Stanisław Lem: Eden

22. Oktober 2014

lem autor

Sonntags steh´ ich regelmäßig vor meinen Regalen und schau einfach ´mal wieder die Bücher an, die das so stehen… und manchmal greif´ ich nach einem und blättere ein wenig und noch manchmaler lese ich es dann tatsächlich.. so passiert mit diesem kleinen Roman von Stanisław Lem: Eden.

Lem nimmt in meinen Regalen einen recht großen Raum ein, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht, denn leider sind fast alle Bücher von ihm unter anderen als a-b-clichen Gesichtspunkten eingeordnet: die alten Suhrkampf-TBs, Bücher aus der Bibliothek Suhrkamp, dtv-Ausgaben, andere Sonderbände…. Das führt dann dazu, daß ich einen Roman wie Solaris letztlich dreimal besitze, weil ich ihn einfach zweimal nicht gefunden hatte… ;-)


Eden mit Untertitel: Roman einer außerirdischen Zivilisation ist dem Genre: Science Fiction zuzurechnen, die Handlung ist relativ einfach: ein Raumschiff mit 6 Mann Besatzung havariert durch eine Nachlässigkeit und stürzt auf die Oberfläche eines fremden Planeten, von dem durch eine früher dort die Atmosphäre beprobende unbemannte Sonde nur bekannt ist, daß die Luft atembar ist. Die Besatzung (Koordinator, Chemiker, Physiker, Kybernetiker, Ingenieur und Mediziner) überlebt unverletzt, das Raumschiff (die Rakete) ist beschädigt, es besteht aber Hoffnung, sie mit vielen Wenns und Abers wieder einsatzfähig zu bekommen. Man konzentriert sich jetzt auf zwei Sachen: zum einen die Reparatur des Raumschiffs, zum anderen die Erkundung der Umgebung auf dem fremden Planeten, um möglichst auch Wasser zu finden, denn die Vorräte sind knapp und die Sonne brennt in der wüstenartigen Region, in der sie havariert sind, vom Himmel.

Insgesamt werden vier Expeditionen gestartet, in jede Himmelsrichtung eine. Von der Planung her sind diese “Ausflüge” etwas seltsam, beim ersten gehen alle sechs Männer mit, die anderen sind zum Teil nachts ohne Funkverbindung zum Raumschiff. Allen Ausflügen gemein ist, daß sehr Seltsames beobachtet wird, auf daß sich keiner der Männer einen Reim machen kann. So finden sie z.B. bei der ersten Expedition eine Art Fabrik, die vollautomatisch arbeitet und etwas Undefinierbares produziert, das sofort wieder als Ausgangmaterial für einen neuen Prozesszyklus verwendet wird.

Bei der Rückkehr ins Raumschiff treffen sie dort auf ein Wesen, sehr groß und massig, wie ein amorpher Schleimbeutel, der eine zweite Kreatur enthält. Es kommt zu keiner Kommunikation und am Ende sind beide “Wesen” tot, erschossen. Der Doktor nennt sie post mortem mangels einer besseren Bezeichnung: “Doppelt”.

Wunderliche Fahrzeuge begegnen ihnen bei anderen Gelegenheiten, aber es sind keine Insassen zu entdecken, seltsame Pflanzen stehen am Weg, sie finden Tote, sehen Skelette, ausgestellt wie in einem Museum, werden fast von panischen Horden solcher in Lumpen gekleideter Doppelts an den Mauern einer Stadt, auf die sie treffen, zerquetscht, sie müssen gegen die Insassen der seltsame Gefährte kämpfen, finden aber auch eine normale Stadt mit normalem Leben…. aus der Ferne drehen sie Filme dieses fast idyllischen Ortes an einem See….

In der Zwischenzeit wird das Raumschiff aber angegriffen. Nicht, daß man es direkt beschießt oder zerstören will, es wird im Gegenteil artilleristisch anorganischer Samen gepflanzt, aus dem eine massivste Glasmauer um das Raumschiff herum wächst…. mit einen Antiprotonenwerfer kann ein Loch in diesen Glaswall geschossen werden, um eine letzte Expedition durchzuführen. Durch das Loch in der Mauer gelingt es einem weiterer “Doppelt” unbemerkt zu dem Raumschiff zu gelangen. Diesmal kommt es zu einer Art von Verständigung, die zumindest ausreicht, Grundlegendes über die Gesellschaftsstruktur auf diesem Planeten zu erfahren.

Sie erweist sich als ein System der Unterdrückung und des Terrors. Aber trotzdem entscheiden sich die Männer, nicht einzugreifen, sondern mit dem mittlerweile reparierten Raumschiff wieder zu starten und Eden, das von aussen, vom Weltraum aus, so schön aussieht, zu verlassen.


Lems Text ist düstere, klaustrophische Science Fiction. Sechs Männer sind gestrandet und kämpfen ums Überleben und die Rückkehr, bei den Erkundungen der Umgebung sehen sie eine Menge Dinge, die sie nicht verstehen. Lem schildert diese Expeditionen in langen Passagen, in denen er die Landschaft beschreibt, in denen er phantastische Szenarien entwirft und ausmalt. Nicht alles kann man sich als Leser vorstellen oder visualisieren, damit ist der Leser in einer ähnlichen Situation wie die Raumfahrer, die des Nachts dort erkunden: auch sie sehen nur eingeschränkt durch die Dunkelheit, die ihre Lampen und Lichter nur ungenügend durchdringen. Es ist die Kunst Lems, daß diese seitenlangen Expeditionsbeschreibungen mit unerklärlichen Dingen an keiner Stelle langweilig sind, im Gegenteil, es baut sich diese beengende, klaustrophobische Spannung auf, weil man wie die Männer in der Geschichte, völlig im Dunkeln tappt.

Das ist das eigentliche Thema Lems in seiner Geschichte, die er auf einen fremden Planeten verlegt hat: Der Mensch im allgemeinen und besonderen tut sich sehr schwer, nur zu beobachten und wahrzunehmen. Automatisch fängt er parallel zur Beobachtung an, zu kategorisieren, in Schubladen zu stecken, ihm bekannte Erklärungsmuster auf das Unbekannte anzuwenden… Der Arzt ist es, der immer wieder versucht, alternative Erklärungen zu finden: vllt waren die “Doppelts” ja garnicht wegen ihnen so in Panik, sondern sie waren nur zufällig anwesend, als aus einem anderen Grund Panik ausbrach… vllt soll die Glasmauer ja garnicht sie einsperren, sondern Bewohner des Planeten hindern, zu ihnen zu gelangen… So wichtig solche eingefahrenen Denkschemata im Normalfall auch sind, man muss sich der Gefahren, die sie bergen, bewusst bleiben…. nicht jeder aus der Crew kann diese Zweifel des Mediziners akzeptieren, es gelingt dem Koordinator aber immer, offenen Streit zu vermeiden und Kompromisse zu finden.

Wie schon erwähnt, mit dem “Doppelt”, der sich unbemerkt durch das Loch in der Glasmauer zur Rakete schleichen konnte, kam eine rudimentäre Kommunikation zustande. So erfuhren die Raumfahrer, daß auf dem Planeten ein diktatorisches System herrscht, dessen Repräsentanten anonym bleiben, nicht bekannt sind. Es hat genetische Experimente gegeben, die verheimlicht werden, aber zu vielen Missgeburten bei den “Doppelts” geführt haben. Für die Männer stellt sich die Frage (und ein Schelm, wem hier Worte wie “Iraq”, “Afghanistan” oder “Libyen” einfallen… [2]), ob sie eingreifen und gegen das Regime kämpfen sollen…. Lem läßt die Männer diskutieren:

  • … jede Intervention im Dienste dessen, was wir für gut und richtig halten, jeder Versuch dieser Art würde höchstwahrscheinlich genauso enden wie unser heutiger Ausflug. Mit dem Gebrauch des Annihilators. …

  • … Alles, was hier geschieht, ist Glied in der Kette eines langwierigen historischen Prozesses. Der Gedanke an Hilfe resultierte aus der Annahme, die Gesellschaftr eile sich in “Gute” und in “Böse”. …

  • … Du kannst hier nicht das Modell unserer Zivilisation einführen. Du müsstest den Plan einer anderen entwerfen, die auch noch nach unserem Abflug funktionierte. …

  • … Ich befürchte, ihr würdet in einem Anfall von Edelmut hier “Ordnung” machen wollen, was, in die Praxis übertragen, Terror bedeutet hätte. …

Außer diesen sehr grundsätzlichen Überlegungen der Männer läßt sich das auf Eden herrschende System auch problemlos als Bild für die politische Struktur des Ostblocks zu der Zeit, in der Lem diesen Roman schrieb (1959) interpretieren….


Kurz und bündig: Eden ist ein spannender, klaustrophobischer, intelligenter SF-Roman mit erstaunlich aktuellen Bezügen. So wie es von einem Roman, den Lem geschrieben hat, erwartet werden kann.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über den Roman: http://de.wikipedia.org/wiki/Eden…
[2] der Leitartikel des Spiegel (Ausgabe 34/2014 vom 18. August) kommt ebenfalls auf diese Frage zu sprechen und verweist darauf, daß es in Ländern, in denen nicht von aussen eingegriffen wurde, keineswegs besser aussieht: Syrien und Ruanda führt er als Beispiele an….
[3] auf youtube sind clips zu finden, in denen der Text gelesen wird:  https://www.youtube.com/watch?……., ganz nett ist auch dieser Clip, auf dem das Romanthema künstlerisch umgesetzt wird:  https://www.youtube.com/watch?……

Weitere Bücher von Lem hier im Blog
Solaris: https://radiergummi.wordpress.com/2008/11/24/stanislaw-lem-solaris/
Provokation: https://radiergummi.wordpress.com/2012/02/29/stanislaw-lem-provokation/

[B]ildquelle: Autorenbild: http://de.wikipedia.org/wiki/Stanisław_Lem,

Stanisław Lem
Eden
Roman einer außerirdischen Zivilisation
Übersetzt aus dem Polnischen von Caesar Rymarowicz
Originalausgabe: Eden, 1959
diese Ausgabe: dtv, ca. 290 S., 1983

Rowan Coleman [1] ist eine britische Autorin, die mit Einfach unvergessen ihren mittlerweile elften Roman vorgelegt hat. Der Titel legt es nahe und gleichfalls der Klappentext: wir werden als Leser in diesem Roman mit dem Phänomen der Vergesslichkeit, der Demenz konfrontiert werden. Aber jetzt, nachdem ich das Buch gelesen habe, denke ich, der englische Titel The Memory Book ist deutlich neutraler und wird dem Inhalt des Romans und seinem Schwerpunkt auch gerechter.

Aber der Reihe nach.

Hauptperson des Buches ist Claire, Jahrgang 1971, also zur Zeit der Handlung Anfang 40. Sie ist verheiratet mit dem deutlich jüngeren Greg, den sie kennenlernte, als er als Handwerker in ihrem Haus arbeitete. Ihre ältere Tochter Caitlin studiert und ist Anfang 20, die jüngere Tochter Esther ist drei Jahre alt. Und dann ist da noch Ruth, die Mutter von Claire, die wegen der Erkrankung ihrer Tochter bei ihr im Haus wohnt.

Aus diesen vier Personen (erst gegen Ende der Geschichte weitet sich der personale Kosmos noch etwas) strickt Coleman eine Familiengeschichte, die sich im wesentlichen auf die zwei Mutter/Tochter Beziehungen konzentriert. Der Mann, Greg, bleibt mehr im Hintergrund. Claire ist – ganz abgesehen von ihrer Erkrankung – die tragende Figur des Buches: mir ihr und der kleinen Bauchspeckrolle, die über den Hosenbund ragt und die so einfach liebenswert macht, ebenso wie die roten Haare, die Vorliebe für noch mehr Rot in der Kleidung, das Spontane an ihr, ja, bis hin ins Exaltierte: man kann sich vorstellen, daß sie ein Mensch ist, dem die Sympathien der Leser zufliegen…

Bei Claire wurde eine frühmanifeste Form der Alzheimerdemenz diagnostiziert, damit sind auf einmal auch einige seinerzeit eher witzige Erscheinungen erklärt: beispielsweise Claires Unfähigkeit, sich die EC-Kartennummer zu merken… Die Ausfallerscheinungen wie Desorientierung oder Wortfindungsschwierigkeiten häufen sich, Autofahren kann Claire nicht mehr, auch Geräte wie Telefon oder Computer kann sie nicht mehr bedienen. Dazwischen gibt es offensichtlich immer wieder Phasen relativer Orientierung in Raum und Zeit. Hoffnung auf Heilung gibt es nicht, der Krankheitsverlauf bei Claire ist rapide, es bleibt nicht viel Zeit. Die Therapeutin hat ihr geraten, ihre Erinnerungen und Gedanken in ein Buch zu schreiben und sich auf diese Art ein Erinnerungsdenkmal für ihre Familie zu schaffen.

Claire steht zwischen ihrer Mutter Ruth und ihrer Tochter Caitlin. Das Verhältnis mit Ruth ist gespannt, die Probleme, die sich jetzt, wo Claire krank ist und Ruth bei ihr zu Hause wohnt, zusätzlich auftun, machen die Sache nicht einfacher. Caitlin studiert ausserhalb, ist aber im Moment zu Hause, auch sie hilft, wo sie kann. Und sie trägt ein Geheimnis mit sich herum, das sie ihrer Mutter gestehen muss, bevor…. genauso, wie ihre Mutter ein Geheimnis mit sich herumträgt, das schon jetzt ab und zu im Nirgendwo verschwindet, die Zeit, es Caitlin zu beichten, wird knapp….


Alzheimergeschichten können prinzipiell kein Happy-End haben, im besten Fall kann die Geschichte so ausgehen, daß für alle Beteiligten eine akzeptable Lösung gefunden werden kann. Deshalb war es spannend, wie Coleman die Beziehungsgeschichten, die von der Alzheimererkrankung Claires überlagert werden, letztlich auflöst… aber vorher noch ein paar Worte zur Darstellung von Claires Erkrankung.

Desorientierung, Wortfindungsschwierigkeiten, Unruhe mit Weglauftendenzen, zunehmende Unfähigkeit, einfachste Alltagstätigkeiten zu bewältigen: einige der Symptome, die das gemeinsame Leben mit Erkrankten schwer machen: es ist praktisch eine 24h-Betreuung und Überwachung notwendig. Die ist konsequent kaum zu leisten, es ist also durchaus plausibel, daß es Claire des öfteren gelingt, das Haus zu verlassen und sich dann – nach ein paar Metern schon – nicht mehr auszukennen. Sie fällt natürlich auf, im Schlafanzug mit Gummistiefeln, wird nach Hause gebracht, einmal verliebt sie sich sogar in einen Mann, der sich im Café zu der Durchgeregneten setzt…. Dazwischen immer wieder Phasen relativer oder auch völliger Klarheit. Das schildert Coleman durchaus bewegend und emotional. Bzw. läßt es Claire selbst schildern [2], denn die Autorin auch ihren anderen Figuren, im wesentlichen also Ruth und Caitlin eine eigene Stimme, in der diese ihre Erlebnisse und Erinnerungen erzählen, ebenso wie wir ihre Einträge in das “Erinnerungsbuch” lesen. Durch diese verschiedenen Perspektiven erschließt sich uns Lesern die Lebensgeschichte der jeweiligen Personen und der Text wird abwechslungsreich und auch kurzweilig.


Ich will jetzt nicht den Plot verraten, die Autorin läßt jedenfalls keine Langeweile aufkommen und gegen Ende der Geschichte wird es noch einmal richtig turbulent. Claire muss noch ein paar Sachen klarstellen und da ist auch noch dieser Mann aus dem Regen…. Es tauchen in dieser Phase auch noch einige andere Personen auf und ganz zum Schluss greift die Autorin tief in ihre Trickkiste, in der sie eine volle Ladung Weichspüler über die Protagonisten kippt: alle sind glücklich. Und wenn ich schreibe “alle”, meine ich alle, auch Claire. Tja, und dann ist Schluss, Ende der Geschichte und Colemann hat es derart geschafft, sich um das wirkliche Ende, daß aus diesem Familienroman einen wie angekündigt Alzheimerroman gemacht hätte, zu drücken.

*The End*


*Einfach Unvergessen* und ich passten nicht zusammen. Ich erwartete etwas anderes als ich bekam, das kann man nicht unbedingt dem Buch ankreiden, es hätte mir ja trotzdem gefallen können…. ich verweise hier auf dem Blog meine Kollegin saetzebirgit  [*Sätze  und  Schätze*,  http://saetzeundschaetze.com]. Dort gibt es eine Kategorie “Flutschliteratur”: Bücher, die sich ganz gut lesen lassen, von denen aber nicht allzuviel hängen bleibt. Zu dieser Kategorie würde ich “Einfach unvergesslich” zählen: gut zu lesen, durchaus anrührend, aber ohne bleibenden Eindruck. Dazu ist das Ende zu klebrig-süß. Will man einfach nur noch abwaschen….

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage der Autorin: http://www.rowancoleman.co.uk
[2] eine gute Übersicht über die möglichen Verhaltensänderungen infolge der Erkrankung ist hier zu finden: http://www.alzheimerforum.de/2/2/wdakude_k4.html

Wer an einer anderen literarischen Umsetzung des Themas “Alzheimer” interessiert ist, dem kann ich von Martin Suter: Small World empfehlen:  https://radiergummi.wordpress.com/2009/06/24/martin-suter-small-world/

Mehr Biographisches bzw. die Schilderung von Lebensschicksalen Alzheimerdementer ist hier zu finden: http://mynfs.wordpress.com/tag/alzheimer/

Rowan Coleman
Einfach unvergesslich
Übersetzt aus dem Englischen von Marieke Heimburger
Originalausgabe: The Memory Book, Random House, 2014
diese Ausgabe: Piper, Paperback, ca. 416 S., 2014

Der Alltag ist voller Fragen, wer wüßte das nicht! Unser westliches (Erfolgs?)Rezept, jede Erscheinung auch als Wirkung aufzufassen, der notwendigerweise eine Ursache zugrunde liegt, hat uns zu sehr tiefreichenden Erkenntnissen geführt, die aber die Frage nach Grund und Ursache nie aufheben werden. Aber so tief brauchen wir gar nicht erst zu gehen, schon der Alltag hält Fragen bereit, deren Beantwortung aus dem Stegreif des verfügbaren Wissens nicht immer möglich ist: Warum ist der Himmel blau und wo endet der Regenbogen, höre ich nachts den Hund wirklich lauter bellen oder bilde ich mir das nur ein und warum ist meine Haut im Winter immer so trocken und rissig, wenn ich in der Wohnung bin, ist es doch draußen so nebelig und nasskalt, daß doch genügend Wasser in der Luft sein müßte….

Auf diese und andere Fragen versucht Jo Hermans, ehemaliger Professor für Physik an der Universität Leiden (NL) Antworten zu geben. Er hat 78 Alltagsphänomene auf´s Korn genommen, die er in fünf Themengruppen gegliedert hat:

  • In der freien Natur (z.B Wie funktioniert die GPS-Navigation, Wie schnell fallen Regentropen und warum fallen Nebeltropfen nicht u.a.m)
  • Fahrrad und Auto (z.B. Wie effizient ist ein Fahrradfahrer, welche Kräfte muss er überwinden und wie kann man 100 km/h mit dem Rad fahren, Wieviel Autos kann eine Straße verkraften u.a.m.)
  • Licht und Farbe (z.B. Wie scharf können wir (unter Wasser) sehen, wie entsteht ein Regenbogen und wie kommen die Farben auf Seifenblasen und CD?
  • Geräusch und Hören (Was hören unsere Ohren, Richtungshören und das Stimmengewirr auf einer Party, Sind Lärmschutzwälle immer effektiv u.a.m.)
  • Rundum das Haus (z.B. Kann ich mein Haus mit Hilfe des Kühlschranks kühlen, Isoliert dickes Glas besser als dünnes, ist stetiges Wachstum möglich, wie überlebe ich in der Sauna)

Die einzelnen Fragen sind meist durch einfache, klare Skizzen verdeutlicht, in denen das Wesentliche der Beantwortung abgelesen werden kann. Zu manchen Punkten schlägt der Autor auch kleine Experimente vor, die mit einfachsten Mitteln auch zu Hause oder vor Publikum vorgeführt werden können und ggf. zu verblüffenden Gesichtern führen werden. So z.B. wenn Strömungsgesetze mit einem über einem Fön schwebenden Tischtennisball demonstriert werden, “supereinfache” Elektromotoren gebaut werden oder demonstriert wird, wie der schon stärker aufgeblasene Luftballon, der über ein Röhrchen mit einem nicht so stark aufgeblasenen Luftballon letzteren aus”saugt”.

Soweit, so gut. Glücklich bin ich trotzdem nicht…

Vielleicht ist ja einfach die Übersetzung an manchen Stellen unglücklich, aber genau das sollte eigentlich nicht sein. Was zum Beispiel ist ein “Naturkundegesetz”? [S. 28]. Sicher wird – da wir bei Drehimpulsen sind – ein Naturgesetz gemeint sein, aber dann sollte das auch da stehen. Ein paar Seiten später [S. 34] lesen wir: “…. dann wird all diese Nahrung in Wärme umgewandelt.” , kurz darauf [S. 38] geschieht noch einmal ähnliches “Nährstoffe … im mechanische Arbeit umgesetzt”. Auf S. 40 “brennt Wasser an” – in Anführungszeichen, aber ich weiß trotzdem nicht, was gemeint ist, auf S. 62 steht, “warme Luft dehnt sich aus, wie wir wissen und wird dadurch leichter”. Nein, das wissen wir nicht, denn bislang gingen wir davon aus, daß das Gewicht eines Körpers temperaturunabhängig ist. Sicherlich, es ist das spezifische Gewicht gemeint, aber dann soll man das auch schreiben, so schwer ist das nicht! Auf S. 74 (es geht um die Lichterzeugung an der Sonnenoberfläche) werden höhere Energiezustände von Molekülen und Atomen als “angeschlagene” Zustände bezeichnet, auf S. 77 wird Sonnenlicht auf seinem Weg durch die Atmosphäre “zerstreut”, gemeint ist wahrscheinlich: gestreut. Und ob es wirklich notwendig ist, für die  Sonnenoberfläche die Bezeichnung “Außenseite” der Sonne einzuführen (und damit die Frage nach der “Innenseite” zu provozieren), weiß ich nicht…

Hin und wieder merkt man den ehemaligen Physik-Professor in Herman, dann nämlich, wenn er bei der Erklärung von Phänomenen z.B. das Bezugssystem wechselt. Bei Laien so wie mir kann dies zu Verwirrung führen. So bei der Erklärung, warum mit Spin getretene Bälle ihren besondere Flugbahn haben: hier setzt er den Nullpunkt (Betrachter) in den Ball hinein, der damit sozusagen in Ruhe ist (nichtsdestotrotz aber ein paar Zeilen später dann doch durch den Strömungseffekt “nach unten gezogen” wird) und von bewegter Luft umströmt wird.

Ob sich im Abschnitt über den nassen Rücken eines Rennradfahrers Aussagen, daß bei einem fahrenden Rad die z.B. Stelle mit dem Ventil am untersten Punkt “ganz kurz still … steht”, während sich gleichzeitig der Punkt an der höchsten Stelle des Reifens mit doppelter Fahrgeschwindigkeit bewegt, jedem ohne weiteres erschließen, wage ich zu bezweifeln. Ebenso, wie ich nicht glaube, daß die ad hoc zur Laufzeitkorrektur bei GPS-Signalen erwähnten (nicht erklärten) Effekte der Zeitdilatation und der gravitativen Zeitdilatation wirklich etwas erklären (und notwendig sind, um das Funktionsprinzip eines GPS zu erkennen)….

Ein letztes… bei diesem Beispiel stellt sich doch die Frage, ob das in seiner Absurdität sinnvoll ist. Der Autor will (was er vorher sowie schon an einem besseren Beispiel gemacht hat) die immer unterschätzte Wirkung exponentiellen Wachstums illustrieren. Dazu nimmt an, zu Jesu Zeiten habe es nur zwei Menschen gegeben und das Bevölkerungswachstum habe bei 2% gelegen. Damit kommt er zu dem Ergebnis, daß dies nach 2000 Jahren (also in der Jetzt-Zeit) zu ca. 10 hoch 18 Menschen geführt hätte, immerhin “50 Millionen mal so viel wie die tatsächliche Weltbevölkerung.” Diese 10 hoch 18 Menschen verteilt er dann über die Gesamtoberfläche der Erde und kommt auf 600 Menschen pro m²…. ok, die Mächtigkeit exponentiellen Wachstums wird damit deutlich, aber …


Es ist zweifelsohne die hohe Kunst, komplizierte Dinge einfach zu erklären, ohne sie zu verfälschen. Das für das Prinzip Unwichtige weglassen, mit verständlichen, aber korrekten Formulierungen den Kern der Sache darstellen – nicht jedem ist das gegeben, aber wer solche “Erklärbücher” schreibt, sollte es können. In “Im Dunkeln hört man besser?” ist dies leider nicht immer der Fall, manchmal hätte ein zusätzliches Wort schon die Aussage “richtiger” gemacht, dann wäre nicht “Nahrung in Wärme umgewandelt” worden, sondern eben deren Energieinhalt…. so aber muss ich schweren Herzens das Facit ziehen, daß diesem Ratgeber, obwohl er durchaus interessantes bespricht und erklärt, eine Überarbeitung gut täte….

Jo Hermans
Im Dunkeln hört man besser?
Alltag in 78 Fragen und Antworten
Originalausgabe: Hoor je better in het donker?
Übersetzt aus dem Niederländischen von Renate van der Laan-Elsner (veröffentlich von BetaText)
diese Ausgabe: WILEY-VCH-Verlag Chemie, HC, ca. 210 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann. Novellen.  Berlin: S. Fischer 1898, 198 Seiten. Erstausgabe  Bildquelle: [B]

Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann. Novellen.
Berlin: S. Fischer 1898, 198 Seiten. Erstausgabe
Bildquelle: [B]

Der kleine Herr Friedemann ist eine kurze Novelle Thomas Manns, mit der dieser 1898 seine erste Buchveröffentlichung hatte, nachdem die Geschichte schon ein Jahr zuvor in der Neuen Deutschen Rundschau abgedruckt worden war. Sie handelt – das überrascht nicht weiter – von Herrn Friedemann, dessen Schicksal sich schon in frühesten Tagen entschied und dies nicht zu seinem Gunsten. Die Amme hatte die Schuld – es nutzte nichts, darum herum zu reden. Mit vom Alkohole stumpf gewordenen Blick saß sie neben dem wimmernden, kaum einen Monat alten Johannes, der vom Wickeltisch auf den Boden gestürzt war. Eine Krankheit war die Folge, ernstliche Besorgnis bei der Mutter, die – schon durch den kürzlichen Tod ihres Mannes erschüttert – mit ihren drei Töchtern kaum die Hoffnung noch aufbrachte, der Knabe möge am Leben bleiben. Doch nach ein paar Tagen konstatierte der Arzt die Besserung des Zustandes und Johannes schien soweit gerettet, allenfalls eine Gehirnaffektion werde zurückbleiben und man müsse jetzt das Beste hoffen….

Die folgenden Jahre wuchs Johannes heran, doch zeigte sich bald, daß er klein bleiben sollte, gleichfalls bot er, beobachtete ihn die Mutter beispielsweise beim Spiel im Garten, einen höchst seltsamen Anblick mit seiner spitzen und hohen Brust, seinem weit ausladenden Rücken und seinen viel zu langen, mageren Armen.

Johannes ging zur Schule, er lernte dort gut, Freunde jedoch hatte der Verwachsene keine. Auch als die erste Schwärmerei für ein Mädchen, das ihm gefiel und ein bislang ungekanntes Gefühl in ihm weckte, nicht günstig für ihn ausfiel, war dies ein entscheidender Augenblick in seinem Leben: er beschloss innerlich, sich diesem Aspekt des Lebens zu versagen, weiteren Enttäuschungen damit vorzubeugen.

Nach der Schule lernte Johannes bei einem Kaufmann, nach dem lange betrauerten Tod der Mutter lebte er weiterhin zusammen mit seinen drei unverheirateten Schwestern, die ihn an Weibes statt umkümmerten. Ein paar Jahre darauf übernahm Herr Friedemann ein kleines Geschäft, das ihm aber nicht allzuviel seiner Zeit kostete. Seine Leidenschaft war die Kultur geworden, insbesondere der Besuch des Theaters, in dem er dem Leben, das er nicht führen konnte, beiwohnte, ferner spielte er selbst leidlich gut die Violine.

Der dreißigste Geburtstag sah unseren Herrn Friedemann in einer Stimmung, die von heiterem, zufriedenem Gemüt gekennzeichnet war. Wohl war sein Leben in besonderer Weise zu leben, doch hatte er sich dort gut eingerichtet und war mit den Umständen, unter denen er zu leben hatte, wohl einverstanden. Er erwartete nichts Besonderes mehr, die nächsten Jahre würden in ruhigem Gleichklang vergehen wie die letzten es ihnen wohl vorgemacht haben.

Doch sollte er sich täuschen.

Im selben Jahre noch wechselte in der Stadt der Bezirkskommandant. Oberstlieutnant von Rinnlingen hieß der neue, kinderlos verheiratet mit einer Frau, die im Städtchen für Gespräch, für Tuschelei sorgte ob ihres Benehmens und ihrer Sitten, die sie aus der Hauptstadt wohl mitbrachte. Es ließ sich nicht vermeiden und war ganz natürlich, daß auch Herr Friedemann dieser Dame, die des öfteren mit einer Kutsche ausfuhr, bei einer dieser Fahrten angesichtig wurde und dieser Anblick, dieser Eindruck, den Frau von Rinnlingen hervorrief, weckte das in Herrn Friedemann, was seit Jahrzehnten nun schon sorgsam in einem Winkel seines Herzens versteckt war: ein Gefühl, eine Verwirrung, eine Attraktion, ein Begehren auch…

Man musste gesellschaftlich miteinander verkehren, besuchte sich der Höflichkeit und des Kennenlernens halber, traf sich im Theater… Frau von Rinnlingen legte mal zuneigende Höflichkeit an den Tag, dann wiederum schien sie in abweisend und hart… in Herrn Friedemanns Herz jedoch fing der Aufruhr immer stärker an zu toben und anläßlich eines geselligen Abends bei den von Rinnlingens quoll es letzlich über. Doch verwundert es wenig, daß Frau von Rinnlingen das seltsam anmutende Geständnis Herrn Friedemanns und das dieses begleitende und untermalende Verhalten (ein Hinsinken vor ihr auf den Boden – man bei der abendlichen Schlenderei mittlerweile an einer Bank am See angelangt -, ein Ergreifen ihrer Hand und das Ablegen seines Kopfes in ihren Schoß) nicht erwiderte, nein sie ihn sogar mit einem kurzen, stolzen, verächtlichen Lachen von sich stieß wie einen räudigen Hund…

Ekel, Demütigung, Hass… Herrn Friedemanns Welt, sein inner Friede, war zerstört – und der See, das Ufer lagen nur wenige Schritte vor ihm…


Vor ein paar Wochen stellte ich hier eine bekanntere Novelle Manns vor: Der Tod in Venedig. Ebenso wie das Leben von Herr Friedemann endet auch diese Geschichte des Herrn von Aschenbach mit dem Tod, einem Tod, der als versteckter Suizid interpretiert werden kann (versteckt, weil von Aschenbach wissentlich das hohe Risiko der Infektion in Kauf genommen hatte), während Herr Friedemann direkter sich selbst im Affekt den Tod gab. Doch es gibt noch weitere Gemeinsamkeiten in beiden Texten, denn sowohl von Aschenbach als auch Friedemann hatten sich im Grunde in ihrem Leben eingerichtet, sie waren etabliert, hatte ihre Leidenschaften: es war ein Leben geworden ohne besondere Aufregungen und Höhepunkte. So sollte es bleiben.

Dann tritt etwas in ihr Leben, das sie von diesem schon seit vielen Jahren verbannt hatten: ein Gefühl, eine Liebe, eine verbotene, unmögliche Liebe, auf die sie beide in ähnlicher Weise reagieren, mit einem selbstzerstörerischen, sich selbst erniedrigendem Verhalten nämlich, welches letztlich – auf die eine oder andere Weise – ihren Tod bedingt, zumindest mit bedingt.

Im Klappentext des Buches wird Mann zitiert mit der Äußerung, daß diese kleine, melancholische Geschichte für ihn selbst ein Durchbruch in der literarischen Welt dargestellt habe, und daß das Grundmotiv, das sein gesamtes Werk durchziehe, hier zum ersten Mal auftauche. Ich gehe davon aus, mit diesem Grundmotiv sind die tief uns Innere verbannten Sehnsüchte gemeint, die im normalen Leben beherrscht werden, die aber jederzeit unbeherrschbar werden und das Kommando übernehmen können, wenn sie durch ein – möglicherweise an sich unbedeutenes und nur in Verbindung mit eben dieser Sehnsucht wichtiges – Ereignis wieder hervorgerufen werden. Hinter dieser verdrängten Sehnsucht (alle Mann-Experten mögen mir verzeihen, wenn ich mir anmaße, das mutzumaßen) könnte Sexuelles stehen, zumindest in den beiden Novellen, auf die ich hier kurz eingegangen bin, deutet sich das an.


Der kleine Herr Friedemann ist ein kurzer Text, ich denke nicht, daß man länger zum Lesen braucht als eine Stunde. Die mir vorliegenden Ausgabe ist als Buch einfach sehr schön, sie ist in der edition gutenberg der Büchergilde erschienen und mit Illustrationen von Karl-Georg Hirsch bebildert. Ein Schmuckstück als Buch und als Text ein lohnender!

 

Links und Anmerkungen

Text der Novelle in der Version der Ausgabe von 1898: http://www.gutenberg.org/files/36766/36766-h/36766-h.htm

Weitere Buchvorstellungen von Th. Mann bei aus.gelesen:

Lotte in Weimar: https://radiergummi.wordpress.com/2014/06/25/thomas-mann-lotte-in-weimar/
Der Tod in Venedig: https://radiergummi.wordpress.com/2014/08/18/thomas-mann-tod-in-venedig/

[B]ildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Der_kleine_Herr_Friedemann; «Wikimedia: Foto H.-P.Haack» [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Thomas Mann
Der kleine Herr Friedemann
mit Illustrationen von Karl-Georg Hirsch
Erstveröffentlichung als Buch: Fischer, 1898
dieses Ausgabe: Büchergilde Gutenberg, HC, ca. 100 S., 2000

Die Autorin Andrea Riedinger [1] ist eine junge Frau, Jahrgang 1974, sie arbeitet als Medizinjournalistin, ist alleinerziehende Mutter und seit mehreren Jahren verwitwet. Ihr Mann Andreas starb im Alter von 35 Jahren an einem Hirntumor, zu dieser Zeit war die Tochter Svenja zwei Jahre alt. Die Krankengeschichte ihres Mannes zog sich über zehn Monate hin, sie war nicht einfach, von Komplikationen und Rückschlägen geprägt. Aufkeimende Hoffnungen waren meist schnell wieder zerstört. Am Beginn dieser Leidenszeit hatte die Autorin – wie sie im Lauf des Buches eher beiläufig erwähnt – auch noch eine Fehlgeburt zu verkraften.

Frau Riedinger begleitete ihren Mann sehr intensiv, versuchte, trotz der widrigen Umstände eine reduzierte Form von “Familienleben” aufrecht zu erhalten. War ihr Mann in einer anderen Stadt zur Behandlung, mietete sie sich beispielsweise mit ihrer Tochter in einem Ferienhaus ein, um vor Ort zu sein. Soweit es irgend ging, war Svenja immer dabei, inwieweit andere Menschen sie unterstützt und entlastet haben, ist nicht deutlich erkennbar, da aber ein Abschnitt des Buches der großen Überforderung, der sie sich im Nachgang ausgesetzt sah, gewidmet ist, war sie wohl im wesentlichen allein auf sich gestellt. Außerdem berichtet sie davon, daß die Kontakte zu Freunden und Bekannten auch wegen deren Unsicherheit in Bezug auf die Situation generell abnahmen.

Der Tumor im Kopf ihres Mannes erwies sich als sehr aggressiv, weder Chemo- noch Strahlentherapie konnten sein Wachstum eindämmen. Noch nicht einmal ein Jahr nach dem Auftreten erster Symptome starb Andreas Riedinger.


riedinger

Der Tod des Lebenspartners ist mit das Schlimmste, was einem Menschen geschehen kann – er ist dies in jedem Lebensalter, aber trotzdem kommt einem so frühen Tod noch zusätzlich besondere Tragik zu. Er nimmt nicht nur dieses eine Leben, sondern zerstört auch eine Lebensplanung: einer jungen Familie zieht er den Boden unter den Füßen weg, vernichtet sämtliche Sicherheiten und hinterläßt Leere, ein großes, schwarzes Loch, das nur darauf wartet, die, die zurückgeblieben sind, aufzusaugen….. die Zukunft, alle Pläne, Hoffnungen, Vorhaben, die gemacht worden waren – es gibt sie nicht mehr. An ihre Stelle tritt zusätzlich zur Trauer der Zwang, weiterzumachen, sich zusammen zu reißen – für sich und für die Tochter. Mit dem Tod des Mannes fiel bei der Autorin das Familieneinkommen weg, der Plan zum Bau eines eigenen Häuschens war nicht mehr aufrecht zu halten: erst im Lauf der Zeit konnte realisiert werden, das sich eigentlich alles geändert hat, bis hin zum wöchentlichen Einkaufszettel: der immer wieder reflexhaft eingekaufte Schokoaufstrich, den der Mann mochte, stapelte sich bald im Kühlschrank….

In ihrem Buch schildert die Autorin die Erlebnisse, Gefühle und Erfahrungen, die sie in diesem Zeitraum gemacht hat. Es sind Momente des Unglaubens (“das kann doch nicht wahr sein!”), der Hoffnung, der Enttäuschung. Das gesamte Leben hat sich von einem Moment auf den anderen geändert, der Tumor steht im Mittelpunkt allen Denkens, alles dreht sich nur noch darum, ihn zu bekämpfen und den Mann zu heilen. Durch Komplikationen wird dieser jedoch immer schwächer und pflegebedürftiger, eine Aufgabe, die die Autorin neben der Bewältigung des Restlebens und der Versorgung der kleinen Tochter auch noch übernimmt. Bald schon ist sie in diesem Teufelskreis der Überforderung, in dem man seine Grenzen nicht mehr sieht, glaubt, alles schultern zu müssen und garnicht auf den Gedanken kommt, sich Hilfe zu organisieren. In einer solchen Phase ist der eigene Zusammenbruch absehbar…

Immer wieder stehen sie und ihr Mann vor der Aufgabe, die Realität zu akzeptieren, angefangen mit dem Aussprechen des Satzes “Es ist Krebs” über die Enttäuschung, wenn eine hoffnungsvolle Therapie nicht angeschlagen hat oder die Erkenntnis, an Grenzen der Leistungsfähigkeit zu stoßen bis hin zu der bittersten Wahrnehmung, daß das Sterben, der Tod, nicht mehr zu verhindern ist…

Trotzdem gelingt es dem Dreien, die kleinen Glücksmomente, die das Leben auch in dieser Situation noch bietet, wahrzunehmen und zu geniessen: zusammen in der Sonne sitzen und Händchen halten, sich an der Tochter freuen. Die zeitliche Planungstiefe reduziert sich auf das “Hier und Jetzt”: was hier und jetzt möglich ist, Freude bereiten kann, das wird gemacht, muss gemacht werden. Ein Verschieben auf später ist unmöglich, niemand kann sagen, wie lange die guten Momente dauern…

Die Schuldfrage… gerade, wenn ein junger Mensch stirbt, an einer solche Krankheit leidet: Warum? Aber auch hier ist zu akzeptieren: es gibt keine Antwort und das Suchen nach einem Schuldigen ist ein Blick in die Vergangenheit, der eine Weiterentwicklung, ein Vorwärtskommen, ein “Hier und jetzt” blockiert. Man kennt diese Geschichten von Menschen mit -zig Aktenordnern, die ein Leben lang darum kämpfen, Recht zu bekommen, die Schuld eines anderen zu beweisen, die sich letztlich nur noch durch diese Fixierung definieren.


Der Tod des Mannes – ihm folgt eine große innere und äußere Leere. Wieder hat sich das Leben von einem Moment zum anderen geändert, all die Aufgaben rund um die Versorgung des Mannes fallen weg, einzig die Bestattung und die Trauerfeier ist noch zu organisieren. Hier geht die Autorin ungewöhnliche, kreative Wege der Gestaltung… und danach? Leere, Isolation, Antriebslosigkeit. Mehr funktionieren als leben, die Tochter muss versorgt werden, ein starkes Motiv, überhaupt was zu machen. So viele Fragen, die jetzt auftauchen: in der Wohung bleiben oder nicht, was mit den Sachen des verstorbenen Mannes machen, es besteht der Zwang, spätestens wenn die Elternzeit vorbei ist, wieder in einen Beruf zu gehen und Geld zu verdienen…. Viele Freunde von früher sind unsicher, wissen nicht, wie mit der jungen Witwe umgehen, meiden sie. Reden ist nur über Unverfängliches mögliches…. Aber auch die Autorin selbst ist nicht mehr der Mensch, der sie mal war: die Erfahrungen haben sie grundlegend geändert, sie hat sich weiterentwickelt, ist auch gewachsen an all den Herausforderungen. Auch nach längerer Zeit kann sie nicht mehr an das alte Leben wieder anknüpfen, dies existiert einfach nicht mehr – wieder etwas, was zu akzeptieren ist – und was andererseits den Blick nach vorne wieder öffnet.

Rituale helfen, Geburtstagsgrüße an den Papi werden mit Luftballons hoch in den Himmel schicken z.B. Ein sehr schönes Projekt ist das “Papa-Buch” für Svenja: eine Sammlung von Bildern und Geschichten vom Papa, um die die Autorin auch Freunde und Bekannte gebeten hat, gut…  In Trauergruppen trifft Riedinger Menschen mit gleichen Erfahrungen, hier versteht man sie, hier kann sie sich fallen lassen und wird aufgefangen. Auch für Svenja gibt es solche Gruppen, sie tun dem Kind, das als einziges im Kindergarten oder später in der Schule keinen Papa hat…. zwischen Mutter und Tochter wächst so eine große Vertrautheit, sie können über den Papa reden, sie können auch über den Tod reden: er ist kein Tabu mehr für sie, er fesselt sie nicht mehr. Und eines Tages schreckt das “Papa-Lied”, das plötzlich aus dem Radio schallt, nicht mehr und macht nicht mehr traurig: nein, es ist zur freudigen Verbindung geworden so wie der Regenbogen Erde und Himmel eben verbindet…. Svenja und Andrea Riedinger haben gelernt, mit dem Tod ihres Papas bzw. Mannes zu leben.


Andrea Riedinger ist Journalistin, man merkt es dem Text an: er ist leicht lesbar und flüssig geschrieben, die biographischen Abschnitte, die ihr eigenes Schicksal betreffen, sind kursiv abgesetzt gegen die Passagen, in denen sie daraus ihre Lehren zieht und sie uns Lesern darstellt. Damit versucht die Autorin einen Spagat zwischen zwei Polen eines möglichen Spektrums: Bücher, die sich übergreifend mit diesem Thema “Trauer” befassen und von Psychologen, Seelsorgern oder Trauerbegleitern u.ä. Menschen geschrieben werden, bieten Schlussfolgerungen aus einer Vielzahl von Schicksalen, bilden eine gewisse Bandbreite menschlicher Reaktionen ab. Biographische Bücher dagegen beschreiben ein Einzelschicksal, eben die Reaktion dieses einen Menschen (dieser einen Familie) auf den Verlust eines geliebten Menschen.

In meine trauer  traut sich was! versucht Riedinger, aus ihrem Einzelschicksal Allgemeineres abzuleiten.  Zum einen überträgt sie ihre Erfahrungen über den Umgang mit dem Verlust ihres Mannes auch auf andere, weit weniger einschneidende Verluste wie den des Arbeitsplatzes oder den unfall- oder krankheitsbedingten Zwang, im Rollstuhl zu sitzen, dies ein weiteres Beispiel, das sie öfter verwendet. Zum anderen könnte die Verallgemeinerung ihrer persönlichen Erfahrung zu der Konsequenz führen, daß sie zu wenig berücksichtigt, daß jeder Mensch anders trauert, jede Trauer sich anders äußert, eine andere Intensität hat, sich auf anderes bezieht, anders gelebt wird. So führt Riedinger in einem Beispiel Eltern an, die nach dem Verlust eines Kindes dessen Zimmer unverändert lassen und bewertet dies so: “.. wer sich an unveränderliche Dinge klammert, wird selber unveränderlich. …. Das Leben ist plötzlich eingefroren wie ein lebenslanger Winter, denn man schaut nicht mehr nach vorne, sondern nur noch zurück.” [S. 178] Kann man das wirklich so verallgemeinern? Könnte es nicht auch gerade umgekehrt sein, daß Eltern genau in diesem Raum ihre Trauer ausleben und außerhalb ihr Leben wieder anpacken können? Ich halte es für möglich, daß durch solche Generalisierungen die Gefahr besteht, daß Menschen, die anders empfinden oder handeln, auf einmal denken, daß sie etwas falsch machen, falsch trauern und sie dadurch zusätzlich verunsichert werden. Vielleicht wäre hier eine vorsichtigere Formulierungsweise, ein wenig mehr Konjunktiv, ein wenig mehr: meistens, oft, häufig, fast immer, ein “besteht die Gefahr” “besser” gewesen, da es niemanden ausgrenzt.


meine trauer  traut sich was! ist ein “Mutmachbuch”, theoretische Ausführungen über Trauer, Trauerbewältigung etc pp findet man hier nicht. Das Buch zeigt insbesondere jungen Witwen (und sicherlich können auch  junge Witwer davon profitieren), am eigenen Beispiel, daß es Wege gibt, das eigene Leben wieder zu gestalten, in die Hand zu nehmen. Der Verlust des geliebten Partners, des einstigen Lebensentwurfs ist nicht rückgängig zu machen, er wird immer empfunden werden, aber man kann – Riedinger zeigt es – lernen, damit zu leben. Mit der oben gemachten kleinen Einschränkung, daß das Feld der Trauer ein weites ist, gibt die Autorin ganz handfeste Ratschläge und Hinweise in die Hand, wo besondere Schwierigkeiten lauern, in welchen Situationen man aufpassen muss und wo man sich auch ganz bewusst entscheiden sollte, ich mach das jetzt so oder so. Wichtig ist es, nach vorne zu schauen, ohne die Vergangenheit zu verdrängen, wichtig ist es aber auch, der Trauer, die notwendigerweise rückwärts gewandt ist, die Zeit zu geben, die sie braucht….

Der Zufall wollte es, daß ich gerade in den Tagen, in denen ich das Buch Riedingers las, Menschen traf, die einige der angesprochenen Probleme hatten: sie waren überfordert von der Situation, sie hatten Bedürfnisse, deren Formulierung schwer fiel bzw. die dann noch nicht einmal erfüllt wurden….

Zusammenfassend kann man festhalten, daß diese offene Beschreibung einer existentiellen Krise und ihrer Lösung für jeden, der in einer ähnlichen Situation steht, eine Hilfe sein kann. Es wird ein Weg aufgezeigt, diese Krise zu überwinden, und auch, wenn man vielleicht nicht alles genauso anpacken kann wie Frau Riedinger, findet man in ihren Ausführunge Halt und gewinnt Mut.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Autorin: http://www.andreariedinger.de und Facebook-Account: https://www.facebook.com/andreariedingerjournalistin/timeline

mehr Bücher zum Thema im Blog: Sterben, Tod, Trauer: http://mynfs.wordpress.com/

Andrea Riedinger
meine trauer traut sich was!
nach einem schicksalsschlag wieder mut zum leben fassen
diese Ausgabe: adeo-Verlag, HC, ca. 266 S., 2014 (Neuerscheinung)

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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