsteller)
[2] Fakten zum Organ “Leber”: http://www.internisten-im-netz.de/de_leber-lage-im-koerper_849.html
– speziell zur AIH: http://www.lebertransplantation.eu/…
[3] Interview mit David Wagner (geführt von Erik Heier): http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit….
– vgl auch: Andreas Platthaus: Meine eigene Geschichte, wie geht die? – David Wagner über sein neues Buch, in: http://www.faz.net/aktuell….
[4] vgl. Infoseite der BZgA zur Organspende: http://www.organspende-info.de/kurz-knapp
[5] vgl auch hier: Thomas Anz: Krebs und andere Krankheiten als Metapher -
Zum Kampf der “Moralistin” Susan Sontag gegen den Moralismus von Krankheitsbildern
; in: http://www.literaturkritik.de/…..
[6] Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, Buchvorstellung hier im Blog: http://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/…

Mehr Buchvorstellungen zum Thema in meinem Themnblog: Krankheit, Tod und Trauer:  http://mynfs.wordpress.com

[B]ildquellen:
– Autorenfoto: Wiki-Beitrag zur Person: http://de.wikipedia.org/wiki/…; von Strombomboli (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

David Wagner
Leben
diese Ausgabe: Rowohlt, HC, ca. 288 S., 2013

Szczepan Twardoch: Morphin

10. August 2014

Ernst Ludwig Kirchner: Paar im Zimmer Bildquelle [B]

Ernst Ludwig Kirchner: Paar im Zimmer
Bildquelle [B]

Szczepan Twardoch versetzt uns in seinem umfangreichen Roman “Morphin”, der ihm als Autor den Durchbruch brachte, in das Polen des Jahres 1939, genauer gesagt, nach Warschau in der Oktobermitte dieses Jahres. Polen ist überrannt worden von den Deutschen aus dem Westen und den Russen im Osten, in Warschau herrschen die Deutschen und durch die Straßen dieser, seiner Stadt, streift der Leutnant der Reserve Konstanty Willemann, rastlos wie ein Wolf, gierend nach seinem kleinen flüssigen Glück, das er sich in die Adern spritzen kann um zu versinken in den Farben der Herrlichkeit…. Warschau ist nicht wieder zu erkennen, Zerstörungen der Häuser, der Straßen aber vor allem des Lebens, das er, der Lebemann, Frauenverkoster und Pseudokünstler geführt hat. In den Cafés sitzen Männer in schlecht sitzenden Zivilanzügen, denen man das Militär aus jeder Entfernung ansieht, Hauptmänner, Majore, Oberste in ungewohnter Staffage, draußen schaufeln Juden die Trümmer weg und siegestrunken leben die Deutschen ihren Sieg….

Teil 1

Leutnant Willemann, von väterlicher Seite her dem urdeutschem Adel der von Strachwitzens entstammend, welcher sich nach Jahrhunderten der Reihnheit mit dem beinahe polnischem Blut einer dämonischen Mutter gemischt hat, hat bei den Ulanen gekämpft, aber was heißt schon gekämpft? Zwei Wochen lang in den Wäldern den Boden gekostet, sich versteckt, geflohen, Angriffe befohlen, unverletzt geblieben, zurückgekommen zu Hela, seiner Frau, zu Sala, seiner Hure, zu Jureczek, seinem Sohn…. und jetzt durch die Straßen ziehend, auf dem Weg zu seinem Freund Jacek, dem Arzt, der das Morphin eigentlich für seine schreienden, blutenden, zerfetzten Verwundeten bräuchte und der es ihm nur gibt gegen das Versprechen, Iga zu suchen, seine Frau, die seit zwei Wochen spurlos verschwunden ist…. Kostek würde ihm alles versprechen, die Sonne, den Mond, die Sterne, Hauptsache, er bekommt das Fläschchen und was ist schon das bischen schlechte Gewissen gegen das Glück, das dort im Glas eingesperrt ist…

… und so zieht es ihn zu Salomé, der Tochter des Herodias, der schönsten Frau, der Frau, die die Weiblichkeit für ihn ist, in deren Fülle er versinken kann, in deren Wärme er sich baden kann, in der Feuchte er eintaucht, die ihn liebt, was ihm nicht lieb ist … sie gibt ihm und sich das goldene Spritzchen, das ihn mitnimmt auf diese besondere Reise ins Glück, von der er am nächsten Tag zurückkehrt in seinen Körper und sich ekelt vor dem fetten Wesen neben ihm mit dem offenen Mund, aus dem es röchelt und er schlägt sie und ihr gefällt das und sie sagt, ihm daß sie ihn irgendwann umbringen wird und er geht wieder hinaus auf die Straßen der Stadt und rastlos, ruhelos verbrennt ihn sein Leben und schließlich klopft er bei Hela, seiner Frau, an die Tür, Hela, Helena, deren Körper so fest ist, so muskulös, nicht zum Versinken, nicht zum Eintauchen, nicht als Kissen zu verwenden für den müden, geplagten Kopf, in dem die Bilder sich vermengen vom Leben, das gelebt und doch wieder nicht gelebt worden ist in einer Stadt, die jetzt vom Deutschen geprägt wird, die nicht mehr die seine ist, die eines Polen.

Warschau, Juden (?) bei Aufräumungsarbeiten, Sept. oder Okt. 1939 Bildquelle: [B]

Warschau, Juden (?) bei Aufräumungsarbeiten, Sept. oder Okt. 1939
Bildquelle: [B]

Was ihn von anderen unterscheidet, unseren Kostek, ist das Geld, das er noch hat, das ihm die Mutter gibt, diese dämonische Frau, die damals schon so viele Männer kannte und dann den so viel jüngeren Sechzehnjährigen verführte, ihn ungeachtet des Skandals heiratete und der ihren Schoß befruchtete, aus dem dann der einzige Sohn in die Welt geworfen wurde: eben dieser Kostek, der sie jetzt wieder besucht, sie, von der es heißt, sie esse nicht, sie sitze nur in ihrem Stuhl und schlafe nicht, sie scheide nicht aus, sie, die mit ihren langen, grauen Haaren einem zeitlosen Indianerhäuptling gleicht, sie liebt ihren Sohn und reicht ihm das Geld, das er braucht…

“Ich bin die schwarze Göttin.
Ich spreche in der Zunge der Menschen und der Engel.”

Kostek ist nicht allein, wenn er wie ein waidwunder Wolf entwurzelt die Straßen und die Trümmer durchstreift. Immer ist jemand hinter ihm, der ihn begleitet, eine mütterliche Freundin, ein Schutzengel, eine Einhüllende, ein unterbewusstes Ich, das Wahrheiten kennt, die noch niemand schauen konnte, jemand, der die Vergangenheit sieht so wie die Zukunft: ein auktorialer Erzähler für uns Leser, die auch wir Kostek begleiten, ein Geschichtenerzähler, der das Schicksal der Menschen, denen wir begegnen kennt, der weiß, wie der Krieg sie morden wird, so sie enden werden, in welchem Elend sie zugrunde gehen werden. Für Kostek ist es die Intuition, die er hat, das plötzliche Moment, das er spürt, die Eingebung…. so übersteht er kritische Situationen, wenn er mal wieder nach der Sperrstunde durch die Straßen wildert, auf dem Weg zu… Sala… bevor er seinen Auftrag erfüllt, denn er hat einen bekommen, über Hela, er kann sich als Pole, als echter Pole beweisen, wenn er diese Tasche an eine bestimmte Adresse bringt, doch vorher treibt es ihn zu Sala, um in ihr zu versinken, doch Sala ist belegt, zwei Männer, von denen nur einer verschwindet, der Deutsche, als Kostek mit seinem Schlagring im Zimmer auftaucht, während der andere ihn nimmt und auf den Boden schmeißt und mit dem Beil töten könnte, wenn der Tod für Kostek ein Schrecken gewesen wäre, aber Kostek muss lachen, lacht sich die Luft aus der Lunge und so wird er nicht getötet von dem dicken, starken Polen, sondern er wurde nur ins Gesicht geschlagen, das jetzt gezeichnet ist. Doch als wieder gehen will, ist die Tasche weg, die er überbringen soll, sein Auftrag in Gefahr, sein Polensein fraglich, weil er lieber zum Weibe ging als dieses zu beweisen…. und so erfährt er von Sala die Anschrift des dicken Polen, die sie ihm nicht freiwillig gab, Sala, bei der er im Schreibtisch diese Bilder gesehen hatte, von ihr und Iga und vielen anderen Frauen und Männern zusammen, ein Zicklein zerreißend, die Gedärme um den Hals geschlungen, die Hintern freudig und geil der Peitsche entgegenstreckend, die Leiber glänzend von Sperma und Speichel, Iga, die Frau, seine erste Frau, jetzt die seines besten Freundes, Iga, die verschwunden ist, die er suchen soll, finden muss, Iga…. er weiß das Bild, die Bekanntschaft mit der Hure Sala nicht zu deuten, seine Iga im dionysischen Rausch….

O ja, Kostek bekommt seine Tasche wieder, auch diesmal nicht freiwillig, aber er muss, er muss seinen Weg gehen, diese Tasche, der Auftrag, er ist schließlich Pole, der Auftrag muss erfüllt werden, zu Hause wartet Hela, um dies zu sehen, zu sehen, ob er diese Prüfung bestanden hat. Er wusste, was er zu tun hatte, denn auch der dicke Lemberger hatte keine Angst, lachte ihn aus, es musste etwas Gewaltiges sein, ihm Angst zu machen, genügend Angst.. und die Eingebung, die Kostek bekam, sie gab ihm das Mittel, das Angst einflößte auch ihm, der jetzt schon blutend unter ihm lag….

Deutscher soll er werden, sagt ihm der Ingenieur, dem er die Tasche bringt, er, mit seinem perfekten Deutsch, das nach Wien klingt, das leicht singt und mit dem er sich zusammen mit dem neuen Namen als Reichsdeutscher registrieren soll auch wenn dies bedeutet, alles hinter sich zu lassen, Hela, die ihm gerade bewies, wie stolz sie auf ihn sei, zu verlassen, seinen Sohn zu verlieren, Verräter zu werden, zur Kanaille Willemann zu werden  in den Augen aller Polen, in den Untergrund zu gehen, sich von Frau und Kind zu trennen….

Er besteht seine Bewährungsprobe, erhält seinen ersten Auftag und lernt dabei Dzidzia kennen und von dem Geld, das er bekommt, zweigt er genug ab, um Iga aus dem Gefängnis zu holen, denn ohne ein paar Dollar kann der Gestapomann den Entlassungsschein nicht unterzeichnen. So kommt Iga frei, doch zu Jacek, ihrem Mann will sie nicht, nicht diese Nacht, erst morgen, zu Jacek, der zu Hause liegt und der vor Schwermut und Erschöpfung keine Ruhe findet….. tanzen will Iga, trinken will Iga, leben will Iga nach den Tagen in dunkler Haft bei den Deutschen, die sie im Wagen aufgegriffen hatten, im Wagen, aus dem Sala gerade noch so eben fliehen konnte auf der Rückfahrt von dem Ort, an dem ihre Hinterteile den schnalzenden Peitschen entgegen fieberten … daher führt Kostek Iga, die seiner erste Liebe war, zu Sala und zu dritt gehen sie aus, das, was vom Leben in Warschau noch zu holen ist, sich zu holen. Und sie treffen jemanden in dem Lokal, in deutscher Uniform, einen Offizier mit entstelltem Gesicht, in dem Kostek gleichwohl den erkennt, der ihn einst mit der dämonischen Mutter zeugte.

Teil 2

Konstanty Willemann, dreißigjähriger Schönling, Möchtegern-Künstler, Morphinist, Dandy, Hurenbock, Ehemann und Vater, Lebemann, jetzt Mitglied einer Untergrundorganisation, bekommt einen neuen Auftrag, der ihn nach Budapest führt. Dzidzia soll ihn begleiten, ein Mann ist dort zu treffen, der weitere Instruktionen geben wird. So wird die Geschichte im zweiten Teil des Romans zu einem Road-Movie, das im kriegszerstörten Warschau seinen Anfang nimmt und welches im noch nicht vom Krieg angegangenen Budapest enden wird. Sie fahren mit dem Wagen, die beiden, die kein Paar sind, weil Dzidzia über Konstanty lacht, sie nimmt ihn nicht ernst, sie spielt mit ihrer Ironie, ihrer Überlegenheit und Konstanty unsicher ist, sich ihr fügt, mit sich spielen läßt. Die Uniform, das, wofür sie steht, was sie verbreitet, der Name Baldur von Strachwitz: das alles ist zu groß für ihn.

Sie kommen auf holprigen, schlaglochübersäten Straßen Richtung Süden vorwärts. Durch Dörfer, die zerstört sind, mit toten Fensterhöhlen, gefledderten Kammern. Sie kommen durch Städtchen, die zerstört sind, mit geborstenem Mauerwerk und zerlumpten Kindern. Juden stehen herum, zerlumpt und ärmlich, warten auf den Arbeitseinsatz, zu dem sie befohlen worden sind…. Ein Priester liest ihnen, bzw. Dzidzia die Messe, und was liest Dzidzia dem Vikar in der Nacht, nur mit einem Handtuch um den Leib gekleidet? Weiß Konstanty dies, ahnt er dies, ist er im Zweifel, in der Hoffnung, in der Verzweiflung? Besser als Pervetin, Erinnerungen schütteln unseren Helden, Bilder ziehen an ihm vorbei, Sala, Hela, Jureczek, Iga, Jacek.. sein Leben, seine Mutter, sein Vater, das Loch zwischen seinen Beinen, er ist Baldur von Strachwitz mit dem gewesenen Gesicht ist Kontanty Willemann mit den heilen Gesicht, das sich rasieren läßt in der Früh….

Die schwarze Göttin, die ihn begleitet, sogar sie hat Angst vor Dzidzia, sie spürt, wie ihr Schützling ihr entgleitet, wie der Einfluss dieser mageren Frau neben ihm immer stärker wird und ihn hinüberholt zu sich. Kostek, Kostek, mein Lieber…. Eine Fieberfahrt, eine Alptraumfahrt für Konstanty, bis sie endlich in Budapest sind….

Eine andere Welt. Budapest ist zivilisiert, die Straßen sind beleuchtet, illuminiert die Gebäude, die Brücken, sich in der Donau spiegelnde Lichter. Man kann zusammen über die Boulevards flanieren, ohne daß Horden von Juden in den Himmel weisende Straßenbahnschienen zu reparieren versuchen. Cafés, Restaurants, Hotels: es ist das Leben, das er früher – ach, was heißt früher, vor wenigen Wochen war es erst – geführt hat, daran erinnert er sich, da kennt sich Konstanty aus. Das Zivil passt ihm besser als der furchteinflößende Waffenrock, sie spazieren zusammen, essen und trinken und geniessen und verlieben sich endlich doch ineinander, langsam, aber unaufhaltbar… und ohne daß Dzidzia davon ahnt, ist sie dabei, die Schwarze Göttin Kosteks zu vertreiben…


Szczepan Twardoch, Festival of Comics  in Łódź 2012 Bildquelle [B]

Szczepan Twardoch, Festival of Comics
in Łódź 2012
Bildquelle [B]

Morphin ist ein fulminanter Roman mit hohem Tempo. Er ist wie ein Fieberrausch, ein einziger unbewusster Aufschrei gegen die Zerstörung des Krieges. Es ist ein Roman auch über Deutschland und Polen, über die ambivalente Nachbarschaft zweier Völker, von denen eins immer das andere verfügte. Mit Konstanty Willemann hat er einen Protagonisten, der das Zerrissene, darstellt: von der Abstammung her deutsch gibt er sich alles Mühe, Pole zu sein, Sohn des anderen Landes. Dabei ist es nicht das Ziel Twardochs, historische Abläufe wiederzugeben in diesem nur wenige Tage umfassenden Text, der eher Lebensgefühlen und Schicksalen widmet. Dabei scheut sich der Autor auch nicht, “übernatürliche” Instanzen in seine Geschichte einzuführen: diesen schwer fassbaren, dunklen “Schutzengel”, der aber nur solange bei Konstanty ist, wie dieser innerlich ziellos und desorientiert herumirrt. Er wird nicht weiter charakterisiert, aus dem Gefühl heraus würde ich ihn weiblich machen, ist es vielleicht sogar die Mutter, die dämonische Mutter, die Konstanty in ihrer Gewalt hat, in ihrem Einflussbereich, aus dem er sich erst ganz zum Schluss lösen kann – parallel zu dieser nicht Fassbaren? Es bleibt im Dunkeln, so wie auch die Gestalt der Mutter, von der wir zwar viel erfahren, die aber nicht verständlich wird dadurch, im Grunde dunkel und unerklärlich bleibt….

Kostek liebt die Frauen, ohne sie zu lieben. Iga hat er seinerzeit an Jacek abgegeben, Hera ist ihm zu wenig leidenschaftlich, erst, als er sich als Pole beweist, stöhnt sie unter ihm, aber dieses Glück währt nicht lange. Daß Sala, die Hure zur liebenden Hure wird, zur Frau geworden ist, die diesen Mann vermisst und sich über seine Rückkehr freut – es ist ihm, der doch nur in ihrem Fleisch versinken will, lästig. Sala und Hera sind gegensätzliche Pole auf der Skala der Weiblichkeit und nicht nur dort: Hera, die eugenisch reine Polin und Sala, die Tochter eines Juden…

Genussfreudigkeit spielt eine große Rolle, Hedonismus: Sex, Drugs and RocknRoll.. na gut, letzteres noch nicht, aber man geht aus, man tanzt, es wird getrunken und ins Bett gestiegen: den Freuden und Höhenflügen des Lebens, und seien sie dem kleinen flüssigen Inhalt des kostbaren Fläschchens zu verdanken, ist man nicht abgeneigt… solange man Geld hat, und Kostek hat Geld, ist vieles möglich in der Stadt, in der die Deutschen das Sagen haben….

Ein Land zerfällt, war in alten Traditionen und Vorstellungen verhaftet, hatte Ulanen mit Säbeln und Stolz, wo der Nachbar doch mit Panzern kam und einfach über sie hinweg fuhr. Zwei Wochen und es gab kein Polen mehr, aufgeteilt wie ein Stück Fleisch war es zur Beute geworden: zwei Hunde hatten dran gezerrt und es zerrissen….. Polen kommt durchaus nicht gut weg in diesem Roman. Nostalgisch orientiert, eine hilflose Offizierkaste, die sich dann in Teilen als Untergrund versucht, die Organisation, der sich mehr oder weniger freiwillig Konstanty anschließt, könnte von Monty Python erdacht worden sein inclusive ihres etwas wirr scheinenden Chefs, des Ingenieurs, der sich die Decknamen nicht merken kann… im Ausland: der Pole trinkt, fällt auf, so sehr, daß Kostek und Dzidzia deutsch miteinander sprechen, um nicht als Polen erkannt zu werden….

Im zweiten Teil des Romans verlassen wir Polen mit der Hauptfigur und verfolgen ihre innere Entwicklung, Twardoch wählt dafür als Bild – wie dies öfter geschieht – eine Reise, eine Fahrt. Nimmt die Verwirrung Kosteks anfänglich auch noch zu, da er in der Uniform des Vaters dessen Persönlichkeit mit der eigenen überlagert sieht, ist dies doch ein Schritt zur Emanzipation: leise, ganz leise fängt er an, sich von der Mutter, aus deren Einflussbereich zu lösen.

Dieser gewandelte Kostek hat keinen Platz mehr im zerrissenen Polen. Twardoch gönnt dem Paar, das sich gefunden hat ohne sich zu erkennen, kein Happy End. Es ist schließlich kein amerikanisches Buch, sondern ein polnisches [2]. Aber eins, an dem man nicht vorbei gehen sollte!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Polenfeldzug: http://de.wikipedia.org/wiki/Polenfeldzug
[2] dieser letzte Satz ist – um ehrlich zu sein – Brad Pitt nachempfunden, aus Vertrauter Feind: “Es ist keine amerikanische Geschichte, sondern eine irische!”

Bildquellen:
– Autorenbild: http://de.wikipedia.org/wiki/Szczepan_Twardoch; von Zorro2212 (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
– Aufräumungsarbeiten: http://de.wikipedia.org/wiki/Polenfeldzug; Bundesarchiv, Bild 101I-001-0251-34 / Schulze / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons
– Kirchner: Paar im Zimmer: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kirchner_-_Paar_im_Zimmer.jpg; Ernst Ludwig Kirchner [Public domain], via Wikimedia Commons

Szczepan Twardoch
Morphin
Übersetzt aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Originalausgabe:
Morfina, Krakau, 2012
diese Ausgabe: Rowohlt, HC, 592 S., 2014

Gedenkmarke zum 100. Geburtstag von Stefan Andres, 2006 Bildquelle: [B]

Gedenkmarke zum 100. Geburtstag von Stefan Andres, 2006
Bildquelle: [B]

Stefan Andres [1]… ich denke mal, ich bin nicht der Einzige, dem es so geht: dieser Schriftsteller war mir unbekannt und die Tatsache, daß er nach dem Krieg einer der meistgelesenen, diese Novelle sogar Schulstoff war, hat mich überrascht. Zu verdanken habe ich diese neue Bekanntschaft meinem Lesekreis, wo das Büchlein – vielleicht aus einer Jugenderinnerung heraus – als Lesestoff vorgeschlagen wurde.

Der Autor – ganz kurz zu seinem Leben, ausführlicheres ist unten unter [1, 4] zu erfahren – wurde 1906 an der Mosel geboren (Trittenheim) und starb 1970 in Rom. 1933 ging der angehende Schriftsteller nach Italien, kam zwischenzeitlich noch einmal nach Deutschland zurück bevor er endgültig nach Italien zog; er war mit einer Jüdin verheiratet (“Innere Emigration“). Nach dem Krieg kehrte er nochmals für einige Jahre nach Deutschland zurück, ging dann aber der politischen Entwicklung wegen 1961 endgültig nach Italien, wo er auch 1970 verstarb. Die vorliegende Novelle konnte 1942 in der Frankfurter Zeitung erstveröffentlicht werden, ein Jahr später erschien sie als Buch, wurde danach aber von der Zensur wieder einkassiert [4].


Gott ist gnädig

Vom Entstehungszeitpunkt der Novelle aus gesehen führt die Handlung nur ein paar Jahre zurück in die Vergangenheit und zwar in das Spanien der Bürgerkriegszeit 1936/37. Paco Hernandes, einer der Protagonisten, Soldat und Matrose (53. Marine-Infanterie) – woraus teilweise gefolgert wird, daß er zu den regulären Truppen gehört [4, 5] – wird zusammen mit anderen gefangenen Kameraden in ein Karmeliterkloster im spanischen Hochland gebracht. Er fällt durch sein seltsames Benehmen auf und wird vom Leutnant der gegnerischen Truppen zur Rede gestellt. So erfährt er, daß Paco vor zwanzig Jahren in diesem Kloster als Mönch gelebt hat, als Padre Consalves. Sein Wunsch, wieder in die alte Zelle gelegt zu werden, erfüllt ihm Teniente Pedro, die zweite Hauptperson in dieser Geschichte.

Don Pedro äußert dem ehemaligen Priester gegenüber eine seltsam anmutende Bitte. Er wird von Alpträumen geplagt, in denen ihm die Nonnen erscheinen, denen er und seine Leute – ohne daß dies en Detail ausgeführt wird – wohl schreckliches angetan haben (.. Schließlich starben sie endlich, ….”), die Säuberung dieses Klosters von seinen Mönchen war brutal genug, um sich zu denken, was mit den Nonnen geschah… ihm dagegen bleibt der Tod (sprich: die Erlösung) verwehrt, auch in den Träumen… und  so will er von Paco die Beichte abgenommen haben, ein Ansinnen, dem sich der Ex-Priester erst einmal verwehrt.

Wieder allein in seiner Zelle wird Paco von den Erinnerungen an seine Zeit als Mönch eingeholt. Er legt sich auf die Pritsche und sieht den alten Wasserfleck an der Decke, der nicht zu übertünchen ist und sich immer wieder zeigt – dieser Fleck wurde seinerzeit in seiner Fantasie zu einer Insel der Seligen, zu einem Utopia, in dem die Menschen in Frieden lebten und ich dem die Religionen sich gegenseitig ergänzten, die Grenzen zwischen ihnen sich verwischten. In einem inneren Monolog repetiert Paco das Gespräch darüber, welches er seinerzeit mit seinen Lehrern führte, Stichworte dieses Gesprächs sind “freier Wille”, “Wahrheit”  und auch übergeordnet “Theodizee”. Die Quintessenz lautet, daß wir Utopia nicht irgendwo da draußen suchen dürfen, sondern in uns. Es ist an uns Menschen, uns zu entwickeln, hin zu einem Status, der dem utopischen immer näher kommt…..

Paco genießt eine Sonderbehandlung durch Don Pedro, er bekommt ein gutes Essen und auf dem Tablett liegt ein Besteck, incl. Messer. Dieses Messer steckt Paco sofort ein, er ist verwundert darüber und in der Folge reift in ihm ein Plan, wie die Flucht aus diesem Gefängnis gelingen könnte: er könnte Pedro bei passender Gelegenheit erstechen, die mit Riegeln verschlossenen Zellentüren öffnen und die geringe Besatzung der Wachen überwältigen. Der Theologe in ihm ist derjenige, der ihm eingibt, “Gegen das Verbrechen sich zu wehren, ist erlaubt; das Leben der anderen zu verteidigen, ist sogar eine sittliche Forderung. ….”, der reale Paco dagegen wälzt sich unruhig hin und her, in ihm streiten viele Ansichten, die theologische ist nur eine von ihnen, die entschiedene; wie sonst auch, scheut der Soldat eine wirkliche Festlegung.

Der Geschütz- und Kampflärm rückt näher an das Städtchen mit dem alten Karmeliterkloster heran, es scheint zu eilen, der Leutnant erhält Befehle per Telefon. Paco will Don Pedro nach einem langen Gespräch, in dem sich Pedro als von Grund auf böser Mensch beschrieben hat, doch die Beichte abnehmen, sie vereinbaren ebenso, daß alle Gefangenen die Generalabsolution bekommen. Nach der Beichte, dazu ist Paco (wie er später zugeben wird) entschlossen, will er Pedro töten… doch bevor es dazu kommt, entdeckt der Leutnant das Messer, er berührt Paco nach der Beichte am Schenkel und die Spitze des in der Hosentasche verborgenen Messers macht ihn bluten. Somit ist der Plan Pacos vereitelt, Paco ist erleichtert und offenbart sich seinem Gegenüber… in einer Art Abschied erkennen sie sich als Brüder, sie küssen sich bevor die Gefangenen dann in das Refrektorium gebracht werden, um die Absolution zu erhalten.

Auf dem Weg dahin fällt Paco auf, daß eins der beiden Maschinengewehre nicht mehr an seinem Platz steht. Er weiß, was ihn erwartet, ihn und die Mitgefangenen… und er täuscht sich nicht.


Wir sind Utopia war nach dem Krieg sehr erfolgreich, es ist in Hunderttausenden von Exemplaren verkauft worden, war sogar Schullektüre [2]. Aus diesem Kanon fiel es heraus, als in späteren Jahrzehnten der literarische Fokus sich immer mehr auf soziale, politische oder ökonomische Gesichtspunkte konzentrierte, die stark religiöse Ausrichtung dieser Novelle führte sie konsequenterweise mit den neuen Zeiten ins Abseits. Sie ist auch heute nicht unbedingt leicht zu lesen, oft wird (wie bei mir) der theologische Hintergrund fehlen, um z.B. die Dialoge Pacos mit seinen Lehrern, die sich um den freien Willen, die Wahrheit und auch theodizee´ische Aspekte drehen, verstehen zu können.

Andererseits findet man ein paar Fragestellungen in diesem Text, die gerade auch in unseren Zeiten aktuell sind:

  • das Idealbild eines “Utopia”, eines Fleckchens Erde, einer von anderen abgeschotteten Insel, auf der Frieden herrscht, die verschiedenen Religionen sich nicht bekämpfen, sondern voneinander lernen und sich befruchten und vielleicht sogar irgendwann zu der Erkenntnis kommen, daß Gott nicht das Eigentum einer Religion sei. Aktuell ist die Vorstellung eines “alles-wird-gut”-Utopias: die Diskussion um die Allmacht von Google, das eine perfekte Welt auf der Grundlage technischer Problemlösungen zu versprechen scheint, geht in diese Richtung. Aber Andres sagt auch:
  • Gott hat kein Utopia geschaffen, weil er das Unvollkommene liebt, weil er uns Menschen liebt, so wie wir sind: Wir sind Gottes Utopia. Wenn wir ein Utopia schaffen wollen, dann ist es ein inneres, die Entwicklung unseres Selbsts… und gerade das Inperfekte der äußeren Welt mache sie lebenswert, in einer perfekten Welt, einen Utopia, gäbe es nur noch Stillstand.
  • Das, was unsere Vorstellung von Gott ausmacht, findet sich nicht nur im Christentum. Gott gehört keiner Religion allein, er steht über den einzelnen Religionen.
  • Paco, das wird deutlich gesagt, weiß, daß er in seinem alten Kloster sterben wird. Andres schildert einen Moment, in dem dieser Mensch, ein Soldat, ein Getriebener auch, der sich nie zu entscheiden wusste, von innerer Stille durchflutet wird, er Ruhe findet, er verankert wird im Universum: es ist der Moment, in dem er sein inneres Utopia erreicht. Die letzte große Entscheidung wird ihm abgenommen: die Entdeckung des Messers durch seinen Bewacher, den er damit erdolchen wollte, entbindet ihn von der moralischen Forderung, die Befreiung, die Flucht aus der Gefangenschaft, zu versuchen. Er geht seinem Schicksal entgegen….
  • …. und nimmt wissend 200 Mitgefangene mit in den sicheren Tod. Nach seiner Vorstellung gehen sie jungfräulich in den Himmel ein, er hat ihnen ja die Generalabsolution erteilt, bevor sie durch die Salven aus dem Maschinengewehr niedergemäht werden. Das moralische Dilemma dahinter also: darf oder muss ich sogar unter Umständen einen (oder hier auch vier Bewacher) Menschen töten, um viele zu retten, ihnen zumindest eine Chance zu geben? Ist es richtig, mich dahinter zu verstecken, daß ich meinen eigenen Frieden gefunden habe? Eine Frage, die in verschiedenen Abwandlungen durchaus aktuell ist….
  • Die Tatsache, daß Don Pedro, ein erfahrener Kämpfer, seinem Gefangenen mit dem Essen ein Messer gibt, kann kaum Zufall sein. Was also will er erreichen, provozieren? Seinen eigenen Tod, seine eigene Erlösung von einem Leben, das ihm selbst ob seiner Schlechtigkeit, nicht mehr ertragbar erscheint?
  • 1941, zum Entstehungszeitpunkt der Novelle, tobt der 2. Weltkrieg, die Verfolgung der Juden, von der Andres seiner Frau wegen selbst betroffen ist, wird immer rigider und grausamer: den Bezug zu diesen Ereignissen in die Novelle hinein zu interpretieren, ist möglich, trotzdem ist dieser Text wohl nicht als Widerstandsliteratur, also politisch, zu sehen.

Ich hätte mir, um zum Schluss zu kommen, Wir sind Utopia sicherlich nicht “freiwillig” gekauft. Das schmale Bändchen hat aber zu einer regen, interessanten, in Teilen durchaus kontroversen Diskussion in unserem Lesekreis geführt, es ist in manchen seiner Aspekte durchaus noch aktuell. Wer Zugriff auf diese Novelle hat und Interesse an solchen Fragestellungen, für den lohnen sich die zwei, drei Stunden Lektüre sicherlich.

Links und Anmerkungen:

[1] zu Stefan Andres:
– Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Andres
– vgl. auch [4]
[2] – http://www.litde.com/deutsche-novellen/stefan-andres-wir-sind-utopia/
http://www.wissen.de/lexikon/andres-stefan-wir-sind-utopia
[3] Marcel Reich-Ranicki: Stefan Andres zu Unrecht vergessen? in: http://www.faz.net/aktuell…
[4] Sascha Kiefer: Die deutsche Novelle im 20. Jahrhundert: eine Gattungsgeschichte; in: http://books.google.de/books?….
[5] Wer von beiden jetzt zu den Aufständischen gehört und wer zur damals frisch gewählten Volksfrontregierung, ist mir nicht klar. In [4] wird Paco bei Franco verortet, der gegen die Regierung putscht, der Leutnant daher bei den Kommunisten der Regierung… dabei ist (mir) nicht klar, ob die angeführte Einheit zu Franco oder zur Regierung gehört…. die Zurordnung der beiden Charaktere zu Regierung resp. Putschisten ist nicht trivial, da Don Pedro als Vertreter “seiner Leute” als brutaler, ja böser Mensch, voller Gewalt und Heimtücke, gezeichnet wird….

[B]ildquellen:
– Briefmarke: http://de.wikipedia.org/wiki/.…; von Birgit Hogrefe (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

Stefan Andres
Wir sind Utopia
Erstveröffentlichung: Frankfurter Zeitung, 1942 [3, 4]
Originalausgabe: Verlag Riemerschmidt, Berlin, 1943
diese Ausgabe: Piper & CO, HC, ca. 106 S., 1953

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